Freitag, 3. Januar 2014

Ich freu mich ja. Ich blöde Kuh.

Ich gurke herum. Merkt ihr, wie ich gurke? Schon, oder? Früher war vieles einfacher. Ich habe so vor mich hingelebt, mir dann und wann ein paar Hamsterhormone gespritzt und dann darüber geschrieben, wie das alles so ist. Jetzt habe ich ein Baby, und ich kann berichten, dass es viel schwieriger ist, über ein Baby zu schreiben als über eine Spritze, zumal dann, wenn ich eigentlich nicht zu viel über mein Baby berichten will. Ich finde, er soll eines Tages mal selbst entscheiden können, wem er seine niedlichen Babyfotos zeigt und wem nicht. Nachdem ich selbst mal einen Stalker hatte (und manchmal das dumpfe Gefühl habe, jetzt gerade läuft sich wieder einer warm), möchte ich ihm ersparen, dass jeder Zugang zu intimsten Details seines Lebens hat, auch wenn es sein Leben als kleiner Pöks ist - irgendwann, wenn er das selbst entscheiden kann, kann er es gerne machen wie Mama und es einfach alles jedem erzählen, aber so weit sind wir noch nicht.
Und jetzt gurke ich manchmal ein bisschen. Ich fasele und schwadroniere und habe dabei immer das Gefühl, um den heißen Brei zu reden. Ich kann euch sagen, wenn man sich einmal mit Gewalt verkniffen hat, einfach wie früher alles rauslaufen zu lassen, dann greift das um sich, und man kommt ins Gurken.

Also gut. Heute würde ich gerne mal nicht so sehr gurken und ein Thema besprechen, das mich tatsächlich seit vielen Monaten beschäftigt: Dankbarkeit. Ich hab dazu früher auch schon mal geschrieben, z.B. hier. Viele, viele Jahre habe ich mir ein Baby gewünscht und nicht nur gewünscht, sondern auch einiges getan, damit der Traum wahr wird. Und jetzt ist es da, wäre das ein Film aus den 50ern, wäre längst der "The End"-Bildschirm durch, und man könnte sich ausrechnen, wie das Leben ab jetzt läuft: Glücklich bis ans Ende meiner Tage. Die Wahrheit - das hier wird keine Leserin überraschen, die über acht Jahre alt ist - sieht anders aus. Genau so wenig wie die Kinderwunschzeit ausschließlich aus Verzweiflung, Enttäuschung, Hoffen und Bangen und einer großen Leere im Leben bestand. Jeder Tag, oder fast jeder Tag, hat diese Momente, in denen alles kurz stillhält, mein Fusselhirn und dieser chaotische Haushalt und die Hunde und die Zeit, und dann bin ich wirklich, wirklich dankbar und glücklich. Dann ist der Moment vorbei, und ich fühle mich wieder so, wie sich Mütter von Babys - egal ob per Abkürzung oder einfach so entstanden - die meiste Zeit fühlen: durch den Wolf gedreht, vollkommen fertig, zu kurz gekommen, irgendwie unzulänglich und als Mutter höchstens Note drei minus. Manchmal denke ich, ich schulde dem Blog mehr Dankbarkeit und mehr Glück (mehr Babyfotos natürlich auch, aber... siehe oben.) Manchmal denke ich, das schulde ich vor allem mir selbst. Das Verhältnis dieser Momente mit Goldrand zu dem milchspuckebekleckerten, fürchterlich anstrengenden Alltag ist ungefähr 1 : 20.436. Müsste da nicht mehr sein? Wenn nicht, ist das mein Fehler? Fällt das schon unter Wochenbettdepression, oder ist das normal blöd? Ist das immer so? Bin ich undankbar? Hab ich am Ende dieses Baby gar nicht verdient? Dieses gesunde, zuckersüße, durchschlafende, glatzköpfige Wunderding? Sollten Babys nicht bei Frauen landen, die das tatsächlich alles so machen, wie sie es sich in den allerkinderlosesten Momenten ausgemalt haben? Die täglich in ein Tagebuch schreiben, wie wunderbar heute wieder alles war und was für ein Geschenk ihnen der Himmel da beschert hat? Die es bis zur Volljährigkeit schaffen ohne ein böses Wort, ohne einen einzigen Wutanfall, ohne Fertigpizza und ohne einmal gerade keinen Nerv oder keine Zeit zu haben? L. erzählt immer wieder voller Begeisterung von dem Moment im Sportfernsehen, ich weiß noch nicht mal mehr, welcher Sport oder welche Sportlerin, als der Reporter einer für seinen Geschmack allzu gefassten Siegerin von irgendwas zurief "Jetzt freu dich doch endlich, blöde Kuh!"
Danke zu sagen, war noch nie meine Spezialität. Aber Danke auch zu fühlen, noch viel weniger.

Liebe Abkürzungsdamen da draußen, die sich auch manchmal denken, die blöde Kuh sollte sich mehr freuen: dass das mit den Kindern nichts mit verdient oder unverdient zu tun hat, haben wir alle auf die harte Tour erfahren. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen, dass hier nach dem "The End"-Bildschirm ein ganz neues Drama mit neuen Problemen, neuen Sehnsüchten und neuen unerfüllten Wünschen beginnt. Und ich wünsche euch, so fest ich kann, dass das bei euch irgendwann alles genau so wird: Müdigkeit, Verzweiflung, Dankbarkeit, Schnauze voll, Überforderung mit gleichzeitiger Unterforderung obendrauf, Müdigkeit, totale geistige Erschöpfung, Dankbarkeit, Angst, noch mehr Angst, immer noch mehr Angst, totale Planlosigkeit, Muskelkater, Pipiprobleme und Scham über Pipiprobleme, Dankbarkeit, Entnervtheit, Enttäuschung, Dankbarkeit. Und wieder von vorne.

Kommentare:

  1. Ach liebe Flora, manchmal glaube ich wir überholen uns alle selbst mit unserem hohen Anspruch an uns selbst. Es reicht nicht, dass wir den eh schon komplizierten Alltag überhaupt wuppen, es soll auch noch lächelnd und voller Dankbarkeit geschehen. Abgesehen davon, dass das eine Überforderung für uns alle ist, würde es auch ein falsches Bild vom " Eltern-Sein" den Kindern vermitteln. Niemand ist nur perfekt- Gott sei Dank! Denn auch unsere Kinder sind es nicht. Und dass sie das quasi von uns lernen, dieses " Niemand ist nur perfekt", das ist doch wichtig und gibt uns doch auch die Ruhe , Frieden mit unserem wirren, chaotischem, herrlich unperfekten Leben zu schließen- oder?
    Ich wünsch dir weiterhin so viel Humor und Ehrlichkeit für 2014, wie bisher und schüttel doch ein bisschen dieses "Ich müsste doch viel Dankbarkeits-Ding" dir aus dem Pelz, denn du bist doch ganz wunderbar!

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  2. DANKE! Mir als langjähriger Abkürzungsdame tut es immer wieder saugut, von dir zu lesen, dass das Leben mit Kind nicht nur perfekt ist.

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  3. Ganz normal. Und nur weil man sein Kind unendlich ersehnt hat, ist das glaube ich auch nicht anders.
    Unser Sohn kam nach etlichen IVFs und Kryos. Wir lieben ihn über alles. Und ich bin abends so froh, wenn er im Bett liegt und schläft.
    Ich finde übrigens, das es einfacher wird. Das erste Jahr war schon recht anstrengend und besonders in den ersten Wochen habe ich überhaupt nicht verstanden, warum mein Umfeld meinte, dies sei jetzt die schönste Zeit meines Lebens. Mir ging es echt nicht gut.
    Wenn Du zweifelst, ob das jetzt schon an ner Depression grenzt, geh zu nem Therapeuten und klär es ab.

    Lieber Gruß

    Nauka

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  4. Nein, das ist keine Depression, das ist nur normaler Alltag.
    Ich wüsste jetzt auch nicht, warum man dir vorwerfen sollte, du müsstest nun besonders dankbar sein.
    Wem auch?
    Du warst sicher sehr glücklich, als du endlich schwanger
    geworden bist, nun ist der kleine Mann da und es ist für dich nichts anderes, als wie bei allen Müttern.
    Wer gibt denn vor, wie die perfekte Mutter sein muss?
    Den Anspruch stellen wir doch nur an uns selber, weil uns ein Bild vorgegaukelt wird, was kein normaler Mensch erfüllen kann und vielleicht auch garnicht möchte. Jede Mutter liebt ihr Kind und gibt ihr bestes, jeder anders, das hast du schon mitbekommen, aber im Grunde wollen doch alle nur, das die Kinder glücklich sind!
    Liebe Grüße


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  5. Liebe Flora, ich (eine Abkürzungs-Dame mit extrem geringen Chancen) verfolge schon seit geraumer Zeit Deinen Blog. Ich möchte mich herzlich bedanken für Deinen erfrischenden Blog und Deine offenen und ehrlichen Worte. Ich (eine mitunter sehr gefrustete Abkürzungsdame) käme nie im Leben auf die Idee, Dir Undankbarkeit zu unterstellen. Im Gegenteil: hier bei dir liest man vom Leben wie es nun mal so ist,- manchmal glücklich, manchmal unglücklich, egal in welcher Lebenssituation man sich gerade befindet. Und das ist gut so!
    Ist es übrigens möglich, zu den Stammtischen mit Abkürzungs-Damen mal dazu zu kommen? Ich würde mich freuen...

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  6. Plädiere auch auf Alltag. Man hat schlicht keine Zeit für soviel Dankbarkeit. Vor lauter Schlafmangel und der gefühlt hundertsten Windel am Tag. Aber es wird mit den Jahren weniger anstrengend, dann hat man mehr Zeit, um innezuhalten und zu denken: Das ist meins? Echt jetzt? und dann fließt die Dankbarkeit nur so ;)

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  7. Ich kann Dich verstehen, bei mir war es ähnlich. Wir mussten zwar nicht lange auf das Schwanger-werden warten, aber auf ein gesundes Kind. Unser erstes ersehntes Wunschkind habe ich in der 22. Woche tot zur Welt bringen müssen - es war sehr sehr krank. Ich finde, gerade durch unser Denke, wie dankbar wir doch sein müssten, legen wir uns selbst Steine in den Weg. Meine zweite Tochter hat die ersten 15 Wochen unheimlich viel geschrieen, ich habe voll abgepumpt, kaum geschlafen - da darf es einem auch mal nicht gut gehen. Ich war beim Neurologen, der eine Wochenbettdepression diagnostiziert hat. Nach 2 Monaten Antidepressiva geht es mir nun wieder gut! Und ich schäme mich nicht dafür. Endlich endlich darf ich die Zeit mit meinem gesunden Wunderbaby genießen! Alles Gute :-)

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  8. Ich hab mir die Finger wund gegoogelt, um die Originalsituation zu finden. Die Katja Seizinger wars. Die Antwort des Trainers auf ihre kritisierte Distanziertheit: "Wer Geniestreiche vollbringen kann, der darf auch schon mal undiplomatisch sein." das ist doch ein gutes Motto, finde ich.

    http://www.welt.de/print-welt/article646570/Muss-ein-Ski-Genie-lachen-koennen.html

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  9. Ich bin dankbar. Sehr dankbar, dafür, dass unser Kind anscheinend eher zu den unkomplizierteren Kindern gehört. Denn ich finde es so schon anstrengend genug. Die Mütter, die behaupten, alles wäre nur wunderschön- die lügen:-)
    Flora, Du triffst es auf den Punkt! Bewundernswert, dass Du trotzdem sofort noch ein 2. Kind möchtest!

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  10. Unterschreib!
    Chrissi

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  11. guck mal hier:
    http://rabenmuetter.blogspot.de

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  12. Eigentlich doch auch beruhigend, dass man nicht bloß weil das Kind ein Abkurzungskind ist, mit debilem Dauergrinsen durch die Welt läuft. Ich meine Deinen Beiträgen entnehmen zu können, dass es Dir ganz wichtig ist, eine ganz normale Mutter zu sein, insbesondere nicht so überängstlich und gluckig, wie das IVF-Müttern nachgesagt wird. Ich habe mit zwei Abkürzungskindern auch lange nachgedacht, was die IVF eigentlich geändert hat und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich manchmal bewusster dankbar bin, aber hauptsächlich hat die Abkurzungsgeschichte gar keine Änderung als Mutter bewirkt, sondern so ähnlich wie bei Schicksalssschlagen als Mensch. Ich will sagen, dass ich meine, weniger vorschnell zu urteilen, und vorsichtiger im Umgang geworden zu sein. So ähnlich wie bei den Fragen nach Nachwuchs, mit denen man sich jahrelang plagen musste, hoffe ich jetzt, ein wenig einfühlsamer zu sein. weiter so, Flora, wann fängt die Bastelei für Nr. 2 an?

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  13. Also ich glaub, nach mittlerweile fast 4 Jahren mit Dynamo-Häschen unterscheide ich mich null von den anderen "normal" schwangeren Müttern. Es gibt immer solche und solche. Einzig, dass ich, wäre ich eine von ihnen, jetzt wohl mit dem dritten schwanger wäre. Stattdessen bleibt sie wohl Einzelkind (Stand nach 4 weiteren ICSIs und 2 Fehlgeburten, aber wer weiß...).
    Es wird besser! Das erste Jahr ist heftig und dann fängt der Zwerg an zu plappern und kann sich verständlich machen und alles wird viel interaktiver. Viiiel mehr Goldrand-Momente! Ok, dafür auch Trotzanfälle und andere Probleme, aber Kindergarten find ich bisher toller als Krippenalter und das war noch deutlich besser als das erste Jahr. Da kann so ein Zwerg ja nix :-)

    Also, Augen zu und durch!

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