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Sonntag, 27. März 2022

Diagnose Fusselhirn.

Seit vorgestern habe ich eine Diagnose, wenn auch nur eine vorläufige: mein Problem ist eine lokale Hirnfunktionsstörung. Auf einem EEG sieht man, dass einige Wellen immer mal wieder plötzlich langsamer werden, als sie sollen, und dann wieder hochfahren. Wenn es dabei bleibt, dann bedeutet das, dass ich keine klassische Epilepsie habe, und es kann auf jeden Fall den Anfall und die Aussetzer erklären. Es könnte auch in Zukunft dafür sorgen, dass das noch öfter vorkommt. Jenseits der Anfälle werde ich vermutlich nie was davon merken, mein ganz normales Tun und Denken und Fühlen ist davon nicht beeinträchtigt. Ich hab irgendwo schon immer geahnt, dass ich ein Fusselhirn habe, und jetzt weiß ich es genau. Noch sind nicht alle Untersuchungen ausgewertet, aber so sieht’s erst mal aus.

Und jetzt? Jetzt bekomme ich zwei Medikamente gegen Epilepsie. So wie ich das verstanden habe, bringen die zwar nicht meine lahmarschigen Nervenzellen auf Trab, aber sie machen die Anfälle unwahrscheinlicher, und das ist doch eine schöne Sache. Was habe ich gemacht, nachdem die Ärzte mit dieser Nachricht aus dem Zimmer waren und ich L., die Mädchen und meine Eltern angerufen hatte? Ich habe die Namen der Medikamente gegoogelt. Schlagt mich, ich hab’s getan. Und das von einer ehemaligen Abkürzungsdame! Ich müsste es besser wissen, selbst Schuld. Danach habe ich ein paar Stunden am Rad gedreht und mich als dumpfes, schlafloses, aggressives, uffjedunsenes oder wahlweise auch abgemagertes, von Übelkeit und Schwindel geplagtes, fremdgesteuertes Wrack vor mir gesehen. Abends um acht gab es die erste Dosis, die wird jetzt alle paar Tage gesteigert. Ich lag also da und habe mich in einen schönen theatralischen Super-Ego-Gau reingesteigert. “Das hier ist vielleicht die letzte Stunde, in der ich sicher sein kann, ich selbst zu sein” dachte ich mit RTL-würdigem Pathos und dann noch verschiedene andere Dinge in diese Richtung. Nachts um zwei lag ich da und dachte allen Ernstes, “Siehst du, Müdigkeit. Da geht’s schon los.” Dann bin ich aufgewacht und habe mich darauf besonnen, dass ich, was abstruse Medikamente betrifft, verdammt noch mal kein Rookie bin. Und dass ich das alles schon mal durch hab, mehr als einmal. Und das ich damals eine Strategie gewählt habe, die mir geholfen hat: erstens nicht unterzugehen in Selbstmitleid, und zweitens, mir nicht einzureden, alles wäre noch viel schlimmer, als es wirklich ist. Nämlich: Erst mal abwarten, wie wild es wirklich wird. Mich auch nicht dauernd selbst beschwichtigen, sondern einfach immer mal wieder zwei Schritte zurück treten und eher beobachten als erleiden, was genau da jetzt passiert. Und dann vielleicht darüber schreiben. Wie in alten Zeiten! (Wenn auch mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass der Hormonrummel immer nur für ein paar Wochen angesetzt war und das hier vermutlich für immer ist.) Wie in alten Zeiten. Wenn es eine bessere Vorbereitung auf Nebenwirkungen gibt als Enantone, Crinone und Menogon, dann möchte ich sie nicht kennen lernen.

Sonntag, 9. Februar 2014

Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde! Ikonoklasten! Kartoffelkäfer! Kürbisgeister! Diplodoken!

Ich neige zu fast unkontrollierbaren Wutausbrüchen auf Sachen. Zum Glück NUR auf Sachen. Bleibe ich zum Beispiel mit der Türklinke im Ärmel hängen, brülle ich. In unserem Haus sind auch die Türklinken von 1927, an denen kann man sogar von zwei Seiten hängen bleiben, beim Weg ins Zimmer und auf dem Rückweg gleich nochmal, sie haben nämlich auch am anderen Ende so ein ulkiges kleines Metallnupsi. Brüll! Brüll! In der letzten Zeit von mir angebrüllt wurden: die Tür im Windfang, die sich immer verkantet, der Trockner, der nicht getrocknet hat, meine Shampooflasche, die beim Umfüllen eine Riesensauerei gemacht hat, meine Handtasche (zu voll), die Ketchupflasche (kommt nix), das Sushi (falsche Sorte, und das, wo hier gerade wieder mal ein Demnächst-bestimmt-schwanger-Countdown mit allen Schikanen läuft), ein Messer (zu stumpf), die Reistüte (aufgerissen und ausgelaufen) mein Telefon (nicht geklingelt trotz Anruf), eine Wurzel (drüber gestolpert), die heiße Kuchenform (heiß), dieses Brett unten an den Küchenschränken (fällt immer um), einige Teile Plastikmüll (vom Wind auf dem Weg zur Mülltonne aus dem Eimer geweht und über den Garten verteilt) und Quark (abgelaufen UND runtergefallen).

Und jetzt Menogon. Zwei Jahre bin ich dem Spritzenzirkus ferngeblieben, nun bin ich wieder da, und die Menogon-Industrie hat es immer noch nicht kapiert! Flüssigkeiten verpackt man nicht in die Sorte Ampullen, die beim Öffnen in sieben klitzekleine, gemein scharfe Splitter zerbrechen. Und Schutzkappen auf Spritzen konstruiert man nicht so, dass sie erst gar nicht abgehen und dann mit einem unvorhersehbaren Ruck doch, so dass man sich erschreckt und wegzuckt und auf einmal die Nadel bis zum Anschlag in einem Fingergelenk stecken hat, gerne jedes Mal in einem neuen. Ihr könnt euch den Geräuschpegel so ungefähr vorstellen. HAAAAAAARRRRRRRRRRRRR!

Davon aber abgesehen ist diese IVF gerade so spannend wie Nasentropfen, manchmal ist mir ein bisschen schlecht (wird mir von Nasentropfen auch), davon abgesehen keine dramatischen Ereignisse bisher. Sollte doch was dran sein an diesem statistisch klar widerlegten Ding mit den entspannten Adoptivmüttern, bei denen es dann wie von selbst klappt, dann bin ich quasi jetzt schon werdende Mutter von Zwillingen. Liebe neuen Abkürzungsdamen, solltet ihr noch richtig viel Angst vor all dem haben - vor den Spritzen, den Nebenwirkungen, dem, was da kommt - dann kann ich euch feste versprechen, das, was ihr gerade vor euch habt, ist das beste Gegengift dagegen. Nichts bereitet besser auf eine IVF vor als eine IVF. Beim nächsten Mal macht ihr das dann schon pfeifend und auf einem Bein hüpfend. Es sei denn, euch steckt gerade eine dicke Bastelnadel im Handteller. Wobei auch das sein Gutes hat: danach ist der echte, ernstgemeinte Pieks in den Bauch wirklich nur noch lächerlich.

Samstag, 1. Februar 2014

Januar ist eine gute Zeit für Neustarts, finde ich.

In einer blauen Stofftasche mit Apothekenlogo oben auf der Wäschetruhe liegen einige große weiße Schachteln. Darin mit Menogon gefüllte Ampullen, aufwendiger verpackt als Toffifee und deutlich teurer. Ich war auf dem Stuhl, der linke Eierstock sieht gut aus, der rechte hatte sich hinter der Endometriose versteckt, die Myome scheinen auch für meine Verhältnisse friedlich, und am dritten Zyklustag beginnt die nächste Runde. Jetzt ehrlich! Ganz bestimmt! Ich bin ein bisschen aufgeregt. Die Erwartungskirmes funktioniert auch wie in den Zeiten vor dem Don. "Eigentlich wäre das unverschämt, wenn wir jetzt noch mal ein Kind bekommen." "Und genau darum wird es klappen." "Ich wär mir da nicht so sicher, man wird nicht jünger... und die Endometriose zwickt auch wieder..." "Und genau DESHALB. Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwoher ein Fünfmonatsbauch her." "Das, meine Liebe, ist pillepalle, wie viel zu viele von uns erfahren mussten." "Also schön. Ihr bekommt kein Kind mehr. Dann wüsste ich aber gerne, was diese unattraktive 800-Euro-Tasche an deinem Arm macht." "Jaaaa... ich muss es eben wenigstens versuchen!" "Quatsch. Du gehst fest davon aus, dass das klappt." "Tu ich nicht! Allein schon deshalb, weil es dann garantiert nicht klappen würde!" "Weil du darauf hoffst, dass dieser sagenhafte Entspannungszauber jetzt auch bei euch wirkt. Der mit den Adoptivkindern oder den plötzlich doch auf natürlichem Weg Schwangeren, von denen es angeblich nur so wimmelt. Und an die Du angeblich nie geglaubt hast." "Hab ich auch nie! Wir hätten einfach gerne noch ein Kind, verdammte Axt! Auch, wenn die Chancen relativ beschissen stehen!" "Hm-hm." "Was guckst Du so? Guck nicht so!" Man braucht keine ernsthaft gespaltene Persönlichkeit, um so richtig wirr im Kopf zu werden. Man braucht auch keine Hormone. Allein die Anwesenheit von Hormonen im gleichen Haushalt kann schon vollkommen reichen.

Und dann das 5:2-Projekt! Ha!

Ihr reibt euch sicher schon die Hände? In Vorfreude auf die unvermeidliche Bauchlandung?

Reibt nur weiter. Denn nach Tag 1 kann ich sagen, ich glaube, das wird was.

Montag wollte ich ja eigentlich anfangen. Montag war ich aber dick erkältet, und da hatte mein massiger Körper genug mit anderen Dingen zu tun. Dienstag war auch nicht besser. Mittwoch treffen einige Damen und ich uns immer, um erst den Bachelor und dann, so lange das noch geht, das Dschungelcamp zu gucken, dazu gibt es Chips und Alkohol, also Mittwoch auch nicht. (Das ist ja eine der Stärken dieser Diät, dass sie so flexibel ist!) Donnerstag hatte ich den Kühlschrank noch voller Sachen, die weg mussten. Aber gestern, Freitag, habe ich meinen ersten Fastentag geplant, durchgezogen und überlebt. Auch L. hat ihn ohne blaues Auge überstanden. Wobei ich sagen muss, dieses Fasten ist eigentlich kein echtes Fasten. 500 Kalorien waren nämlich erlaubt, zu verteilen so, wie es mir beliebt. Es gab kein FX-Passage-Salz am frühen grauen Morgen, entsprechend keine brutale Darmentleerung. Es gab keine Schwächeanfälle, keine Kopfschmerzen, kein Zittern und keine Probleme, immer noch mit Essen umzugehen. Ich hatte meine 500 Kalorien so verteilt:
Frühstück: 100 Gramm Hüttenkäse (den ich sonst nicht mit der Kneifzange anfasse, aber ich dachte, der bringt mich in diesen Diät-Mood, der auch wichtig ist - macht also gleich morgens ein für allemal klar, dass heute anders ist als sonst) und ein Apfel. Mittags: anderthalb Möhren, in Stifte geschnitten (damit es nach mehr aussieht und sich anfühlt, als würde ich für mich kochen), gedippt in ein bisschen Sojasauce mit zwei Tröpfchen Sesamöl. Abends: 100 Gramm geräucherte Putenbrust, dazu zwei Chicoree trocken in der Pfanne gebraten und dann mit Chili und Zitronensaft geschmurgelt. Dazu scharfen Senf. Zwischendurch ganz viel Kräutertee, Ingwertee und Wasser. Und das ging gut! Ich habe nicht die Tapete von den Wänden gefressen, ich habe im Gegenteil gestern im Lauf des Tages das Essen fürs Wochenende geplant und dafür einen Schweinekrustenbraten nach Nigellas Methode mariniert. Ich habe den Lauch gekocht, den es dazu geben soll. Und ich habe einen Zitronenkuchen gebacken. Alles ohne abgekaute Nägel. Ich war auch nicht zu schwach, um den Don zu tragen, mir war nicht schlecht, ich war nicht aggressiv, sondern habe L. sogar vom Einkaufen mehrere Sorten Schokolade mitgebracht und neidlos überreicht (sogar ein bisschen hämisch, wenn ich ehrlich bin. L. macht sich einen Riesenspaß draus, mich zu piesacken und zu sabotieren, wann immer ich irgend eine Art von Diät anpacke. Und nach ca. zwanzig sarkastischen und bösartigen Bemerkungen darf ich mir wohl auch mal denken "Süßer, Schnuppi, iss du nur deine Schokolade, und wir sehen ja dann am Stichtag, wer die Wette gewonnen hat."), ich habe nicht an dem ganzen Projekt gezweifelt und versucht, mich selbst vom Weg abzubringen mit Plänen wie "Und wenn ich einfach jeden Tag auf den X-Trainer gehe?". Ich wusste nämlich die ganze Zeit: morgen darf ich wieder normal essen. Und das war gut zu schaffen. Zwischendurch hatte ich sogar ab und zu das GUTE Fastengefühl: die Klarheit im Kopf, mehr Energie und das Selbstvertrauen, das daraus kommt, wenn man erlebt, dass man eigentlich ziemlich wenig unbedingt haben muss. Wenigstens für eine Weile. Entweder Montag oder Dienstag mache ich den zweiten Tag. Und das Fressplanmaschinchen rattert. Kennt ihr Shirataki-Nudeln? Shitaraki-Nudeln? Oder wie auch immer? Die hatte ich neulich schon mal. Die sehen aus wie Glasnudeln, haben eine etwas ulkige Konsistenz, sind aus einer Pflanze und haben praktisch keine Kalorien, weder Fett noch Kohlenhydrate, fühlen sich aber einfach an wie eine neue Sorte Asia-Nudeln. Montag (oder Dienstag) nehme ich ein Pöttchen Hüttenkäse und einen Apfel mit ins Büro und außerdem eine Tupperbox mit einem kalten Salat aus gebratenem Pak Choi, Garnelen, Chili, Limette und Shirataki/Shitaraki-Nudeln. Klingt eigentlich ziemlich lecker, bis auf den Hüttenkäse.

Es hat sogar so gut geklappt, dass ich sogar jetzt, wo ich wieder dürfte und die Küche aus allen Nähten platzt vor Lieblingsessen, noch nichts gegessen habe. Ich bin um acht aufgewacht und hatte Lust auf schwarzen Tee und meinen Rechner ohne den Don im Hintergrund. Also habe ich den schlafenden L. und den schlafenden Don mucksmäuschenstill zurückgelassen und bin auf Socken ins Wohnzimmer gehuscht. Neben mir steht eine Tasse Tee. Kein Kuchen, kein getoastetes Roggenbrot mit Rinderschinken, kein Ei, kein Stinkekäse, keine Orangenmarmelade auf gesalzener Butter. Ich könnte! Aber ich tu's nicht. Das will echt was heißen.

Natürlich muss dieses ganze Programm sich daran messen, ob ich auf die Art abnehme oder nicht. Wenn nicht, dann war es das natürlich. Sobald eine befruchtete Eizelle in meinem Bauch ist, natürlich auch. Aber bis dahin finde ich das zumindest im Moment noch ganz spannend. Und es stimmt: schon nach einem Tag fasten bekommt Essen einen neuen Glanz. Ich war ein bisschen in die Phantasielosigkeit und Routine abgerutscht. Gestern habe ich zum ersten Mal wieder Kochbücher gewälzt, sabbernd über einzelnen Seiten gebrütet und Pläne geschmiedet.

Freitag, 10. Mai 2013

Wenn andere Fusselhirne Medikamente verordnen

Der Eierkopf-Termin bei meiner Frauenärztin. War noch was? Ach ja: "Ich habe nur noch für zwei Wochen Bluthochdruckmedikament. Bekomme ich da von Ihnen ein Rezept, oder muss ich zu meiner Internistin gehen?"
Kein Problem, alles kein Problem. Klar! Machen wir gerne. Ich wühle also die angebrochene Packung aus meiner Tasche und lese ihr laut und deutlich vor: Metoprololsuccinat, 27,5 mg. Sie notiert, der Rezeptdrucker rattert, ich gehe mit Rezept in der Tasche nach Hause.
Gerade in der Apotheke, nach zwei Tagen Wartezeit dank Feiertag: "Bitteschön, ihr Bisoprolol." Mein was? Tatsache: mein Bisoprolol in der Dosierung 3,5.
Und jetzt? Es ist Freitag, zwanzig nach zwölf, ich habe keine einzige Tablette mehr im Haus, meine Frauenärztin schließt um halb eins, ich bin ca. eine Dreiviertelstunde mit den Öffentlichen von ihr entfernt. Ich rufe da an. Man ist sich keiner Schuld bewusst, erklärt sich aber nach langem Bitten und Betteln gnädig bereit, "ausnahmsweise" und "aus Kulanz" das neue Rezept per Post an mich zu schicken. Mit Glück ist es dann morgen da.

Kann sein, dass das kein großer Unterschied ist zwischen Meto und Biso. Kann auch sein, dass eine Dosierung von 3,5 bei Biso einer Meto-Dosierung von 27,5 entspricht. Ich weiß es nicht, ich bin schließlich weder Ärztin noch Apothekerin. Problem ist nur: ich möchte mich nicht vor dem Tresen einer Apotheke damit auseinandersetzen müssen, ob das so ist. Ich bin im achten Monat, verdammt, ich schlucke nicht einfach irgend einen Betablocker.

Diese Wurschtigkeit. Die war einer der Hauptgründe dafür, warum es mir jetzt nach vielen Jahren in dieser Praxis auch mal gelangt hat. Ich bin schweißgebadet. Und ziemlich froh, dass mein nächster Termin in einer anderen Praxis stattfinden wird.

Dienstag, 23. Oktober 2012

second-hand-Kryo

Befruchtung zweiter Hand ist sonderbar. Vielleicht wird mir gerade klar, während ich hier vom Schicksal meiner Abkürzungsfreundin berichte, wie lange das bei mir alles her ist und dass es mir wohl auch gefehlt hat, über Hormongebrumm und -Gesumm zu schreiben statt immer nur über Hunde, Adoption und Jobstress. Jedenfalls: gestern war Transfer, aus drei Tiefkühlbrummern waren ein Sechszeller (ok), ein Vierzeller (ein bisschen sehr bedächtig, aber kann noch kommen, wenn sie zur Abwechslung mal Glück hat) und ein Zweizeller (eigentlich hoffnungslos, aber in den Müll müssen wir ihn nun auch nicht werfen) geworden. Der Transfer ging schwuppdiwupp, alle drei haben ein schönes Plätzchen gefunden, und jetzt heißt es warten bis zum 5.November, wobei der eigentliche Testtag der Samstag davor wäre - ob die kleine Wurst wohl die Finger vom Schwangerschaftstest lassen kann? Eigentlich müsste sie tiefenentspannt sein, ist ja längst nicht das erste Mal, inzwischen ist sie deutlich zweistellig, was Warteschleifen betrifft. Nur, dass es diesmal zum ersten Mal Estradiol und Utrogest statt Crinone gibt und damit jetzt schon fünf Nächte Schlaflosigkeit. Ungefähr die Sorte Schlaflosigkeit, die einen umtreibt, wenn man sich kurz vorm Schlafen noch Hotdog-Wettbewerb-mäßig überfressen hat - samt Völlegefühl, wildem Herumwerfen und Beklemmung. Das noch bis zum fünften November? Zusammen mit diesem hirnverbrannten, ständigen In-sich-hineinhorchen, den Phantom-Einnistungsblutungen, der Phantom-Übelkeit, den Phantom-Gefühlen und der Phantom-Abgeklärtheit? Viel Spaß.

Dienstag, 13. März 2012

An der ganz, ganz langen Leine

Nach den ersten Krämpfen und Flüchen letzte Woche dachte ich mir irgendwann: wieso rufst du nicht einfach mal in der Klinik an und erkundigst dich, wie es so geht und ob du jetzt irgendwas beachten oder einnehmen musst? Könnte ja mal sein? Und schon nach vier Stunden kam der Rückruf: bitte ja, bitte Valette, bitte einmal täglich und dann in so ca. drei Wochen wieder melden zum nächsten Ultraschall. Und ich denke mir wieder mal: ein Glück mache ich das nicht erst seit gestern. Und bei aller Sympathie für die leicht hippie-eske Note meiner Klinik finde ich doch, ein bisschen mehr Zug könnte drin sein. Und wieso eigentlich erst in drei Wochen Ultraschall? Dieses Rumoren unten links – ist das jetzt ein gutes Zeichen oder ein Zeichen dafür, dass Ilse noch mal zugelegt hat an Gewicht, Bösartigkeit und Sprengkraft?
Kaum bin ich wieder auf Hormonen, schon merke ich, dass sich etwas tut. Das war früher anders, ich war immer auf eine unseriöse Art stolz darauf, wie wenig mich das alles kratzt – eine ähnlich blöde Attitüde wie die von Leuten, die stolz auf ihre Körpergröße sind oder darauf, dass ihre Haare noch nicht dünner werden. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht hat mein Körper sich auch ein bisschen überfressen an all den Abkürzungsmedikamenten: die Hamsterhormonphase ist vorbei, lass uns heute mal lieber Pizza. Täglich ein winzig kleines Pillchen, und schon liege ich nachts wieder wach und zergrübele mir das morsche Hirn, habe einen Bauch wie eine Trommel und friere und schwitze den ganzen Tag gleichzeitig. Und gleichzeitig spüre ich langsam einen gewissen Überdruss. Abkürzungsdamen, ich muss gestehen: nach drei Jahren werde ich langsam müde. Ich finde, es reicht jetzt mal mit Zysten und anderen Gewächsen, Ultraschalls und Spritzen. Ich habe keine Lust mehr, meinen Kalender und mein Budget darauf auszurichten. Und ich habe eigentlich auch keine Lust mehr, darüber zu reden und zu schreiben.
Hapüh. Nach der manischen Miniphase am Wochenende folgt jetzt die süße kleine Pillendepression. Ich freu mich auf einen Abend voller Flüche, Hass und Gekicher mit euch. Und dann ist es hoffentlich auch wieder gut.

Sonntag, 12. Februar 2012

Ach was, mach 13.000 draus.

Und vor lauter Freude, dass die Rechnung so niedrig war, habe ich nun dem Unternehmen mediserv versehentlich 13.300irgendwas Euro überwiesen. Hu! Freu ich mich auf die nächsten sieben IVFs, die ja nun schon korrekt vorbestellt und bezahlt sind!
Eieieiei... es stimmt schon, was ich letzte Woche feststellte: Hormone machen nicht nur miese Haare, sondern auch ein bisschen doof. Und meine scheinen trotz Crinone-Abstinenz seit Mittwoch immer noch aktiv zu sein. Tante Rosa lässt sich weiterhin nicht blicken. Scheint schöner zu sein als bei mir, wo immer sie auch gerade ist.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Tag 26.

Dass ich mich dieses Jahr zu Weihnachten fast geschämt habe, weil ich so unfassbar viel und so unfassbar tolle Dinge geschenkt bekommen habe, hatte ich schon mal geschrieben. Eins der Lieblingsgeschenke war ein neuer Wecker, dringend nötig, weil bei meinem alten von Ikea nach vielen Jahren treuen Aus-dem-Schlaf-Reißens der Ausknopf abgebrochen ist. Wie das passieren konnte, versteht kein Mensch. Wie dem auch sei: der neue Wecker ist von meiner Mutter, und er ist ein kleines, schneeweißes Häuschen, das zur vereinbarten Zeit zartes Vogelgezwitscher und ein warmes Licht absondert. So sieht er aus:


Unter normalen Umständen ist das der schönste Wecker, den ich jemals hatte. Aber jetzt ist nicht normal, jetzt ist Crinone. Der Vogel gibt irgendwann auf, pausiert ein Momentchen und legt dann mit neuer Kraft und mehr Lautstärke wieder los. Und zehn Minuten nach Stufe drei wache ich dann irgendwann auf. Wobei, „wache“. Sagen wir, ich schwinge die Füße aus dem Bett, und sie tragen mich ins Badezimmer, wo ich mir als erstes meine tägliche Crinone drücke, damit ich auch heute bloß nicht die Augen aufkriege.
(Man sollte meinen, jetzt wäre mal Schluss mit dem Gemecker von einer, die sich seit vielen Jahrzehnten über ihre Schlafstörung beklagt. Aber zu meiner Verteidigung habe ich vorzubringen, dass ich vorgestern z.B. um 20:49 im Bett war und trotzdem der Morgen danach so trostlos war wie alle anderen vorher und nachher unter Crinonefuchtel. So viel kann ich gar nicht schlafen, wie ich gähnen muss.)
Heute habe ich allerdings Hilfe beim Aufwachen von unerwarteter Seite bekommen: Nach Crinone hat sich innerhalb von ca. zwei Minuten ein Bauch wie im fünften Monat gebildet, und weh tut das auch, auch wenn das Ganze schon wieder ein bisschen abgeschwollen ist. Für eine Punktionspanne kommt das ein bisschen spät. Bin ich die einzige, der das bisher passiert ist?

Außerdem habe ich mal einen Blick in meine Posts in den ersten Tagen dieses Zyklus geworfen und mich daran erinnert, dass ich damals in der Nacht von Montag auf Dienstag meine Tage bekommen habe, nicht früher. Es sieht also so aus, als müsste ich bis Dienstag warten, um meinen ganz privaten Tante-Rosa-Vortest zu haben, bevor ich in die Klinik fahre, und als könnte ich mir diesmal das traditionelle Flora-dreht-durch-Wochenende vor dem Test sparen, bei dem ich alle zehn Minuten gucke, ob da gerade Crinone aus mir rausflutscht oder meine Hoffnungen.

Dienstag, 31. Januar 2012

Tag 25

Jetzt ist es raus: Hormone machen doof, einsam und kahl. Nachdem ich mich monate-, ja jahrelang auf der Sonnenseite des Nebenwirkungszettels bewegt habe, bin ich im Moment eine ganz arme Wurst. Ja ja, an der Müdigkeit kann auch der Winter Schuld sein. Aber das ist so eine spezielle Müdigkeit, die hat ein ganz eigenes Aroma. Gestern bin ich um 20:49 zu Bett gegangen, und das, nachdem ich erst um 18:50 nach Hause gekommen war und L. sofort danach eine Stunde lang mit dem Hund unterwegs war. Eine ganze Stunde lang konnte er meine Gesellschaft genießen, während ich zu allem, was er tat und sagte, nur matt „Hm“, „Jaja“ oder auch „Huaaaah, bin ich müde“ sagen konnte. Was genau er gesagt und getan hat, weiß ich leider nicht mehr, ich war zwar äußerlich auf der Couch, innerlich aber im Hormonwunderland, fünftes Untergeschoss. Und das war nicht nur gestern so, dieser Zustand dauert jetzt schon fast eine Woche. Wenn das irgendwann aufhört und meine Freunde nicht mehr ans Telefon gehen und L. sich eine andere angelacht hat, vielleicht eine Jüngere, jedenfalls aber eine Wachere, dann ist das ganz allein meine Schuld. Und die von Brevactid und Crinone. Kahlköpfig werde ich außerdem. Im Moment pflücke ich jeden Morgen nach dem bürsten (und ich bürste inzwischen vorsichtig, ich halte die Haare sogar fest, während ich bürste) ein ganzes Viech aus Haaren aus der Haarbürste. Inzwischen habe ich mehr Haare weggeworfen, als andere jemals hatten. Dieses Hormonhaarwasser aus der lustigen Flasche mit den zwei Hörnchen nützt auch ungefähr so viel, als würde ich damit meine Füße bestreichen.
Gut, an dem Tran könnte notfalls noch der Winter Schuld sein und die gewaltigen Mengen an Wohlfühlessen, die er mich zwingt zu essen. Aber die Haare?
Und immer noch acht Tage bis zum Test.

Und dann wollte ich noch sagen: ruhig, ganz ruhig. Twitter ist keine Gefahr! Jeder Tweet darf nur 140 Zeichen haben. Dieser Post hier hat beispielsweise über 2000. Auch 14.000 gab es mit Sicherheit schon mal. Und es zeigt sich: Kurzfassen ist anstrengend, dieser Telegrammstil ist für eine Quasselstrippe wie mich so etwas wie ein geistiger Bauch-Beine-Po-Kurs. Das hier ist viel gemütlicher. Und nur, weil ich mich im Fitnessclub anmelde, werfe ich doch nicht die Couch und den Fernseher weg. Gerade nicht!

Samstag, 21. Januar 2012

Tag 15.

Ein Hoch auf harte Geschmackserlebnisse am frühen Morgen! Ich muss keinen Kater haben, um mich zum Frühstück über Hering in Currysauce, Matjestartar oder blutiges Fleisch zu freuen. Gerade bin ich zwischen Roastbeefsandwich Nr.2 und 3, ich kann sagen, ich erwärme mich gerade für eine Kombination aus Mayo, scharfem Senf und einem Hauch von Wasabi. Und dann ist das Schlachtfest auch erst mal beendet. Obwohl L. nur zwei bescheidene Scheibchen genommen hat, habe ich wirklich fast alles ratzeputz und ohne Qual aufgegessen: jede einzelne Wellenschnitt-Fritte, jedes kleine Kleckschen Béarnaise, jede Faser von diesem großzügigen, artgerecht aufgewachsenen und extrem gut abgehangenen Rind.

Das war schön. Eine feine Sache, einen Haken hinter einen seit Jahrzehnten gehegten Traum machen zu können.

Aber ich komme schon wieder ins Faseln und halte mich hier mit Dingen auf, die doch ganz klar unter das Label "Normales Leben" fallen und damit gerade überhaupt niemanden hier interessieren! Und das, obwohl es doch auch Entwicklungen an der IVF-Front gibt. Gestern Abend habe ich meine letzten beiden Clomifen geschluckt, mir die letzte Dosis Menogon gespritzt und mir meine erste Cetrotide* gesetzt. Die muss laut Apotheker auf die Seite des Bauchnabels gespritzt werden, wo ich mir Sekunden vorher NICHT die Menogon gespritzt habe. Scheinbar reagiert Cetrotide etwas zickig, wenn es mit fremden Kindern spielen soll. Und dabei ist etwas Gruseliges passiert, das noch nie da war: es hat geblutet wie irre. Erst dachte ich, das Tröpfchen wischst du mit dem Alkoholtupfer weg. Dann war da ein neues Tröpfchen, das ruckzuck zum Bund meiner Jeans gekullert war. Dann noch eins. Ungefähr zehn Minuten lang war ich damit beschäftigt, das zu stoppen. Erst packte mich leichte Panik der Machart "Oh nein, jetzt hast du dir diese zwielichtige Substanz in die Blutbahn injiziert, und nu?", aber als zwei Stunden später immer noch nichts weltbewegendes passiert war und die blutige Jeans sich schon wieder im Trockner drehte, habe ich mich dann auch wieder beruhigt. Heute Abend gibt es Cetrotide Nr.2. Und um halb zwölf muss ich zum Ultraschall.

*Cetrotide geht so: großes, vielversprechendes Kästchen öffnen. Darin eine lange, mit Flüssigkeit gefüllte Spritze, zwei unterschiedlich lange Nadeln, zwei Alkoholtupfer und ein Glasfläschchen mit einem weißen Pulver. Vom Fläschchen machen wir als erstes die blaue Plastikkappe ab. Dann nehmen wir das Schutzhütchen von er Spritze und setzen die lange Nadel drauf, von der wir wieder das Hütchen abziehen müssen. Dann stechen wir die Nadel in die Mitte der Membran, die das Pulverfläschchen verschließt, und spritzen den Inhalt der Spritze in das Fläschchen. Kurzes hin- und herbewegen des ganzen Ensembles, nicht zu wild, damit das nicht so viele Luftbläschen gibt, und dann ziehen wir möglichst geschickt die komplette jetzt glasklare Flüssigkeit zurück in die Spritze. Hütchen wieder auf die lange Nadel, lange Nadel wegwerfen, kurze Nadel aufsetzen, Hütchen lockern. Mit Alkoholtupfer Bauch desinfizieren, warten, bis es getrocknet ist (dann piekst es weniger), Bauchröllchen abkneifen und Spritze rein. Langsam den Inhalt unter die Haut spritzen, dann die Spritze noch zwei-drei Sekunden drin lassen und dann erst rausziehen. (Bei mir sorgt das dafür, dass nicht so viel klare Flüssigkeit aus dem Einpieksloch wieder herausquillt.) Alles entsorgen, ins Wohnzimmer gehen und vor Ehemann damit protzen, wie tapfer man war und wie entsetzlich schmerzhaft und schwierig das alles war.

Zwei Beschwerden habe ich übrigens noch, und das, obwohl ich ja sonst immer ein einziges Loblied auf IVF und all ihre Medikamente gesungen habe. Pharmariesen, ich bin euer Freund! Ohne euch kein Baby für mich! Aber zwei Dinge könnten noch ein bisschen besser sein:

1. Habe ich mich jetzt schon ungefähr achtmal übel gepiekst beim Versuch, diese blöden Hütchen von den Nadeln runterzubekommen. Es ist immer ein unfassbares Gefruckel, und dann löst sich die Kappe plötzlich doch, und vor Schreck will ich sie wieder aufsetzen, und ZACK! hab ich die Nadel, und zwar die dicke böse, einen Zentimeter tief in der Fingerkuppe oder im Handteller stecken. Aua! Muss das sein? Wie wäre denn so ein Mechanismus wie "im Uhrzeigersinn aufschrauben, eine halbe Drehung weiter, und die Kappe geht ab"? Oder so? Nachdem ich dieses Mal ja mit Sicherheit schwanger werde, wird mir das nicht mehr zugute kommen, aber auch andere kinderlose Frauen haben Fingerkuppen und Handteller!

2. Finde ich, die Ampullen mit der Menogon- Flüssigkeit müssten sich leichter knacken lassen. Ich wickle sie jedes Mal in ein Stück Küchenpapier, dann drücke ich und drücke und ruckele sanft in alle Richtungen, die mir einfallen, und irgendwann macht es knirsch, und ich kann froh sein, wenn erstens jetzt nicht sieben winzige Splitterchen auf dem Fußboden meines Arbeitszimmers liegen und sich demnächst in meine Füße bohren und wenn zweitens wenigstens noch ein Bruchteil der Flüssigkeit für mich übrig ist. Wie viel mehr würde es kosten, einfach ein Gefäß mit einem Schraubverschluss oder einem Klebedeckel über der Öffnung zu produzieren? 50 Cent? Könnte man das nicht machen? Ich bin ja eigentlich ganz zufrieden und habe schon lange keine Angst mehr vor Spritzen, und ich male mir auch nicht dauernd aus, was alles schief gehen kann, aber angenommen, das hier wäre mein erster Versuch und ich würde allein und ziemlich verängstigt in meinem Bad hocken und versuchen, das hinzukriegen, dann wäre ich mit Sicherheit nicht begeistert von der Aussicht, mir meine Lösungsflüssigkeit aus sieben verschiedenen Scherben zu saugen. In meiner Menogon-Packung waren zehn solche Ampullen. Bei einer einzigen ist das Glas an der Stelle gebrochen, an der es brechen sollte. Kein guter Schnitt.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Tag 12

Inzwischen glaube ich, das hier ist die beste IVF meines Lebens. Selbst, wenn am Ende keine Schwangerschaft dabei rauskommt, liegt sie immer noch klar vorne – bei den anderen war das Ergebnis ja auch kein Baby. Ich merke, dass die Hormone etwas bewirken, und was sie bewirken, ist bisher kein bisschen unangenehm. Die komischen Hirnpupse der ersten Tage sind verschwunden, die Schlaflosigkeit vom Sonntag auch, und vermutlich hatten da die Spritzen noch nicht mal ihre Finger im Spiel, sowas schafft mein Fusselhirn auch ohne Unterstützung der bösen, bösen Pharmaindustrie. Und ich weiß nicht, was sonst mit mir los ist, aber es fühlt sich fast an – nicht, dass ich so genau wüsste, wie sich das anfühlen muss – als wäre ich schon schwanger. Ich fühle mich zehn Zentimeter größer und erwische mich ständig dabei, debil in mich hineinzulächeln. Gerade steht zur Diskussion, ob ich Ende Februar für einen Job für ein paar Tage nach Australien fliegen soll. Ich war noch nie da, eigentlich fällt der Job genau in meinen Aufgabenbereich, unter anderen Umständen wäre völlig klar, dass ich das mache. Aber jetzt lächle ich debil und denke mir „Ja nun, bis dahin bin ich ja dann wohl schwanger, hihihihi.“ Und genau an dieser Stelle müsste dringend die Bremse greifen. Denn je länger dieser Zustand anhält, desto übler wird es, wenn irgendwann in zweieinhalb Wochen der negative Test zurückkommt. Oje, was soll ich sagen: drei IVF- und vier Kryopleiten gehen zwar nicht spurlos an einem vorbei. Aber genau wie ca. 200 nicht gewonnene Lotto-Jackpots die Leute nicht davon abhalten zu planen, in welchen europäischen Städten sie gerne eine Wohnung kaufen möchten mit dem unmittelbar bevorstehenden Riesengeldsack, halten mich bisher sieben Nieten bei der Familienplanung nicht davon ab, während der Arbeitszeit aus dem Fenster zu starren, über Vornamen nachzudenken und darüber, was um Himmels Willen man an einem Kindergeburtstag im November machen soll. Spaßbad? Halloween nachfeiern?

Montag, 16. Januar 2012

Tag 10

Sechs kugelrunde Eizellen. Vielleicht auch sieben. Dazu ein Uterus, der noch vor einem halben Jahr vor lauter Myomen aussah wie der Glöckner von Notre Dame von hinten und der jetzt „quasi wolkenlos“ ist, und die Myome sind so geschrumpft, dass sie fast an mein Kindchenschema appellieren würden, wenn das nicht irgendwie klemmen würde, wenn es um Myome geht.

Hab ich mich klar ausgedrückt? Wohl nicht. Aber ich bin immer noch ganz hibbelig. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie einer Ärztin begegnet, deren Enthusiasmus so glaubwürdig und so ansteckend ist. Und sie war begeistert.

Seit gestern Abend ist übrigens aus der Phantom-IVF eine normale geworden: Kurz nach der Spritze war es so weit, dieses unvergleichliche Gefühl, ein Schnitzel zu viel gegessen zu haben, nur eben zwanzig Zentimeter weiter unten. Noch bin ich in meiner Röhrenjeans unterwegs, aber ich habe das Haargummi für den Schwangeren- und Vielleicht-demnächst-Schwangeren-Jeanstrick schon in der Hosentasche. Blut habe ich auch dagelassen, gegen Mittag erfahre ich, wie meine Werte sind und dann auch gleich, ob ich Mittwoch oder Donnerstag wiederkommen soll, und dann beschließen wir, wann die Eier ihren Ausflug machen: Freitag, Samstag oder Montag. Ich wäre für Samstag.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Tag 5

Nein, keine Dokumentation meiner zweiten Menogonspritze, denn gerade fiel mir ein, das hab ich alles schon mal aufgeschrieben, und zwar hier. Nur, dass ich diesmal nicht drei Ampullen am Tag bekomme, sondern eine. Gaaaanz langsam alles diesmal, nur nicht aufregen die nervösen Eierstöcke.

Damit schließe ich für heute das Hormonstudio (vermutlich, es sei denn, mich packt gleich noch mal ein Rappel) und bereite mir eine Abschiedsportion Miesmuscheln zu. Es sind wieder los wochos: diese ganz besonderen Tage im Jahr, in denen jede Mahlzeit zur Henkersmahlzeit umgewidmet wird für alles, was ich vielleicht zehn Monate lang nicht mehr essen darf, während ihr und ich in Wahrheit genau wisst, dass es höchstens zwei Wochen sein werden, so dass das Ganze klar als billiger Marketingtrick meines Gehirns zu erkennen ist, das meine armen Hüften nur reinlegen will. Wobei, Miesmuscheln machen Hirn und Hüften glücklich. Und zu den Miesmuscheln gucke ich die ersten Folge meiner gestern bestellten 1. Staffel Downton Abbey. Ach, Januar: Miesmuscheln, großartige Fernsehereignisse, positive Schwangerschaftstests. Eigentlich hast du es verdient, gemocht zu werden, trotz Matsch und Grippe.

Tag 4

war ja eigentlich gestern, aber gestern war ich platt. Nach Spätschicht in der Agentur habe ich mich noch in ein Taxi geworfen, um meiner Schwiegermutter zum Geburtstag zu gratulieren, hab den Bachelor Bachelor sein lassen und noch eine Weile plauschend auf ihrem Sofa gesessen, und als ich dann nach Hause kam, war nicht mehr viel mehr drin, als den Kopf auf den Hund zu betten und es einfach sein zu lassen. Alles.

Und dann kam die Nacht, präsentiert von David Lynch. Ich träume wirklich oft sehr seltsam und dabei extrem realistisch, aber so eine Bombenshow war lange nicht mehr. Ich bin nur froh, dass ich nie empfänglich war für solche Ansätze wie "Träume - Botschaften aus der Zukunft?" denn wenn das so wäre, würden nicht nur mir, sondern uns allen düstere Zeiten ins Haus stehen. Stellt es euch vor als eine Mischung aus Clockwork Orange, Charlie und die Schokoladenfabrik und Melancholia. Jetzt frage ich mich: Menogon, Clomifen, wart ihr das? Ich bin gespannt auf die Vorstellung nächste Nacht.

Eine genaue Schilderung des Gespritzes versuche ich heute Abend mal hinzukriegen, gestern wäre es mir auf dem Agenturklo doch ein bisschen viel gewesen, mit Spritzapparatur, Desinfektionsspray und Kamera gleichzeitig zu hantieren. Aber weil heute mein langes freies Wochenende beginnt, kann ich mich schön im Badezimmer ausbreiten.

Gestern also erste Rutsche Hormone, bisher kein Ausschlag am Bauch, kein Zwicken an den üblichen verdächtigen Stellen, und außer Gehirndisco heute Nacht auch sonst keine sensationellen Nebenwirkungen. Der Plan ab hier:

Jeden Abend eine Ampulle Menogon und zwei Clomifen.
Montag morgen vor der Arbeit zum Ultraschall.
Im November dann Zwillinge.
Und weiter weiß ich noch nicht.

Übrigens will ich euch nicht nerven, aber muss schon wieder das Loblied meiner Osteopathin singen. Gestern früh war ich bei ihr aus nicht-Kinderwunsch-relevanten Gründen, ich hab mir letzte Woche auf dem orkangebeutelten Flug nach Wien am Rücken wehgetan, und das wurde von Tag zu Tag schlimmer, ich wusste schon nicht mehr, wie ich schlafen, mir die Zähne putzen oder headbangen soll. Und weil eine nette Dame aus der Agentur - mit acht Wochen altem Baby - gerade durch die beherzte Grifftechnik ihres Orthopäden zu einem Bandscheibenvorfall und dann auch gleich auf den OP-Tisch kam, dachte ich, vielleicht kann sie mir ja helfen. Konnte sie: nach einer gemütlichen Stunde in ihrem wohlriechenden Behandlungszimmer bin ich heute Morgen aufgestanden und war so dermaßen in Ordnung, dass ich mich kaum erinnern kann, welches noch mal die böse Schulter war.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Tag 3 4/5: Kinderwunsch-Folklore

"Wisst ihr noch, damals, als wir so viel schuften mussten, dass wir erst das komplette Agenturklo desinfiziert und uns dann da die Menogon-Spritze zwischen zwei Abstimmungen gegeben haben?"

Jaja. Ächz.

Freitag, 25. März 2011

IVF für Bastelfreunde

Diese IVF wird anders. Meine erste ohne dickes rundes Myom im Brennpunkt des Geschehens, meine erste in der neuen Klinik und meine erste, bei der richtig gebastelt werden muss. Synarela, Gonal, Ovitrelle und Crinone kannte ich. Enantone, Gonal und Menogon sind eine neue Mischung. Und hab ich mich vielleicht blamiert! Nachdem ich vorgestern den genehmigten Behandlungsplan von der Krankenkasse vergessen hatte, musste ich gestern extra in die Stadt fahren, um mir mein Rezept zu holen. (War nicht weiter schlimm, die Sonne schien, und ich fand die Aussicht gar nicht so schlecht, meine Hormontüte aus der Apotheke ein bisschen durch die Gegend zu schwingen, mir was Hübsches für meinen noch-Fastenkörper zu kaufen, das mir in zwei Wochen nicht mehr passt, und irgendwo noch etwas zu essen, damit das vielleicht sogar noch schneller geht.) Irgendwann um die Mittagszeit stand ich dann also vorm Tresen meiner Klinik, nahm Rezept und Spritzplan in Empfang und winkte souverän ab, als die Sprechstundenhilfe mir das noch schnell erklären wollte. "Kein Probleeeeeem, ist meine dritte IVF! Dieses Menogon ist dann so wie Ovitrelle, oder?" Beeindruckt nickte die Sprechstundenhilfe. Vor Lässigkeit zehn Zentimeter größer rauschte ich aus der Praxis in die Apotheke nebenan. Die Apothekerin brachte drei Pappschachteln: einmal Gonal, zweimal Menogon. "Wie viele Ampullen täglich müssen Sie sich spritzen?" Äh... Ampullen spritzen? "Lassen Sie doch mal den Plan sehen. Aha. Drei täglich." "Wieso täglich, ich dachte, das ist für den Eisprung? Am Ende?" "Nein, weiß jetzt auch nicht, hier steht: drei täglich."

Zwei Minuten nach meinem Abgang stand ich also wieder vor den Sprechstundenhilfen und musste kleinlaut zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was ich machen soll mit meinen neuen Hormonschätzchen.
Die Lösung lautet: täglich 75 Einheiten Gonal (weniger als beim letzten Mal, scheinbar ist Frau Doktor nachhaltig beeindruckt von der dicken Eierproduktion selbst unter Enantone) und dazu Menogon.

Menogon geht so: man bekommt in der Pappschachtel Glasampullen und kleine Glasgefäße mit einem weißen Pulver drin. In den Ampullen ist ein Lösungsmittel. Die Hormonbasteltante muss beim Einlösen des Rezeptes unbedingt daran denken, sich Spritzen und zweierlei Nadeln mitgeben zu lassen: feine Nadeln für den Bauch und große Nadeln zum Basteln. Alkoholtupfer gibt es auch dazu.
Zuhause angekommen, legt die Basteltante erst mal den Nebenwirkungszettel beiseite, besieht sich ihren Einkauf noch mal genau und schüttelt den Kopf. Dann nimmt sie eine Einwegspritze aus ihrer Hülle und setzt eine der großen Bastelnadeln auf. Sie nimmt eine Glasampulle, wickelt den dünnen Hals der Ampulle in ein Stück Klopapier oder ähnliches und bricht ihn ab. (Das Papier verhindert, dass wir uns schneiden oder kleine Splitterchen auf dem Badezimmerfußboden landen und später in unseren zarten Fußsohlen stecken, als hätten wir nicht schon genug Ärger am Hals.) Sie steckt die Nadel in die Ampulle, saugt die Flüssigkeit möglichst komplett in die Spritze und nimmt die befohlene Anzahl kleiner Glasgefäße mit weißem Pulver zur Hand. Die haben oben so ein kleines blaues Deckelchen, das muss ab. Darunter kommt eine weiche Gummihaut zum Vorschein. Durch Gummihaut Nr. 1 stecken wir jetzt die Bastelnadel und spritzen die Flüssigkeit in die Flasche. Mit Nadel in der Flasche, schütteln wir das ganze ein paar mal hin und her, und schon hat sich das Pulver in der Flüssigkeit aufgelöst. Die Flüssigkeit saugen wir zurück in die Spritze, was nicht einfach, aber zu schaffen ist, wenn man ein bisschen trickst und ruckelt und zwischendurch mal das Ganze umdreht, so dass man die Chance hat, die Luft aus der Spritze zu drücken. Jetzt ist also eins der Glasgefäße leer und sein Inhalt in der Spritze. Jetzt spritzen wir den Spritzeninhalt in das zweite Glasgefäß, schütteln, saugen zurück und drücken das alles in das dritte Glasgefäß. Und wenige Augenblicke später ist die Spritze gefüllt mit 1 x Lösungsmittel und 3 x Pulver. Wir setzen die Schutzhülle wieder auf die große böse Nadel, nehmen sie ab und setzen stattdessen die kleine, zarte, liebe Bauchnadel auf. Menogon ist einsatzbereit, und wir sitzen in einem kleinen Haufen Medizinmüll.

Wie Gonal geht und warum die Spritzen gar nicht schlimm sind, das könnt ihr hier und hier lesen.

Ansonsten muss jetzt noch der Gonal-Pen startklar gemacht werden: das heißt, Nadel draufschrauben, auf der 37,5-Markierung einmal ziehen und drücken, bis ein Tröpfchen aus der Nadel quillt, und ihn dann auf 75 stellen und hinten ziehen.

Ich genieße kurz einen Moment der Ruhe, während ich auf meiner Badezimmermatte hocke. Vor mir liegt mein kleines Babybastelset: Menogon und Gonal. Gleich geht es los, und wer weiß? Vielleicht sind das für eine ganze Weile die letzten vierzehn Tage, in denen ich Sushi essen, Alkohol trinken, Radfahren und was weiß ich was noch alles darf. Jenseits dieser zwei Spritzen warten Gebrüll, aufgeschlagene Knie, nie wieder ausschlafen und Kopfläuse. Ich wäre so weit.

Ich nehme einen Alkoholtupfer, wische damit einmal links und rechts von meinem Bauchnabel entlang und warte, bis der Alkohol verdampft ist und der Bauch wieder trocken. Erfahrung zeigt, dann piekst es weniger. Dann drücke ich die Gegend links von meinem Bauchnabel zu einer kleinen Wurst, nehme die Schutzkappe von der Menogon-Spritze und setze an. Ein paar Sekunden dauert es, bis ich das bisschen durchsichtige Flüssigkeit in meinem Bauch versenkt habe. Dann ziehe ich die Spritze wieder raus, setze das Käppchen auf die Nadel und lege diese Spritze zu dem restlichen Medizinmüll, die brauche ich nicht mehr. Gonal bekommt heute die andere Seite (keine Ahnung, ob das richtig so ist, aber ich mache das so): 75 Einheiten aus dem Pen in den Bauch, Pen wieder raus, zwei Käppchen auf die Nadel, Nadel ab, Deckel auf den Pen. Dann räume ich den Müll beiseite, lege den Pen in den Kühlschrank und trinke einen Schluck Geburtstagsbrause.

Was lernen wir daraus?
Im Zweifel lieber fragen als zu schlau sein wollen. An die Spritzen denken, falls der Apotheker es nicht tut. Und sich auch vor fremden Spritzen nicht fürchten.

Ein bisschen war das wie Starkbieranstich, nur dann wieder ganz anders, und die CSU war auch nicht anwesend. Hiermit erkläre ich diese IVF für offiziell eröffnet!

Dienstag, 15. März 2011

Ein Bauch sieht rot.

Inzwischen würde es mich kaum noch wundern, wenn eines Tages wirklich zwei-drei Kinder aus meinem Bauch quellen, sie wären nicht die erste Überraschung, die er für mich ausbrütet. Vermutlich in dem Moment, in dem ich beschlossen habe, ohne Blagen zurechtzukommen und einen 1a Plan für den Rest meines Lebens gerade in trockenen Tüchern habe. Ha.
Eigentlich sollte ich nächste Woche Freitag anfangen, Gonal zu spritzen. Vielleicht sogar noch ein bisschen später. Ich habe immer wieder meinen Kalender durchgeblättert (seit ich Freiberuflerin bin, habe ich eine plötzlich so einen gruseligen, analfixierten Spaß daran, Termine einzutragen und nachzuschlagen; es ist so eine Art Selbsttäuschungsmanöver, um mich davon abzulenken, dass ich sonst immer noch genau so chaotisch und unordentlich bin, als hätte ich einen Stab von Assistenten, die hinter mir herräumen und alles in Ordnung bringen, was ich verbammele) und nachgezählt, wie lange noch bis zur Punktion und bis zur Rückübertragung, und wie fein das alles auf meine Pläne in den nächsten Wochen abgestimmt ist. Da waren die Termine, schön sauber in der Mitte zwischen Geburtstagsparty, Familientreffen (das wir seit inzwischen zwei Jahren planen, verschieben, neu planen und wieder verschieben) und verschiedenen Präsentationen im Job. Alles war gut, alles war ordentlich.
Gestern morgen bin ich aufgestanden und hatte meine Tage. Erst nur ein bisschen, inzwischen blute ich wie ein Schwein und krümme mich wie ein Shrimp. Ich habe meine Klinik angerufen und um Rückruf gebeten, eigentlich sollte das nicht sein, wozu spritze ich mir denn Enantone in den Bauch wie eine Große?
Heute nachmittag kam der Rückruf, und jetzt fangen wir übermorgen an zu spritzen. Ich hatte noch keinen Termin beim Chinamann, ich hab andere Sachen vor, zum Beispiel meine blöde Fastenwoche (never ending sto-hory, ahaha, ahaha, ahaha), die ich jetzt vergessen kann, denn Fasten als Vorbereitung auf IVF: wunderbar, aber Fasten während Stimulation, eher nicht. Alles ist futsch. Zwar werde ich zu meiner Geburtstagsparty noch keinen Braten in der Röhre haben, aber trotzdem werde ich in meinen Aktivitäten von einem Medizinballbauch voller Eisprünge etwas gebremst sein. Das Familientreffen, das meine Cousinen mit Mettbrötchenessen, Altbiertrinken und Radfahren im Münsterland liebevoll, feinfühlig und treffsicher auf meine Bedürfnisse zugeschnitten hatten, wird natürlich genau so stattfinden, nur dass ich weder beim Mettbrötchenessen noch beim Altbier oder beim Radfahren dabei sein werde, denn bis dahin werden die Würmchen drin sein. Verdammte Axt. Und zusätzlich zu all dem darf ich mich nun auf Jobstress mit Hormonstress obendrauf freuen.

Hab ich mal geschrieben, dass diese ganze IVF eigentlich gut zu machen ist? Das war Blödsinn. Ich will Mettbrötchen.

Dienstag, 8. März 2011

Aufgeregt? Come on.

Nach der natürlichen Ordnung eines Befruchtungsblogs gehört hierhin jetzt eine entnervte Schilderung, wie übel mich die Enantone vom letzten Freitag erwischt hat. Hat sie nämlich. Die Nebenwirkungen, die sich kurz vor der Bauchspiegelung langsam verzogen haben, sind von heute auf morgen wieder da. Unabhängig von den sicherlich vollauf gerechtfertigten Versprechen auf meinen drei Shampooflaschen habe ich gerade Haare wie eine Badekappe. Außerdem eine ganze Latte an Zipperlein von Kopf bis Fuß. Es juckt und zwickt überall, und wie immer hat sich pünktlich in dem Moment, in dem ich mir überlege, morgen den Tag mit einem flotten Trab um den Park zu beginnen, ein Körperteil entschieden, dagegen zu sein: ohne erkennbaren Anlass (außer der Enantone) tut mein linker Fuß ungefähr so weh, als hätte eine Dame mit dem Absatz drei Stunden auf ihm draufgestanden.

Ich hab aber keine Lust auf langweiliges Hormongejammer, ich höre mich ja schon an wie mein eigenes Wechseljahreskränzchen.

Stattdessen freue ich mich lieber auf ein paar nette Dinge, die in nächster Zeit anstehen: die Mädchen haben sich angekündigt, um mit mir meinen Geburtstag in der neuen Hütte zu feiern. Nachdem ich seit fast zehn Jahren Belle & Sebastian-Fan bin, gehe ich demnächst zu meinem ersten Belle & Sebastian-Konzert. Ich habe ein neues großartiges Buch gefunden, es ist von Edward St.Aubyn, und jeden Tag kann ich es kaum abwarten, bis ich endlich in meinem Pölterchen im Bett liege und darin lesen kann. (Außerdem ist es mein Methadon-Programm, um mich von den elenden Tudors-DVDs wegzubringen. Teufelszeug ist das.) Ab übermorgen faste ich, was an sich kein Grund zur Vorfreude ist, vor allem, wenn man dazu diese grässlichen, klebrigen Bücher voller mieser Gedichte und Kalendersprüche lesen muss, die einem dauernd in sein Leben reinquatschen wollen - ich will einfach nur ein paar Tage entgiften, ein bisschen dünner werden, mich wieder konzentrieren lernen und mich hinterher wieder mehr über ein Äpfelchen, ein Steakchen und ein Weinchen freuen als jetzt, kapiert das niemand? - aber worauf ich mich freue, ist, dass mir wieder ein paar mehr Hosen passen. Ich freue mich auf die Belohnungsshoppingrunde, bei der ich hoffentlich nicht so übermütig werde, mir tatsächlich Kleidung in Größe 36 zu kaufen in der irrigen Annahme, dass die mir ab sofort ja passt. Ich freue mich darauf, dass die Enantone nachlässt, auf die erste Gonal, auf die zweite und dritte, auf die alte Magie des Wartens auf den Schwangerschaftstest, auf Namen für sowas von ungelegte Eierchen ausdenken, auf vielleicht schwanger sein, auf den Frühling und den Sommer, auf eine Zeit, wenn ich mit zwei Wollpullis durchs Haus laufe und nicht trotzdem friere (Mädchen, versteht die Botschaft: zu meinem Geburtstag könnt ihr gerne im kleinen Pinken erscheinen, aber nehmt euch auch ein hübsches Strickjäckchen und ein paar Fäustlinge mit, gell?), ich freu mich auf die Rippchen, die ich mir gleich als Henkersmahlzeit vor dem Entlastungstag morgen (erlaubt sind Knäcke, Rohkost, Tristesse) reinschieben werde, sobald es von unten nach Grill riecht, ich freu mich auf die Folge GNTM, die ich letzte Woche nicht gucken konnte und mir gleich im Netz ansehe, ich freu mich auf einen Wanderurlaub im Schwarzwald und einen Mädchenurlaub am Pool, der heute in 120 Tagen beginnt, schwanger oder nicht.

Ich fange an zu glauben, ohne den Enantone-bedingten Stimmungsknick (auf der Heimfahrt aus Franken am Sonntag war ich kurz vor einem Schlaganfall, nur weil die nette Schaffnerin alle zwanzig Sekunden irgendwas durchgesagt hat und mir in meine Tudors reingequatscht hat, ich habe meinen Rechner so fest umklammert vor Zorn, dass ich einen Krampf im Unterarm und gewaltige Angst vor mir selbst bekommen habe) wäre ich gerade nicht auszuhalten.

Freitag, 25. Februar 2011

Der Hormonzirkus ist zwar noch nicht da, aber in der Fußgängerzone hängen schon die ersten Plakate

Heute war L. zum ersten Mal mit in der neuen Klinik. Und das beim ca. sechsten Besuch! Aber wirklich neu ist das alles für ihn ja nicht, außerdem war ich bisher emotional nicht besonders aufgewühlt bei meinen Besuchen, brauchte also auch keine starke Schulter, und wirklich zu tun gab es für ihn da auch nichts. Heute fand ich aber, es ist höchste Zeit, dass er meine Ärztin mal kennenlernt und sie ihn, schon allein, um sicher zu sein, dass es ihn wirklich gibt und er nicht ein schillerndes Geschöpf meiner Phantasie ist.
Das schillernde Geschöpf meiner Phantasie und ich saßen also heute zum ersten Mal Seite an Seite vor der netten Ärztin, ich ein bisschen nervös, denn das C-Wort und die ganze traurige Geschichte, die damit zusammenhängt, haben mir heute Nacht ganz schön die Träume vergiftet. Zum Glück fegte sie das Wort, die Geschichte und meine üblen Träume einfach vom Tisch, indem sie sagte: "Das ist Blödsinn. Kompletter Blödsinn. Diese Endometrioseverwachsungen können ganz unterschiedlich aussehen, und ja, an Chlamydien darf man dabei als Operateur auch mal denken, aber bei Ihnen nicht. Sie - haben - keine - Chlamydien."

Na bitte. Damit zur Frage, wie es weitergehen soll. Sie sagte, wir dürften auch ruhig noch mal ein halbes Jahr nach Hause gehen und es alleine versuchen. Aber das wollte ich nicht. Nicht, weil ich so wahnsinnig scharf darauf bin, mein Leben sechs Wochen lang von Spritzen und Tabellen lenken zu lassen, sondern aus wohldurchdachten, erwachsenen 1a Gründen.
Nämlich:
1. Innerhalb weniger Monate ist einer meiner Eileiter wieder zugegangen. Was, wenn der andere ihm das jetzt heimlich nachmacht? Bis zur nächsten Bauchspiegelung hätten wir keine Chance, zu erfahren, was genau da unten vor sich geht, und würden es immer weiter probieren... und probieren... und probieren.
2. Die Endometriose, Myome und anderen Verwachsungen scheinen ziemlich fix zu sein in meinem Bauch, egal, wie wir dagegen anspritzen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir ein halbes Jahr bleibt, bis alles wieder zugewachsen ist und die nächste OP anstehen würde. Und ich glaube, dank dieser Schling- und Würge-Gewächse sind meine Chancen in freier Wildbahn sowieso schon nicht besonders gut.
3. Im Zweifel kriege ich eher sechs Wochen hin, bei denen ich mich nach drei Fixpunkten - Ultraschall, Punktion und Rückübertragung, richten muss als sechs Monate, in denen wie durch Zauberhand immer entweder L. und ich zum entscheidenden Zeitpunkt an zwei verschiedenen Orten sind oder der entscheidende Zeitpunkt sich trotz perfekter Planung dauernd verschiebt.
4. Ich kenne das schon, ich hatte schon zwei IVFs, und ich fand, das lässt sich aushalten. Das jetzt noch mal zu machen und dadurch die Chance zu erhöhen, innerhalb von wenigen Zyklen schwanger zu sein, klingt wie etwas, das ich hinkriege. Und L. sagt, er kriegt das auch hin.
5. Aus irgend einem Grund traue ich meiner fabelhaften neuen Ärztin zu, dass sie das noch besser kann als meine alten Ärzte. Die soll das ruhig auch mal versuchen dürfen.

Heute habe ich also noch mal Blut dagelassen und mir ein Enantone-Rezept abgeholt. Am Montag rufe ich an, und falls der Enantone-Vorrat der letzten Monate inzwischen von meinem Stoffwechsel aufgeknuspert sein sollte, gebe ich mir Montag noch einmal eine Spritze. Die soll Synarela ersetzen. Das wird Phase 1. Und nach ca. drei Wochen fangen wir dann an, zu stimulieren. Das wird Phase zwei. Und zwischendurch soll ich einmal monatlich zur Osteopathin gehen und mich mit meinem Chinamann besprechen, ab wann er wieder ran soll.

Wieder mal habe ich eine lange, lange Wartezeit hinter mich gebracht, ohne es überhaupt zu bemerken. Die letzte Behandlung war nur eine Rückübertragung und fand vor ziemlich genau einem Jahr (glaube ich) statt. Jetzt sind es plötzlich nur noch etwas mehr als drei Wochen bis zur nächsten Gonal. Eieiei! Die letzte von denen hatte ich wohl im Juni 2009? In einem Sommer vor langer, langer Zeit... vor der Selbständigkeit, vor dem Umzug, vor Lili, vor der Fehlgeburt, vor der kirchlichen Hochzeit - Gonal war ewig nicht mehr da. Das ist ja fast so wie die Wiedereinführung von Brauner Bär!

Haltet mich für bekloppt, aber ich freue mich auf den Hormonzirkus. Ich will endlich mal wieder rauf auf dieses geistesgestörte Pony mit den rosa Federn auf dem Kopf.

Dienstag, 15. Februar 2011

Abzüge für Enantone in der B-Note

Ich bin wieder zuhause, liege hier mit einem Bauch wie der Nikolaus (Gas- und Adept-gefüllt) und habe es überstanden. Aber da war wieder alles voller Endometriose. Über zwei Stunden haben sie an mir herumgeschnitzt. Und mein rechter Eileiter ist auch wieder dicht. Was genau hat dieses Enantone da unten eigentlich getrieben, außer für Haarausfall und miese Laune zu sorgen?