Sonntag, 27. März 2022

Diagnose Fusselhirn.

Seit vorgestern habe ich eine Diagnose, wenn auch nur eine vorläufige: mein Problem ist eine lokale Hirnfunktionsstörung. Auf einem EEG sieht man, dass einige Wellen immer mal wieder plötzlich langsamer werden, als sie sollen, und dann wieder hochfahren. Wenn es dabei bleibt, dann bedeutet das, dass ich keine klassische Epilepsie habe, und es kann auf jeden Fall den Anfall und die Aussetzer erklären. Es könnte auch in Zukunft dafür sorgen, dass das noch öfter vorkommt. Jenseits der Anfälle werde ich vermutlich nie was davon merken, mein ganz normales Tun und Denken und Fühlen ist davon nicht beeinträchtigt. Ich hab irgendwo schon immer geahnt, dass ich ein Fusselhirn habe, und jetzt weiß ich es genau. Noch sind nicht alle Untersuchungen ausgewertet, aber so sieht’s erst mal aus.

Und jetzt? Jetzt bekomme ich zwei Medikamente gegen Epilepsie. So wie ich das verstanden habe, bringen die zwar nicht meine lahmarschigen Nervenzellen auf Trab, aber sie machen die Anfälle unwahrscheinlicher, und das ist doch eine schöne Sache. Was habe ich gemacht, nachdem die Ärzte mit dieser Nachricht aus dem Zimmer waren und ich L., die Mädchen und meine Eltern angerufen hatte? Ich habe die Namen der Medikamente gegoogelt. Schlagt mich, ich hab’s getan. Und das von einer ehemaligen Abkürzungsdame! Ich müsste es besser wissen, selbst Schuld. Danach habe ich ein paar Stunden am Rad gedreht und mich als dumpfes, schlafloses, aggressives, uffjedunsenes oder wahlweise auch abgemagertes, von Übelkeit und Schwindel geplagtes, fremdgesteuertes Wrack vor mir gesehen. Abends um acht gab es die erste Dosis, die wird jetzt alle paar Tage gesteigert. Ich lag also da und habe mich in einen schönen theatralischen Super-Ego-Gau reingesteigert. “Das hier ist vielleicht die letzte Stunde, in der ich sicher sein kann, ich selbst zu sein” dachte ich mit RTL-würdigem Pathos und dann noch verschiedene andere Dinge in diese Richtung. Nachts um zwei lag ich da und dachte allen Ernstes, “Siehst du, Müdigkeit. Da geht’s schon los.” Dann bin ich aufgewacht und habe mich darauf besonnen, dass ich, was abstruse Medikamente betrifft, verdammt noch mal kein Rookie bin. Und dass ich das alles schon mal durch hab, mehr als einmal. Und das ich damals eine Strategie gewählt habe, die mir geholfen hat: erstens nicht unterzugehen in Selbstmitleid, und zweitens, mir nicht einzureden, alles wäre noch viel schlimmer, als es wirklich ist. Nämlich: Erst mal abwarten, wie wild es wirklich wird. Mich auch nicht dauernd selbst beschwichtigen, sondern einfach immer mal wieder zwei Schritte zurück treten und eher beobachten als erleiden, was genau da jetzt passiert. Und dann vielleicht darüber schreiben. Wie in alten Zeiten! (Wenn auch mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass der Hormonrummel immer nur für ein paar Wochen angesetzt war und das hier vermutlich für immer ist.) Wie in alten Zeiten. Wenn es eine bessere Vorbereitung auf Nebenwirkungen gibt als Enantone, Crinone und Menogon, dann möchte ich sie nicht kennen lernen.

Samstag, 19. März 2022

Besser dran als z.B. Theon, Cat oder Jaime

Ich habe so gut wie nie Fotos von mir auf diesem Blog veröffentlicht, aber heute könnte ich das eigentlich ohne Bedenken tun. Auf meinem Kopf ist eine Haube, die ungefähr die Form hat, die im 15. Jahrhundert die Hauben von Nonnen hatten. Sie beginnt auf Höhe meiner Augenbrauen, umschließt den ganzen Kopf und ist mit einem breiten Streifen unterm Kinn befestigt. Unter der Haube sieht man Drähte, die am Hinterkopf in einer Art Schlauch aus Verbandsmaterial gebündelt sind. Dann noch die Maske. Vermutlich hätte selbst meine Mutter Schwierigkeiten zu erkennen, dass ich das bin. Das ganze Gelöt wurde heute morgen an meinem Kopf befestigt, und mich hat es stark an sehr, sehr alte Zeiten erinnert, als man sich unter Mädchen manchmal gegenseitig einen Bauernzopf geflochten hat.

Vier Nächte lang bin ich jetzt auf einer Station, auf der tatsächlich Tag und Nacht ein EEG mitläuft. Ich hoffe, ich überstehe die vier Tage, ohne einfach die Drähte zu vergessen und sie so abzureißen, das wäre blöd. Ich hoffe auch, dass meine Haare nicht zu fettig werden in der Zeit und dass ich schlafen kann damit. Was ich davon abgesehen hoffen soll, weiß ich nicht so richtig. Folgende mögliche Ausgänge dieses Klinikaufenthaltes fallen mir jetzt gerade ein:

1. Es stellt sich heraus, dass ich tatsächlich eine Form von Epilepsie habe, und es gibt ein Medikament, das mich vor weiteren Anfällen jeder Art bewahrt. Das Medikament hat nach ein paar Tagen keine erkennbaren Nebenwirkungen mehr und wirkt tatsächlich. Nach einer kurzen Phase, in der ich dem Frieden noch nicht so richtig traue, lasse ich das fiese E hinter mir und kann bald wieder allein Schwimmen gehen, Wandern gehen, kaufe mir ein neues Lastenrad und, wer weiß, kann vielleicht eines Tages wieder Auto fahren?

2. Ich habe zwar Epilepsie, aber es ist nicht so einfach, das richtige Medikament dagegen zu finden. Vielleicht vertrage ich es nicht gut. Vielleicht fährt es nur die Wahrscheinlichkeit von Anfällen herunter, aber sicher sein kann ich mir nie wieder. Vielleicht ist für diese Sorte ein Medikament einfach nicht genug. Diese Möglichkeit, ich weiß nicht, wie's Euch geht, klingt für mich nicht erstrebenswert.

3. Ich habe keine Epilepsie, sondern meine Probleme haben eine andere Ursache. Diese Ursache wird aber schnell gefunden und lässt sich auch gut beheben.

4. Ich habe keine Epilepsie, es gibt eine andere Ursache, und diese Ursache stellt sich als ein ganz neues, frisches Problem heraus. Wenn das passiert, sehen wir weiter.

5. Ich habe jedenfalls keine Epilepsie, aber es ist auch nicht zu erkennen, was sonst los ist. In knapp zwei Wochen fahre ich nach Hause, und wir sind kaum schlauer. Ich muss weiterhin all das sein lassen, was ich in den letzten zehn Monaten schon gelassen habe. (Wenn ich zum Beispiel mal baden will, muss ein Kind Wache schieben und notfalls schnell Papa rufen. Schwimmen nie allein. Dreimal überlegen, ob ich wirklich den Porzellanladen betreten will. Usw.) Auch diese Möglichkeit will ich nicht.

Müsste ich jetzt, in diesem Moment, eine Wette abschließen, würde ich auf Möglichkeit 5 setzen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich hier über weite Strecken wie eine Simulantin fühle. Viele Mitpatienten, die ich hier auf dem Flur gesehen habe, sind offensichtlich in jeder Hinsicht schlechter dran als ich. Mir geht's gut, ich hänge Stinkfaul herum, gucke aus dem Fenster, lese, schreibe, glotze die zuhause schon runtergeladenen Folgen Game of Thrones, und auch in Game of Thrones geht's fast allen schlechter als mir. (Ok, sagt ihr vielleicht, wenn DAS die Messlatte sein soll...) Ich habe mir einen schicken Pukka-Tee mitgebracht, den schlürfe ich. Ich hab sogar mein Yogazeug dabei in der Illusion, ich würde ausgerechnet hier über Tag zwei einer der 30 Tage-Yoga-Challenges herauskommen (aber zweimal hab ich die Matte schon ausgerollt! Ehrlich!). Ich hab meinen Rechner und meinen Kindle und mein Telefon und meine Bücher, und vorgestern hat eine Freundin mir einen riesigen und wunderschönen Blumenstrauß geschickt, der steht jetzt auf der Fensterbank. Dreimal am Tag bekomme ich etwas zu Essen, zwischendurch knuspere ich Reiscracker und Nüsschen. Das ist doch nicht krank! Meine Mutter versorgt meine Tochter, L. kümmert sich um die Jungs, in der Agentur haben sie einen sicher stinketeuren Freelancer an meiner Statt gebucht, und bei meiner Krankenkasse glüht der Zähler mit den Gesundheitskosten, die ich diesem wackeren Laden schon verursacht habe. Und hier sitze ich, beömmele mich über meinen Kopfschmuck und trinke Pukka Joy Tee. So viel Freundlichkeit, Sorgfalt, Fachwissen, Einsatzbereitschaft - ich kann nicht anders als mich als Schwindlerin zu fühlen. Ich muss mich tatsächlich immer wieder dran erinnern, dass das wirklich passiert ist damals im Mai. Und das andere danach auch. Dass ich wirklich Angst deswegen habe. Dass ich wirklich seitdem furchtbar schreckhaft bin. Manchmal gehe ich die Straße entlang, und neben mir auf dem Radweg fährt jemand vorbei, und ich zucke zusammen wie in der Geisterbahn, weil er eine bunte Jacke trägt, mit der ich nicht gerechnet hatte. Oder der Wind weht ein Papier vorbei, und mich trifft fast der Schlag. Oder jemand spricht. Oder ein Krankenwagen macht die Sirene an, und ich würde mich am liebsten auf den Boden werfen, die Hände über dem Kopf. Fast alles fühlt sich plötzlich so an, wie wenn man eine Treppe runterläuft und mit einer Stufe mehr gerechnet hätte, als tatsächlich da ist. Und jetzt hoffe ich einfach weiter schwer, die geballte Intelligenz, Empathie und Fachkenntnis der Leute hier kommt diesem Zustand auf den Grund.

Samstag, 26. Februar 2022

Jenseits von Lililand.

Vorweg: Ja, ich sehe die Nachrichten. Ich sehe nicht nur die Nachrichten so gebannt wie zuletzt rund um die Biden-Wahl, sondern ich schrecke nachts um elf, um zwei, um vier hoch und gucke, was der Tagesspiegel und meine anderen Nachrichten-Apps zu berichten haben. Ich bin vor Sorge und Mitleid und Wut und Beklemmung fast krank. Und jetzt schreibe ich einen Post über ein völlig anderes Thema. Also, los geht's.

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich als Kind vollkommen wild, von der ersten Sekunde an hooked war, wann immer es um Videospiele aller Art ging? Ich meine, viel war ja erst mal nicht. Aber das, was es da gab bei anderen Kindern und deren großen Geschwistern, war für mich damals unfassbar toll. Nicht zu glauben, dass es Kinder gab, die jeden Tag Zugang zu so etwas hatten, so viel sie wollten! Die Eltern meiner Freundin Manu hatten irgendwann an ihre dicke Glotze das Spiel "Pong" angeschlossen. Das war, so weit ich weiß, das erste Videospiel überhaupt. Zwei Spieler steuerten zwei Balken mit jeweils einer Fernbedienung, die so groß war wie ein Stück Butter. Damit spielten sie eine krude Simulation von Tischtennis, daher "Pong". Hätte man mich in dem Haus allein gelassen und vergessen, hätte ich vermutlich drei Tage lang Pong gespielt und dazu die üppigen Kellog's-Smacks-Vorräte aufgegessen und mir jedenfalls keinen Kopf gemacht. Manus große Schwester hatte dann irgendwann sogar einen eigenen Computer in ihrem Zimmer. Auf dem liefen Spiele, die auf Cassetten gespielt waren und dann auch tatsächlich in eine Art Cassettenrekorder gesteckt wurden. Nicole war nett, aber schon 15, und sie war nur manchmal in der Stimmung, zwei zwölfjährige Nervensägen in ihr Zimmer zu lassen. Aber wenn - oh Gott. Pacman war tatsächlich mehr als die Entschädigung für viele kleine Nickligkeiten und Schäbigkeiten, die ich mir schafartig von Manu gefallen ließ, seit sie nicht mehr auf die gleiche Schule ging wie ich und neue, bitchigere Freundinnen hatte. Ich kann mich auch noch an einen Skiurlaub erinnern, bei dem im Keller ein Arcade-Automat mit Donkey Kong stand. Ich habe mein ganzes Taschengeld da reingesteckt, und während der zehn Tage habe ich es tatsächlich dreimal auf Level 3 (das, bei dem die T-Träger wie Aufzüge funktionieren) geschafft. Meine Hingabe ging also nicht Hand in Hand mit irgend einer Art von Talent. Noch mal zwei Jahre später hatte meine Freundin Sabine auf der Skifreizeit mit dem Sportclub ein Handheld-Spiel dabei, bei dem man eine Kellnerin war, die ein Café voller ungeduldiger Gäste sehr zackig bedienen musste. In diesem Urlaub ging mein Taschengeld für neue Batterien für das Ding drauf. Wäre nicht das lästige Skifahren dazwischen gekommen, hätte ich den ganzen Tag in einem muffigen Etagenbett gelegen und gedaddelt, gedaddelt, gedaddelt. Nein, ganz so war es auch nicht, ich hatte Spaß am Skifahren, aber weg vom elterlichen strengen Auge so ein Ding in der Hand zu halten - kaum zu toppen.

Ja, nun bin ich der Großvater oder so ähnlich. Und seit Weihnachten haben wir zuhause eine Nintendo Switch. Glaubt es oder nicht, es war L.s Vorschlag. Ich wäre nie damit angekommen, denn ich wäre mir sicher gewesen, er erklärt mich für bekloppt. Unsere Kinder haben das Pech, in einen dieser Bildschirmzeit-lässt-sich-kaum-vermeiden-aber-wird-strengstens-kontrolliert-Ausnahmen-bestätigen-die-Regel-Haushalte geraten zu sein. Ich weiß, was ich ihnen schuldig bin, auch wenn ich tief drinnen immer noch vollstes Verständnis habe, wäre ich doch selbst gern mal ein paar Stunden mit dem Ding allein. (Donkey Kong kann man sich im e-shop laden. Hab ich das gemacht? Na ratet mal.) Zu Anfang hatten wir Mario Kart. Mario Kart ist toll: in einer liebevollen, witzigen Nintendo-Welt fährt man in Gestalt von Princess Peach oder Tanuki-Mario Rennen auf selbst zusammengestellten Autos und Motorrädern. Die Rennen führen durch Sahnetortenschlösser, Inka-Ruinen oder durch das wie irre blinkende Discodrom. (Sollte ich als vielleicht-Epileptikerin da mitmachen? Hm. Also erstens bin ich zuhause auf dem Sofa und stehe nicht in einem felsigen Berghang, während ich fahre. Und zweitens: ja, wenn ich nur zugucke - vier Controller für fünf Familienmitglieder - dann spüre ich so etwas wie einen Sog und gehe schnell nach nebenan. Aber wenn ich selbst fahre, kein Problem. Und wenn ich was mitzureden habe, dann dirigiere ich den Rennkurs eher weg vom Discodrom.) Ein Grand Prix besteht aus vier Rennen und dauert mit Auto-Auswahl ungefähr 15 Minuten. Wenn wir also wollen, können wir uns alle auf dem Sofa versammeln, fahren zwei davon - einen mit L., einen mit mir - und haben eine halbe Stunde lang richtig Spaß. Die Kinder machen das unfassbar gut, niemand quengelt, dass er noch einen dritten Grand Prix will, alles ist vollkommen im Ordnung.

Dann kam Animal Crossing. Animal Crossing New Horizons genauer gesagt. Das hatte L. gleich zusammen mit der Switch bestellt. Am ersten Feiertag haben wir es mal ausprobiert, sind aus irgend einem Grund nicht richtig reingekommen, und dann haben wir es beiseite gelegt. Dann habe ich von 18 Seiten gehört, wie toll und kindgerecht und niedlich das ist, und habe mich noch mal reingefuchst. Und dann, tja, dann waren wir drin.

Animal Crossing New Horizons ist ein Spiel, bei dem man zu Anfang einen putzigen, menschlichen Avatar für sich baut. Dann fliegt man auf eine kleine Insel, die von nun an das eigene Reich ist. Unsere hat viele Klippen und Flüsse, ist mit Kirschbäumen bewachsen und heißt Lililand. Dort hat man noch ein paar Mit-Robinsons und ein Team aus drei Waschbären, die den Flug begleiten. Und dann geht's los. Erst mal wohnt man in Zelten, dann gibt es den Upgrade zu kleinen Häusern. Man wandert herum und beguckt sich die Landschaft, man sammelt Stöcke und Früchte und Rohstoffe, man baut Sachen und fängt Insekten und Fische und verkauft Dinge, für die man dann Sternies bekommt. Man bekommt auch Meilen für erreichte Meilensteine wie z.B. den fünfzigsten gefangenen Fisch oder viele freundliche Gespräche mit Nachbarn. Mit der Zeit hat man den Bogen raus, und die Insel kann sich weiter entwickeln. Neue Bewohner ziehen ein, Händler kommen zu Besuch, man kann auch auf andere Inseln fliegen und gucken, was man dort so sammeln kann. Das alles fühlt sich in den ersten paar Stunden an wie die niedlichen kleinen Zwischen-Missionen, die es in den alten Zelda-Spielen gab, und ich hab den leisen Verdacht, dass dieses schöne Gefühl - mal keine Monster bekämpfen oder Rätsel knacken, sondern dem netten Wicht aus dem niedlichen Dorf dabei helfen, seine zehn Hasen wieder einzufangen - die Inspiration dazu gewesen sein könnte, daraus doch ein ganz eigenes Spiel zu machen. Es ist schön in Animal Crossing. Ruhig, entspannt, bis vor kurzem lag noch Schnee, da knirschte es so schön beim Laufen, und es ist immer irgendwas Kleines zu tun. Die Kinder waren auch sofort wie eingesaugt. Ein paar Tage haben wir es laufen lassen. Dann war es ziemlich schnell so weit, dass die Jungs mich beim Abholen aus der Schule als Erstes fragten "Mama. Dürfen wir Animal Crossing? Büttööö!". L. und ich runzelten die Stirn und reglementierten, ich richtete eine Kindersicherung für die Switch ein, mit der man höchstens 30 Minuten am Tag spielen kann, ohne einen Code einzugeben und mein Telefon mir alles petzt, was auf der Switch passiert. Das Ergebnis war, dass L. eines Nachts auf dem Weg aufs Klo ein Geräusch aus dem Zimmer des Großen hörte und ihn dann dort um 2:30 fand, wie er unterwegs in Lililand war. Ein Kind, das jeden Morgen nur unter größtem Protest aus dem Bett zu holen ist und angetrieben werden muss wie ein Muli, um dann um halb acht angezogen und mit gepacktem Ranzen in die Schule zu gehen. In dieser Nacht hat L. einfach die Switch entstöpselt und weggeräumt. Und hier stehen wir nun.

Ich bin der Meinung: nicht die Switch ist das Problem, sondern Animal Crossing. Ein Spiel mit so wenig Struktur und Grenze ist nichts für Kinder. Mit 20 Minuten kommt man auf Lililand nicht weit, allein bis es fertig geladen ist und man tatsächlich loslaufen und Dinge tun kann, dauert es. Zwar kann man zu mehreren gleichzeitig auf der Insel sein, aber immer nur einer kann bestimmen, was gemacht wird, die anderen dürfen nur hinterher rennen. Und es gibt nie einen guten Punkt, um aufzuhören. Selbst wenn man drei Stunden spielen würde, wären da immer noch Schneeflocken oder Fische zu fangen, Schneemänner zu bauen, Löcher zu graben, Fossilien zu bestimmen oder ein Gartenstuhl zu bauen. Man geht immer mit dem Gefühl, die Arbeit liegengelassen zu haben, und das gleich dreimal, wenn man sich nicht selbst losreißt, sondern Mama sagt, jetzt ist Schluss. Meine Kinder, deren Kinderzimmer regelmäßig in einen Zustand der Unbewohnbarkeit abgleiten, wenn ich nicht wider meine Überzeugungen ab und zu Heinzelmännchen spielen würde - dass die so einen Spaß an einem Spiel haben, bei dem es im Grunde um Haushaltsführung und Aufräumen geht, das hat seine ganz eigene Ironie. Also: Schluss mit Animal Crossing, bitte wieder her mit Mario Kart. Die bunte Gang fehlt mir. Ich setze die Kindersicherung hoch auf null Minuten, dann geht ohne elterlichen Code gar nichts mehr, und dann gucken wir mal.

L. dagegen sieht es so, dass hier ein harter Schnitt her muss. Jetzt wieder Rennen zu fahren, ist in seinen Augen ungefähr so, wie einem Alkoholiker zu empfehlen, in Zukunft nur noch Bier zu trinken. Noch ist nicht ausgefochten, wie wir es machen. Demnächst kommen mehrere Upgrades mit neuen Rennstrecken, und dann wird es irgendwann auch Bewegungsspiele geben wie damals für Wii sports. Die würde ich zu und zu gerne erleben. Wie macht ihr das bei euch zuhause? Ich würde mich über ehrliche Antworten freuen (nachdem ich in letzter Zeit häufiger den Verdacht hatte, die anderen Mütter erzählen mir eh nur das, wovon sie annehmen, dass es sie streng und konsequent und damit gut dastehen lässt.)

Also: wie sieht es bei euch aus mit dem ganzen Bildschirmthema? Wie regelt ihr das? Und funktioniert diese Regelung, oder gibt es dauernd Stunk? Und die noch aktiven Abkürzungsdamen: an dem Thema kommt man auch ohne Kinder kaum vorbei, mir jedenfalls ging es damals so. Wie würdet ihr es machen? Ich hatte damals einen Plan, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, der war für die Tonne.

Sonntag, 13. Februar 2022

602

Seit 602 Tagen habe ich keinen Alkohol getrunken. Nachdem mein letzter Kater zwei Tage dauerte, ist heute damit der Tag, an dem ich seit 600 Tagen katerfrei bin. Und das heute, wo L. gestern beim HSV war und sich mit seinen Freunden so die Kante gegeben hat, dass er sich auf der Rückfahrt ins eigene Hemd gekotzt hat. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie ich das alles in der Zeit vorher überhaupt gemacht habe. Wie ging das, mit Kopfweh und Übelkeit und nur vier Stunden Schlaf morgens aufzustehen und drei trödelnde, müde Kinder schul- und kitafertig zu machen? Oder Spieldates zu überstehen mit der Sorte Kinder, die alle zwei Minuten maulig neben einem auftauchen und irgendwas petzen? Wie hab ich gearbeitet? Und gar nicht mal so wenig und gar nicht mal so schlecht? Wie habe ich die Wäsche und den Abwasch und all das unter Kontrolle gehalten? Wie habe ich Streits mit L. überstanden? Ich weiß es nicht mehr, und ich will es auch nie mehr. Ich war ja nicht jeden Tag verkatert. Auch nicht jeden zweiten. Aber der Grundkater, über den ich vorher schon mal geschrieben habe, dieses allgemein beschissene Gefühl, das sich so tief eingenistet hat, dass man es gar nicht mehr so richtig bemerkt, wenn man nur oft genug Alkohol trinkt - der war immer da. Es ist, als sollte ich mir mein jetziges Leben vorstellen, nur eben immer mit einem vollen Kasten Wasser in der einen Hand. Oder immer in High Heels. Bei denen ein Absatz einen Zentimeter höher ist als der andere. Oder immer mit Celine Dion im Hintergrund. Oder in einer Atmosphäre, in der immer gerade jemand mörderisch gefurzt hat. Und immer, wenn ich das Gefühl habe, ich brauche eine kleine Aufmunterung, dann gucke ich auf meine App, die für mich mitzählt, wie lange das jetzt schon so geht, und dann bin ich ein bisschen stolz. Und das heißt nicht, dass ich komplett vergessen habe, wie lustig es oft war mit mir und der guten alten pinken Brause. Wie viel Spaß wir zusammen hatten. Gerade gestern habe ich wieder ein paar alte Tagebücher von ca. 2004 durchgeguckt, da war was los! Aber so, jetzt, hier, für mich und nur für mich, ist es eindeutig besser. Wird sich das noch mal ändern? Keine Ahnung. Bleiben Sie dran.

Freitag, 4. Februar 2022

Somewhere over the Taschentuchberg

An einem Sonntag Vormittag über einen Flohmarkt in der Nähe bummeln. Ganz in Ruhe, mit einer Tüte Pommes Mayo in der Hand. Eigentlich nichts suchen, aber dann nach einer Stunde mit einem Salatbesteck, verschiedenen niedlichen Gläsern, einer alten Rührschüssel, vier Kinderbüchern, ein bisschen Playmo und einem Paar Stiefel nach Hause kommen, und der Tag hat gerade erst angefangen.

Schnupfen und Husten, die einfach nur Schnupfen und Husten sind. Zum Beispiel bei anderen Leuten im Bus. Oder bei anderen Kindern in der Kita. Oder bei Leuten, die vor einem in der Supermarktschlange warten.

Nie wieder eine Kampagne ausdenken und umsetzen müssen, die den Leuten sagt, dass die XY AG gerade jetzt für sie da ist. Die das Thema sorgsam umschifft oder von Zusammenhalt spricht. Die mit Plan B und C durchgerechnet wird. Die irgendwie Freundschaft und Party und Familie zeigt, aber halt, falls ihr versteht, was wir meinen, ohne Freunde und Party und Familie. Euch fällt da bestimmt was ein.

Die Kinder laufen lassen und spielen lassen und sich treffen lassen und Lutscher tauschen lassen. (Wenn es so weit ist: Mann, werden das alte Hasen sein! Veteranen.)

(Und ja, obwohl das alles weit hinter mir liegt, denke ich in den letzten Tagen öfter an die Abkürzungsdamen und -Herren da draußen. Mir hat es meinen schicken Klinikaufenthalt verhagelt, der wäre wichtig gewesen. Aber ich will mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, in diesen Zeiten eine so wichtige, stressige und sauteure medizinische Prozedur zu planen wie einen vollen IVF-Zyklus, bei dem man so dermaßen darauf angewiesen ist, schon an Tag A zu wissen, dass an Tag B alle beteiligten negativ sein werden. Dicken digitalen Drücker an euch alle da draußen.)

Die alten schönen Großstadtgeräuschkulissen wieder hören. Freibad an einem Sommertag, Fußball, Straßenfest. Nicht mehr nur die blöden Großstadtgeräuschkulissen wie Flugzeuge, UBahn, aufgemotzte Schleuder an der Ampel mit Fahrer, der Angst hat, dass wieder keiner guckt.

Geburtstag feiern, wenn jemand Geburtstag hat. Und nicht, wenn die Werte danach sind.

Barnüsschen. Naschi-Schalen in der Agentur. Selbstgebackener Kuchen, den die nette Art Direktorin mitgebracht hat für alle, einfach so. Sachen mit Zahnstochern drin auf dem Markt oder an der Käsetheke. Mal abbeißen und mal abbeißen lassen.

Essen kochen für andere Leute als meine unmittelbare Familie. Das heißt, für Leute, die nicht quengeln, wenn da Kapern drin sind oder Sardellen oder Zitronen oder Petersilie oder Salbei oder Koriander oder Gorgonzola oder Fisch oder Nudeln, die keine Hörnchennudeln sind.

Und, worauf freut ihr euch, wenn das hier vorbei ist? Frage ich mich in diesem kleinen Aufmunterungsversuch für mich selbst, nachdem an Tag 6 immer noch der Kopf schmerzt und voller Schleim ist, ich kaum die Arme heben kann und irgendwie alles Mist ist.

Donnerstag, 3. Februar 2022

Popeldipopeldipositiv. Positiv, nicht negativ.

Eigentlich hätte mir ungefähr ab heute auf der Epilepsie-Station die Routine in Fleisch und Blut übergehen sollen. Die ersten Mitpatienten hätte ich vielleicht schon am Gang erkannt oder am Räuspern. Ich hätte die Schwestern und Pfleger zumindest alle einmal gesehen und wüsste, ob man vom Kartoffelsalat lieber die Finger lässt und ob der Kaffee ein Grund ist, grundsätzlich auf Kräutertee umzusteigen. Vielleicht hätte es sogar schon erste Erkenntnisse dazu gegeben, was genau mir da widerfahren ist und warum und ob es noch mal passiert und wie wir damit umgehen können. Eigentlich sollte sich auch meine Tochter ungefähr jetzt richtig eingelebt haben bei Oma und Opa und auf dem besten Weg in die Heimwehfreie Zone sein, und die Jungs und L. hätten sich zu dritt vermutlich auch schon zurechtgeruckelt. Und jetzt hab ich halt Corona.

Der große Mist ist, ich habe es wirklich. Ich bin echt krank. Ich habe Fieber, Husten, Schnupfen, bzw. einen richtig bis in die Ecken zugeschleimten dumpfigen Kopf, ich fühle mich unendlich schlapp. Mit dem Epilepsiezentrum habe ich gesprochen, wenn ich Pech habe, dann muss ich jetzt wieder vier Monate warten, bis ich dort aufgenommen werde. Vielleicht können sie mich spontan dazwischen quetschen. Nur ist spontan schwer, wenn ich eine zwei-, vielleicht auch dreiwöchige Abwesenheit mit Job und drei Kindern vereinbaren muss und kein Trümmerfeld zurücklassen will, dass mich dann in so einer wichtigen Zeit um den Schlaf bringt. Wenn ich mich aufbauen will, dann denke ich drüber nach, wie es mir gehen würde, wenn ich nicht zweifach geimpft und geboostert wäre. Das hier ist die harmlose Variante. Hätte alles viel schlimmer kommen können! Ich gucke in den Spiegel und erkenne mich selbst kaum hinter diesen kleinen roten Augen, den ganzen Schatten und der plattgelegenen Frisur. Sollte es unter meinen Leserinnen tatsächlich Impfverweigerer geben - glaube ich irgendwie nicht - weiß ich schon auch, dass ihr jetzt nicht auf mich gewartet haben, um euch zu erzählen, dass ihr euch mal lieber schnell doch noch impfen lassen solltet, das haben schon ganz andere versucht. Aber - nein, ich lass es.

Samstag, 29. Januar 2022

Tada.

Und einfach so...

Auf meiner Hochzeit lief ein von Freunden zusammengeschnittenes Video mit Bildern meines Lebens zur Musik von Sex and the City. Ich kann alle Folgen mitsprechen und will sie trotzdem immer wieder sehen. Ich habe alle Staffeln in Form der Video-Äquivalente von Schellackplatte, LP, Cassette, Minidisc und CD. Ich habe mich in den letzten Jahren ich weiß nicht wie oft in die Bresche geworfen, wenn wieder irgendein Schlaumeier Sex and the City-Bashing für sich entdeckt hatte. Ich brabbele und fauche manchmal laut vor mich hin, wenn ich mit Podcast im Ohr durch die Stadt laufe, aber noch nie so laut und fauchig wie damals, als Ijoma Mangold und Lars Weisbrod Sex and the City diskutiert haben wie zwei alte Kenner und dabei vor allem Ijoma Mangold so viel uninformierten, nicht durchdachten Mist geredet hat - (ein Beispiel: die Vier daten nur Männer mit Geld. Was ist mit Steve? Was ist mit Smith? Was ist mit Aidan? Was ist mit Burger? Was ist mit… ach komm.) Wer mich damals auf der Straße getroffen hat, muss gedacht haben, so klingt Irrsinn. Aber nein, so klingt Begeisterung und Treue für eine Serie, die auch ein ziemlich merkwürdiger zweiter Film nicht töten konnte. Ich bin ein Fan! (Das schreiben Kommentatoren gerne, bevor sie einen echten Tiefschlag landen, um damit anzumoderieren, dass hier gleich friendly fire kommt. Schon fire, aber eben friendly.)

Und darum wird mich niemand dabei erwischen, And Just Like That richtig mies zu finden. Ich habe bisher noch in jeder Folge schöne Momente gehabt. Und ich habe immer noch Hoffnung. Und ich werde natürlich weiterhin jeden Donnerstag meinen Tag so planen, dass ich auf jeden Fall die neue Folge gucken kann, sobald es sie bei Sky Ticket gibt. Man könnte sogar absofuckinglutely sagen, ohne And Just Like That (und Succession, ok) hätte ich kein Sky Ticket. Aber ich habe Anmerkungen. Achtung, ab hier wird

gespoilert!!!!!


Warum lässt die Serie neuerdings Miranda so im Stich? (Frage ich als jemand, der immer zu mindestens 50% eine Miranda war und jetzt am liebsten 0% Miranda wäre). Wieso ist sie neuerdings so ein unsicheres, sich um Kopf und Kragen plapperndes, nervöses Hascherl? Wann war noch mal der Muslim Ban? Der war für sie ja der Anlass, sich neu als Menschenrechts-Anwältin zu erfinden. Das ist doch Jahre her, vorher war sie Partner in einer tollen Kanzlei, wieso stolpert sie jetzt noch so handgebatikt in neue Vorlesungen und ist nicht längst voll in Fahrt? Wieso soll sie plötzlich keine Ahnung mehr von Technik haben oder wie man sich benimmt? Und was ist das mit diesem Zaunpfahl-Alkoholproblem? Wenn das ein Thema ist, wieso nicht ordentlich? Ich kann mich an keine einzige Szene aus sieben Staffeln SatC oder den Filmen erinnern, in der sie richtig blau oder schrecklich verkatert war oder irgend etwas Alarmierendes (außer ein Buch über’s Aufhören zu bestellen) getan hätte, das mit Alkohol zu tun hatte. Frage ich mich als jemand, der inzwischen seit mehr als anderthalb Jahren nicht mehr trinkt und bestimmt ein Herz für das Thema hat. Und wieso darf Charlotte plötzlich fast nur noch dusselig sein? Die Süße, sie hatte immer ihre Augenroll-Momente, aber dazwischen durfte sie immer wieder zeigen, was sie wirklich drauf hat. Und welche Sorte Stand-Up-Comedy soll das denn gewesen sein? Und das in New York vor einer tobenden Menge! Was daran hat eigentlich Miranda so aufgepeitscht? Was war neu und inspirierend? Hat sie nicht nur keinen Kindle, sondern auch kein Instagram und keinen Zugang zu einer Zeitung? Genau so wenig wie die anderen Fans im Publikum? Und wieso quält sich Carrie mit diesem Podcast, der einfach nicht ihr Ding zu sein scheint, und macht nicht einen eigenen, viel besseren auf? Wieso kuscht sie so und lässt sich so reinquatschen von Che? Ihre alte Kolumne war nie das Highlight der Folgen, aber immer noch um Meilen besser als alles, was ich bisher von den anderen beiden Podcast-Superstars gehört habe. Ich will sehen, wie die verbliebenen Drei rausgehen und es der Welt zeigen und nicht immer so defensiv herumwurschteln wie schüchterne Anfänger, die gerade erst in der Stadt angekommen sind. Kommt das bitte noch? (War nun gar nicht so schlimm mit Spoilern.)


Damit zurück nach Hamburg. Ich sitze hier mit der fettesten Erkältung seit Monaten. Hoffe ich, gleich habe ich meinen Mut zusammen genommen, einen Test zu machen, der hoffentlich negativ ist. Heute um zehn steigt meine Mutter in einen Zug, der um halb drei in Hamburg ankommt, und dann fährt sie morgen mit meiner Tochter wieder ab. Und übermorgen soll ich endlich in die Klinik einrücken. Die reagieren aus irgendwelchen Gründen nicht auf Emails, und Gott weiß, ich hab einige davon geschrieben in den letzten Monaten, telefonisch kann man sie nämlich auch nicht erreichen. Hoffentlich existiert die Klinik tatsächlich und ist keine Briefkastenklinik, Haha. Aber ich gehe mal davon aus, dass Corona-Positive Patienten draußen bleiben müssen. Wenn das passiert, weiß ich nicht, was ich tue, denn ich lebe jetzt seit Mai in einem inneren Adventskalender auf diesen Tag hin. Einem Adventskalender mit echt wenig Schokolade. Diese Metapher hinkt, aber mir fällt gerade keine bessere ein. Und jetzt hilft es wohl nichts mehr, ich muss den Test machen. Bleibt ihr dran? (Mann, ist das lange her, dass es in diesem Blog um einen Test ging.)

Samstag, 1. Januar 2022

Sowas wie ein Vorvorsatz.

Man wird nicht 48, ohne wenigstens ein paar winzige Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Hier sind zwei von mir über mich: ich liebe Vorsätze. Aber ich halte sie fast nie ein.

Das mit dem Alkohol ist eine Ausnahme, die mich bis heute erstaunt. Davon abgesehen ist fast alles, was ich mir noch so ernsthaft vornehme, normalerweise doomed. Mein Leben ist voller liegengebliebener Ideen für Filme und Bücher, und meine Kochbücher sind voller Eselsohren und Post-Its an Rezepten, die ich bestimmt jetzt bald unbedingt ganz dringend kochen will. Auf meinem Telefon wimmelt es von Apps, die genau auf solche Susies wie mich zugeschnitten sind - Appgewordene gute Vorsätze. Daily Yoga! Genau. Einmal, vor vielen Jahren (pre-App-Ära) hatte ich mir sogar mal ein Haushaltsbuch gekauft. Eine krassere Fehleinschätzung meiner eigenen Persönlichkeit lässt sich kaum denken. (Und genau deshalb, dachte ich damals, bestrafe ich mich jetzt für meine fusselige Geldausgeberei mit dieser Hausaufgabe aus der Hölle.) Dann war da die Zeit, als ich einen selbstgemalten Plan am Kühlschrank kleben hatte: Montags Wäsche. Dienstags: Bad putzen. Mittwochs: Betten frisch beziehen. Donnerstags usw. usf., hat nicht funktioniert.

Meine Fehler machen mich nervös, ich bin nun mal so ein Schuld-Typ. Und Vorsätze verschaffen mir für den Moment Frieden. Das klingt jetzt grauenvoll und negativ, aber es funktioniert auch im Positiven, in finsteren Momenten wärme ich mich an meinen Vorsätzen schön auf: ich male mir ein Leben aus, in dem ich Montags schon weiß, was ich Donnerstags koche, und nur einmal in der Woche einkaufen gehen muss, und auf einmal ist das ganze Gerenne und Gekaufe und Gemache, um Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen, auf die niemand Lust hat, nicht mehr ganz so schlimm. Ich kaufe mir ein Yogapolster aus der Lebenshilfe-Werkstatt und fühl mich gut, und wenn das nächste Mal der Rücken weh tut, dann stelle ich mir vor, wie geschmeidig ich sehr bald sein werde.

Warum können nicht alle meine Vorsätze so gut fluppen wie Alkohol? Wo ist der Unterschied? (Nein, keine Angst, ein paar Erinnerungen aus der Abkürzungszeit sind nicht abzuschütteln, und von daher werde ich niemals - weder zu anderen noch zu mir selbst - sagen, etwas würde darum schief gehen, weil man es eben “nicht genug will”, dummschlauen Gesichtsausdruck kann man sich dazudenken.)

Ich steige nicht dahinter. Aber ich hab mir etwas überlegt, ehrlich gesagt gerade eben: vielleicht versuche ich es ja in den nächsten Wochen mal damit, mich nicht wirkungslos an meinen Fehlern aufzureiben, sondern mich ein bisschen mehr auf meine Stärken zu werfen. Und in einer tristen, kurmeligen, ziemlich verfahrenen Mist-Zeit in meinem Leben nicht aus irgendwelchen Gründen anzufangen, doch noch das Stricken zu versuchen (konnte ich noch nie, werde ich nie können, lass gut sein, und ja, das klingt bekloppt - aber genau so bekloppt könnte ich tatsächlich sein, zuzutrauen wäre es mir), sondern etwas zu machen, das ich wirklich machen will und machen kann und das dann eben ein bisschen besser. Meine Vorsätze sind oft reiner Eskapismus. Den kann ich gerade nicht brauchen. Das ist also mein Vorsatz dieses Jahr: nur noch Vorsätze vor meinen Karren spannen, die mich an Orte bringen, an denen ich sein will. Wo es schön ist und warm und ein frisches Lüftchen weht.

Und uns allen - ich schreibe uns allen in der Hoffnung, dass hier überhaupt noch eine mitliest, bei der Frequenz meiner Posts muss ich sagen: Hut ab vor so viel Ausdauer und Beharrlichkeit, davon hätte ich gerne etwas ab - wünsche ich, dass wir in diesem Jahr lernen, zu merken, welche Vorsätze das tun und welche nicht. Habt es gut, bleibt gesund und bis hoffentlich bald.

Freitag, 31. Dezember 2021

Futons sind eh voll Achtziger

Ich sitze in nicht sehr rückenfreundlicher Haltung auf dem Sofa und versuche, die Zeit auszunutzen, bevor die Kinder aufwachen. Ich sitze so schief, weil ich nur so gleichzeitig den Rechner auf die glatte Sofalehne stützen und nah genug an der Steckdose sitzen kann. Gerade war er noch ein absolut makelloses, nagelneues Top-Teil aus gebürstetem Alu, jetzt ist er tatsächlich acht Jahre alt, ein echter Dino - so alt werden Laptops normalerweise nicht, die über Jahre fast täglich hin und her transportiert werden und ganze Winter lang dauernd durch alle Klimazonen von Heizungs-Muff bis Hamburger Januar müssen. Er hat's bis hierher geschafft, und jetzt will der Akku nicht mehr. Der Akku und mein Rücken - ach ja.

Also, Neujahrsvorsätze.

Ich will im nächsten Jahr besser für mich da sein. (Gähn. Ja, ich weiß, aber in diesem Moment meine ich das trotzdem ernst und will es mir nicht gleich wieder ausreden, auch wenn das mein Vorsatz seit Ewigkeiten ist und ich es bisher wirklich nur zu Babyschritten gebracht habe.) Los geht's in ein paar Wochen, dann wird nämlich endlich das Bett geliefert, um das ich mich so lange herumgedrückt habe. L. und ich schlafen seit Jahren getrennt, und - es ist mir fast peinlich, das zu schreiben, und das sollte es auch sein - als wäre das nur ein vorübergehendes Ding, als müssten wir nur kurz das Abflauen einer Magen-Darm-Grippe abwarten oder so, bis ich wieder zurück ins bequeme Ehebett schlüpfe, schlafe ich in all diesen Jahren auf einem alten Futon von L. Eine dünne Matte, die direkt auf dem Fußboden liegt, und die ungefähr den Komfort (und die Hygiene) einer labberigen Turnmatte aus einer Schule bietet, die in einem miesen Viertel gelegen ist. Nicht mehr lange. Noch dreieinhalb Wochen, dann wird das neue Bett geliefert und ("ich will besser für mich da sein, ich will besser für mich da sein") auch gleich von einer Fachkraft aufgebaut. Leider werde ich erst mal nur wenige Tage darin schlafen und meinen Bandscheibenzerrütteten Rücken erholen können, denn dann - Schritt zwei der Selbstfürsorge - gehe ich für zwei Wochen in eine Hamburger Klinik, in der sie hoffentlich der Epilepsie (oder nicht) auf den Grund gehen können. Am Ende werde ich entweder komplett ratlos sein, was mir da eigentlich im letzten halben Jahr so passiert ist, oder eine Diagnose und vielleicht ein dazu passendes Medikament haben. Davor liegen zwei Wochen mit verkabeltem Kopf (und sehr fettigen Haaren, fürchte ich) und zum ersten Mal seit Jahren sehr viel Zeit. Was mache ich damit? Schreibe ich endlich das Exposé für das Buch, das mir seit inzwischen acht Jahren im Kopf herumspukt? Oder ein anderes? Mache ich gar nix, lade mir einfach den Rechner voll mit Serien und tue das, was ich sonst nie kann? Schaffe ich es endlich, diesen Blog wieder in Schwung zu bringen, wenn auch mit neuem Thema? Oder muss ich mir darum sowieso keine Gedanken machen, weil ich den ganzen Tag einen Test nach dem anderen über mich ergehen lasse und absolut keine Zeit für irgendwelche Selbstverwirklichungs-Pläne haben werde? Das WLAN wird schlecht sein, das weiß ich schon. Aber zum Schreiben sollte es reichen.

Meine Krankenkasse hat mit mir echt einen dicken Fisch an Land gezogen (insgesamt 14 Abkürzungsdurchgänge? Pemm Pemm Pemm). Denn sobald ich einen Haken hinter die Epilepsie machen kann, knöpfe ich mir den Beckenboden vor. Ich bin es leid, schon lange, und ich will das nicht mehr. Ich hab eine Frauenärztin, auf die ich nichts kommen lasse, und wohne in Laufweite eines scheinbar richtig guten Beckenboden-Zentrums, da muss doch reinzukommen sein? Schluss damit, als erste Tat nach dem Duschen (noch vor Deo) jeden Tag eine fette weiße Binde in meine Unterhose zu kleben. Schluss damit, den Bus stehen zu sehen und mich nur in gemütlichem Flaniertempo nähern zu können, bis der Fahrer entnervt wegfährt - obwohl ich diesen Bus unbedingt hätte kriegen müssen. Schluss damit, an manchen Tagen nur mit dunkler Hose rauszugehen, und es sind nicht meine Tage. Schluss mit diesem Geruch, von dem ich manchmal nicht weiß, ob der wirklich da draußen ist oder nur in meinem Kopf. Schluss damit, jedes Mal Tränen in den Augen zu haben, wenn ich eine Frau joggen sehe. Ich weiß, das Problem haben viele, und noch mehr, die eine Saugglocken-Geburt hinter sich haben. Aber ich bin nicht bereit, mich damit einfach abzufinden.

Kurzer Abgleich mit der App, die ich damals als Teil des Exorzismus auf mein Telefon geladen habe, am Tag nach L.s Party, mit einem der schlimmsten Kater meines an Katern ziemlich reichen Lebens: Ich hab tatsächlich inzwischen seit 558 Tagen keinen Alkohol getrunken. Im Moment glaube ich, dabei bleibe ich auch im nächsten Jahr. Es gibt eine Menge am Trinken, das ich vermisse. Aber ich habe echte Pläne - Junge, was für Pläne! Und nein, ich will nicht alle hier verraten - und das ziemlich sichere Gefühl, wenn ich zurückkehre zu abendlichen Gin Tonics und Rosés auf Eis, dann wird genau dieser wunderschöne, jetzt ist mal Erwachsenen-Zeit-Feierabend-Glimmer mich einlullen und davon abhalten, die Pläne ernsthaft umzusetzen. Nein, Ohne ist gerade gut für mich. Wird es nicht für immer sein, aber jetzt gerade eben doch. Wenn das nicht der langweiligste Neujahrsvorsatz aller Zeiten ist, weiß ich es auch nicht.

Eine Sache, die ich am Trinken vermisse, ist der Spaß. Jaja, ohne Alkohol fröhlich sein - aber fröhlich ohne Alkohol ist anders fröhlich. Manchmal frage ich mich allerdings, ob all der Spaßverlust wirklich nur auf die Nüchternheit zu schieben ist. (War da was mit einer Pandemie?) Ist das fair? Vermutlich nicht. Und dann all die Selbstfürsorge, die ich vorhabe - wenn ich nicht aufpasse, fühlt sich das alles an wie eine gewaltige Hausaufgabenliste. Darum sollte Spaß ziemlich weit oben stehen. Egal ob gesund oder ungesund, teuer oder kostenlos, pädagogisch wertvoll oder einfach nur quatschig. Ich will im nächsten Jahr viel Zeit damit verbringen, mit meinen Kindern Mario Kart zu fahren. Zum Frühstück morgens um acht belgische Waffeln zu backen. (Mach das mal mit Kater.) Mir Dinge zu leisten, die mich mit solcher Vorfreude erfüllen wie das neue Bett. Viel zu spät Kaffee zu trinken. Mir wieder mal ein Partykleid für unter 20 Euro zu kaufen (auch wenn ich davon schon elf habe). In Alters-unangemessenen Outfits ins Büro zu gehen. Bücher zu lesen und Serien zu gucken, die eindeutig unter meinem Niveau sind, was auch immer das ist.

Und - fast am allerwichtigsten - aus Dingen einfach mal lächelnd rauspazieren, weil sie keinen Spaß machen.