Posts mit dem Label Fasten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fasten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 21. Januar 2014

Das F-Wort

Ach, das war schön. Bald wieder bitte! Wenigstens balder als letztes Mal.
Am Ende dieses Stammtischs hatte ich einen Zettel in der Tasche mit den Kontaktdaten aller Damen am Tisch. Die Idee dahinter war nicht, das für ein Linsengericht an irgend einen Adresshändler zu verkaufen, sondern dass die Damen auch ohne den Blog untereinander Kontakt miteinander aufnehmen können und so imstande sind, sich auch ohne die extrem verplante und fusselhirnige Blogmutti zu treffen. Ich finde das ausgezeichnet (und finde außerdem, es ist vollkommen schnurz, wie ich das finde), aber vielleicht hat ja eine der Damen Lust, per Kommentar mal piep zu machen, wenn es so weit ist? So dass vielleicht noch andere, neue Damen dazustoßen könnten?

Und schon fange ich wieder an, alles kompliziert und schusselanfällig zu machen.

Am Tag nach dem Stammtisch war ich im Kino. Hat noch jemand hier den zweiten Teil der Hobbit-Trilogie gesehen und irgendwann im Verlauf dieser endlos scheinenden zweizweidrittel Stunden angefangen, sich ein bisschen zu langweilen? Kinomomente sind für frischgebackene Mütter extrem selten und damit kostbar, normalerweise kostet man jede Sekunde aus. Aber das... naja... vielleicht bin ich aus dem Alter raus, wo man mir hudelige Actionszenen, die zu schnell für mein alterndes Hirn gedreht sind, als Handlung verkaufen kann. Und es ist doch so ein hübsch schmales Buch, muss man das wirklich mit der Dampfwalze auf insgesamt acht Stunden Film auswalzen? War allerdings halb so schlimm dadurch, dass ich im Kino zwischen all den Phantasy-Nerds saß mit einem großen Eimer salzigem Popcorn. Und einem ziemlich großen Plastikdings mit Nachos. Und Chilisauce. Und Käsesauce.
Und als Alibi dazu ein keusches stilles Wasser, als wäre es darauf noch angekommen.

Was diese Fresserei angeht, kommt mir das gerade sehr bekannt vor. Mit Anfang 20 habe ich nach einer ziemlich fiebrigen, anstrengenden und langwierigen Krankheit nur noch 43 Kilo gewogen. Mein Arzt sagte, nun müsste ich aber dringend zulegen. Das nahm ich mir zu Herzen, und noch Jahre später lebte ich in dem Gefühl, mir wenigstens ein bisschen Polster für schlechte Zeiten anfuttern zu müssen. Gab es in der Mensa Kroketten als Beilage, nahm ich statt einem Schälchen drei. Für die Gesundheit! Ein kleines Nudelsößchen löschte ich gerne mit einem Becher Sahne ab. Ich stellte mich an Eisdielen und verlangte "alles außer Malaga, Erdbeer, Schlumpf und weiße Schokolade bitte". Kam das Gespräch auf Ernährung und Gewicht, erzählte ich von den 43 Kilo und davon, dass ich dringend, aber dringend zunehmen müsste. Ich war nicht dick, bestimmt nicht, auch nicht rund oder "voll" oder wie auch immer man das nennt, aber irgendwann müssen meine Gesprächspartner auch gedacht haben, die hat sie wohl nicht alle oder zumindest keine Waage zuhause. Hatte ich auch nicht. Und so musste ich über Größe 32, 34, 36 und 38 an den Punkt kommen, an dem manche meiner Kleidungsstücke in 40 oder 42 passten, bis bei mir ankam, dass ich soooo erschreckend mager und knochig jetzt auch nicht mehr bin. Die Essgewohnheiten habe ich leider zum Teil beibehalten.
Vor sechs Monaten habe ich ein Kind bekommen, und ein Großteil des Gewichts war ruckzuck runter mit dem Stillstress und dem anderen Stress der ersten Wochen. Irgendwann dachte ich, jetzt bleibt es dabei, und hatte drei Kilo weniger als vor der Geburt. Von diesen drei Kilo habe ich inzwischen ungefähr so oft erzählt wie damals von den 42. (Das überhaupt noch jemand mit mir spricht, erscheint manchen jetzt vielleicht als verwunderlich.) Und genau wie damals verändert sich der Blick der Leute, denen ich das erzähle, so langsam. Jetzt sind es noch anderthalb. Irgendwann demnächst werden es null sein, dann in ein paar Monaten zwei mehr. Immer noch ok! Aber ich finde trotzdem, ich sollte was tun. Und meine Vor-Schwangerschafts-Methode, zu essen wie immer und einfach zu laufen wird durch das immer noch bestehende, wenn auch nicht mehr ganz so schlimme Pipiproblem zumindest momentan noch vereitelt. Ich hätte nicht gedacht, dass das noch mal passiert, aber ich probiere es noch mal mit einer Diät. (Ihr schon, oder? Dachte ich mir.)

Und zwar der 5:2-Diät. Die ist schnell erklärt: an zwei Tagen in der Woche, die ich frei verteilen kann, faste ich gemäßigt: das heißt, ich lebe ich von je 500 Kalorien. Das kann z.B. so aussehen, dass ich Montag morgen zwei gekochte Eier frühstücke, dazu gedämpften grünen Spargel. Oder eine halbe Schale Hüttenkäse, eine Birne und eine frische Feige. Und abends gibt es Sashimi mit Sojasauce, Wasabi und Ingwer. Zwischendurch all diese irgendwie heiligen Getränke wie Wasser mit Gurkenstückchen oder Kräutertee aus Zen-mäßigen Tassen, die man mit beiden Händen hält. Und das Tolle ist, schon Dienstag bzw. an den anderen fünf Tagen kann ich essen und trinken, wie ich will. Ehrlich! Wie ich will! Keinen Gedanken an Kalorien verschleudern. Auf diese Weise nimmt man angeblich ca. ein Kilo pro Monat ab und tut außerdem viel für seine Blutwerte, seine Haut, seine Laune und sein Wohlbefinden. Ich glaube, das könnte ich schaffen. (Schrieb sie und ignorierte das hämische Kichern der Abkürzungsdamen, die sich jetzt schon die Hände rieben in Vorfreude auf die Schlappe, die unweigerlich folgen musste.) Kichert ihr nur! L. hat auch gekichert, und wir haben gewettet: er muss ich drei Monaten vier Kilo abnehmen, ich in drei Monaten drei Kilo. Ab... Moment... morgen früh nach dem Aufstehen. Zwei mal 24 Stunden pro Woche sollte ich doch durchhalten können? Und wenn ich bei meinem Traumgewicht angekommen bin, ein mal 24 Stunden, um es zu halten?

Montag fange ich an.

Montag, 5. März 2012

Ilse und ich

Donnerstag war ich auf dem X-Trainer. Freitag war ich auf dem X-Trainer. Samstag war ich auf dem X-Trainer. Sonntag war ich auf dem X-Trainer. Heute ist Montag, ich arbeite den ganzen Tag, danach rase ich nach Hause und fahre mit L. in den Hamburger Westen, um mir einen alten billigen Twingo anzusehen und vielleicht zu kaufen. Und dann – ratet mal – gehe ich vermutlich auf den X-Trainer.

Nach der kurzen haarsträubenden Schamattacke direkt nach dem Aufgeben habe ich ehrlich gesagt kaum noch einen zweiten Gedanken an die verpatzte Fastenwoche verschwendet. Und die Mädchen – meine Instanz in so gut wie allem – sagen es auch: für mich ist Sport der Weg. Das heißt, ich hoffe, er ist es, weniger bzw. gar nichts essen ist es nämlich nicht. Und siehe da: letztes Wiegen am Morgen vor FX Passage ergab 68,8 kg, und ein gemütliches und nahrhaftes Wochenende später bin ich immerhin schon bei 68,2. Hätte ich das Fasten durchgehalten, wäre ich heute zwar vermutlich bei 62, aber würde auch auf dem letzten Loch pfeifen und hätte das meiste davon bis zum nächsten Wochenende wieder drauf. Alles wird gut.

Und dann die Zyste. Ich nenne sie jetzt Ilse, wie in Ilse, Ilse, keiner willse, und ich glaube, langsam kapiert sie, dass sie hier nicht erwünscht ist. Die Klinik hatte mir ja schon ausrichten lassen, mit der nächsten Periode, diesmal ein bisschen früher als erwartet, würde sie sich vermutlich/hoffentlich/ganz ganz bestimmt, machen Sie sich mal keine Gedanken – verziehen. Und ich glaube ehrlich gesagt, sie hat schon damit angefangen. Ich laufe mit Lili durchs Gehölz, und auf einmal zwickt und kneift es, dass mir fast die Luft wegbleibt. Trotzdem nehme ich mir für diesen Donnerstag und Freitag mal lieber nicht zu viel vor, denn ich habe den Schmerz von damals aus dem Flugzeug noch in ziemlich mieser Erinnerung. Die Zyste damals war ein bisschen größer als diese, und zu dem Schmerz kam noch die Angst, weil ich nicht wusste, was los ist, und zum Hinlegen und Krümmen war kein Platz in der Holzklasse, aber trotzdem will ich nicht gerade mitten in einem Pilateskurs schwitzen, wenn es losgeht. Ach, Ilse. Freunde werden wir wohl sowieso nicht, wollen wir es nicht einfach lassen miteinander? Und Feinde bleiben?

Donnerstag, 1. März 2012

Spätes, sehr spätes Frühstück

Ähämm. Also... und sonst so?

Verdammt. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Peinlich ist es auf jeden Fall, und auch ziemlich blöde, nachdem ich die Klappe so aufgerissen habe. Aber...

ich schaff das nicht. Ich bin jetzt schon am Ende. Keine 24 Stunden, nachdem ich meine letzte Mahlzeit zu mir genommen habe (gedünstetes Gemüse ohne Salz, dankeschön), weiß ich genau, ich halte das hier nicht bis Dienstag Morgen durch. Und dann ist da noch L., der nicht nur nichts vom Fasten hören will, sondern der mich auch noch aktiv sabotiert! Indem er mir mit seiner Pastaschüssel überallhin nachläuft und jetzt, ausgerechnet jetzt, auf einmal die Restaurantbesuche der nächsten Zeit planen will!

Aber die Wahrheit ist, nicht L. ist Schuld, sondern ich, ich ganz allein. Da gibt es nichts auf irgendwen abzuwälzen.

Liebe Abkürzungsdamen, das hier ist wohl ein typischer Flora: ich koch mir jetzt Pasta. Und dann schäme ich mich ein bisschen. Bis zum nächsten Fastenversuch in schätzungsweise sieben Monaten.

Immerhin: mal wieder ordentlich den Magen-Darm-Trakt durchgepustet, kann doch auch nicht verkehrt sein?

Oh Mann. Ca. fünf Stunden fasten. Das ist Rekord!

Und bevor ich es vergesse, liebes öffentliches Fastentagebuch:

Startgewicht heute morgen sind 68,8.

FX Passage

Ich liege im Bett und warte auf den großen Schlag, der zweifellos jede Sekunde kommen muss. Denn gerade habe ich ein schönes großes Glas FX Passage getrunken. Eine Webseite, die ich kurz vorher konsultiert hatte, um zu erfahren, wie ich das Pulver für "Ausfuhr total" dosieren muss (auf der Packungsbeilage steht nur, mit welcher Dosis man seiner Verstopfung Herr wird - hier ist eine härtere Gangart gefragt) versprach, im Gegensatz zu Glaubersalz würde FX Passage eigentlich wie ein Vitamintablettchen schmecken, so schön frisch nach Zitrone und so. Darüber kann ich nur höhnisch lachen. Ha! Ha! Ha! Das hier ist so ca. mein fünfter Fastenversuch, und ich kann sagen, FX Passage schmeckt nicht wie eine Vitamintablette. Es schmeckt wie... Ärgs. Ich will gar nicht drüber nachdenken, jetzt wo ich gerade durch bin damit. An zwei Stellen musste ich fürchterlich würgen, und nachdem ich damals bei Fastenversuch Nr.2 tapfer meinen halben Maßkrug in mich reingeschüttet hatte, nur um zwei Minuten später alles im Strahl in meinen hübschen Altbauflur zu spucken und das alles NOCH MAL trinken zu müssen, war ich vorsichtig: ich hatte Zitronenspalten zum Auslutschen bereitgestellt, und ein ganz, ganz dünnes Apfelschörlchen in der Verdünnung 1:8. Das half.

L. ist jetzt schon genervt und will nichts hören. Ich kann es ihm nicht verdenken, die letzten beiden Versuche habe ich abgebrochen, und er hat live miterlebt, wie ich innerhalb von 48 Stunden von "Fasten - Hurra, Neuanfang, Reinigung, alles wird gut" über "Ich Ärmste, ich weiß nicht, soll das so?" zu "Also eigentlich kann ich doch genau so gut mehr Vollkornbrot essen und ab und zu mal joggen gehen, oder? Oder? Reichst du mir mal die Butter?" kam. Da würde ich auch die Augen rollen.
A propos Augen rollen: Ich habe übrigens beschlossen, das diesmal nicht mit einem meiner zwei Fastenbücher zu machen. Da wurde vielleicht mit den Augen gerollt! All dieses Gerede über "unsere hektische Zeit" und die bösen bösen elektronischen Geräte war ja schon schlimm genug, aber dann auch noch dieser selbstgerechte Salbaderton, wie in einem Gottesdienst im Schwäbischen! Und wenn es dann an die Rezepte für die Zeit danach ging, war mir alles zu viel. Wie kann man ein Buch über ein Thema schreiben, das so viel mit Essen zu tun hat, und so wenig vom Essen verstehen? Das ist mir alles fremd. Deshalb habe ich mir diesmal einen Ratgeber von brigitte.de zusammenkopiert und ausgedruckt, in dem nur steht, was ich wann zu mir nehmen darf (wenig) und was ich in dieser Zeit tun kann, damit ich mich trotzdem wohl fühle (viel) plus ein paar Körperpflegetipps und Tipps dazu, was ich tue, wenn die Krise kommt.

Oha. Da kommt was. Und es ist nicht die Krise.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Minze

Kann sich hier noch jemand außer mir an das Spiel „Fang den Hut“ erinnern? Und hat vielleicht noch eine andere sich immer die Hütchen als Hexenkrallen auf die Finger gesetzt? Wobei der goldene Hut immer die Extraportion Zauberkräfte hatte? Hatten wir wohl Spaß?
Exakt den gleichen magischen Goldton hat meine neue Meridian-Karte, die seit gestern nach jahrelanger Abwesenheit wieder in meinem Portemonnaie steckt und auf viele, viele Einsätze wartet. Zwar ist das neue Studio nicht ganz so schön wie mein altes, für meinen Geschmack hätte man das Thema „orientalischer Puff“ ein bisschen sparsamer spielen können und die Aussicht von der Dachterrasse ist auch nicht so hübsch wie damals in Eppendorf, aber mach was. Es gibt einen riesigen Pool, viel größer als der alte, und angesichts eines Durchschnittsalters der Besucher von 60 gestern Abend fühle ich mich jetzt schon, noch vor der ersten Yogastunde, um Einiges knackiger. Und während im alten Studio vor allem die Herren gerne nackt und breitbeinig auf ihren Liegen saßen, während sie ein Steak verzehrten und dazu ein Bierchen tranken, geht es ein bisschen zurückhaltender zu.

Heute ist Entlastungstag. Für alle, die noch nie gefastet haben: heute gibt es keinen Kaffee, keinen Zucker, kein Fleisch, keinen Fisch, nichts zu Fettiges und natürlich keinen Alkohol. Das macht es morgen leichter, von Essen auf nicht Essen umzuschalten. Zum Frühstück gab es ein Vollkornbrot mit Magerquark, und meine müden Augen fallen mir gleich über meinem Pfefferminztee zu. L. war jetzt zwei Tage lang mit dem Tierchen in der Heide, und ich gebe es nicht gerne zu, aber ich hab mich allein in der alten Hütte ein bisschen gegruselt. Abends ging es, wenn ich nach Hause kam, hab ich erst eine Runde durch jedes Zimmer einschließlich Keller und Dachboden gedreht und in jedes mögliche Versteck geguckt (macht das noch eine und fragt sich manchmal, was sie täte, wenn da tatsächlich ein Überraschungsgast wäre?), dann ein Feuerchen angemacht und mich aufs Sofa gemuckelt, zur Feier des Tages sofort nach Feierabend im Schlafanzug. Aber in beiden Nächten bin ich nach so ungefähr drei Stunden Schlaf wieder aufgewacht und konnte erst wieder schlafen, als es hell wurde. Sind das Regentropfen auf dem Vordach, oder schleicht sich jemand die Treppe hoch? Was war dieses Knarren? Ich war stinksauer auf mich, immerhin habe ich viele Jahre lang allein gewohnt ohne solche Hirnfürze. Aber in einem Haus ist es trotzdem was anderes als in einer Wohnung. Und jetzt muss ich die Müdigkeit von meiner dreieinhalb-Stunden-Nacht mit Pfefferminze bekämpfen. Sollten sich nachher im Blog wirre Buchstabenkombinationen zeigen, bin ich mit dem Kopf auf die Tastatur gesunken.

Dienstag, 28. Februar 2012

Verteidigung eines Schwachsinnsplans

Ihr Lieben, ich danke allen, die mir hier seit zwei Tagen erzählen, ich wäre doch rundum prima so, wie ich bin, und müsste mir wegen der zwei-drei-sieben Kilochen keine Gedanken machen. Das ist wirklich zauberhaft von euch. Aber hier geht’s nicht nur ums Abnehmen, sondern auch um das „innerlich dicke“ Gefühl. Das Gefühl, ständig überfressen zu sein, auch wenn die letzte Mahlzeit schon viele Stunden her ist. Ein Gefühl, wie ich das sonst nur nach dem Verzehr einer vier-Mann-Portion Käsefondue im Alleingang habe: als wäre ich inwändig mit Bauschaum ausgekleidet. Unzufrieden, müde, schlaflos, überreizt und stumpf gleichzeitig. Sogar mein heißgeliebtes Essen verliert gerade viel von seinem Glanz, und das liegt nicht an irgendwelchen Schuldgefühlen, es riecht und schmeckt einfach nicht so gut, wie es sollte. Ich habe Lust auf einen frischen Anfang, auf Bürstenmassagen, auf Wollsocken, auf eine saubere und gebügelte Pyjamahose, auf Bücher, auf meinen Zeitungsstapel, auf lange Spaziergänge bei jedem Wetter, auf Peelings und auf stundenlange Haarkuren. Und wenn das alles überstanden ist, dann hab ich auch wieder Lust auf Nagellack, auf Kino, auf Bars, auf Mädchensausen, auf eine Flasche Cremant im Kühlschrank, auf Playlisten und auf den Duft von Apfelkuchen, Knoblauch und Hühnchen, der durchs Haus zieht.

Oh Mann. Worauf lasse ich mich da bloß ein? Immerhin kann ich glaube ich sagen, dass ich einer der wenigen Menschen bin, die planen zu fasten, weil sie wieder Spaß an ihrer Fresssucht haben wollen.

Sonntag, 19. Februar 2012

67,8 ist meine neue Unlieblingszahl.

Als der Anästhesist vor dieser Punktion mit mir gesprochen hat, wollte er neben all dem anderen Anästhesistenkram natürlich auch wissen, was ich wiege. Einfühlsamer Blick von Kopf bis Fuß: "Nach den ganzen Hormonen, hm?" "vermutlich 66 Kilo" knurrte ich. Das war jedenfalls zuletzt mein Höchstgewicht gewesen, nach einigen halbherzigen Wochen Weight Watchers und reichlich Ausnahmefritten zwischendurch. Hormone, klar! Die bösen, bösen Hormone. Die ich jetzt ja auch schon seit einigen Tagen nicht mehr schlucke oder spritze.
Liebe Abkürzungsdamen, heute morgen war ich auf der Waage. 67,8. Das ist so ungefähr das Gewicht, das ich nach dem in jeder Hinsicht exzessiven Sommerurlaub mit den Mädchen hatte. Das geht so nicht. Ich trage gerade eine Jeans, an deren Knopf immer noch das Haargummi aus der Stimulationsphase befestigt ist. Zugegeben, diese Jeans habe ich in meinem Enthusiasmus über demnächst anstehende Abnehmerfolge vielleicht ein bisschen zu übermütig in knackigen M gekauft, aber trotzdem. Das Haargummi hat da nichts mehr verloren! Zähnefletschend habe ich den Knopf dann doch noch zubekommen. Die Röllchen, die in dieser Jeans keinen Platz finden, scheinen sich jetzt in mein Gesicht hochgedrückt zu haben. Ich sehe furchtbar aus! Ganz schlimm! Schweinchenrosa Birne, alles geht aus der Form, 67,8!
So geht's nicht weiter. Seit letzter Woche stehe ich zwar so gut wie jeden Tag 45 Minuten lang auf dem X-Trainer, aber bis das anschlägt, kann ich nicht alle Spiegel verhängen. Was mach ich nur? Eine dritte Chance für Weight Watchers? Doch L.s Masterplan, ab 16 Uhr keine Kohlenhydrate mehr zu essen? Auf Wiedersehen, Feierabendpasta und Feierabendweinchen? Oder doch noch mal ein Gewaltakt, eine Fastenwoche, um auch den Hormonmüll zumindest gefühlt wieder loszuwerden? Was macht man denn da? Ich bin gerade wirklich verzweifelt! Gestern Abend habe ich meine Schwester in mein Lieblingsrestaurant, das Vienna in der Fettstraße (HARR!) ausgeführt. Es ist winzig da, und um den Raum größer wirken zu lassen, sind ringsum auf Augenhöhe Spiegel an den Wänden. Den ganzen Abend musste ich Miss Piggy beim Kauen zusehen. Ich hatte das noch nie, noch nie war ich so verzweifelt über mein Gewicht und mein Aussehen! (Vermutlich zusätzlich befeuert durch die Gegenwart meiner 27jährigen elfengleichen Schwester, der meine M-Jeans sofort bis auf Kniehöhe rutschen würde, mit oder ohne Haargummi.) Und nächsten Samstag gibt es gleich die nächste Sause, wir feiern einen Mädchengeburtstag in einem anderen großartigen Restaurant. Egal, was ich mir jetzt vornehme, ich werde Steak Frites bestellen, dagegen komme ich nicht an.

Und jetzt kommt mir nicht mit beruhigenden Worten von wegen, das wären doch alles noch hormonelle Nachbeben und würde sich von ganz alleine legen in den nächsten Wochen, ich will nicht beruhigt werden! (Ich schreibe diesen Post übrigens in einem quergestreiften Pullover. Ist das klug, Flörchen? Nee, oder? Aber Klugheit in Fragen echter oder angetäuschter Schlankheit war noch nie meine Stärke...)

Dienstag, 22. März 2011

Tag 5: Bei seit Tagen nüchterner Betrachtung...

Diese Fastenwoche.... hm... wie sage ich es, ohne Damen abzuschrecken, die auch mal drüber nachdenken? Diese Fastenwoche war irgendwie nichts. Ja, ich hab es durchgehalten, und ich habe mich auch nicht in Krämpfen auf dem Teppich gewunden, alles war auszuhalten, auch die schlimmen Stellen. Aber das, was ich so toll in Erinnerung hatte vom ersten Mal, ist nicht passiert. Ich werde in den nächsten Wochen nicht im Supermarkt stehen und minutenlang an Obst riechen mit einem Gesichtsausdruck, als würde gerade etwas Heiliges passieren. Ich freue mich, dass ich jetzt wieder kochen, essen, essen gehen, Essen einkaufen, über Essen nachdenken und Post-Its in Kochbücher kleben darf, ganz bestimmt sogar! Aber es gab auch schon Fastenwochen, nach denen war jedes Reiskorn ein kostbares Geschenk. Ich habe mich in den letzten fünf Tagen eigentlich immer gefühlt wie eine Stunde von der nächsten Mahlzeit entfernt: ich hatte mal Hunger und habe mich auch mal ein bisschen schwindelig gefühlt, aber nichts daran war anders, als wäre ich gerade erst aufgestanden und müsste noch mit dem Frühstück warten, bis die anderen wach sind.
Diesmal fehlte auch jedes Fitzelchen von Gefühl, jetzt inwändig gereinigt zu sein und ganz neu anzufangen (und dazu reicht bei mir normalerweise schon ein ausführlicher Saunagang statt fünf Tagen Nahrungsentzug). Der Kopf ist fusselig wie eh und je, weder ist die große Ruhe und Ordnung in mein Hirn eingezogen noch habe ich mein Leben neu sortiert. Das Einzige, was ich mir ehrlich vorgenommen habe: ich will endlich meinen Zeitungsstapel durchknuspern (nur wann?) und in Zukunft mehr Vollkornbrot essen. Außerdem überlege ich, für die drei Tage Agentur jede Woche meine alte Birchermüesli-Routine wieder aufzunehmen: abends Müesli in einem verschließbaren Pöttchen in Milch einweichen, morgens in der Agentur klappernde Tiefkühlbeeren und Joghurt und ein Löffel Honig dazu. Das habe ich schon monatelang durchgezogen, und es ist nicht nur viel billiger, als sich jeden Morgen in der Bäckerei ein Brötchen zu holen, sondern eigentlich auch leckerer, hält bis Mittags satt und ist gesund wie Hulle.

Davon abgesehen wartet der Ernährungsalltag schon direkt am Fußende meines Bettes und schwenkt rosa Begrüßungsfähnchen für mich. Heute Mittag müssen wir auf den Geburtstag, und auch, wenn ich nur einen kleinen grünen Salat bestelle (und das dann eine halbe Stunde lang erklären muss), wird das eine Herausforderung für meinen Magen. Sagt jedenfalls das Fastenbuch. (Aber das Fastenbuch hat mich in den letzten Tagen fortwährend angelogen und beschwindelt, wieso sollte das hier anders sein?). Am Donnerstag habe ich Geburtstag, L. will mich abends ausführen, und ich hoffe, wir gehen nicht ins Museum, sondern essen. Und am Freitag reisen die Mädchen aus dem ganzen Land an, Freitag ziehen wir los und Samstag habe ich sie alle in meiner blitzblanken Hütte. Ich freue mich schon sehr und werde als Zeichen meiner Freude einen riesigen Pott Chili und einen prächtigen Trifle machen. Mit gedünstetem Broccoli und einem Krug "köstlichem" Kräutertee wären sie nicht glücklich und ich auch nicht.

Ich glaube, keine meiner bisher fünf Fastenwochen werde ich so schnell vergessen wie diese hier. Und ich hab das dumpfe Gefühl, das war für lange Zeit die letzte, nicht weil es so schlimm war, sondern weil es sich so egal angefühlt hat - und für egal finde ich fünf Tage ohne Essen ein bisschen schade.

Gut. Zum Positiven.
Heute habe ich mich noch nicht gewogen, aber gestern waren insgesamt drei Kilo runter. Davon ist ein Kilo Darminhalt, bleiben zwei Kilo. Darüber freue ich mich zwar, aber zwei Kilo habe ich in einer Woche auch schon mal abgenommen, wenn ich auf Pasta, Teilchen und Alkohol verzichtet habe. Und wie viel diese Woche wirklich dazu getan hat, mich zu entgiften und meinen Bauch innerlich auf das Baby vorzubereiten, kann ich leider erst in ungefähr... Moment... fünf Wochen sagen. Dann ist nämlich die nächste IVF vorbei und ich war beim Test.

Nachher esse ich einen Apfel, ein bisschen später ein Vollkornknäcke mit Quark. Ich bin ein bisschen traurig, dass ich darüber nicht mehr aus dem Häuschen bin.

Sonntag, 20. März 2011

Tag 4: L. bestellt sich Pizza.

Muss ich dazu noch mehr sagen? Ich bin gestern mit fürchterlichem Knaster eingeschlafen und heute mit fürchterlichem Knaster aufgewacht. Trotzdem habe ich zwei Texte geschrieben, korrigiert, gekürzt und abgeschickt. Ich war zweimal staksig und kreidebleich mit dem Hund spazieren. Und ich habe heute bisher nur Kräutertee und 100 ml Gemüsesaft zu mir genommen. Und was tut L.? Leiht sich kurz meinen Rechner aus, geht auf die Pizzaseite, legt sich neben mich und will von mir Tipps zur Zusammenstellung seiner Pizza. Bitte, ich will es nur überstehen, bis ich heute abend einschlafe. Danach ist alles egal. Morgen bin ich den ganzen Tag unter den wachsamen Augen meiner Kollegen. Die wissen, dass ich faste, und ich müsste mir das bis an mein Lebensende anhören, wenn ich einknicke und mit Krümeln auf dem Pulli vom Bäcker komme.
Übermorgen. Wir konzentrieren uns auf übermorgen und die Aussicht auf einen Apfel und dann Suppe. Wenn auch Suppe in einem der besten Restaurants der Stadt. L.s Onkel feiert Geburtstag, und drunter täte er es nicht.

Tag 3 der Fastenwoche: noch drei Tage bis zur nächsten Kalorie.

Der dritte Tag fängt erstaunlich gut an, ich bin um halb acht wach und um zwanzig vor acht mit Lili unterwegs. Wir treffen eine nett verwirrte ältere Dame, die mir erzählt, sie fände meine Gummistiefel aber besonders entzückend und ich wäre ja noch so jung, haha (beides höre ich natürlich gern, in ein paar Tagen bin ich schließlich 38), Lili flitzt durch Gräben und zernagt Stöcke, ist zu allen Hunden und Menschen freundlich, und als ich in unsere Straße einbiege, hat sich sogar der Nebel verzogen und die Sonne scheint. Kurz darauf bricht L. zum Turnier nach Ostfriesland auf, und Lili und ich sind allein. Allein in einem Haus voller Essen und Kochbücher. Ich flüchte aufs Sofa und versuche, endlich den versprochenen Artikel zu schreiben, aber das Fasten macht scheinbar ein bisschen doof, und es kommt nichts dabei heraus, jedenfalls nichts Druckbares. Um die Mittagszeit gebe ich entnervt auf, nehme den Hund an die Leine und breche mit ihr in Richtung Alsterlauf auf. Drei Stunden später bin ich fertig mit der Welt, meine Knie zittern, ich kann nicht mehr. Lili war über die Alster geschwommen und hatte sich auf der anderen Seite in einen Graben verirrt, aus dem sie alleine nicht mehr rauskam. Ich bin also wie besengt zur nächsten Brücke gerannt und musste dann in fast hüfttiefes Wasser, um meinen Hund zu retten. Tropfend und fluchend schleppen wir uns nach Hause. Den Rest des Tages bringe ich gerade noch so die Energie auf, nicht an den Kühlschrank zu gehen und dem Elend ein Ende zu machen. Mir ist schwindelig, ich kann nichts sehen, mein Kopf tut weh, und ich weiß genau, dass ich im Zweifel eine Minute von einem Vollkornbrot mit Quark entfernt wäre und zwanzig Minuten von Pasta mit Trüffelsauce und Parmesan. Am Ende lasse ich es sein und gucke als Ersatzbefriedigung zwei Stunden Nigella auf youtube. (Manche würden mich für irre halten, aber glaubt mir einfach, mir hilft es.)
Besser, das hier lohnt sich und tut tatsächlich etwas für meine Zufriedenheit, meine Babychancen, mein Gewicht und mein neues Verhältnis zum Essen. (Wobei: brauche ich ein neues Verhältnis zum Essen? Wo wir doch eigentlich wunderbar miteinander ausgekommen sind?)

Der Zeitpunkt ist da, der bei jedem Mal Fasten kommt, die Frage ist nur, überstehe ich das und mache weiter oder knicke ich ein. Dieser Zeitpunkt zeichnet sich dadurch aus, dass mir das ganze plötzlich als Schnapsidee erscheint. Was soll das überhaupt, die Medizin ist sich doch relativ einig darüber, dass es sowas wie Schlacken und damit Entschlackung gar nicht gibt? Wäre es nicht viel gesünder, einfach ab jetzt vernünftiger zu essen? Wenigstens ab und zu? Und ein bisschen mehr Sport zu treiben? So quatscht mich meine innere Stimme jetzt den ganzen Tag lang voll, und das, was Nigella da auf meinem Rechner gerade mit diesem Lammsteak anstellt, ist vergleichsweise harmlos dagegen.
Uff. Zähne zusammenbeißen.

Samstag, 19. März 2011

Tag 2 der Fastenwoche, oder: nichts kann, alles muss.

Morgens wacht man auf und weiß schon bevor man die Augen geöffnet hat, heute ist irgendwas. Irgendwas Gutes. Dieses Gefühl, das Kinder bis zum Alter von ca. neun Jahren am 24. Dezember haben. Ich habe ca. dreißig Sekunden gebraucht, bis ich wusste: ich hab den ersten Fastentag überstanden ohne nennenswerte Einbrüche, was Motivation, Wohlbefinden und Laune betrifft, und wenn ich jetzt kurz einen innerlichen Check meiner wichtigsten Organe mache, dann scheint alles in Ordnung zu sein. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindelgefühl, kein Hunger, alles scheint bestens zu sein. Zwei Minuten später stehe ich auf dem Balkon und atme ein und aus, rudere dazu mit den Armen, berühre ein paar mal meine Zehen und erkläre damit den Fastenprogrammpunkt "Luftbad" für erledigt. Ich ziehe mich an, nehme das Tier an die Leine, und wir ziehen los. Vor dem Aufbruch packe ich mir sogar noch einen dicken Klumpen Geflügelfleischwurst in die Tasche, die ich auf dem Spaziergang neidlos an Lili verfüttere, wenn sie brav ist (also sitzt, kommt, wartet, nicht wieder am Herrchen ihres Lieblingsschäferhundes auf der ganzen Welt hochspringt und bleibt, wo ich sie absetze). Unterwegs habe ich einiges zu tun. Ich muss mich an frischen Knospen erfreuen, dem Gesang der Vögel lauschen, weiter ein- und ausatmen mit Betonung, "die Seele baumeln lassen" und sonst noch so einiges, das die Fastenbuchautoren von mir erwarten. Gut, gut, mache ich ja, und es ist auch alles halb so wild, weil ich mich sowieso schon ziemlich wohl fühle, wenn ich mit Hund und Gummistiefeln durch den Matsch laufen kann. Außerdem freue ich mich darauf, gleich zu duschen, mich abzubürsten und einzuölen mit dem guten Hauschka Arnika-Öl und mich im Bademantel mit Fastentee ins Bett zu kuscheln, um dort in aller Ruhe zu posten, zu googeln, zu mailen und so entspannt wie nix gegen mindestens vier Fastenbuchautorengebote zu verstoßen.
Aber auch L. reibt sich schon voller Vorfreude die Hände, und als ich endlich nach Hause komme, geht es los. Den ganzen Tag sind wir so dermaßen aktiv, dass es nur so kracht. Wie roden Bäume und tragen die Klötze ins Haus für einen Winter in drei Jahren. Wir reißen den widerlichen alten Laminatboden von den verkrusteten Dielen auf dem Boden und schneiden ihn klein genug, um in Kisten zu passen. Dann fahren wir die Kisten zum Recyclinghof. Ich fege das Haus, gehe einkaufen (Zitronen zum Auslutschen gegen Übersäuerung für mich, Hundefutter für Lili, und ca. drei Kilo Lebensmittel für den verfressenen L.), spaziere noch zwei mal ausführlich mit dem Hund und darf die ganze Zeit nichts essen. Nichts. Es gibt einen kleinen Löffel Honig am Vormittag und wieder die unnachahmliche Fastensuppe, abends auch 100 ml Saft mit viel Wasser verdünnt, aber das war es. L. indessen isst im Lauf des Tages acht Scheiben Toast mit Käse, ein ganzes Schlemmerfilet mit irgendwas tomatigem drauf, einen Topf Dinkelnudeln mit Ketchup und fünf Scheiben Vollkornbrot mit irgendwas, was ich gar nicht erst wissen will. Dann macht er sich zum Feierabend noch drei große fränkische Bierchen auf. Was soll er machen, Gartenarbeit macht hungrig? Ich protestiere zischendurch immer mal wieder, dass ich jetzt aber meinen Leberwickel (so eine Art nasse Wärmflasche) machen muss, dass ich jetzt Tee trinken und hohlwangig aus dem Fenster gucken oder meine Vorräte streicheln muss, aber L. will davon nichts hören und peitscht weiter ein. Und das erstaunliche ist, es geht. Ein paar mal fühle ich mich ein bisschen wie in zu dünner Luft, aber davon abgesehen überstehe ich den Tag ziemlich gut. Vermutlich besser, als wenn ich rumgesessen und aus dem Fenster gestarrt hätte. Einziger Tiefpunkt: L. und ich misten die Bücher vom Dachboden aus, und ich stoße dabei auf die vier Bände "Schwäbische Küche", "Österreichische Küche", "Tapas" und "Dr. Oetker Schulbackbuch". Ich sitze auf der staubigen Treppe habe so etwas wie eine Vision. Was hab ich nur getrieben, als ich noch essen durfte? Wie habe ich nur meine Zeit verschleudert? Wie konnte ich mich jemals mit einer Schüssel Smacks aufs Sofa setzen, wenn ich stattdessen Mutzenmandeln hätte backen können? Warum hab ich jemals Schlemmerfilet gegessen, wo ich doch genau so gut Kärntner Kaasnudeln oder auch mal selbstgemachte Spinatspätzle hätte machen können? All die Kuchen, die ich noch nie gebacken hab, und all die großartigen Rezepte, die schon vor zweihundert Jahren die Leute nicht nur satt, sondern auch noch glücklich gemacht haben... oje, ich war wirklich kurz vorm Heulen vor Rührung über all das gute Essen, das fürs Erste ungekocht bleiben muss. (Ja, ihr erinnert euch richtig, ich bin die, die schon mal bei der Miracoli-Werbung in Tränen ausgebrochen ist.)
Ach je. Man soll ja gute Vorsätze fassen während der Fastenwoche. Hier sind einige:
1. Ich will wieder mehr kochen. Das ist im neuen Haus ein bisschen eingeschlafen, weil ich so viel anderes zu tun hatte. Aber ich will mich wieder am Wochenende mit meinen Kochbüchern auf die Couch legen und jede Woche mindestens ein neues Rezept ausprobieren.
2. Ich will wieder mehr Vollkornbrot kaufen. (Vollkornnudeln oder Vollkornkuchen dagegen: niemals.)
3. Ich will Obstbäume im Garten pflanzen, außerdem Johannisbeersträucher und Heidelbeeren und Himbeeren im Wäldchen. Ich will mich um sie kümmern und versuchen, sie jedenfalls nicht absichtlich zu vernichten.
4. Ich will mindestens einmal pro Monat ins Theater gehen.
5. Ich will keine einzige intouch kaufen, bevor ich nicht meinen Zeitungsstapel aufgelesen habe.

Und Abends schaffe ich es noch nicht mal, lange genug für Pastewka wachzubleiben.

Tag 1 der Fastenwoche, oder meine Toilette hat 2.756 winzige blaue Fliesen.

Ich bin im Grunde ja selbst Schuld, warum kaufe ich überhaupt solche Bücher? Einmal fix durchgeblättert in der Buchhandlung, dann hätte klar sein müssen, dass auch dieses Fastenbuch wieder so ein Fastenbuch ist. So eins, in dem einfach behauptet wird, die Fastensuppe sei "köstlich" und man würde sie "genießen", während in Wahrheit die Fastensuppe schmeckt wie Spülbrühe und ich sie mir nur zur Hälfte reinzwängen kann, bis ich aufgebe und zur viel leckereren Alternative greife: ein bisschen Biogemüsesaft mit heißem Wasser aufgegossen. Ja, ihr habt richtig gelesen, diese läpprige, unattraktive Schüssel voll halbtransparenter Langeweile ist immer noch ungefähr fünfmal so gut wie die köstliche Fastensuppe, für die ich dazu auch noch mit Gemüse hantieren, es kleinschneiden und eine halbe Stunde kochen muss, nur um dann das Gemüse wegzuwerfen und das ungesalzene Kochwasser zu essen. Entschuldigung, zu genießen. Und auch in diesem Fastenbuch ist wieder dauernd die Rede von "unserer hektischen Zeit" und der "Rastlosigkeit", den bösen bösen elektronischen Geräten und davon, dass Rotwein eine ungesunde Angewohnheit ist. Liebe Fastenbuchautoren, wieder mal überschreitet ihr in einer Tour euren Kompetenzbereich. Wie lebe ich fünf Tage ohne Nahrung und mache daraus eine Erfahrung, die möglichst gewinnbringend für Geist und Körper ist? Wie schaffe ich das selbst als verfressendster Mensch der Welt, ohne durchzudrehen oder jemanden zu ermorden? Wo sind die Klippen und Untiefen, und wie umschiffe ich sie am besten? Womit muss ich während dieser Zeit rechnen, wie gehe ich damit um? DAS sind eure Hoheitsbereiche. Aus dem Rest meines Lebens lasst bitte, bitte eure Finger, es ist nämlich so: ich MAG meine elektronischen Geräte, und in unserer hektischen Zeit fühle ich mich auch ganz wohl.

Aber sonst ist noch alles gut. Wenige Minuten nach dem Ende des ersten Fastenposts begann es im Bauch verheißungsvoll zu gluckern, ich nahm mir eine Zeitung (nicht gut, s. "hektische Zeit") und verzog mich auf die Toilette, wo die Dinge ihren Lauf nahmen. Laut Fastenbuch soll man sich für ungefähr drei Stunden nicht zu weit von einer Toilette entfernen, weil man so lange so gut wie keine Kontrolle darüber hat, wann (empfindsame Gemüter erst einen Absatz später weiterlesen bitte) braunes, müffelndes Wasser in dicken Schwällen aus einem herausschießt.

Die erste Stunde habe ich mit der Zeitung zugebrahcht, die zweite mit einer anderen Zeitung auf dem Sofa fünf große Schritte vom Klo entfernt, die dritte wieder mit leicht verlängerter Leine einen Stock tiefer im Esszimmer. (Nicht um zu Essen, harr.) Dann dachte ich, nun ist es aber auch mal gut. Woraufhin ich noch zu mindestens fünf Zeitpunkten, zum letzten Mal abends um zehn, plötzlich mit vermutlich sehr bescheuertem Gesichtsausdruck mit Lili auf der Wiese, am anderen Ende des Gartens oder auf dem Dachboden stand und dann in hastigem Krebsgang es gerade noch schaffte. Ich habe an diesem ersten Tag schätzungsweise drei Stunden auf dem Klo zugebraucht. Und damit kann ich allen nur raten, die es mir nachmachen wollen: Auch, wenn das Fastenbuch sagt, das geht bei richtiger Organisation, lasst es bloß nicht drauf ankommen. Geht am ersten Fastentag nicht arbeiten.

Donnerstag, 17. März 2011

Hab ich gesagt, der Bauch ist blöd? War nicht so gemeint. Guter Bauch.

Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, mich mit meinem Körper anzulegen, jetzt ist der Zeitpunkt für Harmoniiiiiiiiiiie.
Denn gerade, als ich mit Lili auf der Wiese stand, klingelte plötzlich mein Telefon, meine Ärztin war dran, und es ist scheinbar kein Problem, die Stimulation doch noch eine Woche nach hinten zu schieben. Warum? Wieso vorher nicht? Ich weiß es nicht, aber ich bin froh, und sie wünscht mir viel Spaß beim Fasten. Das ist doch großartig! Genau so großartig wie die Aussicht auf ein Cousinchentreffen genau wie geplant und einen Geburtstag zwar mit Gonal, aber noch ohne Ovitrelle.

Schade nur, dass ich gestern auf dem Heimweg aus der Agentur noch für ca. 40 Euro leckeren Frühstückskram für die nächsten Tage eingekauft habe und sich nun der gefräßige L. mit meinen Räucherforellen, meinem Appenzeller, meinem San-Daniele-Schinken und meiner englischen Marmelade mästen wird. Und schade, dass ich gestern Abend auf der Couch noch zwei Glas Rotwein hatte, das ist eigentlich am Entlastungstag nicht vorgesehen - aber gestern wusste ich ja nicht, dass es ein Entlastungstag ist. Gut dagegen, dass ich gestern den ganzen Tag keinen Fitzel Fleisch oder Fisch zu mir genommen habe, das soll angeblich schlimmer sein als Alkohol. Und sowieso könnte mich nichts, was ich gestern getan hätte, davon abhalten, jetzt das zu tun, was ich tue:

Ich liege im Bett, den Rechner auf den Knien und neben mir das Dicke-Damen-Gedeck. Ein großes Bierglas voll in lauwarmem Wasser aufgelösten FX Passage-Salzes (die nur fast genauso widerliche Schwester von Glaubersalz), einen weißen, von Mönchen hergestellten Krug mit starkem Pfefferminztee und ein Schälchen Zitronenschnitze, um gegen den FX-Geschmack anzukämpfen. Ein Drittel habe ich schon geschluckt, der Rest folgt innerhalb der nächsten zwanzig Minuten. (Beim ersten und zweiten Mal habe ich es noch runtergeschüttet wie einen Cocktail aus dem Dschungelcamp, aber wenn man Pech hat, kommt es dann sofort wieder hoch.) In den nächsten Tagen werde ich versuchen, eine zu sein, die ich sonst nicht bin. Ich werde mich mit hölzernen Bürsten bürsten, mich kalt abduschen, Teetassen mit beiden Händen halten und dabei hohlwangig aus dem Fenster gucken, auf meine Atmung achten, mich an irgendwelchen Leistungen der Natur erfreuen statt an einem schönen Teller Pasta mit Trüffelöl, und auf diese Weise in einer Woche glücklicher, ausgeglichener, gesünder und vor allem viel, viel dünner aus diesem esoterischen Tunnel kommen. Ich find's spannend. Wenn es euch anders geht, dann schaltet euch nächsten Mittwoch wieder zu, wenn ich das alles hinter mir habe und einen Tag vor meiner ersten Gonal stehe.

Mittwoch, 2. März 2011

Ein bisschen wie ein Galeerensklave, der sich nach Feierabend gerne auf dem Rudergerät entspannt

Ich bin wohl wirklich bescheuert, an einem Tag, an dem ich in den 60ern drei Farbbänder durchgeknuspert hätte, abends noch einen Post zu schreiben. Und Anlass habe ich auch keinen, ich bin nur gerade wieder fertig geworden mit einem Auftrag und hab morgen den Vormittag frei. Ich habe heute ein amazon-Paket bekommen, in dem mein erstes Buch von Edward St Aubyn ist und eine DVD-Box mit Staffeln 1 bis 3 der Tudors, auf dem Herd steht von L. gekochte Hühnersuppe, und auf mich wartet eigentlich eine warme Dusche, mein Schlafanzug, ein Glas Rotwein und noch zwei Stunden ungestörter Glotzgenuss auf dem Rechner, während L. sich unten in Jungsgesellschaft das Spiel ansieht. Und dazu habe ich auch noch gerade erfahren, dass der andere Auftrag - der, wegen dem ich die ganze Zeit nichts gehört habe und Muffen hatte - heute präsentiert wurde, gut ankam und jetzt erst mal Ruhe herrscht über das ganze Wochenende, das ich ja, wie ich schon erzählt habe, in Franken verbringe von morgen abend an. Ich bin heilfroh, mich entspannen zu können, weil ich nicht mehr die brave fränkische Hotelwirtin wegen WLAN nerven muss und zu nichts komme, weil ich dauernd Emails abfragen und beantworten muss.

Wie gesagt, ich müsste mich entspannen. Wenn mir nicht genau das gerade ein bisschen schwer fallen würde.
Diese Fastenwoche ist wirklich überfällig, glaubt es mir. Ich habe schon lange nicht mehr so viel gegessen und hatte so wenig Spaß daran, war so unruhig und gleichzeitig so müde und hab mich so rundum ungesund gefühlt.

Sonntag, 27. Februar 2011

Häschenbordüre von Innen

In unserem Gesellschaftskunde-Buch in der Schule gab es immer diese Fotos, auf denen "eine deutsche Familie" (Also selbstverständlich Vater, Mutter, zwei Kinder, von jeder Sorte eins) vor einem Tisch fotografiert war, auf dem sich das stapelte, was sie in einem Jahr essen. Abgesehen davon, dass mich ein großer Teil dieses Essens nicht besonders anlachte (Haferflocken? Kondensmilch? Würstchen aus der Dose? Eingemachte Erdbeeren?), ist die Vorstellung in irgend einem Winkel meines Fusselhirns klebengeblieben und meldet sich bis heute dann und wann zu Wort. Zum Beispiel dann, wenn ich nach langer Zeit mal wieder an einem lustigen Abend sechs Zigaretten geraucht habe und es mir deshalb am nächsten Tag dreckig geht. Dann erscheint vor meinem müden inneren Auge unweigerlich ein Bild, auf dem man ein deutsches Fusselhirn vor allen Zigaretten sieht, die es in seinem Leben bisher geraucht hat. Oder wenn ich ich mich wieder mal aus Spaß und reiner, unverfälschter Gier so vollgefressen habe, dass ich mich kaum noch rühren kann, und mir einen sich biegenden Tisch vorstelle, auf dem das Essen steht, das ich innerhalb einer Woche so zu mir nehme. Es ist erschütternd. Dieser Tage wird die Vorstellung noch verschärft dadurch, dass sich auf meinem imaginären Tisch nicht nur Fluppen und eine warme Mahlzeit, sondern sämtliche Fluppen, unseriösen Getränke, ungesundes Essen und Medikamente einschließlich Vollnarkosen zu einem ekligen Haufen türmen. Das ist wirklich wiederlich, und wenn ich mir das so vorstelle, dann wundere ich mich, dass es tatsächlich noch Tage gibt, an denen ich morgens aufstehe und mich (zumindest jetzt, nach Enantone) eigentlich ganz frisch und wohl fühle. Ziemlich häufig fühle ich mich aber anders: müde, angeschlagen, träge, krank und wie unverdient dauerverkatert. Wäre ich eine österreichische Kaiserin, würde ich für ein paar Monate nach Madeira fahren. Bin ich aber nicht. Und deshalb träume ich in letzter Zeit immer häufiger davon, mal wieder eine Woche zu fasten. Das wäre nicht das erste Mal, sondern das fünfte. Zwei mal ging es gut, ich hatte eine tolle Woche, in der ich endlich mal wieder klar denken konnte, monatelang vier-fünf Kilo abgenommen hatte und mich hinterher genau so gefühlt habe, wie es das Fastenbuch versprochen hatte: ich war wieder sauber. Keine Kopfschmerzen mehr, viel seltener Migräne, keine Rückenschmerzen, keine Wehwehchen, und das Essen schmeckte auf einmal fabelhaft. Ein Äpfelchen oder eine geriebene Möhre waren schon eine echte Mahlzeit, und ich hatte überhaupt keine Lust mehr auf hellen Toast, Mayo, Fritten und... uaaaah... langweilt ihr euch auch so wie ich? Ja, aus der Perspektive von heute klingt dieses Gesundheitsstreberleben natürlich schlimm, aber ich schwöre, es war toll! Irgendwann ging das dann auch mit den Fritten wieder los, aber selbst das war toll, denn auf einmal waren das die leckersten Fritten, die ich je gegessen hatte, und nach ca. fünfzehn davon war es genug, ich hab die halb volle Schale stehen lassen, bin pfeifend davonspaziert und hab nicht zurückgeschaut. (Jaja, natürlich hab ich sie vorher in den Müll geworfen, liebe Blogpolizei.) Ich weiß noch, beim ersten Mal fasten hatte ich mir eine Woche freigenommen, es war im März, und plötzlich lagen überall zwanzig Zentimeter Schnee, es wurde klirrekalt und ganz sonnig, und eine Woche lang bin ich auf wackligen Fastenknien durch diese Wunderwelt spaziert und habe mich kurz vor religiös gefühlt.

Gut, zwei mal war es auch schrecklich. Ich habe die fünf Fastentage nicht durchgehalten, und vor dem Aufgeben war ich tagelang fast wahnsinnig vor Schwäche und Kopfschmerzen, und keins der Wundermittel aus dem Fastenbuch wollte helfen. Aber da habe ich auch gearbeitet, und es war wie ein schlechter Scherz: alle zwei Minuten hat einer meiner Kollegen mir Kuchen unter die Nase gehalten, oder eine Mail ploppte auf, dass wir uns heute kurz vor Feierabend bitte zu einer Runde Prosecco und Snacks irgendwo versammeln sollen, um irgend einen Mist zu feiern. Und wenn ich gerade mal nichts essen sollte, dann sollte ich mich mit Aufgaben beschäftigen, die alle mit Schokolade, Keksen oder Würstchen zu tun hatten. Aber diese beiden Male waren mir eine Lehre, und diesmal würde ich nicht arbeiten gehen, sondern würde mir eine Woche im Kalender freischaufeln und nur machen, wozu ich imstande bin und wozu ich Lust habe.

Ich träume davon, dass meine Hosen nicht mehr zwicken, dass die Hormonpickelchen verschwinden, dass ich mich nicht mehr so vergiftet fühle, dass ich meine Liebe zu Vollkornbrot und Äpfeln wiederentdecke, dass ich wieder mit weniger als einem Kilo Essen glücklich bin, und dass ich nicht mehr zwanghaft in jede Schale M&Ms greifen muss, die irgendwer in der Agentur aufstellt. Ich freu mich drauf, wieder zu merken, wann ich Hunger habe und worauf.

Gut. Dieses Wochenende ist so gut wie vorbei und war viel zu anstrengend: ich hab den Schreibtisch knallvoll und muss bis heute Abend auf zwei Jobs abliefern. Außerdem ist Dienstag eine Präsentation, freinehmen wäre nicht gegangen. Und nächstes Wochenende bin ich mit L. in Franken unterwegs, mein innerer Tisch biegt sich gerade unter Knödeln und Schweinsbraten. Ich weiß nicht, ob es jemals ein Franke geschafft hat, aber ich könnte in Franken nicht fasten. Aber das Wochenende danach? Das zweite im März? Ich würde bis Mittwoch arbeiten, Mittwoch Entlastungstag mit ein bisschen Rohkost, ohne Kaffee, Tee und Fleisch, und Donnerstag würde es losgehen. Und wenn ich mir dann die erste Gonal in den Bauch spritze, dann weiß ich: es ist ein sauberer Bauch. Das Kinderzimmer ist tapeziert, liebevoll eingerichtet und blitzeblank.

Montag, 3. Mai 2010

Das Fastenregime ist tot, es lebe das neue Regime

Eine schöne Pleite ist das: ich hab das Handtuch geworfen und schon gestern Abend meinen Apfel gegessen. Ich konnte nicht mehr. L. und seine Strunzerei trifft keine Schuld. Lili kann auch nichts dafür. Das war nur ich, mein flauer, krampfender Bauch, meine Beine und Arme, die sich angefühlt haben, als wäre die Grippe des Jahrhunderts im Anmarsch, und mein Kopf, in dem sich eine Riesenmigräne zusammenzubrauen schien. Ich war vollkommen am Ende. Und ja, ich hab all die Tricks aus dem Fastenbuch ausprobiert, ich hab einen Löffel Honig ganz langsam gegessen, ich hab an allen vorgeschlagenen Akupressur-Punkten gedrückt, ich habe wechselgeduscht und mich dabei am Duschvorhang festgekrallt, und ich war "den Kopf freikriegen und durchatmen", als ich mit Sternchen vor den Augen über die Wiese spaziert bin und hinterher kurz davor war, eine 70jährige Passantin zu bitten, mir doch kurz über die vierspurige Straße zu helfen, so schwach und schwindelig war ich. Und dann hab ich mir gedacht, das war es dann wohl jetzt. Peinlich ist das, aber nicht zu ändern.

Und jetzt trinke ich einen Earl Grey mit Milch, basta. Dazu einen Toast mit Schweizer Käse? Essen ist ein fabelhafter Trost, wenn man mal wieder etwas nicht hingekriegt hat, wie zum Beispiel den duften Plan, fünf Tage lang nichts zu essen.

Abkürzungsdamen, versteht mich nicht falsch, ich finde fasten immer noch toll und wunderbar und werde nie vergessen, wie gut mir das beim ersten Mal getan hat. Vielleicht gäbe es irgendwelche Umstände, unter denen ich das auch noch mal tun könnte. Z.B. dann, wenn ich ganz allein wäre für ein paar Tage, ohne Mann und ohne Hund und ohne Freunde. Und wenn ich in dieser Zeit nichts, absolut nichts zu tun hätte. Aber bis dahin stecke ich es erst mal wieder. Bis zum nächsten Versuch.

Weil ich aber meistens einen Plan brauche, um das Gefühl zu haben, ich habe mein Leben im Griff, gilt jetzt folgendes Gesetz: ich werde jeden zweiten Tag eine halbe Stunde laufen, am anderen Tag stehe ich auf meiner wii und wackele durch mein 45minütiges Yoga-Programm. Genau wie das Fasten habe ich das Laufen auch früher schon mal sehr gut hingekriegt. Allerdings fast ein Jahr lang. Zu einer Zeit, als ich mit den Mädchen noch drei mal wöchentlich hotten war und um viertel nach neun am Arbeitsplatz sein musste, bin ich jeden zweiten Tag um halb acht aufgestanden und eine halbe Stunde lang um den Park gelaufen. Am Ende dieser Zeit war ich immerhin fit genug, um in einer Goldleggins auf der Firmenparty, die unter dem Motto "Glamrock" stand, aufzutauchen. Falls die Leute gekichert und mit Fingern auf meinen Hintern gezeigt haben, habe ich nichts davon mitbekommen.
Gestern war Yoga, heute ist Laufen. Es schüttet. Aber vielleicht ja nicht den ganzen Tag lang, wenn ich schön meinen Teller leer esse.

Sonntag, 2. Mai 2010

Ohne Nachtisch ins Bett

Jedes Mal beim Fasten kommt der Moment, an dem ich mir denke: was soll das eigentlich, ich kann doch auch einfach ein bisschen mehr Sport treiben und ein bisschen gesünder essen. Dieser Moment ist JETZT, und ich hoffe, er geht schnell vorbei. Dabei geht es mir noch nicht mal schlecht. Ich bin ein bisschen schwach auf den Beinen, aber gestern war ich bestimmt zweieinhalb Stunden mit dem Hund spazieren und habe noch zu Fuß mein Fahrrad vom 30 Minuten entfernten Griechen abgeholt, an einem Tag, an dem man laut Fastenbuch auch mal gut im Bett bleiben und "die Gedanken schweifen" lassen kann. Und der Tag heute fing an mit einer Dreiviertelstunde Yoga.
Seit gestern früh habe ich zu mir genommen: 100 ml Gemüsesaft, 250 ml Bio-Obstsaft, zwei Zitronenspalten zum Auslutschen nach dem Abführsalz, und davon abgesehen ungefähr fünf Liter Mineralwasser und Kräutertee. Währenddessen hat L., der gerade nach der Strunz-Diät lebt, einen Liter selbstgemachtes Melonen-Buttermilch-Ahornsirup-Eis neben mir auf der Couch gegessen und plant jetzt seinen großen Spargeltag. (Was müsst ihr nur für ein Bild von unserem Haushalt bekommen! Nein, wir sind keine Ernährungsnazis, normalerweise umarme ich eine Schüssel Pasta und hau mich aufs Sofa. Wie jeder andere normale Mensch auch.)

Also gut. Ich sage mir folgendes:
1. Kann ich mich noch genau erinnern, was für ein Spaß das Essen nach dem Fasten ist und wie glücklich man über jede Kartoffel und jedes Möhrchen ist. Darauf freue ich mich.
2. Habe ich mir im letzten halben Jahr dauernd vorgenommen, mich gesünder zu ernähren und nicht mehr so viel zu fressen, vor allem nicht abends. Ich wollte das wirklich und hab es trotzdem nicht geschafft. Sehen wir die Fastenwoche als harten Entzug von meinem Scheunendrescherleben. Vielleicht klappt es ja danach.
3. Wenn mir das alles wunderbar leicht fallen würde, müsste ich nicht fasten. Genau so, wie es jetzt ist, soll es wohl sein.
4. habe ich selten fünf Tage lang so wenig Geld für Lebensmittel ausgegeben.
5. Soll beim Fasten ja auch noch eine ganze Menge mehr passieren als nur Ernährungsumstellung und Entgiftung. So ein Fusselhirn wie ich hat zum Beispiel große Sehnsucht danach, sich besser konzentrieren zu können, ruhiger zu werden und sich nicht mehr so gehetzt zu fühlen.
6. hab ich die vage und vermutlich ziemlich spinnerte Idee, wenn mein Körper sich an meinen Fettreserven sattgeknuspert hat, dann nimmt er sich vielleicht die Myome vor. Nein, spart euch den Protest, liebe fachkundige Kommentatorinnen, ihr müsst mir nicht erklären, dass das Blödsinn ist. Aber ich würde gerne ein bisschen dran glauben. Und es hilft mir beim Durchhalten.

Ich lasse also weiter die Finger vom Kühlschrank und hoffe das Beste.

Lili muss übrigens mitmachen. Heute Nacht irgendwann zwischen zwei und fünf hat sie einen riesigen Dünnschiss-Haufen in den Flur gemacht. Und das Welpenbuch sagt, bei Durchfall kriegt der Hund einen Tag lang nichts zu essen. Sie ist not amused.

Samstag, 1. Mai 2010

Eskapismus für Einsteiger

Das Baby. Das Buch. Das Haus. Der Hund. Der Job. Man sollte meinen, es reicht. Aber ich fand in den letzten Tagen, es tut sogar mehr als nur reichen: es ist nämlich ein bisschen viel. Deshalb wird jetzt eine Woche gefastet.

Ich hab das schon mal gemacht, und es war ganz toll. Ich war danach wochenlang glücklicher, habe mich großartig gefühlt, habe fünf Kilo abgenommen, die auch eine ganze Weile weggeblieben sind, habe monatelang nicht mehr geraucht, das Essen schmeckte hinterher besser...

Und dann bin ich wohl ein bisschen übermütig geworden und dachte mir, wenn das so toll klappt bei mir, dann kann ich ja auch arbeiten währenddessen und muss dafür keine Urlaubswoche opfern. Das wurde dann ein Albtraum. Ich schleppte mich durch vollgepackte Tage, mit weichen Knien und Sternchen vor den Augen, ich war reizbar wie eine Rehpinscher und für niemanden einschließlich mich selbst zu ertragen. Alle paar Minuten hielt mir jemand etwas zu essen unter die Nase, ich hab schon überlegt, mir ein T-Shirt mit der Aufschrift "Nein Danke" oder wahlweise auch "Schieb dir deinen Kuchen sonstwohin, Schatzi" drucken zu lassen, um mir die ständigen Erklärungen zu ersparen. Damals habe ich vor mir und allen Mädchen geschworen, das nie wieder zu tun. Aber jetzt ist anders. Erstens musste ich diese Woche jobbedingt 48 Stunden in einem Fast Food-Restaurant verbringen, das Essen war umsonst. Muss ich wohl weiter nichts zu sagen. Zweitens wiege ich im Moment 67,4 Kilo. Drittens hatte ich schon lange nicht mehr ständig solche Kopfschmerzen, zwar sind sie nur ein Hintergrundgeräusch, aber sie sind da. Weißes Rauschen hinter meinen Ohren und im Nacken. Und viertens habe ich jetzt eine Woche, in der ich höchstens sporadisch und von der Couch aus an meinen eigenen Arbeiten aus den letzten Wochen rumdoktorn muss, mein Auftraggeber ist im Urlaub, und wenn ich das jetzt nicht tue, dann steht schon wieder eine Geburtstagsfeier und der Besuch der Damen aus meiner Familie vor der Tür.

Also. Der Tag begann heute um halb acht damit, dass ich 300 ml lauwarmes Wasser verquirlt mit 6 Teelöffeln FX Passage-Salz ächzend und stöhnend in mich reingewürgt habe. (Letztes Mal habe ich alles sofort im hohen Bogen wieder ausgespuckt, da habe ich mich erst ganz kurz sehr befreit gefühlt, bis mir klar wurde, dass das bedeutet, jetzt alles noch mal zu trinken.) Jetzt sitze ich auf dem Sofa und weiß, in acht großen Sätzen kann ich es aufs Klo schaffen. Und hoffentlich geht es bald los, denn um halb zwölf müssen L. und ich mit Lili zur Hundeschule, die sich inmitten eines großen, klofreien Waldes befindet, der aber wiederum nicht so dicht bewachsen ist, dass man sich einfach hinter einen Baum hocken könnte.

Und bis dahin gibt es keinen Earl Grey mit Milch und schon gar keine Frühstückseier oder Käsetoasts, sondern ungesüßten Kräutertee. Eine Menge davon. Die nächste feste Nahrung erwartet mich am Donnerstag Morgen, ein niedlicher kleiner Bio-Apfel wird das wohl sein.

Ihr denkt, ich bin bekloppt. Ein bisschen denke ich das auch. Aber wenn ich so an die letzten Wochen denke, dann hab ich schon das Gefühl, ich habe einige Maßstäbe ein bisschen aus den Augen verloren. Allein eine Tüte Backofenpommes? Mit einem halben Glas Mayo? Vor dem Fernseher? Oder auch wahlweise 800 Gramm Spareribs? Und hinterher noch Eis? Irgendwie... nein.

Im Fastenbuch sind sie auch nicht doof, sie wissen schon, dass der Großteil ihrer Leser zwar sicherlich AUCH ein bisschen den Körper reinigen und den Kopf frei bekommen will, dass wir alle vorhaben, an unseren Lebensgewohnheiten zu arbeiten, aber dass wir im Grunde eine Bande ambitionierter Dickerchen sind, die es lieber schnell hinter sich bringen, als wochenlang zu diäten. Wir essen gern und sind gerne nett zu uns, uns muss man also ein spaßfreies Leben ein bisschen schönreden. Darum steht in diesem Buch nicht, man sollte eine Tasse Kräutertee TRINKEN, sondern da steht, man sollte sich eine Tasse Kräutertee GÖNNEN oder sich mit einer Tasse Kräutertee VERWÖHNEN. Und das mir, wo Verwöhnen bei mir normalerweise eine Familienportion Risotto bedeutet. Aber gut, jetzt ist das Abführsalz im Bauch, die Dinge gehen ihren Gang, und ich gebe mich getrost in die Hände meines Stoffwechsels, der sicherlich nicht nur mit den bösen bösen Schlacken aufräumen wird, sondern auch mit der ewigen Gedankensabotage.