Posts mit dem Label Ganz ruhig werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ganz ruhig werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 1. Februar 2014

Januar ist eine gute Zeit für Neustarts, finde ich.

In einer blauen Stofftasche mit Apothekenlogo oben auf der Wäschetruhe liegen einige große weiße Schachteln. Darin mit Menogon gefüllte Ampullen, aufwendiger verpackt als Toffifee und deutlich teurer. Ich war auf dem Stuhl, der linke Eierstock sieht gut aus, der rechte hatte sich hinter der Endometriose versteckt, die Myome scheinen auch für meine Verhältnisse friedlich, und am dritten Zyklustag beginnt die nächste Runde. Jetzt ehrlich! Ganz bestimmt! Ich bin ein bisschen aufgeregt. Die Erwartungskirmes funktioniert auch wie in den Zeiten vor dem Don. "Eigentlich wäre das unverschämt, wenn wir jetzt noch mal ein Kind bekommen." "Und genau darum wird es klappen." "Ich wär mir da nicht so sicher, man wird nicht jünger... und die Endometriose zwickt auch wieder..." "Und genau DESHALB. Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwoher ein Fünfmonatsbauch her." "Das, meine Liebe, ist pillepalle, wie viel zu viele von uns erfahren mussten." "Also schön. Ihr bekommt kein Kind mehr. Dann wüsste ich aber gerne, was diese unattraktive 800-Euro-Tasche an deinem Arm macht." "Jaaaa... ich muss es eben wenigstens versuchen!" "Quatsch. Du gehst fest davon aus, dass das klappt." "Tu ich nicht! Allein schon deshalb, weil es dann garantiert nicht klappen würde!" "Weil du darauf hoffst, dass dieser sagenhafte Entspannungszauber jetzt auch bei euch wirkt. Der mit den Adoptivkindern oder den plötzlich doch auf natürlichem Weg Schwangeren, von denen es angeblich nur so wimmelt. Und an die Du angeblich nie geglaubt hast." "Hab ich auch nie! Wir hätten einfach gerne noch ein Kind, verdammte Axt! Auch, wenn die Chancen relativ beschissen stehen!" "Hm-hm." "Was guckst Du so? Guck nicht so!" Man braucht keine ernsthaft gespaltene Persönlichkeit, um so richtig wirr im Kopf zu werden. Man braucht auch keine Hormone. Allein die Anwesenheit von Hormonen im gleichen Haushalt kann schon vollkommen reichen.

Und dann das 5:2-Projekt! Ha!

Ihr reibt euch sicher schon die Hände? In Vorfreude auf die unvermeidliche Bauchlandung?

Reibt nur weiter. Denn nach Tag 1 kann ich sagen, ich glaube, das wird was.

Montag wollte ich ja eigentlich anfangen. Montag war ich aber dick erkältet, und da hatte mein massiger Körper genug mit anderen Dingen zu tun. Dienstag war auch nicht besser. Mittwoch treffen einige Damen und ich uns immer, um erst den Bachelor und dann, so lange das noch geht, das Dschungelcamp zu gucken, dazu gibt es Chips und Alkohol, also Mittwoch auch nicht. (Das ist ja eine der Stärken dieser Diät, dass sie so flexibel ist!) Donnerstag hatte ich den Kühlschrank noch voller Sachen, die weg mussten. Aber gestern, Freitag, habe ich meinen ersten Fastentag geplant, durchgezogen und überlebt. Auch L. hat ihn ohne blaues Auge überstanden. Wobei ich sagen muss, dieses Fasten ist eigentlich kein echtes Fasten. 500 Kalorien waren nämlich erlaubt, zu verteilen so, wie es mir beliebt. Es gab kein FX-Passage-Salz am frühen grauen Morgen, entsprechend keine brutale Darmentleerung. Es gab keine Schwächeanfälle, keine Kopfschmerzen, kein Zittern und keine Probleme, immer noch mit Essen umzugehen. Ich hatte meine 500 Kalorien so verteilt:
Frühstück: 100 Gramm Hüttenkäse (den ich sonst nicht mit der Kneifzange anfasse, aber ich dachte, der bringt mich in diesen Diät-Mood, der auch wichtig ist - macht also gleich morgens ein für allemal klar, dass heute anders ist als sonst) und ein Apfel. Mittags: anderthalb Möhren, in Stifte geschnitten (damit es nach mehr aussieht und sich anfühlt, als würde ich für mich kochen), gedippt in ein bisschen Sojasauce mit zwei Tröpfchen Sesamöl. Abends: 100 Gramm geräucherte Putenbrust, dazu zwei Chicoree trocken in der Pfanne gebraten und dann mit Chili und Zitronensaft geschmurgelt. Dazu scharfen Senf. Zwischendurch ganz viel Kräutertee, Ingwertee und Wasser. Und das ging gut! Ich habe nicht die Tapete von den Wänden gefressen, ich habe im Gegenteil gestern im Lauf des Tages das Essen fürs Wochenende geplant und dafür einen Schweinekrustenbraten nach Nigellas Methode mariniert. Ich habe den Lauch gekocht, den es dazu geben soll. Und ich habe einen Zitronenkuchen gebacken. Alles ohne abgekaute Nägel. Ich war auch nicht zu schwach, um den Don zu tragen, mir war nicht schlecht, ich war nicht aggressiv, sondern habe L. sogar vom Einkaufen mehrere Sorten Schokolade mitgebracht und neidlos überreicht (sogar ein bisschen hämisch, wenn ich ehrlich bin. L. macht sich einen Riesenspaß draus, mich zu piesacken und zu sabotieren, wann immer ich irgend eine Art von Diät anpacke. Und nach ca. zwanzig sarkastischen und bösartigen Bemerkungen darf ich mir wohl auch mal denken "Süßer, Schnuppi, iss du nur deine Schokolade, und wir sehen ja dann am Stichtag, wer die Wette gewonnen hat."), ich habe nicht an dem ganzen Projekt gezweifelt und versucht, mich selbst vom Weg abzubringen mit Plänen wie "Und wenn ich einfach jeden Tag auf den X-Trainer gehe?". Ich wusste nämlich die ganze Zeit: morgen darf ich wieder normal essen. Und das war gut zu schaffen. Zwischendurch hatte ich sogar ab und zu das GUTE Fastengefühl: die Klarheit im Kopf, mehr Energie und das Selbstvertrauen, das daraus kommt, wenn man erlebt, dass man eigentlich ziemlich wenig unbedingt haben muss. Wenigstens für eine Weile. Entweder Montag oder Dienstag mache ich den zweiten Tag. Und das Fressplanmaschinchen rattert. Kennt ihr Shirataki-Nudeln? Shitaraki-Nudeln? Oder wie auch immer? Die hatte ich neulich schon mal. Die sehen aus wie Glasnudeln, haben eine etwas ulkige Konsistenz, sind aus einer Pflanze und haben praktisch keine Kalorien, weder Fett noch Kohlenhydrate, fühlen sich aber einfach an wie eine neue Sorte Asia-Nudeln. Montag (oder Dienstag) nehme ich ein Pöttchen Hüttenkäse und einen Apfel mit ins Büro und außerdem eine Tupperbox mit einem kalten Salat aus gebratenem Pak Choi, Garnelen, Chili, Limette und Shirataki/Shitaraki-Nudeln. Klingt eigentlich ziemlich lecker, bis auf den Hüttenkäse.

Es hat sogar so gut geklappt, dass ich sogar jetzt, wo ich wieder dürfte und die Küche aus allen Nähten platzt vor Lieblingsessen, noch nichts gegessen habe. Ich bin um acht aufgewacht und hatte Lust auf schwarzen Tee und meinen Rechner ohne den Don im Hintergrund. Also habe ich den schlafenden L. und den schlafenden Don mucksmäuschenstill zurückgelassen und bin auf Socken ins Wohnzimmer gehuscht. Neben mir steht eine Tasse Tee. Kein Kuchen, kein getoastetes Roggenbrot mit Rinderschinken, kein Ei, kein Stinkekäse, keine Orangenmarmelade auf gesalzener Butter. Ich könnte! Aber ich tu's nicht. Das will echt was heißen.

Natürlich muss dieses ganze Programm sich daran messen, ob ich auf die Art abnehme oder nicht. Wenn nicht, dann war es das natürlich. Sobald eine befruchtete Eizelle in meinem Bauch ist, natürlich auch. Aber bis dahin finde ich das zumindest im Moment noch ganz spannend. Und es stimmt: schon nach einem Tag fasten bekommt Essen einen neuen Glanz. Ich war ein bisschen in die Phantasielosigkeit und Routine abgerutscht. Gestern habe ich zum ersten Mal wieder Kochbücher gewälzt, sabbernd über einzelnen Seiten gebrütet und Pläne geschmiedet.

Freitag, 16. Juli 2010

Ich rege mich dann lieber später auf.

Da ist er wieder mal: Jens Jessen macht sich Sorgen, wir wären nicht demütig genug. Es ist nämlich so: im Grunde möchten wir mit unseren künstlichen Befruchtungen blonde, schlaue Superkinder züchten.

Neinnein, ganz so hat der das nicht geschrieben. Aber seitdem ich gestern so gegen 17 Uhr wütend die Zeit in die Ecke gepfeffert habe, hat sich die Wut noch nicht wieder ausreichend gelegt. Im Moment rege ich mich noch viel zu unkontrolliert auf, um das schriftlich zu tun. Später also. Vielleicht bin ich morgen ja weniger wütend.

Donnerstag, 1. April 2010

Ich leg mich mal kurz auf die Couch.

Zwei Tage danach habe ich Pläne. Ich habe Emails geschrieben an Personal-Agenturen, ich freu mich auf zwei Urlaube (eigentlich sogar drei), ich habe ein Osterwochenende in der Heide vor der Nase, der Hund kriegt eine neue Frisur, und heute muss ich unbedingt noch eine kleine feine Seite fertig machen. Gestern kam außerdem ein Anruf, und wenn alles gut geht, dann hab ich ab demnächst wieder einen Monat lang gut (und gut bezahlt) zu tun. Und dann ist da ja auch noch das Geheimprojekt.

Es ist fast, als hätte es das nicht gegeben: die Spaziergänge mit Hand auf dem Bauch durch den Garten, bei denen ich dem Würmchen gezeigt habe, wie das da draußen so ist im Frühling. Die kleine, klammheimliche Vorfreude, die manchmal eben doch kam. All das, was ich mir in meinem Fusselhirn so ausgedacht habe. Nun bleiben wir doch erst mal nur zu zweit, und ich frage mich manchmal: müsste das nicht doller weh tun? Versteht mich nicht falsch, ich bin in keiner Weise verrückt nach Schmerzen. Aber was ist denn los mit mir?

Ein paar Gründe hätte ich schon. Zum Beispiel den, dass ich mir wirklich vor dem Test Sorgen gemacht habe, wie das bloß werden soll mit einem neuen Job, und den brauche ich wirklich dringend, sonst drehe ich noch durch. Oder den, dass uns demnächst ein Umzug ins Haus steht, und nach dem Umzug fängt der Stress erst an, denn die Kapitänshütte ist in einem ziemlich grauenvollen Zustand, und das heißt: es wäre besser, wenn ich in den nächsten Monaten nicht so viel Zeit mit hochgelegten Füßen und einem Tässchen Fenchel-Anis-Kümmeltee verbringen muss, sondern Löcher Bohren, Kisten schleppen, Türen streichen und Dielen schleifen kann. Dann ist da noch der dicke Grund, dass ich schon dran gewöhnt bin, dass es nicht klappt. Jedenfalls noch nicht. Das sind alles gute Gründe, und sehr vernünftige Gründe.

Aber... aber... aber...

Nichts aber.

Ich habe beschlossen, dass der Kinderwunsch jetzt erst mal Pause hat bis zum Sommer. Bis dahin dürfen Jobwunsch, Umzugswunsch, Nestbauwunsch, Urlaubswunsch, Sportwunsch und Spaßwunsch ran. Und wenn der Sommer dann kommt, dann werde ich so dermaßen durchgesportelt, entspannt, entgiftet, gesund ernährt und glücklich sein, dass das nächste Würmchen gar nicht anders kann als bleiben.

Montag, 4. Januar 2010

Ein ernüchternder Abend

Manche Menschen zucken innerlich zusammen, wenn sie von jemandem lesen, der für sie immer ein Vorbild war, und erfahren, dass er seinen ersten Film, seine erste Platte oder seinen Debutroman zustandegebracht hat, als er zehn Jahre jünger war als sie. Sie freuen sich natürlich auch, wenn ihnen jemand über den Weg läuft, der viel älter ist als sie und groß rausgekommen ist. Seht euch XY an, da war sie nun achthundert Jahre lang Hausfrau und hat nichts anderes getan als Kinder großzuziehen, der Depp vom Dienst für ihre ganze versoffene und stinkende Familie, dann lässt ihr Mann sie sitzen, und zehn Jahre später... seht sie euch an!

Bei mir hat dieses Gefühl nicht so sehr mit dem Alter zu tun, sondern mit der fixen Idee, dass das hier für mich weniger schlimm wäre, wenn ich von genug Frauen höre, die wirklich klug, lustig und rundum gut sind und die keine Kinder haben und scheinbar auch nicht besonders darunter leiden. Und weil diese fixe Idee Mutter des Gedankens zu sein scheint, habe ich in letzter Zeit scheinbar öfter wie selbstverständlich angenommen, dass solche Frauen (also die klugen, lustigen und rundum guten) im Zweifel keine Kinder haben.

Gerade komme ich von meinem ersten Arbeitstag in diesem Jahr nach Hause, und L. sitzt vor dem Fernseher und sieht sich im Zuge seines großen Frühjahrsausmistens eine alte Ladykracher-DVD im Schnelldurchlauf an, um zu entscheiden, ob sie rausfliegt oder bleibt. Und ich frage mich laut, ob Anke Engelke eigentlich einen Freund hat, und L., der feine Herr, der zwar immer nur FAZ und Handelsblatt liest, aber sich trotzdem viel besser im Leben von Prominenten auskennt, weiß natürlich Bescheid und sagt, ja klar, mit dem hat sie doch die Kinder.
Wieder eine weg.

Muss ich davon ausgehen, dass ich eine missgünstige und sehr grobschlächtig denkende Person bin, wenn ich scheinbar unbewusst meine Welt mittlerweile in blöde Muttis und tolle Nicht-Muttis einteile? Geht das wieder weg, wenn ich mich konzentriere und dagegen angehe? Was fällt mir eigentlich ein?
Ach, man kann scheinbar doch machen, was man will, irgendwann kriegt es einen klein. Was aber nicht heißen muss, dass ich aufhöre zu zappeln.

Wie fusselhirnig kann man sein, und das ohne einen Tropfen Alkohol?

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Ferien vom Kinderwunsch

Vor zwei jahren stand mein fünfzehnjähriges Abitreffen an, aber ich habe geschwänzt. Nicht nur, weil ich dafür das halbe Land per Bahn hätte durchqueren müssen. Auch nicht nur, weil ich schon wusste, dass die paar alten Freunde, die ich gerne wiedergesehen hätte, nicht da sein würden. Und auch nicht nur, weil ich was anderes vorhatte oder weil das Treffen beim schlechtesten Griechen der Welt stattfinden sollte. Nein, der Hauptgrund war: mir hatte schon das zehnjährige Abitreffen ziemlich gereicht. Denn damals war ich an einem Tisch gelandet, an dem nur Frauen saßen, mit denen ich schon zu Schulzeiten überhaupt nichts zu tun gehabt hatte, und die über nichts anderes gesprochen haben als über Kinder. Kleine Kinder, frisch geborene Kinder, geplante Kinder, Kinder im dicken Bauch. Hätte mich nach zwei Stunden jemand von diesem Tisch weggeholt und mich gefragt, welche dieser Frauen welchen Beruf hat, ich wäre echt ahnungslos gewesen. Ich hätte auch nichts dazu sagen können, ob sie glücklich sind, wie es ihren Eltern geht, ob sie vorhaben, irgendwann noch mal woanders zu leben als immer nur hier und wohin ihr nächste Urlaub geht. Ich hätte eigenartigerweise bei vielen auch nicht sagen können, wie die Kinder heißen, obwohl doch von nichts anderem als von den Kindern die Rede war. Purzelchen? Kleini? Zwerg? Es gab auch ein Zwillingspärchen ("aber nicht, dass ihr jetzt denkt, wir hätten da nachgeholfen", wie die Mutter eifrig versicherte) das von Mama immer nur "die Kids" genannt wurde. Irgendwann fiel dann doch auf, dass ich noch gar nichts über Kleini und Purzelchen erzählt hatte. Zum Glück hatte ich eine Erklärung parat: leider gerade Single. Daraufhin hat mir eine Frau, die mich den ganzen Abend irrtümlich "Christina" genannt hat, den Zeigefinger in die Seite gerammt und gesagt "Dann sieh aber mal zu, Tick-Tack!". Fröhliches Gelächter am ganzen Tisch.
So war das Zehnjährige.

Zum Fünfzehnjährigen hatte das Internet endgültig auch bei uns im Dorf Einzug gehalten, und es gab diesmal eine Abitreffen-Vorbereitungs-Homepage komplett mit Forum. In diesem Forum stand neben jedem Post das Bild des Schreibers. Und ich lüge nicht, nein! Ich denke mir das nicht aus! Zwei Drittel der Frauen (ich habe es nachgezählt, ehrlich!) hatten statt einem eigenen Bild ein Bild ihres Babys da eingestellt. Lauter freundlich guckende, zahnlose rosa Rundschädel. Es war zum Gruseln. Beim letzten Mal hatte ich den Eindruck bekommen, dass diese Frauen hauptberuflich Kleini-Mutti waren, diesmal war es sogar so wie in diesen alten Science-Fiction-Filmen, in denen Menschen durch Doppelgänger aus dem All ersetzt werden, und zuerst merkt es kaum jemand, und dann - huaaah! Die Frauen waren verschwunden, heimlich gegen ihre Kinder ausgetauscht.
Jedenfalls war ich dann eben nicht auf dem Treffen und auch nie wieder auf der Homepage. Ich hatte aus irgendwelchen Gründen schlagartig das Interesse verloren. Falls jemand aus meinem Abijahrgang mal zufällig über diese Seite stolpert und sich fragt, was aus "Christina" geworden ist: es geht mir gut! Macht Euch keine Sorgen! Bis zum dreißigjährigen Abitreffen sind die Kinder ja dann aus dem Haus, vielleicht schnuppere ich dann mal wieder rein.

Jedenfalls musste ich gestern daran denken, weil ich gerade wieder mal ganz nah an meiner Heimatstadt bin. Und weil ich mich in den letzten Wochen auch extrem viel mit Kindern und den Gründen, warum sie kommen oder nicht, beschäftigt habe. Ich war plötzlich mein eigenes Schreckgespenst: ich war hauptberuflich unfruchtbar! Jede freie Minute habe ich entweder mit einem Unfruchtbarkeitsbuch, dem Blog oder dem geheimen Superprojekt zugebracht, das natürlich auch etwas mit diesem ganzen Schlamassel zu tun hat. Nicht, dass es mir keinen Spaß gemacht hätte. Das war sogar alles ziemlich aufregend, und das geheime Superprojekt ist gestern gerade in die nächste Phase gegangen und schlägt sich bisher sehr gut. Aber kann es deshalb angehen, dass L. in der Wohnung im Moment auf Schritt und Tritt über Bücher mit dicken Bäuchen un dkleinen Kindern auf dem Titel stolpert? Oder dass ich mich dabei erwische, wie ich auch schon ständig diese Abkürzungen verwende? Samstag breche ich mit einem alten Freund in den Urlaub auf, wir wandern ein paar Tage durch den bunten Wald und sitzen Abends glücklich und müde vor unseren Schnitzeltellern. Wie sich jetzt erst herausstellt, schlafen wir in einer Blockhütte mitten im Wald am Ende eines nicht asphaltierten Weges. Noch wissen wir nicht, ob wir da Handtücher und Bettwäsche mit hinbringen müssen, aber ich glaube, die Chancen auf WLAN sind in dieser Hütte eher gering. Von Samstag bis Donnerstag mache ich also Ferien vom Blog, vom Kinderwunsch und überhaupt. Ich habe auch keins der Würmchenbücher im Gepäck. Der Blog wird mir fehlen, und für das Superprojekt kann ich gerade sowieso nichts anderes tun als warten. Aber ich hoffe, dass diese paar Tage in der Herbstsonne das ganze Thema wieder ein bisschen auf normale Größe zurechtstutzen. Bevor es mir eines Tages passiert, dass ich in einem Forum mitschreibe und statt meines Bildes ein mehrere Monate alter Ultraschall erscheint.

Ach ja, und wo ich gerade beim alten Ultraschallbild bin: meine Hormonküche hat es nun endlich verstanden, meine Werte sind bei Null.

Dienstag, 15. September 2009

Oooooommmmmm.

Eins kann ich euch sagen: wer den ganzen Tag zuhause sitzt und auf einen neuen Job hofft, wird grantig und reizbar wie ein Vorstadtrentner. Die haben auch oft nichts Besseres zu tun, als sich aufzuregen, und so geht's mir auch. Gestern haben Apple und die TAZ ihr Fett weggekriegt, das mir fast eine Ader geplatzt wäre; mal gucken, wer mir als nächstes vor die Flinte kommt.

Eigentlich sehe ich mich nicht unbedingt als ewiges Sonnenscheinchen. Aber als Rumpelstielzchen ja nun auch nicht. Das ist bestimmt nicht gesund! Und darum versuche ich jetzt, mich mal wieder zu beruhigen.

Ansonsten die Meldungen des Tages:
Zigaretten: nein, aber ich fürchte, das wird sich bald ändern

Blut: morgens ja, sonst nein, bin ich gespannt, was der Arztbesuch übermorgen bringt - übrigens habe ich nun am gleichen Morgen auch einen Termin in der Klinik, den ersten nach der Fehlgeburt

Wirres Verhalten: hab mich per Kommentar vermutlich mitten unter die Trolle gestürzt, und das, obwohl es von negativen anderen Kommentaren sowieso schon nur so wimmelte, das hätte ich also gar nicht tun müssen - noch steht der Kommentar da nicht, aber er wird, und ab dann halte ich mich da besser fern. Außerdem bin ich eine Sekunde zu früh auf den Absenden-Knopf gekommen und befürchte, nun ist ein Vertipper da drin. Und über so einen Mist kann ich mich dann den ganzen Tag grämen. Manchen ist es vermutlich inzwischen ein Rätsel, wie ich überhaupt den Alltag bewältige, so wie ich mich an Kleinigkeiten aufreiben kann. Ich weiß es selbst doch auch nicht. Wir werden sehen.

Prokrastination mangels Job und Schwangerschaft: Gestern Abend acht Liter Hühnerfrikassee hergestellt und tiefgefroren. Die ganze Küche ist nun mit einem gleichmäßigen Film aus Weißwein, Bechamel und Hühnerfett überzogen. Unter den Sohlen meiner Socken von gestern kleben drei abgeschnittene Champignon-Enden. Öffne ich die Fächer des Gefrierschranks, gucke ich auf einen einzigen beigefarbenen Block aus knallharten Hühnerfrikasseetüten, die sich vermutlich für immer ineinander verkeilt haben. Den Blog rechne ich übrigens nicht als Prokrastination. Sollte ich?

Samstag, 12. September 2009

Die unsichtbaren Nicht-Kinder von Hamburg

Blöd ist, dass man Kinder nur dann sehen kann, wenn sie auch geboren wurden. Keine Kinder sieht man nicht. Nur durch dieses eiserne Naturgesetz kann ich mir erklären, warum es diese Tage gibt, an denen man sich wirklich so vorkommt, als würden alle Kinder haben. Alle, nur ich nicht. Ich hab das nicht oft und hoffe auch, das wird nicht mehr. Dann versuche ich, mir immer wieder vorzubeten: das liegt nur daran, dass man Kinder so sehr hört. Und sieht. Sie können gar nicht anders, sie drängen sich in den Vordergrund der Wahrnehmung, und dann muss es uns ja so vorkommen, als wären sie überall. Weil sie manchmal so schrecklich laut sind. Oder in riesigen, bunten Wagen durch die Welt geschoben werden, vor denen man dauernd Platz machen muss. Oder weil sie selbst so bunt angezogen sind, mit bunten, lustigen Mützen. Oder weil du eben leider, auch wenn du dir das noch so doll vorgenommen hast, ein bisschen mehr auf sie achtest als sonst, auch wenn man zum Glück noch nicht von einer Kinderphobie sprechen kann. (Ich hatte mal einen Kollegen, der hatte eine Marienkäferphobie. Der Ärmste muss einen grauenvollen Sommer hinter sich haben.) Aber dein IVF-zermürbtes Gehirn markert gerade jedes Kleinkind mit Neonmarker an. Dagegen kannst du wenig tun. Aber so lange du dir das immer und immer wieder vorbetest, dass es dafür eine vernünftige Erklärung gibt, so lange ist alles gut.

Das wirklich Schwierige an der Wahrnehmung ist aber, dass man die Kinder, die Leute nicht haben, auch nicht sehen kann. Und natürlich nicht hören. Und Kinder, die man nicht wahrnimmt, sind viel unauffälliger als Kinder, die man wahrnimmt. Wenn also von 20 Frauen, die auf einer Wiese im Park sitzen, zehn ein Kind haben, dann drängen sich diese zehn Mütter für deine Augen und Ohren viel stärker in den Vordergrund als die zehn, die keins haben. Zehn Kinder, da scheint der Park plötzlich nur noch aus Kinderquieken und dicken Ärmchen und Beinchen und Spielzeug und Kinderkarren zu bestehen. Und die zehn Frauen ohne Kind, die sitzen ganz unauffällig und leise dazwischen, lesen ein Buch, telefonieren oder nippen am Wein. Gegen die zehn Muttis scheinen sie fast unsichtbar zu werden. Und du mit deiner großen Sehnsucht im Kopp sitzt dazwischen und denkst: alle. Nur ich nicht. Dabei trinkt die eine vielleicht ihren Wein, weil sie gestern einen negativen Test bekommen hat. Schon wieder. Und die nächste liest nicht irgend ein Buch, sondern ein Buch über alternative Therapien bei Kinderlosigkeit. (Und wo wir schon dabei sind: wenn du sie fragen könntest, würden dir die glücklichen Mütter vielleicht erzählen können, dass sie drei Jahre IVF hinter sich haben. Oder IVF und eine Scheidung. Oder vier Jahre Kräuterhexe, bis es ENDLICH so weit war.)

Hasen, ich bin so froh, dass es euch gibt und dass ihr auch an Tagen dranbleibt wie den letzten, wo ich wirklich kaum weiß, wie es mir geht, und wo ich vor lauter Selbstanfeuerung und Motivationstrainings-Getue plötzlich zum überfröhlichen Plappermäulchen werde. Denn das darf man nicht vergessen, dieser Blog hier erfüllt vor allem die Aufgabe, für mich die Zeit auf dem lange, langen Weg (von dem wir von Anfang an wussten, dass er lang und schwierig wird, aber irgendwie gehofft hatten, jaja, wir wissen das und machen uns das klar, und dann gibt es doch eine Abkürzung und Schwupp, Kinderglück!) zu strukturieren und mir selbst immer wieder Mut zu machen. Und bei all diesem Mut-Machen und Nicht-Unterkriegen-Lassen schieße ich manchmal ein bisschen übers Ziel hinaus. Aber es scheint fast so, als würdet ihr sogar das verstehen. Denn euch geht es ähnlich wie mir. Und ihr führt mir jeden Tag wieder vor Augen, dass ich eben nicht die einzige bin. Bei weitem nicht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Damit zur täglichen Statistik:
Zigaretten: Null, nicht einen Zug, aber ich hab das dumpfe Gefühl, dabei wird es nicht lange bleiben

Blut: sehr wenig, aber immer noch zu viel. Verdammich. Ich hatte wirklich das Gefühl, Sport ist jetzt gut für mich und wichtig. Und jetzt sieht es schon wieder so aus, als würde mich mein blöder Bauch am Sofa festnageln. Es ist ein sehr durchschaubarer Plan des Bauches: Natürlich will der Bauch mehr Territorium in der Welt. Wie wir alle. Und damit er wachsen kann, will er Sport verhindern. Damit er größer und dicker und mächtiger wird und irgendwann die totale Kontrolle über meine Arme, Beine und den Kopf gewinnt. Aber ich werde nicht danebensitzen und tatenlos zusehen.

MWV (Mustergültiges Warteschleifen Verhalten): ein großes Glas Wein, ein dickes Stück stinkiger Taleggio aus Rohmilch

Donnerstag, 30. Juli 2009

Würmchen, es tut mir leid, aber deine Mutter hat einen Knall

In Harry & Sally gibt es eine Stelle, an der Sally denkt, sie wäre doch eigentlich unkompliziert, und Harry sagt, „Du denkst, du bist unkompliziert, aber du bist kompliziert. Das sind die Schlimmsten.“

Hier irrt sich Harry. Die Schlimmsten sind die, die kompliziert sind, das auch im Grunde genau wissen und trotzdem ums Verrecken für unkompliziert gehalten werden wollen. Es ist, als würde Sally sich einen Apfelkuchen bestellen, „einfach ein Stück Apfelkuchen, egal“, und wäre dann todtraurig, dass die Eiskugel obendrauf ist und nicht daneben.

Ich bin so eine. Ich bin die, die nie den Geschäftsführer sprechen will, sondern einfach nie wieder kommt, und zwar wegen einer Sache, die anderen völlig egal wäre, und die trotzdem beim nächsten Mal wieder so tut, als wäre sie der unkomplizierteste Gast im Lokal. Meine Spaghetti Vongole müssen immer ohne Tomaten sein, aber mit Wermut, mein Steak immer blutig, meine Fritten immer genau SO und NICHT ANDERS, mein Bier immer in einem Glas ohne Goldrand und mein Tee immer mit kochendem Wasser gemacht, und auf gar keinen Fall will ich eine Tasse mit heißem Wasser bekommen und einen Teebeutel daneben. Aber brauche ich deshalb zwei Minuten, um eine Tasse Tee zu bestellen? Nein, ich bestelle einfach Tee, denn ich bin ja die unkomplizierte Flora, und hinterher mag ich ihn nicht, und wenn es ganz blöd läuft, auch das Lokal nicht mehr.

Beispiel Nr.1: L.s Mutter kümmert sich mit ein paar Frauen aus dem Dorf darum, die Dorfkirche für die Hochzeit zu schmücken. Sie hat mich gefragt, was für Blumen ich mag, und ich sage voller Überzeugung: „Ich mag eigentlich alle Blumen!“ Zwei Wochen später erzählt sie, sie hätten sich überlegt, vor allem Sonnenblumen zu nehmen, denn die sehen so freundlich und sommerlich und ländlich aus. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Sonnenblumen sind so ziemlich die einzigen Blumen, die ich überhaupt nicht mag. (Denke ich jetzt. Bis jemand mit Usambaraveilchen, Gerbera, Calla, Chrysanthemen oder diesen roten Dingern mit dem Schilfrohr in der Mitte ankommt.) Aber wie sage ich das, ohne dass es falsch ankommt und ohne dass ich undankbar oder sogar (keuch!) zickig und kompliziert wirke? (Wer jetzt denkt „Was ist das denn für ein Quatschproblem“, hat vollkommen Recht.)

Beispiel Nr.2: Ich gehe zum Friseur, und als er mich fragt, wie ich es gerne hätte, sage ich, er sollte einfach mal machen, ich vertraue ihm. Das Ergebnis ist, dass er mich innerlich zum lässigsten Kunden des Tages krönt und ich mich hinterher in den Schlaf weine und die nächsten zwei Wochen damit verbringe, zu versuchen, durch pure Konzentration meine Haare dazu zu kriegen, doppelt so schnell zu wachsen.

Beispiel Nr.3: Ich arbeite mit Hochdruck daran, dass mich meine Freunde, meine Familie und L. für eine unkomplizierte, lockere Schwangere halten. Hey, ich bins, nur jetzt eben mit einem kleinen Würmchen im Bauch, seht ihr, ich bin so locker, ich nenne es noch nicht mal „Kind“ oder „Baby“, denn wer weiß, vielleicht geht ja noch alles schief, und wir wollen die Sache doch nicht zu hoch hängen? Und dann kommt L. nach Hause, hat sich Sushi aus Krebsfleisch (Krebsfleisch. Durchgekocht und damit vollkommen harmlos. Krebsfleisch steht auf der Liste der guten Lebensmittel, Krebsfleisch lebe hoch!) gekauft und will mir zauberhafterweise was abgeben, und ich kann nicht, weil ich Angst habe, dass es mit dem gleichen Messer und auf dem gleichen Brett geschnitten wurde wie das normale, gefährliche Sushi. Und obwohl ich es nicht anrühre, wache ich morgens schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe, ich hätte von dem Teller, auf dem das Sushi lag, etwas anderes gegessen, und ich kann mich kaum beruhigen. (Neulich habe ich geträumt, ich hätte geraucht. Ihr hättet dabei sein sollen.) Und nur zwei Minuten später verstehe ich die Welt nicht mehr, weil meine Mädchen Angst haben, mit mir in einem Ostseedorf außerhalb der Reichweite jedes noch so winzigen Krankenhauses das Wochenende zu verbringen. Vor ihrem inneren Auge spielen sich schreckliche Szenen ab, in denen ich mitten in der Nacht in einem Blutschwall erwache und wir nichts tun können, woraufhin der Geist meines verlorenen Kindes auf ewig um uns herumspukt. Das ist eine Angst, die einen ganz realen Hintergrund hat (ich blute immer noch und soll mich schonen), eine völlig vernünftige und erwachsene Sorge. Und ich denke für ein paar Minuten allen Ernstes: Wieso sind nicht alle so unkompliziert wie ich? Ey, Locker!

Freitag, 17. Juli 2009

Normal

Laute Kinder. Kinder, die sich mit drei die Nägel lackieren. Kinder mit Engelsflügeln auf dem Rücken. Kinder, die schon Fahrradfahren dürfen, obwohl sie es noch nicht können. Kinder, die im Bus sitzen, in ihrem Was-macht-der-Bauer-jetzt-Bilderbuch lesen und dabei die anderen, lauten Kindern so genervt mustern, als würden sie hier versuchen, die Börsenberichte zu studieren. Kinder mit Eis überall. Kinder mit Schuhen, die aussehen wie Mäuse. Kinder, die halb im Traum ein Michael Jackson-Lied auf Phantasie-Englisch singen. Kinder, die mit einem Hund unterwegs sind, der fast doppelt so groß ist wie sie. Kinder mit Zahnspangen und Apfeldöschen um den Hals. Kinder, die sich im Kindergarten ein Fernglas aus einem Stück Wolle und zwei alten Klorollen gebastelt haben. Kinder mit einem zugeklebten Brillenglas, Kinder mit Zöpfen, Kinder mit Gummistiefeln, Kinder, die anfangen zu heulen, weil der Hund da vorne graue Haare hat und bald stirbt. Wie meine wohl werden?

Gestern Mittagessen mit zwei alten Kollegen. („Alt“. Als wäre das alles drei Jahre her und nicht sieben Wochen.) Und ich wäre fast geplatzt, um es zu erzählen, vor allem, als irgendwann der Anruf aus der Klinik kam, dass die Blutprobe von gestern früh ganz toll war, die Hormone sich prächtig entwickeln und wir am Mittwoch früh den ersten Ultraschall machen können. Die zwei sind eigentlich mehr Freunde als Kollegen, einer kommt sogar zu meiner Hochzeit, und ich war kurz davor, den anderen auch einzuladen, wenn das nicht bedeutet hätte, dass ich auch noch den, den und die hätte einladen müssen... egal, führt zu weit. Ich würde es so gerne jedem erzählen. Inzwischen suche ich schon fast einen Vorwand, wie in „Haben Sie die Schuhe auch in schwarz? A propos SCHWArz, ich bin übrigens SCHWAnger.“ Der Ausnahmezustand in mir will sich unbedingt Bahn brechen nach außen.
Aber ich darf, darf, darf nicht! Ich musste die ganze Mittagspause durch die Zähne zusammenbeißen und fein die Klappe halten. Denn die Jobjungs sind die einzigen, denen ich es auf gar keinen Fall erzählen darf, Freundschaft hin oder her. Denn vielleicht geht alles noch schief, und mit meiner Selbständigkeit klappt es nicht so richtig, und ich will wieder in einen festen Job, und dann hat sich rumgesprochen, dass ich schwanger war – was bedeutet, ich könnte es wieder sein und vor allem wieder sein wollen. Nein nein nein. Und wenn es klappt, erfahren sie es alle sowieso, sobald ich den Bauch nicht mehr auf die vielen Cheeseburger schieben kann.
Jedenfalls saß ich da mit meinem Thai-Salat und hatte eine Menge zu bedenken, während die zwei von Präsentationen, Kunden, Hektik und noch viel mehr erzählt haben. Ich dachte einerseits „Ich will auch mal wieder, verdammt!“ aber andererseits weiß ich genau, dass mich vermutlich niemand jemals wieder richtig ran lassen wird. Zumindest in meinem alten Job. Aber niemals wird mir das irgend jemand genau so ins Gesicht sagen. Oder bin ich jetzt paranoid? Genau, bist du, würden sie sagen.
Tja. Und nun sitze ich hier und muss mir überlegen, wie das alles weiter gehen soll. Wie Millionen andere schwangere Frauen auch. Gut, oder? Wie ich es mir dachte. Auf einmal ist es völlig normal, schwanger zu sein.

Dienstag, 14. Juli 2009

Der Fluch der Bücher

Hattet Ihr eine Ahnung davon, wie viele Menschen schon etwas zum Thema „Schwangerschaft“ geschrieben und für andere zugänglich gemacht haben? Wenn es so viel Literatur zum Thema „Früherkennung von Fehlgriffen in der Liebe“ gäbe, wäre die Welt ein schönerer Ort. Erst war ich begeistert. Ich war schon immer das Mädchen, das mehrere Bücher gleichzeitig liest und das zeitweise keinen Nachttisch brauchte, weil es neben seinem Bett einen Festmeter angefangene Bücher liegen hatte. Und jetzt kann ich mehrere Schwangerschaftsbücher gleichzeitig lesen!

Das Dumme daran ist aber zum Einen, dass in diesen Büchern zum Teil völlig unterschiedliche Sachen stehen. Ich habe z.B. ein Buch aus dem GU-Verlag, auf dem vorne eine blonde Schwangere ist, die mit zwei niedlichen kleinen Schuhen auf ihrem eigenen Bauch herumtrippelt. In diesem Buch steht im Ernährungskapitel (hab ich als Erstes gelesen, Fresssack, der ich bin), dass Matjes 1a dazu geeignet ist, diesen oder jenen Nährstoff zu liefern. In meinem anderen Schwangerschaftsbuch (Titel: Frau steht mit extrem gelösten Gesichtsausdruck irgendwo, sieht aus wie Nordseestrand) steht, dass Matjes einer der Feinde ist, denn der ist so gut wie roh. Was jetzt? Dabei ist Matjes wirklich nur die Spitze des Eisbergs, die zwei sind sich auch nicht einig, wenn es um Sauna, Sport, nötige Schlafmenge, Termine für Untersuchungen und noch zig andere Sachen geht. Im Moment mache ich das so, dass ich mir immer die strengere Regel aussuche. Schließlich haben sich eine ganze Reihe von Leuten (unter anderem ich selbst) ziemlich abgeschuftet, um die Prilblümchen dahin zu bringen, wo sie jetzt sind.

Und das Dumme daran ist außerdem, dass die Bücher alle an der falschen Stelle plötzlich ganz vage werden. Ich bin leider so eine, die zu Verboten gerne weiß, wieso sie etwas lassen soll. Roher Fisch enthält häufig Bakterien, die mich zwar nicht umbringen, aber die Prilblümchen. Hitze tötet diese Bakterien ab. Das verstehe ich sofort und weiß dann, wieso ich keinen rohen Fisch soll. So eine Erklärung hätte ich gerne immer und kriege sie fast nie.

Das Dümmste daran ist aber für mich mit Abstand, dass ich ständig das, was da steht, mit dem vergleiche, was mir gerade passiert.
Brustveränderungen? Wo? Ständig schlafen müssen und können? Moi? Übelkeit? Was ist das? Leichte Schmierblutungen? Ich doch nicht! Usw., und ich weiß und sage mir täglich 80mal, dass das alles zwar vielleicht bei vielen Frauen auftritt, aber nicht bei allen, und dass es Frauen gibt, die bis zum vierten Monat oder sogar bis zum fünften (auch wenn ich das immer für Talkshow-Folklore gehalten habe) NICHTS merken, und dass die Abwesenheit von Symptomen nicht bedeutet, dass ich weniger schwanger bin als andere, aber es bleibt ein doofes Gefühl.

Und hier wird es komplett bekloppt: einerseits bin ich süchtig nach jedem Fitzelchen Information, vor allem nach denen, wo drin steht, was gerade mit der Wurst passiert. Ich bin kurz davor, amazon unter Kindersicherung zu stellen mit einem Code, den nur L. kennt. Andererseits wächst, je mehr davon ich bekomme, die Sehnsucht ins Unermessliche nach dem Buch, das Schluss macht mit anderen Büchern, dem Buch, das es wohl nie geben wird. Ein Buch, geschrieben vom größten Experten für das Leben als Schwangere und die Geburt, der als Autor gewählt wurde von einem Gremium weiser, gebildeter, erwachsener und lustiger Menschen (so eine Art UN-Versammlung der entspannten Genies), das wirklich die Wahrheit kennt und sie mir so erklärt, dass sie auch für mich zur Wahrheit wird. Darin Fotos von Avedon, Lartigue und Lord Snowdon. Wenn das Buch dann auch noch gut geschrieben ist, dann bin ich sehr, sehr glücklich. Und so lange wir auf dieses Buch warten, kann nicht das Literarische Quartett für eine einzige Sitzung auferstehen und die tollste und lässigste Frauenärztin der Welt als Gast dazubitten und Schwangerschaftsbücher besprechen?

Ich habe mich immer danach gesehnt, einen Kinokritiker zu finden, der genau meinen Geschmack hat, so dass ich es mir in Zukunft sparen kann, nach Wochen endlich mal wieder im Kino zu sitzen, mit den Zähnen zu knirschen und einen Film zu hassen, der mir empfohlen wurde. Irgendwann habe ich ihn gefunden, und mein Leben ist noch schöner geworden als ohne ihn schon. Kann sich nicht so jemand für Schwangerschaftsbücher finden?

Freitag, 10. Juli 2009

Vortrauer ist die dümmste Trauer

Die Mutter meines Vaters war der ängstlichste Mensch der Welt. Jede noch so harmlose Situation konnte in ihrem dicken, wirren Kopf sofort in eine Katastrophe umschlagen. Bei jedem Abschied brach sie in Tränen aus aus Angst vor Autounfällen. Ich weiß nicht, wie oft sie mir eingeschärft hat, ich dürfte nicht mit Fremden ins Auto steigen, auch wenn sie Schokolade hätten. Ist gut, Oma. Wenn es Hühnchen gab (und sie machte das beste Hühnchen der Welt), schaute sie mit angstgeweiteten Augen panisch um sich, weil sie Angst hatte, eins von uns Kindern würde den spitzen Knochen am Hähnchenschenkel verschlucken und daran ersticken. Sie kam sogar ins Schwitzen, wenn ich in ihrem Rührfix Sahne schlagen durfte, lief händeringend um mich herum und japste „Aber keine Butter machen! Keine Butter machen!“ Egal, wie gemütlich und nett man es gerade hatte, ihr Kopf war immer ausgerichtet auf die Katastrophe, die in der nahen Zukunft lauern könnte (und die nie kam. Weder die Butter, noch der Knochen, noch der Schokoladenmann, noch der Autounfall.)
Diese Oma vertrat die Theorie, im Winter dürfte man auch im Haus nicht zu warm angezogen sein, denn wenn man später nach draußen gehen würde, dann würde man draußen nach der Wärme drinnen noch mehr frieren und sich eine Lungenentzündung holen. Eine Lungenentzündung. Drunter tat sie es nicht.

Den dicken, wirren Kopf habe ich von ihr geerbt. Die Angst besser nicht.

Jeden Morgen wache ich auf, frage mich kurz, ob wohl gleich diese berühmte Morgenübelkeit einsetzt (bisher noch nicht), flitze aufs Klo, um zu gucken, ob ich immer noch nicht blute und die kleine Wurst verliere, und dann freue ich mich. Ungefähr fünf Minuten lang und so doll, dass es weh tut. Und dann setzt die Bremse ein. Besser nicht zu früh freuen, könnte ja noch alles Mögliche schief gehen, und dann?
Nun ist die Frage: wenn man die Gefahr bedenkt, nach Riesenfreude ganz, ganz tief zu fallen, wann ist diese Gefahr vorbei? Nach drei Monaten? Nach einer Fruchtwasseruntersuchung? Aber auch nach fünf Monaten kann noch was schiefgehen! Und wie! Also nach der Geburt, wenn das Kind gesund und niedlich und vor allem DA ist? Aber was ist mit plötzlichem Kindstod? Oder was mit schlimmen Kinderkrankheiten, Autounfällen, Schlittschuhfahren auf unsicherem Gewässer, Hühnerknochen, dem schwarzen Mann? Darf ich mich entspannen und freuen in dem Moment, in dem die Wurst 18 wird und aus dem Gröbsten raus ist? Wieso soll ich stundenlang schlotternd vor Kälte auf dem Sofa sitzen, um mich hinterher in den fünf Minuten an der Bushaltestelle nicht zu verkühlen?

So geht das nicht. So kann ich nicht leben, und ich glaube auch nicht, dass das funktioniert. Wenn ich das Baby verlieren sollte, bin ich traurig. Und vorher ängstlich gewesen zu sein oder mir die Vorfreude zu verkneifen, würde daran überhaupt nichts ändern. Bestimmt hilft es, wenn ich im schlimmsten Fall nicht kistenweise Babykram in den Keller räumen muss. Aber es hilft nicht, vorher wochenlang sorgenvoll aus dem Fenster in den Regen zu starren. Das kann ich hinterher immer noch. Zu einer Zeit, von der ich später denken werde (das weiß ich schon genau): da hättest du eigentlich zum Platzen glücklich sein müssen. Nach den ganzen Wochen und Monaten mit IVF, in denen du dich am Riemen gerissen hast, hast du jetzt etwas, von dem du manchmal schon geglaubt hast, dass es nie passiert.

So. Wo sind diese Wunderkerzen und Knallfrösche, die von Silvester noch übrig waren?

Freitag, 3. Juli 2009

Go, Prilblümchen, go!

Noch sind die zwei Prilblumen theoretisch drin. Aber: Heute ist der Tag. Morgen auch. Und überübermorgen, überüberübermorgen und erst recht überüberüberübermorgen.

Beim letzten IVF-Versuch war heute der Tag, an dem ich eigentlich wusste, es ist vorbei. Ich saß abends auf einer Geburtstagsparty, hatte gerade mein zweites alkoholfreies Weizen im Anschlag und unterhielt mich über die Vorzüge und Nachteile verschiedener Fluglinien (Gesprächsthema, bei dem man immer irre wichtig und weltbürgermäßig rüberkommen kann, wenn man nur weiß, wie – ich weiß es leider nicht), als ich merkte, da stimmt was nicht. In den nächsten 120 Minuten war ich ca. 10mal auf Toilette, um den Status meiner Vermehrungspläne zu überwachen, und das war nicht gerade leicht, denn ich musste mich jedes Mal durch eine Küche voller Leute mit vollen Tellern und vollen Gläsern in der Hand quetschen und jemanden wegscheuchen, der mit dem Rücken an die Klotür gelehnt dasaß (natürlich auch mit vollem Glas und vollem Teller in der Hand). Und irgendwann wurde aus einem leichten rosa Schleier ein dunkelrosa Schleier, und aus leichtem Zwicken wurden Krämpfe, und ich hatte immer weniger zum Thema „Lufthansa vs. Delta vs. Continental vs. Emirates“ zu sagen, und dann bin ich irgendwann nach Hause gegangen. Am nächsten Morgen war aus dunkelrosa knallneondunkelrot geworden. Und das war es dann.

Insofern ist also auch morgen früh eine wichtige Station. Wenn ich morgen früh außer Crinone keine Erlebnisse außer der Reihe untenrum habe, dann bin ich schon ein kleines Stück weiter. Das gleiche gilt für übermorgen und Montag. Und wenn ich Dienstag morgen aufwache und immer noch sauber bin, dann gehe ich schon etwas beschwingter zum Test. Bis dahin hat die Unfruchtbarkeit jede Stunde einen Matchball. Und ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe, dann zu bloggen, ob mich das beruhigt oder nur noch mehr aufregt, ob ich das, falls ja, will, dass ihr das hier mitkriegt, wie dermaßen unentspannt ich bin, ob ich euch damit auch alle ganz hibbelig mache und ob ich es deshalb besser lassen sollte...

Ohje. Besser die Finger von der Tastatur, es sei denn, ich bin wirklich einigermaßen ruhig.

Hier eine Liste der Möglichkeiten, was ich sonst treiben kann bis Dienstag (Listen wirken auf mich so WAHNSINNIG beruhigend):
Ich könnte mein altes Fahrrad anstreichen. Z.B. hellgrün. Oder grau. Oder taubenblau. Jedenfalls nicht rosa oder rot.
Ich könnte mich darum kümmern, meine alten Kladden nach Ideen durchzuforsten, die es lohnen, weiterverfolgt zu werden, und sie alle fein säuberlich in eine neue Kladde übertragen.
Ich könnte meinen Computer aufräumen, er würde sich freuen.
Ich könnte den Balkon neu bepflanzen (schon wieder hab ich eine tapfere Generation von Küchenkräutern auf dem Gewissen).
Ich könnte bügeln.
Ich könnte einen Spaziergang im alten Land machen, das hab ich noch nie, und man hört, dass man das ja so macht als Hamburger.
Ich könnte mir „Il Divo“ im Kino ansehen.
Ich könnte mir die Loriot-Ausstellung ansehen.
Ich könnte Himbeermarmelade kochen.
Ich könnte mir einen Hochzeitsspruch aus der Bibel aussuchen.
Ich könnte anfangen, die Playlist für die Hochzeit zusammenzusuchen.
Ich könnte ein paar Fotos für den Blog machen. Das wollte ich schon lange mal. (Und nein, mich oder L. werdet ihr darauf nicht zu sehen kriegen, so leid es mir tut)

Gut. Gut. Sehr schön.
Durchatmen für den Endspurt.

Nur einige der unzähligen Methoden, einer In Vitro-Patientin auf die Nerven zu gehen

1.Erzählt mir von Freunden, die unter den unwahrscheinlichsten Umständen schwanger geworden sind. (Nach 30 Jahren... im Urlaub... im Weltall... gerade, als sie dachten, das wird nichts mehr...) Ihr versteht einfach nicht, dass es unterschiedliche Ursachen für Unfruchtbarkeit gibt. Gegen manche hilft ein langer Urlaub, gegen andere ein großer Martini, und wieder gegen andere hilft sowas eben nicht. Ich weiß, ihr wollt mich aufmuntern, aber das tut ihr nicht, und was noch wichtiger ist: das müsst ihr auch nicht.
2.Habt „so ein Gefühl“, dass es diesmal klappt.
3.Habt Kinder und seid ätzend zu ihnen.
4.Ihr habt irgendwann in eurem Leben mal irgend so etwas gehört oder gelesen. Ihr wisst nicht mehr, wo und wann, und ist ja auch vermutlich Blödsinn, aber stimmt es, dass man von diesen Hormonen Krebs/vorzeitige Wechseljahre/Hängebrüste/Diabetes/irreparable Hautschäden bekommt?
5.Neulich auf RTL oder so: „Naja, es kann eben nicht jeder Kinder kriegen“. Sagt das und schiebt euren Wagen und euer selbstzufriedenes Gesicht bitte schnell, schnell weiter, irgendwohin, wo die Kamera euch nicht mehr sieht. Jeder muss Glück haben, auch ihr hattet Glück, versteht ihr das nicht?
6.Haltet Vorträge darüber, dass der Mensch sein Schicksal akzeptieren muss, dass das doch Wahnsinn ist, der Natur so ins Handwerk zu pfuschen, und dass, wenn der Herrgott gewollt hätte, dass wir Kinder kriegen.... genau, und wenn der Herrgott gewollt hätte, dass wir fliegen, dann hätte er alle Fluglinien so gemacht wie Singapore Airlines.
7.Erzählt mir, dass ich mich entspannen muss. Ich BIN entspannt, Herrgottnochmal.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Fröhlich ohne Alkohol: p.s.

Und noch etwas nervt: dass ich nach so einem Abend, der Geburtstagsfeier einer meiner besten Freundinnen, auf die Idee komme, mich hier ausschließlich damit zu beschäftigen, wie es mir denn so ging mit meinem alkoholfreien Getränk. Als hätte ich nicht gestern ganz viele Leute wieder getroffen, die ich ewig nicht gesehen habe. Als hätten wir uns nicht über 1000 Sachen unterhalten. Als wäre das nicht ein Abend gewesen, an dem es eigentlich um 80 Dinge für mich ging abgesehen davon, dass mein Bier 0,0% Alkohol hatte.

Die anderen Nebenwirkungen halten sich wirklich im Rahmen bei mir, ich hab ein Riesenglück.
Aber IVF macht mich egozentrisch.
Das nervt mich mehr, als ich sagen kann. Was wird man für eine blöde Ziege!

Mittwoch, 1. Juli 2009

Bis eine heult

Noch zweieinhalb Tage bis Freitag Abend, noch drei Tage bis Samstag Morgen, und wenn ich bis dahin noch nicht blute, fange ich langsam wirklich an, zu hoffen. Noch sechs Tage bis Dienstag.

Es nützt ja nichts. Ich wäre so gerne vernünftig und würde mich ablenken, aber heute habe ich nichts anderes zu tun (hab sogar schon überlegt, mein Fahrrad anzustreichen, was es ganz sicher nicht nötig hat), und ich überlege:

Dinge aus meiner Kindheit, die ich hatte und die ihr auch haben sollt
Gummistiefel.
Kleine Töpfe, in denen wir zusammen Kresse sähen.
Bambi und Schneewittchen im Kino.
Lagerfeuer und Kartoffeln, um sie drin zu backen.
Ein Baumhaus.
Im Garten zelten, mit Taschenlampe, Gruselgeschichte und Spirituskocher, über dem ihr euch Baked Beans warm macht.
Ein Kuchen am Wochenende. Und Sonntag morgens dürft ihr euch ein Stück mit ins Bett nehmen und ein Glas kalte Milch dazu.
Die schönsten Bücher der Welt: Die Brüder Löwenherz, Kalle Blomquist, Madita, Emil und die Detektive, Kleiner König Kalle Wirsch, den Hobbit und noch viel mehr.
Ferien auf Saltkrokan, als Buch und als Ferien.
Schreibsachen, Rucksack und Aufkleber mit Hello Kitty, Prinzessin Lilifee oder welche andere Figur es auch ist, die ihr liebt und ich hasse.
Weihnachten mit einem richtigen Weihnachtsbaum und richtigen Kerzen.
Einen Rasensprenger und ein Plantschbecken.
Ein aufblasbares Tier, das größer ist als ihr.
Laternenumzüge.
Playmobil, Lego, Bauklötze und Matchboxautos.
Selbstgebaute Buden aus Wolldecken und Sofakissen.
Ausstecher-Kekse, die wir zusammen machen und verzieren.
Großeltern, bei denen ihr alles dürft und euch nie waschen müsst.
Badetage, bei denen ihr aus Versehen das ganze Bad unter Wasser setzt.
Geburtstage mit Schnitzeljagd, und wenn euer Vater sich beim Verstecken der Hinweise acht Zecken und ein Kilo Brennesselgift einfängt.
Ein kleines, feines Segelbootchen nur für euch.
Ein Taschenmesser.
Freunde, die direkt nebenan wohnen und bei denen ihr immer klingeln könnt.
Befreundet sein mit Kindern, deren Eltern wir nicht leiden können.

Dienstag, 30. Juni 2009

Wer sich schneller entspannt, ist besser als jemand, der sich nicht so schnell entspannt

Da hat Peter Licht wieder mal vollkommen Recht!

Ein Glück hab ich L.
Nicht nur sowieso in jeder Hinsicht, sondern gerade jetzt vor allem deshalb, weil L. so dermaßen immun ist gegen Babygeschwärme.

L. ist extrem vorsichtig, wenn es daran geht, sich auszumalen, wie das alles werden könnte. Weil er von Anfang an gesagt hat, dass es gut sein kann, dass es überhaupt nicht klappt oder erst nach langer, langer Zeit. Er will nicht nur sich, sondern auch mir Tränen und Verzweiflung ersparen, indem er versucht, sich so lange wie möglich am Riemen zu reißen. Inzwischen hat er sogar schon ein paar Mal gesagt, dass auch nach einem positiven Test noch kein Grund zum Durchdrehen bestehen würde, sondern dass wir fein stille die ersten Monate abwarten sollen. Aber dann!

Ich bin heilfroh, dass er so ist. Denn wenn ich jetzt jemanden bei mir hätte, der genau so ein Fusselhirn ist wie ich, dann hätten wir uns zwar anfangs noch versichert, wir würden extrem lässig und unaufgeregt bleiben. Aber dann würden wir einbrechen, jeden Tag ein bisschen. Es würde vielleicht damit anfangen, dass wir irgendwas im Fernsehen sehen und plötzlich einer von uns sagt „niedlicher Name, oder?“
Einen Tag später wären wir in der Stadt und würden Kuhaugen machen vor der Scheibe eines Babyladens.
Dann würde einer von uns vielleicht das erste kleine Babyspielzeug in die Wohnung schleppen. Nur für den Fall!
Und über kurz oder lang hätten wir die „Eltern“ abonniert, dann die halbe Ausstattung angeschafft und uns am Ende Babysprache angewöhnt. Eigentlich bin ich nicht der Typ dafür, aber ich könnte auch nicht die Hand für mich ins Feuer legen!
Und dann käme der schwarze Tag, an dem uns klar würde, wie blöd und traurig das alles von uns war.

L. haut schon die Bremse rein, wenn ich einen Namen niedlich finde. Er weiß, dass ich so was ab und zu denke, da kann ich nicht gegen an. Und ich weiß, dass er so was ab und zu denkt und noch viel mehr, da kann er auch nicht gegen an. Aber wir sprechen nicht drüber, damit wir wenigstens eine kleine Chance haben, den Ball flach zu halten. (Und kommt mir jetzt nicht mit „Aber in einer GLÜCKLICHEN Beziehung redet man über ALLES!“ Macht ihr das so in euren glücklichen Beziehungen, ich mach das in meiner eben anders.)

Aber, liebes Internet, dir kann ich's erzählen. Ich weiß, du kannst ein Geheimnis für dich behalten. Oder? Wer, wenn nicht du, altes Haus?
Meine Temperatur hängt morgens bei 37,5.
Mir ist schlecht, gestern hätte ich fast vor einen alten Stammladen gespuckt, vor dem ich das sonst immer vermeiden konnte.

Aber nun bleiben wir bitte trotzdem ruhig. Denn das war letztes Mal auch so, und dann war doch alles nichts.

Also: fein pscht. Ja?

Sonntag, 28. Juni 2009

Schwanger spielen

Gestern Abend Ausflug aufs Land in das Dorf, in dem wir im August heiraten. Es gab ein Dorffest. Dorffeste haben vor allem damit zu tun, viel zu trinken und dann zu Krachern wie "Komm hol das Lasso raus" zu tanzen. Das geht nicht ohne Alkohol oder ohne eine Selbstvergessenheit, die ich nie erreichen werde. Nachdem ich seit der Rückübertragung zweieinhalb Tage entweder auf dem Sofa oder in einem netten Café um die Ecke ohne Schanklizenz für Alkohol verbracht habe, war das der erste harte Moment. L. hatte ein paar sehr gut aussehende Mini-Biere aus niedlichen 0,2-Liter-Gläschen und die eine oder andere Fluppe mit seiner Mutter und ihren Freundinnen, ich hatte vier Wasser und eine Cola und einen Stock im Arsch. Mütterliche Blicke von den Frauen am Biertisch um mich herum. Dank der Punktion und den dicken Eiern bin ich immer noch ein Pipimädchen, und das Wasser wollte irgendwann raus. Als ich aus dem Toilettenwagen kletterte und mir den zwickenden Bauch rieb, kam mir unsere Pfarrerin entgegen und fragte mich mit vielsagendem Gesichtsausdruck: "Alles gut?"
Und später erzählte mir L.s Mutter, die Pfarrerin hätte sie gefragt, ob ihre Schwiegertochter eigentlich auch raucht. "Sonst ein bisschen, aber gerade nicht." "Aha."

Ich weiß, dass ich mal geschrieben habe, die Leute wären viel zu egozentrisch, um sich ständig den Kopf zu zerbrechen, ob man schwanger ist oder nicht. Das ist auch bestimmt so. Aber gestern war anders. Schon deshalb, weil L. als Kind jedes Wochenende und die Ferien in diesem 300-Einwohner-Dorf verbracht hat und die Leute, bei denen er früher vermutlich nackt durchs Plantschbecken gehüpft ist, jetzt wissen wollen, wen er da eigentlich heiratet. Und wenn eine Hochzeit ansteht, fragt sich die Hälfte der Leute immer, ob da wohl was unterwegs ist. Ich kann's verstehen, ich frag mich das doch gerade auch!

Heute morgen war ich verkatert. Von vier Gläsern Wasser und einer Cola.
Aha.

Die nächste große Sache steht heute Abend an: wir hüten ein Baby. In unserer Wohnung. Es kann schon laufen. Ziemlich schnell sogar. Und wenn wir's versauen, wissen die Eltern, wo sie uns finden. Ich hab Angst.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Gonal: Der schonungslose Tatsachenbericht

Als wir in der Schule zur Abschreckung „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ durchgenommen haben, dachte ich: Kann mir nicht passieren. Schon wegen der Spritzen.
Als ich mit zehn vom Mäuerchen vorm Freibad gefallen bin und mir das Knie so aufgeschlagen habe, dass der Knochen rausguckte, war meine Hauptsorge: bitte bitte bitte keine Spritze, sonst drehe ich durch, niiiiehiiiiiemals könnte ich eine Spritze ertragen.
Als ein Junge aus meiner Klasse am Blinddarm operiert werden musste, sah ich mir das Klassenfoto vom letzten Jahr an, betrachtete sein Bild und dachte mitleidig: Jaja, da hattest du noch keine Ahnung, dass es in deiner nahen Zukunft eine Spritze geben würde.
Und als eine Freundin vor ein paar Jahren operiert worden war und die Wahl hatte, sich entweder selbst täglich eine Thrombosespritze zu geben oder dafür ins Krankenhaus am anderen Ende der Stadt zu fahren, war für mich völlig klar, was ich gemacht hätte: ich hätte ein Taxi genommen, aber nicht zum Krankenhaus, sondern mit Vollgas zum Flughafen, ich wäre nämlich ausgebüchst, nur weg von diesen Spritzen.

Ich glaube, es ist klar geworden, dass ich immer Angst vor Spritzen hatte.

Bis zu diesem Tag im April, an dem ich mir meine erste Gonal setzen musste. Ein Präparat, das übrigens weder aus Bademeisterhaaren noch aus Igeln gemacht wird, wie ich gestern noch dachte, sondern aus Sekreten chinesischer Hamster. (Wer wohl auf die Idee gekommen ist, DAS auszuprobieren? Denn dass hinter dieser Entwicklung auch so ein Zufall steckt wie bei Penicillin, kann ich mir nicht vorstellen. Es sei denn... da war dieser Junge, der einen Hamster hatte. Den er heiß und innig liebte! Eines Tages sprach die Großmutter zu ihm.... nein, es hilft nichts, ich schaffe es nicht, mir eine Geschichte auszudenken, bei der die Hamstersuppe im Bauch einer Frau mit Kinderwunsch landet.)

Zurück zur Sache. Ich hatte Angst vor Spritzen, dann kam Gonal. Gonal ist für Spritzenphobiker das, was unser Königspudel für Hundephobiker war: innerhalb von fünf Minuten haben sie gurrende Laute ausgestoßen und ihm den Bauch gekrault. Das mit meiner Gonal-Erweckung ist zwei Monate her, und damals hatte ich dieses Blog noch nicht. Jetzt habe ich es, und deshalb habe ich die Chance, euch diesmal LIVE dabeisein zu lassen, wenn es hier gleich rund geht.

Jetzt werden hier nämlich Babys gemacht.

Also. Ich nehme den Karton, reiße ihn auf und sehe ein Plastikdings mit zwei Höhlungen. In einer liegen die Nadeln in ihren Plastikhüllen, in der anderen der Pen. Der Pen heißt Pen, weil diese Spritze aussieht wie ein dicker, hässlicher Kuli. Die Sorte Werbekuli, die ein mittelständischer Maschinenteilzulieferer aus dem Schwäbischen sich aussuchen würde.

Bevor ich nun aber frisch drauflosspritzen darf, muss der Pen vorbereitet werden. Ich lese nochmal die Anleitung (nur zum Vorbild für euch, denn natürlich weiß ich noch HAARgenau, wie das ging beim letzten Mal!), dann lese ich sie nochmal. Es ist eine gute Anleitung. Jeder versteht, was er zu tun hat. Und was ich zu tun habe, ist folgendes:
1.Kappe vom Pen abnehmen
2.Folie von einer Nadel abnehmen
3.Nadel mitsamt Schutzhütchen vorne auf den Pen schrauben bis zum Anschlag
4.Hinten am Pen das Ding, mit dem man bei einem Kuli rumklickern würde, auf die 37,5-Einstellung drehen
5.Das Klickerding so weit herausziehen, wie es nur irgend geht
6.Das erste Schutzhütchen von der Nadel abziehen, dann das zweite – Huch, jetzt nicht in Ohnmacht fallen, da ist sie: die NAHAHAADEL!
7.An den nadelaufwärts gehaltenen Pen klopfen, wie man das aus der Schwarzwaldklinik kennt, damit etwaige Luftbläschen nach oben in die Nähe der Nadel steigen
8.Das Klickerdings bis zum Anschlag reindrücken. Wenn jetzt keine Tröpfchen aus der Nadel quellen, Schritt 5 bis 8 wiederholen.
9.Die Hütchen wieder auf die Nadel setzen, die Nadel mitsamt den Hütchen abschrauben und wegwerfen.

Das war die Trockenübung. Nun zur Sache. Ich geh mir erst mal die Hände waschen. Ein Glück habe ich heute morgen noch die Tastatur dieses Rechners gereinigt. (Ein weiteres Beispiel für Nestbautrieb durch Hormone. So was würde ich sonst nie tun, es sei denn, ich habe Angst davor, dass meine Freunde anfangen, mich hinter meinem Rücken „Stinki“ zu nennen.)

So. Die Hände sind gewaschen. Der Küchentisch blitzt mitsamt dem darauf stehenden Rechner. Auch zwei adrett verpackte kleine Alkoholtupfer habe ich dazugelegt. (Die kriegt ihr auf Nachfrage in der Apotheke dazu, bei solchen Gold-Kunden wie uns wollen sie da mal nicht so sein.)
Ich nehme einen der Tupfer aus seiner Folie, klemme mir mein Top zwischen die Zähne, so dass ich bauchfrei dastehe, und tupfe die Gegend neben meinem Bauchnabel mit dem Alkohol ab. Bevor ihr die Nadel einstecht, sollte der Alkohol verdunstet sein, sonst kann es ein bisschen ziepen. Die paar Sekunden, bis es so weit ist, überbrücke ich, indem ich eine neue Nadel mitsamt Hütchen auf den Pen schraube und meine Dosis (steht auf dem Therapieplan) hinten am Pen einstelle. 150 sind das bei mir. Wir fangen fett an und lassen dann langsam nach.

Und nun kommts: Ist der Bauch trocken? Dann erst dickes Hütchen, dann dünnes Hütchen abziehen. Und wieder sehen wir eine Nahaaaadel, diesmal ist sie nicht für die Luft, sondern für uns. Aber wir holen keinen Pantoffel und dreschen auf sie ein. Wir suchen kein Glas und eine Postkarte, stülpen das Glas über die Spritze und schieben dann die Postkarte drunter. Wir klettern auch nicht auf einen Stuhl und kreischen. Und wir holen auch keinen Staubsauger, saugen die Spritze ein, tragen den Staubsauger in den Keller und verriegeln hinter ihm die Tür. Wir tun etwas Klügeres. Wir halten die Spritze in einer Hand und klemmen mit der anderen zwischen Daumen und Zeigefinger eine appetitliche kleine Wurst in der desinfizierten Stelle unseres Bauches ab. Je fester wir quetschen, desto weniger merken wir gleich von der Nadel.

Gut, jetzt ist die Vorbereitung abgeschlossen. Zur Sache, Spritzchen. Ich weiß noch, beim ersten Mal dachte ich, ich zähle jetzt bis drei, dann rein damit. Und irgendwie hatte ich es schon bei zwei bis zum Anschlag in mir drin und davon noch nichts gespürt. Ich habe also das große Glück, heute schon keine Angst mehr zu haben, ganz anders als ihr kleinen Heulsusen. Die gute Nachricht für euch ist: schon in fünfzehn Sekunden könnt auch ihr für immer in der anderen Mannschaft mitspielen, in der nämlich, die sich nicht mehr fürchtet.
Setzt die Nadel steil an, möglichst nah an rechtwinklig zum Bauch. Und dann lasst sie einfach in die Wurst gleiten, die ihr immer noch fest gedrückt haltet.

Das war es? Das war es fast. Jetzt müsst ihr hinten am Pen das Klickerdings bis zum Anschlag reindrücken. Um das zu tun und nicht die Wurstfalte loszulassen, müsst ihr euch eventuell jetzt mit der Hand hinten am Pen hocharbeiten, falls ihr versteht, was ich meine. Und selbst das – der Pen bewegt sich IN EUCH DRIN – werdet ihr nicht spüren. Ihr könntet jetzt übermütig werden wie Leute, die beweisen wollen, dass sie keine Angst vorm Aufzug haben und auf und ab hüpfen. Aber stattdessen macht ihr es wie ich und drückt einfach das Klickerdings rein. Und jetzt müsst ihr die Nadel noch zehn Sekunden lang in euch drinlassen und dabei das Klickerdings gedrückt halten.

Dann raus damit. Schraubt die beiden Hütchen wieder drauf, setzt die Kappe auf den Pen, werft die verbrauchte Nadel samt Hütchen weg, und falls sich ein bisschen Blut zeigt (tut es so gut wie nie), tupft ihr das mit dem Alkoholtupfer ab. Pflaster braucht ihr keins. Jetzt könnt ihr eure Freunde anrufen und erzählen, wie easy-peasy das war oder (je nach Charakter) wie unfassbar HART und SCHMERZHAFT das war, aber dass ihr es trotzdem verdammt noch mal durchgezogen habt.

Ich bin kein Arzt und auch sonst keine Gesundheitsautorität, aber ich würde jetzt zur Feier des ersten Mals ein Glas Wein trinken. Für meinen Geschmack passt ein schöner Cremant oder Prosecco auch sehr gut zu Hamstersekreten.

Und morgen nehmt ihr die andere Seite vom Bauchnabel.

Sonntag, 7. Juni 2009

Aktion nasenspraysichere Wohnung

Wir kommen gerade aus dem Haus von L.s Cousin und seiner Frau. Außer von den beiden wird dieses Haus im Moment noch bevölkert von 220 noch nicht ausgepackten Umzugskartons und ihrem Sohn, knapp anderthalb. Von außen ist es ein niedliches, hellgelb gestrichenes Siedlungshäuschen mit Buntglasfenstern in einer netten Gegend, von innen ist es die Hölle. Noch. Sie müssen mit Bindfäden Gitter an die Treppe binden, damit der Kleine nicht rauf- oder runterklettert und das alles mit Tatütata endet. Sie müssen einen Zaun um den Gartenteich bauen, sie müssen jeden seiner Schritte verfolgen, denn im Moment wissen sie noch nicht mal, wo sich ihre Socken befinden, und dementsprechend natürlich auch nicht, wo gerade Messer, Gabel, Scher' und Licht sind. Der Kleine muss gehütet werden wie ein Selbstzerstörungsmechanismus auf zwei Beinen. Zurück in unserer zwei-Erwachsene-plus-niemand-sonst-Wohnung, frage ich mich unwillkürlich, was man tun müsste, um die Bude babyklar zu machen. Aus seinem Zimmer müsste das Kinderzimmer werden, denn ich habe kein Zimmer. Mein Zimmer wäre am ehesten noch die Küche, aber in der Küche kann man kein Baby aufziehen (oder doch?). Wie auch immer, ich wäre jedenfalls nur schwer bereit, mich vom Kühlschrank oder dem Herd zu trennen, um an dieser Stelle den Wickeltisch hinzustellen. Also sein Zimmer, sein „Arbeitszimmer“. Ihr denkt jetzt an einen Schreibtisch, Bücherregale, einen Computer mit Drucker. Da habt ihr Recht. Aber nun denkt euch jeden dieser Gegenstände vollkommen bedeckt mit Papieren, Zeitungsausrissen, alten Spexen, Kontoauszügen, Platten und sonstwas. Arbeitszimmer, jaja. Dieses Zimmer aufzulösen, würde ich für eine gute Idee halten. Bis mir einfällt, dass das auch für mich bedeuten würde, mich tagelang mit dem Auseinandersortieren dieses ganzen Krams zu befassen. (In der Psychologie gibt es ein Phänomen, das „Broken Window“ genannt wird. Wenn irgendwo ein Gebäude leersteht, vergehen oft Jahre, bis jemand eine Scheibe einschmeißt. Aber ist die erste Scheibe erst mal eingeworfen, dann gibt es kein Halten mehr. Dieses Phänomen kann vollständig erklären, warum sein Arbeitszimmer so aussieht, wie es aussieht, und leider hat das Phänomen auch mich in seinen verhängnisvollen Bann gesogen.)
Dann müsten wir noch die Wände streichen, Babymöbel kaufen und so, das wäre vermutlich der lustigste Teil der Umrüstung unserer Wohnung.
Die Steckdosen. Früher hatten wir da solche drehbaren Plastikchips drin. Die hatten sicher ihren Sinn. Die sollten wir also haben. Ein Gang zu Obi würde also anstehen, und auf dem Weg dorthin könnten wir auch gleich zu Toom oder in ein Gartencenter und uns neue Balkonpflanzen kaufen (die alten hab ich getötet, leider. Aber wie heißt es so schön: Pech mit Balkonpflanzen, Glück mit In Vitro.). Egal, ich schweife schon wieder ab, und unser Baby quetscht sich inzwischen die Finger in zuknallenden Türen! Wir bräuchten also auch diese Gummiklötze, die man oben auf die Tür setzt, um das zu verhindern. Außerdem müsste die schicke Hausbar vom 50er-Servierwagen auf das oberste Bord des Bücherregals umgelagert werden. Sehr gut, erst auf einen Stuhl klettern zu müssen, bevor es was zu trinken gibt, setzt dem Konsum von hartem Sprit eine natürliche Grenze.
Was noch? Wenn man mit offenen Augen durch die Bude geht, kriegt man es wirklich mit der Angst zu tun! Baby könnte den Kopf in die Gitarre stecken, Baby könnte von den umkippenden Boxen zermalmt werden, Baby könnte überhaupt jedes Bücherregal von der Wand auf sich drauf kippen (mit der Hausbar, das hätten wir dann davon), Baby könnte alle Töpfe vom Herd reißen, Müll essen, in die Spülmaschine krabbeln und natürlich vom Balkon fallen, zum Glück nicht besonders tief. Das Auto müssten wir verkaufen, ein alter SL ist keine Familienkutsche. Besser, ich gehe jetzt rüber und sag das L. Und das mit den Steckdosen und der Hausbar gleich mit. Wozu haben wir einen voll ausgestatteten Werkzeugkasten? Warum bin ich denn eine Frau im Besitz einer Schlagbohrmaschine? Ich glaube, die Regale andübeln schaff ich heute noch. Man kann nicht früh genug vorsichtig genug sein. Ich nehme ja nun seit einer Woche Synarela, das Baby ist also quasi schon auf dem Weg, und bei besonders mütterlichen Frauen reicht so ein kleiner Pfi-Pfü in jedes Nasenloch, um den Nestbautrieb voll in Fahrt zu bringen.

Kopfkino, Kopfkino, und wohin führst du mich morgen?

Freitag, 5. Juni 2009

Verfehle ich das Thema?

Eigentlich sollte und wollte ich doch über Hormone schreiben und das, was sie gerade mit meinem Körperchen anstellen. Ich würde euch so gerne jeden Tag ein wahres Feuerwerk an nützlichen Informationen und Einblicken zum Thema In Vitro liefern. Stattdessen müsst ihr hier zum wiederholten Mal irgendwelchen Kram über das Wetter, das Nachtleben oder sonstwas lesen.

Woran liegt das? Ist In Vitro am Ende so uninteressant? Das glaube ich gar nicht mal, ich könnte mich bestimmt mehrere Stunden täglich in Foren und auf Blogs beschäftigen (wenn auch nicht hier, bisher hab ich noch nicht so viele deutsche In Vitro-Blogs aufgetan, aber die Amerikanerinnen sind beim Eierbloggen unfassbar umtriebig – wenn aber jemand einen guten Blogtipp aus Deutschland hat, nur her damit!). Ich könnte Medikamente und Ärzte googeln und mich nach und nach zur Expertin entwickeln. Das Problem ist nur, das will ich gar nicht. Denn erstens kriegt man es im Netz innerhalb kürzester Zeit mit der Angst zu tun, wenn man Gesundheitsthemen googelt, und zweitens will ich auch gar nicht, dass dieses Thema nun wirklich zu doll Überhand nimmt in meinem Leben, denn dann käme ich ja sonst zu nichts mehr.

Womit wir gleich beim zweiten Grund dafür sind, warum hier trotz so vieler Versprechen, mich zu bessern, leider oft so wenig von In Vitro die Rede ist: Das hier ist mein In Vitro-Tagebuch, und in meinen In Vitro-Tagen spielen scheinbar andere Dinge eine Rolle, als ich erwartet hatte. Ich hatte wirklich mal gedacht, es würde ein Ausnahmezustand herrschen, und die Hormone würden diesen Wochen und Monaten (und mit Pech auch Jahren) so ein ganz besonderes Aroma mitgeben, das durch jeden Tag weht und sich überall bemerkbar macht. So dass aus Einkaufen In Vitro-Einkaufen wird, aus Urlaub In Vitro-Urlaub, aus Planung In Vitro-Planung usw.
Und das ist nicht immer so. Und in der zweiten Zyklusschleife sogar noch weniger als in der ersten. In Wahrheit stehe ich morgens auf und denke an hundert Dinge, aber nicht daran, ob es denn wohl diesmal klappt und ob dieser Pickel da etwas mit Hormonen zu tun hat. In Wahrheit vergehen oft acht Stunden an einem Streifen, ohne dass ich auch nur einen Gedanken an Kinder, Kinderlosigkeit, die näher rückende OP oder meine Medikamente verschwende. Und wenn das eben für mich so ist, dann ist das so, und deshalb ist es doch nicht weniger mein In Vitro-Tagebuch, wenn für mich In Vitro nun mal so läuft.
(In letzter Zeit ist es zwei mal vorgekommen, dass mich jemand angerufen hat und ganz bedeutungsschwanger gefragt hat, wie es denn jetzt weitergeht? Und ich hab in beiden Fällen gedacht, die meinen die Selbständigkeit und nicht die Spritzen.)

Ich weiß auch nicht, ob das die Ausnahme ist oder ob sich das jede früher oder später mal denkt – müsste das nicht dramatischer sein? Vielleicht kommt das Drama ja auch noch, wenn die Monate vergehen und immer noch kein Baby in Sicht ist. Ein Blick in die Gesichter der anderen Patienten in meiner Klinik legt nahe, dass einem mit der Zeit das Lachen schon vergehen kann.
Vielleicht liegt es auch nur daran, dass sich gerade so viele Dinge tun, die mich von meinen Eiern ablenken. Ich kann euch sagen, sich selbständig zu machen, ist eine 1a Methode, um Hormonblues zu vermeiden.
Und ich weiß nicht, ob das viele Witzeln und Frotzeln und Wer-weiß-wie distanziert tun nur meine Methode ist, zu viel Enttäuschung und Kummer zu vermeiden, ob ich mir was vormache und es nachher nur um so dicker kommt, und ob mir das alles irgendwann noch mal im Hals stecken bleiben wird. Aber das ist nun mal die einzige Methode, die ich habe, um mit solchen wirren Zeiten umzugehen und den Kopf über Wasser zu behalten.

p.s. Es ist ja auch schließlich so: Wenn ich mich nur auf In Vitro beschränken würde, dann würde dieser Blog in etwa aussehen:
Montag
Heute morgen Nasenspray. Puh, fieser Geschmack! Wird das ein Pickel da neben meiner Nase?
Abends Nasenspray. Pickel unverändert.
Dienstag
Morgens Nasenspray, aber fast hätte ichs vergessen! Puh! Heute zwei Kilo mehr auf der Waage als noch vor einer Woche. Bin sicher, L. wird mich trotzdem weiterhin lieben und begehren, der Süße.
Abends Nasenspray.
Mittwoch
Der Tag beginnt mit Nasenspray. Mittags auf einem 15 Minuten langen Spaziergang vier Zwillingskinderwagen gesehen. We are family! Abends Nasenspray. Pickel verschwunden.

usw., das kann doch keiner wollen?