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Samstag, 18. März 2023

Ein Ende, ein halbes, eine selbst für mich neue Dimension von Peinlichkeit und ein Anfang

Liebe Abkürzungsdamen,
und natürlich liebe Agenturleute,

heute ist für mich ein besonderer Tag, und an diesem Post habe ich lange herumgedruckst.

Die Wahrheit ist, dass hier schon ewig tote Hose herrscht. Nein, vollkommen falsch gewähltes sprachliches Bild gerade für hier und jetzt: hier ist seit Ewigkeiten kein neuer Post erschienen, ich beantworte keine Kommentare mehr, und wenn ich mal schreibe, dann ist das auch nicht so richtig zufriedenstellend, die paar hingeworfenen Krümel. Einige der Gründe kennt Ihr längst: meine letzte IVF-bezogene Tat war 2013, und das hier ist ein Blog über das Leben in Kinderwunschbehandlung. Über meine Kinder will ich nicht schreiben, weil sie erstens eines Tages unweigerlich auf dieses Arschloch in ihrer Klasse stoßen werden, das den Blog ausschnüffelt und ihnen dann mit Mamas Online-Liebeserklärungen von 2019 das Leben zur Hölle machen wird. Außerdem, weil ich weiß, wie das ist, wenn man selbst gerade zwischen zwei Zyklen hängt und dann liest, wie herrlich chaotisch die Weihnachtsbäckerei mit den Kindern bei einer anderen lief und sich freuen will und irgendwie nicht kann aber doch so gerne will und trotzdem traurig wird und es ist alles einfach nur scheiße, wieso denn ich?

So.

Dann ist da immer noch die Krise, die Krise ist mal gut drauf und mal läuft sie Amok. Ich hab immer noch keine Ahnung, ob ich, ob wir das hinkriegen und wenn ja, wie, ob ich mich nicht so anstellen soll und das wird schon, ob das alles nur in meinem Fusselhirn ist oder einfach überall. Während einer Familienkrise über das Familienleben zu schreiben, ist einerseits eine Top-Idee, andererseits sollte es vielleicht lieber im privaten Tagebuch oder im Rahmen einer Therapie passieren als auf einer meterhohen Plakatwand direkt gegenüber von L.s Schlafzimmerfenster. Vielleicht, nur vielleicht.

Und dann war da neulich noch dieses Meeting, in dem einer meiner Chefs - den ich sehr mag, der ein feiner Mensch ist und der das bestimmt nicht böse gemeint hat, aber eben ein paar Sekunden zu wenig nachgedacht hat - etwas über mich sagen wollte, und plötzlich erschien an der Wand das grauenvolle Foto aus dem Spiegel-Spezial-Artikel damals, und die Temperatur in meinem Gehirn sank schlagartig um 20 Grad. “Wusstet ihr eigentlich, dass unsere Flora Millionen von Lesern hat?” hörte ich ihn aus zwei Kilometern Entfernung nicht ganz richtig sagen. Also, insgesamt schon, aber trotzdem bin ich schließlich nicht… egal. Sofort zogen mindestens vier Leute im Meeting ihr Telefon raus und fingen an zu googeln. Und dann waren wir auch schon wieder auf dem nächsten Chart, und hier sind wir nun. Noch mal willkommen an euch, lovely people aus einer der tratschigsten Branchen der Welt, mit denen ich jeden Tag an der Kaffeemaschine stehe und die sich zwar streng genommen auch hätten hergoogeln können, aber die mich vermutlich von alleine nicht gegoogelt hätten, es sei denn, sie hätten sich auch völlig unerwartet wie die meisten von uns unter den Abkürzungsleuten gefunden, und die nun auch, wenn sie das wirklich möchten, alles wissen über Hormonzirkus, die Zustände in meiner Bauchhöhle, über meine Geburten und wie das so war, über den ganzen Mist und Spaß, und wenn sich jemand vorstellen kann, wie sich das anfühlt, dann ja wohl ihr. Und hier sind wir jetzt. Ein großes Hallo!

Mein erster Impuls zurück aus dem Meeting war, den Blog zu löschen.

Das hab ich nicht getan, und das werde ich auch nicht tun. Und während mein Puls sich zurück in den zweistelligen Bereich gekämpft hat und ich die Phasen extreme Scham, Angst, Wut, ich kündige, why oh why (und wieso bitte dieses bescheuerte Foto, von allen Fotos weltweit von mir, das ich trotz Absprache so nie freigegeben habe, auf dem ich einen fleckigen verwaschenen Pulli trage und aussehe, als hätte ich gerade eine Marienvision und müsste dringend mal was Pflegendes für die Haare verwenden), starren die gerade, nein, die haben was Besseres zu tun zum Glück, doch, die starren, beruhig dich, Jenna Maroney - also alle Zustände des voll ausgeprägten Fusselhirns durchlaufen habe, habe ich irgendwie zu einer Haltung gefunden, die ich mir jetzt auferlegt habe wie andere Leute ein Schweigegelübde und mit der ich zu einer Art von Frieden gefunden habe: es ist doch ok. So ist das eben, wenn man im Netz über seinen ganzen Privatquark schreibt. Vielleicht ist sogar jemand dabei, der oder die auch gerade in dieser Lage ist und sich jetzt etwas weniger allein fühlt, das wäre schön. Ich bin ein großes Mädchen und sollte zu dem stehen, was ich hier tue. Das hier ist nämlich auch ein Baby. Es mag manchmal komisch aus der Windel riechen oder die Delfter Vasen umschmeißen, aber es ist doch meins.

Und dann ist da noch was. Agentur-People, ihr werdet es ja live mitbekommen, dass ich demnächst mindestens zwei Wochen nicht da sein werde. Da liege ich nämlich im Krankenhaus für das nächste und hoffentlich letzte Kapitel meiner Endometriose-Behandlung. Schon seit Monaten ist in meinem Bauch offensichtlich die Hölle los. Wie viel genau, weiß ich seit zwei Besuchen im Beckenboden- und Endometriose-Zentrum eines Hamburger Krankenhauses. Und am 29.3. werde ich darum operiert. Agenturleute, dies ist wirklich der Punkt, an dem ihr nicht weiter lesen solltet, wenn ihr das öffentliche Diskutieren medizinischer Details eklig findet. Ihr seid gewarnt.


Ich bekomme eine Bulkamid-Injektion neben die Harnröhre, die mein Pipiproblem aus der Welt schaffen sollte (der Beckenboden, ich war genauso überrascht wie ihr, das zu hören, ist gut in Schuss und “ordentlich trainiert”, na bitte). Dann werden noch verschiedene Endometriose-Herde rund um die Gebärmutter entfernt, unter anderem muss ein Stück aus meiner Darmwand ausgestanzt werden und eine richtig große Endometriose-Zyste ist dann hoffentlich auch weg. Und dann wird mir, so wie es aussieht, die inzwischen auch von Adenomyose und einem Rudel Myome zerschossene Gebärmutter entfernt. Ich bitte alle Abkürzungsdamen, von warnenden, mahnenden und entgeisterten Kommentaren abzusehen, ich will auch nicht hören, dass das ein typischer Fall von übergriffiger und ignoranter Männermedizin ist, dass es alternative uralte Heilmethoden gibt oder eine Klinik in Tschechien oder Kanada, die mein Problem anders löst. Auch nicht, dass ich nur an meiner Ernährung oder dem Feng Shui in meinem Schlafzimmer schrauben muss. Ihr könnt euch nicht vorstellen - wobei, vielleicht doch - wie weh das alles tut, wie müde das macht, wenn man immer blutet und Eisenmangel hat, wie gruselig das ist, wenn meine Gebärmutterschleimhaut meinen Darm frisst und wenn jeder Tag neue Merkwürdigkeiten mit sich bringt. Ihr könnt euch vermutlich schon etwas besser vorstellen, wie hart es für mich ist, mich von einem Körperteil zu trennen, mit dem ich schon so viel erlebt habe (und ihr irgendwie auch). Wie das ist, wenn einem ein Arzt erzählt, Kinder würde ich ja nicht mehr wollen, die würde also nicht mehr gebraucht und hätte ihren Job erledigt. Der hat es bestimmt gut gemeint und ja im Kern auch Recht, aber trotzdem: nicht gut. Und fast alle von Euch haben Erfahrung damit, sich unters Messer zu legen in der Hoffnung, auf diese Weise etwas besser zu machen und es bestimmt nie zu bereuen, aber genau weiß man es nicht. Das Ende meiner Fusselgebärmutter ist jedenfalls für mich ein fetter Einschnitt und fühlt sich an wie das Ende von viel mehr Dingen.

Ich verspreche, ich werde Euch - wann, weiß ich noch nicht - schreiben, wie das lief und irgendwann nach einer Schonzeit, ob ich endlich wieder laufen gehen kann. Falls ihr eine Frau mit wirrem Haar, Stöpseln im Ohr, hochrotem Kopf und nassgeheultem Gesicht im Hamburger Raum an euch vorbeirennen seht, das bin dann wohl ich. Und ob das dann das Ende des Blogs ist, weiß ich auch noch nicht.

Und dann wollte ich Euch noch erzählen, dass ich heute morgen um sechs Uhr aufgestanden bin und eine Domain gekauft habe. Ich habe sie direkt für zwei Jahre bezahlt, denn ich habe viel damit vor. Noch steht da gar nichts, aber das wird sich bald ändern. Sie wird genau so persönlich sein wie diese Seite hier. Sie wird manchmal bestimmt auch Abkürzungsthemen streifen, aber sich um ein komplett anderes Thema drehen, das mich jetzt in Atem hält, seit ich ca. zwei Jahre alt bin und mich bis ins Grab begleiten wird. Demnächst werde ich die ersten Posts schreiben. Und wenn es so weit ist, erzähle ich euch davon. Falls es also ein paar unter Euch gibt, die irgendwann wegen Abkürzungskram hier gelandet sind, dann aber trotz allem geblieben sind und vielleicht Lust haben, etwas Neues von mir zu lesen: ich freue mich auf Euch.

Donnerstag, 26. Juli 2018

Jetzt aber.

Liebe Abkürzungsdamen,

selbst in diesem eigentlich blogfreundlichen Urlaub ist die Blogzeit kürzer als erwartet, darum will ich gar nicht viel kostbare Schreibzeit damit verschwenden, zu sagen, wie leid es mir tut, dass ich mich hier seit Wochen/Monaten/Jahren ständig tot stelle, sondern direkt schreiben, was es eigentlich zu schreiben gibt.

Erstens: Mutti hat einen Job, und hoffentlich dreht keiner durch.
Im Nachhinein kann ich natürlich leicht sagen, die Arbeitslosen-Krise war ein floratypisches Superduperdrama im Taschenformat, dass ich mich nicht so hätte aufregen sollen und dass doch eh klar war, dass das wieder wird. Aber die Wahrheit ist, ich hatte wirklich Angst, und hätte ich nicht zufällig eine Freundin, die in meiner zukünftigen Agentur arbeitet, wäre die Krise vermutlich auch jetzt noch nicht vorbei. Zur Erinnerung: Ich habe seit vielen Jahren in einer Agentur eigentlich fest gearbeitet, ohne dort jemals fest angestellt zu sein. Das lag nicht an den miesen Ausbeuterchefs, sondern aus irgend einem Grund wollte ich lange nicht fest dort arbeiten, und dann wollte ich irgendwann doch, aber dann war ich plötzlich aus dem Nichts im dritten Monat und hatte einfach nicht die Chuzpe, jetzt um einen Vertrag zu bitten. Dann kam die Elternzeit, in den letzten Wochen bis zum Mutterschutz hatte ich noch mal richtig viel zu tun, denn es war scheinbar schwerer als gedacht, eine Babyvertretung für mich zu finden, und tatsächlich habe ich bis ein paar Tage vor Entbindung noch oft genug zuhause am Rechner gesessen und mal eben schnell noch diesen einen kleinen Job gemacht. Es war nicht schön, aber es gab mir zumindest das Gefühl, gebraucht zu werden und mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, dass es nach der Babypause genau so weiter gehen würde. Dieses Gefühl wurde noch mal bestärkt, als ich zur Martinsfeier mit allen zusammen saß und mir strahlend und etwas angeschickert anhörte, wie sehr mich alle vermissen, dass sie es kaum erwarten können, wenn ich demnächst wieder an meinem Schreibtisch sitze und die Mikrowelle einsaue, und dass ohne mich sowieso alles Mist ist. Im Januar auf unserer Haus-Einweihungs-Party erzählten sie das dann noch mal. Und dann kam der April, die letzten Wochen der Kita-Eingewöhnung von Klärchen, und ich hatte ein Gefühl. Nur so ein Gefühl! "Du spinnst", sagte L., der von meinen Gefühlen prinzipiell nichts hält (auch wenn er oft genug sagt, ich hätte gar keine). Das Gefühl blieb. Dann habe ich ungefähr zwei Wochen vor dem geplanten ersten Arbeitstag mal da angerufen. "Oh, ach so", sagte die sehr nette Dame am anderen Ende. "Du weißt ja, wie es ist, im Frühjahr müssen wir immer so ein bisschen sehen, wie wir klar kommen. Ich sprech mal mit den Jungs (Anmerkung: Werbecode für Bosse) und melde mich dann wieder." Das war an einem Donnerstagmorgen. Am Nachmittag kam kein Rückruf. Ich sollte vielleicht dazusagen, dass diese Agentur räumlich sehr überschaubar ist, mit den Jungs zu sprechen, erfordert eigentlich nur, kurz die Stimme zu erheben. Freitag kam auch kein Anruf. Montag habe ich dann noch mal angerufen, und es zeigte sich, dass mein Gefühl Recht gehabt hatte: So leid es ihnen täte, sie hätten im Moment einfach nichts zu tun für mich. Das war schade, sehr schade. Vor allem, nachdem ich fest darauf gebaut hatte und nachdem ich viele Monate ungenutzt hatte verstreichen lassen, in denen ich natürlich mit Macht neue Kunden hätte rankobern können. Mich arbeitslos zu melden, war auch überhaupt keine Option, denn das letzte "normale" Geschäftsjahr, das für die Berechnung meiner Bezüge herangezogen worden wäre, war 2016 - in dem es ganz genau so gelaufen war mit dieser Agentur. Ich wollte eigentlich im November 2015 nach Michels Babypause zurück in den Sattel, aber auch da hatten sie plötzlich nichts für mich zu tun, und bis ich wieder richtig arbeiten konnte, war es Juni geworden. Das war also ein eher schwaches Jahr gewesen, mein Arbeitslosengeld wäre fast komplett von den zusätzlichen Kitastunden über die Basisversorgung hinaus aufgefressen worden, die mir als Arbeitsloser nicht mehr zugestanden hätten. Außerdem habe ich eine irrationale und durch nichts erklärbare Allergie dagegen, arbeitslos zu sein. Ich hatte also kein Geld, keinen Job und wusste nicht so richtig, was ich machen soll. Meine erste Bewerbung ging an eine Agentur, in der ich früher mal gearbeitet habe - vor den Kindern, vor einer Ewigkeit. Damals hatte ich dort gekündigt, weil sie meinen Teampartner auf ziemlich unelegante Art rausgekickt hatten. Sie haben damals alles versucht, um mich vom Bleiben zu überzeugen - sogar eine Viertagewoche zum Gehalt einer Fünftagewoche haben sie mir angeboten. Ich dachte damals, Charakter würde sich darin zeigen, jetzt hart zu bleiben. Ich blieb also hart und traf eine der dööfsten Entscheidungen meiner an doofen Entscheidungen nicht gerade armen Karriere. Aber doofe Entscheidungen kann man manchmal doch korrigieren, oder? Dachte ich jetzt und bewarb mich als Texterin in dem Laden, in dem inzwischen alle Leute, die mich damals halten wollten, entweder weg oder tot waren. Als Texterin kann man sich naturgemäß nicht gut mit einem Schreiben bewerben, das mit den Worten "Hiermit bewerbe ich mich auf die Stelle als Texterin" beginnt. Ich habe wochenlang an einer ganz besonderen Bewerbung gearbeitet, die ein möglichst genaues Bild von mir geben sollte. Dann habe ich sie abgeschickt mit dem Gefühl, das man vermutlich bei der NASA hat, wenn die Rakete nach jahrelanger Vorbereitung die Erdatmosphäre verlässt. Erst kam eine automatisierte Antwort, dann kam lange gar keine, und dann eine automatisierte Absage. Und auch wenn das die erste und bisher einzige Bewerbung gewesen war, war ich ehrlich, ehrlich fertig. Ich war zwei Wochen später immer noch fertig, als ich in der Küche meiner alten Freundin B. saß. Sie hatte Trost und kalten Wein für mich, während ich jammerte, könnte ja sein, dass Texterinnen händeringend gesucht würden, aber jedenfalls würde niemand händeringend nach 45jährigen Texterinnen in Teilzeit mit drei kleinen Kindern suchen. Und dann sagte sie, das wäre doch Quatsch, in ihrer Agentur gäbe es mit Sicherheit einen Job für mich. Am nächsten Tag hat sie ihren Chefs geschrieben und ihnen den Link zu meiner Homepage mit meinen Arbeiten geschickt. Und am übernächsten Tag hatte ich die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Zu dem ging ich noch mit gestrichen voller Hose, immerhin war das mein erstes Vorstellungsgespräch seit 18 Jahren. Der Boss begrüßte mich mit den Worten, er hätte meine Mappe gesehen, das wären ja richtig gute Sachen. Und dann habe ich ausgeatmet und es mir gemütlich gemacht, und am gleichen Abend kam der Anruf, dass ich am 1. August anfangen kann. Seitdem habe ich noch eine Woche frei dort gearbeitet, und es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: ich bin überglücklich, morgens an meinen Schreibtisch zu kommen, mir zwei bis sieben Kaffee zu holen und dann das Maschinchen mal wieder rattern zu hören. Ich mache Überstunden, und so lange die Kinder gut betreut sind und zuhause niemand einen Rappel bekommt, genieße ich jede Minute davon. Ich mache Mittagspause! Was das für ein Glück bedeutet, kann glaube ich jede Mama in Elternzeit und ansonsten niemand da draußen im Jobleben verstehen. Und? Ist das jetzt eine gute Idee? Sollte ich nicht viel besser die Kitazeit auf Basisversorgung runterfahren und die freien Stunden nutzen, um endlich mein seit zehn Jahren geplantes Buch zu schreiben? Ich finde nein. Außerdem erzeugt die Arbeit eine derartig gewaltige manische Phase bei mir, dass ich mich genau so gut abends nach der Gutenachtgeschichte noch hinsetzen und ein paar Seiten schreiben kann. Es sei denn, dann muss ich mir demnächst noch schnell ein paar schicke Konzepte einfallen lassen.
Bin ich glücklich!

"Und? Habt ihr euch schon eingelebt?"
Haben wir, haben wir sogar schon so ungefähr zwei Tage nach dem Einzug. Es ist komisch, aber die Probleme zeigen sich genau da, wo ich sie schon bei der ersten Besichtigung vermutet hatten, und sie sind wirklich alle halb so schlimm. Hier sind sie: 1. Der Boden in der Küche und im Bad ist der gleiche wie überall sonst, ein geölter dunkler Holzboden, der natürlich wunderschön und schick aussieht, so lange kein Tropfen Wasser darauf fällt. Muss ich mehr sagen? Der Boden in Küche und Bad kommt jetzt schon hoch, obwohl ich ständig mit Lappen und Flüchen auf Wassertour bin. Schon die Tropfen, die aus Lilis Bart fallen, wenn sie getrunken hat, reichen vollkommen, um den prächtigen Boden zu ruinieren. An mehreren Stellen kommt er hoch. Da muss also demncähst was anderes rein, und dann ist gut. 2. Wir sitzen wie eine Spinne im Netz inmitten von achtuhunderttausend Einkaufsmöglichkeiten, was dazu führt, dass ich manchmal drei mal am Tag einkaufen gehe statt einmal richtig. Aber dieses supersüße Mickymausproblem wird demnächst der Job ganz von alleine regeln. 3. Die Treppen. Die Treppen waren bisher vollkommen okay, niemand ist runtergefallen und sie sind im Grunde ein 16-Stunden-Bauch-Beine-Po-Programm, obwohl ich komplett runter bin von meinem 5:2-Diät-Schema und ständig an der Frittenbude stehe, nehme ich kein Gramm zu. Aber jetzt läuft Klara. Anfangs hat sie sich auf den Treppen immer ganz vorsichtig an den Stahlseilen festgehalten, aber jetzt biege ich manchmal um eine Ecke und sehe sie plötzlich auf der zweiten Stufe von oben stolz wie Oskar freihändig stehen. Dann werfe ich mich nach oben wie Colt Seavers und fange sie auf. Irgendwann werde ich mal nicht dabei sein oder zu spät kommen, und dann wird es ganz schrecklich. Treppengitter sind keine Option, denn an den Pfosten lassen sie sich nicht befestigen. Hoffentlich hilft Daumendrücken und so oft wie möglich nicht von ihrer Seite weichen. Sie ist ein enorm standfestes Kind, die Stufen sind mit Teppich beklebt, und et is noch immer joot jejangen, aber mehr fällt mir gerade auch nicht ein. 4. Alle können jetzt sehen, wie unordentlich wir sind. Während bei den Nachbarn durch das Küchenschaufenster immer das gleiche funkelnde Display aus Tipptopp-Küchengeräten zu sehen ist, guckt man bei uns auf den Abwasch und die Schleichdinos und all sowas. Was das betrifft, muss ich wohl entweder den Hintern hochkriegen oder mich entspannen. Ich habe mich für eine Mischung aus beidem entschieden.
Von diesen kleinen Meckereien abgesehen sind wir sehr glücklich dort. Die Nachbarn sind reizend, das Minigärtchen hat genau die richtige Größe, die Zwischenwände schlucken jedes Geräusch, so dass die Kinder rund um die Uhr Schlagzeug spielen könnten, wenn es nach den Nachbarn ginge, und ich finde es toll, jetzt die paar hundert Meter weiter in etwas weniger poshes Gebiet als bisher vorzudringen und trotzdem noch auf den schönen Markt von früher, in die gleiche Kita und mit den Kindern zu ihren alten Freunden zu können.

Schönen Gruß von der Familie.
Es tut sich eine Menge, aber weil ich mich nach wie vor weigere, Elternfachbücher zu lesen, kann ich Euch jetzt wenig über Phasen oder Stufen oder Prozesse oder Familienkonstellationen erzählen. Klärchen kann jetzt laufen, das hatte ich ja schon erzählt. Jetzt ist mir aufgefallen, dass das ulkige Gebrabbel, das sie den ganzen Tag und auch mehrer Stunden nachts von sich gibt, manchmal ziemlich viel Sinn ergibt: dann wird aus "Assassaalea" plötzlich "Das Wasser ist leer". Oder aus "tumama" "Zumachen". Schaukeln kann sie auch schon, und das können die Jungs bis heute nicht ohne anschubsen, was mir sehr peinlich ist. Meine Große! Sicher hochbegabt, oder? Nur schlafen kann sie nicht so gut und ich entsprechend auch nicht so. Die Jungs, zeigt sich inzwischen, haben beide diese ulkige Fähigkeit von L. geerbt, ihre Zunge seitlich einzurollen. Von mir haben sie geerbt, die letzten auf der Tanzfläche zu sein, jedenfalls hier in der Kinderdisco. Ansonsten will ich immer noch nicht so viel von ihnen erzählen, aus Rücksicht darauf, dass es ihnen eines Tages entsetzlich peinlich sein könnte. Was mich betrifft, muss ich zugeben, dass die Mutterliebe sich bei mir oft ziemlich seltsame Bahnen bricht, mit denen die Kinder nicht so viel anfangen können. Gestern Abend wollte ich ihnen z.B. Charlie und die Schokoladenfabrik vorlesen, was Kalle einigermaßen ok fand, aber Michel mit Protestgeheul beantwortet hat. Letzte Woche hatte Kalle Geburtstag und hat von mir einen Berg Geschenke bekommen, von denen mir erst beim Auspacken klar wurde, dass das fast alles Sachen waren, die ich mir selbst als Kind gewünscht hätte. Was sagen wir dazu? Erst mal nichts und dann demnächst vermutlich eine Menge.


Dienstag, 10. April 2018

Vorwärts geht anders

Heute morgen bin ich viel zu früh von Kalle geweckt worden. Im Laufe der Nacht war er zu mir ins Bett gekrochen, jetzt war er wach und damit hatte der Rest der Welt das gefälligst auch zu sein. "Mama? Mamaaaaa?" Ich zählte innerlich bis zwei und sagte dann "Nicht. Aufwecken. Du sollst mich nicht aufwecken. Vor allem nicht, wenn ich schlafe. Psssst." oder so. Und dann geschah das Wunder: er krabbelte aus dem Bett, tapste auf nackten Füßen zwei Etagen tiefer, krabbelte zu der inzwischen lustig vor sich hin brabbelnden Klara ins Bett und fing an, seine kleine Schwester zu bespaßen. Kurze Zeit danach kam dann noch Michel dazu. Und dann saßen die drei noch eine halbe Stunde lang in dem kleinen Gitterbett und hatten es nett. Und ich lag da oben und hätte fast geheult vor Dankbarkeit, dass es sie tatsächlich gibt, diese magischen Momente, von denen alle immer schwärmen. Es fühlte sich an wie eine Mischung aus schönstem Tränenkino und ausschlafen und Silvester, und dann waren die 30 Minuten vorbei, und ich bin aufgestanden, und es war 6:30. Aber immerhin!

So ein fauler Morgen macht bereit für neue Taten. Stammtisch! Diesmal haben ziemlich viele auf die vorsichtige Anfrage reagiert, und ich würde vorschlagen, wir peilen mal einen der Donnerstage in näherer Zukunft an. Am 19. bin ich vielleicht schon verabredet, aber wie wäre der 26.4.? Der 3.5.? Oder der 10.5.? Weil wir beim letzten Stammtisch plötzlich zu achtzehnt waren und damit für viele nette Kneipen zu viele, würde ich diesmal sicherheitshalber gleich das Abaton Bistro vorschlagen. Vorteile: Große Tische, sie nehmen Reservierungen an, das Essen ist lecker und wer uns dann alle plötzlich doch doof findet, kann den Abend retten, indem er ins Kino geht. Bitte sagt mal Piep bezüglich der Termine, wenn Ihr Interesse habt!

Und dann habe ich leider noch zu vermelden, dass mein neuer Tatendrang in anderer Hinsicht diesmal ins Leere läuft. Eigentlich sollte ich am 2. Mai wieder an meinen alten Schreibtisch zurückkehren. Eigentlich hatte ich mich wie Bolle darauf gefreut. Und eigentlich war das fest abgemacht. Gestern habe ich nun erfahren, dass daraus leider nichts wird. Und nun sitze ich hier und muss mich wieder mal fragen, was ich in nächster Zeit so anfange mit meinem Leben zwischen den Kindern. Ein anderer Job als Werbefifi? (den ich erst mal finden muss, diese Branche - ekliges Wort, aber mach was - hat nicht gerade gewartet auf eine 45jährige Mutti mit drei kleinen Kindern und massiver Selbstvermarktungshemmung, egal wie viele Pokale sie im Schrank hat.) Erst mal arbeitslos und dann weiter sehen? (etwas Borstiges und schlecht Gelauntes in mir sträubt sich dagegen, und zwar mit Macht.) Endlich das verdammte Buch schreiben und dann auf einen dieser fetten Buchdeals hoffen, die es in Wirklichkeit nicht gibt? (Tja.) Oder etwas ganz anderes? Kellnern? Berufsbloggen? Lotto? Edelprostituierte? (Wie edel genau kann es werden mit den Schwangerschaftsjeans, die ich immer noch nicht weggeschmissen habe, und vier Wochen altem Nagellack an den Füßen?) Ich schwimme gerade ein bisschen, aber wir hören ja immer wieder, dass Schwimmen gut für's Bindegewebe, für die Kondition und überhaupt für so ziemlich alles ist.

Donnerstag, 7. September 2017

Mutti hat den Blues.

Vor ein paar Wochen war ich noch sicher, dass ich unbedingt baldmöglichst wieder arbeiten will. Ich bin keine Hausfrau! Ich bin keine Hausfrau! Ich bin keine Hausfrau! Keife ich innerlich achtzig mal und stampfe dazu innerlich mit dem Fuß auf, während ich innerlich mit Geschirr schmeiße, dass ich jedenfalls nicht innerlich wieder aufsammeln werde, denn, s.o., ich bin keine Hausfrau. Fakt ist jedoch, gerade bin ich eine Hausfrau. Statt Haushaltsgeld bekomme ich Elterngeld, aber mein Tag dreht sich um die Kinder, die Bude, die Einkäufe, die Mahlzeiten. Ich liebe die Kinder, und dass ich Mahlzeiten liebe, brauche ich wohl nicht mehr zu schreiben, aber... ächz.

Dann hatte ich einen Anruf und habe gearbeitet. Es war nur ein klitzekleiner Job, ein Jöbchen, eher eine Gefälligkeit, denn Geld kann ich natürlich im Moment dafür nicht bekommen, denn ich bekomme ja Elterngeld, und nachdem schon der ganz normale Antrag ein bürokratischer Albtraum über Monate war, wäre das keinen Tagessatz der Welt wert, diesen einen Arbeits-Ausrutscher ganz normal anzumelden. Egal, ich habe es versucht, und der Testballon war insofern erfolgreich, als vollkommen klar war, wenn ich wirklich wieder ernsthaft arbeite, bevor die Kleine in der Kita ist, dann gibt es Tote, im Zweifel mich. Die einzige Zeit, in der ich tatsächlich arbeiten konnte, war nachts zwischen eins und halb fünf, was natürlich Rock-'n-Roll-mäßig voll ok war, nur wachte um fünf dann immer das Baby wieder auf. Ich kriegte Migräne, die Kinder bekamen dunkle Ringe unter den Augen und wollten nicht mehr in die Kita, die Wohnung sah aus, als wäre alles darin irgendwie vom Meer angespült worden, und dann bekamen wir aber alle wirklich schlechte Laune.

Mach was. Jetzt habe ich mich eben erst mal vom glitzernden, atemberaubenden Agenturleben verabschiedet und stattdessen beschlossen, wenn ich unbedingt etwas tun muss, etwas zu tun, was ich schon so lange tun will, dass ich mir inzwischen bei jeder weiteren Absichtserklärung lächerlich vorkomme: schreiben, und zwar nicht für die große Herbstaktion des Kunden XY oder die nächste Anzeigenstrecke, sondern für mich. Es muss ja nicht in Migräne und Kindertränen ausarten, aber ein bisschen mehr pushen kann ich mich schon. Das weiß ich! Ich hab's ja oft genug getan, wie jeder bestätigen kann, der mich mal ein Bett beziehen gesehen hat.

(Übrigens meine ich nur am Rande Schreiben für den Blog.)

((Es ist so: (Raus damit. Komm schon.) Eins meiner Allerallerlieblingsbücher, die Tales of the City von Armistead Maupin, sind ursprünglich als Fortsetzungsroman im San Francisco Chronicle erschienen. Das hat für die Geschichten mit Sicherheit getan, dass jedes Kapitel einen eigenen Spannungsbogen hat, dass man wirklich weiter lesen will, dass man schon nach den ersten drei Seiten nicht mehr genug bekommt - also, ich jedenfalls. Das hat für den Autor bestimmt getan, dass er keine Chance hatte, das Skript einfach noch fünf Jahre vom Schreibtisch ins Bücherregal und zurück zu räumen, sondern jede Woche etwas Lesbares abliefern musste. Manchmal hab ich schon drüber nachgedacht, diesen Blog dafür zu missbrauchen. Einerseits ist das bestimmt eine astreine Idee, und für Hormontipps kommt vermutlich eh schon lange niemand mehr her, aber andererseits hab ich schon so viel versprochen und nicht gehalten, und wenn ich DAS jetzt versprechen und nicht halten würde, dann würde mich das so dermaßen demoralisieren, dass sowieso nichts mehr draus werden würde. Vermutlich ist die ganze Idee so sinnvoll wie die, einfach das Internet abstimmen zu lassen, wie ich die strittigen Fragen der Kindererziehung regele: Fernsehen, Telefon, Rauchen ab wann? Und dann treffen wir uns in 40 Jahren mit einem Sektchen an der Pforte der JVA Fuhlsbüttel und feiern gemeinsam die Haftentlassung meiner Jungs. Oder?))


Mittwoch, 4. November 2015

Noch geht tippen schneller als laufen. Aber demnächst!

Der erste Geburtstag, den wir hier gefeiert haben, war L.s vierzigster. Auf einmal hatten wir ein Haus. Auf einmal hatte L. Geburtstag. Und auf einmal hatte L. ziemlich viele Leute eingeladen, die auch noch alle kommen wollten. Die Küche ist winzig, aber irgendwie haben wir es geschafft, 30 Leute zu bewirten. Morgen feiern wir hier den letzten Geburtstag: Michel wird ein Jahr alt. Wie immer bei Umzügen ging es mir auch diesmal: erst wurde mir klamm bei dem Gedanken. Dann ist dieses Klamme langsam verflogen, und ich habe mich behaglich eingerichtet im Verabschieden. Und dann ging es irgendwann los, und auf einmal konnte ich noch nicht mal mehr sagen, wann hier der letzte Tag war, an dem noch alles normal und in Ordnung war. Jetzt ist hier nichts mehr normal und in Ordnung, die meisten Regale sind halb leer, die Hälfte der Stühle ist weg, fast alle meine Kleider (was nicht so schlimm ist, denn ich trage sowieso 10% meiner Kleider fast jeden Tag und den Rest theoretisch irgendwann demnächst bestimmt), und hätte ich mich nicht aufgeführt wie eine Furie, dann hätte ich auch keine Backform mehr gehabt für Michels Geburtstagskuchen. Jetzt ist das hier wirklich vorbei. Und ich bin sehr traurig und freue mich trotzdem auf das, was als Nächstes kommt. Ich hoffe, ich kann bald mehr dazu schreiben, aber gerade tippe ich hier gegen die Uhr an, denn aufgrund von Verwicklungen, die zu erläutern ich keine Zeit habe gerade, hüstel-hüstel, dreht die Telekom uns das W-Lan irgendwann heute ab. Ja, ich habe genau so gestaunt! Jedenfalls wissen wir noch nicht, wann in der neuen Butze Internet ist, und hier kann es jede Sekunde vorbei damit sein.

Also wieder mal ein Telegramm von mir.
Erstens: die Jungs.
Michel ist seit Montag in der Kita-Eingewöhnung. Für alle noch-nicht-Eltern: Kinder kommen nicht ZACK plötzlich für ein paar Stunden in die Kita, sondern sie werden langsam daran gewöhnt. Am ersten Tag eine Dreiviertelstunde, am zweiten, dritten und vierten Tag auch, und Mama oder Papa sitzen dabei. Dann steigert sich das, bis sie irgendwann so weit sind und die Dinge ihren Lauf nehmen können. Michel macht das toll, viel besser als erwartet. Er krabbelt neugierig los, strahlt die Kinder an und die Spielsachen, würdigt mich keines Blickes und ist sensationell gut gelaunt. Kalle dagegen hat scheinbar ernsthafte Revierverteidigungsprobleme. Wird das? Bestimmt. Hoffe ich jedenfalls und knirsche mit den Zähnen.

Zweitens: der Job.
Ganz ehrlich: ich habe gerade keine Ahnung, wie es weitergehen soll. "Nutze das als Chance! Besinne Dich neu! Du kannst alles machen, was Du willst!" Genau. Ich habe die Hosen gestrichen voll.

Drittens: Mamas Gesundheit.
Ist vielleicht eine kleine Erklärung dafür, warum der Unternehmergeist gerade nicht so richtig in Fahrt kommt. Seit Juni habe ich jetzt diese Schmerzen in der Hüfte. Morgens beim und nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, aber Nachts ist es ein knapper zweiter Platz, und ich kann inzwischen kaum mehr eine Nacht ohne Schmerztablette schlafen. Inzwischen bin ich geröntgt, morgen erfahre ich, was es auf diesen Bildern zu sehen gibt und was das bedeutet. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass mir egal ist, was es ist, Hauptsache, ich kenne endlich seinen Namen. Meine Geduld, noch nie meine starke Seite, ist vollkommen erschöpft. Und nicht nur das, inzwischen führen die Schmerzen auch zu einer massiven Fehlhaltung. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir jetzt alle Schuhe schiefgetreten, und aus ursprünglich nur Hüftschmerzen sind inzwischen auch Knie- und Fußschmerzen geworden. Sapristi! Ich finde wirklich, für Zipperlein bin ich noch zu jung.
Ach ja, und die Blutungen: gerade habe ich zum dritten Mal in dreieinhalb Wochen meine Tage. Aber laut gründlichem Ultraschall ist alles gut. Es gibt ein kleines Myom, aber das ist für mich myommäßig ein Superschnitt, und es kann laut Frauenärztin auch nicht für so viel Blut sorgen. Sie vermutet seelische Ursachen. "Seelische Ursachen!" Ich finde sie nett, darum bin ich ihr nicht direkt ins Gesicht gesprungen, wie ich das sonst in diesem Fall immer tue. Nun habe ich nicht nur Zorn auf meine Hüfte, mein Knie und meinen Fuß, sondern auch auf meine Seele. Es wird ein bisschen einsam hier.

Viertens: der Plan.
Ich habe das noch nie getan: den Blog gemolken. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ok, ich habe ein Buch daraus gemacht, und ab und zu habe ich euch angehauen, ob vielleicht eine Lust hat, ein Interview zu geben, aber davon abgesehen davon - nichts. Jetzt habe ich wieder mal in Sachen Pipiproblem gegoogelt und gegoogelt und bin auf eine Option gestoßen, die zwar vielversprechend klang, die ich mir aber gerade vom Elterngeld nicht leisten kann. Also habe ich den Hersteller dieser Option angeschrieben und ihm von mir und meinem Blog erzählt. Bin ich rot geworden, während ich die Email geschrieben habe? Ich fürchte ja. Aber es hat sich gelohnt, denn jetzt darf ich sein Gerät testen und darüber berichten. Heute macht sich irgendwo im tiefsten Baden-Württemberg ein Päckchen auf den Weg, und ich glaube fest daran, dass es mich ein gutes Stück näher an meine heiß ersehnte erste Runde um den Park bringt.

Donnerstag, 30. April 2015

Ich wollte gerne Kinder. Ich konnte aber keine bekommen. Jetzt habe ich trotzdem zwei. Überraschung: Kinder sind anstrengend. Was gibt es sonst noch zu erzählen?

Vielleicht liegt es an meinen insgesamt fünfzehn Abkürzungsversuchen, aber in letzter Zeit haben mich ziemlich viele Leute gefragt, was ich denn von der Berliner Lehrerin mit den vielen und demnächst noch mehr Kindern halte.
Die Antwort fällt gewohnt fusselig aus. Irgendwie will es mir nicht gelingen, dazu eine in sich geschlossene Meinung zu bilden. Einerseits finde ich, man sollte sie in Ruhe lassen, das geht uns alle einen feuchten Popel an. (Mir fällt bei solchen Gelegenheiten immer die Unterhaltung mit einem Kinderwunscharzt ein, der eine SEHR dezidierte Meinung zu Frauen Ende 30 hatte, die Kinder wollen, und selbst mit schätzungsweise Anfang 60 gerade stolzer Vater geworden war, ohne dabei irgend etwas zu finden.) Andererseits überkommt mich schon beim Gedanken an die Nächte der ersten Monate mit Vierlingen das nackte Grauen, und ich verstehe nicht, warum sie sich das in ihrem Alter antun will. Ich selbst träume gerade oft und sehr bunt davon, wie ich leben will, wenn ich 65 bin, und Babygebrüll spielt dabei keine Rolle (es sei denn, einer meiner Jungs wird mit Anfang 20 Vater). Aber auch das ist ihre Sache. Sie kennt das ja mit 13 Kindern schon sehr gut, besser als ich, und weiß in etwa, was auf sie zukommt. (Oder sollte es am Ende stimmen, dass wir alle den Stress ein paar Monate später einfach vergessen und mit babyblauem Zuckerguss überzogen haben? Und sie sitzt jetzt gerade auf dem Sofa, streicht sich über ihren Bauch und denkt, bald hat sie vier kleine Glücksbärchis, die sie den ganzen Tag anstrahlen und nachts sanft schnarchend Familienglück und Wärme verströmen?) Viele geben zu bedenken, die Kinder hätten ja nicht mehr viel von ihrer Mutter und müssten vermutlich schon früh alleine zurecht kommen - Aber das geht anderen Kindern auch so, und es ist zwar nicht schön, aber doch kein Grund, erst gar nicht auf die Welt zu kommen, oder?
Dann ist es mir wiederum nicht so ganz geheuer, dass sie die Exklusivrechte an dieser Tip-top-Story an RTL verkauft hat. Oder dass sie sagt, den Anstoß gab der Wunsch ihrer kleinen Tochter nach einem Geschwisterchen - wow, hat man jemals von einer spektakuläreren Übererfüllung eines Wunsches gehört? Oder, dass jetzt die Zeitungen wieder mal ein Extrembeispiel gefunden haben, anhand dessen man 1a Stimmung gegen Kinderwunschbehandlungen machen kann. Ich glaube immer noch, viele Leute da draußen halten das alles für eine große Freakshow - so eine Geschichte bestätigt sie noch darin. Andererseits kann ich verstehen, dass Journalisten wenig Reiz darin sehen, über eine Reihe von Familien zu berichten, die nach ein paar IVF-Zyklen irgendwann zwischen 28 und 45 Eltern geworden sind und jetzt mit ihren Kindern friedlich vor sich hin leben - und stinknormal, inklusive Schlafentzug, Kita-Viren, Nervenzusammenbrüchen und Machtkämpfen an der Supermarktkasse.
So in etwa sind meine sieben verschiedenen Meinungen dazu. Eure würden mich natürlich auch interessieren. Sagt doch mal?

Das Kochprojekt geht weiter, und inzwischen bin ich über dem Schnitt: 36 von 100 Rezepten sind durch, und erst vier Monate sind vorbei. Dabei nehme ich mir alle zwei Wochen ein anderes Kochbuch vor und mache mich an Rezepte, die mich schon lange anmachen. Gerade ist es "A Change of Appetite" von Diana Henry, und es wächst mir mit jedem Durchblättern mehr ans Herz. Es geht um - ächz - gesundes Essen - jaja, ich weiß, eigentlich könnte ich genau jetzt schon aufhören, davon zu schreiben. Aber das Schöne ist, Diana Henry isst mindestens genau so gerne wie ich, und es ist KEIN Diätbuch, und bisher war alles, was ich daraus gekocht habe, eine echte Freude. Vorgestern z.B. hatte ich den gegrillten Radicchio auf Bohnenpüree, und dieses Bohnenpüree ist aus dem Stand auf Platz 1 meiner Lieblingsbeilagen vorgeschossen, noch vorbei an gebratenen übrig gebliebenen Knödeln, Kartoffelkroketten, selbstgemachten Spätzle und Kartoffelgratin. Man würfelt eine Zwiebel, brät sie vorsichtig in Olivenöl an, gibt dann für eine Minute eine zerkloppte Knoblauchzehe dazu, dann eine kleine Tasse Hühnerbrühe, zwei kleine Dosen abgetropfte und abgespülte weiße Bohnen, Salz und Pfeffer und lässt das Ganze mit geschlossenem Deckel vier Minuten kochen. Dann wird es im Topf püriert und mit Zitronensaft und noch etwas Olivenöl abgeschmeckt. Klingt nach gar nichts, aber es war so köstlich, dass ich nicht aufhören konnte, zu probieren, bis ich mich am Ende zwingen musste, die Küche zu verlassen, damit zum Essen noch etwas übrig ist. Das gibt es demnächst mal zu gebratenem Lamm. Oder zu Endiviensalat. Oder zu gar nichts, sondern einfach so, in einer großen Schüssel vor dem Fernseher. (Es kann übrigens gut sein, dass ihr diesem Püree höchstens eine drei plus geben würdet. Aber das ist für mich der Zauber "guter" Kochbücher: einen Autor zu entdecken, dem die gleichen Dinge schmecken wie mir, und der mich trotzdem auf ganz neue Pfade führt.) Angesichts der neuen Schlafkrise geht hier gerade einiges vor die Hunde; mein Bett z.B. habe ich seit über zwei Wochen nicht bezogen (obwohl Kalle die Bettdecke mit Textmarkern bemalt hat und ich wirklich neugierig bin, ob das rausgeht), und in meinem Postfach sind ca. 20 Emails, die ich unbedingt beantworten müsste. Aber das Kochprojekt hat sich noch nie angefühlt wie zusätzlicher Stress, sondern immer wie Erholung. Würde ich einmal die Woche ins Kino gehen, würde auch niemand fragen, warum ich mir jetzt das auch noch aufhalse, und zum Kochen muss ich noch nicht mal einen Babysitter engagieren, denn Kalle wühlt so lange begeistert in meiner Kramschublade zwischen Zitronenpressen und Tupperdosen herum, und Michel liegt im Stubenwagen daneben und atmet gebannt den Geruch gebratener Kräuter und Zwiebeln ein. (Nigella schreibt immer wieder, wie sie als kleiner Pöks auf einem Schemel stand und unter Anleitung ihrer Mutter Mayonnaise und Sauce Hollandaise rührte. Das klingt doch nach einem Plan!)

Die Rückkehr in den Job ist gerade eins der Themen, um das ich innerlich einen großen Bogen mache. Michel ist ein völlig anderes Kind als Kalle, ich kann mir absolut nicht vorstellen, ihn jetzt drei Tage in der Woche allein bzw. in liebevoller Obhut zu lassen - wie soll das gehen? (Und bin ich jetzt ein Opfer mütterlicher Selbstüberhöhung, dass ich mir das nicht vorstellen kann, während es in Wirklichkeit überhaupt kein Problem wäre?) Zwei Kinder sind einfach mehr als ein Kind und noch ein Kind, alles ist deutlich mehr als doppelt kompliziert. Ich weiß auch nicht, warum, aber es ist so. Im Moment wäre ich für keinen Auftraggeber der Welt ein Gewinn, übernächtigt und durch den Wind und ständig abgelenkt, wie ich bin. Unzuverlässig wäre ich außerdem, ich habe keine Ahnung, wann ich wie viel Zeit und Energie zum Arbeiten habe, und ich hab das deutliche Gefühl, auch das großzügigste Timing auf einem Projekt würde die Lage hier zum Kippen bringen - alles bleibt so, wie es ist, nur habe ich nebenbei auch noch eine wie weit auch immer entfernte Deadline im Nacken?
Dabei ist der Gedanke, erst mal nicht zu arbeiten, trotzdem auch extrem angstgesetzt und ungut. In meinem Beruf ist es überhaupt nicht gut, lange raus zu sein, es kann schon sein, dass ich nach nur einem Jahr zuhause den Wiedereinstieg nicht mehr schaffen werde, und dann? Zudem ist gerade bei meinem dicksten Auftraggeber einiges im Umbruch, die können nicht so lange auf mich warten, es kann gut sein, dass diese Tür in ein mit Kindern vereinbares Arbeitsleben demnächst zu ist. Und dann? Und dann? Und dann?
Ich weiß es doch auch nicht, und hätte ich gerade nicht sowieso schlaflose Nächte, dann würde dieses Thema sie mir bereiten. So lasse ich das Problem gerade auf hinterer Flamme kochen, was vielleicht extrem doof und kurzsichtig ist. Freiberufliche Mütter von zwei kleinen Kindern da draußen, falls es euch gibt, wie war das bei euch?

So. Michel hat jetzt scheinbar den fehlenden Nachtschlaf aufgeholt, Mutti muss die Quatschbude zumachen. Bis hoffentlich sehr bald!

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Kalle ist in der Kita. Michel ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Michel:

Michels Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Kalles letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Michel und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Kalle so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Michel eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Michel auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Kalle ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Kalle auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Es könnte blöder laufen.

Heute bin ich den zweiten Tag im Mutterschutz, und schon weiß ich die Namen von vier anderen Kindern aus Kalles Kitagruppe. Vier heute im Gegensatz zu null am Montag, meinem letzten Arbeitstag vor der Babypause, und das, nachdem heute Kalles dritter Monat in der Kita anbricht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich ein bisschen Angst. Vor dem Loch, in das ich ohne Arbeit fallen würde, vor dem Hausfrauenblues, vor... ach, was weiß ich. Meine Arbeit ist eben doch ein wichtiger Teil von mir. Und natürlich werde ich einige Aspekte davon tatsächlich vermissen. Das Reinbohren zum Beispiel, ein neues Thema auf dem Tisch zu haben und dann erst mal alles zu lesen, was ich dazu in die Finger kriege, die 76 verschiedenen Arten finden, darüber nachzudenken und es weiter zu entwickeln, die Abstimmungen, wenn sie gut laufen - und ich will gar nicht so tun, als wäre es nicht auch nach so vielen Jahren immer noch schön, etwas von mir gedruckt zu sehen, als dicke fette bunte Anzeige in der Gala oder meinetwegen auch in der Couch. Die Mittagspausen werden mir fehlen, die Viertelstunde jeden Tag, in der ich ausschließlich darüber nachdenke, was ich mir heute zu essen hole. Salat? Fischmann? Syrer? Pizza? Vietnamese? Oder die Schweinenummer mit Burger und Fritten? Die anderen Arbeitshasen werden mir fehlen, zum Teil jedenfalls. Die U-Bahnfahrten natürlich, hin und zurück, jeweils 25 Minuten Zeit zum Lesen. Oder für Plants vs. Zombies auf dem Telefon. Oder zum Aus-dem-Fenster-Starren. Ein eigenes Büro, ein Raum, der nur dazu dient, dass ich darin in Ruhe nachdenken kann.

Ein paar Dinge werden mir überhaupt nicht fehlen. Zum Beispiel das Szenario, dass das Kind krank ist und ich dann nicht nur denke "Oje, oje, der arme Schatz" sondern gleichzeitig "Oje, oje, die Präsentation". Wem normaler Jobstress schon zu viel wird, der soll mal Jobstress mit krankes-Kind-Stress obendrauf probieren. Und das Elternpaar, das dann nicht anfängt sich anzuranzen, das möchte ich mal kennen lernen. Wobei, nein, das möchte ich nicht kennen lernen, mit denen hätte ich nichts gemeinsam. Abstimmungen, wenn sie nicht gut laufen, die werden mir auch nicht fehlen. Wohlgemut zur Arbeit fahren und irgendwann gegen elf entdecken, dass ich Scheiße am T-Shirt-Ärmel habe. Abends nach Hause zu kommen und die Wahl zu haben, jetzt entweder meinen Mann, den Hund oder das Kind zu vernachlässigen, denn alle würden am liebsten jetzt sofort dran kommen, nachdem ich ja den ganzen Tag "frei hatte". In der U-Bahn zu sitzen und irgendwie heute nicht so zum Lesen zu kommen, weil mir schon wieder schwarz vor Augen wird, ich keine Luft mehr kriege und dann aussteigen und mich auf dem Bahnsteig hinlegen muss, bis es wieder geht. Acht Stunden in einem mittelmäßigen Bürostuhl, aufgelockert mit Abstimmungen im Konferenzraum auf Stühlen, die dann so richtig unbequem sind, so dass einem der Bürostuhl danach für fünf Minuten vorkommt wie der Himmel, bis er einem dann wieder doch nicht mehr so vorkommt. Ein langer, langer Arbeitstag nach einer kurzen, kurzen Nacht.

Welche Seite am Ende gewinnt, wird sich zeigen, aber bisher hat es den Anschein, ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Ich habe schon vor zwei Wochen eine To-Do-Liste geschrieben, auf der jeder Tag eine kleine Extraaufgabe für mich hat, die vor Würmchen II noch erledigt werden sollte. Nichts davon sollte länger als eine Stunde dauern, aber trotzdem gibt mir das das Gefühl, hier nicht hohl und nutzlos rumzuhängen. Es klingt wie abgeschrieben, aber seit Dienstag morgen, seit die Bahn um 8:32 ohne mich in Richtung Innenstadt abgefahren ist, geht's mir besser. Ich gucke mir die Bäume im Park an, streichle den Hund, habe wieder mal Post-Its in Kochbücher geklebt, ich höre besser zu und kriege mehr mit, und heute morgen hatte ich zum ersten Mal Zeit, neben Kalle in der Kita zu sitzen und zu warten, bis die Tische gedeckt sind. Sonst habe ich ihn in seinen Stuhl gesetzt, den Deckel von seiner Brotdose und der Obstdose abgemacht und war auch im Hui schon wieder weg, heute habe ich ihm alles in Ruhe auf einen Teller gelegt und noch zwei anderen Kindern geholfen, an ihr Frühstück zu kommen, und auf dem Rückweg nach Hause habe ich eine Extraschleife durch den Park gedreht und ein paar Kastanien eingesteckt, die zerkaut der Hund so gerne. Heute Abend treffe ich meine Mädchen, L. sittet das Baby, und ich muss nicht ab sechzehn Uhr hoffen, dass ich bitte pünktlich genug gehen kann, um zuhause noch die kleine Wurst ins Bett zu bringen und mir vielleicht den Stressschweiß vom Körper zu duschen, bevor ich wieder los kann - vor mir liegt einfach ein schöner Herbsttag, gespickt mit zwei-drei Erledigungen, und am Abend endlich mal wieder die Damen mit ihrem Prosecco und ihren Geschichten. Harter Entzug geht anders.


Dienstag, 8. Juli 2014

Cosmopolitans für alle! Außer für mich!

So ungefähr hat man sich ein Cosmo girl vorzustellen: Selbstbewusst. Enorm selbstbewusst sogar. Sexy und extrem an allen Fragen, die Sexiness auch nur im Entferntesten streifen, interessiert. Sie liest Horoskope. Sie "shoppt". Sie hat einen Schuhtick, das heißt, sie besitzt eine Menge Schuhe, jedenfalls mehr, als sie sich eigentlich leisten kann. Sie hat einen Job. Bevor sie morgens das Haus verlässt, um zu diesem Job zu gehen, stylt sie sich, was die Verwendung von Haarstylingprodukten einschließt. Sie geht auf After-Work-Parties. Sie "gönnt sich auch mal Pasta". Sie weiß, was sie wiegt. Sie lackiert sich die Nägel gerne auch mal in anderen Farben als rot. Trotz allen Selbstbewusstseins muss sie zugeben, dass sie einige Dinge nicht kann. Aber darauf ist sie stolz. Sie liest gerne witzige kleine Kolumnen von Frauen, die lustig über die Dinge schreiben, die sie nicht können. Aber dabei natürlich trotzdem selbstbewusst sind.

Jetzt ich. Ich bin nicht selbstbewusst. Das heißt, ich weiß schon, was ich kann, aber in den meisten Situationen bin ich erst mal eher unsicher, und das Selbstbewusstsein anderer Leute verblüfft und befremdet mich oft. Das Themenfeld Sexiness geht an meinem Leben vorbei. Ich hasse es, mir Kleider kaufen zu müssen. Schuhe gehen, für Schuhe muss ich nicht in die Kabine. Vielleicht ist mein Schuhregal deshalb deutlich besser gefüllt als mein Kleiderschrank. Als Tick würde ich das aber nicht bezeichnen. Einen Job habe ich auch, immerhin. Ich tauche dort allerdings oft genug mit noch nassen Haaren auf. Es ist noch gar nicht lange her, da stolperte ich mit Freundinnen zwei Stunden nach Feierabend bumsvoll über Parties, aber keine davon hieß jemals "After Work". Wenn ich etwas nicht kann, ist mir das peinlich. Mir ist überhaupt eine Menge peinlich. Über Dinge die mir peinlich sind zu schreiben, ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, aber ich kriege nicht gut diese gewisse Kurve zum Selbstbewusstsein. "Particulaire" etc. sind nicht mein Ding, ich besitze sieben Nagellacke, die mit bloßem Auge kaum voneinander zu unterscheiden sind. Einer davon mit Glitzer, ok. In meinem Badezimmerschrank liegen drei Flaschen Lockenschaum unterschiedlicher Fabrikate. Jeden davon habe ich genau einmal benutzt. Die werden da alt werden und sterben. Ich gönne mir keine Pasta, ich esse sie oder lasse es bleiben. Ich verbrauche in der Woche mehr Butter als die komplette Cosmo-Redaktion in einem Monat. Wenn jemand mir ernsthaft was von Horoskopen erzählt oder z.B. ausrechnet, welches Sternzeichen Würmchen II wohl haben wird, dann zieht mein innerer Schiedsrichter von seinem IQ übern Daumen 20 Punkte ab. Mein anderer innerer Schiedsrichter faucht ihn dafür an, er sollte nicht so arrogant sein, eine Menge intelligenter Leute glaubten an diesen Schmuh, aber Schiedsrichter 1 ficht das nicht an.

Merkt ihr was? Ich bin wohl kein Cosmo Girl. Es hat lange gedauert, diese simple Wahrheit zu verstehen, dabei war das doch eigentlich schon immer so und offensichtlich. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass die Cosmo-Redaktion auch lange gebraucht hat, um es einzusehen, und die sind ja wohl die Profis in Sachen Cosmo girl. Als das anfing mit uns, war ich sehr aufgeregt. Und anfangs lief es auch wirklich gut. Ich sollte für eine Ausgabe einen kurzen Text mit meinen Erfahrungen und Tipps rund um IVF schreiben. Das war genau mein Thema, der erste Versuch saß und wurde mit zwei kleinen Änderungen gedruckt. Daraufhin fragten sie mich, ob ich nicht in Zukunft öfter mal für sie schreiben wollte, auch zu anderen Themen. Ich war wie beklommen vor Glück. Für ein Magazin zu schreiben, erschien mir immer als unerreichbarer Superdupertagtraum. Ich war so gründlich von den Socken, dass ich bis zum Schluss jedes Thema annahm, dass sie mir schickten. Diese Themen sollte ich immer so bearbeiten, als wären sie auf meinem Mist gewachsen und schon lange Teil meines Lebens. Also tat ich das, obwohl es mir schwerer und schwerer fiel, mich in diese Geschichten glaubhaft hineinzuphantasieren. So eine Redaktion hat es nicht leicht, die meisten Themen rund um das Dasein eines Cosmo girls sind gründlich abgegrast, und unfairerweise nicht nur von der Cosmo. Man muss sich den Kopf zerbrechen, um noch auf was Neues zu kommen. So kam es wohl, dass ich z.B. spät nachts an meinem Rechner saß und verzweifelt versucht habe, mir etwas zu folgendem Thema aus den Fingern zu saugen: Mein Partner und ich sind schon lange zusammen und haben als selbstbewusstes Cosmo-Paar natürlich ständig großartigen Sex. Nur jetzt gerade, während wir hier auf dem Sofa sitzen, eben mal nicht. Ich würde aber gern, und er vermutlich auch. Nur ist jetzt gerade unklar, wie. Wer macht den Anfang? Was passiert dann? Wie schaffen wir den Sprung aus dem total okayen Alltag in eine trotzdem noch okayere, wilde Cosmo-Phantasie?

Seht ihr wohl, genau so habe ich auch geguckt.

Abgesehen von der allgemeinen Un-Cosmo-Mäßigkeit meines Lebens gab es noch das Problem der Expertenmeinung. In fast allen Frauenzeitschriften ist es nicht damit getan, dass die Schreiberin möglichst unterhaltsam ihre eigenen Erlebnisse und Gedanken schildert. Das ganze braucht noch den Goldstempel des Fachmanns. Wenn also mein Text endlich fertig war, oft nach zwei abgelehnten ersten Entwürfen und unter viel Fluchen und Schweiß, dann kam die Email aus München: ob ich nicht noch eine Expertenmeinung integrieren könnte? Hier die Telefonnummer des Psychologen XY (jedes Mal ein anderer), den sollte ich doch mal anrufen und befragen. Ich knirschte mit den Zähnen und tat, was man mir sagte. Genau wie mir war den Experten erst mal kein Thema zu doof oder zu fremd, nach kurzer Zeit kam eine wohlformulierte Antwort. Schade nur, dass ich mit dieser Antwort in acht von zehn Fällen wenig anfangen konnte. Erstens lief sie meinem mühsam zusammenklabusterten Text vollkommen entgegen, so dass ich, um sie zu integrieren, fast alles noch mal neu schreiben müssen würde. Zweitens war sie oft gähnend langweilig. Ich war immer noch aufgeregt und stolz, aber inzwischen war der Zyklus in etwa folgendermaßen: Anruf oder Email von der Cosmo mit Anfrage, ob ich Thema XY wohl übernehmen könnte, sofortige und reflexhafte Zusage, zwei Tage gute Laune, ich bin Carrie!, dann erster ernsthafter Schreibversuch, zunehmende Ratlosigkeit und Verzweiflung, dann Durchbruch, Entwurf an Redaktion, Redaktion findet das "an sich toll", aber eben dann doch daneben, alles noch mal - diesmal mit längerer Phase der Ratlosigkeit und Verzweiflung - dann noch mal, dann der Krampf um die Expertenmeinung, und bei den letzten beiden Malen dann endlich die Email, dass der Text so jetzt ok wäre - grenzenlose Erleichterung - und zwei Tage später doch noch mal eine Mail, sie hätten das jetzt folgendermaßen überarbeitet und angepasst. Ob das recht wäre? Die angepasste Version hatte mit meinem Text dann nichts mehr zu tun, so dass ich auch meinen Namen nicht mehr drunterstehen haben wollte. Bezahlt haben sie mich trotzdem. Kein gutes Geschäft für die Cosmo, kein besonders erhebendes Gefühl für mich.

Und jetzt hat es eben aufgehört, das mit den Anfragen. Einerseits bin ich erleichtert, es hat einfach nicht funktioniert. Andererseits finde ich es schade und traurig, dass dieser Traum mir einfach so durch die Finger geglitscht ist, und frage mich, ob ich es anderswo nochmal versuchen sollte. Liegt es am Traum oder liegt es an mir? Passen wir doch nicht zusammen? Oder war die Cosmo eben die Cosmo, und andere Redakteurinnen haben auch schöne Magazine? Die sind doch nicht alle so? Oder doch? Ein Cosmo girl würde es natürlich machen. Aber ich bin nun mal keins. Manchmal ist das ein bisschen schade.

Montag, 27. Januar 2014

Von hinten, von hinten, von hinten Ruine, von vorne, von vorne, von vorne Blondine.

Ach, Deadlines! Seit Wochen, wenn nicht Monaten schleiche ich mich von hinten an diesen miesen Rochen an. Wenn es klappt, dann, das habe ich meinen Mädchen schon angekündigt, bin ich ein ganzes Wochenende lang manisch, und alle müssen mitmachen. Wenn nicht, dann nicht, und auch, wenn ich jetzt so tue, als wäre das dann kein Weltuntergang, ist es natürlich doch einer. Jetzt war Abgabe, ich habe das Paket mit meinen Unterlagen fristgerecht und vollständig und ausreichend frankiert zur Post gebracht, und ich gucke mich noch mal um und denke mir, das ist doch wirklich ein Schnucki, diese Deadline. Nichts zum Fürchten! Überhaupt nichts!

Gleich kommt L. irgendwann von seinem Nerdsport, dann gibt es, obwohl ich grauenvoll und mörderisch erkältet bin, zur Feier des Tages einen Rotwein. Oder zwei. Und ein Feuer. Und zum ersten Mal seit ungefähr vier Monaten werde ich auf dem Sofa sitzen und dabei nicht denken, eigentlich müsste ich jetzt was tun, weil: die Deadline, die Deadline. Wenn das die Deadline erfährt. Von hinten sah sie wirklich wesentlich schlimmer aus als von vorne.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Warum? Darum.

Einige der Gründe, warum es für mich grauenvoll ist zu arbeiten.
Weil ich mich manchmal so fürchterlich hohl fühle. Nicht hohl im Sinne von doof, sondern hohl im Sinne von leer und ausgehölt. Das Gefühl ist nach ein paar Minuten vorbei, aber man vergisst es nicht so schnell.

Alles ist in Unordnung. Als ich nur zuhause war, habe ich es irgendwie geschafft, die Bude bewohnbar zu halten. Jetzt... huaaaarg. Und noch nie hat mir das so viel ausgemacht wie jetzt.

Mein Lebensgefühl ist auch in Unordnung. Irgendwo habe ich neulich von Müttern gelesen, die das 1a hinkriegen: sich voll auf das Kind zu konzentrieren, wenn sie beim Kind sind, und dann zwei Stunden später total in ihrer Arbeit aufzugehen, wenn sie am Schreibtisch sitzen. Die würde ich gerne mal kennenlernen und sie fragen, wie sie das machen. Vermutlich lautet die Antwort ganz einfach: tja, wir sind eben nicht solche Fusselhirne wie du.

Ich kriege die Angst nicht aus dem Kopf, dass etwas Schlimmes passieren könnte, während ich nicht bei meinem Kind bin. Ich weiß, dass diese Angst irrational und das Erster-Klasse-Ticket in den Wahnsinn ist. Ich weiß auch, dass ich sie vermutlich nur durch Gewöhnung und die täglich wiederholte Lektion loswerde, dass eben im wirklichen Leben nichts Schlimmes passiert. Ich hoffe, der Effekt tritt demnächst ein. Wieso habe ich diese Angst? Ich weiß es nicht. Denn wenn ich ehrlich bin, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Kind auf dem Arm die Treppe runterfalle, mindestens so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass es jemand anderem passiert (der erstens nicht so ein Fusselhirn ist und zweitens im Gegensatz zu mir räumliches Sehen hat, das extrem nützlich ist beim Treppenhinabsteigen). Ich weiß das! Nützt aber nix, wie das mit Ängsten so ist.

Alles, was mir rund um meinen Job schon vor dem Baby dämlich erschien, erscheint mir jetzt noch viel dämlicher. Und durch den einen Monat zwischen Mutterschutz und Job, für den ich volles Elterngeld bekomme statt des Basisbetrages von 300 Euro für gutverdienende Ex-Abkürzungsdamen weiß ich jetzt leider, was ich monatlich bekäme, wenn ich es einfach lassen würde. Ach, ach, ach, ich Ärmste, hätte ich diese Zahl doch nie gelesen. Jedes Mal, wenn ich früher nur gedacht habe "Oh Mann. Na gut. Gesichtsmuskeln unter Kontrolle bringen, weitermachen." denke ich jetzt "(hier eine phantastisch hohe Zahl einfügen)". Zuletzt dachte ich sogar an die Zahl, als im vegetarischen Mittagspausenrestaurant die Auberginen noch roh waren und ein Haar im Nachtisch.

Weil ich mich jetzt, gerade dann, wenn ich am wenigsten an die Zahl denke, trotzdem pünktlich loseisen und das alles hinter mir lassen muss. Eigentlich habe ich mich gern reingesteigert in meinen Job, zumindest manchmal. Ich war zwar nicht mehr bereit, wie vor zehn Jahren 80 Stunden in der Woche zu arbeiten, aber wenn es auf den wichtigen Präsentationstermin zugeht, habe ich auch gerne eine Schippe mehr draufgepackt und mir mit roten Augen noch letzte Ideen abgepresst. Jetzt sitzen wir im Konferenzraum, und jemand sagt zu mir: "Ach so. Ja, du musst ja jetzt gleich los, oder?" Ja, muss ich, und es ist ja auch gut und richtig so, aber trotzdem fühle ich mich in dem Moment wie ein Nichtschwimmer.

Weil es so ziemlich eine der demoralisierendsten Erfahrungen ist, auf einem Firmenklo zu knien und Muttermilch ins Klo auszustreichen, weil ich sonst leider explodiere.


Einige der Gründe, warum es für mich trotzdem gut ist zu arbeiten.
Weil ich heute mein erstes selbstverdientes Geld seit der Geburt auf dem Konto hatte und sich das toll angefühlt hat.

Weil ich nie wieder meinen Mann um Geld bitten will. Nicht, weil er darauf so blöd reagieren würde, sondern einfach so. Ich fühle mich besser, wenn ich das nicht tue.

Weil ich schon Angst hatte, ich würde verblöden. Ich hatte in den letzten Monaten manchmal Telefonate mit Leuten, die mir wirklich wichtig sind, die mir Dinge erzählten, die ihnen wirklich wichtig waren, und alles, was mir dazu nach den ersten zwei Minuten einfiel war "Das ist doch gut. Hm-hm. Das ist doch gut. Sehr schön. Das ist doch gut. Hm-hm." Ich sehe die Arbeit gerade auch ein bisschen als Rückbildung fürs Hirn. (Oh Gott. Bitte bitte, mitlesende Damen, denkt nicht, dass ich sage, als zuhause bleibende Mutter verblödet man. Ich und nur ich bin hier wieder mal das Thema, und mir ging es leider ein bisschen so.)

Weil ich jetzt an jedem Arbeitstag zwei mal 25 Minuten in der Ubahn habe und damit drei mal 50 Minuten zum Lesen. Letzte Woche war ein Kontrolleur da, der etwas länger zum Kontrollieren brauchte, den habe ich fast angeschnauzt. (Nur fast. Aber es ging um meine Lesezeit!)

Weil es unfassbar schön ist, abends nach Hause zu kommen. Mein Kind aus dem Stubenwagen oder aus L.s Armen zu nehmen, an mich zu drücken und an seinem Kopf zu riechen, ist eine einzige Bewegung. Dann stapfe ich schnell nach oben mit ihm und stille ihn (wird auch allerallerallerhöchste Zeit, falls die Exabkürzungsdamen verstehen, was ich meine) und habe meinen Frieden.

Weil ich jetzt die Zeit mit ihm wirklich, wirklich in mich aufsauge wie den Duft seines Kopfes.

Weil er das Kindermädchen wirklich gern hat. Diese Woche war ich einen Tag zum Arbeiten zuhause und habe gesehen, wie er gestrahlt hat, als er ihr Gesicht gesehen hat. Die Welt eines Babys ist klitzeklein, und seine ist gerade um eine Person bereichert worden. Ihr solltet sein Gesicht sehen, wenn sie ihm spanische Kinderlieder vorsingt.

Weil ich jetzt nicht zuhause sitze und ständig denke, ich bezahle dieses Babyjahr damit, dass ich hinterher zurück in eine Jobwelt muss, in der von mir als freier Texterin erwartet wird, an einem Buchungstag bis weit nach Mitternacht zu arbeiten und jederzeit bereit zu sein, mal eben für zwei Wochen nach Berlin oder München zu ziehen, und zwar ab... äh... morgen?

Weil es mir gut tut, mich an drei Tagen in der Woche präsentabel anzuziehen, touche eclat aufzutragen, BB-Cream und Wimperntusche und Mittagspausen zu haben und Abstimmungen und Espresso zu trinken, der einfach so aus einer Maschine kommt, ohne dass ich Kaffee, Wasser oder saubere Tassen organisieren muss.

Weil L. und der Kleine mit jedem Tag enger zusammenwachsen. An drei Tagen in der Woche ist er jetzt vormittags mit ihm alleine. Wäre ich zuhause, würde ich angelaufen kommen, sobald ich ihn meckern höre. "Muxi! Was hast du denn? Mama ist ja da." Und schwupps, hätte ich ihn L. aus dem Arm genommen und wäre mit ihm nach oben geschwebt zum Stillen oder anderer Papa-wird-hier-nicht-gebraucht-Aktivität.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Schatz, es wird etwas früher heute.

Lange Jahre hab ich mit männlichen Kollegen gearbeitet, die zuhause Frauen und kleine Kinder sitzen hatten. Dann spielten sich z.B. Szenen wie die folgende ab:

Es ist 19:27 und das Ende dieses Arbeitstages ist gerade in der vernichtenden Abstimmung in weite Ferne gerückt. Jetzt sitzen wir im Büro des Kollegen zusammen und versuchen irgendwie, die Scherben zusammenzusammeln, dieses Discofiepen im Ohr wegen des Gebrülls unserer Chefs wieder loszuwerden und einen Plan zu machen, wie es weitergeht.

Das Telefon klingelt. Der Kollege geht ran, anfangs noch erfreut über den Anruf und die Stimme am anderen Ende.
"Hallo! Oh Mann, hier ist gerade alles im Arsch. Wir müssen alles noch mal neu machen. Ich glaube..."

Wir erahnen am anderen Ende der Leitung einen deutlich verschärften Ton.

"... was... nein, kann ich nicht, ich muss... oh Mann, ich mach das doch nicht absichtlich? Ich wär doch jetzt auch gerne... NEIN, natürlich bist du mir nicht egal! Ich... nein, natürlich ist mir das auch wichtig! Aber... können wir später re... Hallo? Hallo?"

Und mit hängenden Schultern und plötzlich dreimal so dunklen Augenringen legt er auf.

"Arme Wurst", dachte ich damals meistens. "Wenigstens hab ich keine Familie. Wenigstens sind es nur meine Nerven und meine Magengeschwüre, die ich hier gerade strapaziere."


Später wurde dann das Klima und die Arbeitszeiten etwas lockerer. Männliche Kollegen mit kleinen Kindern und dazugehörigen Freundinnen und Frauen zuhause hatte ich immer noch. Nur gab es jetzt immer mehr, die sich nicht die Nächte für total superduperwichtige Vorstandspräsentationen um die Ohren hauten und sich mit letzter Kraft nachts um zwei irgendetwas aus dem ausgelutschten Gehirn wrangen. Die taten nur so. Die arbeiteten bis sechs, vielleicht auch bis sieben, und dann begann der gemütliche Teil des Arbeitstages. Dann holten sie sich Bierchen aus dem unerschöpflichen Agenturkühlschrank, bestellten sich vielleicht noch eine Pizza, und dann legten sie die Füße hoch und guckten sich Youtube-Videos an und dachten sich vielleicht zum Spaß noch irgendeine Quatschidee wie einen Flashmob oder dergleichen aus - aber eigentlich war das Freizeit, getarnt als Jobstress. Es war klar: reißt sich Papa jetzt von diesem netten Gedaddel und Gesüffel los und kommt nach Hause, dann wartet da eine Frau, die den ganzen Tag das Baby geschleppt und getröstet und gefüttert und noch mehr geschleppt hat, und deren Feierabend beginnt leider erst dann, wenn Papa übernimmt. Also wurde es eben heute wieder etwas später.

"Blöde Wurst", dachte ich dann. "Dann leg Dir eben keine Familie zu."

Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, was für ein Glücksfall das gerade alles ist: drei Tage in der Woche gehe ich zur Arbeit. Und ist die Arbeit vorbei - zum Glück sehen sowohl meine Chefs als auch ich das so, dass das um 18:00 der Fall sein sollte - dann fahre ich nach Hause, freue mich auf mein Kind, und L. hat nicht den ganzen Tag alles allein gemacht und wartet schon hinter der Haustür, sondern wir haben beide noch jede Menge Reserven.
Ich muss ehrlich sagen, schon kurz nach der Geburt habe ich damit angefangen, mir schon mal prophylaktisch Sorgen zu machen, wie das alles wird, und ogottogott, was, wenn alles grandios vor die Wand fährt. Mir diese Sorgen jetzt nicht mehr machen zu müssen und die erste Woche hinter mir zu haben, ohne dass es irgendwem von uns schlechter geht, ist für mich so toll und so befreiend, dass ich mich seit gestern Abend fühle wie frisch massiert. Die erste Cantienica-Stunde heute war vielleicht auch deshalb nicht so spektakulär, aber das erzähle ich in den nächsten Tagen mal in Ruhe. In der Klinik war ich auch: meine Ärztin hatte strahlend Michel auf dem Schoß, freute sich ehrlich und ganz herzlich mit uns, machte dann noch, wo ich schon mal da war, einen Ultraschall, stellte fest, dass zumindest mein linker Eierstock einen sehr guten Eindruck macht (das ist nichts Neues, der rechte ist in Endometriose eingewickelt wie Loriots Kohlroulade und sagt kaum noch was) und wir haben ausgemacht, dass ich mich melde, wenn ich meine Tage bekomme, was irgendwann demnächst der Fall sein sollte. Außerdem soll ich mal feststellen, wie viele Milliliter genau Michel noch bei mir trinkt, und sollte es wirklich nur noch ganz wenig sein, dann brauche ich vor der Stimulation noch nicht mal endgültig abzustillen.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Leicht verrissener Köpper.

Große Übergänge und Veränderungen im Leben machen mir Angst. Die letzten drei Tage vor dem ersten Jobtag waren ziemlich ekelhaft, aber nichts gegen die Nächte. "Noch drei mal nicht schlafen" dachte ich am Donnerstag, und genau so war es dann auch. In den ollen, klammen Stunden zwischen Mitternacht und Dämmerung liege ich oft wach, da brauche ich gar keinen besonders bombastischen Anlass, aber das war auch für meine Verhältnisse ein Festival der Grüblerei und der unguten Gedanken. Inzwischen kannte ich mich wenigstens gut genug, um zu hoffen, dass ich von diesem Zwölfer eben einmal springen muss und dann - wer weiß? - vielleicht sogar schneller, als man gucken kann, die Leiter wieder hochklettere und noch mal will.

Genau so war es dann nicht gerade, aber trotzdem bin ich nach zwei Tagen vorsichtig optimistisch.

Meine erste Erkenntnis habe ich früher von anderen schon ca. achthundertmal gehört, aber irgendwie nie so richtig geglaubt. Jetzt kann ich das bestätigen: ein Tag in einem netten Innenstadtbüro ist ungefähr ein Viertel so anstrengend wie ein Tag mit einem schlechtgelaunten Baby. Verglichen mit einem gutgelaunten Baby ist er ca. halb so anstrengend. Wie leicht auf einmal alles ist! Wie einfach! Wie viel Zeit man hat! Ich hatte zwar schon zwei Tassen Tee, aber jetzt hätte ich gerne noch eine. Nur zu! Ich gehe einfach in die Küche und mache mir eine. Jetzt ist Mittag. Was hole ich mir denn, einen Salat? Oder ans vegetarische Buffet? Oder einen Burger mit Fritten? Und wer kommt mit? Diese kleine popelige Schüssel Salat, die ich gerade in einer Papiertüte zurück in die Agentur trage, macht mich glücklich. Wieso? Spinnt die jetzt? Denken sich sicher manche Abkürzungsdamen. Ich sage nur, ich wünsche euch viel Glück für den nächsten Versuch, und dann wartet's mal ab. Es ist natürlich nicht alles toll, in Meetings nerven die gleichen Dinge wie vorher, und auch an bisher zwei Arbeitstagen hatte ich eine Menge Momente, in denen ich mir innerlich vor den Kopf geschlagen habe, aber davon abgesehen: das hier ist der leichte Teil meines Lebens. Das kann ich. Ich weiß, wie das geht. Vielleicht hat es auch geholfen, dass ich mit dem Schlimmsten gerechnet habe. Und das Schlimmste ist nicht passiert. Das Zweit- und Drittschlimmste auch nicht.

Fies ist natürlich, wenn man am ersten Tag nach der vierten Tasse Tee zum Telefon greift und mal hören will, wie es zuhause so läuft, und dann brüllt das Baby, und L. ist mit den Nerven auch schon runter. Aber ich habe mich mit Gewalt davon abgehalten, zwanzig Minuten später schon wieder anzurufen (Kann man auch nicht brauchen, mit brüllendem Baby nach dem Handy zu wühlen, so viel habe ich in drei Monaten auch gelernt), und kurz darauf war auch zuhause der Himmel schon wieder blau. Das Kindermädchen ist wider Erwarten tatsächlich aufgetaucht, hat fröhlich seine Arbeit getan und ist wieder gegangen. Am ersten Tag hat das Baby nicht so viel getrunken wie sonst, aber das hat er dann nach meiner Heimkehr im Affenzahn nachgeholt, und heute ging es schon viel besser.

Ist das zu fassen? Ich bin eine arbeitende Mutter.

Heute habe ich ca. 17mal sämtliche Fotos von Kalle auf meinem Handy durchgeguckt. Und von der Ubahn nach Hause bin ich eigentlich mit ausgebreiteten Armen gerannt. Es war unfassbar schön, nach zehn Stunden ohne ihn meinen kleinen Kalle mit den Pustebacken und den blauen Augen in den Arm zu nehmen. Ich hoffe, ich habe ihm im Überschwang keine Rippe gebrochen. Beschwert hat er sich nicht, im Gegenteil, er hat mich fröhlich angekräht. Morgen noch ein Tag, und dann ist der Spuk für diese Woche auch schon wieder vorbei. "Wie kriegt man das denn hin, mit Baby und Arbeit?" hat mich heute eine gefragt. Mit L., der gerade zu Hochform aufläuft. Mit Karlchen, der ein gesundes Grundvertrauen mit auf die Welt gebracht zu haben scheint und seine Ersatzmutter von Anfang an ins Herz geschlossen hat. Mit Chefs, die bereit sind, einiges für mich zu tun, wenn ich etwas für sie tue. Mit einem Kindermädchen, das Kalle gern hat und das auch bereit ist, drei Stunden mit ihm auf dem Arm durchs Esszimmer zu schwoofen und spanische Schlaflieder zu singen. Und davon abgesehen macht man das wie ein Alkoholiker, der aufhören will: immer einen Tag nach dem anderen.

(Verflixt noch eins. Wieso habe ich das Gefühl, diese Euphorie schreit danach, eins auf die Nase zu bekommen? Und morgen wird es schrecklich und der ganze schöne Plan ist wieder im Eimer?)

Was habe ich sonst noch zu berichten?

Niemand soll sagen, ich bin grundsätzlich ignorant und pampig gegenüber gutgemeinten Ratschlägen. Vor einer Weile, als ich über mein Pipiproblem klagte, haben mir Kommentatorinnen geraten, es mit Cantienica zu versuchen. Und tada, ich bin angemeldet in einem Cantienica-Rückbildungskurs, der am Donnerstag beginnt. Davon erzähle ich dann mal. Ich hoffe, es wird nicht gesungen.

Bei der Osteopathin war ich auch, die sollte etwas gegen meine Rückenschmerzen tun. Jeden Tag mehrere Stunden das Baby zum Teil in nicht orthopädisch korrekter Haltung hochzuheben und rumzuschleppen, fordert seinen Tribut. Danach war es erst schlimmer (wie von ihr angekündigt), aber nach zwei Thermacare Wärmepflastern besser.

Donnerstag gehe ich nicht nur zu Cantienica, sondern auch zum ersten Mal wieder in meine Kinderwunschklinik. Davon erzähle ich dann auch, ganz bestimmt.

Unser erster Flugurlaub mit Baby wird jetzt unser erster Flugurlaub ohne Baby. Meine Mutter hat sich angeboten, für die vier Tage Kalle zu hüten, und das Angebot haben wir angenommen, nachdem ich schon erwogen hatte, mir zwanzig Einwegfläschchen ins Hotel liefern zu lassen, um das Vaporisierproblem zu lösen. (Für Abkürzungsdamen: Fläschchen zu spülen, reicht leider nicht. Keimfrei müssen sie sein, das erreicht man, indem man sie minutenlang auskocht oder in einem Dampfbehälter in die Mikrowelle stellt. Das nennt man Vaporisieren. Jetzt gibt es in den meisten Hotelzimmern weder Mikrowellen noch Kochplatten.) Ein bisschen traurig finde ich das, ich hätte Kalle gerne Wien gezeigt. Andererseits erspare ich ihm vermutlich so eine Menge Stress, meine Mutter freut sich wie eine Schneekönigin, er liebt sie auch heiß und innig, und wir können zusammen ins fabelhafte Wiener Theater.

Den Stammtisch möchte ich so bald wie möglich machen, allerdings würde ich gerne den Termin in der Abkürzungsklinik abwarten, um um die heiße Phase der nächsten IVF herumplanen zu können. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es am Ende ein Donnerstag im November wird. Könnten interessierte Hamburger Damen vielleicht schon mal kurz kommentieren, an welchen Donnerstagen es auf keinen Fall klappt bei ihnen? Bei mir ist der 21. raus, denn da werde ich mit etwas mit "erl" am Ende im Bauch im Theater sitzen, während hier meine Eltern die Stellung halten.

Freitag, 4. Oktober 2013

Das Ende der Pyjamaparty

Ich weiß noch nicht, wie lange die Ruhe aus dem Stubenwagen anhält. Deshalb das Wichtigste zuerst: Ich würde Euch wirklich, wirklich gerne mal wieder bei einem Stammtisch treffen. Letztes Mal waren wir frühstücken, das war sehr nett. Aber wie wäre es mal wieder mit einem Abend? Mit Wein und fettigem Essen?

Seit Neuestem bin ich Mama. Das kommt vielen nicht wie eine Neuigkeit vor, aber für mich ist es eine. Ich bin Mama wie in "Die Mama geht nur schnell die Wäsche anwerfen und ist gleich wieder da." oder in "Pupsi, nicht weinen, die Mama kommt schon." Wie konnte das passieren? Gerade war ich noch ich wie in "Ich lese gerade Zeitung" oder in "Danke, ich nehme lieber roten", jetzt bin ich Mama.

Noch zweieinhalb Wochen, und die Mama geht wieder arbeiten. Ich weiß noch nicht, wie ich mich dabei fühlen soll. Nein, das stimmt nicht, ich weiß genau, wie ich mich dabei fühle: grauenvoll. Im Moment kommt mir wenig verlockender vor als ein Jahr zuhause mit meinem Kind und den Hunden und viel Zeit und Vormittagen im Schlafanzug. Ach, Schlafanzug: ich weiß nicht, wie das kommt, aber bevor ich auch nur meine Zähne geputzt habe, ist es elf. Wie ich demnächst, sehr demnächst sogar, um neun in kundentauglichen Klamotten an meinem Schreibtisch ca. acht Kilometer von hier sitzen soll, ist mir ein Rätsel. Und habe ich das tatsächlich geschafft, dann fühle ich mich vermutlich hundeelend. Ich will hier sein und mit dem Finger das Profil meines Babys entlangfahren. Im Moment sage ich mir zwei Dinge, um mich davon abzuhalten, das Ganze abzublasen:

Erstens. Ich glaube, dass es gut für mich sein wird, hier mal rauszukommen. An etwas Anderes zu denken, mich an etwas Anderem aufzureiben, mit Leuten zu sprechen, die sich nicht für Stillen vs. nicht Stillen interessieren. Etwas zu tun, was ich gut kann, und dafür gut bezahlt zu werden. Vielleicht sogar etwas zu lernen? Und dann nach Hause zu kommen und mich auf Zeit mit Rainer Maria zu freuen.

Zweitens. Zwar wird es anstrengend sein und kompliziert und auch oft furchtbar. Aber lasse ich diesen Job jetzt sausen, ist er weg. Wenn das Jahr dann vorbei ist, müsste ich mich wieder auf den Markt für freie Texter werfen. Und die werden naturgemäß dann gebucht, wenn Not am Mann ist: wenn eine Präsentation bevorsteht und alle schon viel zu spät dran sind, wenn sich die Arbeit seit Wochen stapelt und niemand da ist, der sie erledigt, wenn ein Kunde kurz vor dem Absprung ist. Und das macht aus jedem gebuchten Tag einen Arbeitstag von neun bis Mitternacht oder später. Und das kann ich erst recht nicht mehr. Das will ich auch nicht mehr.

Und drittens, falls erstens und zweitens nicht reichen, sind es nur drei Tage in der Woche.

Und ich weiß, dass ich eigentlich nicht zu viel über Rainer Maria schreiben wollte. Aber heute war der Tag, an dem er einen kleinen, geerbten Teddy gesehen, ihn angestrahlt und mit ihm gesprochen hat und ihn dann mit beiden Händen gegriffen und zu sich herangezogen hat.
Der Teddy hatte übrigens einen Schlafanzug an.



Mittwoch, 25. September 2013

Ich mach hier nur meinen verdammten Job, Mister.

Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet. Ich hätte gedacht, mein dickster Auftraggeber hustet mir was, wenn ich ihm mit meinen Vorstellungen von Tagessatz-Erhöhung komme. Ich dachte, der denkt sich: die kommt als Mutter zurück, leistet vor lauter Baby-Entzug und unvorhergesehenen Zwischenfällen von Krankheit bis verschollenem Kindermädchen in Zukunft nur noch ungefähr zwei Drittel von dem, was sie vor der Schwangerschaft gebracht hat, will größtenteils zuhause arbeiten, und jetzt will sie mehr Geld? Pah!

Genau das wollte sie. Denn aus meiner Sicht stellte sich das so dar: ich gehe wieder arbeiten, auch deshalb, weil wir das so abgesprochen hatten und ich mein Wort halten wollte. Ich weiß jetzt schon, ich werde mich streckenweise schäbig fühlen dabei. Ich werde mich als Werberin außerdem öfter als bisher schwer tun, einen echten, wirklichen und lebendigen Sinn in dem zu sehen, was wir da so austüfteln. Ich werde vermutlich täglich einen Krach mit L. haben, wessen Termine nun wichtiger sind, wer sich nach wem zu richten hat, wer wohin zu spät kommt und wessen Schuld das ist usw.. Und weil ich zur Verhinderung schlimmeren Übels wenigstens vier Stunden am Tag eine Kinderfrau oder einen Kindermann bezahlen will, würde ich also die gleiche Arbeit wie bisher tun, nur mit einem riesigen ranzigen Sahnehäubchen aus Stress und Streit und Schuldgefühlen obendrauf, und dank Kinderfrau (oder Mann, jaja) für ca. 500 Euro netto weniger? Auch Pah!

Mit gezücktem Klappmesser wollte ich nicht ins Gespräch gehen, deshalb habe ich nicht gesagt: wenn ihr das nicht macht, dann gehe ich in Elternzeit, und ihr könnt sehen, wer in Zukunft meine Arbeit tut. Ich hätte ihnen angeboten, noch vier Wochen zu arbeiten, damit sie nicht ganz nackig dastehen, und dann wäre ich weg gewesen. Jetzt bin ich ganz froh, dass ich das nicht gesagt habe, denn nach kurzer Bedenkzeit haben sie mich angerufen und mir gesagt, dass sie mir die Erhöhung zahlen. Gerne sogar! Haben sie gesagt.

Und jetzt sieht der Plan so aus: am 21. Oktober gehe ich wieder arbeiten. Wie bisher dreimal die Woche, Montag, Dienstag und Mittwoch, es sei denn, ich oder die Agentur hat einen triftigen Grund, einen der Tage zu verschieben. Vormittags übernimmt L. Thorsten. Wobei ich ihn sicher auch mal auf dem Schoß und auf dem Arm haben werde, eine Windel wechsele oder was auch immer. In dieser Zeit werde ich vor allem nachdenken und versuchen, mir etwas einfallen zu lassen. Dabei wird das beim iphone eingebaute Diktiergerät wohl mein bester Freund werden. Und nachmittags kommt die Kinderfrau, und dann kann ich bei Bedarf in die Agentur fahren. Oder ich bleibe auch dann zuhause, hacke konzentriert die Einfälle vom Vormittag in den Rechner oder denke mir neue aus, und abends geht eine schöne dicke Erntemail an die Agentur. Sollte meine Anwesenheit auch mal vormittags wichtig sein, muss entweder L. ganz ran, oder ich frage die Kinderfrau, ob sie vormittags statt nachmittags kann. Dazu könnte ich mir vielleicht noch eine zweite Dame in der Hinterhand anlachen, die wenig zu tun hat und ein bisschen flexibler ist. Der Plan klingt einleuchtend, denkt mein Kopf. Der Plan klingt wie das Ticket in den Wahnsinn und die Ehekrise, denkt mein Bauch. Aber erst mal werde ich das so versuchen. Und denke ich nach zwei Wochen, das geht nicht, das ist alles Unfug und mir bricht das Herz dabei, und graut mir ab Samstag vor Montag, dann werde ich der Agentur freundlich sagen, dass ich mich da wohl gewaltig überschätzt habe, dass es alles hinten und vorne nicht hinhaut und dass sie sich jetzt doch jemand anderen suchen müssen. Und dann gehe ich eben doch in Elternzeit. Und einen ganz anderen Plan habe ich sowieso noch in der Hinterhand, aber an dem will ich in jedem Fall dranbleiben, egal ob mit oder ohne Agentur.

Freitag, 20. September 2013

Zwei Monate

Heute wird Ernst Stavro zwei Monate alt, und nicht zu viel über ihn zu schreiben, ist mir selten so schwer gefallen. Als ich vor ein paar Tagen Fotos an meine Familie geschickt habe, hat meine Schwester geschrieben, er wäre jetzt kein Neugeborenes mehr, sondern ein richtiges Baby, und da hat sie wie eigentlich immer Recht. Jeder Tag fängt damit an, dass er mich aus der Babybay anstrahlt, und nach dem Essen bocke ich ihn gerne mit angezogenen Beinen auf meinen Oberschenkeln auf und unterhalte mich mit ihm. Guu? Bogaa! Ange? Ernst Stavro, das sehe ich doch ganz genau so!

Ich weiß, dass ihr auf Fotos mit Maske wartet, aber das Problem mit der Maske ist, dass ich die anlässlich meines Personalgesprächs in der Innenstadt besorgen wollte, und dieses Personalgespräch - ja, also, dieses Personalgespräch, das ich mir eigentlich für Juni gewünscht hatte und das mir auch versprochen worden war, das hat immer noch nicht stattgefunden. Ja! Ich hab genau so gestaunt! Diesen Montag ist es nun aber fest vereinbart, danach schiebe ich mit ihm zu Fahnen Fleck, wo wir uns mit Masken eindecken, und sollte es diesmal wieder nicht stattfinden, dann habe ich vielleicht gar keinen Bedarf mehr an einem Personalgespräch. (Hier rumort gerade Einiges, was meine berufliche Lebensplanung betrifft. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich auch mit 40 noch fragen, was sie mal werden wollen, wenn sie groß sind.)

Gerade habe ich ihn noch mal kurz gestillt, dabei ist er eingeschlafen, und die Gelegenheit nutze ich für einen Post. Sollte ich gleich von oben Geknötter hören, wird er ziemlich abrupt enden. Das mit dem Stillen ist übrigens gerade von einem Reizthema zu einem extrem Haut- und Magenfreundlichen Schmeichelthema geworden. Die Milch wird nicht mehr, aber auch nicht weniger, und wann immer mir und ihm danach ist, lege ich ihn an. Er trinkt dann, obwohl ich die Medelasauger ziemlich schnell nach dem Abgang der Hebamme eingemottet habe, denn auch, wenn er die Technik schnell raushatte, da Milch rauszukriegen, dauert es doch länger, und die Hälfte der Flasche wird immer kalt. Außerdem lag das Plastik nicht so schön in der Hand wie das schwere Glas der Nukflaschen. Und was soll ich sagen? Beim Stillen ist seine Saugetechnik 1a. Er holt sich also, was er kriegen kann, und schläft dann ganz ruhig und friedlich ein. Nicht für lange, nie für lange, außer nachts: immer nur so zwanzig Minuten. So bin ich ziemlich schnell (für meine Verhältnisse) darauf gekommen, dass ich ihn auch zur Beruhigung anlege, wenn gar nichts anderes mehr hilft, und es ist die Wundermethode geworden, wenn ich mitten am Tag mal 20 Minuten für was auch immer brauche, die er absolut nicht im Stubenwagen zubringen will. Fast schade, dass demnächst damit Schluss sein wird, wenn der Hormonzirkus wieder los geht - wobei ich das Gespräch mit meiner Ärztin am 24. mal abwarten werde. Ich weiß nämlich noch nicht, ob es daran scheitern wird, dass mir dann einfach die Milch wegbleibt, oder ob die Medikamente in die Milch gehen und für Ernst Stavro schädlich sind. Ersteres wäre viel einfacher, denn dann kann er immer noch nuckeln und kuscheln. Aber spätestens zur Periode am Start des Zyklus wird sie wohl verschwinden. Dann heißt es Tschüss, Muttermilch!

Hallo, Rotwein. (Ich habe eine Nachbarin, die kann hellsehen. Ich kann das manchmal auch! Ich sehe jetzt schon ganz deutlich einige Kommentare vor mir, die meine nahe Zukunft für mich bereithält!)

Zwei Monate nach der Geburt reiße ich mich also am Riemen, nicht zu viel über ihn zu schreiben. Bleibt die Frage, was sich in dieser Zeit bei mir getan hat?
Die Kugel ist weg. Die Kugel ist sogar mehr als weg. Ich fand es fast ein bisschen schade, dass nach der Geburt so schnell keine Ahnung mehr blieb von der dicken Babykugel, sondern als größtes Souvenir nur der verflixte Dammschnitt. Die Linea Nigra ist noch da, in kräftigem senfgelb, das auf weißer Haut nicht sehr schick aussieht. Auch ein paar erweiterte Äderchen sind mir am Bauch geblieben, die verblassen aber auch jetzt schon und verschwinden im Bikini (zum Glück fand ich immer schon Bikinis wie in den 50ern mit viel Stoff schöner, die entsprechen auch mehr meinem ziemlich tobigen Schwimm- und Plansch-Stil). Und mein Bauchnabel sieht etwas verwohnt aus. Aber der Bauch ist weg und hat sogar noch drei Kilo mitgenommen, so dass ich jetzt weniger wiege als vor der Schwangerschaft. Ich weiß, beim Stillen darf man keine Diät machen, weil sonst der ganze Müll meines 40jährigen Lebens als Gierschlund seinen Weg in die Milch findet, und ich schwöre, ich habe keine gemacht. Das ist einfach so passiert. Was dagegen nicht mehr passiert ist: ich bin sehr glücklich, nicht mehr in die Hose gemacht zu haben. Und weil ich die Pilates-mit-Baby-DVD nur zweimal durchgeturnt habe, weiß ich nicht, ob es daran liegt oder ob die freestyle-Kegelübungen endlich angeschlagen haben. (Ihr kennt das, oder? Samantha macht sie nebenbei, während sie einen Martini trinkt. Man sitzt so da, sieht ganz entspannt aus und tut dabei sekundenlang so, als müsste man Pipi anhalten. Das wiederholt man, so lange man Lust hat. So lange man das jeden Tag macht, wirkt es angeblich.)

Oha, oben regt sich was. Ernst Stavro hat gehustet. Jetzt quengelt er. Bis später, liebe Damen!