Samstag, 26. September 2026

Folgendes ist passiert. Und dann Folgendes.

Letzte Woche stand ich mit meiner inzwischen neunjährigen Tochter am Bahnhof Altona, sie hatte Fußball gespielt, und wir waren durchgefroren und fertig auf dem Weg nach Hause. Da saß da plötzlich eine zunächst fremde Frau mit einer Tochter in Fußball-Sachen, die mich anlächelte, und dann stellten wir plötzlich fest, dass wir uns kennen. Sie war eine von denen, die damals - vor 14 Jahren oder so - bei dem Stammtisch in der Gloria Bar dabeigewesen waren, bei dem wir voll wie die Tümpelkrähen unser Schicksal erst verflucht und dann ausgelacht haben, und kurz danach waren mehrere von uns schwanger, auch wenn der weitere Verlauf dieses Abends mit Sicherheit nichts dazu beigetragen hat; über den wollen wir lieber schweigen. Wir haben dann den selben Bus genommen mit unseren zwei Töchtern, uns erzählt, wie es uns geht, und dann hat sie gesagt, sie würde sich so freuen, wenn ich doch noch mal was schreiben würde. Wieso eigentlich nicht? Weil alle Menschen, über die ich schreiben könnte, vermutlich etwas dagegen hätten, und zwar mit Recht - das ist ja alles klar, aber dann sagte sie: ja, vielleicht aber doch was anderes. Wir haben uns verabschiedet, ich habe auf dem Rest der Fahrt meiner Tochter erklärt, wer das war, und dann waren wir zuhause, und es waren Fußballsocken und Fußballhosen zu waschen, essen zu kochen, Kinder von Bildschirmen loszueisen, und dann wollte Holly, der Hund, auch noch raus. Aber trotzdem hatte ich diese Busfahrt noch lange im Kopf.

Es ist nämlich so: Mit 53 klingen Geschichten von Dingen, die man eines Tages mal tun will, nach und nach immer unglaubwürdiger. Man kann nicht mit 70 sagen, dass man eines Tages mal ein Buch schreiben will. Ich bin immer begeistert, wenn ich von jemandem höre, der genau das tut und damit durch kommt, genau so, wie ich jedes Mal Autoren google, die dafür bekannt sind, dass ihr Autorenleben eigentlich erst ihr zweites oder drittes Leben nach Quatschberuf und Ehe und Kindern war, und dann in mich zusammenfalle, wenn das erste Buch erschienen ist, als sie 38 waren. Ich würde gerne, und ich rede auch ständig davon, und alle, denen ich das erzähle, sagen dann: das wäre toll, aber es ist auch schwer mit den Kindern und dem Job und der Trennung, wann sollst Du denn das noch machen? Aber schön wäre es natürlich. Im Moment habe ich zwei angefangene Buch-Embryonen hier herumspuken, eins für Kinder, eins für Erwachsene. Ich wärme mich an der schönen Vorstellung, dass die irgendwann mal fertig wären und ich irgendwie vom Schreiben leben könnte. Und die Wärme verflüchtigt sich sofort, wenn ich mir in die Augen sehe und gestehe, wie wenig auch in den letzten vier Wochen wieder passiert ist. Ja, es ist viel und ich habe wenig Zeit, aber trotzdem habe ich es im letzten Jahr geschafft, die komplette Game of Thrones-Serie, Succession und zu großen Teilen auch 30 Rock noch mal zu sehen. Wie lange dauert das alles zusammen, zwei Wochen? Zwei Wochen, in denen ich offensichtlich weder waschen, bügeln, kochen, einkaufen, staubsaugen noch arbeiten musste. Ich bin zu faul, ich bin zu müde, ich bin zu mutlos, und ich habe Angst, dass ich irgendwann ein Exposé oder sogar ein Buch zusammen habe, und dann ist es einfach nur Meh und keiner will es lesen, und dann muss ich damit leben, dass ich es eben einfach nicht in mir habe. (Zwischendurch habe ich hier groß ein Projekt angekündigt: ich hatte mir überlegt, eine neue Seite namens Shy Pride zu machen, in der es darum geht, wie es sich so lebt mit einer Riesenpackung Schüchternheit, um die man nicht gebeten hat und mit der man auch nicht einverstanden ist. Ich wollte bloggen und Bücher empfehlen und Gäste interviewen. Ich hatte sogar schon die Domain gekauft, das war glaube ich an dem Tag, an dem ich dazu hier gebloggt habe. Aber dann - dann wurde mir klar, dass die Drinnies schon etwas Ähnliches viel besser machen, als ich das jemals könnte, und dann habe ich es einfach wieder gelassen. So ist das mit uns Werbern: wir haben eine Idee, die erst mal leuchtet und funkelt, und wir sind selbst ganz verliebt in diese Idee, und dann denken wir noch mal ein paar Tage lang drüber nach, und dann legt sich das Funkeln auch wieder.) (Manchmal legt es sich aber auch nicht.)

Und dann ist vorgestern noch etwas passiert: ich saß zuhause am Küchentisch und arbeitete an einem tollen Job für die Berliner Niederlassung unserer Agentur. Ich war bester Dinge und kam gut voran, als ich plötzlich im Chat eine Einladung in ein sehr spontanes Meeting bekam. Und in diesem Meeting wurde mir von zwei Menschen, denen das sichtlich nicht leicht fiel, gekündigt. Viele mussten in den letzten Monaten schon gehen, und vermutlich werden auch viele noch gehen, ich bin nicht allein. Die Agentur will dabei helfen, mich anderswo unterzubringen. Vielleicht geht ja was? Schon am Dienstag habe ich dazu ein Gespräch. Ich habe ein halbes Jahr Kündigungsfrist, wenn es wirklich nichts werden würde mit einem neuen Job, dann wäre ich erst im April ohne Arbeit und ohne ein Gehalt, das ich wirklich brauche, denn obwohl es kein schlechtes Gehalt ist, ist mein Leben mit den Kindern finanziell sehr auf Kante genäht und funktioniert nicht ohne Budgetbuch. Mehrere Freundinnen haben schon telefoniert und Leute angefunkt, und in meinen scheintoten LinkeIn-Account kommt auch seit gestern plötzlich Leben, weil ich zwei Jahre alte Freundschaftsanfragen endlich mal gnädig akzeptiere und selbst ein paar rausschicke, so schwer mir das auch fällt wie alles andere, was auch nur entfernt mit Klinkenputzen zu tun hat.

Gerade habe ich die Kinder und den Hund zur Tür rausgeschoben, die gehen ab heute bis Donnerstag zu Papa. Endlich Zeit für mich, mich auszuheulen, zu schlafen (Nachts klappt das gerade nicht so), mich mit Freundinnen zu treffen und mir zu überlegen, was ich jetzt eigentlich will. (Klar könnte ich auch endlich mal wieder die Gilmore Girls anfangen, der Herbst ist die Zeit dafür, zwölf Staffeln waren das glaube ich? Zwölf Staffeln in Stars Hollow, und dann vielleicht als Kontrastprogramm Handmaid's Tale direkt hinterher, Popcorn essen und mit vollem Mund 'Lasst Rory in Ruhe!' rufen).

Mit 14 (15?) habe ich einmal einen Job verloren, wobei ich noch nicht mal offiziell rausgeschmissen wurde, ich bin nach einem Fiasko einfach nicht mehr hingegangen. Darüber habe ich glaube ich hier schon mal irgendwann geschrieben. Es hatte damit zu tun, dass ich fluchend in einer Terrakotta-Vase festsaß und die Musik, mit der der Laden in 30-Minuten-Endlosschleife beschallt wurde, von einer London Symphony Orchestra-Version der größten Hits von Simon and Garfunkel gegen eine der psychedelischeren, frühen Platten von Pink Floyd ausgetauscht hatte. Kiffermusik! Tiergeräusche! Schrille Schreie! Es war wohl einfach an der Zeit für diesen Job.

Jetzt bin ich 53, seit 25 Jahren in meinem Job, und obwohl die Werbung dafür berühmt ist, dass immer alle irgendwo rausfliegen, ist mir das noch nie passiert. Erst mal habe ich Angst, und ich schäme mich. Wieso schämen? Es ist mir peinlich. Ich komme aus einer Familie, in der die Arbeit einen großen Teil des Wertes einer Person ausmacht. Ich fühle mich gescheitert, halbseiden, windig, doof. Ich bin noch nicht wütend. Ich habe seit bestimmt zwei Jahren ständig die Hosen voll gehabt, weil ich immer Angst hatte, dass es mich gleich erwischt. Dann hat es immer andere erwischt, aber zu jedem Monatsende dachte ein Teil von mir: Fuck Fuck Fuck, wenn das nur gut geht. Vor ein paar Wochen hatte ich ein Personalgespräch, aus dem ich wie aus Wolken rausgegangen bin, und darum war dieser September seit Ewigkeiten der erste Monat, in dem mir ab dem 20. nicht langsam die Muffen kamen. Tja. Und jetzt? Die sexieste Variante wäre, das Buch zu schreiben, und es wird gut, und es verkauft sich, und dann bin ich Schriftstellerin. Frauenzeitschriften (und andere Zeitschriften auch) lieben diese Story, Leute verlieren ihren Job, Buhu, Tränen, Angst, und dann gründen sie etwas oder finden ihre innere große Begabung oder verwirklichen ihren alten Wolkenkuckuckstraum, und alles wird toll, und die Kündigung entpuppt sich als das Beste, was ihnen jemals passiert ist. Andere Möglichkeiten wären: ich komme in einer anderen, mehr oder weniger tollen Agentur unter. Ich behalte den Spaß an meinem Beruf, oder ich verliere ihn, oder in der neuen Agentur komme ich so easy-popeasy durch, dass ich ohne Weiteres dort arbeiten und mir trotzdem einreden kann, ich würde bestimmt demnächst nebenbei doch noch das Buch schreiben. Oder ich finde nichts Neues, und ich schreibe trotzdem kein Buch, und das war es dann. (Diese Geschichte mögen Frauen- und andere Zeitschriften eher nicht so gern.)

Das ist also passiert. Und wenn es zu sonst nichts führt: ich sitze nach vielen Jahren mal wieder im Schlafanzug im Bett, es regnet, ich trinke Kaffee, ich schreibe einen Blogpost, und irgendwie habe ich sogar Spaß dabei, obwohl es um etwas Mieses (Fehlgeburt, Pustebauch, Eierstockzysten oder Kündigung) geht.

Samstag, 16. September 2023

Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und ziemlich viel Louis Cole hören

Für alle, die nach diesen ständigen, endlosen Pausen keine Lust mehr haben und nur kurz wissen wollen, was denn nun ist, bevor sie sich für immer ausklinken: Die Gebärmutter ist draußen, die haben das gut gemacht, das Albertinen kann ich nur empfehlen, und die Kriiiiiise ist nach langen, langen Jahren diesen Sommer in eine Trennung übergegangen. War schön mit Euch!

Jetzt die Maxi-Version: bei der OP ist alles gut gegangen, ich bin danach nicht in eine tiefe Depression gefallen, wie manche Leute in meiner Umgebung prophezeit hatten, und ich nehme weiter Zafrilla, die vielleicht auch etwas dazu beiträgt. Das hat weniger mit außerordentlichen Stehaufmännchen-Qualitäten zu tun als damit, dass ich drei Kinder habe und kein weiteres will. Was das mit einer Frau macht, die wegen ihrer Endometriose viele Jahre Schmerzen, Eingriffe und Kinderwunschbehandlung hinter sich hat und am Ende doch an diesen Punkt kommt, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich habe meinen gewaltigen Tampon-Vorrat auf die Agenturtoilette gelegt und lebe jetzt mit wenig Wehmut ohne meine Splatter-Perioden. Ich denke nur noch manchmal so um den 24. eines Monats herum, normalerweise würde ich mich jetzt tagelang krümmen und hätte vermutlich einen weiteren Urlaub genau so geplant, dass ich im Pool jederzeit damit rechnen muss, plötzlich in einer Wolke aus Blut zu treiben oder im Meer die Haie anzulocken.

Für die Wiederaufnahme meines Laufprogramms hat die OP leider weniger getan. Nach den vorgeschriebenen sechs Wochen war ich das erste Mal wieder auf einer extrem kurzen Strecke unterwegs, für einen so winzigen Lauf lächerlich professionell ausstaffiert mit Wettkampfschuhen, High Tech Jacke und Lauf-App, damit ich in der Viertelstunde nicht versehentlich das Tempo überreiße. Und es ging ganz gut! Die Knie und die Hüfte liefen noch etwas unrund, aber ich kam euphorisch und mit trockener Hose zuhause an. Der zweite Lauf, ein paar Tage später im Urlaub, endete nach 100 Metern mit schmachvoller Umkehr und tiefer Verzweiflung. Seitdem habe ich es erstmal gelassen, die Watschen muss ich mir gerade jetzt nicht nochmal abholen. Vielleicht gebe ich der Sache im Herbst, zur besten Laufzeit, wieder eine Chance. Dazwischen kann ich lange spazieren und wandern, Sport auf der Matte machen, und ich habe gerade entschieden, dass ich demnächst das Fechten wieder anfange, das hatte ich im Studium schon mal getan, dann wieder gelassen, und ich glaube, dass das ein perfektes Ventil für meinen neu erwachten Kampfgeist ist. Eine Möglichkeit wäre noch das Netz, das den Beckenboden stützt, doch diese Lösung ist nur für 15 Jahre gut, danach ist das Netz so eingewachsen, dass man es nicht entfernen und durch ein neues ersetzen kann, und ich habe vor, noch länger als 15 Jahre zu leben (und zu laufen). Außerdem scheint der Beckenboden selbst nicht das Problem zu sein. Wunder der natürlichen Geburt! Die Natur weiß es doch am Besten!

Und die Kriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiise: kurz nach unserem Sommerurlaub war es dann so weit. Nach vielen Jahren mit immer dem gleichen Streit in leicht unterschiedlichen Farbtönen, der zu nichts geführt hat als zu Kummer und noch mehr Streit. Nach ganzen anderthalb Sitzungen beim Paartherapeuten (anderthalb, weil ich zu der zweiten alleine gegangen bin). Nach ganz viel Trauer um die guten Zeiten, nach nächtelangem Brüten über den alten Fotos von uns, als alles noch gut war. Es tut mir leid, zu viel Detail gibt es nicht, L. hat auch Augen und einen Internetzugang, und das ist alles schon schlimm genug für ihn. Er wollte erst die Nestlösung, bei der die Kinder im Haus bleiben, wir beide eine kleine Satellitenwohnung haben und uns dann die Klinke in die Hand geben. Das wollte ich auf keinen Fall, denn damit wäre zumindest der Alltags-Nervkram-Aspekt unseres Dauerstreits bis ins Unendliche weiter gegangen, und nach so langer Zeit in einem Haus, das so dermaßen eher seins als meins ist, wollte ich eine eigene Umgebung für mich und die Kinder, in der ich die Möbel aussuche, die Bilder aufhänge und den Kühlschrank befülle und die Küchenschränke genau so einräume, wie es mir passt. Ein paar verzweifelte Wochen lang habe ich nach dieser Wohnung in unserem leider und völlig zu Recht extrem beliebten Beritt gesucht, es ist so gut wie aussichtslos: auf jede Wohnung, die groß genug ist, kommen Dutzende von Bewerbern, und kein Vermieter dieser Stadt würde sie mit dieser Auswahl einer Frau ohne Mann, aber mit drei Kindern geben, egal, wie gut sie verdient. Es sei denn, er hätte genau das gleiche auch durchgemacht und ein sehr großes Herz. Dabei stand für mich die ganze Zeit die perfekte Lösung im Raum: L. überlässt mir den Mietvertrag für seine Arbeitswohnung, die zwar ein bisschen, aber nur ein bisschen zu eng für uns ist. Erst wollte er das auf keinen Fall, und es hat mich wochenlange Hartnäckigkeit und all meine Überredungskünste gekostet, ihn von seiner geliebten Junggesellenbude loszueisen.(Sagte ich Kampfgeist? Kampfgeist.) Jetzt machen wir einen neuen Mietvertrag, und zum ersten November kann ich hier rein. In Anbetracht von allem Unglück, durch das wir gerade knietief waten, ist das ein großes Glück: es wird zwei große Kinderzimmer für drei Kinder geben, die Wohnung ist zwar in einem äußerlich hässlichen Haus, ist aber selbst sehr schön und hat - Luxus über Luxus - mitten in der Stadt einen großen, schönen Garten, in dem man abends sitzen und jemandem zuhören kann, der bei offenem Fenster gar nicht mal so schlecht Klavier spielt. Von April bis Oktober gibt uns dieser Garten noch mehr Platz. Ich muss in dieser Wohnung noch nicht mal eine Waschmaschine unterbringen, die gibt es im Keller. Wir sind 12 Minuten zu Fuß vom Haus entfernt, die Kinder können weiter zu Fuß zur Schule, zum Sport und zu ihren Freunden, und sollten sie mal bei L. sein und er wird plötzlich von der Grippe gefällt, dann laufe ich kurz rum und hole sie. Sollte ein Kind sein Lieblingsschnuffeltier oder sein Matheheft vergessen, auch. Ich wohne am Rande eines Viertels, in dem es ein schönes Kino gibt, ganz viele Cafés, und das ich zwar schon gut kenne, aber in dem ich in der kinderfreien Woche durch die Straßen wandern kann, als wäre ich im Urlaub. Ich habe viel vor mit der kinderfreien Zeit. Ich werde sie vermissen, aber in ein paar Tagen habe ich sie wieder, und dann werden wir tagelang streitfrei zusammen sein. Auch wenn ich diese Momente voller Aufbruchstimmung habe, macht es mich fertig: nicht mehr zu wissen, wo ich hingehöre. Etwas aufzugeben, das ich jetzt 17 Jahre lang hatte. 50 zu sein und keine Ahnung zu haben, wie es weitergeht. Ihn so traurig, enttäuscht und wütend zu sehen (und mich auch). Die Kinder, die das bisher bewundernswert wegstecken, jedes auf seine Weise, aber das dicke Ende wird schon noch kommen (wir holen uns Hilfe, und die werden wir auch brauchen). All der Kram, den ich jetzt bedenken und organisieren muss, all die Listen, die ich schreibe und abarbeite. Das hält einerseits das Maschinchen gerade am Laufen, aber am anderen Ende all dieser Endlos-Listen wartet eine Wand auf mich, an der ich mir gewaltig den Kopf stoßen werde, bei klarer Sicht kann ich sie jetzt schon sehen.

Diesen Post schreibe ich frühmorgens, an der Terrassentür der Wohnung, für die Jahreszeit übertrieben dick eingemummelt, denn ich habe gerade zum dritten Mal Corona, habe es auch tatsächlich, und nicht nur diese fühlt-sich-an-wie-ein-Schnupfen-Variante, und habe mich zur Quarantäne hier verschanzt. Der Große hat dieses Wochenende das Klassentier, es ist jetzt schon verschwunden, ich bin nicht da, um es wiederzufinden, Fotos zu machen und am Montag auszudrucken und mit ihm in das Klassentier-Buch einzukleben, und es gibt nichts, was ich daran ändern kann. So sitze ich hier und übe schon mal für die Wochen in der Zukunft, wenn ich die Zügel aus der Hand geben muss.

Samstag, 18. März 2023

Ein Ende, ein halbes, eine selbst für mich neue Dimension von Peinlichkeit und ein Anfang

Liebe Abkürzungsdamen,
und natürlich liebe Agenturleute,

heute ist für mich ein besonderer Tag, und an diesem Post habe ich lange herumgedruckst.

Die Wahrheit ist, dass hier schon ewig tote Hose herrscht. Nein, vollkommen falsch gewähltes sprachliches Bild gerade für hier und jetzt: hier ist seit Ewigkeiten kein neuer Post erschienen, ich beantworte keine Kommentare mehr, und wenn ich mal schreibe, dann ist das auch nicht so richtig zufriedenstellend, die paar hingeworfenen Krümel. Einige der Gründe kennt Ihr längst: meine letzte IVF-bezogene Tat war 2013, und das hier ist ein Blog über das Leben in Kinderwunschbehandlung. Über meine Kinder will ich nicht schreiben, weil sie erstens eines Tages unweigerlich auf dieses Arschloch in ihrer Klasse stoßen werden, das den Blog ausschnüffelt und ihnen dann mit Mamas Online-Liebeserklärungen von 2019 das Leben zur Hölle machen wird. Außerdem, weil ich weiß, wie das ist, wenn man selbst gerade zwischen zwei Zyklen hängt und dann liest, wie herrlich chaotisch die Weihnachtsbäckerei mit den Kindern bei einer anderen lief und sich freuen will und irgendwie nicht kann aber doch so gerne will und trotzdem traurig wird und es ist alles einfach nur scheiße, wieso denn ich?

So.

Dann ist da immer noch die Krise, die Krise ist mal gut drauf und mal läuft sie Amok. Ich hab immer noch keine Ahnung, ob ich, ob wir das hinkriegen und wenn ja, wie, ob ich mich nicht so anstellen soll und das wird schon, ob das alles nur in meinem Fusselhirn ist oder einfach überall. Während einer Familienkrise über das Familienleben zu schreiben, ist einerseits eine Top-Idee, andererseits sollte es vielleicht lieber im privaten Tagebuch oder im Rahmen einer Therapie passieren als auf einer meterhohen Plakatwand direkt gegenüber von L.s Schlafzimmerfenster. Vielleicht, nur vielleicht.

Und dann war da neulich noch dieses Meeting, in dem einer meiner Chefs - den ich sehr mag, der ein feiner Mensch ist und der das bestimmt nicht böse gemeint hat, aber eben ein paar Sekunden zu wenig nachgedacht hat - etwas über mich sagen wollte, und plötzlich erschien an der Wand das grauenvolle Foto aus dem Spiegel-Spezial-Artikel damals, und die Temperatur in meinem Gehirn sank schlagartig um 20 Grad. “Wusstet ihr eigentlich, dass unsere Flora Millionen von Lesern hat?” hörte ich ihn aus zwei Kilometern Entfernung nicht ganz richtig sagen. Also, insgesamt schon, aber trotzdem bin ich schließlich nicht… egal. Sofort zogen mindestens vier Leute im Meeting ihr Telefon raus und fingen an zu googeln. Und dann waren wir auch schon wieder auf dem nächsten Chart, und hier sind wir nun. Noch mal willkommen an euch, lovely people aus einer der tratschigsten Branchen der Welt, mit denen ich jeden Tag an der Kaffeemaschine stehe und die sich zwar streng genommen auch hätten hergoogeln können, aber die mich vermutlich von alleine nicht gegoogelt hätten, es sei denn, sie hätten sich auch völlig unerwartet wie die meisten von uns unter den Abkürzungsleuten gefunden, und die nun auch, wenn sie das wirklich möchten, alles wissen über Hormonzirkus, die Zustände in meiner Bauchhöhle, über meine Geburten und wie das so war, über den ganzen Mist und Spaß, und wenn sich jemand vorstellen kann, wie sich das anfühlt, dann ja wohl ihr. Und hier sind wir jetzt. Ein großes Hallo!

Mein erster Impuls zurück aus dem Meeting war, den Blog zu löschen.

Das hab ich nicht getan, und das werde ich auch nicht tun. Und während mein Puls sich zurück in den zweistelligen Bereich gekämpft hat und ich die Phasen extreme Scham, Angst, Wut, ich kündige, why oh why (und wieso bitte dieses bescheuerte Foto, von allen Fotos weltweit von mir, das ich trotz Absprache so nie freigegeben habe, auf dem ich einen fleckigen verwaschenen Pulli trage und aussehe, als hätte ich gerade eine Marienvision und müsste dringend mal was Pflegendes für die Haare verwenden), starren die gerade, nein, die haben was Besseres zu tun zum Glück, doch, die starren, beruhig dich, Jenna Maroney - also alle Zustände des voll ausgeprägten Fusselhirns durchlaufen habe, habe ich irgendwie zu einer Haltung gefunden, die ich mir jetzt auferlegt habe wie andere Leute ein Schweigegelübde und mit der ich zu einer Art von Frieden gefunden habe: es ist doch ok. So ist das eben, wenn man im Netz über seinen ganzen Privatquark schreibt. Vielleicht ist sogar jemand dabei, der oder die auch gerade in dieser Lage ist und sich jetzt etwas weniger allein fühlt, das wäre schön. Ich bin ein großes Mädchen und sollte zu dem stehen, was ich hier tue. Das hier ist nämlich auch ein Baby. Es mag manchmal komisch aus der Windel riechen oder die Delfter Vasen umschmeißen, aber es ist doch meins.

Und dann ist da noch was. Agentur-People, ihr werdet es ja live mitbekommen, dass ich demnächst mindestens zwei Wochen nicht da sein werde. Da liege ich nämlich im Krankenhaus für das nächste und hoffentlich letzte Kapitel meiner Endometriose-Behandlung. Schon seit Monaten ist in meinem Bauch offensichtlich die Hölle los. Wie viel genau, weiß ich seit zwei Besuchen im Beckenboden- und Endometriose-Zentrum eines Hamburger Krankenhauses. Und am 29.3. werde ich darum operiert. Agenturleute, dies ist wirklich der Punkt, an dem ihr nicht weiter lesen solltet, wenn ihr das öffentliche Diskutieren medizinischer Details eklig findet. Ihr seid gewarnt.


Ich bekomme eine Bulkamid-Injektion neben die Harnröhre, die mein Pipiproblem aus der Welt schaffen sollte (der Beckenboden, ich war genauso überrascht wie ihr, das zu hören, ist gut in Schuss und “ordentlich trainiert”, na bitte). Dann werden noch verschiedene Endometriose-Herde rund um die Gebärmutter entfernt, unter anderem muss ein Stück aus meiner Darmwand ausgestanzt werden und eine richtig große Endometriose-Zyste ist dann hoffentlich auch weg. Und dann wird mir, so wie es aussieht, die inzwischen auch von Adenomyose und einem Rudel Myome zerschossene Gebärmutter entfernt. Ich bitte alle Abkürzungsdamen, von warnenden, mahnenden und entgeisterten Kommentaren abzusehen, ich will auch nicht hören, dass das ein typischer Fall von übergriffiger und ignoranter Männermedizin ist, dass es alternative uralte Heilmethoden gibt oder eine Klinik in Tschechien oder Kanada, die mein Problem anders löst. Auch nicht, dass ich nur an meiner Ernährung oder dem Feng Shui in meinem Schlafzimmer schrauben muss. Ihr könnt euch nicht vorstellen - wobei, vielleicht doch - wie weh das alles tut, wie müde das macht, wenn man immer blutet und Eisenmangel hat, wie gruselig das ist, wenn meine Gebärmutterschleimhaut meinen Darm frisst und wenn jeder Tag neue Merkwürdigkeiten mit sich bringt. Ihr könnt euch vermutlich schon etwas besser vorstellen, wie hart es für mich ist, mich von einem Körperteil zu trennen, mit dem ich schon so viel erlebt habe (und ihr irgendwie auch). Wie das ist, wenn einem ein Arzt erzählt, Kinder würde ich ja nicht mehr wollen, die würde also nicht mehr gebraucht und hätte ihren Job erledigt. Der hat es bestimmt gut gemeint und ja im Kern auch Recht, aber trotzdem: nicht gut. Und fast alle von Euch haben Erfahrung damit, sich unters Messer zu legen in der Hoffnung, auf diese Weise etwas besser zu machen und es bestimmt nie zu bereuen, aber genau weiß man es nicht. Das Ende meiner Fusselgebärmutter ist jedenfalls für mich ein fetter Einschnitt und fühlt sich an wie das Ende von viel mehr Dingen.

Ich verspreche, ich werde Euch - wann, weiß ich noch nicht - schreiben, wie das lief und irgendwann nach einer Schonzeit, ob ich endlich wieder laufen gehen kann. Falls ihr eine Frau mit wirrem Haar, Stöpseln im Ohr, hochrotem Kopf und nassgeheultem Gesicht im Hamburger Raum an euch vorbeirennen seht, das bin dann wohl ich. Und ob das dann das Ende des Blogs ist, weiß ich auch noch nicht.

Und dann wollte ich Euch noch erzählen, dass ich heute morgen um sechs Uhr aufgestanden bin und eine Domain gekauft habe. Ich habe sie direkt für zwei Jahre bezahlt, denn ich habe viel damit vor. Noch steht da gar nichts, aber das wird sich bald ändern. Sie wird genau so persönlich sein wie diese Seite hier. Sie wird manchmal bestimmt auch Abkürzungsthemen streifen, aber sich um ein komplett anderes Thema drehen, das mich jetzt in Atem hält, seit ich ca. zwei Jahre alt bin und mich bis ins Grab begleiten wird. Demnächst werde ich die ersten Posts schreiben. Und wenn es so weit ist, erzähle ich euch davon. Falls es also ein paar unter Euch gibt, die irgendwann wegen Abkürzungskram hier gelandet sind, dann aber trotz allem geblieben sind und vielleicht Lust haben, etwas Neues von mir zu lesen: ich freue mich auf Euch.

Sonntag, 27. März 2022

Diagnose Fusselhirn.

Seit vorgestern habe ich eine Diagnose, wenn auch nur eine vorläufige: mein Problem ist eine lokale Hirnfunktionsstörung. Auf einem EEG sieht man, dass einige Wellen immer mal wieder plötzlich langsamer werden, als sie sollen, und dann wieder hochfahren. Wenn es dabei bleibt, dann bedeutet das, dass ich keine klassische Epilepsie habe, und es kann auf jeden Fall den Anfall und die Aussetzer erklären. Es könnte auch in Zukunft dafür sorgen, dass das noch öfter vorkommt. Jenseits der Anfälle werde ich vermutlich nie was davon merken, mein ganz normales Tun und Denken und Fühlen ist davon nicht beeinträchtigt. Ich hab irgendwo schon immer geahnt, dass ich ein Fusselhirn habe, und jetzt weiß ich es genau. Noch sind nicht alle Untersuchungen ausgewertet, aber so sieht’s erst mal aus.

Und jetzt? Jetzt bekomme ich zwei Medikamente gegen Epilepsie. So wie ich das verstanden habe, bringen die zwar nicht meine lahmarschigen Nervenzellen auf Trab, aber sie machen die Anfälle unwahrscheinlicher, und das ist doch eine schöne Sache. Was habe ich gemacht, nachdem die Ärzte mit dieser Nachricht aus dem Zimmer waren und ich L., die Mädchen und meine Eltern angerufen hatte? Ich habe die Namen der Medikamente gegoogelt. Schlagt mich, ich hab’s getan. Und das von einer ehemaligen Abkürzungsdame! Ich müsste es besser wissen, selbst Schuld. Danach habe ich ein paar Stunden am Rad gedreht und mich als dumpfes, schlafloses, aggressives, uffjedunsenes oder wahlweise auch abgemagertes, von Übelkeit und Schwindel geplagtes, fremdgesteuertes Wrack vor mir gesehen. Abends um acht gab es die erste Dosis, die wird jetzt alle paar Tage gesteigert. Ich lag also da und habe mich in einen schönen theatralischen Super-Ego-Gau reingesteigert. “Das hier ist vielleicht die letzte Stunde, in der ich sicher sein kann, ich selbst zu sein” dachte ich mit RTL-würdigem Pathos und dann noch verschiedene andere Dinge in diese Richtung. Nachts um zwei lag ich da und dachte allen Ernstes, “Siehst du, Müdigkeit. Da geht’s schon los.” Dann bin ich aufgewacht und habe mich darauf besonnen, dass ich, was abstruse Medikamente betrifft, verdammt noch mal kein Rookie bin. Und dass ich das alles schon mal durch hab, mehr als einmal. Und das ich damals eine Strategie gewählt habe, die mir geholfen hat: erstens nicht unterzugehen in Selbstmitleid, und zweitens, mir nicht einzureden, alles wäre noch viel schlimmer, als es wirklich ist. Nämlich: Erst mal abwarten, wie wild es wirklich wird. Mich auch nicht dauernd selbst beschwichtigen, sondern einfach immer mal wieder zwei Schritte zurück treten und eher beobachten als erleiden, was genau da jetzt passiert. Und dann vielleicht darüber schreiben. Wie in alten Zeiten! (Wenn auch mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass der Hormonrummel immer nur für ein paar Wochen angesetzt war und das hier vermutlich für immer ist.) Wie in alten Zeiten. Wenn es eine bessere Vorbereitung auf Nebenwirkungen gibt als Enantone, Crinone und Menogon, dann möchte ich sie nicht kennen lernen.

Samstag, 19. März 2022

Besser dran als z.B. Theon, Cat oder Jaime

Ich habe so gut wie nie Fotos von mir auf diesem Blog veröffentlicht, aber heute könnte ich das eigentlich ohne Bedenken tun. Auf meinem Kopf ist eine Haube, die ungefähr die Form hat, die im 15. Jahrhundert die Hauben von Nonnen hatten. Sie beginnt auf Höhe meiner Augenbrauen, umschließt den ganzen Kopf und ist mit einem breiten Streifen unterm Kinn befestigt. Unter der Haube sieht man Drähte, die am Hinterkopf in einer Art Schlauch aus Verbandsmaterial gebündelt sind. Dann noch die Maske. Vermutlich hätte selbst meine Mutter Schwierigkeiten zu erkennen, dass ich das bin. Das ganze Gelöt wurde heute morgen an meinem Kopf befestigt, und mich hat es stark an sehr, sehr alte Zeiten erinnert, als man sich unter Mädchen manchmal gegenseitig einen Bauernzopf geflochten hat.

Vier Nächte lang bin ich jetzt auf einer Station, auf der tatsächlich Tag und Nacht ein EEG mitläuft. Ich hoffe, ich überstehe die vier Tage, ohne einfach die Drähte zu vergessen und sie so abzureißen, das wäre blöd. Ich hoffe auch, dass meine Haare nicht zu fettig werden in der Zeit und dass ich schlafen kann damit. Was ich davon abgesehen hoffen soll, weiß ich nicht so richtig. Folgende mögliche Ausgänge dieses Klinikaufenthaltes fallen mir jetzt gerade ein:

1. Es stellt sich heraus, dass ich tatsächlich eine Form von Epilepsie habe, und es gibt ein Medikament, das mich vor weiteren Anfällen jeder Art bewahrt. Das Medikament hat nach ein paar Tagen keine erkennbaren Nebenwirkungen mehr und wirkt tatsächlich. Nach einer kurzen Phase, in der ich dem Frieden noch nicht so richtig traue, lasse ich das fiese E hinter mir und kann bald wieder allein Schwimmen gehen, Wandern gehen, kaufe mir ein neues Lastenrad und, wer weiß, kann vielleicht eines Tages wieder Auto fahren?

2. Ich habe zwar Epilepsie, aber es ist nicht so einfach, das richtige Medikament dagegen zu finden. Vielleicht vertrage ich es nicht gut. Vielleicht fährt es nur die Wahrscheinlichkeit von Anfällen herunter, aber sicher sein kann ich mir nie wieder. Vielleicht ist für diese Sorte ein Medikament einfach nicht genug. Diese Möglichkeit, ich weiß nicht, wie's Euch geht, klingt für mich nicht erstrebenswert.

3. Ich habe keine Epilepsie, sondern meine Probleme haben eine andere Ursache. Diese Ursache wird aber schnell gefunden und lässt sich auch gut beheben.

4. Ich habe keine Epilepsie, es gibt eine andere Ursache, und diese Ursache stellt sich als ein ganz neues, frisches Problem heraus. Wenn das passiert, sehen wir weiter.

5. Ich habe jedenfalls keine Epilepsie, aber es ist auch nicht zu erkennen, was sonst los ist. In knapp zwei Wochen fahre ich nach Hause, und wir sind kaum schlauer. Ich muss weiterhin all das sein lassen, was ich in den letzten zehn Monaten schon gelassen habe. (Wenn ich zum Beispiel mal baden will, muss ein Kind Wache schieben und notfalls schnell Papa rufen. Schwimmen nie allein. Dreimal überlegen, ob ich wirklich den Porzellanladen betreten will. Usw.) Auch diese Möglichkeit will ich nicht.

Müsste ich jetzt, in diesem Moment, eine Wette abschließen, würde ich auf Möglichkeit 5 setzen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich hier über weite Strecken wie eine Simulantin fühle. Viele Mitpatienten, die ich hier auf dem Flur gesehen habe, sind offensichtlich in jeder Hinsicht schlechter dran als ich. Mir geht's gut, ich hänge Stinkfaul herum, gucke aus dem Fenster, lese, schreibe, glotze die zuhause schon runtergeladenen Folgen Game of Thrones, und auch in Game of Thrones geht's fast allen schlechter als mir. (Ok, sagt ihr vielleicht, wenn DAS die Messlatte sein soll...) Ich habe mir einen schicken Pukka-Tee mitgebracht, den schlürfe ich. Ich hab sogar mein Yogazeug dabei in der Illusion, ich würde ausgerechnet hier über Tag zwei einer der 30 Tage-Yoga-Challenges herauskommen (aber zweimal hab ich die Matte schon ausgerollt! Ehrlich!). Ich hab meinen Rechner und meinen Kindle und mein Telefon und meine Bücher, und vorgestern hat eine Freundin mir einen riesigen und wunderschönen Blumenstrauß geschickt, der steht jetzt auf der Fensterbank. Dreimal am Tag bekomme ich etwas zu Essen, zwischendurch knuspere ich Reiscracker und Nüsschen. Das ist doch nicht krank! Meine Mutter versorgt meine Tochter, L. kümmert sich um die Jungs, in der Agentur haben sie einen sicher stinketeuren Freelancer an meiner Statt gebucht, und bei meiner Krankenkasse glüht der Zähler mit den Gesundheitskosten, die ich diesem wackeren Laden schon verursacht habe. Und hier sitze ich, beömmele mich über meinen Kopfschmuck und trinke Pukka Joy Tee. So viel Freundlichkeit, Sorgfalt, Fachwissen, Einsatzbereitschaft - ich kann nicht anders als mich als Schwindlerin zu fühlen. Ich muss mich tatsächlich immer wieder dran erinnern, dass das wirklich passiert ist damals im Mai. Und das andere danach auch. Dass ich wirklich Angst deswegen habe. Dass ich wirklich seitdem furchtbar schreckhaft bin. Manchmal gehe ich die Straße entlang, und neben mir auf dem Radweg fährt jemand vorbei, und ich zucke zusammen wie in der Geisterbahn, weil er eine bunte Jacke trägt, mit der ich nicht gerechnet hatte. Oder der Wind weht ein Papier vorbei, und mich trifft fast der Schlag. Oder jemand spricht. Oder ein Krankenwagen macht die Sirene an, und ich würde mich am liebsten auf den Boden werfen, die Hände über dem Kopf. Fast alles fühlt sich plötzlich so an, wie wenn man eine Treppe runterläuft und mit einer Stufe mehr gerechnet hätte, als tatsächlich da ist. Und jetzt hoffe ich einfach weiter schwer, die geballte Intelligenz, Empathie und Fachkenntnis der Leute hier kommt diesem Zustand auf den Grund.

Samstag, 26. Februar 2022

Jenseits von Lililand.

Vorweg: Ja, ich sehe die Nachrichten. Ich sehe nicht nur die Nachrichten so gebannt wie zuletzt rund um die Biden-Wahl, sondern ich schrecke nachts um elf, um zwei, um vier hoch und gucke, was der Tagesspiegel und meine anderen Nachrichten-Apps zu berichten haben. Ich bin vor Sorge und Mitleid und Wut und Beklemmung fast krank. Und jetzt schreibe ich einen Post über ein völlig anderes Thema. Also, los geht's.

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich als Kind vollkommen wild, von der ersten Sekunde an hooked war, wann immer es um Videospiele aller Art ging? Ich meine, viel war ja erst mal nicht. Aber das, was es da gab bei anderen Kindern und deren großen Geschwistern, war für mich damals unfassbar toll. Nicht zu glauben, dass es Kinder gab, die jeden Tag Zugang zu so etwas hatten, so viel sie wollten! Die Eltern meiner Freundin Manu hatten irgendwann an ihre dicke Glotze das Spiel "Pong" angeschlossen. Das war, so weit ich weiß, das erste Videospiel überhaupt. Zwei Spieler steuerten zwei Balken mit jeweils einer Fernbedienung, die so groß war wie ein Stück Butter. Damit spielten sie eine krude Simulation von Tischtennis, daher "Pong". Hätte man mich in dem Haus allein gelassen und vergessen, hätte ich vermutlich drei Tage lang Pong gespielt und dazu die üppigen Kellog's-Smacks-Vorräte aufgegessen und mir jedenfalls keinen Kopf gemacht. Manus große Schwester hatte dann irgendwann sogar einen eigenen Computer in ihrem Zimmer. Auf dem liefen Spiele, die auf Cassetten gespielt waren und dann auch tatsächlich in eine Art Cassettenrekorder gesteckt wurden. Nicole war nett, aber schon 15, und sie war nur manchmal in der Stimmung, zwei zwölfjährige Nervensägen in ihr Zimmer zu lassen. Aber wenn - oh Gott. Pacman war tatsächlich mehr als die Entschädigung für viele kleine Nickligkeiten und Schäbigkeiten, die ich mir schafartig von Manu gefallen ließ, seit sie nicht mehr auf die gleiche Schule ging wie ich und neue, bitchigere Freundinnen hatte. Ich kann mich auch noch an einen Skiurlaub erinnern, bei dem im Keller ein Arcade-Automat mit Donkey Kong stand. Ich habe mein ganzes Taschengeld da reingesteckt, und während der zehn Tage habe ich es tatsächlich dreimal auf Level 3 (das, bei dem die T-Träger wie Aufzüge funktionieren) geschafft. Meine Hingabe ging also nicht Hand in Hand mit irgend einer Art von Talent. Noch mal zwei Jahre später hatte meine Freundin Sabine auf der Skifreizeit mit dem Sportclub ein Handheld-Spiel dabei, bei dem man eine Kellnerin war, die ein Café voller ungeduldiger Gäste sehr zackig bedienen musste. In diesem Urlaub ging mein Taschengeld für neue Batterien für das Ding drauf. Wäre nicht das lästige Skifahren dazwischen gekommen, hätte ich den ganzen Tag in einem muffigen Etagenbett gelegen und gedaddelt, gedaddelt, gedaddelt. Nein, ganz so war es auch nicht, ich hatte Spaß am Skifahren, aber weg vom elterlichen strengen Auge so ein Ding in der Hand zu halten - kaum zu toppen.

Ja, nun bin ich der Großvater oder so ähnlich. Und seit Weihnachten haben wir zuhause eine Nintendo Switch. Glaubt es oder nicht, es war L.s Vorschlag. Ich wäre nie damit angekommen, denn ich wäre mir sicher gewesen, er erklärt mich für bekloppt. Unsere Kinder haben das Pech, in einen dieser Bildschirmzeit-lässt-sich-kaum-vermeiden-aber-wird-strengstens-kontrolliert-Ausnahmen-bestätigen-die-Regel-Haushalte geraten zu sein. Ich weiß, was ich ihnen schuldig bin, auch wenn ich tief drinnen immer noch vollstes Verständnis habe, wäre ich doch selbst gern mal ein paar Stunden mit dem Ding allein. (Donkey Kong kann man sich im e-shop laden. Hab ich das gemacht? Na ratet mal.) Zu Anfang hatten wir Mario Kart. Mario Kart ist toll: in einer liebevollen, witzigen Nintendo-Welt fährt man in Gestalt von Princess Peach oder Tanuki-Mario Rennen auf selbst zusammengestellten Autos und Motorrädern. Die Rennen führen durch Sahnetortenschlösser, Inka-Ruinen oder durch das wie irre blinkende Discodrom. (Sollte ich als vielleicht-Epileptikerin da mitmachen? Hm. Also erstens bin ich zuhause auf dem Sofa und stehe nicht in einem felsigen Berghang, während ich fahre. Und zweitens: ja, wenn ich nur zugucke - vier Controller für fünf Familienmitglieder - dann spüre ich so etwas wie einen Sog und gehe schnell nach nebenan. Aber wenn ich selbst fahre, kein Problem. Und wenn ich was mitzureden habe, dann dirigiere ich den Rennkurs eher weg vom Discodrom.) Ein Grand Prix besteht aus vier Rennen und dauert mit Auto-Auswahl ungefähr 15 Minuten. Wenn wir also wollen, können wir uns alle auf dem Sofa versammeln, fahren zwei davon - einen mit L., einen mit mir - und haben eine halbe Stunde lang richtig Spaß. Die Kinder machen das unfassbar gut, niemand quengelt, dass er noch einen dritten Grand Prix will, alles ist vollkommen im Ordnung.

Dann kam Animal Crossing. Animal Crossing New Horizons genauer gesagt. Das hatte L. gleich zusammen mit der Switch bestellt. Am ersten Feiertag haben wir es mal ausprobiert, sind aus irgend einem Grund nicht richtig reingekommen, und dann haben wir es beiseite gelegt. Dann habe ich von 18 Seiten gehört, wie toll und kindgerecht und niedlich das ist, und habe mich noch mal reingefuchst. Und dann, tja, dann waren wir drin.

Animal Crossing New Horizons ist ein Spiel, bei dem man zu Anfang einen putzigen, menschlichen Avatar für sich baut. Dann fliegt man auf eine kleine Insel, die von nun an das eigene Reich ist. Unsere hat viele Klippen und Flüsse, ist mit Kirschbäumen bewachsen und heißt Lililand. Dort hat man noch ein paar Mit-Robinsons und ein Team aus drei Waschbären, die den Flug begleiten. Und dann geht's los. Erst mal wohnt man in Zelten, dann gibt es den Upgrade zu kleinen Häusern. Man wandert herum und beguckt sich die Landschaft, man sammelt Stöcke und Früchte und Rohstoffe, man baut Sachen und fängt Insekten und Fische und verkauft Dinge, für die man dann Sternies bekommt. Man bekommt auch Meilen für erreichte Meilensteine wie z.B. den fünfzigsten gefangenen Fisch oder viele freundliche Gespräche mit Nachbarn. Mit der Zeit hat man den Bogen raus, und die Insel kann sich weiter entwickeln. Neue Bewohner ziehen ein, Händler kommen zu Besuch, man kann auch auf andere Inseln fliegen und gucken, was man dort so sammeln kann. Das alles fühlt sich in den ersten paar Stunden an wie die niedlichen kleinen Zwischen-Missionen, die es in den alten Zelda-Spielen gab, und ich hab den leisen Verdacht, dass dieses schöne Gefühl - mal keine Monster bekämpfen oder Rätsel knacken, sondern dem netten Wicht aus dem niedlichen Dorf dabei helfen, seine zehn Hasen wieder einzufangen - die Inspiration dazu gewesen sein könnte, daraus doch ein ganz eigenes Spiel zu machen. Es ist schön in Animal Crossing. Ruhig, entspannt, bis vor kurzem lag noch Schnee, da knirschte es so schön beim Laufen, und es ist immer irgendwas Kleines zu tun. Die Kinder waren auch sofort wie eingesaugt. Ein paar Tage haben wir es laufen lassen. Dann war es ziemlich schnell so weit, dass die Jungs mich beim Abholen aus der Schule als Erstes fragten "Mama. Dürfen wir Animal Crossing? Büttööö!". L. und ich runzelten die Stirn und reglementierten, ich richtete eine Kindersicherung für die Switch ein, mit der man höchstens 30 Minuten am Tag spielen kann, ohne einen Code einzugeben und mein Telefon mir alles petzt, was auf der Switch passiert. Das Ergebnis war, dass L. eines Nachts auf dem Weg aufs Klo ein Geräusch aus dem Zimmer des Großen hörte und ihn dann dort um 2:30 fand, wie er unterwegs in Lililand war. Ein Kind, das jeden Morgen nur unter größtem Protest aus dem Bett zu holen ist und angetrieben werden muss wie ein Muli, um dann um halb acht angezogen und mit gepacktem Ranzen in die Schule zu gehen. In dieser Nacht hat L. einfach die Switch entstöpselt und weggeräumt. Und hier stehen wir nun.

Ich bin der Meinung: nicht die Switch ist das Problem, sondern Animal Crossing. Ein Spiel mit so wenig Struktur und Grenze ist nichts für Kinder. Mit 20 Minuten kommt man auf Lililand nicht weit, allein bis es fertig geladen ist und man tatsächlich loslaufen und Dinge tun kann, dauert es. Zwar kann man zu mehreren gleichzeitig auf der Insel sein, aber immer nur einer kann bestimmen, was gemacht wird, die anderen dürfen nur hinterher rennen. Und es gibt nie einen guten Punkt, um aufzuhören. Selbst wenn man drei Stunden spielen würde, wären da immer noch Schneeflocken oder Fische zu fangen, Schneemänner zu bauen, Löcher zu graben, Fossilien zu bestimmen oder ein Gartenstuhl zu bauen. Man geht immer mit dem Gefühl, die Arbeit liegengelassen zu haben, und das gleich dreimal, wenn man sich nicht selbst losreißt, sondern Mama sagt, jetzt ist Schluss. Meine Kinder, deren Kinderzimmer regelmäßig in einen Zustand der Unbewohnbarkeit abgleiten, wenn ich nicht wider meine Überzeugungen ab und zu Heinzelmännchen spielen würde - dass die so einen Spaß an einem Spiel haben, bei dem es im Grunde um Haushaltsführung und Aufräumen geht, das hat seine ganz eigene Ironie. Also: Schluss mit Animal Crossing, bitte wieder her mit Mario Kart. Die bunte Gang fehlt mir. Ich setze die Kindersicherung hoch auf null Minuten, dann geht ohne elterlichen Code gar nichts mehr, und dann gucken wir mal.

L. dagegen sieht es so, dass hier ein harter Schnitt her muss. Jetzt wieder Rennen zu fahren, ist in seinen Augen ungefähr so, wie einem Alkoholiker zu empfehlen, in Zukunft nur noch Bier zu trinken. Noch ist nicht ausgefochten, wie wir es machen. Demnächst kommen mehrere Upgrades mit neuen Rennstrecken, und dann wird es irgendwann auch Bewegungsspiele geben wie damals für Wii sports. Die würde ich zu und zu gerne erleben. Wie macht ihr das bei euch zuhause? Ich würde mich über ehrliche Antworten freuen (nachdem ich in letzter Zeit häufiger den Verdacht hatte, die anderen Mütter erzählen mir eh nur das, wovon sie annehmen, dass es sie streng und konsequent und damit gut dastehen lässt.)

Also: wie sieht es bei euch aus mit dem ganzen Bildschirmthema? Wie regelt ihr das? Und funktioniert diese Regelung, oder gibt es dauernd Stunk? Und die noch aktiven Abkürzungsdamen: an dem Thema kommt man auch ohne Kinder kaum vorbei, mir jedenfalls ging es damals so. Wie würdet ihr es machen? Ich hatte damals einen Plan, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, der war für die Tonne.

Sonntag, 13. Februar 2022

602

Seit 602 Tagen habe ich keinen Alkohol getrunken. Nachdem mein letzter Kater zwei Tage dauerte, ist heute damit der Tag, an dem ich seit 600 Tagen katerfrei bin. Und das heute, wo L. gestern beim HSV war und sich mit seinen Freunden so die Kante gegeben hat, dass er sich auf der Rückfahrt ins eigene Hemd gekotzt hat. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie ich das alles in der Zeit vorher überhaupt gemacht habe. Wie ging das, mit Kopfweh und Übelkeit und nur vier Stunden Schlaf morgens aufzustehen und drei trödelnde, müde Kinder schul- und kitafertig zu machen? Oder Spieldates zu überstehen mit der Sorte Kinder, die alle zwei Minuten maulig neben einem auftauchen und irgendwas petzen? Wie hab ich gearbeitet? Und gar nicht mal so wenig und gar nicht mal so schlecht? Wie habe ich die Wäsche und den Abwasch und all das unter Kontrolle gehalten? Wie habe ich Streits mit L. überstanden? Ich weiß es nicht mehr, und ich will es auch nie mehr. Ich war ja nicht jeden Tag verkatert. Auch nicht jeden zweiten. Aber der Grundkater, über den ich vorher schon mal geschrieben habe, dieses allgemein beschissene Gefühl, das sich so tief eingenistet hat, dass man es gar nicht mehr so richtig bemerkt, wenn man nur oft genug Alkohol trinkt - der war immer da. Es ist, als sollte ich mir mein jetziges Leben vorstellen, nur eben immer mit einem vollen Kasten Wasser in der einen Hand. Oder immer in High Heels. Bei denen ein Absatz einen Zentimeter höher ist als der andere. Oder immer mit Celine Dion im Hintergrund. Oder in einer Atmosphäre, in der immer gerade jemand mörderisch gefurzt hat. Und immer, wenn ich das Gefühl habe, ich brauche eine kleine Aufmunterung, dann gucke ich auf meine App, die für mich mitzählt, wie lange das jetzt schon so geht, und dann bin ich ein bisschen stolz. Und das heißt nicht, dass ich komplett vergessen habe, wie lustig es oft war mit mir und der guten alten pinken Brause. Wie viel Spaß wir zusammen hatten. Gerade gestern habe ich wieder ein paar alte Tagebücher von ca. 2004 durchgeguckt, da war was los! Aber so, jetzt, hier, für mich und nur für mich, ist es eindeutig besser. Wird sich das noch mal ändern? Keine Ahnung. Bleiben Sie dran.

Freitag, 4. Februar 2022

Somewhere over the Taschentuchberg

An einem Sonntag Vormittag über einen Flohmarkt in der Nähe bummeln. Ganz in Ruhe, mit einer Tüte Pommes Mayo in der Hand. Eigentlich nichts suchen, aber dann nach einer Stunde mit einem Salatbesteck, verschiedenen niedlichen Gläsern, einer alten Rührschüssel, vier Kinderbüchern, ein bisschen Playmo und einem Paar Stiefel nach Hause kommen, und der Tag hat gerade erst angefangen.

Schnupfen und Husten, die einfach nur Schnupfen und Husten sind. Zum Beispiel bei anderen Leuten im Bus. Oder bei anderen Kindern in der Kita. Oder bei Leuten, die vor einem in der Supermarktschlange warten.

Nie wieder eine Kampagne ausdenken und umsetzen müssen, die den Leuten sagt, dass die XY AG gerade jetzt für sie da ist. Die das Thema sorgsam umschifft oder von Zusammenhalt spricht. Die mit Plan B und C durchgerechnet wird. Die irgendwie Freundschaft und Party und Familie zeigt, aber halt, falls ihr versteht, was wir meinen, ohne Freunde und Party und Familie. Euch fällt da bestimmt was ein.

Die Kinder laufen lassen und spielen lassen und sich treffen lassen und Lutscher tauschen lassen. (Wenn es so weit ist: Mann, werden das alte Hasen sein! Veteranen.)

(Und ja, obwohl das alles weit hinter mir liegt, denke ich in den letzten Tagen öfter an die Abkürzungsdamen und -Herren da draußen. Mir hat es meinen schicken Klinikaufenthalt verhagelt, der wäre wichtig gewesen. Aber ich will mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, in diesen Zeiten eine so wichtige, stressige und sauteure medizinische Prozedur zu planen wie einen vollen IVF-Zyklus, bei dem man so dermaßen darauf angewiesen ist, schon an Tag A zu wissen, dass an Tag B alle beteiligten negativ sein werden. Dicken digitalen Drücker an euch alle da draußen.)

Die alten schönen Großstadtgeräuschkulissen wieder hören. Freibad an einem Sommertag, Fußball, Straßenfest. Nicht mehr nur die blöden Großstadtgeräuschkulissen wie Flugzeuge, UBahn, aufgemotzte Schleuder an der Ampel mit Fahrer, der Angst hat, dass wieder keiner guckt.

Geburtstag feiern, wenn jemand Geburtstag hat. Und nicht, wenn die Werte danach sind.

Barnüsschen. Naschi-Schalen in der Agentur. Selbstgebackener Kuchen, den die nette Art Direktorin mitgebracht hat für alle, einfach so. Sachen mit Zahnstochern drin auf dem Markt oder an der Käsetheke. Mal abbeißen und mal abbeißen lassen.

Essen kochen für andere Leute als meine unmittelbare Familie. Das heißt, für Leute, die nicht quengeln, wenn da Kapern drin sind oder Sardellen oder Zitronen oder Petersilie oder Salbei oder Koriander oder Gorgonzola oder Fisch oder Nudeln, die keine Hörnchennudeln sind.

Und, worauf freut ihr euch, wenn das hier vorbei ist? Frage ich mich in diesem kleinen Aufmunterungsversuch für mich selbst, nachdem an Tag 6 immer noch der Kopf schmerzt und voller Schleim ist, ich kaum die Arme heben kann und irgendwie alles Mist ist.

Donnerstag, 3. Februar 2022

Popeldipopeldipositiv. Positiv, nicht negativ.

Eigentlich hätte mir ungefähr ab heute auf der Epilepsie-Station die Routine in Fleisch und Blut übergehen sollen. Die ersten Mitpatienten hätte ich vielleicht schon am Gang erkannt oder am Räuspern. Ich hätte die Schwestern und Pfleger zumindest alle einmal gesehen und wüsste, ob man vom Kartoffelsalat lieber die Finger lässt und ob der Kaffee ein Grund ist, grundsätzlich auf Kräutertee umzusteigen. Vielleicht hätte es sogar schon erste Erkenntnisse dazu gegeben, was genau mir da widerfahren ist und warum und ob es noch mal passiert und wie wir damit umgehen können. Eigentlich sollte sich auch meine Tochter ungefähr jetzt richtig eingelebt haben bei Oma und Opa und auf dem besten Weg in die Heimwehfreie Zone sein, und die Jungs und L. hätten sich zu dritt vermutlich auch schon zurechtgeruckelt. Und jetzt hab ich halt Corona.

Der große Mist ist, ich habe es wirklich. Ich bin echt krank. Ich habe Fieber, Husten, Schnupfen, bzw. einen richtig bis in die Ecken zugeschleimten dumpfigen Kopf, ich fühle mich unendlich schlapp. Mit dem Epilepsiezentrum habe ich gesprochen, wenn ich Pech habe, dann muss ich jetzt wieder vier Monate warten, bis ich dort aufgenommen werde. Vielleicht können sie mich spontan dazwischen quetschen. Nur ist spontan schwer, wenn ich eine zwei-, vielleicht auch dreiwöchige Abwesenheit mit Job und drei Kindern vereinbaren muss und kein Trümmerfeld zurücklassen will, dass mich dann in so einer wichtigen Zeit um den Schlaf bringt. Wenn ich mich aufbauen will, dann denke ich drüber nach, wie es mir gehen würde, wenn ich nicht zweifach geimpft und geboostert wäre. Das hier ist die harmlose Variante. Hätte alles viel schlimmer kommen können! Ich gucke in den Spiegel und erkenne mich selbst kaum hinter diesen kleinen roten Augen, den ganzen Schatten und der plattgelegenen Frisur. Sollte es unter meinen Leserinnen tatsächlich Impfverweigerer geben - glaube ich irgendwie nicht - weiß ich schon auch, dass ihr jetzt nicht auf mich gewartet haben, um euch zu erzählen, dass ihr euch mal lieber schnell doch noch impfen lassen solltet, das haben schon ganz andere versucht. Aber - nein, ich lass es.

Samstag, 29. Januar 2022

Tada.