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Samstag, 29. April 2017

Das Gras ist eindeutig grüner auf dieser Seite des Zauns.

Heute nacht war Klara zwei mal wach, einmal um zwei und einmal um sechs, nachdem sie um zehn eingeschlafen war. (Das Aufwachen um sechs würden Eltern neugeborener Babys vermutlich meist nicht mehr der Nacht zurechnen.) Dann habe ich sie erst im Sitzen gestillt (wie es mir der beim Thema "Plötzlicher Kindstod" extrem engagierte Kinderarzt eingeschärft hat), dann gab es ein schönes Fläschchen mit Medela-Sauger, um auch ja die natürlichen Saugtalente meiner Tochter nicht zu versauen, und dann ging es zurück ins Babybay. (Leserinnen, die die Meldung alarmiert hat, sie würde unter meiner Decke schlafen, können sich entspannen, das tut sie schon lange nicht mehr.) Jetzt schläft sie. Irgendwann demnächst wird sie aufwachen, dann bekommt sie was zu essen, und dann liegt sie manchmal im Säuglingsaufsatz ihres Triptrap-Stühlchens und guckt mir beim Kochen zu, oder wir liegen auf der Spieldecke herum und trainieren unter Aufsicht Bauchlage, oder die Jungs dürfen sie ein bisschen kontrolliert bewundern, oder sie geht in ihre Wippe und ich spiele mit ihren Brüdern. Vielleicht schläft sie auch einfach wieder ein, dann lege ich sie für eine Stunde oder so in den Stubenwagen. Plötzlich scheint die Sonne wieder, die Vögel zwitschern, ihre Brüder sind entspannter (gerade spielen sie mit Knete, und ich muss noch nicht mal im Zimmer sein), zwischen L. und mir seit 24 Stunden kein böses Wort, und sie hat in den letzten zwei Tagen 150 Gramm zugenommen. Den Firmen Hipp und Medela würde ich gerne eine Kiste Wein schicken, vielleicht mache ich das auch noch.

Ich weiß nicht, woran das liegt - aber auch diesmal habe ich wieder erst einen Zustand deutlich jenseits der Schmerzgrenze gebraucht, um diesen Schritt zu tun. Obwohl ich es nach den letzten beiden Malen eigentlich hätte besser wissen müssen. Ich dachte wirklich bis kurz vor Schluss, das klappt bestimmt demnächst mit mir und dem Stillen. Viel mehr dachte ich sogar, ich muss das schaffen. Bevor ich den Schritt gemacht habe, hat sich schon der Gedanke daran immer angefühlt wie eine Niederlage. Und ich verstehe nicht, warum - ich finde doch selbst, wenn es um andere geht, dass wirklich nichts, aber auch gar nichts, schlecht oder faul oder verwerflich oder sonstwie trostpreisig ist an Fläschchen. Und genau wie die letzten Male war dieses klamme Gefühl in dem Moment verschwunden, in dem ich es einfach gemacht habe. Stillen läuft übrigens (auch genau wie die letzten Male) eindeutig besser seitdem. Viel kuscheliger (weil die Jungs nicht mehr sabotieren und ich ausgeschlafener bin, und natürlich das Baby weniger ausgehungert und panisch), und die Milch ist auch nicht weniger geworden. Wieso erzählen so viele, Fläschchen wären der Tod für das Stillen? Ich verstehe das nicht. Und muss wieder mal erleichtert feststellen, dass mein meschuggener Sado-Maso-Exfreund auch hier Unrecht hatte: ich habe wirklich überhaupt kein Talent zur Masochistin.

Donnerstag, 27. April 2017

Hipp Hipp, Hurra

Als ich gestern abend mit meiner brüllenden Tochter im Kinderwagen zum Mädchenabend gelaufen bin, habe ich nachgedacht. Und dann habe ich einen Entschluss gefasst: ab heute füttere ich zu. Dafür gibt es auf Anhieb so viele gute Argumente, dass mir das Argument, von dem vermutlich viele hier denken, es wäre für mich das Wichtigste, erst irgendwann viel später eingefallen ist. Hier ein kleiner Überblick:

1. Mein Baby wird zur Abwechslung mal satt. Sie ist mit 3.250 Gramm zur Welt gekommen, bei der U3 fast fünf Wochen später hatte sie 3.700. Das ist wirklich nicht viel, auch wenn man ihr (wie ihr Kinderarzt) zugute hält, sie wäre eben "der elegante Typ". Ich finde es schwer, hungriges Babygebrüll auszuhalten, vor allem, wenn sie nach vielen, vielen Stunden Dauerstillen immer noch panisch hackt und sucht und einfach nie, nie, nie zufrieden ist.

2. Im Moment verbringe ich täglich ca. 20 Stunden mit Stillen. Das geht nicht. Ich habe schon versucht, mit einem Schnuller dagegen anzugehen - genauer gesagt, mit inzwischen vier verschiedenen Typen von Schnullern. Sie will keinen Schnuller, sie will trinken. Ihr könnt euch leicht ausrechnen, wie viel Zeit mir auf diese Weise zum Schlafen, Essen, Duschen, Aufräumen oder einfach mal Spaß haben bleibt, auch wenn ich zugeben muss, was Netflix-Serien angeht, bin ich gerade auf dem allerallerneuesten Stand.

3. Noch viel wichtiger als Aufräumen usw. ist aber, dass ich für Kalle und Michel im Moment überhaupt keine Zeit habe. Aus der Kita kommen schon erste Beschwerden, die Jungs wären ja völlig durch den Wind. Ihre Mama gibt es jetzt nur noch mit kleinem Anhängsel am Oberkörper, auf dem Boden sitzen und spielen, kuscheln oder toben ist nicht mehr, auch wenn ich das ständig verspreche: "Gleich bauen wir eine Burg, ich muss nur hier noch schnell..." und dann sind wieder 20 Stunden des Tages einfach weggesaugt.

4. Die Jungs drehen nicht nur in der Kita durch, sondern auch zu Hause. Und was soll ich sagen: so richtig schön, harmonisch und innig kann das Stillerlebnis auch für Klara nicht sein, wenn Mama dabei zunehmend in Stress und Panik gerät und brüllt "Kalle, nicht da hoch! Michel, stell das hin! Hör auf zu beißen! Kalle, nicht hauen jetzt! Lieb sein! Michel, nicht mit Sachen werfen! Wehe! Ich zähl jetzt bis drei!" Usw. usf. Nicht nur, dass ihre Mutter nicht mehr zur Verfügung steht, ihre Mutter ist auch zu einem Psychowrack geworden. Und alles, seitdem die kleine Schwester auf der Welt ist. Na, haben wir da die Grundzutaten für eine harmonische Geschwisterbeziehung versammelt? Haben wir, oder?

5. Schlaf. Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für Klara.

6. Den ganzen Krempel (Flaschen, Sterilisiergerät...) hab ich sowieso schon hier herumstehen.

7. Ich höre nicht auf zu stillen, sondern es gibt nur ab sofort mehrmals täglich nach dem Stillen auch ein Fläschchen. Es sei denn, ich habe etwas getrunken oder ein halbes Kilo rohe Zwiebeln gegessen, dann können wir auch mal eine Nacht nur mit Flaschen überbrücken.

8. Ich erinnere mich noch dunkel an die letzten beiden Male, als der Stillkrampf in dem Moment deutlich milder wurde, als ich mich entspannt und mir mit Fläschchen geholfen habe.

9. L. kann sie auch mal füttern. Verdammt noch mal, die Jungs können sie auch mal füttern (unter Aufsicht natürlich). Und Mamas Soloprogramm ist damit beendet. Es wird höchste Zeit, dass Klara auch den Rest der Familie mal kennen lernt.

10. Ich kann auch mal ohne Baby los.

Hätte ich noch einen letzten Anstoß gebraucht, dann war es der Heimweg vom Mädchenabend zwei Stunden später und diese Nacht. Nachdem ich sie auf der Mädchencouch weitere zwei Stunden gestillt habe, habe ich sie irgendwann eingepackt und bin nach Hause gefahren. Auf dem Weg hat sie bis drei Häuser vor unserem Eingang durchgebrüllt. Dann war sie gerade lang genug eingeschlafen, um in die dunkle Wohnung zu kommen, in meinen Schlafanzug zu steigen und mich abzuschminken. Und dann hat sie bis drei Uhr früh weiter getrunken, während ich zunehmend verzweifelt bin. Babys sind eben manchmal so, ich weiß, aber wenn eine Lösung so klar auf der Hand liegt, sollte man sie zumindest mal ausführlich ausprobieren.

Gerade habe ich ihr die erste Flasche gemacht. Sie hat vier Schlucke genommen, dann hat sie mich zum ersten Mal angelächelt (Ich weiß. Ich würde einem Werbetexter auch nicht trauen, der mir so einen Babynahrung-Vignettenfilm-Klischee-Schmuh erzählt. Aber so ist es gewesen, genau so.) und ist dann eingeschlafen.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Neues von der Stillfront.

Mein Verhältnis zur angeblich simpelsten Form der menschlichen Ernährung ist kompliziert. Ich würde das gerne können. Ich bemühe mich auch redlich. Aber ich schaffe es einfach auch diesmal nicht, mein Traumland zu erreichen: das Land, in dem ich Michel so zwischen acht und zwölf mal täglich (und nächtlich) anlege, er auf jeder Seite zwischen zehn und fünfzehn Minuten trinkt und danach satt und zufrieden ist.

Es kommt schon vor, dass er trinkt und dabei einschläft. Dass ich ihn dann in seinen Stubenwagen lege, hübsch warm einpacke und er eine Weile schläft. Es kommt nur leider so selten vor, dass es wie ein Hohn ist: als würde ich das Traumland auf der anderen Straßenseite sehen, zum Greifen nahe, aber die Wachleute lassen mich einfach nicht rein, und es gibt einen unsichtbaren Elektrozaun, die Sorte, die Hunde vom Verlassen des Grundstücks abhalten soll. Meistens läuft es im Moment eher so: ich lege ihn an, er saugt und nuckelt fieberhaft drauflos, nach ungefähr drei Minuten ist er eingeschlafen, und sobald ich ihn abstöpsele, brüllt er los. Lasse ich ihn aber, wo er ist, dann sitze ich da drei Stunden. Das geht nicht, ich habe noch ein anderes Kind. Die Hebamme hatte dazu gesagt, ich sollte ihn pro Seite nicht länger als zehn Minuten trinken lassen und zwischen den Trinksitzungen immer mindestens anderthalb Stunden Zeit verstreichen lassen, diese Zeit dann später auf eher drei Stunden steigern. Stillen nach Bedarf wäre Quatsch. Jetzt ist die Hebamme weg, ich habe immer noch Stillprobleme, und natürlich googele ich, ich bin auch nur ein Mensch. Meine Probleme mit den Stillproblemen und ihrer Lösung erinnern mich inzwischen an meinen auch nicht sehr glorreichen Umgang mit Diäten: irgendwann hatte ich in so viele Diäten mal halbherzig reingeschnuppert, dass ich für alles, was ich gerade essen wollte, die passende Diät finde. Ein Snickers abends um acht - na klar, mit Weight Watchers kann ich das wieder ausgleichen. Ein Teller Pasta zu Mittag - verträgt sich locker mit der Abends-keine-Kohlenhydrate-Regel. Ein riesiges Steak um kurz vor Mitternacht - Atkins! Yay! Usw. Die Lösung damals war einfach: entweder Schluss mit den Diäten, oder eine raussuchen, dabei bleiben und die anderen vergessen. Die Lösung diesmal ist es leider nicht. Ich habe schon bestimmt achtmal seit Michels Geburt mit aller Entschlusskraft, die ich trotz Müdigkeitsnebel aufbringen konnte, entschieden, dass ich es so mache, wie die Hebamme gesagt hat. Immerhin halte ich ja große Stücke auf sie und ihr Pragma. Wir waren uns doch einig! Aber dann kommt Michel, und was soll ich sagen - ich schaffe es einfach nicht. Ich kann nicht mein Kind nach zwanzig Minuten trinken von der Milchbar nehmen und ihn mit Schunkeln und Gut zureden für die nächsten anderthalb Stunden bei Laune halten. Es klappt nämlich nicht. Das hier ist keine Diät, bei einer Diät bin ich die einzige Unbekannte in der Gleichung, ich muss nur durchhalten, dann ist alles gut. Hier ist noch jemand anderes im Spiel, jemand, dem man leider nicht den Sinn der Übung mit ein paar klaren Worten erklären kann, jemand, der nicht geschunkelt werden will und nicht beruhigt, sondern der jetzt verdammt noch mal trinken will. Wenigstens für zwei Minuten, dann will er schlafen, und zwar da, wo er gerade ist.

Und Fläschchen sind eine Lösung. Zwar macht mir die innere Stillpolizei ein schlechtes Gewissen, aber ich kämpfe dagegen an. Noch stille ich ihn mehrmals am Tag und in der Nacht. Aber ein paar Mal verschaffe ich mir die Freiheit, mal kurz zu schlafen oder mich um Kalle zu kümmern, indem ich in die Küche gehe, ein sauberes, dampfsterilisiertes Fläschchen nehme, mit abgekochtem Wasser und Premilchpulver fülle und ihm das gebe. Davon trinkt er dann meistens nur einen Bruchteil und schläft ein. Von Saugverwirrung habe ich noch nicht viel bemerkt. Ich pumpe auch mal ab und gebe ihm das, damit die Fläschchen nicht den Milchnachschub sabotieren. Aber langsam sickert auch in mein widerspenstiges und stures Hirn ein, dass das Stillen und ich vielleicht einfach kein Traumpaar sind. Dass das nicht heißen muss, dass Stillen an sich ein großer doofer Mythos ist, sondern dass es sein kann, dass andere das 1a hinkriegen. Ich aber eben nicht. Das deprimiert mich ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Ich habe nachgelesen, mit Kalle lief es damals genau so. Ich hatte kurze optimistische Phasen, nach zwei-drei Tagen war das wieder verflogen, dann habe ich nach einer Lösung gesucht, es damit versucht und dachte kurz, jetzt klappt es - bis ich einsehen musste, dass auch damit das Stilltraumland noch nicht erreicht ist.

Aber ich frage mich schon, wieso? Bin ich zu ungeduldig? Sind andere Frauen damit zufrieden, wenn man ihnen sagt, jetzt warte doch noch mal vier bis acht Wochen ab, dann läuft das schon? Was machen die sonst noch anders? Wollen die das vielleicht noch mehr? Kommt mir mein Fusselhirn in die Quere, das zu jeder Idee immer gleich die Gegenidee liefert und überzeugend vertritt? Bin ich zu sehr an Premilch gewöhnt? Würde es helfen, den ganzen Kram von Fläschchen über Sterilisator bis hin zu Milchpulver gar nicht erst im Haus zu haben? (Oh Gott. Oh Gott.)

Tja. Jetzt ist es eben wohl so. Ich stille, wann ich kann und wann ich will (und wann er will, meistens jedenfalls), und wenn ich das Gefühl habe, jetzt geht auf diesem Weg nichts mehr, dann mache ich ihm ein Fläschchen. Genau wie schon bei Kalle, mit dem ich dieses System auch bis in den vierten Monat durchgezogen habe, der später so gut wie alles gegessen hat und zumindest bisher keinen erkennbaren Schaden davongetragen hat. Ich muss jetzt einfach meinen Frieden damit machen und meine innere DDR-Turntrainerin, die grundsätzlich verlangt, dass ich alles hinkriege, zum Schweigen bringen. Das hier kriege ich eben nicht hin, jedenfalls nicht mit Bestnoten.

Vielleicht ist das auch der größte Mythos rund ums Stillen: dass es so etwas überhaupt gibt wie das Traumland. Dass es ein Stillparadies gibt, ein Reich der entspannten und glücksseligen Babies und Mütter, und wer einmal drin ist, der darf bleiben und es sich gemütlich machen. Vielleicht ist es ja immer so, dass man für ein paar Stunden denkt, jetzt wäre man endlich da, und dann geht der Stress wieder los. Vielleicht sollte ich einfach mal aufhören, drüber nachzudenken, mir eine Tasse Tee kochen, und wo ich schon dabei bin, gleich noch ein bisschen mehr Wasser abkochen für's nächste Fläschchen.

Harrrrrrrrgh.

Mittwoch, 19. November 2014

Michel, sein Bruder und die Viren.

So ungefähr vorletzte Woche habe ich die unverzeihliche Dummheit begangen, zu Kalles Kindergartentante zu sagen: "Das ist ja wirklich toll, noch vor ein paar Monaten kamen auf einen Tag Kita zwei Tage krank, und jetzt geht Kalle schon seit bestimmt sechs Wochen jeden Tag und ist kerngesund! Ich glaube, wir sind virenmäßig übern Berg."

Mütter kleiner Kinder werden sich an den Kopf fassen. Ich tue es ja auch. Why oh why? Letzte Woche Montag und Dienstag war Kalle wieder in der Kita, fröhlich ging er hin, fröhlich kam er zurück, und wenn das Telefon während des Vormittags klingelte, dann hatte uns der Anrufer immer nur Dinge ohne jeden Dünnschissbezug zu sagen. Wir hatten schon das Zusammenzucken verlernt, das andere Kitaeltern mit jedem Telefonklingeln verbinden. Ha!

In der Nacht zum Mittwoch hat Kalle sich so gegen zwei Uhr im großen Strahl ins elterliche Bett übergeben und brach in Tränen aus. Seitdem ist unser Leben irgendwie so ganz anders, als man sich das Idyll mit zwei kleinen Kindern in der tiefsten Kinderwunschzeit vorgestellt hat. Erst hat Kalle zwei Tage lang gekotzt. Dann kam der Dünnschiss dazu. Alle 60 Minuten war ein komplett neues Outfit fällig, samt neuem Wickelkommodenbezug und am besten noch neuem Nervenkostüm für uns. Dann fing L. an, über Kopf- und Gliederschmerzen und Magenkrämpfe zu klagen, und zog sich ins Bett zurück. Zum Glück war meine Mutter noch da, die seit der Geburt unser rettender Engel war. Dann wachte ich morgens auf mit Durchfall und Erbrechen. Dann hat es auch meine Mutter erwischt, am unverdientesten von uns allen. Es war nicht schön. Es war so unschön, dass ich noch nicht mal drüber schreiben wollte, denn das hätte es irgendwie noch schlimmer gemacht. Meine Mutter schlug sich weiter tapfer durch und sagte, sie würde noch so lange bleiben, bis Kalle wieder in die Kita könnte. Heute morgen war es so weit, gestern Nachmittag ist sie begleitet von unseren Segenswünschen abgefahren. Um viertel nach acht hat L. mit dem seit Samstag Durchfallfreien Kalle im Kinderwagen das Haus in Richtung Kita verlassen. Um viertel nach neun klingelte das Telefon: Kalle hat Durchfall und muss abgeholt werden. Und laut Kitaregeln darf er damit den Rest der Woche auch nicht hin. Wir gehen am Stock. Michel ist zwar als einziger gesund geblieben, aber im Stillen ist jetzt der Wurm. Obwohl es ganz gut lief, hat mein Magen-Darm-Virus eine kleine Krise verursacht, denn wo oben nichts reinkommt, kann vorne auch nichts rauskommen, und wir mussten zufüttern. Jetzt saugt er nicht mehr richtig und ist auch mit den Hütchen nicht so richtig glücklich. Ich weiß schon, was ich zu tun hätte, aber ich bin zu müde. Ich träume von einer Nacht, einer einzigen Nacht, in der ich acht Stunden schlafen kann, ungestört, in einem sauberen, großen, bis auf mich leeren Bett, frisch bezogen, mit einer Flasche Mineralwasser auf dem Nachttisch und meinem Kindle in Griffweite, das Fenster auf Kipp und die Decke bis an die Nasenspitze. Dieser Traum wird sich so schnell nicht erfüllen. Nicht, so lange hier täglich zwei Maschinen randvoll mit vollgeschissener Kinderwäsche laufen. Nicht, so lange wir Kalle alle Nahrungsmittel abschlagen müssen, die er gerne mag. Nicht, so lange er deshalb die Nächte durchjault, weil er nicht versteht, dass seine gewohnte nächtliche Premilch gerade nicht geht. Nicht, wenn wir uns selbst vermutlich gerade die zweite Runde Virenspaß einfangen. Nicht, so lange L. eigentlich mit Hochdruck auf eine anstehende Prüfung lernen müsste. Nicht, so lange die beiden Knirpse nicht gelernt haben, sich nachts selbst ein Brot zu schmieren, wenn sie Hunger haben, oder eben einfach noch ein paar Seiten Harry Potter zu lesen, wenn sie nicht schlafen können. Dann vielleicht. Dann irgendwann.

Donnerstag, 13. November 2014

Michel und das Stillen.

Gerade komme ich aus dem Schlafzimmer. Zum vierten Mal heute habe ich Michel gestillt, er hat gut getrunken, zehn Minuten links, sechs Minuten rechts, jetzt schläft er zufrieden, uns geht's gut.

Der Unterschied zwischen Stillkrampf und Stillglück wiegt in meinem Fall ungefähr 5 Gramm und kostet keine neun Euro: Stillhütchen.

Wir erinnern uns: mit Kalle, der Muttermilch und mir war es nicht immer leicht. Und es wurde auch nicht leichter durch das Eingreifen meiner Hebamme. Ich wollte stillen, auch wenn sie mir das immer wieder mal unter- mal ziemlich oberschwellig abgesprochen hat. Nach ihrer Auffassung können 99% aller Frauen problemlos stillen, alles andere sind vorgeschobene Probleme, die nur verschleiern sollen, dass man es im Grunde nicht ernst meint.

Meine neue Hebamme ist da so ganz, ganz anders. So anders, dass ich sie küssen könnte, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich das auch noch tue, wenn mich demnächst mal meine Gefühle übermannen, was ja bei uns jungen Müttern angeblich schnell passiert. Kann ich dann auch nichts zu.
Seit dem fünften Tag habe ich ordentlich Milch, der Kleine hat auch Hunger, wenn er nicht gerade schläft (was er fast den ganzen Tag lang tut), bisher ist nichts entzündet oder gestaut oder sonstwie blöd - nur Andocken klappte auch diesmal wieder gar nicht. Zehn Minuten soll ich pro Seite höchstens stillen. Um auf diese zehn Minuten zu kommen, musste ich bis vorgestern nur leider zum Teil 45 Minuten lang andocken. Ich habe alles beherzigt, was mir gesagt wurde. Ich habe es mit dem Kind in der Armbeuge versucht und mit dem Kind im gegenüberliegenden Arm (worunter sich jetzt kein Mensch was vorstellen kann, aber sei's drum). Ich habe es im Liegen versucht. Ich habe gestopft und angelockt. Ich habe gezwirbelt und nicht gezwirbelt. Ich habe seinen Kopf in den Nacken gedrückt und ihn suchen lassen. Ich habe... ach was, ist ja auch egal, ich saß jedenfalls Tag und Nacht mehrere Stunden schwitzend und zusehends verzweifelt da und habe vergeblich versucht, unser beider Not zu lindern, indem er endlich, endlich richtig saugt - seinen Hunger und meinen wachsenden Überdruck. Hat es dann geklappt, hat er oft genug vor lauter Verblüffung zwei Schlucke getrunken, wieder losgelassen, und alles ging von vorne los. Zwar waren die Momente, wenn es dann wirklich klappte, wie mit einem Heiligenschein umkränzt - aber sie waren so scheußlich schwer zu erreichen. Wer behauptet, ich hätte einfach nicht gewollt, hätte mich mal sehen sollen. Nichts wäre einfacher gewesen, als ihn nachts um drei kurz beiseite zu legen, in die Küche zu gehen, ein sauberes Fläschchen Premilch fertig zu machen und uns beiden ein bisschen Ruhe zu verschaffen. Und fast nichts wäre einfacher gewesen, als abzupumpen und ihm das dann per Fläschchen zu geben. Oder per Spritze. Oder wie auch immer. Aber ich dachte immer, andere können das doch auch! Zerfix! 99% sogar! Ausnahmsweise könnte ich doch mal zu den 99% gehören und nicht zu dem 1%!

Ich habe meiner Hebamme gestern davon erzählt. "Das gucken wir uns jetzt mal an", sagte sie. Ich versuchte, ihn anzulegen, sie guckte. Dann sagte sie die erlösenden Worte: "Das ist alles ziemlich flach bei Dir, und dann die viele Milch, da kommt er nicht richtig ran, Jungs tun sich da sowieso schwerer als Mädchen. Das machen wir euch beiden jetzt ein bisschen leichter, du kaufst Dir Stillhütchen in Größe M von Medela, dann klappt das."

Eine Minute nach ihrem Abmarsch war ich auf dem Weg in die Apotheke, eine Viertelstunde danach zurück, und nach ihrer Anweisung läuft es jetzt folgendermaßen. Ich lege ihn an. Saugt er, ist alles gut. Saugt er nicht, dann fackele ich nicht lange, sondern lege das Hütchen auf. Die Hütchen sind zwei kleine Sombreros aus dünnem Silikon, wie Kontaktlinsen für Stielaugen ungefähr, hergestellt in der Schweiz und ausgeliefert in einem kleinen, gelben Plastikschatüllchen. Täglich streichele ich mehrfach liebevoll über diese Schatulle, in der sich meine neuen Lieblingsgegenstände in diesem Haushalt befinden. Zurück zum Thema: Mit dem Hütchen klappt das Saugen, und zwar sofort. Wirklich sofort. Hütchen drauf, zwei Sekunden später trinkt Michel in großen durstigen Schlucken. Das lasse ich dann so zwei Minuten laufen, dann ziehe ich ihm das Hütchen unter der Schnute weg, ungefähr so, wie ein Zauberkünstler ein Tischtuch unter dem Sonntagskaffeeservice wegziehen würde. Im besten Fall saugt er ohne Hütchen weiter. Links läuft das fast immer so. Rechts ist es noch etwas schwieriger, da muss das Hütchen oft noch mal ran, aber dann, zwei Minuten später, klappt es. Den Rest der zehn Minuten trinkt er dann ohne Hütchen. Ich kraule seine Hand, damit er nicht einschläft, und gucke entspannt nach draußen in die herbstlichen Bäume. Nach zwanzig Minuten sind wir mit beiden Seiten durch.

Aber... aber...

Hier wären einige Einwände von meiner alten Hebamme denkbar (und nicht nur denkbar, damals hatte ich das mit den Hütchen auch mehrfach vorgeschlagen, aber sie hat es immer mit einer Batterie von Argumenten streng verboten):

"Aber durch das Hütchen verliert das Kind doch den Kontakt zu deiner Haut und wird dir fremder!"
Nö, ehrlich gesagt, nö. Der Sombrero hat eine breite Aussparung in der Krempe, die soll dahin, wo Michels Nase ist. Mit der ist er also direkt auf meiner Haut. Und den Löwenanteil der Stillzeit hat er ja direkten Komplett-Hautkontakt.

"Er verlernt so doch mit Sicherheit das Saugen!"
Auch nicht. Ich finde sogar, in der Saugezeit ohne Hütchen saugt er jetzt besser als jemals vorher. Wir sind beide weniger auf 180 und weniger frustriert, daran könnte es auch liegen.

"Aber wenn das Stillen so Zack-Zack geht, verliert ihr wertvolle Kuschelzeit!"
Im Gegenteil. Wir sparen jetzt die Zeit, die ich vorher mit entnervtem Rumstoppeln und Gewürge bis zum Andocken verbracht habe. Die Zeit können wir schön hinten an die Stillzeit dranhängen und kuscheln, bis wir blau sind, wenn wir das wollen - ganz entspannt und satt und zufrieden.

"Stillen ist doch die natürlichste Sache der Welt, ich verstehe nicht, wieso dazu ein Stück Plastik nötig sein soll. Er kann das ohne, du auch, du musst nur wollen!"
Gewollt habe ich das jetzt lange genug, hat aber trotzdem nicht funktioniert. Und ganz ehrlich, alte Hebamme: unter deiner Regie hatte ich am Ende zum Stillen eine Batterie aus Milchpumpe, Milchpumpen-Ersatzfläschchen, Spritzen, Medela-Fläschchen mit Vakuum-Saugern und fast auch noch ein Brusternährungsset angehäuft, die alle viel Platz weggenommen haben, viel Geld gekostet haben, mit viel Aufwand gespült und dampfsterilisiert werden mussten und heute noch eine ganze Kiste im Kinderzimmerregal füllen, auch wenn ich inzwischen nicht mehr weiß, wozu. Da sind zwei so kleine Hütchen in ihrer gelben Schatulle, die ich laut neuer Hebamme auch mal einfach nur mit heißem Wasser abspülen darf, ja wohl ein Scherz.

Und in zwei-drei Wochen spätestens, wenn Michel und ich noch ein bisschen fitter sind mit dieser supernatürlichen Ernährungsform, dann können wir die Hütchen vermutlich auch ganz weglassen.

Dreimal Hurra für die neue Hebamme!

Freitag, 20. September 2013

Zwei Monate

Heute wird Ernst Stavro zwei Monate alt, und nicht zu viel über ihn zu schreiben, ist mir selten so schwer gefallen. Als ich vor ein paar Tagen Fotos an meine Familie geschickt habe, hat meine Schwester geschrieben, er wäre jetzt kein Neugeborenes mehr, sondern ein richtiges Baby, und da hat sie wie eigentlich immer Recht. Jeder Tag fängt damit an, dass er mich aus der Babybay anstrahlt, und nach dem Essen bocke ich ihn gerne mit angezogenen Beinen auf meinen Oberschenkeln auf und unterhalte mich mit ihm. Guu? Bogaa! Ange? Ernst Stavro, das sehe ich doch ganz genau so!

Ich weiß, dass ihr auf Fotos mit Maske wartet, aber das Problem mit der Maske ist, dass ich die anlässlich meines Personalgesprächs in der Innenstadt besorgen wollte, und dieses Personalgespräch - ja, also, dieses Personalgespräch, das ich mir eigentlich für Juni gewünscht hatte und das mir auch versprochen worden war, das hat immer noch nicht stattgefunden. Ja! Ich hab genau so gestaunt! Diesen Montag ist es nun aber fest vereinbart, danach schiebe ich mit ihm zu Fahnen Fleck, wo wir uns mit Masken eindecken, und sollte es diesmal wieder nicht stattfinden, dann habe ich vielleicht gar keinen Bedarf mehr an einem Personalgespräch. (Hier rumort gerade Einiges, was meine berufliche Lebensplanung betrifft. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich auch mit 40 noch fragen, was sie mal werden wollen, wenn sie groß sind.)

Gerade habe ich ihn noch mal kurz gestillt, dabei ist er eingeschlafen, und die Gelegenheit nutze ich für einen Post. Sollte ich gleich von oben Geknötter hören, wird er ziemlich abrupt enden. Das mit dem Stillen ist übrigens gerade von einem Reizthema zu einem extrem Haut- und Magenfreundlichen Schmeichelthema geworden. Die Milch wird nicht mehr, aber auch nicht weniger, und wann immer mir und ihm danach ist, lege ich ihn an. Er trinkt dann, obwohl ich die Medelasauger ziemlich schnell nach dem Abgang der Hebamme eingemottet habe, denn auch, wenn er die Technik schnell raushatte, da Milch rauszukriegen, dauert es doch länger, und die Hälfte der Flasche wird immer kalt. Außerdem lag das Plastik nicht so schön in der Hand wie das schwere Glas der Nukflaschen. Und was soll ich sagen? Beim Stillen ist seine Saugetechnik 1a. Er holt sich also, was er kriegen kann, und schläft dann ganz ruhig und friedlich ein. Nicht für lange, nie für lange, außer nachts: immer nur so zwanzig Minuten. So bin ich ziemlich schnell (für meine Verhältnisse) darauf gekommen, dass ich ihn auch zur Beruhigung anlege, wenn gar nichts anderes mehr hilft, und es ist die Wundermethode geworden, wenn ich mitten am Tag mal 20 Minuten für was auch immer brauche, die er absolut nicht im Stubenwagen zubringen will. Fast schade, dass demnächst damit Schluss sein wird, wenn der Hormonzirkus wieder los geht - wobei ich das Gespräch mit meiner Ärztin am 24. mal abwarten werde. Ich weiß nämlich noch nicht, ob es daran scheitern wird, dass mir dann einfach die Milch wegbleibt, oder ob die Medikamente in die Milch gehen und für Ernst Stavro schädlich sind. Ersteres wäre viel einfacher, denn dann kann er immer noch nuckeln und kuscheln. Aber spätestens zur Periode am Start des Zyklus wird sie wohl verschwinden. Dann heißt es Tschüss, Muttermilch!

Hallo, Rotwein. (Ich habe eine Nachbarin, die kann hellsehen. Ich kann das manchmal auch! Ich sehe jetzt schon ganz deutlich einige Kommentare vor mir, die meine nahe Zukunft für mich bereithält!)

Zwei Monate nach der Geburt reiße ich mich also am Riemen, nicht zu viel über ihn zu schreiben. Bleibt die Frage, was sich in dieser Zeit bei mir getan hat?
Die Kugel ist weg. Die Kugel ist sogar mehr als weg. Ich fand es fast ein bisschen schade, dass nach der Geburt so schnell keine Ahnung mehr blieb von der dicken Babykugel, sondern als größtes Souvenir nur der verflixte Dammschnitt. Die Linea Nigra ist noch da, in kräftigem senfgelb, das auf weißer Haut nicht sehr schick aussieht. Auch ein paar erweiterte Äderchen sind mir am Bauch geblieben, die verblassen aber auch jetzt schon und verschwinden im Bikini (zum Glück fand ich immer schon Bikinis wie in den 50ern mit viel Stoff schöner, die entsprechen auch mehr meinem ziemlich tobigen Schwimm- und Plansch-Stil). Und mein Bauchnabel sieht etwas verwohnt aus. Aber der Bauch ist weg und hat sogar noch drei Kilo mitgenommen, so dass ich jetzt weniger wiege als vor der Schwangerschaft. Ich weiß, beim Stillen darf man keine Diät machen, weil sonst der ganze Müll meines 40jährigen Lebens als Gierschlund seinen Weg in die Milch findet, und ich schwöre, ich habe keine gemacht. Das ist einfach so passiert. Was dagegen nicht mehr passiert ist: ich bin sehr glücklich, nicht mehr in die Hose gemacht zu haben. Und weil ich die Pilates-mit-Baby-DVD nur zweimal durchgeturnt habe, weiß ich nicht, ob es daran liegt oder ob die freestyle-Kegelübungen endlich angeschlagen haben. (Ihr kennt das, oder? Samantha macht sie nebenbei, während sie einen Martini trinkt. Man sitzt so da, sieht ganz entspannt aus und tut dabei sekundenlang so, als müsste man Pipi anhalten. Das wiederholt man, so lange man Lust hat. So lange man das jeden Tag macht, wirkt es angeblich.)

Oha, oben regt sich was. Ernst Stavro hat gehustet. Jetzt quengelt er. Bis später, liebe Damen!

Dienstag, 27. August 2013

Und ausatmen.

Zwar hat Würmchen die Medela-Sauger geknackt, aber die Medela-Sauger offensichtlich nicht Würmchen. Ich erkläre hiermit die große Stillsaga, das vermutlich langweiligste Blogdrama aller Zeiten, für beendet. Ab jetzt pumpe ich ab und gebe Fläschchen. Und wenn das Pumpen irgendwann auch nicht mehr läuft, dann eben nur noch Fläschchen. Erstaunlicherweise läuft es aber wie nie: heute morgen z.B. kamen sagenhafte 140 ml aus mir raus, und das ohne größere Umstände. Nicht mehr zu stillen, tut mir offensichtlich gut. Die Hebamme hat es mit Fassung getragen, sie ist ja auch schon ein großes Mädchen.

Was bedeutet, ihr werdet hier so schnell nicht wieder seitenlange Abhandlungen über Muttermilch lesen müssen, es sei denn, es passiert etwas wirklich Atemberaubendes an dieser Front. (Was das sein könnte? Keine Ahnung. Muttermilch läuft nachts aus, findet ihren Weg zum Schalter meiner Nachttischlampe und löst einen Zimmerbrand aus? Muttermilch leuchtet plötzlich im Dunkeln? Muttermilch kommt aus meinen Ohren? Muttermilch im Gefrierfach findet durch einen grauenvollen Irrtum ihren Weg in einen Nachtisch für einen bunten Abend, und meine Freunde sprechen nie wieder ein Wort mit mir? Ich eröffne nach japanischem Vorbild eine Eisdiele, in der es aus Muttermilch hergestelltes Eis gibt, und werde schamlos reich? Wir werden sehen.)

Würmchen jedenfalls ist ebenfalls so entspannt wie nie nach der Geburt. Im Moment schläft er im Zimmer nebenan in seinem Bettchen, und ich habe ihn sogar wach (wenn auch mit etwas glasigem Blick) dort abgelegt. Lächeln kann er jetzt auch, Teufelskerl! Wie gerne würde ich euch ein Foto davon zeigen! Geht aber nicht, das hatten wir ja besprochen. Es sei denn, ich kaufe demnächst eine kleine Zorro-Maske bei Fahnen Fleck? Die Idee halte ich mal fest. (Die haben da auch niedliche Fliegenpilz-, Äffchen- und Panda-Masken.)

Inzwischen habe ich etwas getan, was ich eigentlich nicht mehr tun wollte: ich habe gegoogelt. Ich wollte rausfinden, wie schnell nach einer Geburt man sich der nächsten IVF zuwenden kann, ob sich das mit Muttermilch (ZACK, da ist sie doch schon wieder! Muss an diesen Bockshornklee-Kapseln liegen, Muttermilch überall) verträgt usw., und statt wie ein vernünftiger Mensch meine Kinderwunschärztin anzurufen, habe ich gegoogelt. Dabei bin ich natürlich nicht auf die Information gestoßen, die ich gesucht habe, sondern auf diesen Artikel aus dem Freitag, in dem eine Hamburger Ärztin interviewt wird zum Thema, was eigentlich aus IVF-Kindern wird, wie sie sich entwickeln, was die Eltern anders machen und erleben usw. Ich habe das mit großen Augen gelesen und war ausnahmsweise mal eher angetan von einem Zeitungsartikel zu dem Thema. Auch wenn ich mich hinterher gefragt habe: was bin ich denn für eine? Denn ein Ergebnis der Studie war, dass wir IVF-Mütter viel ängstlicher sind, unseren Kindern weniger zumuten können und wollen als andere Mütter, Schwierigkeiten haben, loszulassen, und mehr kontrollieren wollen. Und dann sitze ich hier: gestern Abend war ich mit meiner Schwiegermutter im Kino, L. blieb zurück mit Würmchen und zwei Muttermilchfläschchen im Kühlschrank. Während ich auf meinem Bett sitze und diesen Post tippe, liegt Würmchen nebenan in seinem Bettchen und ratzt - mit offener Tür, ok, aber nebenan. Und während dieses Rätzchens war ich schon im Keller, im Garten und kurz vor dem Haus an der Mülltonne. Ohne mir deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen! Im Kino gestern habe ich ihn schwer vermisst und mich öfter dabei erwischt, dass ich an ihn und sein rosiges, glänzendes Näschen denke statt vollkommen gebannt von der Handlung zu sein, aber mein Fazit war: da muss ich durch, es geht ihm gut (wie mir L. per SMS versichert hat), und Freiheit ist etwas Tolles, auch wenn sie manchmal ein bisschen weh tut. Und nun habe ich auch noch abgestillt? Wenn auch abgestillt light, mit Muttermilch per Fläschchen? Aus der Art geschlagen, scheinbar.


Samstag, 24. August 2013

Lagebericht von der Milchbar.

Von Sonnenaufgang bis abends bekommt Würmchen nur Medela-Fläschchen. Nach dem Stillen, versteht sich. Und er lernt schnell. Am ersten Fläschchen hatte er noch fast eine Stunde zu knacken. Das zweite ging schon schneller, das dritte noch schneller. Inzwischen trinkt er von den 170 ml PRE-Milch ca. 100 und braucht dafür so ungefähr zwanzig Minuten. Danach mag er nicht mehr, und ich stelle es weg. Dass das allerdings irgend etwas in Bezug auf das Stillen verbessert hätte, kann ich bisher nicht sagen. Er dockt tadellos an und trinkt dann auch, aber eben leider nur für ca. drei Minuten, dann gibt es das alte Programm: durchbiegen, kreischen, brüllen, hauen, kratzen, den Kopf mit viel Schwung zurückwerfen. Vielleicht schmecke ich doof? Milch ist dann jedenfalls noch da. Ich bin ratlos. Das letzte Fläschchen abends und das mitten in der Nacht haben allerdings immer noch die guten alten Nuk-Sauger, und ich kann bisher nicht beobachten, dass ihn das irgendwie beim Trinken an den Medela-Saugern irritiert.

Jetzt mache ich weiter mit der tagsüber-Medela-nachts-Nuk-Kombination. Zwischendurch pumpe ich auch mal ab, so oft ich den Nerv habe, die Pumpe zusammenzubauen und anschließend zu spülen und zu sterilisieren. Die Milch wandert dann ins Fläschchen oder in die Tiefkühle für Gelegenheiten wie vorgestern abend. Ich habe nämlich - oh Wunder, erster Erfolg des Still-Ultimatums - ausnahmsweise auch mal wieder etwas anderes zu berichten: Zweimal hatte ich Würmchen schon mit zum Mädchenabend bei einer meiner Freundinnen zuhause. Das ging gut! Zwar war der Abend für mich dann gegen zehn beendet, weil er einfach nicht mehr wollte und zu knötterig war (und weil ich dann so müde war, dass ich langsam Angst vor Sekundenschlaf auf der Heimfahrt bekommen habe). Aber die Tanten haben sich rührend um ihn gekümmert, und ich habe die Chance genutzt, mal wieder beide Hände zum Essen frei zu haben. Und vorgestern hatten wir Hochzeitstag, und zum ersten Mal haben wir ihn bei seiner Oma gelassen, die ihn für zwei Stunden gebabysittet hat. Ich habe ihn ihr gestillt, gefüttert und gewickelt übergeben, im Fläschchenwärmer stand eine Flasche Muttermilch für alle Fälle, für Oma hatte ich Tomate Mozzarella und Obstquark und ihr Lieblingsbierchen vorbereitet, und L. und ich sind in der Nicht-Familienkutsche schick Fisch essen gefahren. Zwei Stunden später waren wir wieder zuhause, und es hatte keine Katastrophe gegeben. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht.

Mittwoch, 14. August 2013

Er will eben Gorgonzola UND Appenzeller.

Von vorgestern werde ich so schnell nicht wieder anfangen, da bin ich wie Opa, der nicht vom Krieg spricht. Von großen Teilen von gestern auch nicht. Gestern Abend war die Krise vorbei. Und jetzt ist alles wieder in Butter. Ich habe alle Kommentare gelesen und Bockshornkleekapseln bestellt und vorsorglich gleich mal eine Ladung Muttermilchbeutel dazu, um der sicher zu erwartenden Flut an frisch abgepumpter Milch Herr zu werden. (Die Medela-Sauger habe ich nicht bestellt, weil wir genau solche schon haben, wenn auch nicht von Medela, und er damit nicht gut trinken kann und auch sofort wütend wird, wenn ihm sowas bei Fläschchen unterkommt - aber komischerweise kriegt er es beim Stillen mit dem Vakuum immer noch 1a hin.)

Würmchen bekommt wieder regelmäßig und nicht erst im Notfall Fläschchen, und siehe da, er fühlt sich wieder zuhause bei uns. Ich verstehe es ja selbst nicht. Alles, was die Hebamme bisher zum Thema zu sagen hatte, klang einleuchtend und logisch und so, als hätte man da auch selbst drauf kommen können. Aber Tatsache ist auch, dass dieses kleine Wesen jetzt schon feste Vorstellungen davon hat, was es will und was nicht. Und was es will, ist nicht immer logisch. Zum Beispiel geht es einerseits nicht ohne Fläschchen nach dem Stillen, auch wenn die Milch fließt und er tüchtig davon trinkt. Trotzdem: wenn ich Fläschchen anbiete (und zwar, bevor er brüllt), dann trinkt er sie längst nicht aus. Oft genug will er sogar nur ein paar Schlucke und dann weitergestillt werden. Es hat den Anschein, dass er Muttermilch lieber mag. Trotzdem will er von ihr nichts wissen, wenn es nicht auch Fläschchen gibt. Vielleicht hat er das von mir: mir schmeckt es auch besser an einem vollen Tisch als vor einem genau abgezirkelten Portiönchen. Und ich mag es auch, wenn es mehr als eine Käsesorte gibt, auch wenn ich am Ende doch nur eine esse. Und weil im Moment seine Bedürfnisse so dermaßen überschaubar sind und wir die einzigen sind, die sie befriedigen können, sehe ich keinen Grund, es nicht so zu machen, wie er will.

Dienstag, 13. August 2013

Cold Turkey.

Eigentlich war doch alles gut. Bis wir es reparieren wollten.
Seit ich aus dem Krankenhaus zuhause bin, haben Würmchen und ich das mit dem Trinken so gehandhabt: wenn er Hunger hatte, habe ich ihn gestillt. Dann hat er hintendrauf noch eine Flasche PRE-Milch bekommen. Und dann war eigentlich alles gut. Mal hat er geschlafen, mal wollte er unterhalten werden, aber wir hatten es gut zusammen. Jetzt kommt die Hebamme ins Spiel. Sie möchte - eigentlich möchte ich das auch, aber sie möchte es mehr - dass wir es ohne Fläschchen schaffen. Zur Nacht soll er noch mal eins bekommen dürfen. Oder im Notfall auch mal tagsüber. Aber nur im Notfall. Gestern habe ich mir ihren Plan angehört und dazu genickt.
Theoretisch kann er sich bei mir satt trinken.
Nicken.
Es wäre doch schön, wenn wir ohne Fläschchen auskämen.
Nicken.
Und praktisch! So praktisch!
Nicken.
Durch die Fläschchen strengt er sich nicht genug an, beim Stillen satt zu werden.
Nicken.
Dabei gibt es niemanden, der so gut Milch saugen kann wie er! Nicht mal die tollste elektrische Pumpe! Wenn es also einer draufhat, auch noch den letzten Tropfen rauszuholen, dann er.
Nicken.
Nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage müsste sich dann das Angebot ganz schnell einpendeln!
Nicken.
Für eine kurze Zeit müsste ich ihn einfach öfter anlegen. Auch nachts. Und dann, simsalabim, ist plötzlich mehr als genug Milch da, und wir können das mit den Fläschchen ganz lassen!
Nicken.

Und mit dem letzten Nicken hat sich mein Leben in ein Klischee verwandelt, das Klischee der frisch gebackenen, völlig fertigen Zombie-Mama. Meine Ohren scheppern vom Gebrüll Tag und Nacht. Meine Haut ist nur noch den Bruchteil eines Milimeters dick. Von meinen Nerven will ich gar nicht sprechen. Und das Schlimme ist, wenn wir einmal eingestiegen sind in dieses Entzugsprogramm, dann dauert der Ausstieg Stunden. Irgendwann hat Würmchen einen Grad an Hunger, Frust und Zorn erreicht, der sich auch durch ein noch so liebevoll zubereitetes, volles, warmes, leckeres Fläschchen nicht mehr besänftigen lässt. Und auch, wenn es nicht möglich erscheint, sobald ich mein Oberteil ausziehe, wird das Gebrüll sogar noch lauter. "Da kommt die Alte schon wieder mit dem Ding!" Alles ist im Eimer. Ich bin kurz davor, die Stillerei insgesamt zu lassen, und dabei lief es doch eigentlich ganz gut! Davon abgesehen, dass Würmchen wirklich, wirklich schnell wächst und zunimmt, gab es keinen Anlass, irgendwas zu ändern. Bis auf die Vision: die Vision davon, ihn nachts so wie andere Mütter einfach rüberzuziehen und im Liegen zu stillen, ohne noch mal in die Küche und ein Fläschchen basteln zu müssen. Die Vision, ohne Milchpulver und warmes Wasser das Haus zu verlassen und unterwegs völlig frei zu sein von Wasserkochern und Mikrowellen. Diese Visionen sind immer noch verlockend, verblassen aber gerade neben der Vision von einem Leben, in dem wir nachts mehrere Stunden am Stück schlafen können und unser Baby offensichtlich mit der Welt zufrieden ist.

Zum Kuckuck, ich tue das doch nicht für die Hebamme, sondern für Würmchen und mich!
Fühlt sich aber gerade nicht so an.

Donnerstag kommt sie wieder. Ok, sie wird die Wahrheit verkraften können. Und müssen. Dieses Mutter-Sohn-Gespann wird es leider nicht auf die andere Seite schaffen. Ins Stillparadies, wo alles gut ist und Milch und noch mehr Milch fließen. Aber dafür muckeln wir uns auf unserer Seite auch ganz gemütlich zurecht.

Samstag, 3. August 2013

Der Unterschied zwischen tiefenentspannt und kurz vorm Durchdrehen

Sind in unserem Fall wohl Fläschchen. Seit vorgestern wollten wir es fläschchenfrei probieren. Aber Kalle scheint die Fähigkeit zu haben, Hunger zu speichern und nicht so schnell verzeihen zu können, wenn seine Bedürfnisse nicht sofort befriedigt werden. Ich hatte ihn seitdem fast pausenlos angelegt, Tag und Nacht, aber was auch immer dabei herauskam, es hat nicht gereicht, um ihn zu beruhigen oder gar satt und zufrieden zu machen. Irgendwann hat er nur noch mit dem Köpfchen gehackt und war vor lauter Hunger gar nicht mehr imstande, anzudocken. Und ihm dann ein Fläschchen zu geben... "Nee nee nee, jetzt musst du mir damit auch nicht mehr kommen". Das Ende vom Lied war, dass ich die gleiche Menge Fläschchen zubereitet habe wie am Tag davor, aber trotzdem den ganzen Tag ein schreiendes, verzweifeltes Baby hatte. Mehr getrunken hat er auf diese Weise auch nicht, und zum ersten Mal, seit wir aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen sind, hat er auch nicht zugenommen. Gestern Nachmittag kam die Hebamme, die die Urlaubsvertretung für meine macht. Die sagte nach einem Blick in mein Zombiegesicht: es ist toll, dass wir den Ehrgeiz haben, es nur mit Stillen zu schaffen. Aber wenn nicht, dann nicht. Niemand muss sich hier quälen, weder wir noch das Kind. Dann hat sie mir noch ein paar Stilltricks gezeigt, und nachdem sie weg war, habe ich L. das Baby und ein Fläschen in den Arm gedrückt und habe mich hingelegt. Nur für eine kümmerliche Stunde, aber sie hat mich gerettet wie früher zehn Stunden Schlaf. Danach war ich wieder wach, entspannt und hatte wenigstens etwas stabilere Nerven. Und Kalle hat das sofort gemerkt und war jetzt auch ruhiger. Gegen halb elf gab es die letzte Stillsitzung und das letzte Fläschchen direkt hinterher, und dann hat er geschlafen bis vier. (Brüllen macht vielleicht auch müde. Wobei... Mütter von Brüllbabys da draußen, ihr könnt vermutlich eine andere Geschichte erzählen?)

Aber was wird denn nun mit dem Stillen, wenn er immer noch Fläschchen bekommt? Ehrlich gesagt glaube/hoffe ich, das wird sich finden. Inzwischen trinkt er ganz gut und bekommt auch einiges in den Bauch, heute zumindest habe ich ihn versehentlich erst gewogen, nachdem er auf beiden Seiten getrunken hatte, und der Unterschied zu gestern war so groß, dass die Milch bestimmt einen ordentlichen Anteil davon ausgemacht hat. Außerdem mixe ich ihm jedes Mal ein Fläschchen mit der Menge, die laut Packung für Babys in seinem Alter bei nur-Fläschchenfütterung empfohlen wird (überfüttern kann ich ihn mit PRE-Milch ja angeblich nicht), und er trinkt inzwischen so ungefähr die Hälfte davon - einzige Ausnahme ist das Fläschchen um vier Uhr nachts. Das reicht ihm dann. Aber ganz ohne geht es eben auch nicht. Wenn es so läuft, wie ich mir das denke, dann trinkt er ab jetzt von Tag zu Tag weniger Fläschchenmilch, und irgendwann können wir das auch lassen. Bis dahin bin den Firmen Alete, Beba usw. unendlich dankbar. Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich zwischendurch auch mal duschen, aufräumen, kochen, einkaufen, Wäsche aufhängen, Blumen gießen oder einen schnellen Post schreiben kann. Und meinen Hebammen bin ich auch dankbar, dass sie keine verbiesterten Hardcore-Stillsoldatinnen sind und mich das so machen lassen, wie es gut für uns ist.

Donnerstag, 1. August 2013

Was hat er nur?

Die Nacht war so entspannt wie bisher jede Nacht, seit wir zuhause sind. Zum Glück. Denn der Tag heute war bis vor einer halben Stunde wild. Irgendwann und irgendwo habe ich mal gelesen, dass Muttermilch in zwei Phasen fließt: die erste ist vor allem gegen den Durst, die fettere Milch, die satt macht, kommt erst danach. Und langsam habe ich den Eindruck, Kalle schafft immer nur die erste Hälfte. Irgendwann am frühen Nachmittag war er so weit, dass er vor lauter Verzweiflung überhaupt nicht mehr trinken konnte, sondern nur noch wild mit seinem Schnäbelchen auf mich einhackte, und zu diesem Zeitpunkt war er auch schon über das Stadium hinaus, in dem man ihn einfach mit einem Fläschchen beruhigen kann. Meine Arme sind heute Abend mit Sicherheit drei Zentimeter länger als heute früh, denn es war nicht daran zu denken, ihn auch nur für drei Minuten in seinen Stubenwagen oder sein Bett zu legen, nur auf dem Arm hat er sich einigermaßen beruhigt. Ihn brüllen zu lassen, bringe ich nicht übers Herz, dazu ist er noch zu klein. Und noch habe ich ein sehr begrenztes Repertoire an Dingen, die ich mit einer Hand tun kann. Kochen z.B. gehört nicht dazu. Wäsche aufhängen auch nicht, genau so wenig wie zur Toilette gehen. Und leider Fläschchen zubereiten auch nicht. Das muss besser werden! Ab morgen wird geübt. Und ich geniere mich ein bisschen, es zuzugeben, aber es hat keine zwei Stunden gedauert, und ich war ziemlich verzweifelt. Sein Fläschchen hatte er gehabt. Gewickelt war er auch. Irgendwann dämmerte es mir: heute war einfach ein sehr anlehnungsbedürftiger Tag. Warum, weiß ich nicht - ob er schlecht geträumt hatte, ob er sich heute einfach sehr klein und allein gefühlt hat, ob er Bauchschmerzen hatte oder ob ihm einfach danach war, aber heute war so ein Tag, an dem es ihm nur gut ging, so lange er mit mir zusammen eingekuschelt auf dem Sofa oder im Bett lag und zwischendurch ein bisschen nuckeln konnte. Also haben wir das gemacht. Und mit neuem Respekt für alle Mütter mit über Wochen und Monate dauerbrüllenden Kindern sitze ich jetzt hier und genieße die ersten dreißig Minuten Frieden heute. Denn jetzt schläft er. Er sieht sogar ganz zufrieden aus, bis in die flaumigen blonden Haarspitzen.
Also gut, Planänderung. Die Hebamme hat gesagt, ich soll nicht mehr abpumpen, und ich tue ja, was man mir sagt. Aber ich werde nicht gleichzeitig versuchen, auf nur Stillen umzustillen. Morgen werde ich ihn immer, wenn er Hunger hat, stillen. Und zwar mit viel Zeit. Und wenn er wirklich fertig ist damit, dann bekommt er noch ein kleines Fläschchen hinterher. Nicht erst dann, wenn er schon vollkommen fertig ist, sondern gleich. Das Stillen müssen wir beide noch lernen, und es geht ja auch mit jedem Tag ein bisschen besser. Aber noch reicht es einfach nicht, damit er sich wohl fühlt in seiner Haut. Und wohlfühlen soll er sich.

Dienstag, 30. Juli 2013

Kalle und das Trinken.

Das Tolle an Kalle ist ja, dass sein Kopf so unfassbar weich ist. Und seine Nase so glänzend und klein und kompakt und orange. Und dann, dass er so lange Finger hat, mit denen er schon richtig, richtig fest zupacken kann. Und die kleinen Geräusche, die er macht: das kleine Atmen, das kleine Niesen, das kleine Schnaufen, das kleine Schmatzen und das kleine Hecheln, wenn er gerade wieder sein kleines Headbanging auf der Suche nach etwas zu Essen macht. Und sein Geruch, der ist natürlich auch toll, so warm und süß und frisch wie ein gerade gebackener Kuchen, nur noch besser. Und die knallroten Schrumpelfüße. Und wenn er eine Flunsch zieht, dann hat er mich. Ich habe ja leider schon immer eine Schwäche für Männer, die genervt gucken, und da kann er ganz vorne in der ersten Liga mitspielen, mit solchen Größen wie Jimmy Stewart oder Daniel Craig.

Das mit dem Trinken war erst mal nicht ganz so toll.

Phase 1: dauerte ungefähr bis Montag. Aus mir kamen täglich bei allen Bemühungen samt Pumpen, Pumpen mit Baby im Blick, Pumpen mit Ausstreichen etc. und extrem, extrem häufigem Anlegen vielleicht zehn bis zwölf klebrige gelbe Tropfen. Die Hebammen sagten, das wäre normal und würde Kalle reichen so kurz nach der Geburt. Ich war da skeptisch. Draußen herrschten ca. 30 Grad, Kalle nahm fürchterlich viel ab, und sein Blut wurde irgendwann so dick, dass sie ihn bis zu drei mal pieksen mussten für einen simplen Bluttest wegen der Gelbsucht, und dann hatten sie immer noch kein vernünftiges Messergebnis. Trotzdem sagten die Hebammen auf der Station, ich sollte lieber nicht zufüttern.

Phase 2: Die Kinderärztin hatte ein Einsehen, und ich durfte Primergen zufüttern, eine Milch für ganz, ganz neugeborene Babys. Allerdings laut Hebamme nur mit einer Spritze, damit Kalle das Trinken an der Brust nicht verlernt. Primergen fand er toll, die Spritze nicht so. Außerdem dauerte jeder Trinkzyklus jetzt fast zwei Stunden und ging damit in dem Moment zu Ende, in dem der nächste eigentlich beginnen sollte: Stillen. Dann Wickeln. Dann Primergen füttern. Donnern aus der Windelregion, noch mal Wickeln. Abpumpen. Und wieder von vorne. Inzwischen war ich bei ca. 20 klebrigen Tropfen pro Tag angekommen.

Phase 3: Auf der Neugeborenenstation kam er nicht nur in eine Lichtkiste gegen die Gelbsucht, sondern bekam auch eine Infusion gegen das dicke Blut. Mir ging es zwar durch und durch, ihn an diesen Kabeln zu sehen, aber am Ende überwog die Erleichterung, dass ihm geholfen wird und dass das hier nur für einen Tag ist und es ihm danach besser geht. Außerdem erlaubten mir die Hebammen, ihn mit dem Sauger zu füttern: "Wieso, andere Kinder kriegen doch auch Schnuller und werden trotzdem gestillt? Wo ist das Problem?" Und siehe da, er trank wie ein Russe, inzwischen auch normale HA-Pre-Milch, nuckelte zwischendurch beim Stillen kräftig drauflos, die Milch wurde langsam mehr, und ein tiefer Friede kam über mich.

Zuhause machen wir das jetzt so: ich stille ihn, wenn er Hunger hat. Er trinkt auf beiden Seiten ganz ordentlich. Wenn er dabei nachlässt und sich auch nicht ermuntern lässt, neu loszulegen, dann gebe ich ihm die Milch, die ich nach dem letzten Stillen abgepumpt habe. Und hat er dann immer noch Hunger, dann bekommt er noch ein Fläschchen, das ich zubereite, während ich das ganze Pumpengerümpel spüle. Das kommt allerdings nicht oft vor, normalerweise reicht ihm eins mitten am Tag, eins abends so um halb elf und eins nachts um vier.

Es ist nicht zu fassen. Ich stille. Und zwar mein eigenes, selbstgemachtes Baby. Das mit dem weichen Kopf und den feinen, kleinen Geräuschen.