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Freitag, 26. Februar 2010

Nichts geht richtig

Gerade ist wieder mal so ein bekloppter Zwischenzustand, ich habe das Gefühl, L. und ich vermurksen unser Leben. Nicht unser ganzes Leben und auch nicht gleich die nächsten Monate mit, aber die Tage vergehen auf so eine komische Art. Ich bin nicht gebucht, das heißt, der Tag steht mir erst mal zur freien Verfügung. Theoretisch. In Wahrheit wache ich morgens deutlich vor acht davon auf, dass der Hund raus muss, und dann muss nun mal der Hund raus. Sie ist ein kleines, zauberhaftes Fellbündel, so ein Wunderhundekind zerrt man nicht wie irre hinter sich her, sondern lässt ihr Zeit, auf einem Spaziergang die Welt zu entdecken und zu erschnuppern. Und wenn es verdammt noch mal morgens halb acht ist, dann ist es eben halb acht, dass weiß doch Lili nicht! Sie schnuppert also. Dann zurück nach Hause. Dann kurz Tee, zu dem ich eigentlich gerne einen Post schreiben würde, das geht aber nicht so richtig mit Schmackes, weil L. sich diesen Moment ausgesucht hat, einige grundlegende Dinge mal anzuschneiden. Inzwischen ist klar, es lief zwar im Januar, und der Februar fing mit guten Vorzeichen an, aber auf Dauer geht es so nicht. Ich muss wohl einsehen, dass das nicht zusammengeht: ein planbares Leben, das Geld kostet, und ein nicht planbarer Job. Also zurück in die Mühle, nur in welche? Und zu welchen Bedingungen? Und kann ich überhaupt Bedingungen stellen, oder gehört mir einfach mal ordentlich der Hintern versohlt dafür, dass ich überhaupt auf die IDEE komme, Bedingungen zu stellen? Ich liege in den Kissen, den erkaltenden Tee neben mir, den Rechner mit dem angefangenen Murkspost auf den Knien, und L. liegt neben mir und stellt die großen Fragen. Dann rührt sich Lili, es ist klar, sie muss wieder raus. Also raus. Dann komme ich wieder rein, wir diskutieren zu Ende, nebenbei schreibe ich zwei-drei Emails mit Jobbezug, nur eben möglichst beiläufig, so dass L. nicht denkt, die Olle hört nicht zu. (Zuhören ist übrigens wirklich nicht meine Stärke, er hätte jedes Recht der Welt, sich aufzuregen.) bv 1 rewoijdü09 (die letzten Zeichen wurden von Lili geschrieben. Mit Sicherheit nicht der dämlichste Teil dieses Posts. Talentiert, die Kleine! Hab ich zu viel versprochen?) Dann vergeht, ich weiß nicht wie, eine Stunde, ich gucke auf die Uhr und renne unter die Dusche, kann doch nicht sein, dass der Tag so verdampft, obwohl ich um halb acht das erste Mal vor der Tür war? Kaum geduscht, muss Lili wieder raus. Statt in frische Kleider zu springen, springe ich etwas widerwillig in die von heute morgen, die jetzt schon mit einem Kilo Matsch überzogen sind. Na gut. Dann stehen wir wieder auf der Wiese, ich werfe Stöckchen und schlichte Hundekämpfe, sammle Häufchen auf und lobe für Pisch, und frage mich: es ist jetzt halb zwölf, und ich hab noch nichts gemacht!!! Noch nichts! Der Tag wird danach nicht besser. Obwohl ich jetzt eine Liste machen könnte, auf der an erledigten Dingen für heute stehen könnte:
- fünf mal mit Lili draußen gewesen
- die Löcher im Flur gespachtelt
- Tapetenreste abgekratzt
- gekocht und abgewaschen
- eingekauft und Geld geholt
- zwei Maschinen Wäsche gewaschen und aufgehängt
- einen Kuchen gebacken
- gespült, noch mal gespült, Spülmaschine ein- und ausgeräumt
und noch ein paar Sachen, die mir jetzt nicht mehr einfallen, fühlt sich der Tag wie ein einziger Haufen Murks an. (Vielen Muttis geht es vermutlich ähnlich.) Es war nicht Nichtstun, es war auch nicht Arbeit, es war kein Spaß und keine Erholung, es war keine Schufterei, aber jetzt ist es zehn vor acht, und ich könnte mich so wie ich bin ins Bett legen und sofort einschlafen. Das ist kein Leben für eine Erwachsene. Frei zu haben ohne frei zu haben meine ich. Als ich heute zum fünften Mal mit Lili auf der Wiese stand, überkam mich die ganze Murksigkeit meines Daseins wie ein nasskalter Schneeball ins Genick. Tiefe Melancholie. Und der Plan verhindert tröstendes Saufen. Ich bin so schon deutlich über dem Schnitt. Wieso muss bei mir immer alles mit Schuldgefühlen funktionieren, so dass ich mir pausenlos selbst im Weg stehe wie mein eigenes Fräulein Rottenmeier? Ein Kreuz ist das!

(Eine ziemliche Frechheit von einer, die gerade bequem zurückgelehnt darauf wartet, ob sie nun in ein Häuschen im Grünen einziehen kann oder nicht, denkt ihr? Das denke ich auch, aber das macht es nicht weniger wahr und nicht weniger doof.)

Freitag, 29. Januar 2010

Gestern Abend, beim Abheften meiner Klinikunterlagen

Wir werden jetzt nämlich erwachsen. Mit eigenem Rechner, mit selbständiger Steuernummer, mit Hund und Ehemann und jetzt auch mit Ordner für Steuerkram und Bankkram und Versicherungskram und Eierkram. Jedenfalls hatte ich alle Rechnungen und Rezepte und Verträge und Informationsblätter vor mir liegen, hab sie noch mal gut durchsortiert und festgestellt, dass der Papierstapel nach zwei IVFs und einer Kryo-Übertragung einen Zentimeter dick ist. Dann hab ich Löcher in all die Papiere gestanzt und sie abgeheftet. Nun kommen sie mir nicht mehr jedes Mal zwischen die Finger, wenn ich bloß eine Briefmarke suche oder meine TANs für die Bank. Aber aus irgend einem blöden, sentimentalen Grund hab ich es irgendwie nicht übers Herz gebracht, auch Löcher in die Therapiebögen zu stanzen. Dabei sind die so hundertmal gefaltet, zerknittert und durchgerockt - aber trotzdem haben sie als einzige eine Klarsichthülle spendiert bekommen. Eines Tages, wenn es geklappt hat, bekommen sie vielleicht sogar einen Bilderrahmen. Vorher ist es ganz gut, dass sie aus den Augen sind.

Damit zu den Standards:
Das Tier: Das Tier bekommt nun jeden Tag eine andere Aufgabe, und die braucht es auch dringend. Wie sich zeigt, ist Lili nicht damit ausgelastet, täglich ca. zwei Stunden spazieren zu gehen, jeden Ast auf dem Weg zu zerkauen, jeden Grashalm ausführlich zu beschnüffeln, sich mit jedem Passanten anzufreunden und mit jedem Hund zu spielen, vom Labrador bis zum Pekinesen. Da bleibt immer noch genug Energie übrig, um ein kleines Airedale-Kraftwerk aufzumachen, mit dem man halb Hamburg versorgen könnte. So lange die Technik noch nicht so weit ist, muss ich mir was anderes einfallen lassen. Gut. Heute ist der Tag, an dem sie lernt, nicht mehr an Frauchen zu knuspern. Halbherzig hab ich das auch schon in den letzten Tagen versucht, aber heute wird's ernst. "Gar nicht knuspern?" Nein, kein kleines bisschen. "Auch nicht an der Hand?" Nein. "Am Bein?" Nein. "Haare?" Njet.

Der Plan: Es sind schon eine Menge Striche auf der kleinen Leinwand neben meinem Bett. Jedenfalls mehr als 100/10 geteilt durch 12 Monate. Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich auch nichts anderes erwartet. Wichtig ist auch nicht, dass es mehr sind als am 1.Januar geplant. Viel wichtiger ist, dass es mit Sicherheit nur halb so viele (oder sogar noch weniger) sind wie in einem anderen Januar der letzten zehn Jahre. Vermutlich werde ich die 100 nicht schaffen. Aber noch werfe ich die Flinte nicht ins Korn. Ziel der Sache war, weniger zu trinken, und im Moment trinke und rauche ich wirklich viel weniger. Da sind immer noch Abende mit Mädchen oder Familie oder Kaminfeuer, die ich mir schlecht vorstellen könnte ohne lecker Cremant oder Rotwein. Aber da sind auch ganz viele Abende auf dem Sofa oder vorm Rechner, an denen es früher auch was zu trinken gegeben hätte, kistenweise Feierabendbierchen, die ich jetzt nicht trinke, sondern stattdessen die leckersten Tees, die ich auftreiben kann. Und das geht gut, ich fühle mich besser, kann mich besser konzentrieren und bin auch ein bisschen stolz. (Und soll ich euch mal erzählen, was für leckere Sachen man von den gesparten Alkohol-Kalorien essen kann an, sagen wir mal, einem eiskalten und ungemütlichen Donnerstagabend? Feine Sachen.)

Und dann hab ich noch einen Plan zu vermelden: Ich weiß, ich hatte mal einen Fortsetzungsroman als Blog angekündigt. Den plane ich immer noch, und jetzt, wo ich diesen wunderschönen neuen Rechner habe, bin ich motiviert wie lange nicht mehr. Aber ein anderer Plan hat sich vorgedrängelt: ich will mal all die losen Zettel mit Rezepten, die hier rumfliegen, sammeln und ganz blöd und stumpfig runterschreiben. Das wird nicht schick oder fancy, ich kann leider so tolle Sachen nicht wie die Delicious-Days-Frau (in meiner Blogroll), einfach nur Rezepte und manchmal eine kleine Geschichte dazu. Vermutlich noch nicht mal Fotos, oder Fotos dann nachgereicht, wenn ich das Rezept mal wieder koche. Wie ich den Blog nenne, weiß ich noch nicht, aber ich sag euch Bescheid, vermutlich heute noch.

Samstag, 2. Januar 2010

Fröhlich sein ohne Alkohol

Liebe Abkürzungsbande! Nach einem Tag, der ohne Alkohol oder Zigaretten vollkommen problemlos über die Bühne ging (gut, die arme Wurst möchte ich sehen, die den ersten Januar nicht ohne hartes Getränk übersteht) und einem sehr selbstzufriedenen Blick auf den immer noch weißen, weil strichlosen Rahmen auf meinem Nachttisch beim Aufwachen, möchte ich das noch mal kurz erläutern, was das alles überhaupt soll.

Ich habe immer feste dran geglaubt, dass Normalität besonders für uns wichtig ist - für Leute, in deren Leben gerade scheinbar so wenig so läuft wie bei "allen anderen". Dass "alle anderen" längst nicht "alle anderen" sind, dass die Frage noch zu klären wäre, welche Lebensform eigentlich normal ist, und dass das alles halb so wild ist, wenn man versucht, nicht schon beim Betreten der Kinderwunschklinik in Schnappatmung zu verfallen - das wissen wir alle, und das muss ich vermutlich gar nicht erst hinschreiben. Trotzdem lässt sich das nicht wegentspannen und wegalbern, dass wir jetzt ein Leben führen, bei dem wir uns Spritzen in den Bauch jagen und uns von allen Seiten die bescheuertsten Ratschläge anhören müssen, und das Schlimmste ist, mitten in der Nacht kommen wir sogar allen Ernstes ins Grübeln, ob nicht doch was dran ist an dieser Sache mit dem Leitungswasser. (Wieso eigentlich "wir"? Zuerst mal ich. Vielleicht seid ihr ja auch alle viel gefestigter und vernünftiger als ich.)

Jedenfalls, Normalität. Und zur Normalität hat für mich immer auch gehört, mein Leben, so wie ich es kenne und wie es mir Spaß macht, zu verteidigen. Und zu meinem Leben hat es immer auch gehört, bei Bedarf zu rauchen, zu trinken und zu essen, was immer mir einfällt, und wenn es ein Kilo fettige, gegrillte Spareribs sind, dann sind es ein Kilo fettige, gegrillte Spareribs.

Und jetzt das. 100 Getränke, das ist ziemlich wenig. Das ist sogar noch weniger, als die WHO Frauen in meinem Alter erlaubt, und die WHO, das wissen wir, ist nicht berühmt für ihren Rock'n'Roll-Lebensstil.

Bevor jetzt eine denkt, ich wäre in das andere Lager übergelaufen, das Lager, in dem Leitungswasser und Kupfertöpfe verboten sind und Beziehungen vor allem aus liebevollen Nackenmassagen und gemeinsamen Spaziergängen in Funktionskleidung bestehen, muss ich euch sagen: ich tue das nicht (oder längst nicht nur), weil ich glaube, das verbessert meine Chancen, doch noch schwanger zu werden. Ich habe nur in der Weihnachtszeit mal grob überschlagen, wie viel ich wohl im letzten Jahr getrunken habe. Und dabei entstand in meinem Kopf ein Bild, wie man sie von früher aus dem Biobuch kennt: die deutsche Familie vor einem Tisch, auf dem alle Lebensmittel aufgebaut sind, die sie innerhalb eines Jahres verzehrt hat. Der Tisch in meinem Kopf bog sich unter den Cremant- und Rotweinflaschen, im Bildhintergrund stapelten sich Paletten mit Bierkisten, und ich stand bis an die Knie in Kronkorken. Egal, ob Kinderwunsch oder nicht, letztes Jahr war es zu viel. Das will ich nicht mehr. Ich sehe das 100-Getränke-Jahr vor allem als sportliche Herausforderung. Denkt nicht an schwäbelnde Protestanten, die alle bitten, ihren Rauch in eine andere Richtung zu blasen, denkt an Straight Edge-Punks oder zum Beispiel an Farin Urlaub, der ja angeblich auch seit 20 Jahren keinen Alkohol trinkt! Gar keinen! Nicht mal am Geburtstag, nicht mal bei Liebeskummer, nicht mal, wenn jemand französische Musik auflegt!
Noch 364 Tage. Und noch 100 Getränke.

Freitag, 1. Januar 2010

Hundert, zehn und 2010

Ich bin nicht besonders anfällig für Neujahrsvorsätze, aber für Katervorsätze. Andere klagen über Kopfweh am Tag danach, mich packt immer der große Katzenjammer. Was hab ich nur getan? Hab ich was getan? Ein diffuses Gefühl großer Schande macht sich kurz nach dem Aufwachen in mir breit und verfliegt erst gegen Abend wieder. Und zwar unabhängig davon, ob ich mich ein bisschen danebenbenommen habe oder nicht. Ich fühle mich unwürdig, blöd, peinlich und im Ganzen hundeelend.

Diesmal fällt mein Katervorsatz aber mit dem neuen Jahr zusammen, deshalb braucht er wohl ein bisschen mehr Bombast als sonst. Und ich bin auf folgende Idee gekommen, wie im nächsten Jahr mein Alkoholkonsum geregelt sein wird:
Bis zum nächsten Silvester darf ich insgesamt hundert alkoholische Getränke zu mir nehmen. Egal, ob das nun hundert Doppelkorn, hundert Gläser Wein oder hundert Biere sind. Und egal, ob ich diese hundert Getränke sauber auf das Jahr verteile oder mich einmal im Monat nach Gutsherrenart dichtziehe. Die Vorteile liegen auf der Hand: ich trinke weniger und muss mich dabei konzentrieren, aber ich muss mir auch keine Vorwürfe machen, wenn wieder mal so ein Plöpp-Plöpp-Plöpp-Abend hinter mir liegt. Dann werden es eben nur ein paar Striche mehr auf der Liste und bedeutend weniger prickelnde Getränke in den nächsten Wochen. Das ist gut für die Figur, den Teint, die Fruchtbarkeit, die Laune, den Kopf und überhaupt.

Dieses Jahr wird nicht nur das Jahr der hundert Getränke, sondern auch das Jahr der zehn Zigaretten. Diese zehn Zigaretten muss ich mir schon besser einteilen. Ich könnte z.B. fünf an meinem Geburtstag rauchen und fünf an Silvester. Auf diese Art weiß ich, dass im Notfall, im alleräußersten Notfall die Aussicht auf ein Flüppchen besteht. Aber eben nur im Notfall. Bus verpasst oder Regenwetter zählen nicht als Notfall. Und wenn doch, dann ist eben im echten Notfall keine Fluppe mehr übrig. Meine Mädchen werden das hier lesen und die Augen rollen. Nicht schon wieder, und dann geht das Gequengel los! Liebe Mädchen, ich verstehe gut, dass ihr die Augen rollt, aber wir wollen mal sehen, wie weit ich diesmal komme. Und L. und seine Nerven wollen wir mit all dem gar nicht erst belasten. Wenn er mich fragt, was denn der kleine Bilderrahmen mit der Strichliste neben meinem Bett macht, dann werde ich rätselhaft lächeln und schweigen.

Es wird euch freuen zu hören, dass ich heute bisher null Getränke und null Zigaretten zu mir genommen habe.