Früher wäre das ein Abend für das Tagebuch gewesen. Ich sitze beim Schein einer Kerze am offenen Fenster, draußen hört man nur den Wind und ein paar Kilometerweit entfernte Autos, und das alkoholfreie Bier schmeckt gar nicht besonders alkoholfrei. Aber seit ungefähr sieben Jahren habe ich kein Tagebuch mehr, und nachdem ich mich schamrot ein gutes Stück durch meine ältesten Tagebücher vorgekämpft habe, scheint mir das die richtige Entscheidung zu sein.
Freitag hatte ich einen Vorsorgetermin.
Meine Hauptsorgen vorher waren: hoffentlich kommt L. früh genug von Momos Verbandwechsel zurück, damit ich pünktlich komme, ich hasse es nämlich, unpünktlich zum Arzt zu kommen. Und: hoffentlich ist es nicht ganz so brechend voll wie sonst Freitags, damit ich es noch schaffe, hinterher zu Edeka und zu Budni zu huschen, ohne dass L. zuhause schon nach der Uhr schielt. (Die Tierklinik war dann genau so voll wie die Frauenarztklinik, so dass wir beide warten mussten. Und warten. Und warten.)
Meine Hauptsorge hinterher ist: mein Würmchen hat einen Klumpfuß. Sein rechter Fuß ist verdreht. Sonst scheint alles gut zu sein! Aber insgesamt drei Ärzte standen vor dem Ultraschallgerät, und eigentlich gibt es keinen Zweifel mehr daran. Bei einem neuen Termin in einer speziellen Pränatal-Klinik wird ein noch genauerer Ultraschall gemacht werden, wenn ich aus meinem Urlaub zurück bin. Der soll klären, wie schlimm es ist. Ganz genau wird man es aber erst wissen, wenn es auf der Welt ist. In extremen Fällen kommen Kinder zur Welt, und ihre Fußsohle zeigt nach oben. So schlimm scheint es nicht zu sein. Trotzdem hängt an unserem Kühlschrank jetzt eine Überweisung in die Pränatal-Klinik, und darauf steht als Überweisungsgrund Klumpfuß.
Klumpfuß ist eins der hässlichsten Wörter, die ich in letzter Zeit gehört habe. Und klumpig muss der Fuß auch gar nicht sein, eben nur verdreht. Man kann ganz viel machen. Das konnte man schon vor Jahrzehnten, selbst in der Generation unserer Eltern (vermutlich noch früher) kamen Kinder mit solchen Füßen zur Welt und gingen ein paar Jahre später humpelfrei und ganz normal durchs Leben. Und beute ist alles noch viel besser, weiter, ausgereifter. So wird es ungefähr sein: Das Kind kommt zur Welt, wegen des Fußes jetzt vermutlich doch nicht im UKE, sondern in Altona, denn dort haben sie gleich zwei Spitzenärzte für genau dieses Problem. Ziemlich schnell nach der Geburt wird der Fuß von außen gebogen, massiert und bearbeitet und dann das ganze Bein eingegipst, so dass die Verdrehung etwas abgemildert wird. Der Gips bleibt eine Woche dran, dann wird er abgenommen, wieder Massage und Dehnung und Biegung, wieder Gips. Das wird so ein paar Wochen oder Monate lang gehen. Danach wird in einer ambulanten OP die Achilles-Sehne durchtrennt, die wächst dann innerhalb von ein paar Wochen richtig wieder zusammen. Ist das überstanden, beginnt die lange und vermutlich auch die sehr anstrengende Phase: jetzt muss der geradegebogene Fuß daran gehindert werden, wieder schief zu werden. Dazu muss Würmchen eine Art kleines Snowboard tragen, auf dem zwei drehbare orthopädische Schuhe befestigt sind. Die werden (wieder im Wochentakt) so eingestellt, dass die richtige Ausrichtung verstärkt und festgehalten wird. Dieses Ding muss Würmchen jede Nacht und zum Mittagsschlaf tragen, vorgesehen sind 12-14 Stunden. (Wollen wir mal hoffen, dass Würmchen mehr Schlaf braucht als Huckleberry, der mit acht Stunden locker hinzukommen scheint.) Das geht meistens so weiter, bis Würmchen ungefähr fünf Jahre alt ist. Manchmal auch länger, manchmal ein bisschen kürzer. Manchmal ist auch noch eine richtige Operation notwendig. Manchmal mehrere. Aber am Ende - wenn man die Therapie durchzieht und es schafft, sich und vor allem das Kind bei der Stange zu halten - wird alles gut. Es kann normal laufen, rennen, springen, tanzen, und der Fuß sieht auch normal aus. Und weil selbst bei 14 Stunden am Tag mit Schiene noch zehn Stunden ohne übrig bleiben, hat es jede Menge Gelegenheit, normal zu robben, zu krabbeln, zu toben, zu laufen und zu rennen, wenn es so weit ist - genau zum richtigen Zeitpunkt.
Noch vor ein paar Wochen wären mir zum Thema Klumpfuß diese dicken, schwarzen Schuhe eingefallen, mit denen in meiner Kindheit manche Menschen herumlaufen mussten. Viel mehr auch nicht. Jetzt wird sich das gründlich ändern. Demnächst habe ich einen Termin mit einer Hebamme aus der Frauenarztklinik, deren Sohn mit zwei Klumpfüßen zur Welt kam. Die wird mir einiges erzählen, worauf ich achten muss, wo wir hingehen sollen, was auf uns zukommt. Erst hielt ich das für eine gute Idee, inzwischen habe ich mit ihr telefoniert und bin mir nicht mehr sicher. Bei ihr war es ziemlich schlimm, ich will mir nicht schon im Vorhinein den Mut verhageln lassen. Ein guter Freund von L. ist Kinderarzt auf der Neugeborenenstation in Altona, mit dem werden wir bestimmt auch noch mal sprechen. Ich werde alles jenseits von Foren lesen, was ich dazu in die Finger kriege. Vielleicht geht es ja gut. Vielleicht kriegen wir es gut zusammen hin. Vielleicht hilft es ja, dass Würmchen es von Anfang an nicht anders kennen wird als so, dass er seine Beine nicht immer so bewegen kann, wie er will. Vielleicht hilft ihm das, die Schiene auszuhalten. Vielleicht kann ich doch nicht nach drei Monaten wieder arbeiten. Sehr wahrscheinlich sogar nicht. Vielleicht stehen wir in zehn Jahren genervt schon wieder einen ganzen dämlichen Sonntag lang am Spielfeldrand und müssen Würmchen anfeuern, weil es heute wieder mal ein Fußball- oder Hockeyspiel hat. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Vielleicht sollte ich einfach den nächsten Termin noch abwarten. Und vielleicht sollte ich jetzt erst mal in meinen Freundinnen-Urlaub fahren und das alles in mein Fusselhirn einsickern lassen.
strawberry chiffon shortcake, perfected
vor 1 Woche