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Montag, 12. Mai 2014

13+6

Mein Bauch ist klar zu sehen, normale Jeans gehen nicht mehr zu, und selbst Kleider mit hoher Taille bekommen diesen Leberwurst-Appeal. Trotzdem behaupten sowohl meine Waage als auch die bei meiner Ärztin steif und fest, ich hätte bisher nicht mehr (eher weniger) als ein Kilo zugenommen. Das ist wirklich doppelt seltsam, denn weil mir diesmal so schlecht ist und Essen das beste Mittel dagegen zu sein scheint, nehme ich an manchen Tagen bis zu acht komplette Mahlzeiten zu mir.

Die dollen Schwangerschaftshaare, dick, glänzend und lockig, lassen auf sich warten. Im Moment sind sie strohig, spärlich, voller Wirbel, die da noch nie waren, und liegen im Krieg mit ihrer Besitzerin. Jeden Morgen stehe ich vor dem Spiegel und kann es nicht fassen. Es ist eine Frechheit. Kuren, über Nacht einwirkende Öle und Apothekenshampoos helfen rein gar nichts. Wann geht es denn jetzt mal los hier? Oder täuscht mich meine Erinnerung, und letztes Mal waren es auch nur die letzten paar Wochen? (Ich weiß noch, wie ich vollkommen fertig, nach Blut stinkend, verschwitzt, ungeduscht und ekelig nach der Geburt da lag und Freundin R., die wie eine eins assistiert hatte, beruhigend zu mir sagte "Aber deine Haare sehen toll aus.")

Meine Haut ist im Moment leider nicht zu beurteilen, denn Rasputin hat sich angewöhnt, mir seine Liebe mit Beißen, Kratzen und Zerren zu zeigen. Er strahlt mich an, sagt "Mamamama dä", holt mit seiner kleinen dicken Faust aus und zack, hat er ein Stück meines Nasenflügels in der Hand. Da kann ich noch so teure und ausgebuffte Kosmetikprodukte verwenden, im Moment ist ein solides, zementartig deckendes Make-Up mein bester Freund.

Die Übelkeit begleitet mich immer noch jeden Tag, aber fast noch nerviger sind die Kreislauf-Haschmichs. Der Blutdruck scheint normal zu sein oder benimmt sich immer gerade dann, wenn ich ihn messen will, aber trotzdem sacke ich immer noch regelmäßig in der Ubahn in mich zusammen, auch Supermärkte sind gefährliches Gelände. Obwohl ich mich inzwischen daran gewöhnt haben müsste, bin ich immer noch jedes Mal überrascht, wie hilfsbereit und freundlich fremde Menschen sind, und das, obwohl man bei im Moment 11 Grad in Hamburg und der dicken Jacke, die ich deshalb trage, den Bauch noch nicht auf den ersten Blick sieht. Manchmal wird es mir fast zu viel, wenn ich auf einer Sitzbank an der Ubahn-Station Klosterstern oder sonstwo liege und versuche, wieder zu Puste zu kommen und mich nicht vollzuspucken, wenn schon wieder jemand kommt und wissen will, ob er einen Arzt rufen soll, ob ich vielleicht einen Schluck Wasser brauche oder ob er mich irgendwohin begleiten kann. Danke, Hamburger, ihr seid toll! Nur sprechen ist gerade nicht so gut. Mund zulassen ist besser. Viel besser.

Ich überlege mir jetzt schon, was ich diesmal anders machen will als bei Rasputin. Zum Beispiel erwäge ich den Kauf eines dieser Dinger, in die man oben kochendes Wasser reingießt, woraufhin es unten auf 50 Grad abgekühlt herausfließt. Ich weiß noch, wie mich in der ersten Zeit dieser ganze Tanz um die richtige Wassertemperatur auf Trab gehalten hat. Ich werde mir außerdem in den nächsten Tagen eine Hebamme suchen. Zwar dachte ich erst, diesmal lasse ich das komplett, weil ich mich im Nachhinein ziemlich über manche Aspekte des Verhaltens meiner alten Hebamme aufgeregt habe. Aber die müssen ja nicht alle so sein, vielleicht lande ich diesmal einen Glücksgriff, nur etwas beeilen muss ich mich wohl. Stillen werde ich auch diesmal wieder versuchen, aber ich werde mir die Sperenzchen mit Medela-Saugern sparen. Rumpelige Strecken auf dem Weg zum Vollstillen werde ich versuchen, mit der Pumpe zu überbrücken, und wenn das nicht reicht, dann eben nicht. Rasputin ist rundum proper, hat Bärenkräfte, zeigt bisher keine Anzeichen von Schnäkigkeit bei normalem Essen (d.h., normalem Menschenessen - keine Gläschen) und scheint es insgesamt gut verkraftet zu haben, dass es für ihn immer auch Fläschchen und ab dem vierten Monat keine Muttermilch mehr gab. Ich werde also versuchen, mich diesmal nicht so stressen zu lassen. Und was das Stressen betrifft: sobald ich merken werde, dass mir etwas das Leben erleichtert, werde ich es mit offenen Armen willkommen heißen. Ich werde nie vergessen, wie Hebamme 1 mich vorwurfsvoll ansah, als ich ihr erzählte, ich würde ruhiger schlafen und mich weniger gehetzt fühlen, wenn ich so viele Fläschchen hätte, dass ich im Lauf der Nacht nicht spülen und sterilisieren muss. "Wieso. Ist doch schnell gemacht, so ein-zwei Fläschchen zu spülen?" bockte sie. "Kann sein, aber mich stresst es nun mal und macht mich nervös", antwortete ich. "Versteh ich nicht, spül sie doch einfach" beharrte sie. "Ich finde eben, wenn so eine Kleinigkeit wie zwei Fläschchen mehr für pro Stück 5 Euro irgendwas mich weniger nervös und entspannter machen, dann sind sie jeden Cent wert" sagte ich. "Meine Güte, ist doch kein Ding, nachts zu spülen" sagte sie, und mir lag kurz auf der Zunge, dass sie bei ihrem gewaltigen Umfang doch eigentlich keine Fremde gegenüber dem Konzept Arbeitsersparnis sein kann, und hielt dann zum Glück doch die Klappe, aber war in diesem Moment leider ein für allemal innerlich fertig mit ihr. "Nee nee, wir zwei werden keine Freundinnen", dachte ich. Und genau so war es!

So in etwa sieht es hier aus in Woche 13 +6.



Mittwoch, 7. Mai 2014

Eine gute Nachricht und eine schlechte Nachricht, die aber irgendwie auch gut ist.

Entgegen der Tradition die gute zuerst: das Baby ist fast schon beschämend gesund, strampelt pausenlos, weicht dem Ultraschall geschickt aus und dreht uns ein langes Nasenbein. Nach dem Scan liegen meine Chancen auf ein heiles, rundum properes Baby zwanzig mal so hoch wie davor, wenn man einfach nur mein Alter, die IVF und so weiter als Berechnungsbasis nehmen würde. Besser geht nicht, bei zwanzigfacher Chance ist Schluss, da kann Würmchen uns noch so stolz seine Nackenfalte, seinen Kopfumfang oder seine Oberschenkelknochen präsentieren.
Und obwohl ich das doch alles jetzt schon kenne, ist es trotzdem gestern erst richtig angekommen: wir bekommen noch ein Kind. Rainer Maria bekommt einen Bruder. Oder eine Schwester, das war noch nicht zu sehen. Diesen November werde ich wieder laut fluchend in einen Kreißsaal wackeln und ganz still wieder herauskommen. (Rainer Maria habe ich es jetzt schon ungefähr achtzig mal erzählt, aber er scheint es auch noch nicht zu kapieren. Vielleicht hätten wir ihn gestern zum Scan mitnehmen sollen?)

Jetzt die schlechte. Die Drehbuchwerkstatt will mich nicht. Ich kann kaum beschreiben, wie erleichtert ich darüber bin. In den letzten Monaten habe ich ca. 278 Stunden meines ohnehin knappen Schlafes an Grübeleien und Panik verloren, wie das alles klappen soll. Es wäre ja nicht damit getan gewesen, öfter nach München zu fliegen, um mich dort in Workshops und Seminare zu setzen. Irgendwann hätte ich das Biest auch schreiben müssen. Ich komme ja kaum dazu, meine schnell-schnell hingeschluderten Blogposts zu schreiben! Es wäre wie die Hausaufgaben aus der Hölle geworden. (Aber wieso wollten die mich nicht? Wieso?) Nächstes Jahr sieht es viel besser aus, nächstes Jahr wäre großartig. Dann hätte ich nur die August, September und Oktober irgendwie runterzureißen, und ab November ist Ndogo II schon in der Kita, dann habe ich Zeit, an meinem Rechner zu sitzen, ohne ständig zu brüllen "L.! Das Baby! Fläschchen! Jetzt!" (Bin ich zu schlecht? War die Bewerbung zu schnuddelig? Hätte ich doch die dritte Idee einreichen sollen, die, aus der ich eigentlich was ganz anderes machen will als ein Drehbuch und die mir deshalb zu schade war?) Die Ideen, die ich eingereicht habe, kamen mir damals gut vor, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich seit Abschicken der Bewerbung keinen Gedanken mehr an sie verwendet, das ist ja wohl kein gutes Zeichen? Ich müsste besessener sein davon. Und sowieso, wäre eine freie Form des Schreibens für mich nicht besser als ein Drehbuch? (George R.R. Martin hat früher Drehbücher geschrieben, bis er entnervt war davon, dass es immer hieß "Du kannst Pferde reinschreiben oder Stonehenge, aber nicht Pferde und Stonehenge", weil das sonst zu teuer wird. Dann hat er Bücher geschrieben, und es läuft nach allem was man hört nicht schlecht.) (Jaja. Sagt die Tante, die es vor der Geburt ihres Kindes und mit reichlich freier Zeit und Gelegenheit auf gerade mal ein dünnes Buch gebracht hat, und das auch noch ein Sachbuch. Hätte ich das ernsthaft in mir, hätte ich es dann nicht längst mal getan?)

Also gut. Ich beschließe jetzt, es zum nächsten Mal wieder zu versuchen, außerdem Thema drei, das nicht eingereichte, nach besten Kräften voranzutreiben, und zwar spätestens dann, wenn Rainer Maria in die Kita kommt. (August, September, Oktober, der halbe November. Dreieinhalb kostbare Monate. Daraus muss doch was zu machen sein?) Und ich bin froh, jetzt doch nicht irgendwo in den Wolken über dem Harz auf dem Weg nach München einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Es sind die kleinen Dinge, für die man dankbar sein muss! (7,8 cm misst Ndogo jetzt vom Scheitel zum Steiß. Kleine, feine Wurst.)

Dienstag, 29. April 2014

Zum Glück fehlt mir die Energie, mich den ganzen Tag lang zu fürchten.

Als ich klein war, war mein größter Traum, auf einem Pferd zu sitzen. Ach, was rede ich, ein Pferd anfassen zu dürfen. Angucken! Den Geruch in der Nase zu haben. In einem Stall herumzulungern und dort tatsächlich hin zu gehören, offensichtlich, mit Reithose und Reitstiefeln. (Der Helm war mir nicht so wichtig, aus welchen Gründen auch immer. Ich hab tatsächlich nie einen getragen später... wenn ich so drüber nachdenke... was soll's.) Irgendwann zeichnete sich ab, dass dieser Traum wahr werden würde. Dieses unwahrscheinliche Glück würde ausgerechnet mir zuteil werden! Ich konnte es kaum fassen. Ich habe den ganzen Tag von nichts anderem geredet. Ich habe mir stapelweise Pferdebücher geliehen, ein paar Pferdeposter aufgehängt und konnte schnell mit den anderen Mädchen aus meiner Klasse (die davon genau so wenig Ahnung hatten wie ich) über Haflinger, Norweger und Isländer fachsimpeln. 23 Stunden am Tag war ich vollkommen aus dem Häuschen vor Glück. Eine Stunde allerdings lag ich starr vor Angst im Bett und machte mir fast in die Hose. Pferde! Diese riesigen Viecher! Mit den Hufen, die sie dir jederzeit an wichtige und von Nerven durchzogene Körperteile knallen können! Von denen man runterfallen kann, woraufhin man, wenn es ganz doof läuft, im Rollstuhl sitzt! (Ja, genau. Das machte mir zwar Sorgen, aber doch nicht genug Sorgen für einen Helm.) Die beißen! Ich lag da, starrte ins Leere und dachte voller Furcht daran, dass ich da jetzt wirklich und im Ernst hinmüsste. In die Pferdehölle. Das war kein Fall von "pass auf, worum du bittest, du könntest es bekommen", das war wirklich nackte Angst.

(Dass der große Pferdetraum dann irgendwie doch nicht bis heute überlebt hat, lag nicht an den Pferden, ihren Hufen oder ihren Zähnen, sondern daran, dass ich leider mit den meisten Menschen im näheren Umfeld von Pferden nicht so kann. Bzw. die mit mir. Bzw. was auch immer.)

So ähnlich geht es mir gerade manchmal. Ich freue mich wie irre. Aber ich fürchte mich auch wie irre. Mein Lemmingbaby robbt in irrem Tempo auf Treppen, ungesicherte Steckdosen in fremden Wohnungen, Vasen, herunterhängende Tischdecken, Guillotinen, Hochspannungsleitungen, Atomkriegauslöseknöpfe und Krokodilbecken zu, und ich renne hinterher und kann manchmal kaum etwas anderes denken als "Verdammt. Verdammt. Verdammt. Und demnächst sind es zwei." Ich weiß schon, dass Kind 1 bei Ankunft von Kind 2 schon größer sein wird, aber im Moment ist das kaum beruhigend, denn bis dahin wird er zwar laufen können, aber noch nicht imstande sein, meinen Erklärungen zu folgen, wieso er nicht ins Krokodilbecken springen soll. Ich werde einfach schneller rennen müssen, das ist alles. "Eine Leine wäre gar nicht doof" bemerkte meine Schwester dieses Wochenende. Auch, wenn keine Todesgefahr im Spiel ist - wie wird das, wenn beide Kinder brüllen und ich leider erst eine, dann die andere Flasche machen kann? Wird das Kleinere immer zuerst versorgt, oder erzeugt das diese scheußlichen von Grund auf vergifteten Geschwisterhassbeziehungen? Rächt sich das mit heimlichen Bissen und Knüffen? Oder kommen die Bisse und Knüffe sowieso auf mich zu? Wie ist das, wenn zwei Babys in einem Zimmer schlafen, machen die sich gegenseitig wach? Irgendwie fällt mir ständig dieser schon immer bescheuerte Denk-Klimmzug ein, was man aus dem brennenden Haus tragen würde, wenn man nur eine Sache retten könnte. "Und wenn ich eins links und eins rechts trage?" "EINE SACHE", lautet die pedantische Antwort.
L. wird mehr ran müssen, das ist klar. Aber ist ihm das auch wirklich klar? Nicht nur theoretisch, sondern praktisch? Was wird mit unserem Kindermädchen? Kann ein Kindermädchen überhaupt damit betraut werden, sich um zwei Kinder zu kümmern? Einige Probleme lassen sich einfach mit Geld lösen, sollten wir ein größeres Auto brauchen oder doch einen Geschwisterkinderwagen, weil das mit dem Adapter für unseren nicht so funktioniert wie gedacht, dann ist das eben so, deshalb bekomme ich keine grauen Haare. Aber alles andere - uff. Wie macht ihr das denn, ihr Zwillingsmütter und Mütter von zwei ziemlich eng zusammenliegenden Kindern da draußen? Und kommt ihr überhaupt dazu, Blogs zu lesen? Geschweige denn Kommentare zu schreiben? Das würde mich wirklich mal interessieren.


Donnerstag, 24. Januar 2013

Tschüß, vierter Monat

Heute ist der letzte Tag des vierten Monats. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so weit kommen würde. So schizophren das auch klingt, denn wenn ich das wirklich nicht geglaubt habe, wieso habe ich mir dann trotzdem Hormonspritzen in den Bauch gejagt, Urlaube abgesagt und ohne mit der Wimper zu zucken die dicken Rechnungen bezahlt? Gut, sagen wir: der größte Teil von mir hat nicht daran geglaubt und glaubt es irgendwie immer noch nicht so recht. Auch, wenn ich nur an mir runtergucken muss, um überdeutlich zu sehen, dass da was ist, und zwar etwas Handfestes - ich glaube und glaube es einfach noch nicht. Auch deshalb hab ich gestern wieder angefangen mit den Nachrichten an das Würmchen, vielleicht muss ich erst für mich selbst Beweise schaffen. Fotos, Briefe, Ultraschalls - vielleicht sollte ich die Würmchenbilder nicht mehr in der letzten Seite des Mutterpasses aufbewahren, sondern eingerahmt auf den Nachttisch stellen. Was mir wiederum Ärger mit L. einbringen könnte, der immer noch ein bisschen vorsichtiger und misstrauischer ist als ich, auch wenn das kaum vorstellbar scheint - wo ich die Handbremse anziehe, hat er zusätzlich Krallen an allen vier Reifen befestigt und sich mit dem Abschleppgurt an einen Betonpfeiler geschnallt, der Gute.

Morgen fahren wir (falls ich seine zehn um die Sofalehne gekrallten Finger lösen kann) zusammen zu IKEA, und neben den langweiligen Themen (Schuhschränke für den Speicher, neuer Wasserhahn für die Küche usw.) habe ich fest vor, zum ersten Mal in meinem Leben nicht für anderer Leute Kinder, sondern für mein eigenes mit Genuss eine halbe Stunde in der Kinderabteilung zu verbringen. Gestern hatte ich die Idee, eins dieser weißen Holzbettchen zu kaufen und dann, sobald klar ist, was es wird, eine einzige der Stangen entweder hellblau oder pink zu streichen. Könnte hübsch aussehen. Zum Kaufen ist es morgen noch zu früh, aber gucken dürfen wir doch? Genau wie nach Kapuzenhandtüchern, Wickelkommode und Wippe. Auch, wenn ich es morgen selbst wieder nicht glauben werde, zumindest mein Körper wird sich durch die Abteilung bewegen und klitzekleine Dinge berühren. Ich will nicht in drei Jahren aufwachen und mir denken, dass ich meine eigene, einzige Schwangerschaft vollkommen verpasst habe, nur weil ich dem Wunder nicht getraut habe.

Schwangerschaftsverhalten:
Gerade stelle ich fest, dass in meinem Kopf zumindest vorübergehend ein Schalter umgelegt wird von "Fütter die gierige Flora" auf "Fütter das gierige Kind". Obst zum Frühstück ist sonst nicht mein Stil. Anhalten wird das wohl leider kaum.
Ich habe den Kleiderschrank ausgemistet und alles rausgeräumt und weggefaltet, was mir jetzt schon zu eng ist oder nicht für den Winter geeignet und im Frühjahr zu eng sein wird. Was übrig bleibt, ist gar nicht mal so wenig, Gott segne und schütze die Hängerchen-Mode der letzten Jahre mit ihren Kistenkleidern und Empire-Taillen. Wenn ich Glück habe, muss ich irgendwann noch mal einen Packen größere Unterhosen und Strumpfhosen kaufen und noch eine zweite Schwangerschaftsjeans, dann war es das fast. Und für die Schwangerschaftsjeans wird ein Fresssack wie ich auch nach der Schwangerschaft noch dann und wann Verwendung haben, ich denke da z.B. an herbstliche Mädchenwochenenden in der Heide oder Verabredungen zum Brunch? Wo ein Achtmonatsbauch Platz hat, passen auch ein paar Cheeseburger, Lasagnen, Risotti und Croissants rein.
Und ich hatte letzte Woche an die Künstlersozialkasse (die für mich zuständige Stelle, wenn es um Krankenversicherung, Rente und Sozialversicherung geht) geschrieben, um zu erfahren, wie es bei mir mit Mutterschutz aussieht. Eine oberflächliche Internet-Recherche hatte da eher schlechte Nachrichten zutage gefördert, als Selbständige ist man in vielerlei Hinsicht gekniffen. Aber heute gab es ausnahmsweise gute Nachrichten: die sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt, die Angestellten neben dem Elterngeld zustehen, kriege ich auch. Ich muss noch mal zählen, könnte mir aber vorstellen, ich bin jetzt auf 50 verbleibende Arbeitstage runter? Sollte einer meiner wichtigsten Auftraggeber hier mitlesen (was gut sein kann, die sind ja beileibe auch nicht blöd, nicht wahr), dann will ich sagen: natürlich kann man sich kaum was Schöneres wünschen, als seine Zeit an einem so herrlichen, ausgezeichneten Arbeitsplatz unter so kompetenten und liebenswerten Menschen zu verbringen. Es müssen also die Hormone Schuld sein, wenn ich mich gerade wie ein Derwisch freue auf die Zeit, in der ausschließlich das Würmchen, die Hunde und ich selbst meinen Tag bestimmen. Eine Zeit ohne Kunden, Präsentationen, Strategien, Copies, verzweifelten Meeting-Brainstormings und Goldideen, ja vor allem ohne Goldideen. (Wer aus dem gleichen Job kommt, weiß wovon ich rede, allen anderen ist das ganze Elend und die ganze Würdelosigkeit der Goldidee nicht zu vermitteln.)
Und nachher gehe ich zur zweiten Stunde Schwangerschaftsyoga.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Nachrichten an das Würmchen

Liebes Würmchen, heute hast Du Dich gelinde gesagt ziemlich geziert. Ohne hilfreiche Kommentare meiner Ärztin, hier hätten wir den Kopf, da das Herz usw. hätte man mir dieses Ultraschallbild genauso gut als eine Portion Kartoffelsalat verkaufen können. "Das liegt vielleicht am Bindegewebe", sagte sie. "Es gibt Frauen, die kriegen drei Kinder, und man kann jedes Mal so gut wie gar nichts sehen". Aha. Ansonsten sagte sie, sie hätte nichts gesehen, was ihr irgendwelche Sorgen macht. Und in vier Wochen habe ich den nächsten Spezial-Ultraschall in der anderen Klinik, wo auch schon das Ersttrimester-Screening war. Da wird hoffentlich mehr zu sehen sein. Und ich weiß, wenn meine Ärztin sich keine Sorgen macht, sollte ich mir auch keine machen; tue ich aber. Wieso lief das heute so und nicht anders? Wieso war es die letzten Male eigentlich recht gut zu erkennen und diesmal irgendwie so gar nicht? Ich bin ihr dankbar, dass sie diesen Extra-Ultraschall ohne Extra-Rechnung gemacht hat, aber hätte sie nicht noch ein bisschen muckeln und ruckeln und probieren können? Ich hätte so gerne ein hübsches Bild von Dir mit nach Hause genommen. Es fühlt sich so lang an zwischen den Wiedersehen, jedenfalls länger als vier Wochen. Bzw. zwei, gerade mal zwei Wochen ist das her, dass wir strahlend und glücklich und um knapp 180 Euro ärmer aus der Klinik marschiert sind mit der guten Nachricht, dass wir uns keine Gedanken wegen einer Fruchtwasseruntersuchung machen müssen. Wieso haben gute Nachrichten so eine klitzekleine Halbwertszeit in der Schwangerschaft? Selbst, wenn alles perfekt ist (so wie beim letzten Mal) hält das Hochgefühl ca. drei Tage an, bis sich wieder der erste Mulm einschleicht. Und sobald irgend etwas - auch nur die kleinste, allerkleinste Kleinigkeit - nicht ganz so ist wie erhofft, hat er mich sofort wieder feste in den Klauen. Ein schlechtes Ultraschallbild - ehrlich, sonst nichts? Nein, sonst nichts. Zeigt sich aber, das reicht schon, um hier die Wände hochzugehen.

Gut. Ich versuche, mich geistig ganz bombenfest an meinem Schreibtischstuhl festzukleistern, und dann warten wir eben noch mal vier Wochen, bis wir wissen, auf wen wir uns so unfassbar freuen, einen Jungen oder ein Mädchen.

Vorteile, wohin man schaut.

Wenn Du ein Junge wirst, hast Du's in vielerlei Hinsicht einfacher: Du verdienst für die gleiche Arbeit mehr Geld, wenn Du etwas sagst, hören die Leute Dir eher zu. Tina Fey hat mal gesagt, die Hollywood-Definition einer Verrückten ist eine Frau, die auch dann nicht die Klappe hält, wenn niemand mehr Sex mit ihr will, und ich glaube manchmal, das ist nicht nur die Hollywood-Definition, sondern auch gerne mal die Hamburg- oder Berlin-Definition. Pfüüüh, Glück gehabt! Das kann Dir schon mal nicht passieren. Niemand fängt an, Dich in peinliche Gespräche über Deine Familienplanung zu verwickeln, nur weil Du gerade 30 wirst. Ich sehe lange Sommertage mit lange aufbleiben und einem Wicki-Pflaster am Knie, ich sehe Star Wars Playmobil, ich sehe Tage im Garten und ein Laubfeuerchen hinterher, in dem wir uns Kartoffeln grillen und hinterher mit Cowboyhüten auf dem Kopf essen. Ich sehe Optimistensegelkurs, Stöcke schnitzen, Zauberäpfel für den Kindergarten, und pass nur auf, im Super Mario-Spielen werde ich Dich vernichten, jedenfalls so lange, bis ich es irgendwann nicht mehr tue. Ich sehe Kalle Blomquist und uns drei in der Geisterbahn auf dem Dom, ich sehe winzige Chucks im Flur rumliegen und Wackelzähne und das Mammut-Buch der Technik. Ich sehe uns das komplette Wohnzimmer und nebenbei auch ein paar Osterkekse mit Zuckerguss und bunten Perlen überziehen, Dada-Kasperltheater und mindestens einmal wöchentlich ein vollkommen überflutetes Badezimmer.

Wenn Du ein Mädchen wirst, dann machst Du einfach und pfeifst auf die Glasdecke, die Mackerseilschaften, diese ewigen Geschichten, wir wären ja so viel zickiger und missgünstiger und stutenbissig und was weiß ich noch alles und hätten im Zweifel unsere Tage, wenn wir querschießen. Von den unendlich vielen Dingen, die Dich glücklich machen, suchst Du Dir eine oder zwölf raus und zeigst es ihnen. Mein Mädchen! Bis dahin sehe ich lange Sommertage mit lange aufbleiben und einem Wicki-Pflaster am Knie, ich sehe Star Wars Playmobil, ich sehe Tage im Garten und ein Laubfeuerchen hinterher, in dem wir uns Kartoffeln grillen und hinterher mit Cowboyhüten auf dem Kopf essen. Ich sehe Optimistensegelkurs, Stöcke schnitzen, Zauberäpfel für den Kindergarten, und pass nur auf, im Super Mario-Spielen werde ich Dich vernichten, jedenfalls so lange, bis ich es irgendwann nicht mehr tue. Ich sehe Kalle Blomquist und uns drei in der Geisterbahn auf dem Dom, ich sehe winzige Chucks im Flur rumliegen und Wackelzähne und das Mammut-Buch der Technik. Ich sehe uns das komplette Wohnzimmer und nebenbei auch ein paar Osterkekse mit Zuckerguss und bunten Perlen überziehen, Dada-Kasperltheater und mindestens einmal wöchentlich ein vollkommen überflutetes Badezimmer.

Dienstag, 22. Januar 2013

Wäre ich ein Junge geworden, hieße ich jetzt Stefan. Das kann's doch auch nicht sein.

Gut, ich mach dann mal weiter, ok?

Hier läuft nämlich der Countdown zum nächsten Arzttermin mit Macht. Morgen früh muss ich erst mal zu meiner Internistin, die gucken will, wie gut das Blutdruckmedikament anschlägt. Zu diesem Zweck hab ich in den letzten Wochen öfter mal einen Tag lang alle zwei Stunden gemessen und die Ergebnisse aufgeschrieben, es sieht ziemlich gut aus, und nach den ersten beiden Tagen mit üblen Kopfschmerzen (nicht gut während Schmerztablettenverbot) und merkwürdigen Lichtblitz-Halluzinationen hatte ich nie wieder auch nur das kleinste Problemchen damit. Meine größte Sorge bei diesem Termin ist also, komme ich trotzdem einigermaßen pünktlich ins Büro? Jedenfalls pünktlich genug, um mich nach Ankunft sofort an die Zubereitung meines Firmenfrühstücks machen zu können, ohne dass das böses Blut gibt?

Dann um die Mittagszeit mache ich mich auf in die fünf Minuten entfernte Frauenarztpraxis, und so, wie meine Ärztin bisher drauf war, wird sie hoffentlich auch diesmal einen Ultraschall drauflegen, auch wenn eigentlich keiner Vorgesehen ist. Und morgen könnte es mit viel Glück sogar sein, dass wir nicht nur wieder einen Herzschlag und Gezappel usw. sehen, sondern auch, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.

Eine Weile lang, eigentlich bis vor ein paar Stunden, habe ich mir ein Mädchen gewünscht. Ich will schon immer ein Mädchen, am allerliebsten Zwillingsmädchen. L. will ein Mädchen, seine Mutter will ein Mädchen, meine Mädchen wollen ein Mädchen, es war eigentlich beschlossene Sache. Aber jetzt - ich weiß nicht. Vielleicht ist es die Angst vor dem bösen Ultraschall, die mich gerade wieder einholt, und sich neben lebendem Kind auch noch ein weibliches zu wünschen, wäre gierig und würde Unglück bringen. Oder der Aberglaube, je mehr ich mir das wünsche, desto sicherer ist, dass es ein Junge wird. Vielleicht bin ich auch gerade so dermaßen dankbar, dass ich keinen Raum mehr habe für weitere Wünsche. Aber gerade finde ich beide Vorstellungen ganz herzzerreißend schön. L. mit Sohn auf den Schultern auf dem Weg ins Stadion. L. mit Tochter auf den Schultern auf dem Weg ins Stadion. Die erste Jungsfrisur. Die erste Mädchenfrisur. Mein Junge, der nachts im Schlafanzug zu uns ins Bett gekrochen kommt und mir seine kalten Füße in den Rücken schiebt. Mein Mädchen, das nachts im Schlafanzug usw. usf., es wäre alles so großartig, immer noch so unwahrscheinlich und gar nicht vorstellbar, auch wenn der Bauch allmählich so groß wird, dass ich nicht mehr bis ganz ranrollen kann an den Schreibtisch, dass ich es mir zweimal überlege, ob ich heute die Schuhe mit den drei Schnallen anziehe oder die Stiefel, in die ich einfach nur reinsteige, und dass ich mir langsam angewöhne, "richtig" aufzustehen.

Jungsnamen allerdings, Jungsnamen sind schwierig. Ich habe bestimmt zwanzig feine Mädchennamen auf meiner inneren Liste (die ich den Teufel tun werde, jetzt schon zu verraten) und null Jungsnamen. Aber diesem Problem widmen wir uns, wenn wir es haben.

Samstag, 19. Januar 2013

Also schön. Wie sage ich das?

Ohne jemanden zu kränken, ohne jemandem zu nahe zu treten, ohne... ach was. Ich sag es einfach. Mein Blog, meine Regeln.

Ich hab das schon mal geschrieben, ich glaube sogar, mehr als einmal. Aber dieser Blog ist nicht als Suche nach Rat und Hilfe von fremden Menschen aus dem Internet gedacht. Wenn ich eine Frage habe, wie ich mich in der Schwangerschaft zu verhalten habe, dann frage ich meine Gynäkologin oder meine Internistin oder gucke in ein schlaues (mit Betonung auf schlau) Buch. Nicht in ein Forum, und nicht in die Tiefen meines Blogs. Mag sein, dass ich mal wissen möchte, wie eure Meinung und eure Erfahrungen mit irgendwas sind. Dann frage ich. Ich möchte nicht - niemals - egal, wie gut ihr es meint - dass ihr mir schreibt, "also ich an deiner Stelle würde..." oder auch "Du solltest vielleicht..." und "Meinst du nicht, es wäre besser, wenn...", genau so wenig wie "Wieso macht das deine Ärztin so, wieso nicht anders, bist du sicher, dass das nicht dem Kind schadet?" So lange bin ich zwar noch nicht schwanger, aber ich habe inzwischen mitbekommen, dass es zu vielen Fragen - so verwirrend das auch sein mag - mehr als eine Expertenmeinung gibt. Und ich möchte mir weiterhin vorbehalten, das hier so zu machen, wie ich und meine Ärztin das für richtig halten. Ich weiß, dass mein Körper gerade viel leistet, und dass es kein Wunder ist, wenn ich müde bin. Ich weiß aber auch, dass die Müdigkeit nicht nur von den gewaltigen Vorgängen in meinem Unterleib her rührt, sondern auch hormonell bedingt ist - ganz zu schweigen davon, dass tiefster Winter ist, dann bin ich eben müde. Ich weiß auch, dass die Spaziergänge mit den Hunden an der (endlich wieder) kalten, klaren Luft mir gut tun. Ich gehe vorsichtig, nicht im Stechschritt, mit Spikes, wenn nötig, und ich mache Pausen. Ich habe nicht vor, heute erst einen Bauch-Beine-Po-Kurs und anschließend eine Runde Hanteltraining runterzureißen, sondern will mir dieses Wochenende noch einen gemütlichen Yoga-Kurs raussuchen und dort einen Teil der Übungen mitmachen, anschließend noch ein paar langsame Bahnen durchs Becken ziehen und dann vielleicht noch eine Runde in die 60-Grad-Sauna gehen, bevor ich in einen Bademantel gemuckelt einen Liter Quellwasser trinke und dazu die neuesten Schmutzblätter lese. Ist das jetzt ok? Wollen wir vielleicht abstimmen, ob ich das darf?

Tut mir übrigens leid, liebe unbekannte Dame, dass Du das jetzt abkriegst, Du hast es - da bin ich sicher - sehr, sehr gut gemeint und einen eigenen Schimpf-Post nicht verdient. Es ist auch nicht Dein eigener, er richtet sich an all die, die mir hier (und Legehenne auch schon) gerne mit Rat, Warnung, Empfehlung und Lebensweisheit zur Seite stehen. Im Gegensatz zu mir kennt ihr die Personen nicht, von denen hier die Rede ist - ich brauche z.B. keine Tipps aus dem Netz, wie mein Vater irgendwas meint, ich kenne ihn seit 39 Jahren und weiß, dass er sich zwanghaft um alles, einfach alles kümmert, ob es ihn nun angeht oder nicht. Ihr kennt auch nicht meine inzwischen knüppeldicke Akte und meine Laborwerte oder meinen Ultraschall, so dass ich mich im Zweifel lieber auf das Urteil meiner Ärztin verlasse als auf euers. Ich sage es nur noch mal: ich bin keine von denen, die ein Schwangeren-Forum fragt, ob das jetzt ok ist, wenn ich eine Salamipizza esse oder wenn ich (auf ausdrücklichen Rat von Gynäkologin und Internistin, das tut nämlich gut bei zu hohem Blutdruck) zum Sport gehe. Ich will dementsprechend auch nicht, dass das Forum zu mir kommt. Lasst es einfach, ok? Egal, wie es gemeint ist. Es macht mich nämlich wahnsinnig, und auch das ist schlecht für den Blutdruck. Ich will auch keine Rechtfertigungen hören, die kenne ich schon alle, es sind die allerbesten, da bin ich ganz sicher, ich mag das nur einfach nicht. Ok? Wieder Freunde?

Genug geschimpft (hoffe ich jedenfalls). In meinem Bauch ist einiges los. Seitdem ich aktiv darauf achte, habe ich öfter mal das Gefühl, da krabbelt was. Es ist ein seltsames Gefühl, und wenn heute Abend nicht die Bande vorbeikäme zum Dschungelcamp-Gucken, dann hätte ich als Voll-Nerd Lust, mir den ersten Alien-Film auszuleihen, um es zu feiern. Heute Nacht habe ich mich einmal im Halbschlaf umgedreht und das scheinbar irgendwie falsch gemacht, und ZACK hatte ich üble Schmerzen an einer Stelle, an der ich noch nie welche hatte. "Autsch, autsch, hoffentlich sind Wehen nicht ganz so ätzend", dachte ich im Halbschlaf, und dann war ich plötzlich hellwach und wusste: die sind ungefähr zehnmal so schlimm, wenn nicht hundertmal. Und das war er: der Moment, in dem ich zum allerersten Mal in meinem Leben Schiss vor einer Geburt hatte. Nach vier Jahren Kinderwunschbehandlung ist das ein großer Moment. Ich fühle mich nicht mehr den ganzen Tag gleichzeitig hungrig und vollgefressen, und in die Nahrungsaufnahme ist insgesamt eine schöne Routine gekommen. Was ich nicht darf, ist jetzt geklärt, das kann ich also vermeiden, ohne groß darüber nachzudenken. Und wenn ich nicht mehr darüber nachdenke, was ich alles nicht darf und mit Vorsicht behandeln muss, bleibt mehr Hirn- und Gierkapazität für das übrig, was ich darf - und das ist ehrlich gesagt ungefähr 500mal so viel wie das, was ich nicht darf. (Stellt euch mal für einen Moment vor, es wäre genau umgekehrt, und während einer Schwangerschaft müsste man von Test bis Geburt von Alkohol, rohen Eiern, rohem Fleisch, rohem Fisch, Rohmilchkäse, ungewaschenen, erdverkrusteten Gemüse, Austern, Schinken und Salami leben. Auch nicht schön. Fluppen hätte ich fast vergessen, also schön, Fluppen noch. Und Antibiotika, Schmerzmittel und Hustensaft.) Außerdem fange ich an, in den Swing zu kommen, was Ausruhen, Schonen und Kräfte Rationieren betrifft. Heute Abend z.B. habe ich die Hütte voll, und es gibt nicht etwa das dusselige Huhn, das ich sonst immer mache und das mit knusprigen Ofenkartoffeln zusammen die letzten zwei Stunden vor Eintreffen der Gäste bestimmt, sondern Lasagne. Die Bolognese dafür hab ich gestern vormittag angesetzt, ganz in Ruhe und mit irgendwann vor Weihnachten geschnibbeltem und eingefrorenen Suppengrün. Vorbereitet schmeckt sie eh besser. Dann war gestern noch die Bechamel zu rühren und Käse zu reiben, und seit gestern Abend stehen zwei feine Lasagnen im Wintergarten, mit Folie abgedeckt, und alles, was heute noch zu tun ist, ist ein Feuerchen machen, die Sofakissen aufschütteln und um halb acht die erste Form in den Ofen schieben. Den Einkauf hab ich auch auf drei Tage verteilt. Meine aktuelle Hunderoute führt entlang eines Flüsschens, wo wir kilometerweit laufen können, ohne dass die Hunde an die Leine müssen - perfekt, wenn es ein bisschen glatt ist. Wir fahren zwei Kilometer, ich stakse vorsichtigen Schrittes mit den beiden über die Straße, dann lasse ich sie frei, und dann haben wir die Wahl zwischen drei Rundwegen: 45, 90 und 120 Minuten. Viel bequemer geht es nicht. Ich zwinge mich nicht zu Hausarbeit, wenn ich kaputt bin, sondern nutze die seltenen Momente, wenn ich z.B. a) hellwach, b) fit und c) in der Stimmung für eine meiner Lieblings-DVDs bin, lege einen Film ein und bügele schwuppdiwupp den ganzen Korb leer. Ich protestiere nicht mehr, wenn mir jemand etwas abnehmen will - wenn meine Schwiegermutter spülen will, soll sie spülen, und ich fühle mich auch nicht verpflichtet, währenddessen in der Küche rumzuhantieren, um ja nicht faul zu wirken, sondern bleibe mit einer Zeitschrift auf dem Sofa liegen. Ich verlasse Mittwoch Abend die Agentur, will schon zu meiner Kollegin sagen "Und wenn was ist, rufst du an", stoppe mich aber direkt nach dem "Und..." und sage stattdessen "... ein schönes Wochenende, bis Montag!".

Freitag, 18. Januar 2013

Müder wird's nicht

Gestern war ich zum ersten Mal beim Schwangerschaft(!!!)syoga. Ein Yogakurs, den ich deshalb ausgesucht hatte, weil er erstens in der Nähe ist und zweitens in einer Hebammenpraxis (!!!) stattfindet, auf deren Homepage gleich als erstes steht, dass man hier von Esoterik jeder Art nicht viel hält. "Da sind wir uns ja einig" dachte ich und überwies die 120 Euro für den Kurs. Zu Beginn gab es eine Begrüßungsrunde. Jede sollte sagen, wie es ihr mit und nach der letzten Stunde (die ich wegen Elternbesuch verpasst habe) ging. Die beiden häufigsten Äußerungen waren: 1. ich konnte danach nicht schlafen, war aber trotzdem am nächsten Tag wach und 2. an die Mantren und das Singen muss ich mich erst gewöhnen. Ich dachte mir: schlafen kann ich ja jetzt schon nicht, wie soll das nur werden, und Mantren? Oh Gott, bitte nicht zu viele davon, denn Mantren nerven, und Mantren werde ich nie-nie-niemals singen, aber blieb trotzdem eisern entspannt. Am Ende vergingen von den 75 Minuten Kurs mindestens 10 mit dem Singen irgendwelchen magischen Gebrabbels. (ohne meine Beteiligung, was aber ok war - ich hatte gesagt, vielleicht bin ich irgendwann so weit, vielleicht auch nicht, bis dahin sitze ich einfach nur so dabei) Trotzdem war das nett, entspannend, aufbauend, alles was es sein sollte - aber geschlafen habe ich schon lange nicht mehr so schlecht, und ich habe bei Schlaflosigkeit hohe Standards. Und es war mir zu wenig Sport. Ich gehe sonst in Yogakurse, nach denen man das Bedürfnis hat zu Duschen. Diesmal wurden mal die Schultern gekreist, mal das Becken, mal haben wir uns ein bisschen vor und zurück gelehnt, das war alles sehr schön, aber ich dachte die ganze Zeit: "Ok, warm bin ich jetzt, wann geht's los?" Also habe ich hinterher mit der Yogalehrerin besprochen, dass ich einfach weiter in mein Studio zum Yoga gehe und Bescheid sage, dass ich schwanger bin, die Lehrerin da sagt mir dann hoffentlich Bescheid, wann ich ein Päuschen machen soll. Und Schwimmen kann ich bei der Gelegenheit auch. Das war ehrlich nett, die anderen schwangeren (!!!) Damen machten auch einen netten Eindruck (wenn ich auch festgestellt habe, dass ich die einzige mit lackierten Nägeln war, da war mehr Batik als Essie), und ich freu mich schon auf nächste Woche, aber trotzdem frage ich mich, wie geht das vor sich in einer Hebammenpraxis mit dem Motto "Dreimal Yeah für Esoterik!"? Die waren übrigens alle weiter als ich, jede einzelne. Wir haben alle unseren Namen und unseren Stichtag auf einen Zettel geschrieben, und einige sind schon im März fällig, eine im Juni und niemand außer mir im Juli.
Heute bin ich hundemüde, meine Energiebahnen scheinen nicht ganz so zuverlässig aktivierbar zu sein wie die anderer Leute, und ich bin L. unendlich dankbar, dass er sowohl heute als auch morgen und übermorgen den ersten Hundegang übernimmt, der Schatz.
Ab heute bin ich in der sechzehnten Woche. Laut meinen Apps gibt es Damen, die ab jetzt schon ab und zu Bewegungen im Bauch spüren können, und ich könnte es nicht beschwören, aber ich hab in den letzten zwei Wochen schon ab und zu gedacht: war da was? So was Kleines, was ganz zaghaft und wie ein Spuk von Innen an mir entlangstreicht? Außerdem kann das Kind mich ab dieser Woche angeblich beim Singen hören, ein Grund mehr, das mit den Mantren zu lassen. Ich habe einen Bauch, und sobald ich was Präsemntableres trage als diesen giftgrünen Venice Beach-Nickyanzug (den L. mir mal gekauft hat als sehr gelungene Überraschung), mache ich auch ein Foto davon und stelle es hier rein. Gleichzeitig ist das die letzte Woche des vierten Monats. Schaffe ich es in den fünften? Wird es ein Post-Label namens "Fünfter Monat" geben? Vierter Monat war schon surreal.

Außerdem habe ich über den Vorschlag nachgedacht, einen Frühstücksstammtisch zu machen. Eigentlich finde ich die Idee sehr gut, die Frage ist nur, ob sich genügend Abkürzungsdamen finden, die Lust haben, einen freien Vormittag am Wochenende für Abkürzungsaktivitäten zu opfern. Falls nicht, auch nicht schlimm: dann treffen wir uns eben wieder wie immer, und zur Abwechslung bin ich die Nüchternste am Tisch und gucke euch dabei zu, wie ihr langsam rote Bäckchen bekommt. Liebe Sanne, herzlichen Glückwunsch! Ist ja nicht zu fassen, ob die uns an dem Abend was ins Getränk getan haben? Zwei Schwangere innerhalb der nächsten Wochen! Und zwei harte Fälle noch dazu! Freu mich sehr für Euch und drück feste die Daumen, dass die Blutungen Ruhe geben und alles, alles gut wird.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Dieser Post wurde mit der Nase in die Tastatur getippt

Noch vor ca. sechs Wochen hatte ich mit L. mal einen Krach - wobei, so ein richtiger Krach war das nicht, nur ein niedliches kleines Gezicke - als er nämlich gesagt hat, wenn ich jetzt aber richtig und ernsthaft schwanger wäre, dann würde er mir verbieten (!!!!!), weiter arbeiten zu gehen, ich würde mich ja grundsätzlich viel zu sehr stressen und köntne nicht abschalten, das könnte nicht gut sein, ich würde noch im Schlaf irgendwas von Präsen und Kunden und Vollidioten und Strategie brabbeln. Ich sagte, das wollten wir dann ja mal sehen, ob ich mir das Arbeiten oder sonst irgendwas verbieten lasse.

Oh Mann. Ich wollte, jemand würde jeden Morgen zu mir sagen "bleib zuhause und im Bett! Ich befehle es! Willst du wohl liegen bleiben!" Ich dachte schon, die Müdigkeit wäre Geschichte, aber das ist sie nicht. Ich bin ein Haufen Matsche, gepresst in zu enge Kleider. Hätte ich einen dieser Sitzbälle wie die rückenkranken Kollegen, würde ich achtmal am Tag einfach auf den Boden kullern. Heute morgen habe ich erst viermal die Schlummertaste gedrückt und hätte es auch noch öfter getan, wenn ich nicht so dringend hätte spucken müssen, dass Liegenbleiben leider nicht in Frage kam. Buäch. Seit Wochen freue ich mich auf das blöde Dschungelcamp, und die traurige Wahrheit ist, dass ich nach den ersten zehn Minuten immer ins Bett schwanke und den Rest am nächsten Tag in der Mittagspause im Netz gucke. Es ist traurig. Und wenn ich Pech habe, eine Preview auf das, was mich nach Juli erwartet. Ich würde gerne zwanzig Stunden am Tag schlafen und schaffe es dank Hormonterz jede Nacht höchstens auf fünf. Ich könnte heulen, wenn ich in die Ubahn steige, die mich mit jeder Minute weiter weg bringt von Schlafanzug und Bett. Wir haben zwar hier so ein Zimmer mit Sofas, auf die ich mich legen könnte, aber da lungern schon den ganzen Tag die Jungs aus dem Nachbarbüro rum. Ich will Urlaub, und zwar einen richtigen, nicht blutend im Bett liegen und mir Sorgen machen. Ich will irgendwo sein, wo es warm ist, und den ganzen Tag nichts anderes machen müssen als schlafen, essen und lesen. Geht das bitte? Kann sich nicht irgendein Sponsor finden, der mir das ermöglicht? Ich wäre auch bereit, ein großes und deutlich sichtbares Logo auf meinen Schlafanzug zu bügeln.



Montag, 14. Januar 2013

Fünfzehn

Fünfzehnte Woche geht bisher ungefähr so: man sieht meinen Bauch. Man sieht ihn inzwischen auf eine Art, die bisher kein Weizenbrötchen, keine Ladung Pasta und kein Bier zustande gebracht hat. Außerdem habe ich mir sagen lassen, ich hätte schon diesen gewissen Gang, immer ein bisschen zu gerade und würdevoll und gemessen. Der Bauch hat in den letzten Tagen mehrere Menschen, die ohne ihn zu schüchtern oder höflich gewesen wären, dazu gebracht, mich zu fragen, ob ich schwanger bin oder mir gleich zu gratulieren. (Das ist auch früher schon mal passiert, so richtig schlimm fand ich das nie, eher lustig: "Sind Sie schwanger?" "Nö, verfressen.") In der Agentur glotzen sie mich durch ihre Glasbürowände an wie Goldfische. (Hat sich scheinbar noch nicht rumgesprochen, dass wenn ihr mich seht ich euch auch sehe... nuja.) Am vegetarischen Buffet in der Mittagspause blockiere ich nicht mehr stundenlang die Schlange eiliger, hungriger Innenstadtmenschen, weil ich erst lange überlegen muss, was ich darf und was nicht. (Eine meiner amerikanischen Apps will mir das Essen an Buffets insgesamt verbieten, aber da hat sie sich die falsche ausgesucht.) Meine neue Winterjacke, die ich im Netz gekauft habe und die deshalb ein bisschen stramm sitzt, geht gerade noch so zu, wenn ich drunter keinen Pulli, sondern nur ein dünnes Hemdchen trage. Irgendwann in den nächsten Tagen muss ich damit anfangen, den Reißverschluss von unten ein Stück aufzumachen, und ich hoffe sehr, dass dieses Jahr Anfang Februar der Frühling kommt. Meine Mädchen haben mir ausrichten lassen, dass sie ohne mich nicht in den Sommerurlaub fahren wollen, was ich sehr rührend finde, aber ich würde ihnen dringend raten, diese einmalige Chance zu nutzen und einen Urlaub zu machen, auf den ich nie im Leben Bock hätte (Strand und Sonne den ganzen Tag, eine winzige Bude ohne Pool und mit zwei Behelfskochplatten in einer Klappküche und Abends in die Strand-Disse), bevor ich wieder mitkann und ihnen das alles vermassele. Ich habe drei Dauerpickel: einen links in der Nasenecke, zwei an meiner Pickelstammstelle rechts unterhalb meines Mundwinkels. Ob es an den vielen Weihnachtskeksen oder der Knallerbse liegt, weiß der Himmel. Die ärgste Müdigkeit ist überstanden, so lange ich nichts körperlich anstrengendes mache, danach ist alles zu spät. Wenn man das Dschungelcamp nicht am nächsten Tag im Netz gucken könnte, wäre ich gesellschaftlich erledigt. Mein Vater bereitet sich auf seine Großvaterrolle vor, indem er entschieden hat, dass unser Pflegehund (eine anschmiegsame, zärtliche alte Hundedame von neun Jahren, die mir den ganzen Tag hinterhertrottelt) jetzt aber weg muss, weil das schließlich nicht geht mit Kind. Ich habe ihm in meinem schlimmsten Feldmarschall-Ton gesagt, dass das nicht zur Diskussion steht. Das lassen wir gar nicht erst einreißen. Ich habe immer noch keine Ahnung, in welchem Krankenhaus ich mein Kind bekomme, falls ich es bekomme, und es zeigt sich, dass ich mir das langsam überlegen muss, so albern mir das auch vorkommt; denn die Hebammen hängen an einzelnen Krankenhäusern, und eine Hebamme sollte ich mir langsam suchen, sonst kriege ich keine mehr und bekomme mein Kind unter Aufsicht eines Praktikanten und des Pizzaboten, wenn es blöd läuft. Letzte Woche hat mir jemand erzählt, jetzt wäre es aber höchste Eisenbahn, mich um einen Kitaplatz zu kümmern. Sollte ich schon mal eine Altersvorsorge abschließen, was meint ihr? Jeden morgen massiere ich meinen Bauch mit Weleda Schwangerschaftsöl, wobei massieren wohl etwas übertrieben ist, sagen wir, ich schmiere ihn ein, zu mehr fehlt mir die Geduld, und weil unsere Fenster im Bad immer noch einfachverglast sind, würde ich mir den Tod holen, wenn ich da wirklich zehn Minuten streichen und zupfen würde. Seit Tagen habe ich vor, zum ersten Mal schwimmen oder sogar zur Wassergymnastik zu gehen, aber gestern hatte ich den Hunden auch einen dicken Spaziergang versprochen, und der wurde zehn Kilometer lang, die Hunde waren glücklich, danach war es dann gut mit Sport. Dafür gehe ich am Donnerstag zum ersten Mal zum Schwangerschaftsyoga. Und der Nestbautrieb setzt langsam ein, zu L.s großer Freude, der seit Jahren irrtümlich glaubt, ich wäre die unordentliche von uns beiden, die Hausarbeit grundsätzlich meidet wo sie kann. Es werden tatsächlich Bilder aufgehängt, und gestern habe ich freiwillig den Weihnachtsbaum abgeschmückt, die Figürchen und Kerzenclips entwachst, das Wachs vom Boden gekratzt und die Nadeln zusammengefegt, die Deko von den Fenstergriffen und Türen entfernt und ordentlich weggepackt, meine Post geöffnet und abgeheftet, den Kühlschrank saubergemacht und Zeitschriften ausgemistet. Wenn das so weitergeht, bekommt die Knallerbse einen vollkommen falschen Eindruck von mir.

Samstag, 12. Januar 2013

Das ist doch nicht normal

Ich liege schwanger auf dem Sofa, unterdrücke schwanger ein dickes fettes Gähnen, habe eine Wolldecke auf meinem schwangeren Bauch und trinke ein schönes großes Mineralwasser, wie Schwangere das so tun, während L., der demnächst vielleicht Vater wird, oben ein kleines Discorätzchen macht, um sich für die zweite Folge Dschungelcamp zu stärken. Sollte ich besser auch machen, aber ich musste bis vor fünf Minuten die erste Folge nachholen, denn gestern Abend habe ich diesen Finalisten um das schönste Fernsehereignis des Jahres leider verpasst: meine Schwiegermutter (wird im Juli vielleicht, ganz vielleicht Oma) hat ihren 70. Geburtstag mit Saus und Braus gefeiert, meine Eltern (werden demnächst... nein, ok, ich hör schon auf, jajajaja) waren auch zu Besuch, und als wir gegen elf wieder hier ankamen, wollte ich ihnen das nicht zumuten. Man muss dazu wissen, dass ich noch sehr lebhafte Erinnerungen an die Zeit habe, als wir zuhause einen Schwarz-Weiß-Fernseher hatten, bei dem es vier große einrastende Tasten für die Programme ARD, ZDF, SWR und HR gab. Fernbedienung gab es gar nicht, man hatte aufzustehen, wenn einem was nicht passte. Schaltete man diesen Fernseher an, dann dauerte es ca. zwanzig Sekunden, bis ein Bild und kurz danach ein Ton erschien. Ich bin nicht 1950 geboren, es gab schon richtig fabelhafte Farbfernseher mit Fernbedienungen, aber meine Eltern waren an sich eher prinzipiell gegen einen Fernseher, es sei denn für die Nachrichten, und dieses Mammut war ein Statement. Muss ich erwähnen, dass ich mit ca. 12 zum ersten Mal (heimlich bei Nachbarn) einen James Bond-Film gesehen habe? Dass ich mit 14 zum ersten Mal "Wetten Dass" sah (bin bis heute nicht beeindruckt)? Dass es absolut undenkbar gewesen wäre, auf dem heimischen Sofa und vor den Augen meiner Eltern eine Folge Denver Clan zu sehen? Inzwischen haben sie zuhause sogar zwei Fernseher, beide mit Farbe und Fernbedienung, und meine Mutter guckt sich auch mal einen Tatort an, aber sie war ziemlich entgeistert von meiner Eröffnung, dass ich unbedingt vorhätte, heute Abend das Dschungelcamp aufzunehmen. (Hat übrigens nicht geklappt, die Aufnahme mit unserem sonst immer so treuen Festplattenrecorder. Ich musste mir den ganzen Spaß im Netz ansehen. Hat sie da etwa am Ende... Warte mal. Fernsehverbot mit 39?!?)

Es tut mir leid, eigentlich hatte ich gehofft, nachdem das doppelte Flörchen sich endlich erledigt hat, kann ich zur Normalität zurückkehren und völlig unbeschwert vor mich hinschwadronieren, aber es geht einfach nicht - man kann nicht zur Normalität zurückkehren, wenn so gar nichts normal ist. Ich weiß, ich hatte jetzt seit Anfang November Zeit, mich daran zu gewöhnen, aber das habe ich immer noch nicht, und es ist fast, als hätte eine von diesen Frauen voller Gottvertrauen, bei denen nie was schief geht, ungefähr Dienstag einen positiven Test gemacht. Normal kommt dann vielleicht irgendwann im Mai, vielleicht aber auch nie. Während der ganzen Kinderwunschzeit hatte ich immer wieder eine bestimmte Gehirnblähung: ich war mir nie ganz sicher, ob ich im Grunde nicht dran glaube, aber weitermache, weil die Kinderlosigkeit sonst so endgültig wäre - oder ob ich doch eigentlich ganz sicher bin, dass es früher oder später klappt, und jede gegenteilige Beteuerung ist ein bisschen so wie das Gezicke der Mädchen nach der Englischarbeit, die rumjammern, sie hätten bestimmt eine Fünf geschrieben, wo doch jedem klar ist (vor allem denen, die tatsächlich eine Fünf geschrieben haben), dass sie am Ende enttäuscht wären, wenn es diesmal nur eine 2- wäre. Jetzt, wo ich wirklich und wahrhaftig schwanger bin (und heute vielleicht zum letzten Mal für lange Zeit meinen Jeansrock anhatte, der mir immer zu groß war), ist mir klar: Variante 2 war es jedenfalls nicht. Hätte ich heimlich immer dran geglaubt und es bloß aus Aberglaube nicht zugegeben, dann könnte ich vielleicht nahtloser übergehen in den Modus, in dem man sich durch Kinderwagen klickt und sich aufregt, was das alles kostet.

Schwangerschaftsbezogene Aktivitäten:
Gestern habe ich mir einen Rock "für hinterher" gekauft. Er war zu schön und zu runtergesetzt, ging nicht anders. Nächsten Oktober vielleicht ja schon, wer weiß? Er ist in das große, noch halbleere Fach ganz oben im Kleiderschrank gewandert, wohin ich alles schieben will, was nicht endgültig weg kommt, nur erstmal. Außer dem Rock sind darin ein Kleid, eine Jeans mit 0,0% Stretchanteil und zwei Paar Barfuß-Laufschuhe.
Ich hatte für meine Eltern den ganzen Rohmilchkäse wieder aufgetaut, den ich schon zu Weihnachten für den Familienbesuch angeschafft hatte und von dem sie pro Riesenstück nur Mäuseportiönchen gegessen hatten, während mir der Sabber übers Kinn lief mit meiner traurigen Goudaschnitte. Noch mal einfrieren will ich das alles nicht, deshalb feiere ich jetzt ein Festival der Käseküche, heute gab es Käsefondue (Morbier, Ziegenweichkäse, Appenzeller und ein Stückchen Weinbergkäse) mit fürs Gewissen einer Riesenrohkostplatte zum Reindippen (neues Rezept Nr.6), morgen eine Blumenkohl-Käse-Suppe (Nigel Slater, Nr.7) und übermorgen vermutlich ein Käse-Lauch-Risotto (Nigel Slater, Nr.8). Jetzt muss ich mir nur noch eine Listerien-sichere Verwendung für den luftgetrockneten Schinken überlegen, dann ist der Kühlschrank wieder clean. Wenn ich so weitermache, kann ich mir den neuen Rock für alle Zeiten abschminken, schwanger hin oder her.
Und ich habe mein Arbeitszimmer aufgeräumt und saubergemacht. In ein paar Monaten müssen wir entscheiden, ob wir da drin einen Wickeltisch aufstellen oder im Gästezimmer. Ich habe das dumpfe Gefühl, meine Chancen, mein Arbeitszimmer erfolgreich zu verteidigen, stehen besser, wenn sich nicht auf jeder freien Fläche einschließlich Fußboden drei Jahrgänge Zeit, leere Teetassen und gemischte Geschenkpapierreste türmen.
Ich habe ausgerechnet, wie viele Tage ich noch arbeiten muss, wenn ich bis Ende Mai weiter drei Tage pro Woche in die Agentur gehe, geplanten Urlaub abgezogen. Es sind 56 Tage. Kommt das nur mir so wenig vor? 56 Tage, das wären weniger als zwei Monate, wenn ich immer noch so ran müsste wie in den ersten vier Jahren im Job.

Normal oder nicht: es ist schön, endlich hier über all diesen Kram schreiben zu können, nicht irgendwo nebenan mit angeklebtem Schnurrbart.