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Samstag, 16. September 2023

Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und ziemlich viel Louis Cole hören

Für alle, die nach diesen ständigen, endlosen Pausen keine Lust mehr haben und nur kurz wissen wollen, was denn nun ist, bevor sie sich für immer ausklinken: Die Gebärmutter ist draußen, die haben das gut gemacht, das Albertinen kann ich nur empfehlen, und die Kriiiiiise ist nach langen, langen Jahren diesen Sommer in eine Trennung übergegangen. War schön mit Euch!

Jetzt die Maxi-Version: bei der OP ist alles gut gegangen, ich bin danach nicht in eine tiefe Depression gefallen, wie manche Leute in meiner Umgebung prophezeit hatten, und ich nehme weiter Zafrilla, die vielleicht auch etwas dazu beiträgt. Das hat weniger mit außerordentlichen Stehaufmännchen-Qualitäten zu tun als damit, dass ich drei Kinder habe und kein weiteres will. Was das mit einer Frau macht, die wegen ihrer Endometriose viele Jahre Schmerzen, Eingriffe und Kinderwunschbehandlung hinter sich hat und am Ende doch an diesen Punkt kommt, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich habe meinen gewaltigen Tampon-Vorrat auf die Agenturtoilette gelegt und lebe jetzt mit wenig Wehmut ohne meine Splatter-Perioden. Ich denke nur noch manchmal so um den 24. eines Monats herum, normalerweise würde ich mich jetzt tagelang krümmen und hätte vermutlich einen weiteren Urlaub genau so geplant, dass ich im Pool jederzeit damit rechnen muss, plötzlich in einer Wolke aus Blut zu treiben oder im Meer die Haie anzulocken.

Für die Wiederaufnahme meines Laufprogramms hat die OP leider weniger getan. Nach den vorgeschriebenen sechs Wochen war ich das erste Mal wieder auf einer extrem kurzen Strecke unterwegs, für einen so winzigen Lauf lächerlich professionell ausstaffiert mit Wettkampfschuhen, High Tech Jacke und Lauf-App, damit ich in der Viertelstunde nicht versehentlich das Tempo überreiße. Und es ging ganz gut! Die Knie und die Hüfte liefen noch etwas unrund, aber ich kam euphorisch und mit trockener Hose zuhause an. Der zweite Lauf, ein paar Tage später im Urlaub, endete nach 100 Metern mit schmachvoller Umkehr und tiefer Verzweiflung. Seitdem habe ich es erstmal gelassen, die Watschen muss ich mir gerade jetzt nicht nochmal abholen. Vielleicht gebe ich der Sache im Herbst, zur besten Laufzeit, wieder eine Chance. Dazwischen kann ich lange spazieren und wandern, Sport auf der Matte machen, und ich habe gerade entschieden, dass ich demnächst das Fechten wieder anfange, das hatte ich im Studium schon mal getan, dann wieder gelassen, und ich glaube, dass das ein perfektes Ventil für meinen neu erwachten Kampfgeist ist. Eine Möglichkeit wäre noch das Netz, das den Beckenboden stützt, doch diese Lösung ist nur für 15 Jahre gut, danach ist das Netz so eingewachsen, dass man es nicht entfernen und durch ein neues ersetzen kann, und ich habe vor, noch länger als 15 Jahre zu leben (und zu laufen). Außerdem scheint der Beckenboden selbst nicht das Problem zu sein. Wunder der natürlichen Geburt! Die Natur weiß es doch am Besten!

Und die Kriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiise: kurz nach unserem Sommerurlaub war es dann so weit. Nach vielen Jahren mit immer dem gleichen Streit in leicht unterschiedlichen Farbtönen, der zu nichts geführt hat als zu Kummer und noch mehr Streit. Nach ganzen anderthalb Sitzungen beim Paartherapeuten (anderthalb, weil ich zu der zweiten alleine gegangen bin). Nach ganz viel Trauer um die guten Zeiten, nach nächtelangem Brüten über den alten Fotos von uns, als alles noch gut war. Es tut mir leid, zu viel Detail gibt es nicht, L. hat auch Augen und einen Internetzugang, und das ist alles schon schlimm genug für ihn. Er wollte erst die Nestlösung, bei der die Kinder im Haus bleiben, wir beide eine kleine Satellitenwohnung haben und uns dann die Klinke in die Hand geben. Das wollte ich auf keinen Fall, denn damit wäre zumindest der Alltags-Nervkram-Aspekt unseres Dauerstreits bis ins Unendliche weiter gegangen, und nach so langer Zeit in einem Haus, das so dermaßen eher seins als meins ist, wollte ich eine eigene Umgebung für mich und die Kinder, in der ich die Möbel aussuche, die Bilder aufhänge und den Kühlschrank befülle und die Küchenschränke genau so einräume, wie es mir passt. Ein paar verzweifelte Wochen lang habe ich nach dieser Wohnung in unserem leider und völlig zu Recht extrem beliebten Beritt gesucht, es ist so gut wie aussichtslos: auf jede Wohnung, die groß genug ist, kommen Dutzende von Bewerbern, und kein Vermieter dieser Stadt würde sie mit dieser Auswahl einer Frau ohne Mann, aber mit drei Kindern geben, egal, wie gut sie verdient. Es sei denn, er hätte genau das gleiche auch durchgemacht und ein sehr großes Herz. Dabei stand für mich die ganze Zeit die perfekte Lösung im Raum: L. überlässt mir den Mietvertrag für seine Arbeitswohnung, die zwar ein bisschen, aber nur ein bisschen zu eng für uns ist. Erst wollte er das auf keinen Fall, und es hat mich wochenlange Hartnäckigkeit und all meine Überredungskünste gekostet, ihn von seiner geliebten Junggesellenbude loszueisen.(Sagte ich Kampfgeist? Kampfgeist.) Jetzt machen wir einen neuen Mietvertrag, und zum ersten November kann ich hier rein. In Anbetracht von allem Unglück, durch das wir gerade knietief waten, ist das ein großes Glück: es wird zwei große Kinderzimmer für drei Kinder geben, die Wohnung ist zwar in einem äußerlich hässlichen Haus, ist aber selbst sehr schön und hat - Luxus über Luxus - mitten in der Stadt einen großen, schönen Garten, in dem man abends sitzen und jemandem zuhören kann, der bei offenem Fenster gar nicht mal so schlecht Klavier spielt. Von April bis Oktober gibt uns dieser Garten noch mehr Platz. Ich muss in dieser Wohnung noch nicht mal eine Waschmaschine unterbringen, die gibt es im Keller. Wir sind 12 Minuten zu Fuß vom Haus entfernt, die Kinder können weiter zu Fuß zur Schule, zum Sport und zu ihren Freunden, und sollten sie mal bei L. sein und er wird plötzlich von der Grippe gefällt, dann laufe ich kurz rum und hole sie. Sollte ein Kind sein Lieblingsschnuffeltier oder sein Matheheft vergessen, auch. Ich wohne am Rande eines Viertels, in dem es ein schönes Kino gibt, ganz viele Cafés, und das ich zwar schon gut kenne, aber in dem ich in der kinderfreien Woche durch die Straßen wandern kann, als wäre ich im Urlaub. Ich habe viel vor mit der kinderfreien Zeit. Ich werde sie vermissen, aber in ein paar Tagen habe ich sie wieder, und dann werden wir tagelang streitfrei zusammen sein. Auch wenn ich diese Momente voller Aufbruchstimmung habe, macht es mich fertig: nicht mehr zu wissen, wo ich hingehöre. Etwas aufzugeben, das ich jetzt 17 Jahre lang hatte. 50 zu sein und keine Ahnung zu haben, wie es weitergeht. Ihn so traurig, enttäuscht und wütend zu sehen (und mich auch). Die Kinder, die das bisher bewundernswert wegstecken, jedes auf seine Weise, aber das dicke Ende wird schon noch kommen (wir holen uns Hilfe, und die werden wir auch brauchen). All der Kram, den ich jetzt bedenken und organisieren muss, all die Listen, die ich schreibe und abarbeite. Das hält einerseits das Maschinchen gerade am Laufen, aber am anderen Ende all dieser Endlos-Listen wartet eine Wand auf mich, an der ich mir gewaltig den Kopf stoßen werde, bei klarer Sicht kann ich sie jetzt schon sehen.

Diesen Post schreibe ich frühmorgens, an der Terrassentür der Wohnung, für die Jahreszeit übertrieben dick eingemummelt, denn ich habe gerade zum dritten Mal Corona, habe es auch tatsächlich, und nicht nur diese fühlt-sich-an-wie-ein-Schnupfen-Variante, und habe mich zur Quarantäne hier verschanzt. Der Große hat dieses Wochenende das Klassentier, es ist jetzt schon verschwunden, ich bin nicht da, um es wiederzufinden, Fotos zu machen und am Montag auszudrucken und mit ihm in das Klassentier-Buch einzukleben, und es gibt nichts, was ich daran ändern kann. So sitze ich hier und übe schon mal für die Wochen in der Zukunft, wenn ich die Zügel aus der Hand geben muss.

Samstag, 18. März 2023

Ein Ende, ein halbes, eine selbst für mich neue Dimension von Peinlichkeit und ein Anfang

Liebe Abkürzungsdamen,
und natürlich liebe Agenturleute,

heute ist für mich ein besonderer Tag, und an diesem Post habe ich lange herumgedruckst.

Die Wahrheit ist, dass hier schon ewig tote Hose herrscht. Nein, vollkommen falsch gewähltes sprachliches Bild gerade für hier und jetzt: hier ist seit Ewigkeiten kein neuer Post erschienen, ich beantworte keine Kommentare mehr, und wenn ich mal schreibe, dann ist das auch nicht so richtig zufriedenstellend, die paar hingeworfenen Krümel. Einige der Gründe kennt Ihr längst: meine letzte IVF-bezogene Tat war 2013, und das hier ist ein Blog über das Leben in Kinderwunschbehandlung. Über meine Kinder will ich nicht schreiben, weil sie erstens eines Tages unweigerlich auf dieses Arschloch in ihrer Klasse stoßen werden, das den Blog ausschnüffelt und ihnen dann mit Mamas Online-Liebeserklärungen von 2019 das Leben zur Hölle machen wird. Außerdem, weil ich weiß, wie das ist, wenn man selbst gerade zwischen zwei Zyklen hängt und dann liest, wie herrlich chaotisch die Weihnachtsbäckerei mit den Kindern bei einer anderen lief und sich freuen will und irgendwie nicht kann aber doch so gerne will und trotzdem traurig wird und es ist alles einfach nur scheiße, wieso denn ich?

So.

Dann ist da immer noch die Krise, die Krise ist mal gut drauf und mal läuft sie Amok. Ich hab immer noch keine Ahnung, ob ich, ob wir das hinkriegen und wenn ja, wie, ob ich mich nicht so anstellen soll und das wird schon, ob das alles nur in meinem Fusselhirn ist oder einfach überall. Während einer Familienkrise über das Familienleben zu schreiben, ist einerseits eine Top-Idee, andererseits sollte es vielleicht lieber im privaten Tagebuch oder im Rahmen einer Therapie passieren als auf einer meterhohen Plakatwand direkt gegenüber von L.s Schlafzimmerfenster. Vielleicht, nur vielleicht.

Und dann war da neulich noch dieses Meeting, in dem einer meiner Chefs - den ich sehr mag, der ein feiner Mensch ist und der das bestimmt nicht böse gemeint hat, aber eben ein paar Sekunden zu wenig nachgedacht hat - etwas über mich sagen wollte, und plötzlich erschien an der Wand das grauenvolle Foto aus dem Spiegel-Spezial-Artikel damals, und die Temperatur in meinem Gehirn sank schlagartig um 20 Grad. “Wusstet ihr eigentlich, dass unsere Flora Millionen von Lesern hat?” hörte ich ihn aus zwei Kilometern Entfernung nicht ganz richtig sagen. Also, insgesamt schon, aber trotzdem bin ich schließlich nicht… egal. Sofort zogen mindestens vier Leute im Meeting ihr Telefon raus und fingen an zu googeln. Und dann waren wir auch schon wieder auf dem nächsten Chart, und hier sind wir nun. Noch mal willkommen an euch, lovely people aus einer der tratschigsten Branchen der Welt, mit denen ich jeden Tag an der Kaffeemaschine stehe und die sich zwar streng genommen auch hätten hergoogeln können, aber die mich vermutlich von alleine nicht gegoogelt hätten, es sei denn, sie hätten sich auch völlig unerwartet wie die meisten von uns unter den Abkürzungsleuten gefunden, und die nun auch, wenn sie das wirklich möchten, alles wissen über Hormonzirkus, die Zustände in meiner Bauchhöhle, über meine Geburten und wie das so war, über den ganzen Mist und Spaß, und wenn sich jemand vorstellen kann, wie sich das anfühlt, dann ja wohl ihr. Und hier sind wir jetzt. Ein großes Hallo!

Mein erster Impuls zurück aus dem Meeting war, den Blog zu löschen.

Das hab ich nicht getan, und das werde ich auch nicht tun. Und während mein Puls sich zurück in den zweistelligen Bereich gekämpft hat und ich die Phasen extreme Scham, Angst, Wut, ich kündige, why oh why (und wieso bitte dieses bescheuerte Foto, von allen Fotos weltweit von mir, das ich trotz Absprache so nie freigegeben habe, auf dem ich einen fleckigen verwaschenen Pulli trage und aussehe, als hätte ich gerade eine Marienvision und müsste dringend mal was Pflegendes für die Haare verwenden), starren die gerade, nein, die haben was Besseres zu tun zum Glück, doch, die starren, beruhig dich, Jenna Maroney - also alle Zustände des voll ausgeprägten Fusselhirns durchlaufen habe, habe ich irgendwie zu einer Haltung gefunden, die ich mir jetzt auferlegt habe wie andere Leute ein Schweigegelübde und mit der ich zu einer Art von Frieden gefunden habe: es ist doch ok. So ist das eben, wenn man im Netz über seinen ganzen Privatquark schreibt. Vielleicht ist sogar jemand dabei, der oder die auch gerade in dieser Lage ist und sich jetzt etwas weniger allein fühlt, das wäre schön. Ich bin ein großes Mädchen und sollte zu dem stehen, was ich hier tue. Das hier ist nämlich auch ein Baby. Es mag manchmal komisch aus der Windel riechen oder die Delfter Vasen umschmeißen, aber es ist doch meins.

Und dann ist da noch was. Agentur-People, ihr werdet es ja live mitbekommen, dass ich demnächst mindestens zwei Wochen nicht da sein werde. Da liege ich nämlich im Krankenhaus für das nächste und hoffentlich letzte Kapitel meiner Endometriose-Behandlung. Schon seit Monaten ist in meinem Bauch offensichtlich die Hölle los. Wie viel genau, weiß ich seit zwei Besuchen im Beckenboden- und Endometriose-Zentrum eines Hamburger Krankenhauses. Und am 29.3. werde ich darum operiert. Agenturleute, dies ist wirklich der Punkt, an dem ihr nicht weiter lesen solltet, wenn ihr das öffentliche Diskutieren medizinischer Details eklig findet. Ihr seid gewarnt.


Ich bekomme eine Bulkamid-Injektion neben die Harnröhre, die mein Pipiproblem aus der Welt schaffen sollte (der Beckenboden, ich war genauso überrascht wie ihr, das zu hören, ist gut in Schuss und “ordentlich trainiert”, na bitte). Dann werden noch verschiedene Endometriose-Herde rund um die Gebärmutter entfernt, unter anderem muss ein Stück aus meiner Darmwand ausgestanzt werden und eine richtig große Endometriose-Zyste ist dann hoffentlich auch weg. Und dann wird mir, so wie es aussieht, die inzwischen auch von Adenomyose und einem Rudel Myome zerschossene Gebärmutter entfernt. Ich bitte alle Abkürzungsdamen, von warnenden, mahnenden und entgeisterten Kommentaren abzusehen, ich will auch nicht hören, dass das ein typischer Fall von übergriffiger und ignoranter Männermedizin ist, dass es alternative uralte Heilmethoden gibt oder eine Klinik in Tschechien oder Kanada, die mein Problem anders löst. Auch nicht, dass ich nur an meiner Ernährung oder dem Feng Shui in meinem Schlafzimmer schrauben muss. Ihr könnt euch nicht vorstellen - wobei, vielleicht doch - wie weh das alles tut, wie müde das macht, wenn man immer blutet und Eisenmangel hat, wie gruselig das ist, wenn meine Gebärmutterschleimhaut meinen Darm frisst und wenn jeder Tag neue Merkwürdigkeiten mit sich bringt. Ihr könnt euch vermutlich schon etwas besser vorstellen, wie hart es für mich ist, mich von einem Körperteil zu trennen, mit dem ich schon so viel erlebt habe (und ihr irgendwie auch). Wie das ist, wenn einem ein Arzt erzählt, Kinder würde ich ja nicht mehr wollen, die würde also nicht mehr gebraucht und hätte ihren Job erledigt. Der hat es bestimmt gut gemeint und ja im Kern auch Recht, aber trotzdem: nicht gut. Und fast alle von Euch haben Erfahrung damit, sich unters Messer zu legen in der Hoffnung, auf diese Weise etwas besser zu machen und es bestimmt nie zu bereuen, aber genau weiß man es nicht. Das Ende meiner Fusselgebärmutter ist jedenfalls für mich ein fetter Einschnitt und fühlt sich an wie das Ende von viel mehr Dingen.

Ich verspreche, ich werde Euch - wann, weiß ich noch nicht - schreiben, wie das lief und irgendwann nach einer Schonzeit, ob ich endlich wieder laufen gehen kann. Falls ihr eine Frau mit wirrem Haar, Stöpseln im Ohr, hochrotem Kopf und nassgeheultem Gesicht im Hamburger Raum an euch vorbeirennen seht, das bin dann wohl ich. Und ob das dann das Ende des Blogs ist, weiß ich auch noch nicht.

Und dann wollte ich Euch noch erzählen, dass ich heute morgen um sechs Uhr aufgestanden bin und eine Domain gekauft habe. Ich habe sie direkt für zwei Jahre bezahlt, denn ich habe viel damit vor. Noch steht da gar nichts, aber das wird sich bald ändern. Sie wird genau so persönlich sein wie diese Seite hier. Sie wird manchmal bestimmt auch Abkürzungsthemen streifen, aber sich um ein komplett anderes Thema drehen, das mich jetzt in Atem hält, seit ich ca. zwei Jahre alt bin und mich bis ins Grab begleiten wird. Demnächst werde ich die ersten Posts schreiben. Und wenn es so weit ist, erzähle ich euch davon. Falls es also ein paar unter Euch gibt, die irgendwann wegen Abkürzungskram hier gelandet sind, dann aber trotz allem geblieben sind und vielleicht Lust haben, etwas Neues von mir zu lesen: ich freue mich auf Euch.

Sonntag, 13. Februar 2022

602

Seit 602 Tagen habe ich keinen Alkohol getrunken. Nachdem mein letzter Kater zwei Tage dauerte, ist heute damit der Tag, an dem ich seit 600 Tagen katerfrei bin. Und das heute, wo L. gestern beim HSV war und sich mit seinen Freunden so die Kante gegeben hat, dass er sich auf der Rückfahrt ins eigene Hemd gekotzt hat. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie ich das alles in der Zeit vorher überhaupt gemacht habe. Wie ging das, mit Kopfweh und Übelkeit und nur vier Stunden Schlaf morgens aufzustehen und drei trödelnde, müde Kinder schul- und kitafertig zu machen? Oder Spieldates zu überstehen mit der Sorte Kinder, die alle zwei Minuten maulig neben einem auftauchen und irgendwas petzen? Wie hab ich gearbeitet? Und gar nicht mal so wenig und gar nicht mal so schlecht? Wie habe ich die Wäsche und den Abwasch und all das unter Kontrolle gehalten? Wie habe ich Streits mit L. überstanden? Ich weiß es nicht mehr, und ich will es auch nie mehr. Ich war ja nicht jeden Tag verkatert. Auch nicht jeden zweiten. Aber der Grundkater, über den ich vorher schon mal geschrieben habe, dieses allgemein beschissene Gefühl, das sich so tief eingenistet hat, dass man es gar nicht mehr so richtig bemerkt, wenn man nur oft genug Alkohol trinkt - der war immer da. Es ist, als sollte ich mir mein jetziges Leben vorstellen, nur eben immer mit einem vollen Kasten Wasser in der einen Hand. Oder immer in High Heels. Bei denen ein Absatz einen Zentimeter höher ist als der andere. Oder immer mit Celine Dion im Hintergrund. Oder in einer Atmosphäre, in der immer gerade jemand mörderisch gefurzt hat. Und immer, wenn ich das Gefühl habe, ich brauche eine kleine Aufmunterung, dann gucke ich auf meine App, die für mich mitzählt, wie lange das jetzt schon so geht, und dann bin ich ein bisschen stolz. Und das heißt nicht, dass ich komplett vergessen habe, wie lustig es oft war mit mir und der guten alten pinken Brause. Wie viel Spaß wir zusammen hatten. Gerade gestern habe ich wieder ein paar alte Tagebücher von ca. 2004 durchgeguckt, da war was los! Aber so, jetzt, hier, für mich und nur für mich, ist es eindeutig besser. Wird sich das noch mal ändern? Keine Ahnung. Bleiben Sie dran.

Freitag, 4. Februar 2022

Somewhere over the Taschentuchberg

An einem Sonntag Vormittag über einen Flohmarkt in der Nähe bummeln. Ganz in Ruhe, mit einer Tüte Pommes Mayo in der Hand. Eigentlich nichts suchen, aber dann nach einer Stunde mit einem Salatbesteck, verschiedenen niedlichen Gläsern, einer alten Rührschüssel, vier Kinderbüchern, ein bisschen Playmo und einem Paar Stiefel nach Hause kommen, und der Tag hat gerade erst angefangen.

Schnupfen und Husten, die einfach nur Schnupfen und Husten sind. Zum Beispiel bei anderen Leuten im Bus. Oder bei anderen Kindern in der Kita. Oder bei Leuten, die vor einem in der Supermarktschlange warten.

Nie wieder eine Kampagne ausdenken und umsetzen müssen, die den Leuten sagt, dass die XY AG gerade jetzt für sie da ist. Die das Thema sorgsam umschifft oder von Zusammenhalt spricht. Die mit Plan B und C durchgerechnet wird. Die irgendwie Freundschaft und Party und Familie zeigt, aber halt, falls ihr versteht, was wir meinen, ohne Freunde und Party und Familie. Euch fällt da bestimmt was ein.

Die Kinder laufen lassen und spielen lassen und sich treffen lassen und Lutscher tauschen lassen. (Wenn es so weit ist: Mann, werden das alte Hasen sein! Veteranen.)

(Und ja, obwohl das alles weit hinter mir liegt, denke ich in den letzten Tagen öfter an die Abkürzungsdamen und -Herren da draußen. Mir hat es meinen schicken Klinikaufenthalt verhagelt, der wäre wichtig gewesen. Aber ich will mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, in diesen Zeiten eine so wichtige, stressige und sauteure medizinische Prozedur zu planen wie einen vollen IVF-Zyklus, bei dem man so dermaßen darauf angewiesen ist, schon an Tag A zu wissen, dass an Tag B alle beteiligten negativ sein werden. Dicken digitalen Drücker an euch alle da draußen.)

Die alten schönen Großstadtgeräuschkulissen wieder hören. Freibad an einem Sommertag, Fußball, Straßenfest. Nicht mehr nur die blöden Großstadtgeräuschkulissen wie Flugzeuge, UBahn, aufgemotzte Schleuder an der Ampel mit Fahrer, der Angst hat, dass wieder keiner guckt.

Geburtstag feiern, wenn jemand Geburtstag hat. Und nicht, wenn die Werte danach sind.

Barnüsschen. Naschi-Schalen in der Agentur. Selbstgebackener Kuchen, den die nette Art Direktorin mitgebracht hat für alle, einfach so. Sachen mit Zahnstochern drin auf dem Markt oder an der Käsetheke. Mal abbeißen und mal abbeißen lassen.

Essen kochen für andere Leute als meine unmittelbare Familie. Das heißt, für Leute, die nicht quengeln, wenn da Kapern drin sind oder Sardellen oder Zitronen oder Petersilie oder Salbei oder Koriander oder Gorgonzola oder Fisch oder Nudeln, die keine Hörnchennudeln sind.

Und, worauf freut ihr euch, wenn das hier vorbei ist? Frage ich mich in diesem kleinen Aufmunterungsversuch für mich selbst, nachdem an Tag 6 immer noch der Kopf schmerzt und voller Schleim ist, ich kaum die Arme heben kann und irgendwie alles Mist ist.

Donnerstag, 3. Februar 2022

Popeldipopeldipositiv. Positiv, nicht negativ.

Eigentlich hätte mir ungefähr ab heute auf der Epilepsie-Station die Routine in Fleisch und Blut übergehen sollen. Die ersten Mitpatienten hätte ich vielleicht schon am Gang erkannt oder am Räuspern. Ich hätte die Schwestern und Pfleger zumindest alle einmal gesehen und wüsste, ob man vom Kartoffelsalat lieber die Finger lässt und ob der Kaffee ein Grund ist, grundsätzlich auf Kräutertee umzusteigen. Vielleicht hätte es sogar schon erste Erkenntnisse dazu gegeben, was genau mir da widerfahren ist und warum und ob es noch mal passiert und wie wir damit umgehen können. Eigentlich sollte sich auch meine Tochter ungefähr jetzt richtig eingelebt haben bei Oma und Opa und auf dem besten Weg in die Heimwehfreie Zone sein, und die Jungs und L. hätten sich zu dritt vermutlich auch schon zurechtgeruckelt. Und jetzt hab ich halt Corona.

Der große Mist ist, ich habe es wirklich. Ich bin echt krank. Ich habe Fieber, Husten, Schnupfen, bzw. einen richtig bis in die Ecken zugeschleimten dumpfigen Kopf, ich fühle mich unendlich schlapp. Mit dem Epilepsiezentrum habe ich gesprochen, wenn ich Pech habe, dann muss ich jetzt wieder vier Monate warten, bis ich dort aufgenommen werde. Vielleicht können sie mich spontan dazwischen quetschen. Nur ist spontan schwer, wenn ich eine zwei-, vielleicht auch dreiwöchige Abwesenheit mit Job und drei Kindern vereinbaren muss und kein Trümmerfeld zurücklassen will, dass mich dann in so einer wichtigen Zeit um den Schlaf bringt. Wenn ich mich aufbauen will, dann denke ich drüber nach, wie es mir gehen würde, wenn ich nicht zweifach geimpft und geboostert wäre. Das hier ist die harmlose Variante. Hätte alles viel schlimmer kommen können! Ich gucke in den Spiegel und erkenne mich selbst kaum hinter diesen kleinen roten Augen, den ganzen Schatten und der plattgelegenen Frisur. Sollte es unter meinen Leserinnen tatsächlich Impfverweigerer geben - glaube ich irgendwie nicht - weiß ich schon auch, dass ihr jetzt nicht auf mich gewartet haben, um euch zu erzählen, dass ihr euch mal lieber schnell doch noch impfen lassen solltet, das haben schon ganz andere versucht. Aber - nein, ich lass es.

Samstag, 29. Januar 2022

Und einfach so...

Auf meiner Hochzeit lief ein von Freunden zusammengeschnittenes Video mit Bildern meines Lebens zur Musik von Sex and the City. Ich kann alle Folgen mitsprechen und will sie trotzdem immer wieder sehen. Ich habe alle Staffeln in Form der Video-Äquivalente von Schellackplatte, LP, Cassette, Minidisc und CD. Ich habe mich in den letzten Jahren ich weiß nicht wie oft in die Bresche geworfen, wenn wieder irgendein Schlaumeier Sex and the City-Bashing für sich entdeckt hatte. Ich brabbele und fauche manchmal laut vor mich hin, wenn ich mit Podcast im Ohr durch die Stadt laufe, aber noch nie so laut und fauchig wie damals, als Ijoma Mangold und Lars Weisbrod Sex and the City diskutiert haben wie zwei alte Kenner und dabei vor allem Ijoma Mangold so viel uninformierten, nicht durchdachten Mist geredet hat - (ein Beispiel: die Vier daten nur Männer mit Geld. Was ist mit Steve? Was ist mit Smith? Was ist mit Aidan? Was ist mit Burger? Was ist mit… ach komm.) Wer mich damals auf der Straße getroffen hat, muss gedacht haben, so klingt Irrsinn. Aber nein, so klingt Begeisterung und Treue für eine Serie, die auch ein ziemlich merkwürdiger zweiter Film nicht töten konnte. Ich bin ein Fan! (Das schreiben Kommentatoren gerne, bevor sie einen echten Tiefschlag landen, um damit anzumoderieren, dass hier gleich friendly fire kommt. Schon fire, aber eben friendly.)

Und darum wird mich niemand dabei erwischen, And Just Like That richtig mies zu finden. Ich habe bisher noch in jeder Folge schöne Momente gehabt. Und ich habe immer noch Hoffnung. Und ich werde natürlich weiterhin jeden Donnerstag meinen Tag so planen, dass ich auf jeden Fall die neue Folge gucken kann, sobald es sie bei Sky Ticket gibt. Man könnte sogar absofuckinglutely sagen, ohne And Just Like That (und Succession, ok) hätte ich kein Sky Ticket. Aber ich habe Anmerkungen. Achtung, ab hier wird

gespoilert!!!!!


Warum lässt die Serie neuerdings Miranda so im Stich? (Frage ich als jemand, der immer zu mindestens 50% eine Miranda war und jetzt am liebsten 0% Miranda wäre). Wieso ist sie neuerdings so ein unsicheres, sich um Kopf und Kragen plapperndes, nervöses Hascherl? Wann war noch mal der Muslim Ban? Der war für sie ja der Anlass, sich neu als Menschenrechts-Anwältin zu erfinden. Das ist doch Jahre her, vorher war sie Partner in einer tollen Kanzlei, wieso stolpert sie jetzt noch so handgebatikt in neue Vorlesungen und ist nicht längst voll in Fahrt? Wieso soll sie plötzlich keine Ahnung mehr von Technik haben oder wie man sich benimmt? Und was ist das mit diesem Zaunpfahl-Alkoholproblem? Wenn das ein Thema ist, wieso nicht ordentlich? Ich kann mich an keine einzige Szene aus sieben Staffeln SatC oder den Filmen erinnern, in der sie richtig blau oder schrecklich verkatert war oder irgend etwas Alarmierendes (außer ein Buch über’s Aufhören zu bestellen) getan hätte, das mit Alkohol zu tun hatte. Frage ich mich als jemand, der inzwischen seit mehr als anderthalb Jahren nicht mehr trinkt und bestimmt ein Herz für das Thema hat. Und wieso darf Charlotte plötzlich fast nur noch dusselig sein? Die Süße, sie hatte immer ihre Augenroll-Momente, aber dazwischen durfte sie immer wieder zeigen, was sie wirklich drauf hat. Und welche Sorte Stand-Up-Comedy soll das denn gewesen sein? Und das in New York vor einer tobenden Menge! Was daran hat eigentlich Miranda so aufgepeitscht? Was war neu und inspirierend? Hat sie nicht nur keinen Kindle, sondern auch kein Instagram und keinen Zugang zu einer Zeitung? Genau so wenig wie die anderen Fans im Publikum? Und wieso quält sich Carrie mit diesem Podcast, der einfach nicht ihr Ding zu sein scheint, und macht nicht einen eigenen, viel besseren auf? Wieso kuscht sie so und lässt sich so reinquatschen von Che? Ihre alte Kolumne war nie das Highlight der Folgen, aber immer noch um Meilen besser als alles, was ich bisher von den anderen beiden Podcast-Superstars gehört habe. Ich will sehen, wie die verbliebenen Drei rausgehen und es der Welt zeigen und nicht immer so defensiv herumwurschteln wie schüchterne Anfänger, die gerade erst in der Stadt angekommen sind. Kommt das bitte noch? (War nun gar nicht so schlimm mit Spoilern.)


Damit zurück nach Hamburg. Ich sitze hier mit der fettesten Erkältung seit Monaten. Hoffe ich, gleich habe ich meinen Mut zusammen genommen, einen Test zu machen, der hoffentlich negativ ist. Heute um zehn steigt meine Mutter in einen Zug, der um halb drei in Hamburg ankommt, und dann fährt sie morgen mit meiner Tochter wieder ab. Und übermorgen soll ich endlich in die Klinik einrücken. Die reagieren aus irgendwelchen Gründen nicht auf Emails, und Gott weiß, ich hab einige davon geschrieben in den letzten Monaten, telefonisch kann man sie nämlich auch nicht erreichen. Hoffentlich existiert die Klinik tatsächlich und ist keine Briefkastenklinik, Haha. Aber ich gehe mal davon aus, dass Corona-Positive Patienten draußen bleiben müssen. Wenn das passiert, weiß ich nicht, was ich tue, denn ich lebe jetzt seit Mai in einem inneren Adventskalender auf diesen Tag hin. Einem Adventskalender mit echt wenig Schokolade. Diese Metapher hinkt, aber mir fällt gerade keine bessere ein. Und jetzt hilft es wohl nichts mehr, ich muss den Test machen. Bleibt ihr dran? (Mann, ist das lange her, dass es in diesem Blog um einen Test ging.)

Samstag, 1. Januar 2022

Sowas wie ein Vorvorsatz.

Man wird nicht 48, ohne wenigstens ein paar winzige Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Hier sind zwei von mir über mich: ich liebe Vorsätze. Aber ich halte sie fast nie ein.

Das mit dem Alkohol ist eine Ausnahme, die mich bis heute erstaunt. Davon abgesehen ist fast alles, was ich mir noch so ernsthaft vornehme, normalerweise doomed. Mein Leben ist voller liegengebliebener Ideen für Filme und Bücher, und meine Kochbücher sind voller Eselsohren und Post-Its an Rezepten, die ich bestimmt jetzt bald unbedingt ganz dringend kochen will. Auf meinem Telefon wimmelt es von Apps, die genau auf solche Susies wie mich zugeschnitten sind - Appgewordene gute Vorsätze. Daily Yoga! Genau. Einmal, vor vielen Jahren (pre-App-Ära) hatte ich mir sogar mal ein Haushaltsbuch gekauft. Eine krassere Fehleinschätzung meiner eigenen Persönlichkeit lässt sich kaum denken. (Und genau deshalb, dachte ich damals, bestrafe ich mich jetzt für meine fusselige Geldausgeberei mit dieser Hausaufgabe aus der Hölle.) Dann war da die Zeit, als ich einen selbstgemalten Plan am Kühlschrank kleben hatte: Montags Wäsche. Dienstags: Bad putzen. Mittwochs: Betten frisch beziehen. Donnerstags usw. usf., hat nicht funktioniert.

Meine Fehler machen mich nervös, ich bin nun mal so ein Schuld-Typ. Und Vorsätze verschaffen mir für den Moment Frieden. Das klingt jetzt grauenvoll und negativ, aber es funktioniert auch im Positiven, in finsteren Momenten wärme ich mich an meinen Vorsätzen schön auf: ich male mir ein Leben aus, in dem ich Montags schon weiß, was ich Donnerstags koche, und nur einmal in der Woche einkaufen gehen muss, und auf einmal ist das ganze Gerenne und Gekaufe und Gemache, um Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen, auf die niemand Lust hat, nicht mehr ganz so schlimm. Ich kaufe mir ein Yogapolster aus der Lebenshilfe-Werkstatt und fühl mich gut, und wenn das nächste Mal der Rücken weh tut, dann stelle ich mir vor, wie geschmeidig ich sehr bald sein werde.

Warum können nicht alle meine Vorsätze so gut fluppen wie Alkohol? Wo ist der Unterschied? (Nein, keine Angst, ein paar Erinnerungen aus der Abkürzungszeit sind nicht abzuschütteln, und von daher werde ich niemals - weder zu anderen noch zu mir selbst - sagen, etwas würde darum schief gehen, weil man es eben “nicht genug will”, dummschlauen Gesichtsausdruck kann man sich dazudenken.)

Ich steige nicht dahinter. Aber ich hab mir etwas überlegt, ehrlich gesagt gerade eben: vielleicht versuche ich es ja in den nächsten Wochen mal damit, mich nicht wirkungslos an meinen Fehlern aufzureiben, sondern mich ein bisschen mehr auf meine Stärken zu werfen. Und in einer tristen, kurmeligen, ziemlich verfahrenen Mist-Zeit in meinem Leben nicht aus irgendwelchen Gründen anzufangen, doch noch das Stricken zu versuchen (konnte ich noch nie, werde ich nie können, lass gut sein, und ja, das klingt bekloppt - aber genau so bekloppt könnte ich tatsächlich sein, zuzutrauen wäre es mir), sondern etwas zu machen, das ich wirklich machen will und machen kann und das dann eben ein bisschen besser. Meine Vorsätze sind oft reiner Eskapismus. Den kann ich gerade nicht brauchen. Das ist also mein Vorsatz dieses Jahr: nur noch Vorsätze vor meinen Karren spannen, die mich an Orte bringen, an denen ich sein will. Wo es schön ist und warm und ein frisches Lüftchen weht.

Und uns allen - ich schreibe uns allen in der Hoffnung, dass hier überhaupt noch eine mitliest, bei der Frequenz meiner Posts muss ich sagen: Hut ab vor so viel Ausdauer und Beharrlichkeit, davon hätte ich gerne etwas ab - wünsche ich, dass wir in diesem Jahr lernen, zu merken, welche Vorsätze das tun und welche nicht. Habt es gut, bleibt gesund und bis hoffentlich bald.

Freitag, 31. Dezember 2021

Futons sind eh voll Achtziger

Ich sitze in nicht sehr rückenfreundlicher Haltung auf dem Sofa und versuche, die Zeit auszunutzen, bevor die Kinder aufwachen. Ich sitze so schief, weil ich nur so gleichzeitig den Rechner auf die glatte Sofalehne stützen und nah genug an der Steckdose sitzen kann. Gerade war er noch ein absolut makelloses, nagelneues Top-Teil aus gebürstetem Alu, jetzt ist er tatsächlich acht Jahre alt, ein echter Dino - so alt werden Laptops normalerweise nicht, die über Jahre fast täglich hin und her transportiert werden und ganze Winter lang dauernd durch alle Klimazonen von Heizungs-Muff bis Hamburger Januar müssen. Er hat's bis hierher geschafft, und jetzt will der Akku nicht mehr. Der Akku und mein Rücken - ach ja.

Also, Neujahrsvorsätze.

Ich will im nächsten Jahr besser für mich da sein. (Gähn. Ja, ich weiß, aber in diesem Moment meine ich das trotzdem ernst und will es mir nicht gleich wieder ausreden, auch wenn das mein Vorsatz seit Ewigkeiten ist und ich es bisher wirklich nur zu Babyschritten gebracht habe.) Los geht's in ein paar Wochen, dann wird nämlich endlich das Bett geliefert, um das ich mich so lange herumgedrückt habe. L. und ich schlafen seit Jahren getrennt, und - es ist mir fast peinlich, das zu schreiben, und das sollte es auch sein - als wäre das nur ein vorübergehendes Ding, als müssten wir nur kurz das Abflauen einer Magen-Darm-Grippe abwarten oder so, bis ich wieder zurück ins bequeme Ehebett schlüpfe, schlafe ich in all diesen Jahren auf einem alten Futon von L. Eine dünne Matte, die direkt auf dem Fußboden liegt, und die ungefähr den Komfort (und die Hygiene) einer labberigen Turnmatte aus einer Schule bietet, die in einem miesen Viertel gelegen ist. Nicht mehr lange. Noch dreieinhalb Wochen, dann wird das neue Bett geliefert und ("ich will besser für mich da sein, ich will besser für mich da sein") auch gleich von einer Fachkraft aufgebaut. Leider werde ich erst mal nur wenige Tage darin schlafen und meinen Bandscheibenzerrütteten Rücken erholen können, denn dann - Schritt zwei der Selbstfürsorge - gehe ich für zwei Wochen in eine Hamburger Klinik, in der sie hoffentlich der Epilepsie (oder nicht) auf den Grund gehen können. Am Ende werde ich entweder komplett ratlos sein, was mir da eigentlich im letzten halben Jahr so passiert ist, oder eine Diagnose und vielleicht ein dazu passendes Medikament haben. Davor liegen zwei Wochen mit verkabeltem Kopf (und sehr fettigen Haaren, fürchte ich) und zum ersten Mal seit Jahren sehr viel Zeit. Was mache ich damit? Schreibe ich endlich das Exposé für das Buch, das mir seit inzwischen acht Jahren im Kopf herumspukt? Oder ein anderes? Mache ich gar nix, lade mir einfach den Rechner voll mit Serien und tue das, was ich sonst nie kann? Schaffe ich es endlich, diesen Blog wieder in Schwung zu bringen, wenn auch mit neuem Thema? Oder muss ich mir darum sowieso keine Gedanken machen, weil ich den ganzen Tag einen Test nach dem anderen über mich ergehen lasse und absolut keine Zeit für irgendwelche Selbstverwirklichungs-Pläne haben werde? Das WLAN wird schlecht sein, das weiß ich schon. Aber zum Schreiben sollte es reichen.

Meine Krankenkasse hat mit mir echt einen dicken Fisch an Land gezogen (insgesamt 14 Abkürzungsdurchgänge? Pemm Pemm Pemm). Denn sobald ich einen Haken hinter die Epilepsie machen kann, knöpfe ich mir den Beckenboden vor. Ich bin es leid, schon lange, und ich will das nicht mehr. Ich hab eine Frauenärztin, auf die ich nichts kommen lasse, und wohne in Laufweite eines scheinbar richtig guten Beckenboden-Zentrums, da muss doch reinzukommen sein? Schluss damit, als erste Tat nach dem Duschen (noch vor Deo) jeden Tag eine fette weiße Binde in meine Unterhose zu kleben. Schluss damit, den Bus stehen zu sehen und mich nur in gemütlichem Flaniertempo nähern zu können, bis der Fahrer entnervt wegfährt - obwohl ich diesen Bus unbedingt hätte kriegen müssen. Schluss damit, an manchen Tagen nur mit dunkler Hose rauszugehen, und es sind nicht meine Tage. Schluss mit diesem Geruch, von dem ich manchmal nicht weiß, ob der wirklich da draußen ist oder nur in meinem Kopf. Schluss damit, jedes Mal Tränen in den Augen zu haben, wenn ich eine Frau joggen sehe. Ich weiß, das Problem haben viele, und noch mehr, die eine Saugglocken-Geburt hinter sich haben. Aber ich bin nicht bereit, mich damit einfach abzufinden.

Kurzer Abgleich mit der App, die ich damals als Teil des Exorzismus auf mein Telefon geladen habe, am Tag nach L.s Party, mit einem der schlimmsten Kater meines an Katern ziemlich reichen Lebens: Ich hab tatsächlich inzwischen seit 558 Tagen keinen Alkohol getrunken. Im Moment glaube ich, dabei bleibe ich auch im nächsten Jahr. Es gibt eine Menge am Trinken, das ich vermisse. Aber ich habe echte Pläne - Junge, was für Pläne! Und nein, ich will nicht alle hier verraten - und das ziemlich sichere Gefühl, wenn ich zurückkehre zu abendlichen Gin Tonics und Rosés auf Eis, dann wird genau dieser wunderschöne, jetzt ist mal Erwachsenen-Zeit-Feierabend-Glimmer mich einlullen und davon abhalten, die Pläne ernsthaft umzusetzen. Nein, Ohne ist gerade gut für mich. Wird es nicht für immer sein, aber jetzt gerade eben doch. Wenn das nicht der langweiligste Neujahrsvorsatz aller Zeiten ist, weiß ich es auch nicht.

Eine Sache, die ich am Trinken vermisse, ist der Spaß. Jaja, ohne Alkohol fröhlich sein - aber fröhlich ohne Alkohol ist anders fröhlich. Manchmal frage ich mich allerdings, ob all der Spaßverlust wirklich nur auf die Nüchternheit zu schieben ist. (War da was mit einer Pandemie?) Ist das fair? Vermutlich nicht. Und dann all die Selbstfürsorge, die ich vorhabe - wenn ich nicht aufpasse, fühlt sich das alles an wie eine gewaltige Hausaufgabenliste. Darum sollte Spaß ziemlich weit oben stehen. Egal ob gesund oder ungesund, teuer oder kostenlos, pädagogisch wertvoll oder einfach nur quatschig. Ich will im nächsten Jahr viel Zeit damit verbringen, mit meinen Kindern Mario Kart zu fahren. Zum Frühstück morgens um acht belgische Waffeln zu backen. (Mach das mal mit Kater.) Mir Dinge zu leisten, die mich mit solcher Vorfreude erfüllen wie das neue Bett. Viel zu spät Kaffee zu trinken. Mir wieder mal ein Partykleid für unter 20 Euro zu kaufen (auch wenn ich davon schon elf habe). In Alters-unangemessenen Outfits ins Büro zu gehen. Bücher zu lesen und Serien zu gucken, die eindeutig unter meinem Niveau sind, was auch immer das ist.

Und - fast am allerwichtigsten - aus Dingen einfach mal lächelnd rauspazieren, weil sie keinen Spaß machen.

Samstag, 10. April 2021

Wenn gesteigertes Mitteilungsbedürfnis und auf Null gesenkter Alkoholkonsum ausnahmsweise mal zusammentreffen

Ich hab mir den letzten Post noch mal durchgelesen. Und ich hab drüber nachgedacht. Natürlich hab ich drüber nachgedacht, das große Trinken/Nicht Trinken-Thema beschäftigt mich ja auch, wenn ich mich nicht gerade hier darüber äußere, fast so sehr wie die Kriiiiiiise. Plötzlich nach vielen Jahren, Jahrzehnten mit Strömen von Gin Tonics und Rosé auf Eis und Rotwein, nachdem ich so lange immer einen nicht ganz WHO-konformen Lebensstil als mein Stück Freiheit in der großen Kinderwunsch-Maschine verteidigt habe, komme ich jetzt hier so? Es wäre auch reinster Quatsch, jetzt zu tun, als wäre das eine reine Lifestyle-Entscheidung wie eine Diät. Tüdelü, guckt mal, ist einfach auch gut für die Haut, und da hab ich mir gedacht...

Nee nee, das wäre gelogen. Das Ding ist, mit mir und dem Alkohol verhält es sich ungefähr so wie in diesem Post von vor ein paar Jahren, in dem ich über meine mütterliche Persönlichkeitsspaltung geschrieben habe. Es ist genau so kompliziert, und genau so jeden Tag anders. Ich habe Tage, da weiß ich genau, mein Herz wird für immer den Leuten gehören, die nach einem Kacktag zuhause erst mal eine Flasche entkorken, bevor sie noch die Jacke ausgezogen haben. Und ich weiß, auch wenn ich zufällig seit neun Monaten nichts getrunken habe, die sind mein Team. Genau so, wie ich mich als Raucher fühle, obwohl in meine Lungen seit dem letzten Glas Sprit nur die gute Hamburger Luft gekommen ist. Ich habe auch Tage, da bin ich so tiefenentspannt und fühle mich so gesund bis in die letzte Zelle, dann denke ich, das ist und war doch alles Quatsch. Wieso sollte man sich ohne Not jeden Tag eine krebserregende, das Hirn zerfressende und traurig machende Substanz reintun? (Wobei ich mir gleichzeitig eine knallen könnte dafür, dass ich jetzt scheinbar ab und zu eine von denen bin, die Leuten erzählen, Alkohol wäre krebserregend, mimimi...) Ohne ist viel schöner. (Diese Tage sind gefühlt in der Unterzahl.) Es gibt auch Tage, da geht beides gleichzeitig und ich gucke mir in vollem Bewusstsein meiner Schizophrenie mit dem liebevollsten Blick eine Serie an, in der so richtig mit Schmackes gesprittet wird, und bin gleichzeitig froh, das alles auch mal gehabt und getan zu haben und es jetzt nicht mehr zu tun, nippe noch mal an meinem Gingko-Klarer-Geist-Tee und wackele wohlig mit den Zehen. Und es gibt Tage, da denke ich "Wie lange noch soll ich das jetzt genau machen, bis ich so weit mit mir zufrieden bin, dass ich endlich wieder mitspielen darf?" und gleichzeitig "Genau so. Nichts trinken, um hinterher besser wieder trinken zu können, hmmm?" Und was das mit dem Yoga-Bashing soll, weiß ich auch nicht so richtig. Wieso finde ich manche Aspekte davon so eklig? Wem genau hat Yoga eigentlich was getan? Oder das blöde Klappschild? Ist ja nicht so, dass Yogagruppen regelmäßig losziehen und Andersdenkende vermöbeln, nachdem sie von entgleistem Selbstliebe-Blabla dazu aufgepeitscht wurden.


(Wenn ich irgendwann mal auf ein wichtiges Lebensthema treffe, bei dem mein Hirn seine Zellen nicht so unordentlich in die Schlacht schickt, dann sage ich Bescheid. Ein Sauhaufen ist das. Wie ich es auch nur schaffe, mich beim Bestellen einer Pizza zu entscheiden, ist mir manchmal ein Rätsel.)

Ich hoffe, ich vergrätze euch nicht damit. Ich hoffe, ich schreibe mich nicht in eine Ecke, aus der ich nicht mehr rauskomme. Ich hoffe, die richtige Seite gewinnt. Ich hoffe, ich finde noch raus, welche die richtige ist. Ich hoffe, die Tendenz, dass man gar nicht mal so schlechte alkoholfreie Erwachsenengetränke im Supermarkt bekommt, steigt weiter an. Und ich hoffe, ich werde aus meinem nächsten Yogakurs, wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist, nicht mit Mistgabeln rausgejagt.

Wo ich gerade beim Thema In-eine-Ecke-schreiben bin: meine Schwester berichtet, mein Vater erwäge, sich bei Twitter anzumelden. Das macht mir leichte Sorgen. Ich hoffe, er erwägt noch eine Weile weiter und verliert das Thema dann einfach aus den Augen.

Sonntag, 14. März 2021

Ungefähr so wie früher in der Telefonzelle, wenn draußen jemand wartet und alle zehn Sekunden an die Scheibe klopft.

Nur dass ich nicht in einer Telefonzelle stehe, sondern mich von meinen Memory spielenden Kindern weggeschlichen habe und jetzt mit Rechner im Bett liege. Es kann sich allerdings nur um Minuten handeln, bis einer von ihnen mein Fehlen bemerkt und mir hinterher kommt, um mich mit Wünschen nach Müsli, Kindercappucino oder sonstwas zu benängern, und dann ist Schluss mit der ungestörten Schreiberei.
Und wenn man nicht weiß, wie viel Zeit man zum Schreiben hat, schreibt man am besten in kurzen Absätzen, so dass man jederzeit eine Pause bis später einlegen kann.

Ich weiß nicht (wie auch, wenn ich hier seit Monaten nicht mehr meine Nase reingesteckt habe?), wie es euch geht mit dem Lockdown. Mir geht es die meiste Zeit ganz ok. Vermutlich auch darum, weil ich das große unverdiente Glück habe, dass meine Agentur dadurch bisher kaum finanziell betroffen zu sein scheint. Das heißt, ich habe vorerst keine Angst um Job und Geld (abgesehen von der Hintergrund-Existenzangst, die mich unabhängig von Epidemien und dergleichen aber immer schon begleitet und die inzwischen nicht weiter stört). Im Gegensatz zu all denen da draußen, die gerade aus einem Grund, der sich komplett ihrer Kontrolle entzieht, alles verlieren, was sie sich in den letzten Jahren aufgebaut haben. In den ersten Monaten hatte ich sogar noch viel mehr zu tun als jemals zuvor. Ich kann auch zu 100% von Zuhause aus arbeiten. Das ist natürlich schön für mich, auch wenn es mit drei Kindern dazu führt, dass ich an einem normalen Arbeitstag um die 50mal in zunehmend barschem Tonfall sagen muss "Jetzt nicht. Frag Papa. Später. Geh bitte raus. Tür zu! Ich muss hier noch kurz... das machen wir heute Abend. Versprochen!! Mach dir doch ein Müsli, ja? Das liegt im Regal. Nein, dem im Flur. Doch, das liegt da. Lass mein Telefon liegen. Ich brauch das. Mama kann jetzt nicht. Mama muss jetzt hier mal kurz." Ab nächster Woche können die zwei Kleinen wieder 20 Stunden pro Woche in die Kita, und der Große geht an zweieinhalb Tagen zur Schule und wird an den anderen zweieinhalb zuhause unterrichtet. Ich freu mich drauf, wieder ein bisschen Luft zum Atmen (und Arbeiten) zu haben. Auch wenn ich fest davon ausgehe, dass die dritte Welle dem in spätestens zwei Wochen wieder ein Ende machen wird. Kleine Kinder sind jetzt gerade nicht die idealen Hausgenossen, genau so wenig, wie gelockdownte Eltern für kleine Kinder die idealen Hausgenossen sind. Einerseits ist in unserem Haus mehr Leben, als man sich vorstellen kann. Andererseits ist mein innerer Anspruch, trotz allem immer irgendwie da, freundlich, fördernd und zugewandt zu bleiben, jeden Tag neu zum Scheitern verurteilt. Man sollte denken, im Scheitern bekomme ich inzwischen ein bisschen Übung, aber Pustekuchen.

Trotzdem habe ich, ein dickes Dankeschön geht hier an meine Schlafstörung, ein paar Zeitvertreibs-Tipps. Ich gucke gerade zum ungefähr dritten mal "30 Rock" neu, und es ist vollkommen klar, dass die Serie so heute nicht mehr gedreht würde. Aber sie ist und bleibt einfach großartig, lustig, unfassbar detailreich, und ich werde sie bestimmt auch noch ein siebtes Mal gucken eines Tages. Außerdem glotze ich mich nachts um zwei im Schneckentempo durch "Sex and the City" - vermutlich zum zwölften Mal. Und ihr könnt sagen, was ihr wollt: ich lass mich von keinem Bashing davon abbringen, dass das toll war und immer noch ist. Das sind und bleiben meine Mädchen. Außerdem können sie erstaunlich friedlich koexistieren mit "Handmaid's Tale", "Succession", "Pretend it's a city", und "I think you should leave".

Dann habe ich noch von der Shakti-Mat zu erzählen. Das ist eine Matte, die mit Plastikstacheln besetzt und SO stachelig ist, dass es ziemlich weh tut, wenn man sie beim Zusammenrollen aus Versehen an der falschen Stelle anfasst. Auf diese Matte soll man sich legen, am besten mit nacktem Oberkörper, und dann mindestens 20 Minuten so liegenbleiben. Es gibt eine Eingewöhnungsphase, die dauert ungefähr 30 Minuten (wenn man dazu Podcasts hört wie ich, sogar noch kürzer), und dann hatte zumindest ich kein Rückenproblem mehr. Die Matte erzeugt ein Gefühl, von dem ich bis jetzt nicht weiß, ob es gut oder doof ist, und entspannt mich dabei hinter meinem Rücken so stark, dass ich manchmal schon fast eingeschlafen wäre auf dem unbequemen Pieksding.

Nigella bleibt meine Königin, aber Prinzessin Alison Roman schreibt einen Newsletter, der mir jedes Mal wieder das Gefühl gibt, ich bin nicht allein (auf die andere Art, ihr versteht mich, oder? Nicht auf die Art, auf die ich sehr, sehr gern mal wieder allein wäre.)

Ich gehe außerdem gerne nachts spazieren und höre dazu den großartigen Podcast "The guilty Feminist" und zwischendurch "Joan and Jericha", auch wenn ich dabei so laut, hilflos und kreischend lachen muss, dass ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Anwohnern und ihrem wohlverdienten Schlaf bekomme.

Und zu allerletzt, während von unten das Getöse anschwillt, habe ich euch zu berichten, dass ich seit dem 21.Juni letzten Jahres keinen Tropfen Alkohol getrunken habe. Aber das ist einen eigenen Post wert, aus der Küche höre ich sekündlich lauteres Gebrüll nach Broten und Eiern, und ich fürchte, das Zeitfensterchen, in dem Mama ungestört und nicht-Job-bezogen am Rechner hängen darf, schließt sich jetzt gerade mit einem lauten Knall.

Samstag, 13. März 2021

Das ist die Kriiiiiiiiiise.

Klar gibt es Gründe. Es gibt immer Gründe. In diesem Fall gibt es aber vorrangig einen Grund, warum ich mich so lange nicht gemeldet habe. Dieser Grund ist die Krise oder auch die Kriiiiiiiiise. Die Kriiiiiiise (sorry, die Zeit zum Schreiben ist kurz und zu kostbar, um die iiiiis in Kriiiiise jedes Mal abzuzählen) ist etwas, das sich irgendwann vor ein paar Jahren zwischen L. und mir festgesetzt hat und irgendwie nicht wieder geht. Ich weiß nicht genau, wo sie herkommt, aber sie ist unbestreitbar sehr da. Wobei: selbst das kann man gar nicht so genau sagen. Denn zwischendurch ist sie auch so weg, als wäre sie nie dagewesen. In dieser einen Hinsicht erinnert sie an die Geburt eines Kindes, grauenvolle Schmerzen schütteln Dich von Kopf bis Fuß, Du willst einfach nur noch weg hier, es lässt sich wirklich keine Minute länger mehr aushalten - und dann ist es vorbei, und Du unterhältst Dich nett über Ferienpläne und Pizza. Du denkst schon, Du hast Dir das alles nur eingebildet, ist doch halb so schlimm, aber dann kommt die nächste Wehe bzw. in unserem Fall der nächste Streit, und BÄMM ist die Kriiiiise wieder da. Jedenfalls, wie schon erwähnt, sie ist da, und auch in den Pizza- und Urlaubsplanungs-Phasen beschäftigt sie mich sehr. Ich hab keine Ahnung, wie es weitergeht, ob es weitergeht, und ich bin immer noch mehr verwirrt als irgend etwas anderes. Ich hätte nicht gedacht, dass uns das passiert. Zumal wir in den Phasen "dazwischen" immer noch so sind, wie ich uns kennen gelernt habe - eben wie ein Paar, dem so etwas nicht passiert. Es vergeht keine wache Stunde, in der ich nicht darüber nachdenke. Und ich wollte in den letzten Monaten - Jahren - sorry, ich weiß, viel zu viel Zeit - so oft schreiben. Aber ich wusste nicht so richtig, wie und was. Denn ich hab immer über das geschrieben, das mich gerade in Atem hält, und jetzt ist es nun mal DAS hier, was mich in Atem hält, und darüber kann ich schlecht schreiben. Denn auch L. hat dazu eine Meinung, und was für eine, was sage ich: vermutlich hat er 20 Meinungen. Und die kommen hier naturgemäß nicht vor. Und er wäre mit Sicherheit nicht dafür, hier das Blog-Gremium abstimmen zu lassen, wer Recht hat und was zu tun ist. Ganz davon abgesehen, dass ich es irgendwie nicht richtig fände, Euch hier klammheimlich wie ein Tagebuch schreibender Teenie zum Auskotzen und Auf-meine-Seite-Ziehen zu benutzen. Darum ist das große Nr.1-Thema irgendwie verboten. Jetzt ist es aber so: auch zu Kinderwunsch-Zeiten habe ich ja nicht IMMER NUR über Kinderwunsch geschrieben, sondern es gab auch das große weite Themenfeld unter dem Label Normales Leben. Und das gibt es auch hier immer noch. Und ich habe das Schreiben hier wirklich vermisst. Und die Kinder sind inzwischen aus dem Alter raus, in dem sie alle zwei Stunden gestillt werden müssen, ab und zu kann Mama sich an ihren Rechner schleichen. Darum habe ich entschieden, dass es ab jetzt weiter geht. Vermutlich ist inzwischen auch die letzte von euch entmutigt und enttäuscht abgezogen. Niemand wird gerne geghostet, auch nicht unbekannterweise von einer Blogtante, die früher mal teilweise dreimal täglich schrieb und jetzt plötzlich so gar nicht mehr. Das kann ich verstehen. Aber als ich den Blog damals - 2009 war das, glaube ich - anfing, hab ich es erst mal tatsächlich nur für mich getan. Und so fange ich jetzt auch wieder damit an. So wenig ich sonst etwas entscheiden kann gerade, unter anderem mangels Energie und mangels Zutrauen zu mir und meinem Urteilsvermögen - eins hab ich entschieden: die Kriiiiiiiiiiiiiiiiise kriegt mich nicht klein. Und hier wieder zu schreiben, fühlt sich im Moment so an wie ein kleiner, trotziger Stinkefinger in ihr blödes Kriiiiiisengesicht. Wann kommt der nächste Beitrag? Morgen, nächste Woche oder in zwei Jahren irgendwann? Wir werden sehen. Ich hoffe, Ihr Abkürzungsdamen, Euch allen - wo immer Ihr auch seid - geht es gut, ihr seid glücklich, und die dickste Krise weit und breit kommt mit einem i aus und bezieht sich auf einen verstopften Abfluss, eine nahende Deadline zu einem an sich netten, aber gerade etwas nervenden Projekt oder einen eingelaufenen Mohairpulli, der aber eh nicht soooo schön war.

Freitag, 22. November 2019

Hey Tante Mimi! Circa 15 Jahre nicht gesehen! Und Du so?

Ok. Genau wie die letzten Male wollte ich eigentlich so tun, als wäre nicht nichts gewesen - als hätte ich einfach so für einige Monate (Jahreszeiten?) mein Laptop verlegt und wäre eben jetzt wieder darüber gestolpert. Als hätte ich immer schon im 6-Monats-Abstand gepostet. Als wäre sowieso alles klar. Aber andererseits...

Andererseits. Ich gehe gerade ein bisschen unter in Arbeit. Ich ertrinke nicht, es ist nur so, als wäre ein Fünfjähriger im Wellenbad ein BISSCHEN zu weit reingeraten, dahin, wo er zwar gerade noch so stehen kann, aber alle paar Sekunden kommt eine Welle und drückt ihm das Chlorwasser in die Nase. Und all die Tanten und Onkel drumherum merken nichts und haben einen dollen Spaß und rufen immer "Wuhuuu!" wenn die Welle kommt. So ungefähr. Was mir jetzt helfen könnte, wäre ein Wachstumsschub von ca. 10 Zentimetern in genau so vielen Sekunden, dass die Wellenmaschine sich erbarmt und aufhört zu pumpen oder jemand, der mich packt und sich auf die Schultern setzt. Stattdessen hab ich ja schon vor ein paar Monaten erzählt, wie der Plan ist: kein Alkohol mehr. Nicht, weil "viele Arbeit" in meinem Fall ein Euphemismus ist für ständig entweder besoffen und/oder verkatert und trotzdem ein relativ anspruchsvoller Job, sondern weil ich tatsächlich deutlich merke: immer, wenn ich nichts trinke, also noch nicht mal den einen Feierabendwein, dann geht es wirklich besser. Denn dann bin ich scheinbar die entscheidenden 10 Zentimeter größer.

Schade nur, dass es trotzdem nicht ganz so einfach klappt wie geplant. Ich würde gerne berichten, dass seit dem letzten Post zu diesem Thema kein Tropfen Rotwein, Bier, Gin Tonic oder Rosé über meine Lippen gekommen ist. Dass ich prächtig schlafe, im Job reinhaue für drei und meine Kinder seither immer grundzufrieden, perfekt geflochten und geschnatzt und mit Vollkornbroten und halbierten Weintrauben im Kitarucksack durchs Leben tollen. Dass bei uns Zuhause nun endlich die Bilder hängen und ich gestern erst das Schuhregal gemariekondod (ist das ein Wort? Wohl nicht...) habe.

An jedem Tag, an dem ich nichts trinke, klebe ich einen blauen Punkt in meinen Tageskalender. Es sind eine Menge Punkte, keine Frage. Viel mehr, als ich z.B. noch vor einem oder gar zehn Jahren dort hätte einkleben können. Das tut mir gut und ist bestimmt ein Schritt in die richtige Richtung. Die punktfreien Tage enden auch nicht damit, dass ich mit verschmiertem Make-Up und noch in Jeans ins Bett taumele. Ich weiß auch nicht. Ich glaube einfach, so lange ich mir ab und zu noch punktfreie Tage erlaube, werden die Tage mit Punkt sich immer anfühlen wie eine Aufgabe. Als wäre ich brav gewesen und hätte mir einen schönen Quatsch verkniffen. Als wären die Tage mit Wein und Bier die hohen Feiertage meines Lebens, an denen ich mich belohne, indem ich mir gepflegt einen reinschmiere. Und ich kann mir nicht helfen, das fühlt sich irgendwie falsch an. Es geht mir nicht darum, die höhere Tugendbold-Ebene zu erreichen (das war noch nie mein Ziel, treue Leserinnen können das bestätigen) - ich hab rein egoistische Motive. Wäre es nicht großartig, wenn z.B. Weihnachten sich auch ohne Champagner wie Weihnachten anfühlt? Und ein Schweinsbraten auch ohne ein Helles wie ein Schweinsbraten?

Hach ja. Herrje. Falls ihr versteht, was ich meine.

Vor ewigen Zeiten - so mit 16 - waren die meisten meiner Freunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit irgendwie breit. (Fairerweise muss man zugeben, dass dazu damals noch nicht viel Bier nötig war.) Ich nicht. Mich hat das nicht interessiert. Ich war auch nicht dagegen. Es war mir einfach egal. Ich hätte niemandem eine Predigt gehalten, mich auch nicht manchmal gefragt, was bei mir denn so anders ist - es war einfach, wie es war: das ging mich nichts an. Meine Freunde hatten dafür eine einfache Erklärung: "Du bist einfach naturbreit." Damit war nicht gemeint, dass ich auch ohne chemischen Einfluss schräg oder peinlich oder bekloppt war. Nein, eigentlich war es ein Kompliment (jedenfalls hab ich es so verstanden). Diesen Zustand, kann man den vielleicht irgendwann wieder erreichen?

Und damit auf in einen weiteren pickepackevollen Arbeitstag. Erleichtert durch einen Vorabend mit Kräutertee.

Sonntag, 2. Juni 2019

Leider durchgefallen bei der Spielplatzpolizeiprüfung.

Gestern auf einem kleinen Spielplatz mitten in Hamburg: ich bin mit allen drei Kindern da. Kalle kommt bedröppelt angelaufen. Was ist los? Er hatte bei den zwei Vätern und zwei Jungs da drüben gefragt, ob er mit Fußballspielen darf, und die haben nein gesagt. Ich gucke möglichst todbringend giftig da rüber. Einer der Männer guckt abfällig grinsend zurück. Zwei Typen mit Unternehmerbauch, blau-weißen faltenfreien Hemden, Bermudas, Ledergürteln und Pilotenbrillen stehen da auf dem Spielplatz, in für sie vermutlich ziemlich ungewohnter Umgebung, und glotzen aus gefühlt drei Metern Höhe all die Mütter mit Flatterkleidchen, Birkis und Sturmfrisuren an. Wenn ihr schon den Fußballplatz für Euch haben wollt, dann spielt auch wenigstens! Nee, kein Bock scheinbar. Dafür ziehen sie jetzt ihre Trumpfkarte für diesen Spielplatzbesuch: einen ferngesteuerten Hubschrauber mit der Motorleistung und Spannweite einer Drohne. Den darf der fünfjährige Sohn jetzt fliegen lassen. Nach ein paar Metern fällt das Ding aus dem Himmel und landet ein paar Zentimeter neben einem erstaunt guckenden Säugling. "Lass den lieber da drüben bei der Sandkiste fliegen, sonst geht der noch kaputt, wenn er runter fällt, der war echt teuer" rät der umsichtige Papa. Jetzt gucken zehn Mütter todbringend giftig. In meinem Traum bin ich jetzt die, die da hin geht und diese Wichser vom Spielplatz jagt. Die danach ein paar wohltuende "Ist doch wahr" Gespräche mit den anderen Muttis führt. Die ihren Sohn dafür rächt, dass er jetzt schon wieder abblitzt, als er treuherzig zu den beiden Männern geht und fragt "Hallo. Kann man so etwas denn kaufen? Und wenn ja, dann wo? Habt ihr ganz viel Geld?" und die beiden ihn einfach ignorieren. Aber die Wahrheit sieht leider so aus, dass ich mich leise aufrege. Ich bin so sauer, dass Rauch aus meinen Ohren kommt, das ist ganz sicher. Und ich merke, wie ohnmächtig ich bin und dass ich mich einfach nicht traue, jetzt den Mund aufzumachen. Wieso eigentlich? Hab ich Angst, was auf die Nase zu bekommen? Vor dem arroganten Blick dieser sicher nicht selbst bügelnden knitterfreien Superhemden auf mein labbriges Kleid und die Sturmfrisur und die fettige Sonnenbrille und die (das pure Grauen) Crocs, die wir beim letzten Besuch in der Heide versehentlich mitgenommen und dafür die akzeptableren Sommerschuhe dagelassen haben? So dass ich jetzt hier mit Plastik an den Füßen stehe, Schlumpfine links, Grobi rechts? Ich weiß genau, wenn gleich dieses Ding auf ein Baby fällt, zum Beispiel auf meins, dann wird mir das für immer leid tun, gegenüber diesen zwei Männern so schissig gewesen zu sein. Aber genau so ist es. Nach noch vier Abstürzen beschließen sie, dass sie es jetzt noch mal im Innocentiapark versuchen wollen. Dann sind sie weg, und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die sich ein bisschen schämt. Fußball, Jungs?

Donnerstag, 30. Mai 2019

Wir sind hier nicht bei Oprah.

Heute, liebe Abkürzungsdamen, ist ein besonderer Tag. Richtig, Vatertag! Während da draußen Millionen von Jungs mit und ohne Kinder den Bollerwagen erst voll- und dann allmählich wieder leer machen, während an jeder Ecke Beweise für meine These zu finden sein werden, dass immer die Leute mit dem schlimmsten Musikgeschmack die lauteste Musik hören, während sich jeder vernünftige Mensch eine nette Beschäftigung für drinnen sucht und den Paddelausflug auf der Alster auf morgen verschiebt, während Polizei, Sanitäter und Notärzte häufiger als an anderen Tagen auf die Uhr gucken - feiere ich hier ganz für mich meinen ersten von hoffentlich vielen, vielen Tagen ohne Alkohol.

Nein, jetzt kommt keine tränenreiche Trinkerbeichte. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach und bin zu der Ansicht gekommen, dass Trinken oder nicht Trinken nichts mit Moral oder Sünde oder diesem ganzen Themenfeld zu tun hat. Stattdessen will ich euch erzählen, was ich mir davon erhoffe.

Grund 1 ist der banalste aller Gründe: ich will nie wieder mit einem Kater aufwachen. Wer mich kennt, weiß, dass meine Kater übel sind und mit dem Alter immer schlimmer werden. Kopfschmerzen und Müdigkeit sind dabei das kleinste Problem. Wirklich mies ist dieses unheilschwangere Gefühl, etwas ganz, ganz Schlimmes getan zu haben, das durch nichts begründet ist außer chemische Vorgänge in einem am Vorabend gründlich durchmarinierten Hirn. Kingsley Amis hat einmal gesagt, wer weiß, dass er einen Kater hat, der hat keinen. Da ist was dran. Diese Mischung aus Traurigkeit, Scham und dem Grauen vor einem vermeintlich bevorstehenden Tiefschlag habe ich manchmal schon nach zwei Gläsern Wein, und jedes Mal fühlt es sich vollkommen echt an und so, als wäre das jetzt für immer so, als würde ich eben von jetzt an zehn Zentimeter kleiner durchs Leben huschen müssen. Ich kaufe mir morgen eine neue Packung Ibuprofen, darauf werde ich das Datum schreiben, und dann hoffe ich, dass diese Packung ein Jahr lang halten wird. (Nein, ich meine keine Klinikpackung. Eine ganz normale, kleine süße Schachtel.)

Grund 2: Wenn morgens um sechs plötzlich drei aufgeregte Kinder neben meinem Bett stehen und sich freuen, dass Samstag ist und heute keine Kita und dass wir einen ganzen Tag zusammen haben, dann will ich mich nach einem kurzen Blick auf den Wecker und einem herzhaften Fluch genau so drüber freuen können. Kater war schon immer doof. Kater mit kleinen Kindern: Unter den miesesten Dingen mit drei K wird diese Kombination höchstens noch vom Ku Klux Klan getoppt.

Grund 3: “Ich tu doch schon und mach” sage ich zu der netten Kosmetikerin, wenn es um meine Rötungen im Gesicht geht. “Ich trinke viel Wasser, ich geh nicht mehr in die Sauna, obwohl ich das so mag, in die Sonne sowieso nicht, ich dusche nur lauwarm, ich nehme die richtige Creme, ich versuche sogar, scharfes Essen wegzulassen - aber das ist wohl einfach genetisch, mein Vater sieht auch so aus.” Und ich weiß genau, die ist ja nicht doof, und die denkt sich jetzt: Scharfes Essen, Sauna, Papas Gene, kann ja alles sein, aber wenn Du in Zukunft den Tag mit einem Tässchen Kräutertee beschließen würdest, dann würden wir darüber nicht mehr reden. Ich will einfach besser aussehen. Nicht mehr so verquollen, rot, müde und rundum ungut. Vielleicht sind in ein paar Monaten sogar meine Haare weniger struppig? Das wäre doch eine feine Sache.

Grund 4: Ich würde gerne ein paar Dinge von Alkohol entkoppeln. Urlaub z.B. oder ein Abend mit meinen Freundinnen. Wir waren früher oft zusammen saufen. Was haben wir gelacht! Manchmal auch nicht. Aber schön war es schon, und ich will diesen Schatz mehr oder weniger seriöser gemeinsamer Erlebnisse für immer hüten und in Ehren halten. Aber inzwischen trinkt eine von uns unter der Woche gar nichts mehr und eine andere wohnt jetzt so weit weg, dass sie hinterher immer noch Auto fahren können muss. Und so kommt es wohl, dass ich inzwischen an 90% der Abende unter uns die Veranstaltungsvollste bin. Die von Euch, die schon mal beim Stammtisch waren, werden sich mit leichtem Schaudern erinnern, dass es auch dort gerne schon so war. Die Zeit während der Schwangerschaften mal ausgenommen: viele, sehr viele Dinge kann ich mir ohne Alkohol kaum noch vorstellen. Dabei haben sie eigentlich gar nichts mit Alkohol zu tun. In ein paar Wochen fahre ich mit den Mädchen in den ersten richtigen Urlaub seit 2015, der über ein langes Wochenende hinausgeht. Meine Mutter nimmt Klärchen, L. die beiden Jungs. Was für ein Geschenk! Nur, dass ich beim jetzigen Stand der Dinge röter, müder, unausgeschlafener und insgesamt fertiger denn je zurück käme. Und das wollen wir doch mal sehen.

Grund 5: Es gibt einen immer größer werdenden Haufen von Dingen, die ich unbedingt schon längst mal getan haben wollte. Ich habe z.B. eine Buchidee, die ist bald zehn Jahre alt und wird und wird kein Buch. Es gibt mehrere Leute, mit denen ich mich schon ewig mal treffen will, aber ich kriege es nicht hin, und irgendwann ist es dann auch schon nicht mehr wahr. Meine Sockenschublade ist ein Chaos, meine anderen Schubladen auch, mein Personalausweis ist seit zwei Monaten abgelaufen, mein Telefondisplay ist seit einem Jahr gesprungen. Ich weiß nicht, wieso, aber etwas sagt mir, wenn ich nichts mehr trinke, dann wird das schon. Nicht alles auf einmal, ganz bestimmt nicht! Aber der Haufen wird in Abwesenheit von Feierabendrotwein nicht weiter anwachsen und eines glücklichen Tages dann vielleicht sogar schrumpfen.

Es gibt noch viel mehr Gründe, aber die Kinder maulen, ich soll jetzt gefälligst Frühstück machen.

Oh no. Jetzt die auch noch! Was kommt als nächstes, Yoga?

Vielleicht, lauft nicht weg, sogar Yoga. Wer weiß? Wird das jetzt sehr, sehr langweilig oder sehr, sehr spannend? Schaffe ich das überhaupt länger als bis morgen? Wie peinlich wird das bitteschön, wenn nicht? Gibt es ein Ziel? Z.B. ein Jahr? Und kann ich nicht einfach ein bisschen weniger und vernünftiger trinken?
Das, liebe Damen, kann ich eher nicht so gut. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wünscht mir Glück, ja?

Freitag, 7. September 2018

Dies ist ein Ölschlonzpost.

Zartbesaitete weglesen: ich schreibe diesen Post, während ich am Küchentisch sitze (das war noch nicht das leicht eklige Detail) und den Mund voll mit lauwarmem Kokosöl habe. Das schlubbere ich jetzt so ein bisschen hin und her, und wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, ist es gar nicht so übel. Zwanzig Minuten lang mache ich das jetzt jeden Morgen, für 14 Tage, und dann mal gucken, ob es was kann. Eigentlich würde so was für mich unter typisch esoterischen Kokolores fallen, Schlacken gibt's nicht, also gibt's auch nichts zu entschlacken, aber: ich habe seit Neuestem eine Kollegin, die unfassbar viel raucht und trotzdem perlweiße Zähne hat. Sie sagt, sie macht das jeden Morgen, und tadaaa! Das versuche ich jetzt auch, auch wenn mein Gelbstich wenig mit Schmöken zu tun hat und viel mit Tee, Veranlagung und etwas nonchalanten Putzgewohnheiten.

Jedenfalls werden 20 Minuten nur Schlubbern und Gluckern schnell etwas öde, deshalb dachte ich, schreibst Du halt einen Post. Zum Beispiel darüber, dass die neue Arbeit zwar unfassbar stressig ist, aber trotzdem noch viel besser tut als erwartet. Oder darüber, dass wir gerade die schlimmste Krise seit Anbeginn der Kita-Zeit durchstehen, eine Krise, die leider viel Kafkaeskes hat, und auf kafkaeske Krisen kann ich ja zu allerletzt. Kalle, mein Großer, ist von einem Kitarauswurf bedroht, und das, obwohl seine Gruppenleiterin findet, dazu gibt es nicht den geringsten Grund, im Gegenteil. Dazu werde ich bald noch mehr schreiben, wenn der Mist überstanden ist (so oder so wird es sich vermutlich nächste Woche entscheiden).

"Und? Seid ihr gut angekommen?" fragen ziemlich viele Leute, wenn man vor einer Weile umgezogen ist. Und das sind wir. Es ist gerade unfassbar viel zu tun (nicht wegen des Umzugs immer noch, sondern einfach so), es ist zum Durchdrehen viel zu Planen, Bedenken und Entscheiden, aber trotzdem bin ich angekommen, ja wirklich. Im Haus und sogar im Mama-Sein mit drei Kindern. Nach drei mehr als stressigen Babyzeiten (die ich jedenfalls so empfunden habe, Wunschkind hin, Hilfe her) gibt es gerade wirklich diese Momente, die für mich in schwarzen Zeiten immer die Trost-Fata-Morgana waren: ich sitze mit einer Tasse Tee auf dem Sofa, die Jungs spielen Playmobil, und die Kleine torkelt mit ihrem Seemannsgang dazwischen herum und hilft beim Spielen, wo sie kann.
Neulich haben wir den ersten Ausflug zu sechst (mit Hund) auf einen Spielplatz weiter draußen gemacht, bei dem ich mich richtig gut fühlte. Hier kommen wir! Das ist unsere Familie! So geht das also, Sonntag zusammen im Grünen! Ich hol Eis, will jemand ein Eis? Schön war das.

Und dann habe ich noch zu erzählen (bevor das Öl in den Müll gespuckt werden darf und ich mich ans Kitafrühstück machen muss): wir haben den Fernseher abgeschafft, und es ist die beste Idee, die wir seit Langem hatten. Ich drängele darauf schon seit Monaten hin, und L. war anfangs immer sofort auf Zinne, wenn ich davon anfing. Wir sind doch keine Oberstudienräte für Deutsch und Ethik! "Aber sag nicht gleich nein, denk mal kurz drüber nach" habe ich immer gesagt. "Ich gucke überhaupt nicht, und wenn, dann Netflix. Das kann ich auch am Rechner. Du guckst Sport, das kannst Du auch im Stadion oder in der Fußballkneipe, ist eh viel netter, oder auf dem ipad. Und die Kinder wollen immer, immer, immer gucken, und weil sie das nicht dürfen, quengeln sie die ganze Zeit." So war es wirklich, obwohl wir immer aufgepasst haben, dass es nicht zu viel wird, standen meine Jungs jeden Sonntag morgen um sieben neben mir in der Küche und fingen mit ihrer achtstündigen Dauerquengelleier an: "Dürfen wir Paw Patrol sehen? Super Wings? Ninjago? Connie? Wenigstens Connie? Oder Heidi? Jim Knopf? Büttööö!" Wenn ich dann Nein gesagt habe (habe ich, keine Sorge) gab es ein Geheule, und dann passierte das, was passieren soll: sie haben sich eben was zum Spielen gesucht. Ich dachte nur irgendwann, warum nicht gleich? Kinder sind doof, die kapieren noch nicht, was das Fernsehen mit ihnen macht, im Zweifel wollen die immer lieber Paw Patrol als Playmobil, und wenn sie das nicht dürfen, quengeln sie und sehen es nicht ein, da kann ich noch so toppmotiviert vor ihnen stehen und sagen "Hey, aber ich weiß was viel Besseres: wir spielen jetzt Verstecken im Park!". Es sind feine Jungs, die können super spielen, man muss sie nur lassen, und das halbstündige Gequengel vorher (am Wochenende gerne mehrmals am Tag) können wir uns doch alle ersparen. Und vor einer Woche hatte ich L. dann so weit. Während die Jungs in der Kita waren, hat er das Ding ins Schlafzimmer geschleppt, dort steht er jetzt nutzlos herum, bis wir eine bessere Aufbewahrung gefunden haben. Zu großen Ereignissen wie einer WM oder so kann er ja wieder kommen. Oder wenn die Jungs größer sind. Oder wenn wir mal alle zwei Wochen lang krank sind. Aber im Moment ist er weg, und abgesehen von einer kurzen markerschütternden Heulerei haben die Jungs den pädagogischen Tiefschlag verkraftet und gehen jetzt eben direkt Playmobil spielen, wenn sie kurz nicht wissen, was sie mit sich tun sollen. Kann ich nur empfehlen.

Donnerstag, 26. Juli 2018

Jetzt aber.

Liebe Abkürzungsdamen,

selbst in diesem eigentlich blogfreundlichen Urlaub ist die Blogzeit kürzer als erwartet, darum will ich gar nicht viel kostbare Schreibzeit damit verschwenden, zu sagen, wie leid es mir tut, dass ich mich hier seit Wochen/Monaten/Jahren ständig tot stelle, sondern direkt schreiben, was es eigentlich zu schreiben gibt.

Erstens: Mutti hat einen Job, und hoffentlich dreht keiner durch.
Im Nachhinein kann ich natürlich leicht sagen, die Arbeitslosen-Krise war ein floratypisches Superduperdrama im Taschenformat, dass ich mich nicht so hätte aufregen sollen und dass doch eh klar war, dass das wieder wird. Aber die Wahrheit ist, ich hatte wirklich Angst, und hätte ich nicht zufällig eine Freundin, die in meiner zukünftigen Agentur arbeitet, wäre die Krise vermutlich auch jetzt noch nicht vorbei. Zur Erinnerung: Ich habe seit vielen Jahren in einer Agentur eigentlich fest gearbeitet, ohne dort jemals fest angestellt zu sein. Das lag nicht an den miesen Ausbeuterchefs, sondern aus irgend einem Grund wollte ich lange nicht fest dort arbeiten, und dann wollte ich irgendwann doch, aber dann war ich plötzlich aus dem Nichts im dritten Monat und hatte einfach nicht die Chuzpe, jetzt um einen Vertrag zu bitten. Dann kam die Elternzeit, in den letzten Wochen bis zum Mutterschutz hatte ich noch mal richtig viel zu tun, denn es war scheinbar schwerer als gedacht, eine Babyvertretung für mich zu finden, und tatsächlich habe ich bis ein paar Tage vor Entbindung noch oft genug zuhause am Rechner gesessen und mal eben schnell noch diesen einen kleinen Job gemacht. Es war nicht schön, aber es gab mir zumindest das Gefühl, gebraucht zu werden und mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, dass es nach der Babypause genau so weiter gehen würde. Dieses Gefühl wurde noch mal bestärkt, als ich zur Martinsfeier mit allen zusammen saß und mir strahlend und etwas angeschickert anhörte, wie sehr mich alle vermissen, dass sie es kaum erwarten können, wenn ich demnächst wieder an meinem Schreibtisch sitze und die Mikrowelle einsaue, und dass ohne mich sowieso alles Mist ist. Im Januar auf unserer Haus-Einweihungs-Party erzählten sie das dann noch mal. Und dann kam der April, die letzten Wochen der Kita-Eingewöhnung von Klärchen, und ich hatte ein Gefühl. Nur so ein Gefühl! "Du spinnst", sagte L., der von meinen Gefühlen prinzipiell nichts hält (auch wenn er oft genug sagt, ich hätte gar keine). Das Gefühl blieb. Dann habe ich ungefähr zwei Wochen vor dem geplanten ersten Arbeitstag mal da angerufen. "Oh, ach so", sagte die sehr nette Dame am anderen Ende. "Du weißt ja, wie es ist, im Frühjahr müssen wir immer so ein bisschen sehen, wie wir klar kommen. Ich sprech mal mit den Jungs (Anmerkung: Werbecode für Bosse) und melde mich dann wieder." Das war an einem Donnerstagmorgen. Am Nachmittag kam kein Rückruf. Ich sollte vielleicht dazusagen, dass diese Agentur räumlich sehr überschaubar ist, mit den Jungs zu sprechen, erfordert eigentlich nur, kurz die Stimme zu erheben. Freitag kam auch kein Anruf. Montag habe ich dann noch mal angerufen, und es zeigte sich, dass mein Gefühl Recht gehabt hatte: So leid es ihnen täte, sie hätten im Moment einfach nichts zu tun für mich. Das war schade, sehr schade. Vor allem, nachdem ich fest darauf gebaut hatte und nachdem ich viele Monate ungenutzt hatte verstreichen lassen, in denen ich natürlich mit Macht neue Kunden hätte rankobern können. Mich arbeitslos zu melden, war auch überhaupt keine Option, denn das letzte "normale" Geschäftsjahr, das für die Berechnung meiner Bezüge herangezogen worden wäre, war 2016 - in dem es ganz genau so gelaufen war mit dieser Agentur. Ich wollte eigentlich im November 2015 nach Michels Babypause zurück in den Sattel, aber auch da hatten sie plötzlich nichts für mich zu tun, und bis ich wieder richtig arbeiten konnte, war es Juni geworden. Das war also ein eher schwaches Jahr gewesen, mein Arbeitslosengeld wäre fast komplett von den zusätzlichen Kitastunden über die Basisversorgung hinaus aufgefressen worden, die mir als Arbeitsloser nicht mehr zugestanden hätten. Außerdem habe ich eine irrationale und durch nichts erklärbare Allergie dagegen, arbeitslos zu sein. Ich hatte also kein Geld, keinen Job und wusste nicht so richtig, was ich machen soll. Meine erste Bewerbung ging an eine Agentur, in der ich früher mal gearbeitet habe - vor den Kindern, vor einer Ewigkeit. Damals hatte ich dort gekündigt, weil sie meinen Teampartner auf ziemlich unelegante Art rausgekickt hatten. Sie haben damals alles versucht, um mich vom Bleiben zu überzeugen - sogar eine Viertagewoche zum Gehalt einer Fünftagewoche haben sie mir angeboten. Ich dachte damals, Charakter würde sich darin zeigen, jetzt hart zu bleiben. Ich blieb also hart und traf eine der dööfsten Entscheidungen meiner an doofen Entscheidungen nicht gerade armen Karriere. Aber doofe Entscheidungen kann man manchmal doch korrigieren, oder? Dachte ich jetzt und bewarb mich als Texterin in dem Laden, in dem inzwischen alle Leute, die mich damals halten wollten, entweder weg oder tot waren. Als Texterin kann man sich naturgemäß nicht gut mit einem Schreiben bewerben, das mit den Worten "Hiermit bewerbe ich mich auf die Stelle als Texterin" beginnt. Ich habe wochenlang an einer ganz besonderen Bewerbung gearbeitet, die ein möglichst genaues Bild von mir geben sollte. Dann habe ich sie abgeschickt mit dem Gefühl, das man vermutlich bei der NASA hat, wenn die Rakete nach jahrelanger Vorbereitung die Erdatmosphäre verlässt. Erst kam eine automatisierte Antwort, dann kam lange gar keine, und dann eine automatisierte Absage. Und auch wenn das die erste und bisher einzige Bewerbung gewesen war, war ich ehrlich, ehrlich fertig. Ich war zwei Wochen später immer noch fertig, als ich in der Küche meiner alten Freundin B. saß. Sie hatte Trost und kalten Wein für mich, während ich jammerte, könnte ja sein, dass Texterinnen händeringend gesucht würden, aber jedenfalls würde niemand händeringend nach 45jährigen Texterinnen in Teilzeit mit drei kleinen Kindern suchen. Und dann sagte sie, das wäre doch Quatsch, in ihrer Agentur gäbe es mit Sicherheit einen Job für mich. Am nächsten Tag hat sie ihren Chefs geschrieben und ihnen den Link zu meiner Homepage mit meinen Arbeiten geschickt. Und am übernächsten Tag hatte ich die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Zu dem ging ich noch mit gestrichen voller Hose, immerhin war das mein erstes Vorstellungsgespräch seit 18 Jahren. Der Boss begrüßte mich mit den Worten, er hätte meine Mappe gesehen, das wären ja richtig gute Sachen. Und dann habe ich ausgeatmet und es mir gemütlich gemacht, und am gleichen Abend kam der Anruf, dass ich am 1. August anfangen kann. Seitdem habe ich noch eine Woche frei dort gearbeitet, und es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: ich bin überglücklich, morgens an meinen Schreibtisch zu kommen, mir zwei bis sieben Kaffee zu holen und dann das Maschinchen mal wieder rattern zu hören. Ich mache Überstunden, und so lange die Kinder gut betreut sind und zuhause niemand einen Rappel bekommt, genieße ich jede Minute davon. Ich mache Mittagspause! Was das für ein Glück bedeutet, kann glaube ich jede Mama in Elternzeit und ansonsten niemand da draußen im Jobleben verstehen. Und? Ist das jetzt eine gute Idee? Sollte ich nicht viel besser die Kitazeit auf Basisversorgung runterfahren und die freien Stunden nutzen, um endlich mein seit zehn Jahren geplantes Buch zu schreiben? Ich finde nein. Außerdem erzeugt die Arbeit eine derartig gewaltige manische Phase bei mir, dass ich mich genau so gut abends nach der Gutenachtgeschichte noch hinsetzen und ein paar Seiten schreiben kann. Es sei denn, dann muss ich mir demnächst noch schnell ein paar schicke Konzepte einfallen lassen.
Bin ich glücklich!

"Und? Habt ihr euch schon eingelebt?"
Haben wir, haben wir sogar schon so ungefähr zwei Tage nach dem Einzug. Es ist komisch, aber die Probleme zeigen sich genau da, wo ich sie schon bei der ersten Besichtigung vermutet hatten, und sie sind wirklich alle halb so schlimm. Hier sind sie: 1. Der Boden in der Küche und im Bad ist der gleiche wie überall sonst, ein geölter dunkler Holzboden, der natürlich wunderschön und schick aussieht, so lange kein Tropfen Wasser darauf fällt. Muss ich mehr sagen? Der Boden in Küche und Bad kommt jetzt schon hoch, obwohl ich ständig mit Lappen und Flüchen auf Wassertour bin. Schon die Tropfen, die aus Lilis Bart fallen, wenn sie getrunken hat, reichen vollkommen, um den prächtigen Boden zu ruinieren. An mehreren Stellen kommt er hoch. Da muss also demncähst was anderes rein, und dann ist gut. 2. Wir sitzen wie eine Spinne im Netz inmitten von achtuhunderttausend Einkaufsmöglichkeiten, was dazu führt, dass ich manchmal drei mal am Tag einkaufen gehe statt einmal richtig. Aber dieses supersüße Mickymausproblem wird demnächst der Job ganz von alleine regeln. 3. Die Treppen. Die Treppen waren bisher vollkommen okay, niemand ist runtergefallen und sie sind im Grunde ein 16-Stunden-Bauch-Beine-Po-Programm, obwohl ich komplett runter bin von meinem 5:2-Diät-Schema und ständig an der Frittenbude stehe, nehme ich kein Gramm zu. Aber jetzt läuft Klara. Anfangs hat sie sich auf den Treppen immer ganz vorsichtig an den Stahlseilen festgehalten, aber jetzt biege ich manchmal um eine Ecke und sehe sie plötzlich auf der zweiten Stufe von oben stolz wie Oskar freihändig stehen. Dann werfe ich mich nach oben wie Colt Seavers und fange sie auf. Irgendwann werde ich mal nicht dabei sein oder zu spät kommen, und dann wird es ganz schrecklich. Treppengitter sind keine Option, denn an den Pfosten lassen sie sich nicht befestigen. Hoffentlich hilft Daumendrücken und so oft wie möglich nicht von ihrer Seite weichen. Sie ist ein enorm standfestes Kind, die Stufen sind mit Teppich beklebt, und et is noch immer joot jejangen, aber mehr fällt mir gerade auch nicht ein. 4. Alle können jetzt sehen, wie unordentlich wir sind. Während bei den Nachbarn durch das Küchenschaufenster immer das gleiche funkelnde Display aus Tipptopp-Küchengeräten zu sehen ist, guckt man bei uns auf den Abwasch und die Schleichdinos und all sowas. Was das betrifft, muss ich wohl entweder den Hintern hochkriegen oder mich entspannen. Ich habe mich für eine Mischung aus beidem entschieden.
Von diesen kleinen Meckereien abgesehen sind wir sehr glücklich dort. Die Nachbarn sind reizend, das Minigärtchen hat genau die richtige Größe, die Zwischenwände schlucken jedes Geräusch, so dass die Kinder rund um die Uhr Schlagzeug spielen könnten, wenn es nach den Nachbarn ginge, und ich finde es toll, jetzt die paar hundert Meter weiter in etwas weniger poshes Gebiet als bisher vorzudringen und trotzdem noch auf den schönen Markt von früher, in die gleiche Kita und mit den Kindern zu ihren alten Freunden zu können.

Schönen Gruß von der Familie.
Es tut sich eine Menge, aber weil ich mich nach wie vor weigere, Elternfachbücher zu lesen, kann ich Euch jetzt wenig über Phasen oder Stufen oder Prozesse oder Familienkonstellationen erzählen. Klärchen kann jetzt laufen, das hatte ich ja schon erzählt. Jetzt ist mir aufgefallen, dass das ulkige Gebrabbel, das sie den ganzen Tag und auch mehrer Stunden nachts von sich gibt, manchmal ziemlich viel Sinn ergibt: dann wird aus "Assassaalea" plötzlich "Das Wasser ist leer". Oder aus "tumama" "Zumachen". Schaukeln kann sie auch schon, und das können die Jungs bis heute nicht ohne anschubsen, was mir sehr peinlich ist. Meine Große! Sicher hochbegabt, oder? Nur schlafen kann sie nicht so gut und ich entsprechend auch nicht so. Die Jungs, zeigt sich inzwischen, haben beide diese ulkige Fähigkeit von L. geerbt, ihre Zunge seitlich einzurollen. Von mir haben sie geerbt, die letzten auf der Tanzfläche zu sein, jedenfalls hier in der Kinderdisco. Ansonsten will ich immer noch nicht so viel von ihnen erzählen, aus Rücksicht darauf, dass es ihnen eines Tages entsetzlich peinlich sein könnte. Was mich betrifft, muss ich zugeben, dass die Mutterliebe sich bei mir oft ziemlich seltsame Bahnen bricht, mit denen die Kinder nicht so viel anfangen können. Gestern Abend wollte ich ihnen z.B. Charlie und die Schokoladenfabrik vorlesen, was Kalle einigermaßen ok fand, aber Michel mit Protestgeheul beantwortet hat. Letzte Woche hatte Kalle Geburtstag und hat von mir einen Berg Geschenke bekommen, von denen mir erst beim Auspacken klar wurde, dass das fast alles Sachen waren, die ich mir selbst als Kind gewünscht hätte. Was sagen wir dazu? Erst mal nichts und dann demnächst vermutlich eine Menge.


Sonntag, 22. April 2018

So ein Theater

Zu Schulzeiten hatte ich eine Freundin, deren Vater sich niemals angeschnallt hat. Auch der Rest der Familie sollte das seiner Meinung nach nicht tun. "Früher", fand er, hätte das niemand getan und es wäre ja schließlich nichts passiert. Seine große Angst war, einen Unfall zu bauen, das Auto fängt Feuer, und durch klemmende Gurte verbrennen dann alle bei lebendigem Leibe. Gleichzeitig war die Gurtverweigerung wohl auch eine Trotzreaktion - er wollte der Welt beweisen, dass er sich jedenfalls nicht verrückt machen lässt und lässig über solchen einengenden Vorschriften wie der Gurtpflicht steht. Ein bisschen wohl außerdem ein ziemlich paradoxer Beweis der eigenen Unverwundbarkeit - guckt mal, was ich mache, mir kann nämlich nichts passieren. Meine Schwiegermutter hat manchmal ähnliche Anwandlungen - nicht, wenn es um Gurte geht, aber in vielen anderen Bereichen. "Ich hab das immer so gemacht, und nie ist was passiert. Da wird ja heute so ein Theater gemacht".

Gestern hatte ich die Jungs in der Badewanne, die Kleine stand angezogen dabei und durfte ihren großen Brüdern zusehen. Ich saß direkt neben der Wanne auf dem Klodeckel und überwachte das Ganze, ohne zu blinzeln. Auf einmal plumpste die Kleine über den Rand und versank kopfüber im vielleicht zehn Zentimeter tiefen Wasser, wo sie in Schockstarre verfiel. Ich hab sie sofort gegriffen und rausgezogen, sie fing an zu brüllen, aber bis auf einen nassen Strampler ist nichts passiert. Wäre ich in diesem Moment nicht im Raum gewesen, sondern kurz nebenan, um schon mal ein Ersatzhandtuch zu holen, wäre sie ertrunken. Hätte ich nicht neben der Wanne gesessen, sondern wäre mal eben am Waschbecken gewesen, um im Spiegel nach Petersilienresten zwischen meinen Zähnen zu suchen, vielleicht auch. Vielleicht wäre sie sogar ertrunken, wenn ich zwar auf dem Klodeckel gesessen hätte, aber kurz eine SMS beantwortet hätte, so gruselig lautlos und äußerlich undramatisch ging das vor sich. Bei Babys reichen wirklich wenige Sekunden. Das Schlimme dabei ist, dass ich schon manchmal tatsächlich kurz nebenan war. Nicht, wenn die Kleine in der Wanne ist, ich bin doch nicht bescheuert, aber wenn die Großen darin waren schon. Nie lange und nie zum Spaß, sondern nur, um zum Beispiel die Tür zu öffnen oder ans Telefon zu gehen. Das werde ich von jetzt an lassen. Und Euch will ich - falls Ihr auch so eine kleine Wurst zuhause habt - jetzt noch mal eindringlich davor warnen. (Und das als jemand, der dieses ewige Gewarne unter Müttern, dieses Drohen mit Todesfällen in der nur eine Geschichte entfernten Umgebung, ganz schrecklich findet. Aber es ging mir durch und durch. Und zum Glück habe ich ja in Verbindung damit keine Horrorstory zu erzählen, sondern nur eine Geschichte, die sich zu einer Horrorstory hätte entwickeln können.) Und jetzt habe ich mich auch wieder beruhigt und alles ist zum Glück gut ausgegangen. Kinderbaden ist übrigens auch so eine Sache, von der meine Schwiegermutter findet, man sollte das nicht so eng sehen. Tja nun.

Damit zuuuum Stammtisch! Die Reaktionen waren ja etwas verhalten bzw. gemischt, zwei Damen hatten aber den Finger für den 3. Mai gehoben. Jetzt finde ich Stammtisch zu dritt noch ein bisschen klein - damit sind wir nur eine Abkürzungsdame von einem Blind Date entfernt, und sollte sich eine Dame verspäten oder es sich anders überlegen, sitzen wir da tatsächlich zu zweit und können uns tief in die Augen schauen. Darum würde ich nun doch noch ein bisschen warten und den Juni anpeilen. Da habe ich auch noch jede Menge Donnerstage frei, das Wetter ist vielleicht auch etwas zuverlässiger, falls wir draußen sein wollen, und bis dahin habe ich hoffentlich einen Durchbruch in meiner aktuellen Jobkrise geschafft, was mich wesentlich entspannter einen Abend verjuxen lassen würde, statt zuhause am Rechner zu sitzen und mit angstgeweiteten Augen an einer Bewerbung zu arbeiten. Was meint Ihr?

Dienstag, 10. April 2018

Vorwärts geht anders

Heute morgen bin ich viel zu früh von Kalle geweckt worden. Im Laufe der Nacht war er zu mir ins Bett gekrochen, jetzt war er wach und damit hatte der Rest der Welt das gefälligst auch zu sein. "Mama? Mamaaaaa?" Ich zählte innerlich bis zwei und sagte dann "Nicht. Aufwecken. Du sollst mich nicht aufwecken. Vor allem nicht, wenn ich schlafe. Psssst." oder so. Und dann geschah das Wunder: er krabbelte aus dem Bett, tapste auf nackten Füßen zwei Etagen tiefer, krabbelte zu der inzwischen lustig vor sich hin brabbelnden Klara ins Bett und fing an, seine kleine Schwester zu bespaßen. Kurze Zeit danach kam dann noch Michel dazu. Und dann saßen die drei noch eine halbe Stunde lang in dem kleinen Gitterbett und hatten es nett. Und ich lag da oben und hätte fast geheult vor Dankbarkeit, dass es sie tatsächlich gibt, diese magischen Momente, von denen alle immer schwärmen. Es fühlte sich an wie eine Mischung aus schönstem Tränenkino und ausschlafen und Silvester, und dann waren die 30 Minuten vorbei, und ich bin aufgestanden, und es war 6:30. Aber immerhin!

So ein fauler Morgen macht bereit für neue Taten. Stammtisch! Diesmal haben ziemlich viele auf die vorsichtige Anfrage reagiert, und ich würde vorschlagen, wir peilen mal einen der Donnerstage in näherer Zukunft an. Am 19. bin ich vielleicht schon verabredet, aber wie wäre der 26.4.? Der 3.5.? Oder der 10.5.? Weil wir beim letzten Stammtisch plötzlich zu achtzehnt waren und damit für viele nette Kneipen zu viele, würde ich diesmal sicherheitshalber gleich das Abaton Bistro vorschlagen. Vorteile: Große Tische, sie nehmen Reservierungen an, das Essen ist lecker und wer uns dann alle plötzlich doch doof findet, kann den Abend retten, indem er ins Kino geht. Bitte sagt mal Piep bezüglich der Termine, wenn Ihr Interesse habt!

Und dann habe ich leider noch zu vermelden, dass mein neuer Tatendrang in anderer Hinsicht diesmal ins Leere läuft. Eigentlich sollte ich am 2. Mai wieder an meinen alten Schreibtisch zurückkehren. Eigentlich hatte ich mich wie Bolle darauf gefreut. Und eigentlich war das fest abgemacht. Gestern habe ich nun erfahren, dass daraus leider nichts wird. Und nun sitze ich hier und muss mich wieder mal fragen, was ich in nächster Zeit so anfange mit meinem Leben zwischen den Kindern. Ein anderer Job als Werbefifi? (den ich erst mal finden muss, diese Branche - ekliges Wort, aber mach was - hat nicht gerade gewartet auf eine 45jährige Mutti mit drei kleinen Kindern und massiver Selbstvermarktungshemmung, egal wie viele Pokale sie im Schrank hat.) Erst mal arbeitslos und dann weiter sehen? (etwas Borstiges und schlecht Gelauntes in mir sträubt sich dagegen, und zwar mit Macht.) Endlich das verdammte Buch schreiben und dann auf einen dieser fetten Buchdeals hoffen, die es in Wirklichkeit nicht gibt? (Tja.) Oder etwas ganz anderes? Kellnern? Berufsbloggen? Lotto? Edelprostituierte? (Wie edel genau kann es werden mit den Schwangerschaftsjeans, die ich immer noch nicht weggeschmissen habe, und vier Wochen altem Nagellack an den Füßen?) Ich schwimme gerade ein bisschen, aber wir hören ja immer wieder, dass Schwimmen gut für's Bindegewebe, für die Kondition und überhaupt für so ziemlich alles ist.

Montag, 5. März 2018

Mal nichts mit Zigaretten, Alkohol und Lauf-App.

Die Mütter mit den SUVs. Die Mütter mit einer ganzen Handtasche voller Kekse und Salzbrezeln und Reiswaffeln. Die Mütter, die sich immer so doll kümmern. Die Mütter, die sich eigentlich gar nicht kümmern. Die Mütter, die ihre Kinder Sebastian Konstantin nennen. Die Mütter, die ihre Kinder Marcel Keanu nennen. Die Mütter, die beim Kita-Kinderabend ständig reden. Die, die immer am Klettergerüst stehen und unbedingt verhindern müssen, dass ihr Kind 50 cm tief in eine Sandkiste fällt.

Ja. Und was genau ist mit denen?

Ich habe in den letzten Wochen viel nachgedacht. (Fragt mich nicht, wann genau jetzt.) Und ich bin zu einem ziemlich späten Neujahrsvorsatz gekommen: zur Abwechslung will ich mal aufhören, innerlich und äußerlich dauernd die anderen runterzuputzen, rumzukritteln und doof zu finden. Stattdessen soll in meinem übermüdeten Hirn ab sofort Milde walten: ich will mir in diesen Fällen einfach denken, die haben auch ihren Stress und ihre Schlaflosigkeit und ihre Sinnkrisen und ihre Ehekräche. Die wissen auch einfach nicht, wie es geht, und versuchen, es trotzdem irgendwie hinzukriegen. Genau wie ich, und wenn mir das nicht so viel Angst machen würde, dann käme ich vermutlich gar nicht auf die Idee, mir hier ständig andere zu suchen, die ich mir selbst als jedenfalls noch unfähiger als mich verkaufen kann, womit ich dann wieder etwas besser vor mir selbst dastehe. Die haben auch ihren Teil von der Grippewelle oder irgend einer Kitapest mitgekriegt. Und keiner weiß, was andere Kinder ihren Müttern alles so um die Ohren hauen, wie die letzte Nacht war und was der kleine Sonnenschein gerade mit ihrer vor Kurzem noch großen Liebe macht. Darum will ich die ab sofort in Ruhe lassen, ihnen freundlich zunicken, und wenn sie daraufhin die Straßenseite wechseln, einfach denken, siehste? Die musste jetzt eben plötzlich woanders hin.

Bin ich gespannt, wie das wird.

Montag, 19. Februar 2018

Lebenszeichen

Je mehr Vorsätze ich fasse, desto schlimmer wird es. Hier der Beweis: ich traue mich kaum noch nachzurechnen, wie lange der letzte Post her ist, und nun läuft es schon wieder auf einen großen Rundumschlag hinaus. Mal sehen, wie weit ich damit komme, das Baby ratzt jedenfalls und Kalle und Michel sind in der Kita.

1. Das Haus.
Eigentlich hatte ich mich jahrzehntelang als fröhliches, grundoptimistisches Mädchen eingeschätzt, aber seit einiger Zeit ist das Glas nicht nur immer halb leer, sondern hat auch metallic-farbene Lippenstiftspuren am Rand und ist sowieso nicht kalt genug. Mal schiebe ich es auf das Alter, mal auf den Schlafentzug, mal auf die Viren und mal auf die weltpolitische Lage. Insofern ist es kein Wunder, dass ich vier Wochen nach dem Umzug erst mal sehe, was alles noch nicht so ist, wie es sein soll: es hängt noch kein Bild, es sind immer noch ein paar hartnäckige Kartons hier und da, in einigen der Zimmer stehen die Möbel herum wie vom Laster gefallen ohne Sinn und Ziel, und über den Keller will ich gar nicht sprechen. Davon abgesehen fühlen wir uns alle hier sehr wohl. Es ist schön, die Kinder trampeln und rennen und kreischen lassen zu können, weil unsere Nerven die einzigen sind, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Es ist auch schön, den Tag mit voll aufgerissener Lieblingsmucke beginnen und beenden zu können. Und das Haus verlassen zu können ohne Sorge, entweder den Meckerpötten von unten oder der irren vertrockneten Ollen von oben zu begegnen, die diese nervtötenden Angewohnheit hatte, einem im Vorbeigehen irgend eine Anschuldigung an den Kopf zu werfen und dann zeternd wegzulaufen, ohne sich die Antwort anzuhören. Und das Haus ist wirklich, wirklich schön, da kann all unsere Unordnung und selbst der Ausfall von zwei Putzfrauen kurz hintereinander nichts dran rütteln. Und die vielen Stufen sorgen dafür, dass hier zu wohnen einem täglichen einstündigen Bauch-Beine-Po-Kurs gleichkommt. Manchmal sitze ich mit einem Buch und einer Tasse Tee auf einer der Treppen und kann nicht fassen, dass ich hier leben darf. Jetzt müssen die Jungs sich nur noch mit ein paar der anderen Kinder anfreunden, die ich immer in Schneeanzügen an unserem Küchenfenster vorbeizischen sehe, dann sind wir wirklich angekommen. Zumal ich gerade wieder auftauche aus zwei Wochen Grippehölle und voller Tatendrang bin, in der einen Hand das Frosch Badspray, in der anderen die Bohrmaschine, zwischen den Zähnen ein paar Dübel.

2. Die Kinder.
Meine Mutter hatte früher einen kleinen Bilderrahmen im Regal stehen, darin war ein aus der Zeitung ausgeschnittenes Gedicht. Das Ganze war ein Geschenk von einer etwas seltsamen Freundin gewesen. In dem Gedicht ging es darum, dass eine Mutter sich gefälligst nicht beklagen soll über Lärm, Stress, nervende Hausarbeit usw., denn früh genug würden die Kinder groß, und dann wäre es auch wieder nicht richtig. Ich hab es als Kind oft gelesen, ohne mich so recht damit anfreunden zu können, einfach weil es dastand. Und heute ist mir das auch noch eher fremd, dieses Wegbürsten von mütterlicher Not und das Drohen damit, dass es einem hinterher leid täte. Gerade brechen hier die letzten Wochen mit Klara vor der Kitazeit an, und ich habe sie so gern, dass ich manchmal kurz vorm Durchdrehen bin, und ich genieße die Zeit mit ihr auch nach Kräften, aber nein, ich kann nicht sagen, dass mich beim Gedanken daran eine namenlose Melancholie packt. Demnächst kommt sie in die Schneckengruppe, da wird sie liebevoll betreut und trifft andere kleine Schnecken, es gibt neue Bauklötze zu belutschen, das wird toll! Und ich fange wieder an zu arbeiten. Und dann lernt sie laufen und dann sprechen, und dann ist er irgendwann da: der Moment, in dem ich tatsächlich alle drei Kinder spielen lassen kann und selbst in einem anderen Zimmer bin und andere Dinge mache ohne Angst, dass sich gleich jemand das Genick bricht oder eine Murmel verschluckt. Kein Lemming mehr in der Familie, yay! Darüber können andere wehmütige Gedichte schreiben, wenn sie wollen.

3. Das Buch.
Hört bloß auf.

4. Der Stammtisch.
Als ich das letzte Mal davon angefangen hatte, haben sich (glaube ich) zwei versprengte Damen gemeldet, die Interesse hatten. Heute frage ich noch mal: wer wäre gerne dabei? Ich brauche noch so ca. zwei Wochen Schonzeit, bis die Grippe wirklich aus den Knochen ist, aber dann wäre ich wieder mal dabei, wenn wir uns auf einen langen Abend treffen und über Hormone, Kinder und die Abwesenheit von Kindern schwadronieren. Sagt doch mal?

Und da meldet sich der Lemming wieder. Ich sag jetzt nicht bis bald, sonst dauert das wieder sechs Wochen, ok?