Es ist ein bisschen so, wie wenn man einen ganz alten und sehr guten Freund hat, den man viel zu selten sieht und mit dem man einmal im Monat telefonieren sollte. Und dann verbammelt man es und denkt fast täglich: den muss ich unbedingt anrufen, am besten heute. Und man verbammelt es aber immer noch, und irgendwann hat man erstens ein schlechtes Gewissen und zweitens inzwischen so viel zu erzählen, dass es mit einem üblichen 30-Minuten-Telefonat nicht mehr zu schaffen ist, und plötzlich ist ein halbes Jahr vergangen und man hat nicht telefoniert. Liebe Abkürzungsdamen, es tut mir sehr leid, dass ich in letzter Zeit so postfaul bin, aber irgendwie kommt das so. Ich stehe auf, füttere das Baby, und plötzlich kommen die Nachrichten und der Tag ist vorbei und ich bin völlig kaputt und zu nicht mehr imstande, als vielleicht noch einen Krimi zu gucken. Das hier muss also wieder mal ein Sammelpost werden.
Die Suche nach der Kinderfrau ist immer noch in vollem Schwung. Bisher hatten wir sechs Damen hier sitzen, vier letzten Donnerstag und zwei gestern. Wenn man bedenkt, dass ich heute in sechs Tagen wieder am Schreibtisch sitze, ist das sowas von haarscharf, aber so ist das wohl mit mir, ich komme auch immer am liebsten in dem Moment auf den Bahnsteig, wenn der Zug einfährt, statt da noch zehn Minuten rumzustehen. Zwei mehr hatte ich zwar eingeladen, aber die eine musste wegen eines Notfalls in einer anderen Familie abspringen, die andere kriegte es nicht hin vorbeizukommen, weil ihr ständig ihre Gesundheit querschoss. Blieben also sechs. Davon waren es zwei auf gar keinen Fall, die eine war so unsicher und gebeutelt, dass sie noch nicht mal Speedy in die Augen gucken konnte, geschweige denn uns, und die andere - die andere war offensichtlich wahnsinnig, und weil dieses Auswahlverfahren zeitlich mit den ersten Folgen von "Hannibal" zusammenfällt, wird die mich noch die eine oder andere Nacht um den Schlaf bringen. Puh. Dann waren da noch eine, die zwar perfekt war - herzlich, erfahren, zupackend und sofort mit einem tollen Draht zu Speedy, aber die wollte statt der 15 Wochenstunden, die wir sie brauchen, lieber 25 arbeiten. Wieso sie sich dann überhaupt vorgestellt hat und uns mit sich als perfektem Babysitter vor der Nase herumwedeln musste, um unsere Standards zu ruinieren und uns dann zu eröffnen, dass wir sie uns nicht leisten können, weiß der Himmel. Die also auch leider nicht. Dann gab es noch eine ältere, sehr spröde Dame mit einem ganzen Stapel hervorragender Zeugnisse. Bei der dachten wir, wenn die im Haus ist, werden wir automatisch grader sitzen und nicht so krümeln, was ja bestimmt kein Fehler ist. Wir dachten aber auch, die fängt an und sagt uns nach zwei Wochen, dass ihr das alles hier zu chaotisch ist und die Hunde sie überfordern, und dann geht die Suche wieder von vorne los, nur dass bei dieser Runde alle Damen rausfallen, denen wir im ersten Anlauf abgesagt haben, weil sie jetzt beleidigt sind. Und dann waren noch zwei sehr nette Mädchen da, von denen es bei einer leider nichts werden wird, weil sie sich eigentlich um einen Ausbildungsplatz bewirbt, den sie, wenn es irgend eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, auch bekommen wird, und dann hat sie demnächst wieder keine Zeit für uns. Blieben übrig: nettes Mädchen Nr.2 und die spröde alte Dame. Die spröde alte Dame haben wir zuerst angerufen, und sie hat uns abgesagt, weil Speedy auf ihrem Arm so gebrüllt hatte - das wertete sie als schlechtes Vorzeichen. Es nützte auch nichts, dass wir ihr gesagt haben, sie soll das bitte auf keinen Fall persönlich nehmen, es würde sich bestimmt bald bessern - sie wollte nicht. Und jetzt warten wir gespannt wie Flitzebogen auf den Rückruf von nettem Mädchen Nr.2. Wird sie es? Und wenn nicht, was dann? Muss Mama am Ende ihren ramponierten Körper verkaufen, um der Supernanny 25 Stunden die Woche zu zahlen? Wir werden sehen.
Speedy macht sich inzwischen ganz großartig. Wir haben tatsächlich ein Baby, das die ganze Nacht friedlich schlafend neben mir im Babybay liegt und schläft. Eine Weile lang ist er immer um fünf Uhr aufgewacht und hatte Hunger. Jetzt wache ich um fünf auf, starre ihn an und kann nicht fassen, dass er a) tatsächlich dort liegt und ruhig atmet und b) jetzt vermutlich noch zwei oder drei Stunden weiterratzen wird. Tagsüber ist er entsprechend ausgeschlafen, hellwach und möchte eigentlich den ganzen Tag herumgetragen werden. Wobei er seit ein paar Tagen auf mal zwanzig Minuten alleine in seinem Wagen liegt und hingerissen mit dem über ihm baumelnden Plüsch-Schaf spielt. Lege ich ihn auf meine Knie und lächele ihn an, dann grinst er zurück und erzählt mir einen. Seine Lieblingswörter bisher: Anke, Gaugin, Gogol, Gruhuhu, Ruhe und Girls. Wobei sogar ich zugeben muss, dass Gruhuhu eigentlich kein Wort ist. Am schönsten ist es, wenn Speedy meine Nase sieht, strahlend den Mund aufreißt und anfängt, daran zu saugen. Oder, wenn er knötterig wird und ich mich mit ihm für eine halbe Stunde ins Bett lege, damit er ein bisschen trinken kann. Dann schläft er nämlich nach drei Minuten ein, und ich liege für ein Weilchen mit meinem schlafenden Baby im Arm da und kann gleichzeitig ein paar Seiten lesen. Oder, wenn er seinen Eisbären-Anzug anhat, den L. ihm von seiner ersten Soloreise mitgebracht hat, und wir ihn durch den Herbstwald schieben. Oder, wenn er mich reitet wie ein zahmes Pony: ich habe ihn auf dem Arm, und er faucht und fuchtelt so lange, bis ich da hingelaufen bin, wo er mich haben will und wo er irgend etwas Interessantes entdeckt hat. Eigentlich ist fast alles am schönsten. Und jetzt muss ich schon wieder aufhören, denn offensichtlich findet Speedy gerade etwas nicht so schön. Sprechen wir bald mal wieder? Tun wir, ganz bestimmt.
strawberry chiffon shortcake, perfected
vor 1 Woche