Montag, 11. März 2013

Die Wahrheit über die Jahre 86 und 87

Ich war strohdoof, verklemmt, unglücklich, allein (und zwar nicht ganz zu Unrecht, wenn man das alles liest), feige, verwirrt und hatte einen grauenvollen Musikgeschmack, wie man an den Kommentaren zu den Top 10 ablesen kann, die ich fast jede Woche akribisch notiert habe (in Ermangelung anderer Ereignisse). Alle waren doof zu mir, und mein einziger Weg, damit umzugehen, war, schmollend in mein Mädchenzimmer zu verschwinden und mein Tagebuch vollzuquengeln, vorzugsweise in Türkis oder Orange. Ca. zwölfmal musste ich da gestern lesen, jetzt wäre ich aber endgültig nicht mehr in zwei zwar verschiedene, aber beliebig auswechselbare Jungs mit C verknallt. Als ob das irgend einen Unterschied gemacht hätte: die Ärmsten hätten sowieso nie etwas davon erfahren, und ich hatte eine Sportbrille. Eine Sportbrille! So eine silberne mit einem geraden Zusatzverstärkungsbalken über der Nase und Bügeln, die sich einmal um die Ohren herumwickelten. Einmal hatte C.II mich auf einer Busfahrt die ganze Zeit angeguckt - Hysterie, auch wenn ich fairnesshalber einräumen musste, dass das auch daran gelegen haben konnte, dass sein Sitz meinem gegenüber lag. Das Mittagessen fiel meist nicht zu meiner Zufriedenheit aus. Highlights waren Ferien mit meiner Cousine und Pläne, was ich alles mit meinem inzwischen schon auf 35 DM angewachsenen Taschengeldhort machen würde. Einmal waren wir in der alten Oper und hörten Mozarts Haffner-Sinfonie, die war "so mittel". Nachmittags ging ich in die Bücherei und lieh mir stapelweise Bücher aus, um sie dann zu verschlampen. Reiten war ich auch und segeln, wobei segeln meist darin bestand, Dienstag Nachmittags zur festgelegten Zeit am Bootssteg zu sein, und niemand kam, so dass ich nach zwanzig Minuten wieder nach Hause ging. Mit 14 durfte ich zum ersten Mal einen James Bond-Film im Kino sehen. Danach überlegte ich, dass Geheimagentin ja auch ein Beruf für mich sein könnte. Ein paar Mal habe ich laut geschrien auf dem Sofa gestern und hoffentlich die Wurst nicht zu sehr erschreckt. Nachdem wir in der Gruppe für werdende Adoptiveltern ja erfahren haben, was ein ab und zu angespannter Bauch schon an Schaden anrichten kann, kann man nicht vorsichtig genug sein. Trotzdem mache ich weiter. Heute liegt die abgekühlte Asche von Band 1 (Chinakladde in hellgrün und türkis, die mit dem Segelschiff unten in der Ecke, bei dem man nie weiß, ob man drüber oder drumherumschreiben soll) auf dem Kompost unter einer wattigen Schneeschicht und düngt vermutlich im Sommer die Tomaten. Gut so.

Kommentare:

  1. Die Wahrheit das waren die Besten da bin ich auf die Welt gekommen ;)

    AntwortenLöschen
  2. Sei nicht so streng mit Dir. Immerhin hat sich daraus doch jetzt eine begnadete Bloggerin mit einem genialen, bissigen Humor entwickelt. Irgendwas muß richtig gelaufen sein :)

    AntwortenLöschen
  3. neeeeeein, nicht wegwerfen! sowas ist doch immer wider lustig :) ich selber habe hier 7 bände tagebuch stehen, allerdings ab 1998, da war ich 17 ;)

    AntwortenLöschen