Gestern Abend bei netten Nachbarn. Wir verstehen uns gut, die Hunde lieben sich, und ich hab sogar auf ihrer Sommerparty zu später, später, viel zu später Stunde erzählt, dass wir eigentlich gerne Kinder hätten und auch schon mal auf gutem Weg waren, nur leider... leider. Aber das Thema IVF hatten wir bisher noch nicht, sowieso hab ich zwar kein Problem, davon zu erzählen, aber verschiebe das immer lieber auf die Zeit zwischen den Versuchen, bevor dann nach dem Stichtag blöde Fragen kommen... kennt ihr. Und ich brauchte eine hormonfreie Erklärung dafür, warum ich keinen Rotwein trinke, sondern Wasser.
Ich: "Nee, ich leider nicht, ich nehme ein Antibiotikum."
Gastgeber: "Ach? Was denn für eins? Das ist doch eigentlich mit Alkohol kein Problem."
Ich: "Aber mein Arzt hat gesagt, dass ich dazu keinen Alkohol trinken darf."
Gastgeber: "Das sagen die gerne mal einfach so, als Gesundheitsnerds."
Ich: "Aber meinem Arzt sehe ich an der fröhlich roten Nase an, dass der nichts gegen Rotwein hat." (Keine Lüge, ich bin sicher, er hätte Verständnis und würde einen mittrinken.)
Gastgeber: "Ich kenne einen Arzt, der hat mir mal erklärt, dass sie das deshalb sagen, weil die Leute im Suff vergessen, ihr Antibiotikum zu nehmen."
Ich: "Ächz..."
Gastgeber: "Jedenfalls, hier ist dein Glas. Prost!"
Und dann hab ich das Glas eben genommen, einen Teelöffel voll getrunken und es extrem unauffällig. Klar, was sonst? Das war wie ein Zauberkunststück, so unauffällig, Oliver Twist oder wie auch immer der heißt hätte das nicht besser hingekriegt - an L. weitergereicht.
Das sind wirklich, wirklich nette Nachbarn, das war ein netter Abend, und die ganze Rotwein-Episode war ja auch nach ein paar Minuten vorbei. Trotzdem frage ich mich manchmal, was machen eigentlich Alkoholiker? Angenommen, ich dürfte tatsächlich nie wieder Alkohol trinken - das wäre hart in mehr als einer Beziehung. Denn mit "Danke, für mich nicht" ist es wirklich selten getan. Wäre ich gezwungen, wirklich jedes Mal, immer, in jeder noch so harmlosen Situation, unter Kollegen oder zu jemandem, der einen meiner Exe kennt und zu dessen Geburtstagsparty ich mitgeschleppt wurde, zu meiner Tante oder meiner Oma oder Gottweißwem zu sagen "Nein danke, ich bin Alkoholiker"? Ich weiß, dass viele Leute zu Antibiotika Alkohol trinken (mir ist eher nicht danach, wenn ich krank bin), aber was soll ich denn machen - weder will ich, dass man mich für schwanger hält, noch will ich, dass man mich für einen Alkoholiker hält. Nichts gegen Schwangere und Alkoholiker! Nur... ach, es ist wirklich trist. Heute Abend läuft die Show dann wieder: bunter Abend mit vielen Mädchen, auf den ich mich seit Monaten freue, und ich werde Apfelschörlchen trinken. Oder vielleicht auch alkoholfreies Hefeweizen, das sieht wenigstens aus wie Alkohol. Und die guten Elektrolyte! Aber so gern ich mein Lieblingsthema auch richtig schön breittreten würde: geht nicht, denn mittendrin sitzt die zauberhafte Frau meines sehr netten Chefs, der in fürchterliche nervöse Zustände geraten würde, wenn er wüsste, dass sein Texterlein versucht, schwanger zu werden und es - wer weiß? - vielleicht sogar schon ist.
Liebe Abkürzungsdamen, ich möchte einen Preis ausschreiben: Wer hat die beste Idee für eine Erklärung, warum man heute keinen Alkohol trinkt? Die Belohnung: beim nächsten Hamburger Stammtisch zahle ich ihr Essen und Getränke. Ja, auch die mit Alkohol! Um den Wettbewerb etwas anzuheizen: "ich bin gefahren" gildet nicht, denn isch abe gar kein Auto, und "ich mach Diät" glaubt mir kein Mensch.