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Donnerstag, 6. März 2014

Tiiiiiief durchatmen.

Liebe Abkürzungsdamen, tausend Dank für's Daumen drücken, aber ich fürchte, wir müssen uns bis morgen gedulden. Zwar war ich heute beim Test, aber weil ich zusammen mit meiner bei uns zauberhafter- und aushilfsweise babysittenden Mutter das Haus verlassen habe, war ich zu spät dran für ein Ergebnis noch heute. Letztes Mal kam der Anruf auch erst (wenn ich mich richtig erinnere) nach 17:00, also reicht es bequem aus, wenn wir morgen nachmittag wieder anfangen, zu hyperventilieren. Sage ich mir jetzt jedenfalls gebetsmühlenartig.

Genau so gebetsmühlenartig wie dass es nichts zu bedeuten haben muss, dass ich noch nicht meine Tage habe. Die eigentlich Dienstag spätestens fällig gewesen wären.

Einatmen, ausatmen.
Die 24 Stunden Warteschleife packen wir jetzt auch noch, oder?


Montag, 3. März 2014

Einerseits, andererseits.

Einerseits ist mir immer mal wieder für zwei Minuten schlecht. Manche Lebensmittel schmecken mir gerade nicht so, wie sie sollten. Und morgens unter der Dusche greife ich gerade lieber zum Honigduschgel, das eigentlich für's Gesicht gedacht ist, als zu meinem sonst heißgeliebten Pfefferminzduschgel.
Andererseits rumort es seit gestern mittag dumpf in meinem Bauch, und was das zu bedeuten hat, weiß ich eigentlich schon ganz gut. Es wäre einfach nur Idiotenglück, wenn es jetzt beim ersten Schuss klappt. Es ist gegen jede Statistik. Und ich werde das Gefühl nicht los, es wäre ungerecht - jetzt sind erst mal andere dran. Auch wenn, das müsst ihr mir gar nicht erst erzählen, Kinderkriegen weiß Gott nichts mit dran sein zu tun hat, sonst könnten die meisten von Euch wohl längst aufhören mit der Spritzerei.

Ich werde mich wohl gedulden müssen bis Donnerstag, es sei denn, mein Knallbauch sendet mir vorher ein eindeutiges Signal.

Und ich hätte das nicht gedacht, obowhl ihr mich gewarnt hattet, aber ich bin inzwischen haargenau so aufgeregt wie früher.
Und dass ich die nächste und nähere Zukunft nur so vollgerümpelt habe mit lauter Dingen, die unschwanger irgendwie unkomplizierter sind, ändert überhaupt nichts daran.

Montag, 24. Februar 2014

In meiner alten Klinik hätten sie gesagt: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt schwanger.

Da war die Rückübertragung immer eine gewaltige Sache (von der Punktion wollen wir gar nicht erst reden). Davor gab es ein Aufklärungsgespräch mit einer Arzthelferin. Ich kann mich natürlich auch täuschen und meine Phantasie spielt mir sicher manchen Streich, aber ich glaube, ich erinnere mich daran, zur Rückübertragung (nicht zur Punktion!) Papier-Überschuhe und eine Papierduschhaube getragen zu haben, damit auch ja kein Haar von meinem Kopf schwuppdiwupp in meinen Bauch gelangt. Oder vielleicht ja auch nur, damit man da nicht ständig durchwischen muss durch den Behandlungsraum, wie auch immer. Es wirkte jedenfalls deutlich raketenstartmäßiger, pompöser und ehrfurchtgebietender. In der neuen Klinik ist alles familiärer, das komplette Personal erinnert sich gut an mich (gut, nach ein paar Eiern mehr treffen wir uns dann vielleicht auch mal privat zum Germany's Next Topmodel gucken oder machen mal Raclette, wär doch nett?), Papierschuhe werden genau so wenig gebraucht wie die rätselhaften weißen Socken, die ich in der alten Klinik immer extra anschaffen musste. Ich hatte einfach ein geringeltes Minikleid an, das während der Schwangerschaft den Weg in meinen T-Shirt-Stapel gefunden hatte und das den Po knapp bedeckt, dazu meine Glückssocken mit den Bommeln, und so bin ich kurz über den Flur gehuscht und bekam von einer netten jungen Ärztin, nicht meiner, zwei Zellhäufchen zurück. Wobei, Zellhäufchen: Zellberge. Zellklöpse! Drei Tage nach Punktion waren es Achtzehnzeller. Das war noch nie. Ich bin jetzt zu faul und zu kaputt von Utrogest und Estrifam, um den Blog systematisch nach der Zellzahl meiner bisherigen Würmchen zu durchforsten, aber ich bin mir wirklich sicher, achtzehn waren es noch nie, schon gar nicht nach drei Tagen.
In der alten Klinik durfte ich einmal nicht aus der Punktion und den Jutebeutel mit den weißen Punktionssocken tragen, der war zu schwer für mich und wurde mir von der Schwester untersagt. Dafür gratulierte mir nach der Rückübertragung eine andere Schwester von Herzen, jetzt wäre ich ja quasi schwanger und müsste deshalb ab sofort sowohl Bordsteine als auch Rohmilchkäse meiden. Hier hat das niemand gesagt, die gehen zu Recht davon aus, dass Kinderwunschpatientinnen sich schon in endlosen Google-Stunden damit auseinandergesetzt haben, was alles zu beachten wäre, wären sie dann irgendwann mal schwanger. Trotzdem fühle ich mich schon wieder schwanger. Ich weiß, da spielen mir vermutlich Utrogest und Estrifam einen Streich, heute habe ich mal ganz gegen meine Gewohnheit den Nebenwirkungszettel durchgelesen, und so ziemlich hinter jede Nebenwirkung könnte man schreiben "fühlt sich also mit anderen Worten an wie schwanger, ist aber Utrogest, nur, damit das hinterher kein langes Gesicht gibt, wollten wir das mal gesagt haben".

Am sechsten ist der Test.

Ja nun. Jetzt versuchen wir wenigstens äußerlich mal, zur Abwechslung völlig ruhig zu bleiben.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Woody, Sean und ich sind so weit.



Fast eine Stunde hing ich am Wehenschreiber. Langweilig war es entgegen dem äußeren Anschein trotzdem nicht: da waren Zacken, und zwar diese bestimmte Sorte Zacken. Die Ärztin sagte hinterher, vermutlich geht es heute noch los, heute Nacht. Wenn nicht, dann stehe ich morgen früh um acht vor dem Kreißsaal und fordere laut und energisch irgend ein Einleitungsdings.

Es fühlt sich an, als wäre das Huhn im Ofen und ich hätte gerade die erste Flasche Cremant geöffnet, die Eiswürfel wären auch schon in den Gläsern, und jetzt müssten nur noch endlich die trödeligen Gäste kommen. Eigentlich verlangt diese Stimmungslage danach, schon mal die hohen Hacken anzuziehen und eine zweite Schicht Wimperntusche aufzulegen. Aber ich denke wohl noch mal drüber nach.

Sechs.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich aufgeregt angesichts der Aussicht auf einen Zahnarztbesuch, einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einen mir unbekannten Stadtteil oder eines Friseurtermins. Nicht sehr, aber immerhin ein bisschen. Dass ich morgen vermutlich ein Kind bekommen werde, kommt in dem Teil meines Gehirns, der für Aufregung zuständig und sonst fast durchgängig sehr aktiv ist, aus rätselhaften Gründen nicht an. Gestern stand ich in einer Bäckerei, völlig unterzuckert, und wollte mir eine Tüte Franzbrötchen kaufen. Eins wollte ich sofort essen, eins war für L. gedacht, der Rest sollte in die Tiefkühle und steifgefroren mit ins Krankenhaus. Für die Geburt. MEINE Geburt bzw. Würmchens. Die Bäckereiverkäuferin fragte mich, wann es denn so weit wäre. Ich sagte, ich wäre fünf Tage drüber. Sie sagte, dafür würde ich aber einen extrem entspannten Eindruck machen. Ich sagte, vielleicht wäre ich ja einfach nur blauäugig, das wäre mein erstes. Wie äußert sich Geburtspanik bei anderen Frauen beim Kauf von Franzbrötchen? Stottern sie? Zittern sie? Lassen sie ihr Wechselgeld fallen? Knüllen sie die Tüte zu einem zimtigen Klumpen zusammen, sobald sie sie in den Händen halten? (Franzbrötchen, für alle Nicht-Hamburger, sind große Flatscher aus süßem Teig, durchzogen von einem klebrigen Gemisch aus Zimt, Zucker und Butter. Man isst sie ungefähr so wie eine Haribo-Lakritzschnecke, indem man sie in Streifen zieht. Manchmal gibt es auch welche mit Rosinen, Schokosplittern, Streuseln oder gebrannten Kürbiskernen, wenn Rosinen auch leider auszusterben scheinen, sie gelten zusehends als leicht eklige alte-Leute-Zutat. Franzbrötchen entschädigen mich dafür, dass es in Hamburg so gut wie unmöglich ist, ein Kümmelbrötchen oder ein wirklich gutes Laugenbrötchen zu bekommen.) Die Bäckereiverkäuferin hielt mir zum Abschied einen Teller mit frisch gebackenen Schweinsöhrchen hin und sagte, ich sollte mich bedienen, für das Baby. In diese Bäckerei gehe ich bestimmt bald wieder.

Aber was ist nun wirklich der Grund? Wie zuerst vermutet, Blauäugigkeit? Seit Monaten warte ich darauf, dass die Panik vor der Geburt einsetzt, und bisher tut sich nichts. Weiß ein pfiffiger Teil von mir, dass ich da sowieso durchmuss, Angst hin oder her, und dass ich mir das Gruseln darum genau so gut sparen kann? So viel angewandte Logik traue ich meinem Fusselhirn nicht zu. Baue ich zu sehr auf die PDA, mit der es vielleicht ja gar nichts wird? Ist das hier vielleicht die Bestätigung dafür, dass es manchmal ein Segen ist, nicht zu wissen, was auf einen zukommt? Sind wieder mal Hormone im Spiel? Die Straßen sind voller Frauen mit Kinderwagen, denen ich (bestimmt voreilig und ungerecht) nach einem Blick in ihre Gesichter überhaupt rein gar nichts zutraue. Und die haben das auch geschafft, das beruhigt mich enorm, abgesehen davon, dass es ja nichts zu beruhigen gibt. Bin ich also zu arrogant für Angst? Ist das ein gigantisches Bollwerk meines Bewusstseins gegen eine Angst, die in Wirklichkeit die ganze Zeit knapp unter der Oberfläche lauert und die mich vollkommen um den Verstand bringen würde, wenn ich auch nur den kleinsten Hauch davon schnuppern könnte? Oder habe ich einfach nur Recht und das wird überhaupt nicht schlimm?

(Irgendwo da draußen sitzt eine ganze Bande von euch, reibt sich die Hände und denkt "Wart's nur ab. Du wirst schon sehen." und lacht wie ein Rudel Disney-Hexen. Ich kann euch hören!)

Außerdem bin ich gestern in sfgirlbybays Blog auf einen Bericht der New York Times gestoßen: eine Diashow mit Bildern des Hauses, in dem Mike D. von den Beasty Boys in Brooklyn wohnt. Daraufhin dachte ich drei Dinge: erstens muss ich wieder mehr Beasty Boys hören. Wie wär's, vielleicht ja zur Geburt? Zweitens würde ich da sofort einziehen. Drittens möchte ich gerne beim nächsten New York-Besuch - wer weiß, vermutlich mit Würmchen? - die von Mike D. persönlich designte Tapete kaufen. Hier geht's zur Diashow.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Fünf.

Inzwischen bin ich ganz sicher, dass bis Freitag nichts passieren wird und dass wir dann einleiten werden. Wie lange es danach noch dauert, lasse ich mal auf mich zukommen, immerhin habe ich nicht einen, sondern zwei Geburtsbegleiter dabei, die sich 1a ablösen können: meine Freundin B. und L., die kriegen mich da zusammen schon durch. Und weil ich mir da so sicher bin, spricht für mich auch absolut nichts dagegen, mich heute am traditionellen Mädchentag noch mal in der Stadt zu verabreden. Der Klinikkoffer ist wie immer im Kofferraum, und welchen Ort auch immer wir uns suchen - er wird näher am Krankenhaus sein als unser Haus. Ich bin entspannt. Woher Würmchen diese Unpünktlichkeit hat, wüsste ich allerdings schon gern. Mir hat die spätestens mein erster Hamburger Job ausgetrieben, der war nämlich in einer Agentur mit Prinzipien, und zu diesen Prinzipien zählte, dass alles gefälligst pünktlich zu passieren hat. Ich fand das gut. Wer zu spät ins Meeting kam, stand vor verschlossener Tür und konnte zurück in sein Büro schleichen. Theoretisch zumindest. Praktisch hätte ich mir manchmal gewünscht, es wäre wirklich so gewesen, denn während immer mehr Poser und Macker und Idioten das Ruder an sich gerissen haben, war es auch plötzlich ok, fünfzehn Minuten zu spät zu kommen, einen deutlich sichtbaren Starbucks-Becher in der Hand. Auf dem Papier galt aber immer noch: wer zu spät kommt, zeigt damit nur, dass er die eigene Zeit als wichtiger einschätzt als die anderer Leute. Dass er lieber noch schnell seine Emails liest, den end-witzigen Youtube-Film zu Ende guckt, sich noch einen Kaffee holt oder auf dem Weg zur Ubahn noch ein leckeres Teilchen trotz Schlange beim Bäcker kaufen muss, während die anderen, die sich das alles verkniffen haben oder eben einfach zehn Minuten früher aufgestanden sind, nutzlos und blöde irgendwo sitzen und warten, ist doch piepegal! (Nein, ich gehe nicht davon aus, dass Würmchen bei Starbucks ist. Das habt ihr falsch verstanden. Aber obwohl die Meetingtür immer noch sperrangelweit offen steht, darf ich mich doch fragen, wo verdammt noch mal er bleibt.)

Inzwischen erreichen mich von Zuhause Neuigkeiten, die ... ich weiß auch nicht. Mein erster Freund K. war ein Junge aus dem Nachbardorf, mit dem ich seit der fünften Klasse zur Schule gegangen bin. Sieben Jahre lang waren wir zusammen, und in den letzten zwei Jahren, als es immer mehr kriselte, hat er manchmal davon gesprochen, wir sollten doch Kinder kriegen jetzt bitte. Ich war Anfang 20 und wusste überhaupt nicht, was das jetzt soll, hatte aber den leisen Verdacht, es hatte auch damit zu tun, dass er seit einer Weile vergeblich versuchte, einen Studienplatz für freie Kunst zu bekommen und ein Kind mit zwei Studenten als Eltern der perfekte Grund gewesen wäre, diesen anstrengenden und deprimierenden Kampf erst mal ruhen zu lassen und sich für die nächsten drei bis zwanzig Jahre im kleinen, warmen und staatlich unterstützten Nestchen einzumuckeln. Bestimmt hatte es auch etwas damit zu tun, dass er damals eben Kinder wollte und ich nicht oder damit, dass er mehr an uns hing als ich - jedenfalls kamen Kinder nicht in Frage. Dann war Schluss, und es begann für mich eine zwar extrem unterhaltsame, aber trotzdem katastrophale Zeit in meinem Liebesleben, die sich bis 2006 zog und aus der ich irgendwann mal was machen muss. Er dagegen bekam endlich seinen Studienplatz, und zwar in Wien, da lebt er noch heute. Kunst hat er zwar studiert, aber davon zu leben, ist schwer bis unmöglich. Mein letzter Stand war, dass er sich mit Mini-Jobs über Wasser hält und sich um seine Kunstprojekte nach Feierabend kümmert. Mein letzter Stand war auch, dass er ein Kind bekommen hat: einen sehr dreieckigen Jungen, über den er sich fürchterlich gefreut hat. Jetzt erzählt mir meine Mutter, dass er inzwischen drei Kinder hat. Und ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich immer noch in der Warteschleife von IVF Nr. 7 hängen würde, aber ... das macht so gar nichts von den Sachen mit mir, die man erwarten könnte. Es deprimiert mich nicht. Ich denke auch nicht, wieso er und nicht ich. Oder irgend etwas aus der "Hättste mal"-Schule. Die Nachricht aus dem gleichen Telefonat mit meiner Mutter, dass meine alte Biolehrerin gestorben ist, hat mich viel mehr aus der Bahn geworfen. Die war toll! Eine früher ganz fitte Tennismeisterin, die durch eine Hormonerkrankung plötzlich krankhaft dick wurde und das mit dem lustigsten und schlauesten Humor der Schule aufgefangen hat. (Nicht, dass die Humorstandards an meiner Schule besonders hoch gewesen wären... trotzdem. Eigentlich wurde sie zu einem großen, 150 Kilo wiegenden, rotgesichtigen, schnaufenden, schwitzenden Trotzdem. Und ich kann nicht fassen, dass sie tot sein soll.)
K.s erstes Kind kam übrigens mitten in die erste Kinderwunschzeit und hat mich auch schon nicht so getroffen, wie es laut Kinderwunschklischees zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht ist das alles auch schon zu lange her, um noch eine wichtige Rolle in meinem Gefühlshaushalt zu spielen. Oder es liegt daran, dass ich ihn von allen meinen Ex-Freunden am liebsten mag und es ihm wirklich gut gönnen kann. Oder ich bin doch mehr Luxusbienchen, als ich mir selbst zugestehe, und das Szenario, ohne Job in der Großstadt drei Kinder großzuziehen, scheint mir eher erschreckend. Oder es liegt eben doch alles an Würmchen und der neuen Gelassenheit, die er mit sich bringt. Oder...

Oha. L. rührt sich. Ich glaube, ich bin mal so nett und mache ihm einen Capuccino. Mittwoch, Donnerstag, Freitag - es könnte für lange Zeit der vorvorletzte sein.

Dienstag, 16. Juli 2013

Vier drüber.

Ich möchte nicht penetrant werden, aber auch heute muss ich es wieder sagen: jeder Schritt, den ich in dieser neuen Gynäkologischen Praxis mache, sagt mir, dass es genau richtig war, hier zu sein und nicht mehr bei meiner alten Ärztin. Es fing damit an, dass ich mich am Empfang anmeldete und die Sprechstundenhilfe sagte, da bräuchte ich ja wohl keinen Ultraschall, sondern müsste nur Pipi abgeben und ein CTG machen, das würden sie dann einem Arzt zeigen und damit gut. Nachdem irgendwann beides durch war, sollte ich noch mal im Wartezimmer Platz nehmen, und kaum hatte ich die ersten drei Seiten einer Zeitschrift durch, ging die Tür auf, die Vertretungsärztin meiner Ärztin kam rein und bat mich trotz des nach wie vor vollkommen ereignisfreien CTG zum Ultraschall und zur Untersuchung. Mein Blutdruck war ihr auch zu hoch. Und weil sie auf dem Ultraschall außerdem sah, dass Würmchen eine extrem volle Blase hatte, wollte sie mich in einer Stunde noch mal sehen. "Jetzt machen sie einen schönen Spaziergang, holen sich ein Eis und kommen dann wieder." Und genau so habe ich das gemacht, kam auch sofort dran, die Blase war jetzt leer und alles gut. Dank Superultraschall konnte sie außerdem auch direkt sagen, dass zwar das Bläschen voll, aber die Nieren trotzdem in fabelhafter Verfassung waren. Bei meiner alten Ärztin hätte ich a) keinen Ultraschall bekommen, und wenn doch, hätte sie bei der miesen Kartoffelsalatqualität b) nichts von der vollen Blase gesehen, und wenn doch, dann hätte ihr c) ihr Ultraschall keine Möglichkeit geboten, die Nierenfunktion zu überprüfen, woraufhin sie d) sowas gesagt hätte wie "die Blase ist aber reichlich voll. Komisch. Das könnte... aber nee, machen sie sich mal keine Gedanken, wird schon nichts sein." Donnerstag gehe ich noch mal hin, und wenn sich dann noch nichts von alleine tut, dann melden wir mich für Freitag zum Einleiten an. Liebe Damen, ich weiß, ihr meint es nur gut und habt in eurem Fall auch bestimmt mit allem Recht. Aber ich komme aus einer Familie, in der meine Mutter drei Kinder bis zur Fruchtwassertrübung und damit über den gesunden Punkt hinaus ohne die klitzekleinste Wehe mit sich herumschleppen musste. "Das Kind kommt, wenn es fertig ist" mag anderswo stimmen, bei uns wäre das fatal gewesen. Der hohe Blutdruck kommt auch noch dazu. Ich finde, Freitag ist ein guter Tag zum Kinderkriegen. Und diese Praxis ist ein guter Ort zum Schwangersein.

Montag, 15. Juli 2013

Drei drüber.

Alle drei Tage stemme ich meinen schweren Wanst vom Sofa hoch und mache das Haus besuchsfein. Ich fege die Fellmäuse von der Treppe, ich schicke den Saugroboter durch alle Zimmer ohne Teppich, ich mache Dusche und Waschbecken sauber, ich räume den ganzen Mist von den frisch bezogenen Betten für meine Familie, und dann atme ich durch, sehe mich um und kann mich für ca. einen halben Tag entspannen. Bis L. und die Hunde (und ich vermutlich auch) dafür sorgen, dass es wieder abwärts geht. L. beispielsweise stellt bevorzugt Dinge auf das Bett, in dem meine Eltern schlafen sollen. Wäschebottiche, Sporttaschen, aber auch mal einen seit fünf Jahren nicht mehr benutzten Plattenspieler. Das daraufhin dringend fällige Gespräch habe ich schon achtzig mal geführt, Danke für den Tipp, ohne Ergebnisse. Und ich weiß nicht, auf wen ich dann wütender bin: auf L., der meine mit so viel Schweiß und Schnaufen und Mühe hergestellte Ordnung immer wieder zerstört, oder auf Würmchen, das sich einfach weigert, jetzt endlich verdammt noch mal zu kommen, damit ich damit aufhören kann.

Ich fühle mich langsam aber sicher wie eine Simulantin. Ich treffe wildfremde Leute auf der Straße - die Kassiererin aus meinem Stammsupermarkt, Leute aus dem Viertel, deren Hund schon mal an Lilis Po geschnuppert hat, Handwerker, die vor Ewigkeiten mal bei uns waren - und alle fragen immer "Naaaa? Immer noch nicht?" und ich komme mir vor, als würde der Witz langsam alt und als müsste ich demnächst mal aufhören, immer mit diesem Kissen unterm Pulli rumzulaufen. Ist da jetzt ein Baby drin oder nicht?

Die Atemnot ist auch wieder da, und zwar in alter Hochform. Sitzen ist doof. Liegen aber auch. Stehen und Gehen sowieso. Gibt es eine Position, in der man sich jetzt noch wohl fühlt, dann habe ich sie noch nicht gefunden. Eine Badewanne, die jetzt ja helfen soll, haben wir nicht. Schlafen kann ich auch nicht. L. schnarcht außerdem seit ein paar Wochen, nur für den Fall, dass es mir ausnahmsweise mal doch gelingen sollte. Merkt ihr was? Diese Hormongemengelage ist nicht sehr L.-freundlich. Ich bin ohnehin meistens nicht sehr scharf auf menschliche Gesellschaft, jetzt gerade wird es extrem. Und L., der nun mal den ganzen lieben langen Tag da ist, kriegt es ab.

Inzwischen muss ich alle zwei Tage bei einem Arzt erscheinen, egal was. Gestern z.B. habe ich fünf Stunden in meiner Geburtsklinik verbracht nur für ein CTG, so ruhig und langweilig wie das Mittelmeer. Und auch da zeigte sich, dass meine armen Mitmenschen gerade eigentlich gar nichts tun müssen, um mich bis zur Weißglut zu reizen. Gestern waren da außer mir wieder mal nur Paare und Familien, die wollen sich dann unterhalten, denken aber, es wäre rücksichtsvoller, zu flüstern. Fünf Stunden Gespräche vs. fünf Stunden Flüstern - da fällt mir die Entscheidung leicht. Gespräche kann ich sofort ausblenden, aber dieses Gezischel, Geschmatze und Geraschel einer lauten Flüsterunterhaltung macht mich - na? Wahnsinnig. Dann sitze ich da und schäme mich, was ich für eine bin, und wünsche diesen flüsternden händchenhaltenden Harmoniebiestern gleichzeitig die Krätze an den Hals und schäme mich dafür noch mehr. Mit dem Ergebnis, das dann bei der Messung mein Blutdruck an der Oberkante war und ich noch mal eine Stunde liegen musste, bevor sie mich endlich, endlich haben gehen lassen. Und das nächstes Wochenende noch mal? Auf gar keinen Fall.

Ich will nicht mehr. Würmchen, es ist Montag. Ich finde, du könntest gefälligst mal an die Arbeit gehen. Und auch wenn die Ärztin, die meine Ärztin gerade vertritt, das mit den sieben Tagen nicht so eng sieht und sagt, zehn Tage drüber wären auch noch ok: nein, nicht für mich. Freitag ist Schluss. Hörst Du, Würmchen? Freitag.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Aua.

Ihr habt ja Recht, ich hab angerufen. Negativ. Ich mach jetzt erst mal die Quatschbude zu. Vielen Dank an alle, die mitgefiebert und Daumen gedrückt haben. Jetzt hab ich noch drei Stunden Arbeitstag zu überstehen, dann nach Hause zu L. auf die Couch. Und dann planen wir, wie wir mich am schnellsten wieder rauf aufs Pferd kriegen.

14:48

Unsereins macht sich ja nicht klar, wie kompliziert, heikel und langwierig so ein Test ist. Das Blut wird zunächst per Motorradkurier eine Stunde lang mit 300 Stundenkilometern immer rund um die Radrennbahn gefahren. Dann muss es den Verdauungstrakt eines Eichhörnchens durchwandern. Und hat es das überstanden, wird die Ampulle von Trappistenmönchen in einem tiefen Erdkeller alle zwei Minuten um 45 Grad gedreht. Und erst dann ist es bereit, seine Information auszuspucken.
Eine andere Erklärung hab ich jedenfalls nicht.

Kleiner Trost

Ein Glück war mir heute morgen um neun beim Test noch nicht klar, dass ich bis 14:44 immer noch nichts gehört haben würde. Ich wäre nicht arbeitsfähig gewesen, ohne Arbeit kein Geld, und ohne Geld keine weiteren Hormonsausen, und das wäre doch zu schade?

Wenn ich wenigstens noch rauchen würde.

Dann könnte ich jetzt eine magische Zigarette rauchen gehen. Die Zigarette, die man sich anzündet, damit endlich der Bus, das Essen oder das Date erscheint. Oder das dumme mistige nichtsnutzige Telefon endlich klingelt.

Nur so eine Idee.

Jede Kinderwunschklinik verfügt doch über ausgezeichnete, florierende Kontakte zu einem Anästhesisten. Könnte man nicht als Service anbieten, die Abkürzungsdamen in der Zeit zwischen Test und Testergebnis in eine extrem harmlose, dem Kindchen jedenfalls nicht schadende Vollnarkose zu legen? Ich wäre bereit, eine Menge Geld dafür zu zahlen. Macht den Kohl jetzt auch nicht mehr fett und schont in jedem Fall unterm Strich meine Gesundheit.

Harrrrrgh.

Es gibt jedenfalls hässlichere Telefone, die man anstarren kann

Kennt ihr das? Wenn man nicht weiß, ob man eigentlich sicher ist, dass es diesmal geklappt hat, aber sich nicht traut, es vor sich selbst laut zuzugeben, weil man denkt, das bringt Unglück, und deshalb ein paar Sicherheitszweifelchen pflegt? Oder ob man eigentlich ganz genau weiß, dass es nichts ist, und sich nur noch nicht aufgeben will, weshalb man dem guten alten „Wenn du denkst, es wird nichts, gerade dann klappt es“-Voodoo-Gedankenstrom nachhängt? Das kennt ihr, oder? Wenn das einer kennt, dann ihr.

Tag 33: Phantomblutungen.

Seit heute Morgen dachte ich schon ca. achtmal, JETZT ist es so weit. Ich bekomme meine Tage. Um den bösen Zauber abzuwehren, trage ich heute selbstverständlich meinen besten Schlüpper, ein Hauch von Nichts, den ich mir zur Hochzeit gekauft habe. (60° kann er trotzdem ab, aber das muss ich ja meinem Blitzbauch nicht verraten.) Und den Weg von der Klinik an meinen Arbeitsplatz habe ich mit in die Armbeuge gepresstem Fäustling verbracht, weil ich mir sicher war, dass (wie fast immer) das Blut eine Viertelstunde nach dem Pieks wieder angefangen hat, zu fließen.
Keine Ahnung, wann die anrufen. Wieso hab ich das eigentlich nicht gefragt, bin ich irre?

Dienstag, 7. Februar 2012

Tag 32 3/4

Bruchrechnen mit Flora! Diesen Post schreibe ich, während neben mir mein Abendrisotto blubbert. Der Rechner liegt auf dem Brett, auf dem ich gerade die Schalotten gehackt habe (die Küche ist winzig), und nun frage ich mich bang: wird mein feines weißes Macbook jetzt nach Zwiebeln stinken? Wir werden sehen.
Außerdem übe ich mich seit Mittag darin, immer dann, wenn ich am meisten den Wunsch verspüre, auf die Toilette zu gehen, nur um mal kurz zu gucken, es bleiben zu lassen. Es ist ungefähr so anstrengend wie Holz hacken, wenn auch zum Glück nicht ganz so gefährlich. Von Tests habe ich mich erfolgreich ferngehalten, jetzt haben die Apotheken zu, die Gefahr ist also gebannt, dass ich doch noch einknicke.
Liebe Abkürzungsdamen, ich muss mich entschuldigen, ich bin noch nicht dazu gekommen, die Vorschläge zum Thema "heute mal keinen Alkohol" zu sichten und zu jurieren. Aber das tue ich, sobald ich das Testergebnis verdaut habe, wie auch immer es ausfällt. Und dann planen wir den nächsten Stammtisch, ja? Es hat sich schon wieder eine neue Nase gemeldet, so dass es schwer wird, endlich den versprochenen Stammtisch bei mir zuhause zu machen, aber das kriegen wir bestimmt auch irgendwann demnächst hin, wenn auch das Wetter so ist, dass wir mit Lili durch den Garten toben können und die Raucherdamen mit ihren Flüppchen durch die Rosenbüsche flanieren.
Ansonsten wollte ich wirklich, wirklich gerne, es wäre schon morgen um die Zeit. (Heute habe ich auf der Suche nach verlässlichen Informationen zum Thema "Pipitest während IVF" auf der Kinderwunschseite etwas gefunden: schon acht Tage nach der Punktion kann man theoretisch im Bluttest HCG nachweisen. Ein Glück erfahre ich das erst heute. Ich wäre imstande gewesen und hätte meine normale Gyn angeschwindelt, um früher an einen Test zu kommen.) Vielleicht ist es Zeit für eine Nachricht an Krümel. Vielleicht lasse ich aber auch den Zauber einfach bis morgen schön bleiben.

Tag 32 1/3.

Contra:
Es rumort. Ungefähr so, als würde ich in neun Monaten eine Mischung aus Kugelfisch, Igel und Giraffe gebären. Oder wahlweise eben gar nichts.
Das hier bin ich: ist doch klar, dass es bei mir nicht klappt.
In dem Moment, in dem ich doch dran glaube, wird es vorbei sein.

Pro:
Wenn ich sonst meine Periode kriege, dann fängt das Rumoren irgendwann an und wird dann langsam, beharrlich und bösartig stärker. Jetzt fängt es an, dann hört es wieder auf, dann fängt es wieder an, dann hört es wieder auf. Und dann, ratet mal, fängt es wieder an!
Ich habe im Kopf längst eine Liste mit mindestens fünf Dingen gemacht, die ich tun werde, wenn es nicht klappt. Die meisten davon möchte ich wirklich gerne machen. Das sähe meinem Bauch ähnlich, mir wieder mal querzuschießen.
Wir haben immer gesagt, der vierte Versuch wird ein Treffer.

Einigen wir uns auf ein entschiedenes „Woher soll ich das wissen, Spacko? Sehe ich aus wie ein Bluttest?“

Tag 32

Erst Migräne ohne Ankündigung. Jetzt Ankündigung ohne Periode. Seit gestern Nachmittag rumort es in meinem Bauch, und normalerweise wäre ich sicher, dass ich meine Tage bekomme. Aber erstens will ich sie nicht bekommen (was noch nie irgendwen interessiert hat, zugegeben...), und zweitens bekomme ich sie nicht. Alle 30 Minuten haste ich aufs Klo, gestern Abend und heute Nacht zuhause und jetzt eben am Arbeitsplatz, und überprüfe die Farbgebung meiner Unterhose. Weiß!
Verdammte Axt. Wieso ist das so spannend? Und das, wo doch Stress und Aufregung laut Pop-Medizin so gar nicht gut sind jetzt!
Ich mach es wie immer: drücke die Knie zusammen und hoffe auf bessere Zeiten.

Montag, 6. Februar 2012

Tag 31

Lili und ich spazieren durch die glitzernde Winterlandschaft, ihre dicke schwarze Nase ist schon ganz weiß bepudert, der Schnee knirscht unter meinen Stiefeln, und erstaunlicherweise ist kein Mensch außer mir unterwegs. Die liegen vermutlich alle zuhause auf der Couch und verdauen ihren Sonntagsschweinebraten mit Knödeln und...
HUÄRGS!

Wie, du musst im Moment auf Alkohol, lustige Mädchensausen und Nächte auf dem Kiez verzichten? Kein Grund, nicht trotzdem in den Genuss eines 1A Katers zu kommen!

Über meine Migräne hatte ich bisher wenig Gutes zu berichten, aber eine nette Eigenschaft hatte sie: ungefähr eine Stunde, bevor es richtig rund geht, wusste ich, was auf mich zukommt. Es gab so gut wie nie falschen Alarm: wenn plötzlich die Farben um mich herum ein bisschen zu intensiv wurden und jeder Gegenstand eine dünne schwarze Kontur bekam wie im Comic, dann war klar, dass ich jetzt lieber zusehen sollte, nach Hause zu kommen und mich aus menschlicher Gesellschaft zu entfernen. Das gestern war neu. Eine Sekunde war die Welt noch in Ordnung, in der nächsten kauerte ich in einem Gebüsch und spuckte mir die Seele aus dem Leib. Und nein, liebe Abkürzungsdamen, das war kein Schwangerschaftsanzeichen, das war Migräne, denn dazu kamen auch noch wirklich üble, nervenzerfetzende Schmerzen, die mich in ein kleines, wimmerndes Häufchen Elend verwandelten, und das für den Rest des Tages und die halbe Nacht. Denn zwar wäre ich in meinem Zustand beim besten Willen nicht imstande gewesen, den Beipackzettel zu lesen, aber den brauche ich auch nicht, um zu wissen, dass Schmerzmittel und Vomex keine gute Idee sind, wenn man mit ein bisschen Glück vielleicht ja doch schwanger ist.

Die Agentur weiß Bescheid, ich hänge jetzt hier noch zwei Stunden rum und fahre dann erst in die Stadt, und ich hoffe, dass sich die Flaute der letzten Tage nicht plötzlich in einen Hurricane aus Arbeitsstress verwandelt hat und da ohne mich alles zusammenbricht. Auch heute Nachmittag wird nicht viel mit mir los sein.

A propos "los sein": bisher kein Fitzelchen von Tante-Rosa-Vorboten. Das ist selten: mein ganzer Körper tut weh und fühlt sich an, als würde er gleich aufgeben, nur in meinem Unterleib herrscht Ruhe.

Liebe Abkürzungsdamen, damit auf in den Daumendrück-Endspurt.

Samstag, 4. Februar 2012

Tag 29.

Gestern Abend bei netten Nachbarn. Wir verstehen uns gut, die Hunde lieben sich, und ich hab sogar auf ihrer Sommerparty zu später, später, viel zu später Stunde erzählt, dass wir eigentlich gerne Kinder hätten und auch schon mal auf gutem Weg waren, nur leider... leider. Aber das Thema IVF hatten wir bisher noch nicht, sowieso hab ich zwar kein Problem, davon zu erzählen, aber verschiebe das immer lieber auf die Zeit zwischen den Versuchen, bevor dann nach dem Stichtag blöde Fragen kommen... kennt ihr. Und ich brauchte eine hormonfreie Erklärung dafür, warum ich keinen Rotwein trinke, sondern Wasser.

Ich: "Nee, ich leider nicht, ich nehme ein Antibiotikum."
Gastgeber: "Ach? Was denn für eins? Das ist doch eigentlich mit Alkohol kein Problem."
Ich: "Aber mein Arzt hat gesagt, dass ich dazu keinen Alkohol trinken darf."
Gastgeber: "Das sagen die gerne mal einfach so, als Gesundheitsnerds."
Ich: "Aber meinem Arzt sehe ich an der fröhlich roten Nase an, dass der nichts gegen Rotwein hat." (Keine Lüge, ich bin sicher, er hätte Verständnis und würde einen mittrinken.)
Gastgeber: "Ich kenne einen Arzt, der hat mir mal erklärt, dass sie das deshalb sagen, weil die Leute im Suff vergessen, ihr Antibiotikum zu nehmen."
Ich: "Ächz..."
Gastgeber: "Jedenfalls, hier ist dein Glas. Prost!"

Und dann hab ich das Glas eben genommen, einen Teelöffel voll getrunken und es extrem unauffällig. Klar, was sonst? Das war wie ein Zauberkunststück, so unauffällig, Oliver Twist oder wie auch immer der heißt hätte das nicht besser hingekriegt - an L. weitergereicht.

Das sind wirklich, wirklich nette Nachbarn, das war ein netter Abend, und die ganze Rotwein-Episode war ja auch nach ein paar Minuten vorbei. Trotzdem frage ich mich manchmal, was machen eigentlich Alkoholiker? Angenommen, ich dürfte tatsächlich nie wieder Alkohol trinken - das wäre hart in mehr als einer Beziehung. Denn mit "Danke, für mich nicht" ist es wirklich selten getan. Wäre ich gezwungen, wirklich jedes Mal, immer, in jeder noch so harmlosen Situation, unter Kollegen oder zu jemandem, der einen meiner Exe kennt und zu dessen Geburtstagsparty ich mitgeschleppt wurde, zu meiner Tante oder meiner Oma oder Gottweißwem zu sagen "Nein danke, ich bin Alkoholiker"? Ich weiß, dass viele Leute zu Antibiotika Alkohol trinken (mir ist eher nicht danach, wenn ich krank bin), aber was soll ich denn machen - weder will ich, dass man mich für schwanger hält, noch will ich, dass man mich für einen Alkoholiker hält. Nichts gegen Schwangere und Alkoholiker! Nur... ach, es ist wirklich trist. Heute Abend läuft die Show dann wieder: bunter Abend mit vielen Mädchen, auf den ich mich seit Monaten freue, und ich werde Apfelschörlchen trinken. Oder vielleicht auch alkoholfreies Hefeweizen, das sieht wenigstens aus wie Alkohol. Und die guten Elektrolyte! Aber so gern ich mein Lieblingsthema auch richtig schön breittreten würde: geht nicht, denn mittendrin sitzt die zauberhafte Frau meines sehr netten Chefs, der in fürchterliche nervöse Zustände geraten würde, wenn er wüsste, dass sein Texterlein versucht, schwanger zu werden und es - wer weiß? - vielleicht sogar schon ist.

Liebe Abkürzungsdamen, ich möchte einen Preis ausschreiben: Wer hat die beste Idee für eine Erklärung, warum man heute keinen Alkohol trinkt? Die Belohnung: beim nächsten Hamburger Stammtisch zahle ich ihr Essen und Getränke. Ja, auch die mit Alkohol! Um den Wettbewerb etwas anzuheizen: "ich bin gefahren" gildet nicht, denn isch abe gar kein Auto, und "ich mach Diät" glaubt mir kein Mensch.