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Donnerstag, 19. Januar 2012

Tag 13 macht sich

Und in dem Moment, in dem ich "Post veröffentlichen" anklicke, höre ich unten die Post durch den Türschlitz flutschen. Und es gibt großartige Neuigkeiten: nach annähernd drei Monaten Bedenkzeit hat sich meine Krankenkasse nun gemeldet und sich dazu durchgerungen, mir auch noch IVF Nr.4 mitzufinanzieren, weil bei IVF Nr.2 - Die Würmchen-IVF, wir erinnern uns - immerhin ein Herzschlag zu sehen war, bevor dann alles wieder futsch war. Ist das ein Trost dafür, in einem Land zu leben, in dem wir uns solches Wetter und solche Supermärkte gefallen lassen müssen? Ein bisschen schon. Werde ich jetzt eine halbe IVF für Eppendorfer Rindfleisch ausgeben? Ich glaube, da fällt mir noch was anderes ein. Hätte die Krankenkasse sich damit nicht ein bisschen mehr beeilen können? Scheinbar nicht.

Montag, 10. Mai 2010

Nachricht an die Würmchen

Liebe Würmchen,

inzwischen wäret ihr so ungefähr zwei Monate alt. Mutti könnte vermutlich mittlerweile wieder auf die Toilette gehen, ohne vor Schmerzen zu fauchen. Ich hätte mich längst daran gewöhnt, so gut wie nie zu schlafen, so gut man sich eben daran gewöhnen kann (ich weiß, ein Hundewelpe ist nicht das Gleiche, aber auch in meinem Leben gab es vor Kurzem eine Zeit, in der ich nachts viermal aufstehen musste, weil jemand anderes unaufschiebbare Bedürfnisse hatte). Und ab und zu würden die Mädchen vorbeikommen, und ich würde krampfhaft versuchen, der Unterhaltung aufmerksam zu folgen und ab und zu sogar selbst etwas dazu zu sagen. Ich wüsste inzwischen, wie ihr ausseht, wie ihr heißt, ob ihr fröhlich seid oder eher ein bisschen zerworfen mit der Welt, wie ihr riecht und welche Augenfarbe ihr habt (gut, nicht viele Freiheitsgrade hier). Ich wüsste inzwischen, wie sich das anfühlt, monatelang eine Kugel vor sich herzuschleppen und ob eine Geburt wirklich so ein Riesending ist oder eher vergleichbar mit einer Wurzelbehandlung. Alles wäre anders, und ohne die Fehlgeburt hätten wir uns vielleicht Lili nicht geholt - oder ein paar Monate später eine andere Lili.

Eigentlich denke ich viel zu selten an euch. Ihr seid so... weg. Aber vergessen habe ich euch trotzdem noch nicht.

Montag, 15. März 2010

Sternenkinder, mein Arsch

Neulich sitze ich auf dem Sofa, lese die Zeitung, da kommt L. rein und schaltet den Fernseher ein und geht sofort wieder raus. Ein bisschen so wie meine Oma früher, wenn ich gelesen habe, sie kam rein, hat das Licht angemacht und gesagt "Kind, du verdirbst dir die Augen." (Nicht, dass nun hier der Eindruck entsteht, von uns beiden wäre ich die mit den Zeitungen und L. der mit der Fernbedienung. Das wäre ein falscher Eindruck.) Und plötzlich sehe ich mich konfrontiert mit einem Beitrag, ich glaube auf RTL, zum Thema Fehl- und Totgeburten. Darüber, dass das heute zum Glück seltener vorkommt als früher, ein dickes Dankeschön an die Medizin, aber trotzdem - es passiert. Und dann kam dieser Satz, zu dem man ein Bild gesehen hat, auf dem ein orangefarbenes und vage embryohaftes Etwas von einer Art Heiligenschein umgeben war: "Wir nennen diese Kinder Sternenkinder."

Nein, tun wir nicht. Wir nennen diese Kinder Fehlgeburten oder Totgeburten, und ich habe das dumpfe Gefühl, damit sind wir besser dran. Sternenkinder. Ehrlich. Es ist hart genug, so wie es ist.

(Beginn des Teils, der mich wie ein Talisman vor biestigen Kommentaren bewahren soll: ich verstehe, dass jeder eine eigene Art zu Trauern hat. Und dass jeder das Recht auf diese eigene Art hat. Ich hab das nur auch erlebt und glaube, hätte ich mir ein Sternchen tätowieren lassen oder dem Kleinen einen Namen gegeben oder ihm eine Ecke in meiner Wohnung oder auch nur ein Blatt in einem Album eingerichtet, wäre es schlimmer geworden und vielleicht jetzt noch nicht vorbei. Ich weiß auch, dass das Ziel von Trauer nicht ist, alles wegzuschieben, sondern einen Verlust zu verarbeiten. Und trotzdem bin ich mir sicher, dass "Sternenkinder" für jede Art von Trauerverständnis der falsche Weg sind. Aber ich habe natürlich nur meinen begrenzten Horizont als Maßstab, vielleicht sitzt da draußen die Frau, die ihrem Sternenkind einen Blumenstrauß hinstellt und damit glücklicher ist. Und vielleicht ist sie ein sensiblerer und glücklicherer Mensch als ich. Ende des Teils, der mich wie ein Talisman vor biestigen Kommentaren bewahren soll.)

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Man fasst es einfach nicht.

Zwar lässt der Silberrücken und seine Bande sich reichlich Zeit mit dem Rückruf, der doch eigentlich gestern Vormittag kommen sollte. Aber kratzt das hier irgendwen? Mich jedenfalls nicht. Denn ich war nicht nur letzten Freitag, diesen Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag gebucht, sondern Montag und Dienstag gleich schon wieder. Kein Mensch weiß, in welchen Löchern die sich bisher alle versteckt hatten. Das ist wirklich eine meiner ungünstigsten Eigenschaften: kaum läuft es wieder einigermaßen, habe ich fürchterliches Oberwasser und reiße schrecklich die Klappe auf. Bisher habe ich mit all diesen Aufträgen weniger verdient als früher in einem Monat, was ja auch vollkommen ok ist für ein paar Tage Arbeit, aber schon fühle ich mich wie Graf Koks und würde mit am liebsten mit Zehneuroscheinen dicke Zigarren anzünden. Es fühlt sich so großartig an, nicht mehr die Wände hochzugehen und mich genau deshalb den ganzen Tag auf den Straßen rumzutreiben, wo mir ganze Rudel von Muttis um die Ohren schieben, und ich kann euch sagen, das macht jeden mürbe und selbstmitleidzerfressen, da kann man sich sonst was vornehmen oder verkneifen.

L. ist auch glücklich. Es geht uns sofort um Längen besser, seitdem ich morgens aus dem Haus gehe und etwas tue, wofür ich nicht nur gebraucht, sondern auch bezahlt und gelobt und gepudert werde.
Sollte der Traum doch noch wahr werden, in Zukunft jede Woche drei Tage zu arbeiten, mich am Ende von allen fröhlich zu verabschieden und bis zur nächsten Buchung im gleichen Laden nie wieder einen Gedanken daran zu verschwenden? Und nebenbei am Rechner irgend etwas anderes auszuhecken? Hm.

Auf der anderen Seite die verlockende Aussicht, in Zukunft sieben Tage die Woche zu arbeiten, niemals gelobt und gepudert zu werden, und L. so selten zu sehen, dass ich ihm einen Brief schreiben muss, wenn ich wissen will, ob er glücklich ist, nur WANN? verdammt noch mal soll ich den schreiben???

Mit den Buchungen schmort jetzt aber auch gerade die Zeit bis Weihnachten gewaltig zusammen. Denn vorher müssen wir noch sechs Tage Urlaub unterkriegen, falls es mit den Silberrücken klappt, den letzten bis Juli, und ich muss noch Weihnachtseinkäufe machen, einen Weihnachtsbaum und endlich wenigstens zum dritten Advent einen Adventskranz (sonst heule ich, hilft ja nichts), ich muss die Plätzchen backen, die ich L.s Mutter und seiner restlichen Familie kiloweise versprochen habe, ich muss mir etwas zum Anziehen kaufen, worin ich so passabel aussehe, dass mir die Leute im Urlaub nicht aus Mitleid Kleingeld in den Kaffee werfen, und ich muss.... ach.

Das Beste an all dem Geraffe und Gemache ist, dass ich wieder mal nicht zum Nachdenken komme. Denn mein Unterleib entwickelt sich wieder mal zu etwas, wovon man sonst widerwillig in irgendwelchen Brigitte-Dossiers liest. Ich blute immer noch. Die Blutungen gehen morgen in den vierzehnten Tag. Es zwickt und grummelt. Ich hasse das, aber zum Glück komme ich nur fünf Minuten am Tag dazu, es zu hassen, denn in den restlichen 23 Stunden und 55 Minuten habe ich andere Sachen zu tun.

Samstag, 5. Dezember 2009

Machts gut, Blümchen

Ist ja sowieso nicht so die Jahreszeit für Blümchen.

Ach je. Und ich kann noch nicht mal sagen, ich wäre nicht gewarnt gewesen. Eigentlich kenne ich das ja schon. Und eigentlich weiß ich das ja schon seit letztem Sonntag. (Und ich will auch euch andere Abkürzungsmädchen da draußen gar nicht warnen. Ich fände es schade, wenn das hier eine liest und sich vielleicht demnächst, wenn der Test positiv ist, gar nicht richtig freuen kann, weil sie denkt, das geht ja am Ende doch schief. Das wäre schrecklich! Nein, denkt das nicht, ich glaube nämlich, das ist vor allem bei mir so. Wieso, das werden wir hoffentlich demnächst mal rausfinden. Und mit ganz viel Glück kann man sogar etwas dagegen machen.)

Da ist ein kleiner Teil von mir, der sagt sich: jetzt gehe ich am Dienstag zu diesem zweiten Gespräch mit dem Silberrücken und hole mir den Job. Und dann vergehen noch ein paar Tage, die sind eher nicht so funkelnd, aber wer hat schon immer funkelnde Tage? Dann gehe ich wieder arbeiten, und nachdem ich deutlich merke, wie gut mir die letzten zwei Tage getan haben, an denen ich zu tun hatte und ordentlich gepampert wurde mit Lob und Anerkennung, weiß ich, dass das gut sein wird. Ich muss dann acht neue Kunden und achtzig neue Leute kennen lernen, und ich stehe morgens um acht fluchend auf und komme nachts um elf fluchend nach Hause, und dabei werde ich mich pudelwohl fühlen. Und dann irgendwann - vielleicht in der alten Klinik, vielleicht in einer neuen - starten wir den nächsten Versuch. Dieser kleine Teil denkt sich, das war vermutlich besser so. Und zwar nicht nur deshalb, weil eine Schwangerschaft, bei der gleich am ersten Tag nach dem Test Blut fließt, unter keinem guten Stern steht. Sondern auch sonst. Denn ich kenne mich und weiß, ich hätte vielleicht nichts gesagt, aber ich hätte gelitten wie ein Hund, da jeden Tag hinzugehen und genau zu wissen, dass demnächst das Gespräch mit den Bossen ansteht, und dass es gut sein kann, gerecht oder ungerecht, dass danach eine Tür zugeht, die besser offen bleiben sollte. "Kinder oder Karriere", haha. Ich hasse das Thema, aber trotzdem kann es einen auch ziemlich mies erwischen, ohne dass man auch nur die leiseste Aussicht auf Kinder hat. Dieser Teil denkt sich außerdem, es könnte schlimmer sein. Und zwar gewaltig viel schlimmer.

Und dann ist da ein etwas größerer Teil, der nicht nur traurig ist, sondern auch ein bisschen sauer. Mir wird gerade klar, dass ich wohl heimlich gedacht habe, wenn ich mich nur zusammenreiße, nicht in Selbstmitleid versinke, nicht zu viel fürchte und nicht zu viel hoffe, dann gibt es dafür so etwas wie ein Sternchen unter meine Karma-Bilanz, und die Prämie dafür ist eine gute Schwangerschaft. "Schwanger, ich???" Wie ein Oscar-Gewinner, der so tut, als würde ihn das jetzt völlig überrumpeln und kalt erwischen, und der dann sogar so tut, als müsste er seine seit Wochen einstudierte Dankesrede jetzt schnell improvisieren. Jetzt stellt sich heraus, es gibt keine Karma-Sternchen. Das einzige, was es dafür gibt, ist, dass ich es selbst noch mit mir aushalte, was natürlich auch nicht schlecht ist. "Wo bleibt meine Belohnung?" Deine Belohnung, Schatz, ist in Abrahams Wurstkessel.

Ich setze eine Flasche Brause und eine Schachtel Fluppen darauf, dass der erste Teil zwar gerade noch ein bisschen durchhängt, aber trotzdem das Spiel gewinnt. Gefälligst.

(Übrigens fühle ich mich ein bisschen albern dabei, diese niemals richtig vorhandene Schwangerschaft und ihr mitteljähes Ende mit dem Label "Fehlgeburt" zu bezeichnen, will jetzt aber kein neues Label eigens für diesen Zweck einführen, weil ich das dumpfe Gefühl habe, das würde Unglück bringen.)

Blümchen, keine Ahnung, wieso ich euch das jetzt erzähle. Ihr wart ja ziemlich klein, mit eurem Lesevermögen wird es noch nicht weit her gewesen sein. Überhaupt hatte ich ja diesmal nur ca. 24 Stunden, mich an eure Anwesenheit zu gewöhnen, so richtig ans Herz gewachsen seid ihr mir zum Glück noch nicht, und die Konversation mit euch ist ein bisschen klamm, so wie mit Leuten, neben denen man auf einer Party zufällig landet. "Und was macht ihr so?" Das wäre im Moment eine extrem blöde Frage an euch. Ich hatte das Gefühl, ich sollte euch einen Abschiedspost widmen. Eine Schultüte werde ich für euch ja nicht kaufen. Gefällt er euch, der Abschiedspost?
Nein? Mir auch nicht.

Prokrastination für Fortgeschrittene

Eigentlich würde heute ja der große Post über Enttäuschung einerseits, Traurigkeit, aber auch andererseits Erleichterung darüber anstehen, dass ich jetzt endlich eine klare Entscheidung habe. Ich müsste erzählen, wie das war gestern, als der Anruf einfach nicht kam, dann irgendwann doch, und ich mitten im dicksten Bürostress plötzlich wusste, dass ich nicht mehr schwanger bin. Und vermutlich auch nie richtig war, denn, wie die Frau am Telefon sagte, das war scheinbar "nur eine chemische Schwangerschaft ohne erfolgreiche Einnistung".

Aber das Problem ist, ich hab gerade nicht die geringste Lust, davon zu erzählen.

Stattdessen ist mir gerade aufgegangen, dass Freitag in sechs Tagen ja schon der große Abkürzungsstammtisch ansteht! Noch mal: wer aus dem Hamburger Raum kommt und/oder dabei sein will, kann mir auf Wunschkinder.net schreiben, mein Pseudonym ist Eiertaenzerin. (Oder Eiertänzerin?) Zum Ort der sicherlich glamourösesten Veranstaltung des Abends in der ganzen Stadt habe ich noch keinen konkreten Plan, freu mich aber über Vorschläge!

Freitag, 4. Dezember 2009

Was soll ich sagen.

Um vier kam der Anruf. Seitdem hatte ich ein Feierabendbier, zwei Zigaretten, drei Sorten Maki und zwei Glas Weißwein.

So läuft es eben.

Irgendwo in der Stadt kommt gerade eine Frau vom Klo und hüpft kreischend mit einem Test durch die Wohnung, bei dem zwei Linien zu sehen sind. Die möchte ich an dieser Stelle herzlich grüßen und ihr viel Glück wünschen.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Splatter-Post

Ich blute und blute und blute. Blut in meiner Wäsche, Blut auf dem Bettlaken, Blut in der Dusche. Zum Glück werde ich in den nächsten Tagen vermutlich keinen müden Gedanken daran verschwenden, denn, man höre und staune: ich bin gebucht. Zwei Tage lang werde ich Geld scheffeln, schuften und dieses ganze Kinderwunschthema schön zuhause lassen. (Ich hoffe, dass ihre Schreibtischstuhlbezüge waschbar sind. Ihr macht euch keine Vorstellung. Ja, und das trotz fast stündlich gewechselter Nacht-Binde mit achtzig Tropfensymbolen.) Und ehe ich drüber nachdenken kann, ist es Freitag, und ich gehe wieder zum Test.

Und zur Progesteronspritze. Der Bericht steht ja noch aus. Nein, ihr müsst nicht an den Nägeln kauen, auch die Progesteronspritze tat nicht weh. Man bekommt sie übrigens in den Po, und niedlich fand ich, dass ich husten sollte, während es piekst. Leider dauert es eine ganze Zeit, denn der Inhalt der Spritze verteilt sich nicht gut im Körper, deshalb muss die Sprechstundenhilfe drücken und drücken und drücken. Gaaaaanz langsam. Ich wurde vorgewarnt, dass es gleich ganz schön weh tun würde (tat es nicht) und dass im Lauf des Tages mein Bein schmerzen könnte (tat es). Wovor ich nicht gewarnt wurde, war der zweistündige Tiefschlaf, in den ich nach meiner Heimkehr gefallen bin. Mit Wimperntusche, Kleidern und allem. Und das mir, die sonst schon Probleme hat, einzuschlafen, wenn ich mir nicht das Gesicht gewaschen, Tonic benutzt und meine drei verschiedenen Cremes an Ort und Stelle verwendet habe. Was mir allerdings den meisten Kummer macht, ist der Plan für die nächsten Wochen laut Klinik: ab sofort habe ich mich mindestens zweimal wöchentlich dort einzufinden, um die Spritze zu bekommen. Aber Mitte Dezember wollten L. und ich verreisen. Muss ich nun durch Schottland irren und mir einen Dorfarzt suchen, der mir meine Spritze gibt? Oder müssen wir etwa, schockschwerenot, schon wieder wegen meines Unterleibs zuhause bleiben? Der arme L., er hat schon kaum mehr die Kraft, enttäuscht zu sein. Blümchen, angeblich spürt ihr ja ständig alles Mögliche, was um euch herum so vorgeht. Wenn ihr ein Herz habt und es euch nicht schon jetzt mit euerm Vater verscheißen wollt, dann entscheidet euch langsam mal, wohin der Weg gehen soll. Und wenn ihr es euch nicht mit eurer Mutter verscheißen wollt, dann hört mal auf, da unten so zu treten und zu zwicken. Ich spüre nämlich auch so einiges.

Nach wie vor lebe ich ein Zwitterleben: einerseits gehe ich felsenfest davon aus, nicht schwanger bzw. bald nicht mehr schwanger zu sein, andererseits verkneife ich mir aber Trostprosecco, Trostrotwein, Trostsushi und Trostrohmilchstinkekäse weiterhin. Ausgestoßen aus beiden Lagern: nicht schwanger und nicht nicht schwanger! Bitter.

Ich blute. Hatte ich schon erwähnt?

Montag, 30. November 2009

Ich bin auf 280.

Es tut mir so leid, hier ausgerechnet zur Essenszeit mit solchen widerlichen Details zu kommen, aber ich möchte, dass hier niemand mehr in der Illusion lebt, aus mir würden stündlich einige Tröpfchen Blut rinnen. Nein, da kommt eine Menge. Und nicht nur Blut, wenn ihr versteht, was ich meine. Was auch immer sich da in den letzten Wochen dank Crinone oder Estrifam aufgebaut hat, hat gerade die Koffer gepackt.

Als ich also heute morgen vor der Rezeption in der Klinik stand und die Sprechstundenhilfe mir erklärte, das müsste aber noch gar nichts heißen, und als ich gerade eure zauberhaften Kommentare gelesen habe, habe ich eher mitleidig gelächelt. Ihr seid so süß, aber ich habe rote Klumpen in der Hose, mein Endometriose-Unterleib krampft, und ich würde eine Menge dafür geben, wenn ich jetzt einfach eine Ibuprofen schlucken dürfte. Schwanger-trotz-Periode ist für mich inzwischen zu einem Teil der Kinderwunsch-Folklore geworden. Und eigentlich habe ich mir mehr aus Gutmütigkeit eine Progesteron-Spritze geben lassen und brav meinen Arm hingehalten, um noch mal Blut da zu lassen.

Und jetzt kommt gerade der Anruf: Progesteron-Werte sind viel zu niedrig, und das könnte eine Erklärung für die Blutung sein. Aber HCG steigt an. Heute habe ich auch erfahren, dass der Wert am Freitag bei 68 lag (eher schlapp), heute aber bei 280 ist. Und Freitag muss ich wieder hin.

(Von der Progesteron-Spritze erzähle ich morgen mal. Die war lustig.)

Ich weiß nicht, was ich hoffen soll. Aber ich weiß, was ich nicht hoffe: dass sich das hier zu einer jetzt noch bekloppteren Version meiner ersten Schwangerschaft entwickelt. Entweder, im Laufe der nächsten Wochen - und damit meine ich nicht sieben bis acht Wochen, sondern ein bis zwei Wochen - normalisiert sich alles, und ich darf einfach ganz normal schwanger sein. Meinetwegen mit Gurken und Schokolade, auch mit Spucken am Morgen und Heulerei, aber bitte, bitte nicht wieder mit wochenlanger Dauerperiode. Bitte.

Oder, die nächste Untersuchung (Freitag, viertel nach acht. Na Danke.) lässt mich vom Haken und ergibt, dass es diesmal nichts geworden ist. Ich verspreche, ich wäre weder enttäuscht noch böse noch von Selbsthass zerfressen. Ich würde mich einfach darauf konzentrieren, den Job zu bekommen und die restlichen Wochen bis Januar nach Kräften zu genießen. Mit Weihnachtsmarkt, Krimi auf dem Sofa, Spaziergängen, Kochen, Rotwein und Freunden.

Sonntag, 29. November 2009

Wie fühlt man sich so als Dings?

Ihr könnt die Luftschlangen wieder einpacken. Samstag waren schon zwei Tröpfchen Blut in der Unterhose. Dann wieder nichts, und ich dachte schon, ich bin wieder außer Gefahr. Bis ich heute Morgen mit Regelschmerzen aufgewacht bin und im Halbschlaf noch das Mantra "Crinone-Nebenwirkungen, Crinone-Nebenwirkungen" innerlich vor mich hingeleiert habe. Dann bin ich irgendwann aufs Klo gegangen und habe festgestellt: nichts Nebenwirkungen. Ich habe geblutet, und zwar kräftig, das ließ sich mit keiner Nebenwirkung der Welt wegleugnen.

Das hat mein sowieso schon ziemlich einfallsreicher Unterleib super hingekriegt: zwei Tage sitze ich zwischen meinen Freunden und nippe am Mineralwasser, und in dem Moment, in dem der Spaß vorbei ist, ist Entwarnung.

Nicht, dass ich hier den Eindruck mache, eine verpasste Sektsause wäre gerade meine Hauptsorge, all der schöne pinke Alkohol. Aber ich habe keine Ahnung, was jetzt passiert. Denn inzwischen hat es schon wieder aufgehört. Morgen um halb zehn habe ich meinen Termin in der Klinik, Blut raus, Progesteron rein. Aber ich werde morgen so früh wie möglich da anrufen und versuchen, noch einen Spontantermin bei meinem Arzt zu bekommen. Ich kenne die Blutshow ja schon vom letzten Mal, am Ende macht er einen Ultraschall und stellt fest, dass die Blümchen immer noch an Ort und Stelle sitzen. Oder er sagt wenigstens, dass wir das mit dem Progesteron erst mal lassen können.

Ich will gar nicht jammern. Aber wieso geht es nicht mal ohne Terz? Wieso war der blöde Test nicht einfach negativ? Und wenn er schon positiv war, wieso kann es dann nicht einfach mal ohne Zicken gehen? Und zwar am liebsten neun Monate lang? Letztes Mal waren wenigstens die ersten drei Wochen nach dem Test ohne blutige Zwischenfälle.

Harrrrgh.

Mittwoch, 23. September 2009

Die Sendepause ist hiermit beendet

Seitdem mein altes Lieblings-Nerd-WLAN-Café unbekannt verzogen ist, in dem es diese unfassbar leckeren Süppchen und irre viele Steckdosen gab, bin ich auf die dusselige Campus-Suite angewiesen, wenn ich in meinem Viertel außer Haus bloggen will. Die Musik ist wie zuletzt auf meiner Abi-Party (war das gerade Snap?), und eine Steckdose ist auch weit und breit nicht in Sicht, ich hoffe also schwer, ich schaffe den Post überhaupt noch, bevor der Strom weg ist, denn wir werden alle nicht jünger, und ein Menschenjahr sind achtzig Laptop-Akku-Jahre.

Also schnell - schnell: Das Wochenende war herrlich und dauerte bis Dienstag, es gab Hochzeitsfotos, die so schön waren, dass wir sie fünf mal ansehen mussten, geraucht habe ich auch, und weil bei mir das schlechte Gewissen schon bei EINER Fluppe zwickt, ist es dann auch schon egal, ob es gleich drei Schachteln sind. Allerdings verteilt auf vier Tage. Genau genommen waren es sogar vier Schachteln. Und weil das am meisten rauchende Mädchen mit nach Hamburg gekommen ist und wir noch jede Menge vorhaben diese Woche, wird es dabei wohl auch nicht bleiben. Der Rauch-Urlaub verlängert sich also bis nächsten Dienstag. Und L. scheint diesmal ganz gut damit leben zu können. Genau wie mein launischer Unterleib, der diesmal in vier Tagen nur zwei mal gezwickt hat.

Von meiner Blutgerinnung immer noch nichts Neues. Auch sonst IVF-mäßig tote Hose (immer noch besser als rote Hose, finde ich inzwischen). Davon abgesehen, dass ich gestern zufällig in einen Beitrag reingeraten bin über ein Paar, das nach dem ersten Versuch eine frühe Fehlgeburt hatte. Die beiden haben offensichtlich gelitten wie die Hunde, und zwar nicht nur wochenlang, sondern monatelang. Wieder mal dachte ich, es gibt eine Menge, wofür man dankbar sein kann. Ich hoffe nur, ihr versteht das hier nicht falsch, wenn ich so oft betone, wie gut es uns inzwischen wieder geht. Ich glaube auf gar keinen Fall, dass wir in irgend einer Weise tapferer, ausgeglichener oder sonstwas sind als andere Leute. Wir haben einfach Glück gehabt. Mich haben auch schon Ereignisse vollkommen aus der Bahn geworfen, die für andere mit zwei Heul-Telefonaten und einer wütenden SMS erledigt gewesen wären, und zwar viel länger, als ich jemals befürchtet hätte. Wieder mal dachte ich mir: es erwischt einen so, wie es einen erwischt. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann ist das letzte, was man brauchen kann, jemand anderes, der dir erzählt, wie supi-dupi er das an deiner Stelle wegstecken würde.

Freitag, 18. September 2009

Ein Wiedersehen mit alten Freunden

Manchmal vergisst man völlig, dass man noch einen riesigen Becher Schokoladeneis im Gefrierschrank hat, und dann kommt der Moment, wo es einem wieder einfällt. So ähnlich habe ich mich gestern Abend gefühlt, als mir wieder einfiel, dass da ja noch irgendwo Jeeves&Wooster rumstehen, die ich während der Schwangerschaft nicht gucken durfte, weil L. befürchtete, vor Lachen würde das Würmchen aus mir rausgeschüttelt. Und dann hatte ich noch mal so einen Moment, nachdem ich die erste DVD mit den ersten drei Folgen geguckt hatte und mir die Packung näher angesehen habe und gemerkt habe, dass dank raffinierter Falt- und Klapptechnik in diesem schmalen Plastikding nicht weniger als ACHT DVDs stecken. Mit Sicherheit eine immer großartiger als die andere. Ist das nicht toll, wenn man etwas entdeckt, das so schön ist, dass man sofort weiß, hier habe ich etwas gefunden, das mich mein ganzes Leben lang glücklich machen wird?
Fast noch schöner ist es, wenn man plötzlich entdeckt, dass einer der besten Freunde etwas noch nicht kennt, von dem man jetzt schon weiß, dass es ihm damit genau so gehen wird. Eins der Mädchen hat mir letzte Woche erzählt, dass sie "Was das Herz begehrt" nicht kennt. Und ich fühle mich jetzt schon wie die Glücksambulanz, wenn ich demnächst mit der DVD und zwei Flaschen Cremant bei ihr anrücken werde. Und meine kleine Schwester kennt Armistead Maupin nicht. Und mit einem anderen Mädchen werde ich nächste Woche übers Flatstock-Festival bummeln, wo man die schönste Postergrafik der Welt für lächerliche Beträge kaufen kann und wo sie noch nie war.

Zurück zum Thema: Hormone, Hormone, Hormone! (Ich singe das im Kopf vor mich hin zur Melodie von "Parole, parole").
Ich würde ja googeln, wenn ich dadurch nicht sofort meine Selbstachtung verlieren würde, weil ich mir doch vorgenommen habe, die Finger von der Tastatur zu lassen, wenn es um meine eigene Gesundheit geht. Aber auf mich selbst gestellt würde ich sagen, das ist zwar gerade ein bisschen unangenehm, aber eigentlich ein gutes Zeichen - oder? Dass mein Körper scheinbar so einen unfassbaren Spaß daran hat, schwanger zu sein, dass er einfach nicht aufgibt? (Wie diese Kinder, die abends immer mit Gewalt von ihren Müttern aus dem Meer gezerrt werden müssen, weil sie einfach nicht aufhören können, obwohl sie schon ganz blaue Lippen haben. So ungefähr.) Schwanger sein finden wir gut.
(Kennt hier eigentlich jemand "Antonias Welt"? Darin kommt diese Frau vor, die immer nur schwanger sein will. Die Kinder sind ihr egal, sie will nur schwanger sein. Am Ende hat sie 13 Kinder. Gut, das wird für mich mit 36 ein bisschen eng, aber andererseits: guckt euch Octomum an!)
Neulich hatte ich einen Traum, in dem ich ein Vorstellungsgespräch bei einem meiner alten Bosse hatte, und er am Ende sagte "Das klingt alles total super, wenn man nicht munkeln hören würde, dass du schwanger bist." Und daraufhin habe ich im Traum sofort einen Pipitest aus der Tasche gezaubert, bin kurz verschwunden und hab ihm bewiesen, dass das kein Problem ist.
Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich den Zwei-Streifen-Trick immer noch beherrsche!

Zur Statistik:
Fluppen: Null.
Arztbesuche: 2.
Neue Erkenntnisse über meinen Bauch: 80.
Dank Jeeves&Wooster durch wieherndes, unkontrolliertes Gelächter verbrannte Kalorien: 8000.
Stunden bis zum Start ins Berliner Mädchenwochenende: 24.

Donnerstag, 17. September 2009

Hört bloß nicht immer auf euren Bauch, egal, was die Frauenzeitschriften euch erzählen.

Ich kann euch sagen, manchmal ist der Bauch ziemlich dämlich. Meiner z.B. rafft auch über vier Wochen nach der Ausschabung und über sechs Wochen, nachdem das Würmchen gestorben ist, immer noch nicht, dass er nicht mehr schwanger zu sein hat.

Gerade kam jedenfalls der Anruf aus der Klinik, mein HCG ist immer noch deutlich nachweisbar.

Der Kopf hat es doch auch geschafft, wieso denn bloß du schon wieder nicht? Ich weiß, wir hatten es nicht immer leicht zusammen, aber muss das sein?
Bauch, nun hör mir mal gut zu: vielleicht ist Dir aufgefallen, dass die letzten vier Wochen weniger von Zupfmassagen mit Bellybutton-Streifenfrei-Öl, Fenchel-Anis-Kümmel-Tee und Eiweißpulver geprägt waren als die Monate davor. (Gut, dem Tee und dem Pulver weint hier niemand eine Träne nach.) Dafür gab es reichlich Sushi, Wein, Rohmilchkäse, hausgemachte Mayo, rohes Fleisch und ja, auch mal die eine oder andere Fluppe zwischendurch. Was sagt dir das, Bauch? Konzentrier dich! Geh ganz tief in dich rein und hör meinetwegen auf dein blödes Bauchgefühl. Und dann sprich mir nach: Wir - sind - nicht - mehr - schwanger.

Sehr gut. Und nun wollen wir hoffen, dass du es bis zur nächsten Blutentnahme nächsten Freitag verstanden hast.

Donnerstag, 10. September 2009

Flori & Flora

Vor die Wahl gestellt, ob ich lieber ein bloggendes Hascherl sein will oder ein dickes Dampfschiff von einer Frau, die gleichzeitig unfassbar dünnhäutig und dickfellig ist, wäre ich lieber das Dampfschiff.

Seitdem ich mit Hochdruck auf Jobsuche bin, macht auch das Nicht-arbeiten wieder ein bisschen mehr Spaß. Und deshalb war ich gestern innerhalb von drei Tagen zum zweiten Mal im Kino. Hasen, ihr solltet euch Julie & Julia wirklich ansehen. Auch, wenn der Julie-Teil gegen den Julia-Teil ziemlich abstinkt. Aber Meryl Streep legt sich so dermaßen ins Zeug, und sie tut das nur für uns, das sollten wir nicht umsonst sein lassen, weil wir lieber auf dem Sofa liegen und uns leid tun, dass wir immer noch keine Großfamillie haben. (Übrigens gab es wider Erwarten doch eine kinderlos-Stelle im Film. Aber die war ganz, ganz schön.) Die Minuten, in denen sie in ihrem Kochkurs Vollgas gibt und die Männer abhängt, waren die schönsten Minuten, die ich in den letzten 12 Monaten im Kino hatte. Sobald ich die DVD habe, läuft die Stelle als Endlos-Schleife. Vor dem Film lief übrigens die Vorschau auf einen anderen Film mit Meryl Streep, und ich wollte diesen Film sofort sehen, das heißt, erst natürlich Julie & Julia, aber dann im Anschluss bitte gleich den nächsten. Und nach dieser fabelhaften Vorschau klatschte uns die Ankündigung wie eine feuchtwarme Ohrfeige ins Gesicht: "Anfang 2010 im Kino." Wieso nicht gleich "Ende 2015" oder "In einem Land nach unserer Zeit"? Außerdem hat der Film, in dem sehr viel und sehr fabelhaft gegessen wird, mich wieder daran erinnert, dass ich ja auch irgendwann mal eine Mighty Life-Liste geschrieben habe. So eine Liste findet man unter anderem auf dem Mighty Girl-Blog, den ich in meiner Blogrolle habe, und sie schreibt darin, was sie alles im Leben noch getan haben will. Dabei sind so unterschiedliche Sachen wie "mit meinem Sohn campen gehen" und "Kirchenglocken läuten". Jetzt ist es ihr großer Ehrgeiz, einen Punkt nach dem anderen abzuhaken, und das Wunder ist, dass Intel diese Bloggerin inzwischen so ins Herz geschlossen hat, dass sie ihr die Erfüllung ihrer Wünsche sponsern. Gerade hat Intel sie nach Griechenland geflogen, noch ein Traum von ihr. Mies, diese gesichtslosen Industrieriesen.
Wo war ich? Ach ja: auf meiner Mighty Life-Liste steht irgendwo auch, dass ich einmal ein komplettes Menü mit Wein und allen Schikanen in ein Kino schmuggeln will. DAS wäre gestern der perfekte Film dafür gewesen. Wieder eine Chance verpasst.

Ich war aber nicht nur im Kino, sondern auch mittags beim Italiener, wo es Pasta und Weißwein gab, und hatte kurz das Gefühl von dem Leben, das ich mir immer als Freiberuflerin vorgestellt hatte, blauäugig und dumm wie ich damals war. Bei diesem Italiener gab es die Auswahl aus vier verschiedenen Gerichten, und wer etwas trinken wollte, nahm sich ein Glas und bediente sich am Kühlschrank. Bezahlt wird dann irgendwann. Es gab Zeitungen, es gab Hunde, es gab zwei kleine Kinder, die mit noch nicht mal drei Jahren schon fitter beim Spaghettiwickeln waren als ich, und es war ganz fabelhaft. Ich bin wild entschlossen, die Zeit bis zum nächsten Versuch zu genießen.

Und dann war ich noch laufen. Jetzt darf ich ja wieder. Erst wollte ich immer abwechselnd eine Runde gehen und eine Runde rennen, aber dann war es einfach zu schön, um so eine alberne Arschwackel-Walker-Runde einzulegen, und ich habe mich wie ein altes Pferd gefühlt, das endlich wieder laufen darf. Zockel-zockel-zockel, mit dicker roter Birne. Mit jeder Runde wird das Leben ein bisschen normaler. Nun bin ich wohl wirklich wieder da.

Auf den Myom-Post habe ich so viele gute Tipps bekommen, dass ich die nächsten Tage damit verbringen werde, sie einen nach dem anderen abzuklopfen. Irgendwas ist bestimmt dabei, das hilft. Diese Myombrüder mach ich fertig. Danke an alle Hasen, die dabei helfen wollten!

Dienstag, 8. September 2009

Die Nachher-Vorher-Show

Diese Fehlgeburt ist wieder mal ein Beweis für meine Eigentlich-Popeigentlich-Theorie. Die Theorie besagt, dass es Ereignisse im Leben gibt, die so sehr als Katastrophe, Trauma oder Riesenglück vorbelastet sind, dass man oft gar nicht mehr genau weiß, wie man sich anders fühlen soll. Man hat diese Dinge schon so oft im Kino gesehen, oder sie sind Freunden passiert, oder man hat in Büchern davon gelesen, und sie sind zu Stereotypen geworden. Genau wie unsere Reaktion darauf. Du bekommst eine Liebeserklärung - Zack, Freude! Jemand stirbt - Zack, Trauer! Du wirst betrogen - Zack, totaler und nicht mehr gutzumachender Vertrauensverlust! Du wirst sitzengelassen - Zack, Tränen! Du verlierst ein Kind - Zack, metertiefes Loch, aus dem du so schnell nicht mehr rauskommst, langes Kauern auf dem Fensterbrett und in den Regen starren, Hände werden in den Ärmeln von Strickjacken vergraben.

Und wenn es nicht so ist, dann denkt man manchmal: eigentlich müsste ich mich jetzt freuen/traurig sein/sauer werden. Meine Theorie besagt: meistens ist man besser dran, wenn man sich sagt: eigentlich, popeigentlich. Oder mit anderen Worten, pfeif auf eigentlich. Man fühlt sich so, wie man sich fühlt.

Damit will ich auf gar keinen Fall andeuten, dass Menschen, die genau das fühlen, was man erwartet, in irgend einer Weise angepasster sind oder einem Klischee aufsitzen. Die Regel, dass man fühlt, was man fühlt, gilt für sie genau so. Überhaupt, hier geht es gar nicht um "Menschen, die..." sondern um "Situationen, in denen...", ich hab auch schon oft genug geschäumt, wenn ich schäumen sollte, und geheult, wenn ich heulen sollte. Man darf nur nie den Fehler machen, einfach blind der Gefühlsetikette zu entsprechen.

Ich wurde schon ein paar mal betrogen im Leben. Das war meistens schlimm, sehr sogar. Manchmal war es auch egal, und weil ich jedes Mal die Gleiche war, war offensichtlich etwas zwischen mir und den jeweiligen Jungs anders. Den Unterschied mitzukriegen, war aber wichtig, und wenn es auch in einem Fall nur dazu führte, dass ich gemerkt habe: mir ist nicht nur egal, mit wem der ins Bett geht, der ganze Typ ist mir inzwischen viel zu egal.

Ich hatte auch schon mal dieses Erlebnis, von dem angeblich ja wir alle träumen: jemand ist furchtbar zu dir, dann machst du Schluss, und er kommt gekrochen. Er kommt sogar monatelang, jahrelang gekrochen. Er, der vorher das eine oder andere Mal laut seine Bedenken geäußert hatte, du wärst vermutlich unter seinem Niveau, ist plötzlich ein Wrack. Aber das war kein Traum, das war ziemlich furchtbar. Und da war es auch egal, dass man sich von sowas eigentlich aus den Schuhen hauen lässt. Eigentlich-popeigentlich.

Jetzt hatte ich eine Fehlgeburt. Das war schlimm und in jeder Hinsicht traurig, schade und wirklich ziemliches Pech. Ich wollte so gerne, dass aus Prilblümchen nicht nur Würmchen wird, sondern irgendwann etwas mit einem Namen, Wackelzähnen und Krusten am Knie. Aber erstens zeigt sich, sobald man erzählt, dass man es verloren hat, dass es dem Rest der Welt auch so geht. Meine Mutter hatte eine, meine Oma hatte eine (wieso erfahre ich das JETZT?), drei meiner Freundinnen hatten eine, und viele von euch hier hatten sogar mehrere. Und ihr habt es alle überlebt und seid immer noch hier. Und zweitens (und noch viel wichtiger) zeigt sich, es geht mir nur so schlecht oder so gut, wie es mir geht. Das klingt wie eine schreckliche Plattheit, aber es tut gut, sich nicht von so einem miesen Ereignis wie einer Fehlgeburt wochenlang diktieren zu lassen, wie man sich zu fühlen hat. Manchmal sitzt man da, starrt auf eine dieser fast schon albern schönen italienischen Kulissen oder auch meinetwegen nur in die Bäume im Hamburger Hinterhof, trinkt ein Glas Wein, und ist sehr glücklich. Oder jemand lässt einen fahren, und man muss lachen. Oder man ist froh, wieder dem Bus hinterhersprinten zu dürfen. Oder man erwischt ihn und findet sich plötzlich neben einem wirklich hässlichen, lauten und blöden Kind wieder, und dem streckt man die Zunge raus und ist froh, nicht mit ihm verwandt zu sein.

Ich bin froh, inzwischen bestimmt schon wieder hundert mal sehr glücklich gewesen zu sein, und zwar nicht trotz Fehlgeburt, sondern völlig unabhängig von der Fehlgeburt. Und inzwischen hatte ich zwar nicht mehr so ein Erweckungs-Erlebnis wie beim Folsäurekauf, aber inzwischen fühlt es sich trotzdem eindeutig nicht mehr wie Nachher an, sondern wie Vorher. Demnächst starten wir einen Versuch, mich künstlich zu befruchten. Mit tiefgefrorenen Eizellen. Schrill, diese Welt! Jemand, der wie ich so sehr auf Weltraumfilme steht und auf alles, was nerdig riecht, ist von sowas natürlich ziemlich angefixt. (Es ist ein bisschen wie diese Anzeigen, die früher immer in Fix&Foxi und Mickey Maus waren: diese Algenmännchen, auf die man nur einen Schluck Wasser gießt, und kurze Zeit später haben sie einen Staat gegründet, tragen Lendenschurze und lutschen Lollis.) Wie das wohl wird? IST das spannend!

Da plaudert man und plaudert man

und dabei habe ich ganz vergessen, zu berichten, dass es vom Würmchenbefund nichts zu berichten gibt. Nichts an Würmchen war so auffällig, dass es in irgend einer Weise eine Erklärung für das wäre, was da passiert ist. Wobei ich nicht weiß (und in dem Moment, also mit meinen Beinen in diesen Stuhldingern und meinem Po auf einer Papierserviette, nie geistesgegenwärtig genug bin, um die richtigen Fragen zu stellen), wonach genau sie gesucht haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei jeder Fehlgeburt ein Screening auf sämtliche gängigen genetischen Defekte macht.
Die Erklärung lautet also wieder mal: Pech gehabt.
Aber weil ich mir noch keine Meinung dazu gebildet hatte, ob mir eine Erklärung lieber wäre als keine Erklärung, hat mich das auch nicht sonderlich aus der Bahn geworfen. Im Gegenteil, ich bilde mir sogar ein, keine Erklärung ist ein besseres Zeichen als eine Erklärung.

Samstag, 5. September 2009

"Und wie war das in Italien, habt ihr viel an das Baby denken müssen?"

Nein, an das Baby wenig. Ich habe viel an meinen blöden Bauch gedacht, der sich immer wieder mit komischem Zwicken und auch ein bisschen Blut in den Vordergrund gedrängelt hat. Ich weiß auch nicht, wieso, aber ich vergesse zwischen zwei Operationen immer wieder, wie lange das bei mir dauert, bis wirklich alles verheilt ist. Unmittelbar davor denke ich dann, ich bin ein Stehaufmännchen und mich haut nichts um, und dann gerate ich langsam in Panik, wenn eine Woche nach der OP (oder zwei oder drei) immer noch nicht alles wieder gut ist. Dienstag habe ich endlich meine Kontrolle und hoffe inständig, dass die Ärztin nichts zu meckern hat und mir freie Bahn gibt für Sex und Sport. Jedenfalls, das Baby war zwar nicht durchgängig dabei, aber der Bauch schon. Der Bauch ist mit mir auf wackligen Knien durch Rom gelaufen, hatte sich in Perugia schon wieder ein bisschen gefangen, hatte in Siena einen kleinen Rückfall und war in Venedig schon kaum noch ein Thema. Außer, wenn er doch ein Thema war. Grrrrrr.

Das Baby – was soll ich sagen? Ich habe einsehen müssen, dass ich manche Dinge unter Kontrolle habe und andere nicht. Ich konnte nicht viel dagegen tun, dass ich in den letzten zwei Wochen ein bisschen passiver und dünnhäutiger war als sonst. Das war eben so, und auch L. musste das erst verstehen. Plötzlich nehme ich Sachen krumm, über die ich sonst gelacht hätte, und statt fleißig mitzuplanen, was wir unternehmen, gucke ich Löcher in die Luft und laufe L. hinterher, wird schon gut sein. So kenne ich mich sonst nicht, aber so bleibe ich ja auch hoffentlich nicht. Davon abgesehen war Italien zu schön, um zu traurig zu sein. Ich glaube nicht, dass damit die traurige Geschichte um das Würmchen schon ratzeputz ausgestanden und verdaut ist. Aber es ging besser, als ich dachte, und wir haben den Teufel getan und uns in den schönen Momenten gegenseitig daran erinnert, was für arme Söcke wir sind. Ich habe übrigens weiter das Glück, von blöden „Warum ich?“-Gedanken verschont zu bleiben, Kinder haben mir nichts ausgemacht, und Schwangere auch nicht. Es gab ein paar Tiefpunkte, aber die waren nur das, Punkte. Wie eine kalte Stelle im warmen Mittelmeer. Und ich glaube immer noch ganz fest, dass wir das schaffen, so lange wir nicht aufgeben. Das war erst der zweite Versuch. Dass ich überhaupt beim zweiten Versuch schwanger geworden bin, hätte ich nie erwartet, und ich bin mir sicher, dass es ein gutes Zeichen war. Jetzt kommen der dritte, vierte und fünfte Versuch.

Und dann ist da noch der kleine Trost, dass das Würmchen noch nicht mehr war als eine Phantasie. Natürlich haben wir einen Herzschlag gesehen, aber das war immer noch nicht richtig wahr. Und damit hatten wir noch gar kein richtiges Kind zu betrauern, sondern eine Schwangerschaft. Manchmal, an den kalten Stellen, habe ich nicht daran gedacht, wie fabelhaft L. sich mit so einem Babytragedings machen würde, sondern ich hab daran gedacht, wie schön es gewesen wäre, unser erstes geplantes Weihnachten zu zweit mit einer Babykugel zu erleben. Draußen Schnee, drinnen der Weihnachtsbaumgeruch, und Flora kriegt die Strickjacke nicht mehr zu und sieht aus wie der Nikolaus. Oder ich habe daran gedacht, wie es mitten in der Nacht losgeht und wir in die Klinik rasen. Oder daran, wie der Ultraschall immer mehr aussieht wie ein Mensch und immer weniger wie ein Würmchen. Aber danach ist noch alles vor meinem Auge verschwommen und war noch nicht richtig greifbar.

Jetzt also der nächste Versuch. Und neben der großen Hoffnung, dass wir diesmal die drei-Monats-Grenze mit einem Lächeln passieren, habe ich die zweite große Hoffnung, dass mir diese Fehlgeburt nicht das Vertrauen genommen hat, dass es klappt. Dass ich keine Klatsche mitbekommen habe und auch in Zukunft noch nicht bei jedem Luftbläschen oder Zwicken denke, das wars. Dass ich mich entspannen kann und es genieße und mir nicht jedes Fünkchen Vorfreude verbiete aus Sorge, es könnte wieder für die Katz gewesen sein.

Folsäuredose vs. Puderdose: 0:1

Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht zu Ende benutzen. Vorher verliere ich sie, oder sie gehen kaputt, oder ich mag sie nicht mehr. Ich habe es noch nie geschafft, einen Radiergummi bis zum letzten Krümel aufzubrauchen. Shampoo ist auch so etwas. Bis auf mein Lieblingsshampoo kaufe ich immer wieder andere Sorten, weil sie so lecker nach Rosmarin oder sonstwas riechen, und wasche mir damit die Haare, und dann sehen meine Haare doof aus oder werden nicht richtig quietschsauber, und dann steht dieses Shampoo da auf dem Badewannenrand herum und nimmt Platz weg und macht mir Vorwürfe, wenn ich an ihm vorbeigreife und mein Lieblingsshampoo benutze. Schon wieder sitzengelassen. Armes Mauerblümchenshampoo, aber warum kannst du auch meine Haare nicht schöner waschen?
Kompaktpuder ist auch so ein Ding. Ich will es nicht beschwören, aber im Moment bin ich zum ersten Mal in 20 Jahren Pudergeschichte so weit, dass auf dem Boden meines Puders eine große Fläche freigelegt ist. Der Puder bildet nur noch einen Ring um diese Fläche. Das gab es noch nie. Bisher ist immer eins von zwei Dingen passiert: entweder, die Dose fällt mir vor dem Spiegel runter (am liebsten in einem wirklich ekligen Waschraum, z.B. auf einer Zugtoilette oder morgens um vier in einem völlig verwanzten Club) und der Puder zerbricht in tausend Stücke, die sich über den ganzen vollgepinkelten Boden verteilen und nicht mehr zu gebrauchen sind. Oder, ich öffne meine Handtasche, und die Dose ist unbemerkt aufgegangen, und nun hat sich der komplette Puder gleichmäßig über meine Schlüssel, mein Portemonnaie und bis in die kleinsten Ritzen meines Handys verteilt, und die Dose ist leer. In so einem Fall könnte ich natürlich noch mit dem Handy über meine Nase fahren, aber auf die Dauer... nein.
Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie befriedigend das sein wird, den wirklich letzten Rest des Puders aus der Dose zu kratzen und die Dose wegzuwerfen, endlich mal auf dem ganz normalen, friedlichen Weg leer geworden. Vielleicht werfe ich sie auch gar nicht weg, sondern hebe sie auf, es ist schließlich nicht zu erwarten, dass ich das ein zweites Mal in diesem Leben schaffe. „Großmama, Großmama, dürfen wir die leere Puderdose sehen?“
„Aber ja, ihr Lieben, ich muss nur erst den Schlüssel für die Vitrine finden.“

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Folsäure zur ernsten Konkurrenz für Puder wird. Seitdem ich letzten Sommer meine erste Dose Folio gekauft habe, damals noch im vollen Gefühl, nun bestimmt einfach schwanger zu werden, habe ich keine einzige Dose bis zum Ende aufbrauchen können. Vielleicht sind meine Hände unruhiger. Vielleicht verreisen ich und meine Folsäuredose auch häufiger als andere Leute. Oder die Folsäuremänner haben die Dose am Tag nach der Betriebsweihnachtsfeier entworfen. Ich weiß es nicht. Aber jedes Mal kommt der Moment, wo ich meinen Waschbeutel öffne und dort die leere Dose ohne Boden finde, und drumherum liegen all die kleinen zartorangefarbenen Pillchen, gleichmäßig überzogen mit dem gleichzeitig ausgelaufenen Locken-Conditioner. So auch diesmal, gestern Nachmittag nach dem Rückflug aus Venedig. In der Büchse waren nur noch 50 Pillchen, so weit war ich noch nie gekommen. Wir nähern uns. Vielleicht wird ja die Dose, die ich heute gekauft habe, die erste, die ich ratzeputz aufbrauchen kann und die sich einen Platz in der Leere-Puderdosen-Vitrine verdient.
Auf jeden Fall war der Moment, in dem ich heute diese Dose folio forte gekauft habe, der erste Moment seit dem Montag vor zweieinhalb Wochen, den ich nicht mehr als einen Moment nach der Fehlgeburt, sondern als einen Moment vor dem nächsten Versuch empfunden habe. Und das war schön. Die alte Dose habe ich kurz nach dem Schwangerschaftstest gekauft, und damals dachte ich noch, Mensch blöd, da sind ja so viele Tabletten drin, und ab dem vierten Monat muss ich doch auf normale Folsäure umsteigen, wohin dann mit dem Rest? Die kleine Büchse hätte eigentlich mit den Schwangerschaftsbüchern und dem anderen Kram in eine Kiste wandern sollen, aber das wäre mir übertrieben vorgekommen, und deshalb habe ich jedes Mal, wenn ich morgens mein Pillchen da rausgedrückt habe, ein bisschen daran gedacht. Wieder ein Problem, das sich von alleine gelöst hat.
Erster Schritt, wenn man in ein Abenteuer startet: die Ausrüstung auf Vordermann bringen.
Nagelneue Folsäure: Haken dran.

Montag, 24. August 2009

Dr. Google, der Arzt, dem die Frauen misstrauen sollten

Ich dachte, Normalität wäre gut für mich. Nun stellt sich heraus, dass das nicht unbedingt so ist. Vielleicht ist es ja ein kleines Loch, in das ich nach der Hochzeit gerade falle. Wobei von einem Loch ja eigentlich keine Rede sein kann, denn ich hätte noch 80 Sachen zu tun für morgen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich heute auf meinem kurzen Schongang durch die Stadt in eine Art Trueman-Show für Fruchtbare geraten bin. Aus allen Ecken kamen Mütter, Hochschwangere quetschten sich an Zwillingskinderwagen vorbei. Und als ich diesmal an Petit Bateau vorbeiging, ist mir eingefallen, wie ich mich noch vor wenigen Wochen über die Frauen beömmelt habe, die da Stunden zubringen können: was sind das denn für welche? Das, meine Liebe, sind welche, die Kinder kriegen und deshalb sehr aufgeregt und glücklich sind und das meiste aus dieser Vorfreude rausholen wollen, indem sie hundert kleine T-Shirts berühren. So welche sind das.

Der Ausnahmezustand ist vorbei. Heute ist der erste Tag seit dem verhängnisvollen Ultraschall letzten Montag, an dem ich nicht unter Schock stehe und nicht bis über beide Ohren in Hochzeitsvorbereitungen stecke. Wir treten ein in Phase zwei, in der ich ohne Adrenalin mit der Fehlgeburt fertig werden muss. Was dadurch nicht einfacher wird, dass ich jetzt so etwas wie Regelschmerzen und Regelblutung habe und das so gerne los gewesen wäre, bevor wir in den Urlaub aufbrechen. Auf der Suche nach guten Ratschlägen habe ich wieder mal die Dummheit begangen, im Netz zu suchen, nur um auf die widersprüchlichsten Informationen zu stoßen. Am Ende habe ich unter einem Berg von Papieren den Zettel gefunden, den sie mir in der Klinik mitgegeben haben, und da steht genau das, woran ich mich erinnere: dass Blutungen normal und in Ordnung sind, so lange sie nicht stärker sind als eine Regelblutung (sind sie nicht) und Schmerzen auch, so lange ich sie mit handelsüblichen Schmerzmitteln in den Griff kriege (tue ich).

Wieder mal frage ich mich allerdings, ob in diesen Foren eigentlich wirklich so gut wie alle Schreiber völlig besengt sind. Da gibt es welche, bei denen man auch beim besten Willen nicht herausfinden kann, was sie eigentlich sagen wollen, dann wieder die, die einfach nur das Gleiche noch mal schreiben, das vor ihnen schon zehn andere geschrieben haben, dann gibt es die, die eine wichtige!!!!!!! Frage haben, woraufhin sie zwar einen Wortschwall posten, der aber keine einzige erkennbare Frage enthält, und dazwischen viele viele Sorgen und Nöte und Katastrophen, die beim Lesen bei mir eine ungute Mischung aus Panik, Beklemmung und Widerwillen auslösen. Oje. Wann lerne ich es endlich, dass die Antwort auf medizinische Fragen nicht im Internet zu finden ist? Nie?

Hab ich ein Glück.

Zurück vom vermutlich schönsten Wochenende meines Lebens habe ich bestimmt hundert Gründe, vor Dankbarkeit fast zu platzen:
Dafür, dass ich scheinbar von den nettesten, besten und liebsten Menschen der Welt förmlich umzingelt bin.
Dafür, dass meine Freunde wissen, dass sie mich manchmal zu meinem Glück zwingen müssen.
Dafür, dass ich L. habe, der für sich genommen schon mindestens hundert Gründe für Dankbarkeit liefert.
Dafür, dass mir trotz Tanzmarathon bisher nicht die Eingeweide aus meinem lädierten Unterleib gefallen sind, obwohl es sich gestern Abend so angefühlt hat.
Dafür, dass meine Füße bestimmt bis heute Abend wieder ihre normale Größe und Form angenommen haben.
Dafür, dass meine Familie mich auch dann noch liebt, wenn ich mich vor ihren Augen in eine Art Castingshowteilnehmer auf Speed verwandele.
Dafür, dass es solche Abende gibt, an denen man literweise blubbernde Getränke trinken kann, und trotzdem wird alles immer schöner und nicht immer schlimmer.
Dafür, dass Adrenalin mich an die Hand genommen hat und mich durch zwei Tage Schlafentzug, Mörderstress, Kater und Herzklopfen bis kurz vorm Infarkt sicher bis nach Hause gebracht hat.
Dafür, dass uns das Beste noch bevorsteht: Flitterwochen in Italien, nach Hause kommen und einfach nur in Frieden verheiratet sein, und dann irgendwann wieder schwanger werden und ein Kind bekommen.
Dafür, dass das inzwischen schon drei Monate anhaltende Sexverbot morgen beendet ist. (Genauer gesagt ging ein Verbot immer nahtlos in das nächste über: erst hatte L. Sexverbot vor der Punktion, dann ich danach bis zum Test, dann sollten wir „nur für alle Fälle und zur Sicherheit“ noch warten, und dann ging es auch schon los mit dem alten Blut, dann war die Fehlgeburt und die Ausschabung, und nun bin ich gespannt, ob meinen Ärzten noch ein Grund einfällt, um das Verbot weiter zu verlängern. Hm? Na kommt, konzentriert euch, da geht doch noch was?)
Dafür, dass ich zur nächsten Hochzeit nur noch was Hübsches zum Anziehen brauche und dick und bräsig zugucken darf, wie andere vor Aufregung fast durchdrehen.
Dafür, dass niemand auf der ganzen Feier auf die Idee gekommen ist, mich wegen der Fehlgeburt zu bemitleiden.
Dafür, dass ich immer noch mit kleinen Kindern spielen kann, ohne mich ungerecht behandelt zu fühlen. Das ist bestimmt nicht mein Verdienst, sondern einfach nur großes Glück.
Dafür, dass mir zwar in den letzten zwei Tagen vor der OP plötzlich und wie zum Hohn doch noch ein Babybauch gewachsen ist, aber dass ich trotzdem in mein Kleid gepasst habe.
Dafür, dass ich mit 36 feststelle, dass ich noch nie solche Freunde hatte wie jetzt.