Mein Bauch ist klar zu sehen, normale Jeans gehen nicht mehr zu, und selbst Kleider mit hoher Taille bekommen diesen Leberwurst-Appeal. Trotzdem behaupten sowohl meine Waage als auch die bei meiner Ärztin steif und fest, ich hätte bisher nicht mehr (eher weniger) als ein Kilo zugenommen. Das ist wirklich doppelt seltsam, denn weil mir diesmal so schlecht ist und Essen das beste Mittel dagegen zu sein scheint, nehme ich an manchen Tagen bis zu acht komplette Mahlzeiten zu mir.
Die dollen Schwangerschaftshaare, dick, glänzend und lockig, lassen auf sich warten. Im Moment sind sie strohig, spärlich, voller Wirbel, die da noch nie waren, und liegen im Krieg mit ihrer Besitzerin. Jeden Morgen stehe ich vor dem Spiegel und kann es nicht fassen. Es ist eine Frechheit. Kuren, über Nacht einwirkende Öle und Apothekenshampoos helfen rein gar nichts. Wann geht es denn jetzt mal los hier? Oder täuscht mich meine Erinnerung, und letztes Mal waren es auch nur die letzten paar Wochen? (Ich weiß noch, wie ich vollkommen fertig, nach Blut stinkend, verschwitzt, ungeduscht und ekelig nach der Geburt da lag und Freundin R., die wie eine eins assistiert hatte, beruhigend zu mir sagte "Aber deine Haare sehen toll aus.")
Meine Haut ist im Moment leider nicht zu beurteilen, denn Rasputin hat sich angewöhnt, mir seine Liebe mit Beißen, Kratzen und Zerren zu zeigen. Er strahlt mich an, sagt "Mamamama dä", holt mit seiner kleinen dicken Faust aus und zack, hat er ein Stück meines Nasenflügels in der Hand. Da kann ich noch so teure und ausgebuffte Kosmetikprodukte verwenden, im Moment ist ein solides, zementartig deckendes Make-Up mein bester Freund.
Die Übelkeit begleitet mich immer noch jeden Tag, aber fast noch nerviger sind die Kreislauf-Haschmichs. Der Blutdruck scheint normal zu sein oder benimmt sich immer gerade dann, wenn ich ihn messen will, aber trotzdem sacke ich immer noch regelmäßig in der Ubahn in mich zusammen, auch Supermärkte sind gefährliches Gelände. Obwohl ich mich inzwischen daran gewöhnt haben müsste, bin ich immer noch jedes Mal überrascht, wie hilfsbereit und freundlich fremde Menschen sind, und das, obwohl man bei im Moment 11 Grad in Hamburg und der dicken Jacke, die ich deshalb trage, den Bauch noch nicht auf den ersten Blick sieht. Manchmal wird es mir fast zu viel, wenn ich auf einer Sitzbank an der Ubahn-Station Klosterstern oder sonstwo liege und versuche, wieder zu Puste zu kommen und mich nicht vollzuspucken, wenn schon wieder jemand kommt und wissen will, ob er einen Arzt rufen soll, ob ich vielleicht einen Schluck Wasser brauche oder ob er mich irgendwohin begleiten kann. Danke, Hamburger, ihr seid toll! Nur sprechen ist gerade nicht so gut. Mund zulassen ist besser. Viel besser.
Ich überlege mir jetzt schon, was ich diesmal anders machen will als bei Rasputin. Zum Beispiel erwäge ich den Kauf eines dieser Dinger, in die man oben kochendes Wasser reingießt, woraufhin es unten auf 50 Grad abgekühlt herausfließt. Ich weiß noch, wie mich in der ersten Zeit dieser ganze Tanz um die richtige Wassertemperatur auf Trab gehalten hat. Ich werde mir außerdem in den nächsten Tagen eine Hebamme suchen. Zwar dachte ich erst, diesmal lasse ich das komplett, weil ich mich im Nachhinein ziemlich über manche Aspekte des Verhaltens meiner alten Hebamme aufgeregt habe. Aber die müssen ja nicht alle so sein, vielleicht lande ich diesmal einen Glücksgriff, nur etwas beeilen muss ich mich wohl. Stillen werde ich auch diesmal wieder versuchen, aber ich werde mir die Sperenzchen mit Medela-Saugern sparen. Rumpelige Strecken auf dem Weg zum Vollstillen werde ich versuchen, mit der Pumpe zu überbrücken, und wenn das nicht reicht, dann eben nicht. Rasputin ist rundum proper, hat Bärenkräfte, zeigt bisher keine Anzeichen von Schnäkigkeit bei normalem Essen (d.h., normalem Menschenessen - keine Gläschen) und scheint es insgesamt gut verkraftet zu haben, dass es für ihn immer auch Fläschchen und ab dem vierten Monat keine Muttermilch mehr gab. Ich werde also versuchen, mich diesmal nicht so stressen zu lassen. Und was das Stressen betrifft: sobald ich merken werde, dass mir etwas das Leben erleichtert, werde ich es mit offenen Armen willkommen heißen. Ich werde nie vergessen, wie Hebamme 1 mich vorwurfsvoll ansah, als ich ihr erzählte, ich würde ruhiger schlafen und mich weniger gehetzt fühlen, wenn ich so viele Fläschchen hätte, dass ich im Lauf der Nacht nicht spülen und sterilisieren muss. "Wieso. Ist doch schnell gemacht, so ein-zwei Fläschchen zu spülen?" bockte sie. "Kann sein, aber mich stresst es nun mal und macht mich nervös", antwortete ich. "Versteh ich nicht, spül sie doch einfach" beharrte sie. "Ich finde eben, wenn so eine Kleinigkeit wie zwei Fläschchen mehr für pro Stück 5 Euro irgendwas mich weniger nervös und entspannter machen, dann sind sie jeden Cent wert" sagte ich. "Meine Güte, ist doch kein Ding, nachts zu spülen" sagte sie, und mir lag kurz auf der Zunge, dass sie bei ihrem gewaltigen Umfang doch eigentlich keine Fremde gegenüber dem Konzept Arbeitsersparnis sein kann, und hielt dann zum Glück doch die Klappe, aber war in diesem Moment leider ein für allemal innerlich fertig mit ihr. "Nee nee, wir zwei werden keine Freundinnen", dachte ich. Und genau so war es!
So in etwa sieht es hier aus in Woche 13 +6.
strawberry chiffon shortcake, perfected
vor 1 Woche