Posts mit dem Label Tun und Lassen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tun und Lassen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 9. Mai 2016

Wir nehmen die Regel auf, wo sie passiert

Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung. Was wird aus unseren Kindern? Was muss ich tun, damit sie glücklich werden? Gibt es überhaupt irgendwas, was ich dafür tun kann? Ich dachte lange, ich muss dafür sorgen, dass sie mit Frustrationen umgehen können. Damit, dass nicht immer alles so läuft, wie sie wollen. Damit, dass es manchmal ein bisschen dauert und man oft etwas dafür tun muss, dass alles gut wird. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht. Vielleicht ist es gut, wenn man Kinder so erzieht, dass gerade Quengeln und Rumschmollen sie nicht weiter bringt. Vielleicht ist es gut, ihnen jeden nur erdenklichen Wunsch zu erfüllen, so lange sie so klein sind. Vielleicht müssen sie jetzt gerade ihr Grundvertrauen in die gute, freundliche Welt erwerben, und dafür ist es unbedingt notwendig, dass sie sich willkommen, unbedingt geliebt und jederzeit im Recht fühlen. Andererseits: Vielleicht müssen sie möglichst frühzeitig verstehen, dass Belohnungsaufschub (Psycho-Wort, Entschuldigung) und Eigenverantwortung die Schlüssel zum Lebensglück sind.

Als Kalle noch wirklich klein war, vielleicht fünf Monate alt, war ich mit den Mädchen in der Heide im Wochenendhaus meiner Schwiegermutter. Kalle robbte auf dem Boden herum und dachte und tat so seine Babysachen. Dann fing er irgendwann an zu knatschen, und ich sagte zu den Mädchen: lasst den mal, der muss lernen, sich selbst aus seiner schlechten Laune zu befreien. Dazu machte ich ein Ich-hab-den-Plan-Gesicht. Aber in Wahrheit hab ich überhaupt keinen Plan. Ich denke mal dies, mal das, und in dem Moment, in dem ich es denke, leuchtet es mir immer total ein, und einen Tag und sieben Situationen später das komplette Gegenteil. Ich kenne ein Kind, das fast überall mit nacktem Popöchen herumrennt. Oder ein Kind, das alles essen und trinken darf, was es will, und wenn es 2001er Barolo ist, Bitteschön, die Erfahrung muss es dann eben machen. Ich habe gelesen, dass Französischen Kinder schon als speckbeinige kleine Würmer mit Wasser verdünnten Wein trinken dürfen und dadurch ein extrem vernünftiges und suchtfeindliches Verhältnis zum Alkohol bekämen. Ich habe auch gelesen, dass viele Alkoholiker davon erzählen, wie ihr Papi ihnen damals auf seinem Knie sitzend den ersten Schluck Bier erlaubt hat. Im Nachhinein klingt alles total einleuchtend.
Meine erste Hebamme hat damals gesagt, ich muss unbedingt immer in Sicht sein, aber nicht immer eingreifen, wenn mein Baby weint. Dafür hatte sie die logische Erklärung, dass eine Mutter immer da sein muss, und das bildet dann im Kopf des Babys so etwas wie einen tröstenden Hintergrund, vor dem alle Nöte und Ängste sich relativieren; eine Art automatisches Grundvertrauen durch Anwesenheit. Ich dachte, was kann es Schlimmeres geben, als zu Brüllen, und die Frau, in die Du all Deine Hoffnungen setzt, steht daneben, aber lächelt nur sonnig und hilft Dir nicht? Darum bin ich nach Nebenan gegangen, wenn ich sicher war, Baby ist satt und trocken und warm genug eingepackt und muss jetzt eben mal kurz klar kommen.

Und auch das - nicht sofort hinrennen und hochreißen und an sich pressen und trösten - können bestimmt viele nicht verstehen, aus völlig logischen und nachvollziehbaren Gründen.

Was tun wir hier? Ich hatte schon mal so eine Phase, und damals hat mir eine sehr nette Stammtisch-Dame geschrieben, die Hauptsache wäre, dem Baby nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf zu hauen. An diese Regel habe ich mich bisher gehalten. Immerhin!

Dienstag, 30. September 2014

Uff! Fünf Minuten Durchzug in Buchform.

Ich lese gerade das Oster-Buch. Hat sonst noch jemand das Oster-Buch gelesen? Emily Oster, Wirtschaftswissenschaftlerin und Mutter, hat sich während ihrer Schwangerschaft oft gefragt, was eigentlich dran ist an vielen Warnungen, Ver- und Geboten für schwangere Frauen. Wieso darf man XY nicht essen? Was genau ist der Grund? Gibt es irgend einen Weg, diese Gefahr auszuschalten? Wie hoch genau ist diese Gefahr eigentlich? Gibt es Studien dazu, gute Studien mit ausreichend hoher Personenzahl und sauberen Methoden? Zwar ist sie keine Medizinerin, aber als Wirtschaftswissenschaftlerin kennt sie sich mit Studien aus. Wie man gute von schlechten unterscheidet, wie man Studien überhaupt findet, wie man sie liest, wie man die Ergebnisse richtig interpretiert, welche Schlussfolgerungen man aus den Forschungsergebnissen ziehen kann und - fast noch wichtiger - welche nicht. Ursprünglich wollte sie nur ein paar Informationen für sich selbst und für ihre Freundinnen finden. Genau diese Informationen von ihrem Frauenarzt zu bekommen, war nämlich schwerer als erwartet. Dann wurden es immer mehr Informationen, die sie zum Teil sehr überrascht haben, und am Ende ist das Buch daraus geworden: "Expecting Better".

Bin ich froh, dass es das gibt. Wäre ich froh gewesen, hätte ich das schon vor meiner ersten Schwangerschaft gelesen. Es gibt eine Menge Warnungen und Unkenrufe, die sie entkräften kann - oder zumindest etwas weiter differenzieren, als man das sonst so kennt. Ich habe mich z.B. unzählige Male darüber aufgeregt, dass es wirklich schwierig ist, verlässliche Information dazu zu finden, welche Lebensmittel wegen Toxoplasmose verboten sind und welche wegen Listerien. Gegen Toxoplasmose bin ich immun, gegen Listerien natürlich nicht, also ist das ein Unterschied, und ja, es gibt bestimmt Schlimmeres, als ein paar Monate auf dieses oder jenes Lebensmittel zu verzichten - aber wieso sollte ich, wenn es für mich und für mein Baby keinen Unterschied macht? Aus Spaß am Verzicht? Tut mir leid, den habe ich eher nicht. In ihrem Buch kümmert sie sich der Reihe nach um verschiedene Themen, mit denen jede Schwangere es zu tun bekommt: um Koffein, Alkohol, "Deli Meats" - also bestimmte Sorten Aufschnitt -, Sushi, Rohmilchkäse, Segen und Fluch von PDAs usw. Dabei ist es nicht ihre Mission, möglichst häufig Entwarnung zu geben. Es geht sowieso nicht darum, schwangere Frauen dazu zu bringen, risikofreudiger zu sein oder das ewige "sich zu entspannen". Es geht einfach nur um Hintergrundinformationen, die so ansonsten schwierig zu kriegen sind, und darum, auf Basis dieser Informationen dann vernünftige Entscheidungen zu treffen. Denn was man isst und trinkt und was nicht während dieser Zeit, sollte vor allem mit Medizin zu tun haben - nicht mit Moral, irrationalen Ängsten oder Angst vor der allgegenwärtigen Schwangerschaftspolizei.

Zigaretten z.B. sind bei ihr auch nach Sichtung der Daten tabu. Nein, auch nicht ab und zu, und nein, auch keine Ausnahme für die oft zitierte Frau, die immer so viel geraucht hat, und jetzt wäre der Entzug härter für's Baby als ab und zu noch ein Flüppchen in Ehren. Der Zusammenhang zwischen kleinerem Geburtsgewicht, erhöhtem Risiko für plötzlichen Kindstod nach der Geburt und Zigaretten ist eindeutig, und - anders als z.B. bei Alkohol - wenig oder sehr wenig rauchen oder jeden Tag eine Schachtel macht da so gut wie keinen Unterschied.

Kaffee dagegen - ein Thema, das ihr sehr am Herzen lag - war eine andere Geschichte. "What to expect when you're expecting", die amerikanische "Schwangerschaftsbibel", verfasst von einer Hebamme und einer Werbetexterin, schreibt dazu in etwa: Wenn nicht erwiesen ist, dass zwei Tassen täglich unschädlich sind, wieso verzichtest du dann nicht auch auf eine Tasse? Jetzt ist der richtige Moment, diese Abhängigkeit loszuwerden." Aha. Die vermutete Gefahr besteht in einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten. Oster hat sich die Daten genau angesehen und dabei einige erstaunliche Entdeckungen gemacht: solche Studien laufen natürlich nicht so ab, dass zufällig ausgewählten 500 Schwangeren täglich vier Tassen Kaffee gegeben werden und 500 anderen keine. So eine Studie wäre unethisch und würde niemals genehmigt werden. Stattdessen werden eben Schwangere zu ihrem Kaffeekonsum befragt. Und es ist schwierig, den Kaffeekonsum von einer anderen Variable zu trennen: starker Übelkeit. Frauen, denen im ersten Trimester häufig schlecht ist, haben meist eine Abneigung gegen Kaffee, egal ob mit oder ohne Koffein. Gleichzeitig ist es aber so, dass die Übelkeit an sich ein gutes Zeichen für die stabile Schwangerschaft ist. Frauen, denen viel schlecht ist, haben ein geringeres Risiko für eine Fehlgeburt. Gleichzeitig trinken sie keinen Kaffee. Der Kaffee ist also nicht der Grund für die Fehlgeburt. Zumal es laut Daten keinen Unterschied machte, ob die Frauen Kaffee mit oder ohne Koffein tranken - und andere koffeinhaltige Getränke, die man trotz Übelkeit noch runterbekommt, wie Cola oder schwarzer oder grüner Tee, keinen Einfluss auf die Fehlgeburtsrate hatten. Nerve ich euch mit diesem Ausflug in die Welt der Empirie? Tut mir leid, mich fasziniert das, und ich habe lange kein Schwangerschaftsbuch mehr so verschlungen. Am Ende ist sie für sich zu dem Schluss gekommen, dass es völlig ok ist, jeden Tag zwei Tassen Kaffee zu trinken - mehr wären auch in Ordnung. Hierzulande gibt es genug Frauenärzte, die einem das auch sagen, aber in den USA ist der Verzicht-Kult für Schwangere um einiges präsenter, und die "Tu-was-wir-sagen-oder-Du-bist-eine-schlechte-Mutter"-Knute wird viel mehr geschwungen. Auch wenn mir manchmal scheint, dass wir da auf dem besten Weg in die gleiche Richtung sind.

Für mich ist bisher bei der Lektüre herausgekommen, dass ich Sushi essen darf. Hier ist weniger Listeriose das Problem als Toxoplasmose, die mir Wumpe sein kann. Überhaupt hat es mich gewundert, aber dann auch wieder nicht, dass vor allem eher neue und nicht jedem verlockende Lebensmittel schnell auf der schwarzen Liste landen, während Altvertrautes eher davonkommt. Schlechte Nachrichten für Sushi, stinkigen, ausländischen Käse, scharfes Essen und Fisch. Ich habe schon viel mehr Warnungen vor Maki gehört als z.B. vor Rosenkohl oder Melonen, dabei waren beide verantwortlich für jeweils eine Listeriose-Welle in den USA.

Jedenfalls: ich kann das Buch empfehlen, nicht als Absolution, ab jetzt richtig reinzuhauen, aber als - wie schon gesagt - einen Hauch frischer Luft in dieser ganzen, leicht dumpfigen Ratgeberwelt, in der im Zweifel erst mal jede Menge verboten und gefährlich ist, nur weil es irgendwo steht, jetzt frag nicht so blöd wieso, ist dir denn dein Baby gar nicht wichtig?

Und als Kontrastprogramm öffne ich heute nacht in einer kurzen schlaflosen Phase meine "What to Expect"-App und bekomme als Blogeintrag des Tages einen Beitrag von einem Amerikaner, der ganz glücklich darüber ist, dass seine Frau sich entschieden hat, diesmal bei Baby Nr.2 die Placenta zu essen. Voodoo! Alle durchgeknallt! Völlig und drei Sterne meschugge! Jedenfalls alle außer mir und Emily.

Samstag, 13. September 2014

Eine Reihe von Vorsätzen, einfach so, mitten im Jahr.

1. Wenn das nächste Mal jemand zu mir sagt, ich wüsste aber schon, dass alkoholfreies Bier AUCH Alkohol enthält, dann werde ich kein freundliches Interesse heucheln und so etwas sagen wie "Ach, wirklich? Danke!". Was genau ich stattdessen tun oder sagen werde, weiß ich noch nicht, da lasse ich mich dann vom Moment inspirieren.

2. Ich werde weiterhin versuchen, lieber zwanzig Minuten entspannt mit meinem Kind am Tisch zu sitzen und ihm beim genüsslichen Essen zuzusehen, als wegen 30 Sekunden Wegputzen hinterher in Panik zu verfallen, wenn er kleckert. (Wobei "kleckert" ein Euphemismus ist, muss ich zugeben.)

3. Ich werde die Babyfotoflut der letzten Monate bearbeiten, zu Pixum schicken und die Fotos dann in ein Album einkleben oder an die Wand hängen.

4. Ich werde auch bei diesem neuen Rechner herausfinden, wie man die verdammte Autokorrektur ausschaltet. Ja, das gilt auch für Dich, Blogeingabefenster, und für Dich, Email.

5. Sollte meine Agentur anrufen, während ich im Mutterschutz bin, und mir was von einer akuten Notlage vorquengeln, deretwegen ich jetzt bittebittebitte irgendwas dringend machen soll, dann werde ich sagen "Akut? Ha!". Am 31. März habe ich ihnen Bescheid gesagt. Noch ist kein Ersatz für mich da. Von akut kann keine Rede sein. Ich mach mir große Sorgen, aber ich werde ... hart bleiben. Genau. Verdammt.

6. Ich werde das Angebot meines poshen Fitnessclubs (den ich schon so lange nicht mehr von Innen gesehen habe, dass ich gar nicht sicher bin, ob er überhaupt noch steht und mich vermutlich auf dem Weg dorthin verfahren werde) nutzen: Rückbildungskurse mit Baby. Wobei man größere Babies gleichzeitig im Kinderparadies lassen kann. Und genau das werde ich machen. Zusätzlich werde ich zum Power-Dingens-Kurs meiner neuen Hebamme gehen. Diesmal mache ich das Pipiproblem fertig statt umgekehrt.

7. Ich werde zurück in einen Rhythmus finden, bei dem ich ein mal in der Woche ohne Babyanhang meine Mädchen sehen kann. Egal was.

8. Ich werde mich nicht vom Geraune und Geunke der Vorsorge-Hebamme kirre machen lassen, ich wüsste aber schon, dass der Klumpfuß gut ein Zeichen für ein ganzes Syndrom sein könnte, also nur die Spitze des Eisberges. Dankeschön, ich habe es nun mehrfach von ihr gehört, was soll das nützen? Sollte mein Kind tatsächlich schwere Behinderungen haben, werde ich sicher heilfroh sein, mich jetzt seit drei Monaten deshalb zu gruseln. Also: Danke für die Information, aber nein Danke.

9. Ich werde mich nicht von Familienweihnachten bei uns ins Bockshorn jagen lassen. Meine Mutter und meine Schwester sind die Weltbesten Weihnachtswichtel, die werden hier mit Keksen anrücken und sich eine Schürze umbinden und mir helfen, damit das alles irgendwie wird.

10. Ich werde erst wieder über die acht tiefgefrorenen Embryonen irgendwo in Altona nachdenken, wenn ich nach der Geburt nicht mehr beim Pinkeln fauche. Ehrlich, hab ich sie noch alle? Ich denke nein.

11. Ich werde zum Elternabend der Kita gehen.

12. Mehr kannst Du nicht von mir verlangen, Vorsatzliste! Aber hingehen werde ich.

13. Ich werde die freie Zeit bis zur Geburt genießen, so gut ich kann. Diesmal sind keine Handwerker im Haus, es liegt kein Geröll herum, im Babyzimmer sind keine leeren Fensterhöhlen von Folie notdürftig verdeckt, niemand kommt morgens um sechs rein, wenn ich auf Toilette sitze, das müsste also klappen. Ich werde mich in eine Wolke aus behaglicher Häuslichkeit hüllen. Es wird nach Kuchen riechen. Vielleicht fange ich sogar passend zum Herbst zum ungefähr achten Mal das Stricken an? Naja, wir wollen nicht übertreiben. Aber genießen werde ich die Zeit. Ich bringe morgens meinen Sohn in die Kita, und dann mache ich genau das, worauf ich Lust habe. Sechs Wochen lang, wenn Würmchen zwei nicht zu früh kommt. Noch sieben Arbeitstage trennen mich von diesem glückseligen Zustand. Gibt es eigentlich Kinovorstellungen am Vormittag? Genau solche Dinge werde ich herausfinden.

14. Ich werde aufhören, mich zu grämen, dass ich keinen Alkohol trinken und nicht rauchen darf. Ehrlich, geht's noch? Nach all den Spritzen und all den Enttäuschungen und all den Bauchspiegelungen und angesichts von tausenden Abkürzungsdamen, die nicht mein Glück hatten? Und überhaupt? Lächerlich, Albarelli. Einfach nur lächerlich.

15. Sport ist ja gerade nicht so, aber ich kann mich anderen Herausforderungen stellen: Im Moment habe ich einen echten Lauf, was die-Meinung-sagen betrifft. Anfangs fiel es mir schwer, harmoniesüchtig wie ich bin. Aber ich hole auf, und ich habe das Gefühl, es tut mir mindestens so gut wie ein durchdachtes Laufprogramm: ausgezeichnet für Teint und Blutdruck und für erholsamen Schlaf.

Sonntag, 22. September 2013

Reine Logik, lieber Watson.

Beim vorletzten Besuch der Hebamme erklärte sie mir, dass Werner ruhig mal knöttern und motzen darf, wenn ich ihn hinlege. So lange er nicht wirklich weint oder brüllt, gehört das bei vielen Babys dazu, wenn man sie hinlegt. Ich sollte ihm zwei-drei Minuten geben, um sich zu beruhigen und einzuschlafen. Beschwert er sich dann immer noch, dann kann ich ihn wieder aus dem Stubenwagen nehmen.

Beim letzten Besuch fünf Tage später kam sie genau in dem Moment, in dem ich ihn abgelegt hatte. Ich habe ihn vorher singend und schunkelnd durchs Zimmer gewiegt, der Strampler saß einwandfrei, die Windel war frisch, und ein großes warmes Fläschchen hatte er auch gerade bekommen. Dann legte ich ihn in seinen Stubenwagen. Er knötterte, ein eindeutig eher motziges als trauriges, ängstliches oder sonstwie notleidendes Geräusch. Ich machte ein paar Schritte um die Ecke, setzte mich in einen Sessel und sagte: "Also. Die Medela-Sauger, muss ich sagen, machen leider..."

"Wieso machst du das?" unterbrach sie mich.

"Was, das weggehen?"

"Ja. So kann er dich ja nicht mehr sehen."

Weil sich Mütter erster Kinder bei so ziemlich allem irgendwas denken, war ich nicht unvorbereitet auf diese Frage und hatte sofort eine Antwort:
Weil es - auch, wenn es nur für zwei Minuten ist - eine kleine Frustration für Werner ist, wenn er motzt und nicht sofort jemand herbei eilt, um alles wieder gut zu machen. Weil es mit Sicherheit noch viel, viel frustrierender für ihn ist, wenn die Person, die normalerweise auf jedes seiner Bedürfnisse reagiert, direkt daneben steht und keinen Finger rührt, um ihm zu helfen. Und weil ich auf ihn nicht nur beruhigend wirke, sondern eben auch Unterhaltungswert für ihn habe - und er sich eher beruhigt, wenn er auch wirklich Ruhe hat und nicht gucken muss, was die schusselige Tante mit den Locken und der Milch jetzt schon wieder macht. Für mich klang das sehr logisch und einleuchtend.

"Naja", sagte die Hebamme.
"Aber wenn er dich sieht, ist die Situation für ihn an sich schon gleich viel beruhigender. Er will dich in der Nähe haben, dann ist alles gut, und er kann einschlafen. Und auch, wenn du nur dastehst und ihn nicht hoch nimmst, ist deine Anwesenheit doch für ihn auch die Reaktion auf sein Gemecker. Und das heißt, es ist schon fast so, als hättest du ihn hoch genommen."

Aha. Auch das klingt irgendwie logisch. Und jetzt?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hatte noch nie vor Werners Geburt mit so vielen genau gegensätzlichen Aussagen zu tun, was ich tun und lassen soll, die alle für sich betrachtet total einleuchtend klingen. Und das mir. Wo ich meine Welt (im Gegensatz zu meiner Küche oder meinem Schreibtisch) so gern hübsch ordentlich in richtig und falsch sortiert habe.

Freitag, 31. Mai 2013

Ein dickes Schlabberbussi geht heute ans Internet.

Ich hatte glaube ich schon mal erwähnt, dass eine meiner großen Lebenskrankheiten (außer Endometriose und Myomen) die Macke ist, es immer allen Recht machen zu müssen. Tue ich das nicht, sind zusätzlicher Schlafentzug als Sahnehäubchen auf dem normalen Schlafentzug obendrauf, Unruhe, Beklemmung und insgesamt ein großer Haschmich die Strafe. Ich versuche ja, dagegen anzukommen! Manchmal klappt es auch. Zum Beispiel, indem ich einfach die Momente, in denen ich auf so einer sonnigen Stimmungswelle segele, dass mir gerade jetzt die Meinung der Leute wurscht ist, ausnutze und dann schnell die Dinge mache, die ich mich sonst nicht trauen würde. Oder eben die Dinge schreibe. Dass ich dann mit den Folgen leben muss, weiß ich in diesem Moment zwar, aber was solls: manchmal weiß man, dass das Wasser eiskalt sein wird, und springt trotzdem, zum Springen braucht es nur eine Zehntelsekunde Mut, und dann ist es passiert und war dann doch gar nicht so schlimm, und am Poolrand wartet ein muckeliges Handtuch.
Normalerweise bin ich nicht der Meinung, dass es erstrebenswert ist, die Gefühle und Meinungen anderer grundsätzlich komplett zu ignorieren. Nicht nur, dass genau das eins der Erkennungszeichen von Psychopathen ist, ich kann auch für diese ganze "Nett ist der kleine Bruder von Scheiße"-Philosophie wenig Sympathie aufbringen. Ich finde, nett ist nett und scheiße ist scheiße. Ganz und gar mit der Wurzel ausrotten will ich diesen Instinkt bei mir also nicht. ABER! Zu angepasst ist ungesund und hält klein und grau und mausig, und besonders beim Schreiben kann dieses ewige Bloß-niemandem-auf-die-Füße-treten verhängnisvoll sein. Nicht kann, ist. Als Werbetexterin habe ich jetzt zwölf lange Jahre lang Leuten nach dem Mund getextet: Agenturkollegen, Kreativdirektoren, Beratern, sieben Kunden mit achtzehn Meinungen dazu, wie genau man was genau sagen sollte - ihr könnt es euch in etwa vorstellen, was das mit einem macht, wenn die Aufgabe darin besteht, "witzig" und "originell" und "eine ganz eigene Stimme" zu sein und dabei trotzdem bloß niemandem quer zu kommen. Und bloß nicht den Gesetzgeber vergessen und die Marktforschungs-Gruppe aus zufällig in der Fußgängerzone zusammengekoberten Hausfrauen, Irren und Rentnern! (Jaja, Spaß hat es auch manchmal gemacht, auch wenn das jetzt nicht so klingt.) Und jetzt versuche ich schon seit einer Weile, mich weg vom Texten und hin zum Schreiben nach eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Dieser Blog ist ein Teil davon, das Buch natürlich auch, die Zeitschriftenartikel (wobei die auch an einer extrem kurzen Leine geschrieben wurden, etwa der Sorte Leine, an der bei der Hundeschau die frisierten Pudel vorgeführt werden). Und seit geraumer Zeit arbeite ich neben Job, Blog, normalem Leben und Schwangerschaft an einem neuen Buch, einem, das nichts mit Kindern oder Kinderwunsch zu tun hat und dessen Inhalt ich ganz allein zu bestimmen habe. Freiheit! D.h., Freiheit nicht gerade, denn jetzt kommt mir mein Rechtmachinstinkt sowas von quer. Es wird hoffentlich niemanden hier verwundern, dass aus einem Buch nicht so richtig was werden kann, wenn der Autor sich beim Schreiben ständig fragt, was Tante Inge, die Nachbarn und sein alter Deutschlehrer hierzu wohl sagen würden. Das heißt, es gibt jede Menge Bücher, die sind genau so, und bei manchen Genres (Kochbücher z.B.) stört das auch gar nicht, aber das ist nicht die Sorte Buch, die ich gerne schreiben möchte und auf der ich mit Stolz meinen Namen sehen würde (und NEIN, ich arbeite nicht an einem schwiemeligen Sexbuch wie "Shades of Grey" und versuche auch nicht, die neue Charlotte Roche zu werden. Meine Stimmen setzen leider schon viel früher ein). Die Frage ist nur, wie bringe ich die innere Zensur dazu, die Klappe zu halten? Ohropax nützt genau so wenig etwas wie laute Musik. Die Stimmen sind immer da, sie gehören zu mir und werden mir noch auf dem Totenbett erzählen, dieser Lippenstift wäre aber nicht der Situation angemessen.

Das einzige, was hilft, ist, ein dickeres Fell zu entwickeln und im Zweifel einfach zu antworten: "Siehst du das so, Stimme? Fein, ich sehe das anders, und jetzt entschuldige mich, ich hab zu tun." und zu hoffen, dass die Beklemmung, das Unwohlsein und die Schlaflosigkeit irgendwann durch zunehmende Abstumpfung gelindert werden. Und genau das lerne ich gerade! Dank Dir, Internet, bzw. einem Teil meiner Kommentare. Dem kleineren Teil meiner Kommentare, klar, aber jedes vernünftige Training fängt klein an und arbeitet sich dann langsam vor. Ich gehe fest davon aus, dass das hier schlimmer wird mit der Zeit, wenn Würmchen erst da ist und ich noch mehr Chancen habe, Dinge anders zu sehen und zu machen als andere. Dass es in Teilen der Mütterwelt absolut unüblich ist, entspannt zu lächeln und die anderen ihren Stiefel machen zu lassen, hatte ich schon gelesen, und Überraschung: es ist wohl tatsächlich so. Darauf hatte mich die schöne, harmonische Blogzeit als Kinderwunschbloggerin nicht vorbereitet, aber nun geht's hier bootcampmäßig rund. Ich kann also feste darauf bauen, auch in Zukunft das Geld für eine teure Psychotherapie zur Heilung meiner Überangepasstheit sparen zu können. Irgendwann ist das Buch bestimmt fertig. Und wenn es so weit ist, werde ich den vielen aufgebrachten anonymen Damen zwar keine Tantiemen zahlen, aber ich verspreche, es wird auch euch gewidmet sein. Ohne euch würde ich das niemals schaffen. Danke, Danke, Danke.

Sonntag, 12. Mai 2013

Rat und Schläge

Vorgestern kam L. aus dem Keller und hatte eins meiner Schwangerschaftsbücher dabei, die ich mir irgendwann während der letzten Eiszeit zu meiner ersten Schwangerschaft gekauft hatte. Es heißt "Fragen an die Hebamme" oder so ähnlich, ich liege mit gewaschenen Haaren und im Bademantel mit einer Tasse Tee im Bett und werde jetzt nicht runtergehen und genau nachsehen, reiche das aber gerne nach. In den letzten 48 Stunden habe ich das Buch ca. zwölfmal aufgeschlagen, ein paar Seiten gelesen und es dann schnaubend wieder zugeknallt, so weit man ein broschiertes Buch zuknallen kann. In diesem Buch steht unter anderem, man sollte überhaupt kein Koffein zu sich nehmen. Da stehen auch die üblichen Dinge, die man nicht soll, und die ja sogar ich Widerborst einsehe. Das Buch ist in Frage- und Antwortform geschrieben (wie der Titel schon sagt), und um die Seiten zu füllen, sind auch solche Quatschfragen beantwortet wie "Wenn ich von Babys träume, bringt das Unglück?" (Nein.) Der Rat, der mich am meisten auf die Palme gebracht habe, geht aber in etwa folgendermaßen:
Frage: "Ständig sagen mir Leute, was ich zu tun und zu lassen habe. Kollegen, Familie, Freunde, Nachbarn, alle wissen irgendwas Schlaues und quatschen mir rein. Wie gehe ich damit um?"
Antwort: "Diese Menschen meinen es nur gut. Vermutlich haben sie selbst direkt oder in ihrem Umkreis Erfahrungen mit schwer geschädigten Babies oder Fehlgeburten gehabt und möchten Ihnen diese Erfahrung ersparen."

Das müsste man erst mal sacken lassen, wenn man nicht zu wütend wäre, um irgend einen klaren Gedanken zu fassen. Daraufhin habe ich im Interesse meines Blutdrucks direkt zum Kapitel Geburt vorgeblättert, durch das ich mich jetzt langsam durchkaue. Da steht bestimmt viel Vernünftiges, ich frage mich nur, warum bringen die paar Stinkbomben dazwischen mich immer wieder so auf die Palme? Da, schon wieder, ich muss nur dran denken, und schon kommt grüner Qualm aus meinen Ohren, der Hund ist auch schon ganz verstört. Es ist vielleicht die Art der Ratschläge: Gegen Ratschläge der Machart "Probier mal das und das, dann wird vieles leichter und schöner" habe ich überhaupt nichts. (Schlafen mit Stillkissen. Wasser mit Zitrone gegen aufgepumptes Gefühl. Kalt abbrausen gegen Hängebusen nach der Schwangerschaft.) Viele Schwangerschafts- und Geburtsratschläge haben aber mit Angst zu tun: "Lass das sein, sonst wird alles ganz schrecklich ausgehen". Vielleicht, vielleicht... Vielleicht nervt mich vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird, dass uns an allem, was uns mal wichtig war, jetzt überhaupt nichts mehr gelegen ist. Vielleicht ist es diese unterschwellige Annahme, dass mit der Schwangerschaft jedes Fitzelchen Emanzipation gefälligst wieder aufgegeben werden sollte. Dass wir plötzlich wieder völlig hilflos sind und nicht aus noch ein wissen, wenn nicht jemand anderes kommt und uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Dass wir...

Ich verrenne mich da doch nicht, oder? Oder?
Mir ist schon klar, dass es da draußen Frauen gibt, die noch nie von Listerien gehört haben und denen dringend jemand davon erzählen sollte, bevor sie am Ende zu den unglücklichen 60 gehören, die sich und ihr Kind jedes Jahr infizieren. Oder dass die Tatsache, dass tausende, hunderttausende von Schwangeren schon lächelnd und unbeschadet ein fettes Stück Brie verzehrt haben, nicht bedeutet, dass es ungefährlich ist. Ich weiß auch, dass viele von uns sich jetzt wirklich hilflos fühlen, es ist das erste Mal, kein Mensch weiß, was passiert, und ein paar Ratschläge können auch beruhigen. Außerdem ist es reichlich bescheuert von mir, mir erst ein Ratgeberbuch zu kaufen und mich dann darüber aufzuplustern, dass mir da jemand unverschämterweise Ratschläge geben will, auch wenn Kauf und Aufplustern schon vier Jahre auseinander liegen.
Ich glaube, mir schwant langsam, was es ist: der Spaß, den manche Leute am Warnen und Verbieten zu haben scheinen. Und die Bereitwilligkeit, mit der sich bestimmt viele so vieles verbieten lassen, ohne lange zu fragen, ob das wirklich nötig und sinnvoll ist.
Vor ein paar Tagen hat eine meiner Schwangerschafts-Apps mich vor Augencreme gewarnt. Falls die nämlich Vitamin A enthalte, sollte ich sie lieber jetzt nicht mehr verwenden, denn zu viel Vitamin A (wie in Leber und Leberwurst) schadet dem Kind. Da musste ich laut lachen. Erstens kann es so gefährlich nicht sein, wenn die App mit diesem Verbot bis zum achten Monat wartet, und zweitens: wie viel Vitamin A genau, wird vermutet, gelangt tatsächlich und in reiner Form aus tieferen Hautschichten in meinen Stoffwechsel und dann in den des Kindes? Trotzdem bin ich sicher, dass es Frauen gibt, die das lesen und denken Aaaaahja, dann lieber nicht, die dann brav loswackeln und sich gehorsam eine andere Augencreme kaufen. Und das macht mich hilflos, wütend und aggressiv, kein Mensch weiß, wieso. Grüner Qualm. In dicken Wolken.

Dabei hätte ich selbst einige Fragen, die mir bisher noch kein Ratgeber beantworten konnte (NEIN, das sind nicht die wichtigsten Fragen, die mich zur Geburt und Schwangerschaft umtreiben. Das sind nur die, die auch in meterdicken Ratgebern irgendwie nicht beantwortet werden, weil der Platz schon für Babytraumdeutung draufgeht):
1. Meine Füße sind für mich ein ständiger Kummer. Es hängt auch damit zusammen, dass bei mir Hornhaut so schnell nachwächst, dass ich im Grunde alle drei Tage die Mauken für eine halbe Stunde in ein Fußbad hängen muss und danach zehn Minuten daran herumfeilen, damit sie präsentabel sind. Das wird aber mit zunehmendem Umfang immer schwieriger. Die Frage lautet also: darf ich während der Geburt Socken tragen? Ich würde sogar die sauberen weißen aus der ersten Klinik wieder rauskramen!

2. Ab wann ist es sinnvoll, unter das normale Laken ein PVC-Laken zu spannen? Nur für den Fall, dass nachts die Fruchtblase platzt? Im Hochsommer?

3. Angenommen, das Kind kommt, während L. nicht da ist, ich nehme mir ein Taxi ins Krankenhaus, und unterwegs platzt die Fruchtblase. Muss ich den Autositz bezahlen? Ist hier eine Schwangere außer mir, die schon mal drüber nachgedacht hat, wie zum Sackhüpfen in einen Müllsack zu steigen und so zum Krankenhaus zu fahren?

4. Listerien (und Toxoplasmose-Erreger, die mich zum Glück nicht interessieren müssen) sterben ab, wenn sie zwei Minuten auf 70° erhitzt werden. Kennt hier jemand die Kerntemperatur eines Toasties oder hat sie evtl. sogar schon mal selbst gemessen? Ich wäre ein glücklicherer Mensch, wenn ich wüsste, dass ich alles in meinem Kühlschrank für mich ungefährlich machen könnte, wenn ich es in einen Toastie packe.

5. Meine Küchengöttin Nigella hat mal geschrieben, ein großer Pluspunkt des Stillens sei, dass man dem Kind schon früh beibringt, dass nicht alles gleich schmeckt. Essen ist immer wieder anders und neu, je nachdem, was Mutti gegessen hat, das ist doch toll! Je früher ein Kind diese Erfahrung macht, desto geringer ist die Gefahr, dass es später nur Fritten und Pizza will. (Nach dem Pomdöner warte ich übrigens darauf, dass die Pompizza auftaucht. Na, ist das eine Geschäftsidee?) Heißt das, ich tue meinem Kind was Gutes, wenn ich während dieser Zeit auch mit extremen Geschmäckern experimentiere? Chili? Wasabi? Sardellen? Buchweizencrepe? Überreifer Gorgonzola? Fangt ihr jetzt schon an zu kichern, weil ihr genau wisst, was dann passiert und was für ein dämliches Gesicht ich dann machen werde?

Das wären für den Moment die Fragen. In zehn Minuten habe ich sicher neue.

Montag, 22. April 2013

Mal abgesehen davon, dass es ziemlich nett geschrieben ist:

Ich will ganz ehrlich sein. Was mich als erstes für das Buch eingenommen hat, war der hübsch rot-weiß karierte Umschlag. ("Was ist die denn für eine, die Zukunft ihres einzigen!!! Kindes einem Buch anzuvertrauen, nur weil es so ein hübsches Muster hat?") Vielleicht, weil rot-weiß kariert mich immer an nette kleine Restaurants mit gutem Essen denken lässt? Dann das Wort "Nervensäge" im Titel. Denn ich muss zugeben: auch, wenn ich mir seit so vielen Jahren so sehnlichst ein Kind wünsche, finde ich trotzdem, dass nicht alle Kinder, die man so trifft, sofort den Neid oder die Sehnsüchte von uns Kinderlosen erwecken. Ja, so schrecklich das auch ist und so lieb es mir auch wäre, wenn es nicht so wäre - es gibt auch Kinder, die sich spätestens mit zwei-drei Jahren zu fast unerträglichen Nervensägen entwickeln, wobei ich (schon zu Zeiten, als nicht nur dieses Kind, sondern auch der Kinderwunsch noch in nebulöser Zukunft lagen) immer schon reflexartig dachte "bitte bitte, nicht so eins für mich. Lieber die andere Sorte." Und ich weigere mich, die Nervensägerei nur auf die Gene zu schieben, sondern hoffe und glaube fest daran, dass die Eltern und das, was sie tun, lassen und dem Kind vorleben, nicht ganz ohne Einfluss sind. (Denkt jetzt übrigens eine hier, die Definition einer Nervensäge wäre für mich ein Kind, das ab und zu mal quengelt, etwas auf den Boden wirft oder im Supermarkt Schokolade haben will? Ganz bestimmt nicht. Nervensägen sind für mich Kinder, die ihre Mütter im Sekundentakt vors Schienbein treten, weil die die Frechheit besitzen, zu telefonieren.) Außerdem brauchte ich sowieso was zu lesen, von meinem skandinavischen Krimi hatte ich nämlich nach ca. zweihundert Seiten die Nase voll. (Wird das eigentlich in Schweden schon in der Schule gelehrt, dass man mit Krimis viel Geld verdienen kann, die nur davon handeln, dass eine Frau nach der anderen möglichst widerlich ermordet wird?) Das Buch ist eigentlich mehr Erzählung als Ratgeber: die Autorin, Amerikanerin und verheiratet mit einem Briten, ist ihm zuliebe nach Paris gezogen und hat dort drei Kinder bekommen. Irgendwann hat sich der Vergleich aufgedrängt zwischen französischen Kindern und Müttern und ihrer eigenen Familie. Sie hat beobachtet, ihre Beobachtungen dann mit den Erkenntnissen namhafter Kinderärzte, Psychotherapeuten und Erziehungsforscher abgeglichen und aufgeschrieben. Und so viele Prinzipien liegen dem ganzen eigentlich nicht zugrunde, es ist auch alles nichts, worauf man nicht selbst vielleicht gekommen wäre - keine Raketenforschung. Einfach der Glaube daran (den ich ganz fest teile), dass Kinder mehr verstehen und können, als man denkt, und dass sie sich nur dann zu glücklichen Menschen entwickeln können, wenn sie sich zwar rundum geliebt und aufgehoben fühlen, aber trotzdem wissen, dass sie nicht allein auf der Welt sind, sondern umgeben von anderen Menschen, die auch Gefühle und Bedürfnisse haben - und wenn sie möglichst früh und spielerisch lernen, dass man auf die Erfüllung seiner Wünsche auch mal ein paar Sekunden oder Minuten warten kann. Das bringen manche französische Mütter ihren Kindern z.B. bei, indem sie am Wochenende mit ihnen zusammen einen Kuchen backen. Einen ganz einfachen, bei dem auch Dreijährige schon mitmanschen können. Es macht Spaß, sie sind stolz auf ihr Werk und freuen sich, dass man ihnen das zutraut, und sie erfahren am eigenen Leib, dass man erst etwas tun muss und dann eine Weile warten, damit es hinterher etwas Leckeres zu essen gibt. Klingt das völlig irre? Ich finde nicht. Ein anderes Prinzip ist, dass Kinder Gäste und Familie begrüßen sollen. Das macht noch keinen Benimmroboter aus ihnen - sie lernen so nur, die Existenz und Anwesenheit anderer zur Kenntnis zu nehmen und machen nebenbei die Erfahrung, sich in der Gegenwart von Erwachsenen sicher bewegen zu können, was wieder ein schöner Beitrag zu ihrem Selbstvertrauen ist. Auch ihre Beobachtung, dass Französinnen im Gegensatz zu z.B. Amerikanerinnen nicht überall mit einer Handtasche voller Kekse, Schokolade und Brezeln hingehen, so dass die Kinder ständig mit vollem Mund unterwegs sind und dann zu den Mahlzeiten nichts mehr essen, leuchtet mir ein. Wäre es nicht toll, wenn man es hinkriegen könnte, dass ein Kind sich auf Mahlzeiten freut und sich dann satt isst, wenn es soll? Wenn es ein normales Verhältnis zum Essen bekommt - nämlich Essen als Genuss betrachtet - statt als Mittel gegen Langeweile, Einsamkeit oder Nervosität? Wenn es sich nicht heimlich mit Naschi vollstopft, sondern sich freut auf den selbstgebackenen Schokokuchen am Nachmittag? Klar klingt das wie ein Traum, aber man wird doch wohl noch träumen dürfen. Noch etwas, was mich für das Buch eingenommen hat: die Autorin berichtet, dass Franzosen - so viel Wert sie auch auf klare Strukturen legen und darauf, dass Kinder bestimmte Dinge schon sehr früh lernen können - nicht der Ansicht sind, dass Kindergartenkinder Geige und Chinesisch lernen sollten. Die Zeit bis zur Grundschule ist zum Spielen da und nicht dazu, sich irgendeinen Phantasie-Vorsprung vor den anderen Kindern für die spätere Super-Karriere zu erarbeiten. Innerhalb der festen Regeln herrscht viel Freiheit.

Denkt nicht, ich wüsste nicht, dass schlaflose Nächte auf mich zukommen, totale Erschöpfung und drei Tage am Stück, in denen das 48-Stunden-Deo zeigen kann, was es drauf hat. Und denkt nicht, ich wüsste nicht, dass ich das Buch noch oft entnervt in die Ecke pfeffern werde. Dass ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen kann, Fusselhirn hin oder her, wie anstrengend, schrecklich und schön das alles wird. Dass wir uns in einem Jahr wieder sprechen und ich dann vermutlich auch nur noch dreckig lachen werde beim Gedanken an das, was ich mir in meiner Wiener Kaffeehausgemütsruhe so ausgemalt habe. Das hier ist Teil meines ganz privaten Geburtsvorbereitungskurses, außerdem Teil der Vorfreude auf das Kind. Ich habe da Spaß dran und glaube außerdem an die Fähigkeit meines Würmchens, mich jederzeit zu überraschen - auch positiv.

Sonntag, 19. Februar 2012

67,8 ist meine neue Unlieblingszahl.

Als der Anästhesist vor dieser Punktion mit mir gesprochen hat, wollte er neben all dem anderen Anästhesistenkram natürlich auch wissen, was ich wiege. Einfühlsamer Blick von Kopf bis Fuß: "Nach den ganzen Hormonen, hm?" "vermutlich 66 Kilo" knurrte ich. Das war jedenfalls zuletzt mein Höchstgewicht gewesen, nach einigen halbherzigen Wochen Weight Watchers und reichlich Ausnahmefritten zwischendurch. Hormone, klar! Die bösen, bösen Hormone. Die ich jetzt ja auch schon seit einigen Tagen nicht mehr schlucke oder spritze.
Liebe Abkürzungsdamen, heute morgen war ich auf der Waage. 67,8. Das ist so ungefähr das Gewicht, das ich nach dem in jeder Hinsicht exzessiven Sommerurlaub mit den Mädchen hatte. Das geht so nicht. Ich trage gerade eine Jeans, an deren Knopf immer noch das Haargummi aus der Stimulationsphase befestigt ist. Zugegeben, diese Jeans habe ich in meinem Enthusiasmus über demnächst anstehende Abnehmerfolge vielleicht ein bisschen zu übermütig in knackigen M gekauft, aber trotzdem. Das Haargummi hat da nichts mehr verloren! Zähnefletschend habe ich den Knopf dann doch noch zubekommen. Die Röllchen, die in dieser Jeans keinen Platz finden, scheinen sich jetzt in mein Gesicht hochgedrückt zu haben. Ich sehe furchtbar aus! Ganz schlimm! Schweinchenrosa Birne, alles geht aus der Form, 67,8!
So geht's nicht weiter. Seit letzter Woche stehe ich zwar so gut wie jeden Tag 45 Minuten lang auf dem X-Trainer, aber bis das anschlägt, kann ich nicht alle Spiegel verhängen. Was mach ich nur? Eine dritte Chance für Weight Watchers? Doch L.s Masterplan, ab 16 Uhr keine Kohlenhydrate mehr zu essen? Auf Wiedersehen, Feierabendpasta und Feierabendweinchen? Oder doch noch mal ein Gewaltakt, eine Fastenwoche, um auch den Hormonmüll zumindest gefühlt wieder loszuwerden? Was macht man denn da? Ich bin gerade wirklich verzweifelt! Gestern Abend habe ich meine Schwester in mein Lieblingsrestaurant, das Vienna in der Fettstraße (HARR!) ausgeführt. Es ist winzig da, und um den Raum größer wirken zu lassen, sind ringsum auf Augenhöhe Spiegel an den Wänden. Den ganzen Abend musste ich Miss Piggy beim Kauen zusehen. Ich hatte das noch nie, noch nie war ich so verzweifelt über mein Gewicht und mein Aussehen! (Vermutlich zusätzlich befeuert durch die Gegenwart meiner 27jährigen elfengleichen Schwester, der meine M-Jeans sofort bis auf Kniehöhe rutschen würde, mit oder ohne Haargummi.) Und nächsten Samstag gibt es gleich die nächste Sause, wir feiern einen Mädchengeburtstag in einem anderen großartigen Restaurant. Egal, was ich mir jetzt vornehme, ich werde Steak Frites bestellen, dagegen komme ich nicht an.

Und jetzt kommt mir nicht mit beruhigenden Worten von wegen, das wären doch alles noch hormonelle Nachbeben und würde sich von ganz alleine legen in den nächsten Wochen, ich will nicht beruhigt werden! (Ich schreibe diesen Post übrigens in einem quergestreiften Pullover. Ist das klug, Flörchen? Nee, oder? Aber Klugheit in Fragen echter oder angetäuschter Schlankheit war noch nie meine Stärke...)

Donnerstag, 16. Februar 2012

Da war doch noch was!

Der große Wer-hat-die-beste-Ausrede-warum-man-keinen-Alkohol-trinkt-Contest.

Wir erinnern uns: ich wollte wissen, wie man solche Szenen wie meine mit den netten Nachbarn vermeidet, bei der ich gesagt habe, ich würde ein Antibiotikum nehmen und wollte keinen Alkohol, und mein Nachbar sich daran gemacht hat, mir mit Feuereifer zu beweisen, dass ich in Wahrheit aber doch Alkohol trinken soll. Was ich ihm nicht übel nehme, was mich aber ins Stammeln und Drucksen gebracht hat, und hinterher dachten sich vermutlich alle doch, was hatse denn, vamutlich schwanga. Also genau das, was sie nicht denken sollten.

Und ich wollte nicht nur euren Rat, sondern ihr solltet was wiederkriegen: der beste Tipp sollte prämiert werden mit Essen und Trinken auf meine Rechnung beim nächsten Stammtisch.

Wir schreiten zur Jurierung.

Vorschlag 1:
"Bei Rotwein: Histaminintoleranz.
Aber ganz grundsätzlich: Der einzige Grund, bei der KB keinen Alkohol zu trinken ist, dass die Leber mit der Verstoffwechslung der ganzen Hormonbomben schon genug zu tun hat. Wer dann aber Freßattaken mit viel Fett (Schokolade, Sahnetorte, Sahnesaucen, fetter Käse, Salami,Leberwurst...) auslebt, gibt der Leber genau so viel zu tun. Dem Embryo kann man in der Warteschleife mit Alkohol kaum schaden: Er ist noch nicht mit der Mutter via Plazenta verbunden. Also: Entspannt Euch mal alle ein wenig..."

Ich weiß, vermutlich bin ich da ein bisschen hysterisch. Und ich weiß auch, dass es da draußen Zehntausende, wenn nicht Millionen von Frauen gibt, die bis in den dritten Monat fröhlich gesoffen, geraucht und Klebstoff geschnüffelt haben und jetzt stolze Mutter kerngesunder Kinder sind. Ich kenne auch die Alles-oder-Nichts-Theorie. Aber ich finde, die zwei Wochen ohne schaden mir bestimmt nicht. Und auch in Woche sechs bis elf brauche ich eine Ausrede, nicht nur für die Zeit bis zum Test. Liebe Kommentatorin, vielen Dank und Hut ab für die nüchterne, informierte und naturwissenschaftlich mit Sicherheit korrekte Einstellung, ich wollte ich wäre auch so entspannt, bin es aber nicht.

Vorschlag 2: Entsäuerungskur.
"Ich sag gerne, dass ich grad eine Entsäuerungskur mache. Hab ich tatsächlich mal gemacht und mir gings super dabei. Ich durfte damal weder Alkohol noch Zucker zu mir nehmen, auch kein Weißbrot, Schweinefleisch und alles von der Kuh. Stattdessen basische Ernährung, viel Gemüse, Obst und Dinkelvollkornprodukte, whatever..schwanger wurde ich nicht davon.Wenn du dann gerade ein schönes Nackenkotelett auf den Teller packst, isses natürlich wenig glaubwürdig. Aber so genau kennen sich die meisten damit ja auch nicht aus.Und deine Heilpraktikerin hat dir das eben auf den Leib geschneidert, was du darfst und was nicht"

Liebe Cetro-Tine, das klingt an sich total einleuchtend. Die einzigen zwei Probleme: 1. Die meisten Menschen, mit denen ich Alkohol trinke, kennen mich. Und die würden mir diese Geschichte nicht glauben. Wenn irgendjemand mir Zucker, Alkohol, Weißmehl, Milch, Schwein und Rind verbieten würde, würde ich ihn dafür nicht bezahlen, sondern ihm die Nase abbeißen. So bin ich leider, und das wissen die. 2. Das würde bedeuten, dass ich an diesem Abend nicht nur ohne Alkohol, sondern auch ohne Milch, Weißmehl, Kuh, Schwein usw. auskommen müsste, und das wäre dann doch eine Nummer zu trist für meinen Geschmack. Trotzdem vielen Dank!

Vorschlag 3:
"Ich bin keine deiner Abkürzungsfrauen, aber dein Gefühl, lieber abstinent bleiben zu wollen, kann ich nachvollziehen. Wenn du also komplett nüchtern bleiben willst, würde ich an deiner Stelle vielleicht was von "heute irgendwie Unruhe im Gedärm" murmeln, dabei verlegen gucken (kannst ja noch ein paar Stunden üben ;-)) und dazu setzen, dass du diese Unruhe nicht durch Alkohol forcieren möchtest. Wer hätte schon gern Durchfall aufm Kneipenklo? Da hat ganz bestimmt jede für dich Verständnis."
Ja, hat was, liebe Andrea. Erstens sehe ich unter Hormonen so aus, dass man mir jede Art von Unwohlsein sofort abnimmt. Zweitens habe ich damit auch gleich die Entschuldigung, wieso ich mich spätestens um elf verabschiede, um im Taxi einzuschlafen. Und drittens wird wohl hoffentlich niemand bei Darmgeschichten zu genau nachbohren. Andrea, was soll ich sagen - Du bist es. Vielleicht!

Vorschlag 4:
"Vorgezogene Fastenzeit", da ihr zur eigentlichen Fastenzeit Urlaub plant, du da nicht abstinent bleiben willst, aber einmal im 40 Tage gar kein Alkohol auch nicht schaden :-) - (ich zieh das tatsächlich vor, wenn wir Skifahren sind in der Fastenzeit)"
Liebe Barbara, auch dieser Vorschlag ist nicht sooo doof: denn gefastet hab ich schon ein paar mal (allerdings habe ich da auf ALLES verzichtet bis auf Duschen und Atmen), und ich könnte mir diesen Rappel abgeguckt haben von einem meiner Mädchen, die auch jedes Jahr bis Ostern sechs Wochen lang Alkohol und Süßigkeiten weglässt. Einziger klitzekleiner Fehler: zum Jahresanfang könnte ich das bringen, meinetwegen auch noch bis April, aber Fastenzeit im Hochsommer? Mal sehen. Auch du bist es... vielleicht!


Vorschlag 5:
"...Deshalb meine neueste Strategie: Am besten man sagt, dass man am Tag vorher schon etwas zu viel getrunken hat und gerade froh ist, den Kater losgeworden zu sein. Da war der Wein irgendwie nicht gut und hat dolle Kopfschmerzen gemacht. Oder die Begleitung hat einfach ungefragt noch eine zweite Flasche Wein bestellt. ....Heute ist deshalb selbst die Lust auf das kleinste Piccolöchen nicht vorhanden."
Liebe Birgit, auch dieser Vorschlag hat seine Stärken, von denen absolute Glaubwürdigkeit die vermutlich bestechendste ist. Großartige Idee, auch du bist es vielleicht!

Vorschlag 6:
Bis Ende Januar kann man glaubwürdigerweise was von "guten Vorsätzen" murmeln. Aber Birgits Vorschlag mit dem "hatte gestern schon etwas zu viel" klappt bei mir auch immer (merkwürdigerweise glauben mir das die Leute ;)).
Aber auch "momentan vertrage ich wenig Alkohol, gestern war mir nach einem Glas Wein total übel" funktioniert gut.
Liebe Felicitas, volle Punktzahl für Birgits Idee, und ich glaube auch, für viele Abkürzungsdamen ist "momentan vertrage ich das schlecht" ein 1A Vorschlag - auch hier würde ich ein leichtes Glaubwürdigkeitsproblem bekommen. Denn das war noch nie, das wäre ungefähr so, als würde ich eine Schale Fritten mit Mayo lustlos beiseite schieben und mich beschweren, das wäre mir gerade zu fettig.

Vorschlag 7:
"Liebe Flora,
Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mehr mir Ausreden einfallen zu lassen. Deswegen regel ich das gerade so: Wenn mein Wundermann in der Nähe ist, kriegt er mein Glas vorsichtig untergeschoben. Natürlich hatte ich es lange genug in der Hand, dass man damit gesehen wurde. In Kneipen mache ich heimlich mit der Kellnerin aus, mir alkoholfreie Cocktails zu bringen. Falls jemand mich wegen des Wassers anspricht, brauche ich das zwischendurch, damit ich nicht so schnell betrunken bin. Bisher hat es funktioniert. Trotzdem, viel Spaß heute Abend! LG, Emma"

Liebe Emma, das hab ich auch schon oft so gemacht, und auf Parties klappt das 1A. In der kleinen Nachbarschaftsrunde neulich abends hab ich das auch versucht und mich dabei glaube ich für meine Verhältnisse auch gar nicht soooo bescheuert angestellt, trotzdem habe ich fünf Minuten lang die Meisterdetektiv-Blicke unserer Nachbarn auf mir gefühlt. Aber wenn die Runde es hergibt, Bombentipp! Auch du bist es vielleicht.

Vorschlag 8:
"Libe Flora,
ich habe in der Warteschleife und auch noch bis zum Ende des dritten Monats einfach gesagt: Nein danke, ich habe im Moment keine Lust auf Alkohol. Da haben selbst meine wild schnapstrinkenden Mädels nicht mehr weitergefragt, ich war selbst überrascht! Und das obwohl man mich in gewissen Kreisen auch den Sombrero ohne Boden nannte weil ich Tequila trank wie....naja, egal. Ausserdem wäre es auch viel zu anstrengend gewesen, mir dauernd was neues auszudenken. Viel Erfolg heute, ich hoffe wir hören wie es ausgegangen ist?
LG, Murphy"
Liebe Murphy, obwohl ich Tequila zwar ganz gern mag, vor allem mit dem ganzen Salz- und Zitrone-Programm (wobei ich glaube ich genau so glücklich wäre nur mit Salz und Zitrone und gar keinen Schnaps draufkippen müsste), nennt man mich nicht den Sombrero ohne Boden. Ich bin eher die mit dem Rotwein oder dem Prosecco, ab und zu gibt's auch mal einen schönen Scotch - aber ich glaube, das glaubt mir kein Mensch. Vor allem, wenn man mitbekommt, wie sehnsüchtig ich die Rotweingläser in den Händen der anderen angucke. Und ich fürchte außerdem, das würde bei guten Gastgebern den "Ach komm schon, diesen Rotwein musst du probieren, den haben wir von einem kleinen Weingut in Italien mitgebracht"-Impuls zum Explodieren bringen, sie hätten einfach Angst, dass ich was verpasse. Herrje... ich glaube, das ist es nicht. Aber vielen Dank für den Tipp! Vielleicht probiere ich das ja doch noch mal aus beim nächsten Mal, und sollte es erstaunlicherweise doch funktionieren, reiche ich einen Preis nach, versprochen.

Vorschlag 9:
"Da ich sonst durchaus gerne was trinke, und bei passender Gelegenheit es auch nicht unbedingt bei 1 Glas belasse, hat's bei mir auch schon komische Blicke gegeben. Vor allem im Kollegenkreis gab's dann auch schonmal die einen oder anderen Gerüchte (die ja leider bislang alle falsch wahren).
Wenn ich Ausreden brauche (z.B. auch bei den Schwiedereltern), erzähle ich entweder was von Magenproblemen oder vor kurzem genommenen Kopfschmerztabletten."
Liebe Relaxednomore, an sich hätte ich auch Geld auf diesen Vorschlag gesetzt, wenn nicht... siehe oben: ich hab erzählt, ich würde Tabletten nehmen, und mir wurde argumentatorisch astrein und mit einigem Aufwand erwiesen, das wäre kein Grund. Ach, es ist zum Auswachsen: sage ich, ich will nicht, dann glaubt mir das keiner, sage ich, ich darf nicht, dann hat der Gastgeber Mitleid und legt sich ins Zeug, um mir zu beweisen, dass ich aber doch darf.

Vorschlag 10:
Kinderwunsch Baden-WürttembergFeb 4, 2012 07:02 PM
Ich sage einfach: NEIN DANKE und wers nicht blickt der hat PECH!
Sowas finde ich unverschämt jemandem Alkohol oder sonstwas schier auf zu zwängen. Ich nehme das Glas und stelle es weg und wenn mir jemand dumm kommt sage ich ihm, dass ich NEIN DANKE gesagt habe und ich muss mich sicher vor keinem rechtfertigen egal ob mit oder ohne Kinderwunsch oder Alkoholikervorgeschichte :D
Liebe Kinderwunschbadenwürttemberg, an sich hast du da natürlich Recht. Aber die Leute meinen's gut. Und ich befürchte, wenn ich das so kommentarlos sage, dann habe ich zwar für den Moment Ruhe, aber muss damit leben, dass die Gerüchteküche die nächsten Tage brodelt. Jetzt gibt es eine Menge Leute, bei denen ist mir egal, was die denken, aber bei manchen - vor allem bei sehr netten Leuten, die man noch nicht lange genug kennt, als das sie die ganze Kiwu-Geschichte kennen würden, aber die man gerne noch näher kennen lernen würde, will ich auch nicht barsch und ruppig sein... Hm... schwierig! Ich weiß! Trotzdem Danke für den Tipp!


Vorschlag 11:
eine Freundin von mir (nicht schwanger) hat eine gute "Ausrede", wie ich finde. Sie sagt, sie trinkt keinen Alkohol, weil sie dadurch besser schläft. Ich finde das einleutend und kann das auch selbst bestätigen. und ich fand, da klingt auch nachvollziehbar und logisch. Allerdings habe ich sie noch nicht selbst ausprobiert. Funktioniert natürlich nur für den abendlichen Alkoholgenuss.
Ich werde es sicher demnächst mal ausprobieren.
LG K.
Liebe K., das könnte ich wirklich nur bei ganz, ganz flüchtigen Bekannten oder Kollegen machen. Bei allen anderen scheitert auch dieser Tipp an Glaubwürdigkeit. Leider, leider! Schade, schade!

Vorschlag 12:
nannyogghatheutefrei
Also ich würde die Variante mit der Wette wählen: "Ich hab gewettet, dass ich 3 Monate (eben bis du es erählen magst) keinen Alkohol trinke". Oder es als verlorene Wette deklarieren "Ich hab ne Wette verloren, und darf jetzt 3 Monate keinen Alkohol trinken".
Liebe Nannyogghatheutefrei, sportlich! Ich glaube auch, das würde klappen, aber ich fürchte, dass das wiederum Futter für das Alkoholikergerücht liefern würde. Aber vielleicht ist das auch nur in meinem Kopf, der entsprechend vorbelastet ist: im Psychologiestudium vor langer Zeit gab es mal ein Manual mit Symptomen psychischer Störungen, und ein Alkoholismus-Symptom war paradoxerweise, dass jemand sich schon mal vorgenommen hat, während eines bestimmten Zeitrahmens keinen Alkohol zu trinken. Harrgh! Ist das nicht seltsam, dass man selten mehr Gefahr läuft, als Alkoholiker zu gelten, als wenn man keinen Alkohol trinkt?

Vorschlag 13:
huhu mädels, ich sage immer abwechselnd, dass ich gestern schon zu viel getrunken habe, das mein freund gemeint hat, dass ich nur mit alk lustig sein kann ( das will man ja nicht auf sich sitzen lassen) oder auch wirklich mal die diät/ keine lust/ nicht gut / mag den und den wein nicht. das immer abwechselnd, hat noch nie einer verdacht geschöpft. lg mine
Liebe Mine, volle Punktzahl für "gestern schon getrunken und leider verkatert", alles andere würde mir leider niemand glauben, s.o.

Vorschlag 14:
Ich habe vor einiger Zeit in meinem nahen Umfeld sehr unschöne Erfahrungen damit gemacht, was Alkohol aus Menschen machen kann.

Deshalb trinke ich seit einem halben Jahr keinen Alkohol mehr. Wenn ich in einer Runde mit Menschen bin, die die Vorgeschichte nicht kennen, gibt es immer gleich vielsagende Blicke auf den Bauch und neugierige Anspielungen oder gleich Nachfragen. Für einen trockenen Alkoholiker wurde ich allerdings noch nicht gehalten ;)

Das Erklären habe ich aufgegeben. Wenn mir jemand zu sehr auf die Pelle rückt, sage ich es einfach: "Ich habe in meinem nahen Umfeld sehr unschöne Erfahrungen damit gemacht, was Alkohol aus Menschen machen kann. Deshalb trinke ich nichts mehr."
Liebe Anonyma, Hut ab für den Mut, so eine Geschichte zu erzählen. Ich glaube trotzdem nicht, dass das für mich funktionieren würde, und zwar aus zwei Gründen: erstens wäre es in meinem Fall gelogen, und bei so einem Thema (Alkoholismus) möchte ich nicht lügen, und zweitens würde ich nicht an einem harmlosen Rotweinabend mit Nachbarn oder auf einer Büroparty oder... mit dem Alkoholismushammer kommen wollen - was daran liegt, dass ich nicht deine Erfahrungen gemacht habe. Wenn doch, dann würde ich das sicher ganz anders sehen und machen. Aber als gelogene Ausrede wäre mir das zu viel. Und außerdem hätte ich Angst, dass Spekulationen darüber, wer denn derjenige ist, mit dem ich diese Erfahrungen gemacht habe, hochkochen - Vater? Mutter? Freund? Exfreund? Ehemann? Keiner von denen hat mir jemals alkoholbedingt was Böses getan, da wollte ich sie nicht in den Verdacht bringen. Trotzdem vielen Dank für den Tipp!

Vorschlag 15 (ist das zu fassen, schon 15!):
Die Alkohol-Sache ist schon doof, aber da jeder weiß, dass ich auf Alkohol extrem müde werde und auch gerne mal auf der nächstbesten Sitzgelegenheit einschlafe, sage ich einfach: "Ich möchte heute gerne mal wach bleiben." Das versteht jeder.
Liebe Anonyma, auch das ist ein guter Vorschlag. Denn meine Müdigkeit unter Hormonen sieht man mir an, und es stimmt sogar, das Alkohol mich oft müde macht, also: auch du bist es vielleicht.


Vorschlag 16:
Ich habe auch so eine Nachbarin. Ich mache es mittlerweile so: ich nehme das Glas, wenn sie es mir wiedermal aufzwingt, auch wenn ich sage: nein, danke. Stoße an und stell es dann demonstrativ vor mich auf den Tisch.
Zweimal gemacht und mittlerweile ist Ruhe.
*g* Große Erklärungen gibt es dann keine mehr. Soll'se doch gucken. Das können sie bei mir schon seit einigen Jahren... Ich habe oft gesagt: ich mache mittlerweile soviel Yoga. Und gewisse Yogaübungen (ohne Scheiß) sollte man nur machen, wenn man sich vegetarisch und alkoholfrei ernährt. Ich arbeite mich noch in die Richtung vor. Erstmal verzichte ich auf den Alkohol...
Liebe Anonyma, Vorschlag Nr.1 habe ich so schon oft selbst praktiziert, allerdings ohne das demonstrativ-auf-den-Tisch-stellen, ich bin dann eher der Typ, der den Sekt in den Gummibaum gießt oder auf einem Tischchen "vergisst". Die Yoga-Erklärung würde bei mir leider nicht durchgehen, denn jeder, der zwei Augen im Kopf hat, sieht, dass die Tante garantiert nicht ernsthaft genug Yoga macht, um auf Übungen zu stoßen, die alkoholfreies und fleischloses Leben erfordern. Dazu gibt es an mir zu viele Beulchen, Röllchen und Pölsterchen. Tscha!

Vorschlag 17 und damit letzter Vorschlag:
nicht einfach antibiotikum sondern metronidazol ist das zauberwort... enthalten in so schönen sachen wie z.b. flagyl, das gegen infektionen hilft... da heissts kein glas bis einen tag nach der anwendung, sonst kriegt man den schönen antabus-effekt zu spüren, wie alkoholiker die das echte antabus nehmen und trotzdem versuchen fröhlich weiterzubechern: flush, erbrechen, tachykardie...
ich glaube, da versteht dann jeder, das man gerne auf ein gläschen verzichtet!
einziger haken bei dieser geschichte: allen erzählt man ja auch nicht gerne, dass man "da unten" einen infekt hat :-)
Liebe S., den Antabus-Effekt musste ich googeln. Das ist ja nicht nur eine Ausrede, das ist ja gleich ein komplettes Party-Gesprächs-Thema! Ich müsste mich allerdings erst ein bisschen reinfuchsen und durchinformieren, bevor ich mich das trauen würde. Und vor der Unterleibs-Muffe hätte ich keine Angst, erstens bin ich da abgehärtet, zweitens holt man sich ja so manches im Fitness-Studio... non? Wie auch immer, Auch du bist es vielleicht!

Liebe Abkürzungsdamen, wer hätte gedacht, dass die Vorschläge so zahlreich sein würden und die Entscheidung so schwierig? Ich glaube wirklich, ich muss noch eine Nacht drüber schlafen. Aber morgen, morgen gibt es die Entscheidung. Und hoffentlich dann bald den nächsten Stammtisch, damit ich mein Versprechen auch halten kann. Danke an alle Kandidatinnen! Ihr wart großartig, ihr könnt Stolz auf euch sein, ihr wart die besten Kandidatinnen der Welt, Mwah! (Geräusch euphorischen Luftküsschens in die Runde.)

Samstag, 4. Februar 2012

Tag 29.

Gestern Abend bei netten Nachbarn. Wir verstehen uns gut, die Hunde lieben sich, und ich hab sogar auf ihrer Sommerparty zu später, später, viel zu später Stunde erzählt, dass wir eigentlich gerne Kinder hätten und auch schon mal auf gutem Weg waren, nur leider... leider. Aber das Thema IVF hatten wir bisher noch nicht, sowieso hab ich zwar kein Problem, davon zu erzählen, aber verschiebe das immer lieber auf die Zeit zwischen den Versuchen, bevor dann nach dem Stichtag blöde Fragen kommen... kennt ihr. Und ich brauchte eine hormonfreie Erklärung dafür, warum ich keinen Rotwein trinke, sondern Wasser.

Ich: "Nee, ich leider nicht, ich nehme ein Antibiotikum."
Gastgeber: "Ach? Was denn für eins? Das ist doch eigentlich mit Alkohol kein Problem."
Ich: "Aber mein Arzt hat gesagt, dass ich dazu keinen Alkohol trinken darf."
Gastgeber: "Das sagen die gerne mal einfach so, als Gesundheitsnerds."
Ich: "Aber meinem Arzt sehe ich an der fröhlich roten Nase an, dass der nichts gegen Rotwein hat." (Keine Lüge, ich bin sicher, er hätte Verständnis und würde einen mittrinken.)
Gastgeber: "Ich kenne einen Arzt, der hat mir mal erklärt, dass sie das deshalb sagen, weil die Leute im Suff vergessen, ihr Antibiotikum zu nehmen."
Ich: "Ächz..."
Gastgeber: "Jedenfalls, hier ist dein Glas. Prost!"

Und dann hab ich das Glas eben genommen, einen Teelöffel voll getrunken und es extrem unauffällig. Klar, was sonst? Das war wie ein Zauberkunststück, so unauffällig, Oliver Twist oder wie auch immer der heißt hätte das nicht besser hingekriegt - an L. weitergereicht.

Das sind wirklich, wirklich nette Nachbarn, das war ein netter Abend, und die ganze Rotwein-Episode war ja auch nach ein paar Minuten vorbei. Trotzdem frage ich mich manchmal, was machen eigentlich Alkoholiker? Angenommen, ich dürfte tatsächlich nie wieder Alkohol trinken - das wäre hart in mehr als einer Beziehung. Denn mit "Danke, für mich nicht" ist es wirklich selten getan. Wäre ich gezwungen, wirklich jedes Mal, immer, in jeder noch so harmlosen Situation, unter Kollegen oder zu jemandem, der einen meiner Exe kennt und zu dessen Geburtstagsparty ich mitgeschleppt wurde, zu meiner Tante oder meiner Oma oder Gottweißwem zu sagen "Nein danke, ich bin Alkoholiker"? Ich weiß, dass viele Leute zu Antibiotika Alkohol trinken (mir ist eher nicht danach, wenn ich krank bin), aber was soll ich denn machen - weder will ich, dass man mich für schwanger hält, noch will ich, dass man mich für einen Alkoholiker hält. Nichts gegen Schwangere und Alkoholiker! Nur... ach, es ist wirklich trist. Heute Abend läuft die Show dann wieder: bunter Abend mit vielen Mädchen, auf den ich mich seit Monaten freue, und ich werde Apfelschörlchen trinken. Oder vielleicht auch alkoholfreies Hefeweizen, das sieht wenigstens aus wie Alkohol. Und die guten Elektrolyte! Aber so gern ich mein Lieblingsthema auch richtig schön breittreten würde: geht nicht, denn mittendrin sitzt die zauberhafte Frau meines sehr netten Chefs, der in fürchterliche nervöse Zustände geraten würde, wenn er wüsste, dass sein Texterlein versucht, schwanger zu werden und es - wer weiß? - vielleicht sogar schon ist.

Liebe Abkürzungsdamen, ich möchte einen Preis ausschreiben: Wer hat die beste Idee für eine Erklärung, warum man heute keinen Alkohol trinkt? Die Belohnung: beim nächsten Hamburger Stammtisch zahle ich ihr Essen und Getränke. Ja, auch die mit Alkohol! Um den Wettbewerb etwas anzuheizen: "ich bin gefahren" gildet nicht, denn isch abe gar kein Auto, und "ich mach Diät" glaubt mir kein Mensch.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Merkt ihr was? Madame hat Oberwasser.

Heute morgen, als ich von meiner Rückübertragung kam, habe ich entsetzlich gefroren. Schuld war meine Eitelkeit: alle meine Jacken sind gerade irgendwie angeschlagen, haben Löcher, Flecken, fehlende Knöpfe und infolgedessen lustig abstehende Schulterklappen, Risse oder sind einfach rundum so fadenscheinig, dass ich mich schon geniere, wenn ich sie schon wieder zu dem netten verhuschten türkischen Schneider trage, der retten soll, was nicht mehr zu retten ist. Bis auf eine Jacke, die neue. Diese Jacke ist die perfekte Jacke für Temperaturen um 12 Grad, denn sie sitzt knackig und um so knackiger, wenn ich nur ein langärmliches Shirt darunter trage und keinen Norwegerpulli. Also bin ich in der neuen Jacke - Krümel soll schließlich nichts Schlechtes von seiner Mutter denken - mit einem langärmligen T-Shirt unterwegs gewesen. Und dann saß ich in der Ubahn und war gerade so weit wieder augetaut, dass ich meine Finger wieder schnell genug für mein iphone bewegen konnte, da hielt der Zug an, alle mussten raus, und der nächste sollte erst in sieben Minuten kommen. Das hat man nun davon, dass man nicht einfach so wie andere Leute Kinder kriegt, sich darum irgendwann einen Hund kauft, der einem alle Mängel der Innenstadt überdeutlich vor Augen führt, infolgedessen ein Haus mit Garten braucht und sich das nur in Gegenden leisten kann, von denen viele Hamburger kaum wissen, wo die liegen, geschweige denn, ob da überhaupt eine Ubahn hinfährt. Tut sie nicht, in diesem Fall. Sieben Minuten! Zwei davon stand ich vibrierend vor Kälte auf dem Bahnsteig und starrte ins Leere, während ich versuchte, mich irgendwo in meinem Inneren auf etwas Warmes zu konzentrieren. Dann ging ich ins Büdchen und kaufte mir einen großen Kaffee, damit das Warme in meinem Inneren ein bisschen Verstärkung bekommt. Außerdem bin ich eine große Anhängerin der Gentrifizierung: überall wird darüber geranzt und gemault, ich dagegen wäre glücklich, wenn ich in Laufweite meines Zuhauses einen Capuccino kriegen könnte oder einen Haarschnitt, der mich nicht in den Untergrund zwingt. Und junge Damen in Röhrenjeans und knackigen Jacken mit einem Kaffeebecher in der Hand sind für Gentrifizierung so in etwa das, was weiße Tauben für den Frieden sind. Kaffee also, yay! Kreisch! O Gott! Kaffee! Ist das hier nun ein Kinderwunschblog oder ein Blog, der sich die Zerstörung ungeborenen Lebens auf die Fahnen geschrieben hat? Und hier kommt sie, meine Mitteilung: ich werde die nächsten 13 Tage (und wenn es gut läuft, die 36 Wochen danach) nicht hysterisch werden, das habe ich mir fest vorgenommen. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen: wenn Kaffee, Alufolie, die Sorte Parmesan, die Miracoli beigelegt ist, Schwimmbäder, Sport, nicht zu heiße Sauna und flotte lange Spaziergänge Embryonen vernichten würden, dann glaube ich nicht, dass die Pillen- und Kondomindustrie auf irgend einen grünen Zweig kämen. Jaja, ich lasse das mit dem Alkohol, mit dem rohen Fisch und Fleisch, mit der luftgetrockneten Salami, dem Rohmilchkäse und dem Crack, aber das war es dann auch. Jetzt habe ich gerade erst die kleine Wurst in Bauch. Und schon führe ich mich auf wie die matronenhafte Mutter von acht Kindern. Wie lange dieser Zustand wohl anhält? Willkommen in der mit 13 Tagen längsten Achterbahnfahrt von Hamburg.

Samstag, 9. April 2011

Was hat sie, was ich nicht hab? Der große Klinikvergleich.

Gestern war ich noch mal in der Klinik, habe Blut dagelassen, damit überprüft werden kann, ob ich auch genügend Gelbkörperhormon im System habe, und hinterher war ich noch mal zur Akupunktur. Zum Abschied drückte der nette Chinamann mir herzlich die Hand, wünschte mir viel Glück und sagte, dass er jetzt erst mal nichts mehr für mich tun kann: "Wir haben an allen Rädchen gedreht, an denen wir drehen können." Und plötzlich ist klar, dass diese IVF im Grunde jetzt gelaufen ist.

Ich sitze im Bett, der Hund war schon ausgiebig spazieren, neben mir steht eine Tasse Kräutertee, und ich kann meine Augen auch ohne zwei dazwischengeklemmte Streichhölzer ausnahmsweise offen halten. Anlass genug, den großen Vergleich zwischen den beiden Kliniken zu ziehen: was hat die eine, was die andere nicht hat?

Ein dicker Unterschied besteht eigentlich weniger zwischen den Kliniken als zwischen den Ärzten. Arzt A war ziemlich jung, sehr freundlich, sehr korrekt, und wenn ich nicht am Akzent gehört hätte, dass er aus der Dortmunder Ecke kommt, hätte man ihn gut als Schweizer verkaufen können. In seinem Behandlungszimmer gab es ziemlich wenig Persönliches, was natürlich auch daran liegen kann, dass er gerade erst dort angefangen hatte. Bei allem, was er tat und ließ, erklärte er mir genau, wieso und wieso nicht (das ist glaube ich die neue Schule Ärzte, die lernen das jetzt alle, so dass man z.B. Anästhesisten hat, die die Einstichstelle desinfizieren und sagen "Jetzt wird es gleich ein bisschen kalt und feucht, jetzt wische ich, jetzt piekst es, jetzt leite ich eine Lösung ein, jetzt beginnen wir mit der Narkose, jetzt kribbelt gleich der Arm, jetzt haben sie gleich einen merkwürdigen Geschmack oder Geruch in der Nase, jetzt schlafen sie gleich ganz ruhig ein". Ächz.), und es gab immer für alles eine Erklärung, auch wenn ich damit nicht immer restlos zufrieden war. (Z.B. habe ich nie verstanden, wieso es mal hieß, diesen einen Versuch machen wir noch trotz Myom, denn operieren würden wir das ungern, weil zu schwer, und wenn es JETZT nicht klappt, dann wissen wir, dass wir operieren müssen - um dann nach dem gescheiterten Versuch einfach die nächste Runde einzuläuten, mit genau der gleichen Begründung.) Arzt A hätte ich jederzeit als Ingenieur bei einem NASA-Projekt besetzt, oder als kommenden Mann im Beratungsstab der Bundeskanzlerin.
Dagegen Ärztin B: Ärztin B ist vermutlich 50, fröhlich, ein bisschen chaotisch, klackert auf bunten Berkemännern durch die Praxis, und was sie sagt, klingt zwar nicht immer wie aus dem Lehrbuch, aber trotzdem unmittelbar überzeugend. Was sie sagt, hat meistens eher mit grundsätzlichen Dingen über meinen Bauch und meine Aussichten zu tun als damit, was genau in den nächsten Tagen passieren wird. Das kann gut daran liegen, dass sie ja weiß, dass ich das nicht zum ersten Mal erlebe. Ihr Behandlungszimmer ist voll mit Bildern, Fotos und anderen Dingen, die sie mag. Wenn ihr was nicht passt, knallt sie mir das um die Ohren - was ich aber mag, denn wenn man zu zuvorkommend und zart mit mir umgeht, fühle ich mich sofort wieder wie ein armes hilfloses Hormonschaf. Ärztin B wäre sofort durchgegangen als Fernsehköchin, die in einer Ente auf Fresstour durch Europa ist und mit italienischen Trüffelsuchern durch den Wald stapft, als Künstlerin oder als ehemalige Pipi-Langstrumpf-Darstellerin. Wenn Arzt A sagte, er wünscht mir viel Glück, war das höflich. Wenn Ärztin B das sagt, dann strahlt sie mich dabei so an, als würde sie sowieso fest davon ausgehen, dass es klappt. Ich fühle mich mehr zuhause bei Ärztin B als bei Arzt A. Vermutlich bin ich da ungerecht, denn das war eigentlich auf den ersten Blick so, und alles, was danach passiert ist, war fast egal.

Dann die Kliniken: Klinik A liegt um die Ecke der Glückscheeseburger. Klinik B bietet zwar keine Cheeseburger, aber Glückspasta und Glückspizza. Aber das ist längst nicht der einzige Unterschied! Klinik A ist riesig, sie zieht sich über mehrere Etagen, im Wartezimmer gibt es ungefähr 30 verschiedene Zeitschriften, und ich hatte da im Lauf der Monate mit bestimmt acht verschiedenen Sprechstundenhilfen zu tun. Klinik B passt locker in eine Etage, und es geht ein bisschen enger zu: unser gemeinsames Aufklärungsgespräch vor der Punktion hatten wir im Pornozimmer, weil gerade nichts anderes frei war, wo wir dann L. auch allein zurückgelassen haben. Das können andere finden, wie sie wollen, ich fand es nett und familiär.
In Klinik A nimmt man es in so ziemlich jeder Hinsicht sehr, sehr genau. Für die Zeit zwischen Transfer und Test hat Klinik A mir ein doppelseitig bedrucktes DIN A 4-Blatt mitgegeben, auf dem stand, was ich tun und lassen soll, und diese Liste wurde noch mündlich von einer Sprechstundenhilfe ergänzt. (Aus dem Gedächtnis weiß ich noch, dass ich täglich Eiweißpulver trinken, mich eigentlich nur schonen und im Zweifel alles lassen soll, das mir nicht ganz astrein erscheint. Was ich nicht soll, machte den Hauptteil der Seite aus: nicht rennen, auch nicht dem Bus hinterher, nicht Trampolin springen, nicht radfahren, keinen Rohmilchkäse, keine luftgetrocknete Salami oder Schinken, keinen Lachs, keine Mayonnaise, keinen rohen Fisch, kein rohes Fleisch, selbstverständlich keinen Alkohol, keine warmen Duschen, keine... ach, was weiß ich.) Als wir nach dem Transfer die Praxis verließen, erlaubte die Sprechstundenhilfe mir nicht, meine Stofftasche, in der sich sichtbar nicht mehr als ein paar Socken, meine Hausschuhe und das bisschen Klinik-Papierkram befanden, selbst zu tragen.
Klinik B dagegen übertrug mir meine Eier und wies mich an, es in den nächsten zwei Wochen ein bisschen langsam angehen zu lassen, viel Wasser zu trinken und Ruhe zu bewahren. Und der Chinamann, den ich am gleichen Tag zur Akupunktur traf, wunderte sich: "Hat sie ihnen gar nicht gesagt, sie sollen heute und morgen Abend ein Glas Rotwein trinken? Das macht sie immer, hat sie bestimmt vergessen! Dann sage ich ihnen das jetzt." Aha. Wieso das denn, Rotwein nach dem Transfer? "Dem Embryo schadet es jetzt mit Sicherheit noch nicht, der hängt erst in einigen Tagen am Kreislauf mit dran. Das ist also die letzte Chance für wer weiß wie lange. Und außerdem wärmt Rotwein die Gebärmutter, und das braucht sie jetzt - denn immerhin wurde mit kaltem Stahl in einem warmen Milieu hantiert, das mag sie nicht, und wir wollen doch, dass es ihr gut geht für die Eierchen?" Na gut, damit es meiner Gebärmutter gut geht, habe ich schon ganz andere Dinge getan als Rotwein trinken.

Auch bei den Medikamenten ließ es Klinik B lässig angehen. "So, hier sind Ihre Rezepte, hier der Plan, viel Spaß, wir sehen uns in einer Woche wieder." Während ich in Klinik A fast einen Spritzkurs bekam. Aber auch hier will ich Klinik B kein Unrecht tun, nachdem ich mich da als Vollprofi verkauft hatte; beim ersten Mal machen die das bestimmt auch anders. Und der Plan: Klinik A gab mir immer, bei jedem Schritt, längst nicht nur bei der Eisprungspritze, das deutliche Gefühl, wenn ich nicht alles GANZ GENAU SO mache, wie befohlen, dann kann ich die Sache im Grunde vergessen. Klinik B fand es dagegen nicht so schlimm, dass wir das Ganze jetzt um eine Woche nach vorne oder nach hinten verschieben - "alles kein Problem, machen Sie einfach, wie Sie meinen!"

Je länger ich drüber nachdenke, desto lieber ist mir Klinik B. Aber desto lieber ist es mir auch, dass ich meine ersten Versuche in Klinik A hatte, wo man mich bei jedem kleinen Trippelschritt an die Hand genommen und mir jede Entscheidung einfach abgenommen hat.

Gleichzeitig frage ich mich wieder mal, wie zwei Kliniken eine so einfache Sache wie die Warteschleife so unterschiedlich behandeln können. Auch in Klinik A haben das nicht alle Sprechstundenhilfen gleich gemacht. Die eine fing an, mir Dinge zu verbieten, und hörte gar nicht wieder auf. Eine andere schüttelte mir die Hand und sagte warm "herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt schwanger, verhalten Sie sich dementsprechend." Aber mal ehrlich: es muss doch, nachdem Frauen seit Zehntausenden von Jahren schwanger werden, inzwischen eindeutige, verbindlich belegte Erkenntnisse dazu geben, was in dieser Zeit wichtig ist und was nicht? Und wenn das so ist, wieso sind dann die einen der Meinung, sie müssten uns Thunfisch verbieten (wegen des Quecksilbers) und andere uns sagen, wir sollten uns bloß ein bisschen schonen?
Ich habe einen dumpfen Verdacht, woher das kommt: ich stelle mir vor, ich bin ein Medizinautor und schreibe ein Schwangerschaftsbuch. Ein Buch, das sich frisch schwangere Frauen kaufen, die an der Kasse ein bisschen rot werden und sich dann zuhause mit ihrem Babybuch aufs Sofa legen und alle paar Seiten rufen "Schahatz, wusstest du schon, dass...". Diesen Frauen will man natürlich gönnen, dass der Spaß länger dauert als nur zehn Minuten. Und genau das wäre der Fall, wenn in einem Babybuch stehen würde "herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger, schonen Sie sich in den nächsten neun Monaten, nur nichts überstürzen, toi toi toi für die Geburt."

Sonntag, 22. November 2009

Großmutter, warum kneifst du den Po so zusammen?

Was hab ich gesagt? Elf Uhr, und bisher muckst sich nichts. Und das, obwohl wir gestern ganz friedlich waren und der Pro-Kopf-Verbrauch an blubbernden Getränken bei ca. einer Flasche pro Kopf lag.

Und ich hab es wieder getan, obwohl ich doch nicht wollte. Nach den ernüchternden Erfahrungen mit Light Live-Sekt alkoholfrei, Light Live-Weißwein alkoholfrei und Light Live-Rotwein alkoholfrei habe ich gestern im Supermarkt zu Rotkäppchen alkoholfrei gegriffen. Denn wenn ein Getränk damit wirbt, dass man damit "dazugehört", dann hebt der Gutgefundenwerdejunkie in mir die Hand. Außerdem dachte ich: von der Firma Light Live hab ich noch nie gehört, aber Rotkäppchen müsste immerhin wissen, wie ein einigermaßen trinkbarer Sekt schmecken sollte. Und falls sie es im Dazugehör-Labor mal für ein paar Minuten vergessen, können sie sich ja nebenan im Dabeisei-Labor einen Pappbecher borgen und sich auf Schiene bringen.
So leid es mir tut - ich würde mir so wünschen, dass Rotkäppchen den vielleicht-schwangeren und schwangeren und stillenden Frauen der Welt einen genau wie echt schmeckenden Pseudosekt geschenkt hätte. Aber so ist es nicht. Rotkäppchen hat den Frauen der Welt ein Getränk geschenkt, das wie eine danebengegangene Weingummi-Schorle schmeckt und von dem man eine Stunde später pupsen muss wie von einem Topf Grünkohl. Das kann es doch auch nicht sein! Natürlich, wenn die anderen Damen bis dahin jede zwei Flaschen getrunken hätten und entsprechend in der Stimmung sind, sich über Pups-Scherze und Pups-Anzünde-Scherze zu freuen, dann klappt es mit dem Dazugehören. Aber sonst -

Andererseits kann ich auch nicht sagen, ich wäre ausgegrenzt oder sogar gedisst worden. Das ja nun auch nicht.

Fazit: ich kann euch ja wohl kaum davon abhalten, es mal auszuprobieren. Aber dann sucht nach dem letzten Glas das Weite und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Montag, 12. Oktober 2009

Eine kleine Warnung.

Ein bisschen Angst macht mir das bei näherer Überlegung schon auch, wenn Ihr jetzt Entschlackungstipps von mir wollt. Denn ich habe ja eigentlich keine Ahnung, was ich da tue. Weleda und Pflanzen und Tee, das klingt alles so harmlos, aber ob es das wirklich ist, weiß ich nicht. Ich habe mir sagen lassen, dass gerade die, die sowieso gerade naturheilkundliche Alternativen ausprobieren, damit oft ganz zarte kleine Prozesse in Gang setzen, und wer weiß, wie diese Prozesspflänzchen auf so ein Birkendings reagieren. Ich mache das so, und bisher habe ich keinen Schaden beobachtet - aber ob das wirklich gut für mich ist, weiß ich nicht, und noch viel weniger weiß ich, ob das gut für euch ist. (Sauerkrautsaft - vielleicht ja auch ein Teufelszeug?)

Also bitte: kommt mir nicht mit Klagen und Gequengel, wenn euch plötzlich grüne Punkte auf der Stirne wachsen oder sonst etwas schief geht.

Wollte ich nur gesagt haben.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

"Was will sie eigentlich?"

Gerade lese ich den letzten Eintrag noch mal und stelle selbst fest, dass das ein ziemliches Kuddelmuddel ist. Aber hier geht es zu wie beim Skat, was liegt, liegt. Deshalb noch mal die Erklärung dafür, wieso ich einerseits jeden Tag mit einem Esslöffel Birkendings beginne und beende und andererseits schimpfe, das wäre vielleicht alles unbewiesener Hokuspokus.

Es ärgert mich einfach manchmal maßlos, dass wir als Betroffene in dieser relativ hilflosen Position sind. Wir sind in einer Notlage, die uns seelisch ganz schön durch die Mangel dreht und mitnimmt. Und natürlich sind wir heiß auf alles mögliche, was uns helfen könnte, und haben ständig Angst, das falsche zu tun. Wir haben aber zum größten Teil nicht die Zeit, das Hintergrundwissen und die Möglichkeit, nachzuprüfen, ob das alles so stimmt, was man uns in bester Absicht rät. Egal, ob das nun Freunde, Zeitungsartikel, Ratgeberbücher oder irgendwelche Forenmitglieder tun. Wir wollen weder aufs falsche Pferd setzen noch das richtige Pferd entwischen lassen. Und dann kommt der Moment, in dem ich mir sage: Was solls, schaden wird es hoffentlich nicht. Und das ist ein Moment, in dem ich mich über mich selbst ärgere, denn der führt mir wieder vor Augen, wie hilflos ich bin. Und das ist ein Zustand, in dem ich sehr ungern bin.

Ich weiß auch nicht, warum ich mich nicht entspannen kann, einige Tipps annehmen und umsetzen und andere einfach lächelnd ignorieren und mich ansonsten voller Vertrauen in die Hände der alles entscheidenden Wahrscheinlichkeitstabelle geben. Aber ich arbeite darauf hin, versprochen.

(Vermutlich würde es hier aber weniger Kraut-und-Rübig zugehen, wenn mir blogger nur einen Eintrag täglich erlauben würde und ich nicht jeden Hirnpups sofort in den Äther schicken könnte. Und vermutlich würde es auch helfen, wenn ich nicht gerade sowieso den ganzen Tag lang unter Hochspannung stünde, weil der Dusselsdon nicht anruft und ich hier langsam den Lagerkoller bekomme.)

Beweise, wir brauchen Beweise

Es lässt mir ja doch keine Ruhe. Diese ganze wabernde Wolke, die das gesunde Leben ausmacht. Es tut mir leid, aber manchmal kommt in mir doch die Tochter eines Naturwissenschaftlers durch. Und die will Beweise, Studien mit einer dicken fetten Versuchspersonenzahl und eindeutigen Ergebnissen. Und da tut sich vieles schwer, was in dieser Wolke lebt. Ich habe auch das Gefühl, wenn es um das geht, was gesund ist, dann schreiben die Leute gerne voneinander ab und plappern nach, was sie aufgeschnappt haben. Neulich habe ich z.B. in einem der besseren Würmchenbücher gelesen: es ist ein Ammenmärchen, dass viele Paare, sobald sie sich von ihrem Kinderwunsch verabschiedet haben, plötzlich wider jede Hoffnung doch noch Kinder bekommen. Es gibt diese Fälle, ja, aber die haben auch einen derartigen Sensations- und Neuigkeitswert, dass sie über jedes Maß hinaus weitererzählt und verbreitet werden, bis es plötzlich so klingt, als würde das dauernd so passieren - ständig! Ich will gar nicht wissen, was solche Gerüchte mit Menschen machen, die sich entschlossen haben, es nun gut sein zu lassen, und die dann kein Kind mehr bekommen (vielleicht sogar in der leisen Hoffnung, auch ihnen würde so ein erwartetes unerwartetes Wunder passieren).

Oder Gemüse. Vor einer Weile las ich, dass es inzwischen zahlreiche Studien dazu gibt, wie Gemüse sich gegen das Gefressen-Werden schützt. Das tun ja viele Lebewesen in der freien Wildbahn gerne, manche rennen weg, andere beißen oder tarnen sich. Gemüse sieht da alt aus. Aber halt: es gibt eine Menge Gemüse, die roh angeblich toxische Substanzen enthalten. Und das sind nicht nur Brechbohnen, sondern auch andere Sorten, die gerne in gemischten Salaten landen und die man eigentlich nur selten essen sollte - oder nur gekocht. Ich habe das damals zum ersten Mal gehört und war erschrocken. Denn wenn das wahr ist, was ja immerhin sein kann, dann wird es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich auch diese Nachricht ausreichend verbreitet hat und nicht als Quatsch abgetan wird, denn wir alle wissen ja: rohes Gemüse ist gesund, je mehr davon, desto besser, und natürlich tut es auch der Fruchtbarkeit nur Gutes.

Fasten ist noch so eine Sache. Ich hab es selbst schon gemacht und mich hinterher toll gefühlt. Ich habe es auch schon gemacht und mich furchtbar gefühlt. Inzwischen habe ich gelesen, dass viele Ärzte sagen, sowas wie Schlacke gibt es gar nicht, Entschlacken ist also Quatsch.

Nun bin ich kein Arzt, und obwohl ich selten im Leben so viel Zeit hatte wie jetzt, habe ich diese Zeit doch schon wieder vollgeknallt mit tausend Erledigungen. Deshalb habe ich nicht genug Zeit, um mir all diese Studien mal anzusehen und zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Aber ich muss sagen: die Leichtigkeit, mit der viele Dinge in diesem diffusen Wissensfeld einfach mal so hingeschrieben und behauptet werden, die macht mir manchmal Angst. Die macht mir sogar im Moment mindestens genau so viel Angst wie Spritzen und Hormone. Ich finde, man sollte es genau wissen: egal, ob es um Tomaten, Loslassen, Yoga, Entschlackung oder Koffein geht.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin kein verbohrter Redneck, der einfach nicht einsehen will, dass er auf einiges verzichten muss, um ein Kind zu bekommen. Ich will es eben nur ein bisschen genauer wissen. (Und wenn jetzt jemand schreibt: so funktioniert nun mal Wissenschaft, der eine sagt dies, der andere das, finde dich damit ab - dann hat er vermutlich auch schon wieder Recht, Recht, Recht.)

Ich verstehe, dass es auch so etwas wie Intuition gibt, die keine Zahlen braucht. Ich verstehe, dass "sich besser fühlen" ein Wert an sich ist, egal, ob ich mich nun aus objektiv messbaren Gründen wohler fühle oder einfach nur so, weil ich denke, das Richtige zu tun. Und so kann es gut sein, dass die Weleda Birken-Entschlackungs-Kur am Ende doch noch was für mich tut, was sie auf dem Papier eigentlich gar nicht kann. Ich mache also weiter.
Aber es tut mir leid, wenn ich einigen von Euch mit dieser ewigen Leier langsam auf den Geist gehe, ich werde auch damit weitermachen, mich parallel in schönster Blog-Persönlichkeitsspaltung aufzuregen darüber, dass ich manchmal den Eindruck nicht loswerde, da tanzen gerade Gesundheit und Esoterik ein lustiges Tänzchen. (Mich aufzuregen, ist gerade meine bevorzugte Gemütshaltung. Ich bin kaum aufgestanden, ZACK, schon finde ich irgendwas, worüber ich mich aufregen kann. Und der Don hat immer noch nicht geschrieben, aber inzwischen weiß ich wenigstens aus sicherer Quelle, wieso, und es hat nichts mit mir zu tun.)

Seid nicht zu streng mit mir:
Auch Atheisten zünden ab und zu im Urlaub eine Kerze in der Kirche an.

Montag, 5. Oktober 2009

Der Feind: Möbel, Wein und Discojeans

Oh Mann. Bitte widersprecht mir, aber ich hatte bis jetzt das Gefühl, ich hätte nicht übertrieben viel gequengelt, wie WAHNsinnig ungerecht das alles ist, auch die "Wieso ich"-Frage und die "Wieso nicht die"-Frage haben hier bisher keine große Rolle gespielt. Aber wenn es eins gibt, das einen davon kurieren und voll in die matschige Pfütze des Selbstmitleids stoßen kann, dann ist es, über die Ratschläge in Fruchtbarkeitsbüchern zu lange nachzudenken.

Gesundes Wohnen. Alkohol vermeiden. Kein Fleisch. Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus. Was denn noch?

Ich weiß nicht, wie ihr darüber denkt, aber mir geht es einfach entschieden besser damit, wenn ich denke, dass ich ein medizinisches Problem habe, für das es eine medizinische Lösung gibt. Ich will nicht denken, dass die Überwindung meiner verklebten Eierstöcke, der Kampf gegen die Myome und die blöde Endometriose nun vor allem mein Job sind, denn wenn das so wäre, was wäre dann die Nummer mit den Spritzen? Angsttherapie? Ich kann natürlich einsehen, dass ein gesunder Lebenswandel erst mal irgendwie dufte und gut für alles mögliche ist (vor allem für die Selbstzufriedenheit - aber das steht auf einem anderen Blatt), und wer weiß, vielleicht hilft er ja auch hier. Ich kann auch gut einsehen, dass trotz allem immer noch unendlich viel Glück dazu gehört, damit es klappt. Glück, dem man, wer weiß, vielleicht ja auf die Sprünge helfen kann, indem man noch mehr auf sich achtet und wirklich alles, alles tut, was man kann.

Aber dann denke ich wieder: wie kann das sein? Nicht nur, dass andere Leute schwanger werden und Kinder bekommen, nein, sie werden auch niemals dazu genötigt, sich mit der Position und Beschaffenheit ihrer Möbel auseinanderzusetzen, sie sollen auch nichts loslassen oder annehmen, sie essen, was sie wollen, und sie trinken erst Recht, was sie wollen, sie gehen schlafen, wann sie wollen, und bei Yoga denken sie nicht an Kindlein, sondern an Madonna und die verlockende Möglichkeit, auch mit 50 noch einen heißen Po zu haben.

Ich geb mir ja Mühe. Aber heute Abend bin ich deprimiert. Sag mir doch mal eine von Euch, wieso mich das alles so nervt. Ich könnte doch auch das Gute darin sehen, die Verbesserung der Stelle hinterm Komma an der Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Oder sogar die Verbesserung der Stelle vor dem Komma. Positives Denken, was auch immer. Aber es nervt mich einfach nur und deprimiert mich. Sagt mir doch bitte mal, wieso, ja?

Und dann möchte ich noch, dass ihr alle kräftig die Daumen drückt für eine, die heute ihren Prilblümchen-Termin hatte. Ich weiß nicht, wie ihre Möbel stehen, aber ich hoffe, ihre Chancen stehen gut.

Montag, 10. August 2009

Mayonnaise-Challenge: Die Entscheidung

Der Preis für den besten (und einzigen, was denn los mit euch?) Mayonnaise-Tipp, der dazu auch noch sehr zielführend war, geht an Frau Hoppenstedt. Sie hat aus sicherer Quelle berichten können, dass industriell hergestellte Mayonnaise erlaubt ist. Mit Konservierungsstoffen drin darf man sie sogar noch Wochen nach dem Anbruch verwenden.
Herzlichen Dank für diesen Beitrag zur Verbesserung meiner Lebensqualität.

Natürlich hat sie sich damit die Dolly-Bände mehr als verdient.
Liebe Frau Hoppenstedt, falls sie wert auf den Preis legen, bitte im Kommentar eine Emailadresse hinterlassen - gerne auch mit Phantasienamen wie Mayospezi82 oder so. Ich maile dann, sie antworten mit Adresse, und schon zwei Tage später ist der Preis im Kasten.

(Ich weiß, umständliches Verfahren, aber leider fällt mir kein einfacheres ein...)

Freitag, 7. August 2009

Die große Mayonnaise-Challenge

Es gibt ja diese Legende von Alkoholikern, die unter Entzug in ihrer Not Nagellackentferner oder Brennspiritus trinken. Die armen Hasen, wie ich sie verstehen kann! Alkohol ist gerade nicht mein Problem, aber der Entzug von einigen meiner Lieblingslebensmittel ist hart. Gestern war ich in einem englischen Laden in der Nähe, um meine Vorräte an Malzessig (großartig über Fritten) und Twiglets (Wer sie nicht kennt, hat was verpasst: solche kleinen knorrigen Stäbchen, die auf eine nicht zu beschreibende Weise nach angebranntem Käse schmecken) aufzustocken, und was sehe ich? Eine Tube Hellman's leichte Mayonnaise mit pasteurisiertem Ei! Leicht war mir egal, Mayonnaise soll nicht leicht sein, aber pasteurisiertes Ei klang nach einer guten Nachricht, denn mein Mayonnaise-Entzug ist manchmal so schlimm, dass ich nachts schwitzend aufwache und denke, die Sehnsucht war so groß, dass ich aus Versehen Mayonnaise gegessen und es sofort wieder vergessen habe. So schlimm.

Was soll ich sagen, es war genau, wie jeder vernünftige Mensch es sich vorher gedacht hätte. Diese blasse Schmiere war ein Witz und verhält sich zu echter Mayonnaise so wie Nagellackentferner zu einem Glas eisgekühltem Rosé. Das chemischste Lebensmittel, das ich seit langer Zeit gegessen habe, und ich esse gerne z.B. diese bunten Schnüre oder Jelly Beans. Gerade weil ich Mayonnaise so liebe, ist dieser Ersatzkleister so fürchterlich.

Manchmal hilft es ja in solchen Fällen, wenn man aufhört, das Ersatzprodukt mit dem Original zu vergleichen, und es bekommt auf einmal eine ganz eigene Berechtigung. So funktioniert z.B. Karo Kaffee, der zwar mit Kaffee nichts zu tun hat, aber manchmal nicht schlecht ist. Oder dieser harte Parmesan, der in den Miracoli-Packungen schon dabei ist und überhaupt nichts mit Parmesan gemeinsam hat, aber trotzdem auf eine ganz eigene Art schmeckt.
Aber hier: nichts zu machen.
Es ist so traurig.

Futsch ist futsch, und es gibt bisher keinen Weg, das Mayonnaiseverbot zu umgehen, es sei denn, ich finde heraus, wie ich zuhause rohe Eier pasteurisieren kann. Oder hat jemand von einer guten ungefährlichen Mayo gehört?

Wer auch immer mir den zielführenden Tipp gibt zu einer pasteurisierten Mayonnaise, die ich nicht nur essen darf, sondern auch essen will, darf sich freuen: als Preis winken meine ersten sechs Bände Dolly! OK, aus vermutlich vierter Hand, aber gut in Schuss!

Donnerstag, 30. Juli 2009

Würmchen, es tut mir leid, aber deine Mutter hat einen Knall

In Harry & Sally gibt es eine Stelle, an der Sally denkt, sie wäre doch eigentlich unkompliziert, und Harry sagt, „Du denkst, du bist unkompliziert, aber du bist kompliziert. Das sind die Schlimmsten.“

Hier irrt sich Harry. Die Schlimmsten sind die, die kompliziert sind, das auch im Grunde genau wissen und trotzdem ums Verrecken für unkompliziert gehalten werden wollen. Es ist, als würde Sally sich einen Apfelkuchen bestellen, „einfach ein Stück Apfelkuchen, egal“, und wäre dann todtraurig, dass die Eiskugel obendrauf ist und nicht daneben.

Ich bin so eine. Ich bin die, die nie den Geschäftsführer sprechen will, sondern einfach nie wieder kommt, und zwar wegen einer Sache, die anderen völlig egal wäre, und die trotzdem beim nächsten Mal wieder so tut, als wäre sie der unkomplizierteste Gast im Lokal. Meine Spaghetti Vongole müssen immer ohne Tomaten sein, aber mit Wermut, mein Steak immer blutig, meine Fritten immer genau SO und NICHT ANDERS, mein Bier immer in einem Glas ohne Goldrand und mein Tee immer mit kochendem Wasser gemacht, und auf gar keinen Fall will ich eine Tasse mit heißem Wasser bekommen und einen Teebeutel daneben. Aber brauche ich deshalb zwei Minuten, um eine Tasse Tee zu bestellen? Nein, ich bestelle einfach Tee, denn ich bin ja die unkomplizierte Flora, und hinterher mag ich ihn nicht, und wenn es ganz blöd läuft, auch das Lokal nicht mehr.

Beispiel Nr.1: L.s Mutter kümmert sich mit ein paar Frauen aus dem Dorf darum, die Dorfkirche für die Hochzeit zu schmücken. Sie hat mich gefragt, was für Blumen ich mag, und ich sage voller Überzeugung: „Ich mag eigentlich alle Blumen!“ Zwei Wochen später erzählt sie, sie hätten sich überlegt, vor allem Sonnenblumen zu nehmen, denn die sehen so freundlich und sommerlich und ländlich aus. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Sonnenblumen sind so ziemlich die einzigen Blumen, die ich überhaupt nicht mag. (Denke ich jetzt. Bis jemand mit Usambaraveilchen, Gerbera, Calla, Chrysanthemen oder diesen roten Dingern mit dem Schilfrohr in der Mitte ankommt.) Aber wie sage ich das, ohne dass es falsch ankommt und ohne dass ich undankbar oder sogar (keuch!) zickig und kompliziert wirke? (Wer jetzt denkt „Was ist das denn für ein Quatschproblem“, hat vollkommen Recht.)

Beispiel Nr.2: Ich gehe zum Friseur, und als er mich fragt, wie ich es gerne hätte, sage ich, er sollte einfach mal machen, ich vertraue ihm. Das Ergebnis ist, dass er mich innerlich zum lässigsten Kunden des Tages krönt und ich mich hinterher in den Schlaf weine und die nächsten zwei Wochen damit verbringe, zu versuchen, durch pure Konzentration meine Haare dazu zu kriegen, doppelt so schnell zu wachsen.

Beispiel Nr.3: Ich arbeite mit Hochdruck daran, dass mich meine Freunde, meine Familie und L. für eine unkomplizierte, lockere Schwangere halten. Hey, ich bins, nur jetzt eben mit einem kleinen Würmchen im Bauch, seht ihr, ich bin so locker, ich nenne es noch nicht mal „Kind“ oder „Baby“, denn wer weiß, vielleicht geht ja noch alles schief, und wir wollen die Sache doch nicht zu hoch hängen? Und dann kommt L. nach Hause, hat sich Sushi aus Krebsfleisch (Krebsfleisch. Durchgekocht und damit vollkommen harmlos. Krebsfleisch steht auf der Liste der guten Lebensmittel, Krebsfleisch lebe hoch!) gekauft und will mir zauberhafterweise was abgeben, und ich kann nicht, weil ich Angst habe, dass es mit dem gleichen Messer und auf dem gleichen Brett geschnitten wurde wie das normale, gefährliche Sushi. Und obwohl ich es nicht anrühre, wache ich morgens schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe, ich hätte von dem Teller, auf dem das Sushi lag, etwas anderes gegessen, und ich kann mich kaum beruhigen. (Neulich habe ich geträumt, ich hätte geraucht. Ihr hättet dabei sein sollen.) Und nur zwei Minuten später verstehe ich die Welt nicht mehr, weil meine Mädchen Angst haben, mit mir in einem Ostseedorf außerhalb der Reichweite jedes noch so winzigen Krankenhauses das Wochenende zu verbringen. Vor ihrem inneren Auge spielen sich schreckliche Szenen ab, in denen ich mitten in der Nacht in einem Blutschwall erwache und wir nichts tun können, woraufhin der Geist meines verlorenen Kindes auf ewig um uns herumspukt. Das ist eine Angst, die einen ganz realen Hintergrund hat (ich blute immer noch und soll mich schonen), eine völlig vernünftige und erwachsene Sorge. Und ich denke für ein paar Minuten allen Ernstes: Wieso sind nicht alle so unkompliziert wie ich? Ey, Locker!