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Freitag, 15. August 2014

Nun doch.

Ich war eigentlich vollkommen überzeugt. "Diesmal nicht" habe ich allen erzählt. "Danke, kein Bedarf." Diesmal wollte ich es ohne Hebamme schaffen. Aber der entgeisterte Gesichtsausdruck meiner Frauenärztin hat an mir genagt. "Das hier wird anders", sagte sie. "Es wird nicht ganz leicht, das mit dem Gips hinzukriegen. Und man braucht vielleicht manchmal noch ein zweites Paar Augen, die beurteilen können, ob das nun noch normal wund ist oder schon behandlungsbedürftig wund." Trotzdem habe ich mich noch eine Weile lang gesträubt, denn meine letzte Hebamme hat keinen besonders tollen Eindruck hinterlassen - ganz davon abgesehen dass ich dachte, Kind Nr. 2 hat ja in Kind Nr. 1 schon einen 1a Elternkurs, wir können das jetzt.

Jetzt habe ich doch eine. Das heißt, ich habe sogar zwei, und weil eine davon noch mindestens eine Woche im Urlaub ist, kann ich mir noch ein paar Tage überlegen, ob ich sie wirklich beide hier antanzen lassen will zum Kennenlernen.

Hebamme 1: ist dem Foto und dem online-Lebenslauf nach zu urteilen mindestens Mitte 50, hat viel Erfahrung in Krankenhäusern, hat zusammen mit anderen Hebammen eine eigene Form der Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik entwickelt, von der es auch eine "Power"-Variante gibt, was manche vielleicht lächerlich finden, aber was mich erst mal stark für sie einnimmt. Sie arbeitet mit einer Hebammenpraxis zusammen, die nicht weit von hier liegt, dort bietet sie Kurse in dieser Gymnastik an, man kann dort aber auch Erste-Hilfe-Kurse für Babys etc. machen. Zum Thema Klumpfuß sagte sie "Ja, das ist doch kein Problem. Da machen Sie sich mal keine Gedanken." Ich find's gut, dass sie älter ist. Ich finde es auch gut, dass sie keine Anti-Krankenhaus-Hebamme ist. Und auf die Power-Rückbildung bin ich jetzt schon gespannt.

Hebamme 2: Ist ungefähr 40, arbeitet mit einer anderen Hebamme zusammen, in dieser Praxis gibt es auch Kurse, wenn auch keinen mit "Power" im Namen. Am Telefon hat sie mir erzählt, sie hätte in den letzten zwei Jahren fünf Babys mit Klumpfuß betreut, das kann sie also, ich würde aber mit diesem Problem vermutlich Schwierigkeiten haben, eine Hebamme zu finden. Zum Glück ist sie ja da. Ich fand sie am Telefon sehr sympathisch, aber nicht sehr angetan war ich davon, dass sie das drei mal betont hat: Klumpfuß nimmt sie gerne, andere dagegen... schwierig. Damit hat sie dem Ganzen (und sich selbst) unnötigerweise gleich wieder so eine Schwere mitgegeben, die hoffentlich gar nicht nötig ist. Sie ist die, die im Urlaub ist. Ich glaube fast, ich sage ihr ab.

Was sonst noch?

Huck hat sich das Norovirus eingefangen. Jedenfalls sagt das die Kindergärtnerin und sein Arzt. Von Wikipedias Beschreibung abweichend, ist er abgesehen von der Scheißerei aber quietschfidel. Das führte dazu, dass ich diese Woche nicht die ersehnten zwei freien Vormittage am Donnerstag und Freitag hatte, denn in der Kita durfte er nicht bleiben. Die zweite Woche erst, und jetzt das. Ich hoffe, es geht nicht so weiter. Ich hoffe auch, ich werde hier nicht demnächst Hassreden schwingen auf unverantwortliche Kita-Eltern, die ständig allen ihre Mistviren mitgeben, weil sie einfach keinen Bock (oder keine Chance wegen gnadenloser Chefs) haben, ihre kranken Kinder zu Hause zu behalten.

An Momo denke ich ständig, besonders jeden Tag zwei mal um halb zehn. Da hat sie immer ihre Epilepsie-Tablette bekommen. Nächste Woche gehe ich auf dem Heimweg mal bei ihrer alten Tierärztin vorbei und bringe ihr die restlichen Luminal und die Diazepam-Zäpfchen für Epilepsie-Notfälle; in unserem Stadtviertel gibt es mit Sicherheit einige bitterarme Leute mit epileptischem Hund, die sich darüber freuen. Der Vorrat reicht noch mindestens für drei Monate. Wieder mal glaube ich, an diesem L. ist mehr dran, als das menschliche Auge auf den ersten Blick sieht: Als ich die Tabletten irgendwann Ende Juni gekauft habe, wie immer gleich im Großgebinde für fast ein halbes Jahr, hat er in den Tagen danach ungefähr achtmal gesagt "Aber jetzt muss sie auch noch eine Weile leben, damit wir sie noch aufbrauchen können." Wieso? Keine Ahnung. Sie hat weder gekränkelt, noch war sie mit ihren neuneinhalb Jahren mit einer Pfote im Grab, und obwohl ich jedes Mal so eine Klinikmenge bestelle, hat er noch nie so etwas gesagt. Er bleibt mir ein Rätsel.

Außerdem möchte ich euch um etwas bitten. Wie sich an meinem Sieben-Monats-Bauch und dem kleinen Noro-Ndogo oben im Bettchen zeigt, scheint es ja zu wirken, wenn ihr Daumen drückt. Könntet ihr vielleicht noch mal? Es geht um Drillinge, die zu früh gekommen sind. Eine davon ist jetzt schon in Schwierigkeiten. Aber alle drei kämpfen, und ich will nicht, dass dieser Kampf umsonst ist. Also drückt, liebe Damen, drückt! Ich verspreche auch, ich drücke bei Gelegenheit zurück.

Samstag, 9. August 2014

Ich finde, Füße sind jetzt mal durch.

Liebe Abkürzungsdamen, es gibt bestimmt viele, die meine an Euphorie grenzende gute Laune gestern nach dem Ultraschall nicht nachvollziehen können. Denn der Klumpfuß bleibt ein Klumpfuß, das ist nicht falsch zu verstehen. Der rechte Fuß ist nicht nur nach Innen verdreht, sondern auch in sich nach vorne - würde man nichts unternehmen, dann müsste Ndogo irgendwann auf der querstehenden Außenkante seines rechten Fußes laufen. Und auch der linke scheint nun doch etwas schief zu stehen. Trotzdem bin ich leichten Schrittes und mit einem Lächeln aus der Praxis gewatschelt. Denn sonst scheint wirklich alles, alles in Ordnung zu sein: Hirn, Herz, Rücken, Blutversorgung und Wachstum sahen perfekt aus. Er wiegt jetzt ca. 1100 Gramm, genau richtig. An den Gedanken, mein Kind die ersten Monate seines Lebens in Gips und später zumindest nachts mit einer Schiene zu sehen, habe ich mich längst gewöhnt, mir machte mehr die Sorge Kummer, dahinter oder daneben könnten noch ganz andere, schlimmere Probleme stehen. Und ein zweiseitiges Problem ist auch nicht komplizierter zu therapieren als ein einseitiges - könnte sich sogar als Vorteil erweisen, denn nach einer Klumpfußtherapie ist der betroffene Fuß zwar voll einsatzbereit und hübsch, aber gerne ein-zwei Nummern kleiner als der andere. Ndogo müsste sich ein Leben lang immer zwei Paar Schuhe kaufen. Und ob er die Schiene nun wegen einem oder wegen zwei Füßchen tragen muss, läuft für ihn auf das Gleiche hinaus.

Momo, die alte Fluse, hat wirklich ein großes Loch in diesem Haushalt hinterlassen. Es gab in den letzten Tagen sogar Zeiten, da hatte ich fast das Gefühl, am Ende war sie mir lieber als Lili. So ist das wohl mit Muttis: die Kinder, die am meisten Kummer machen, sind ihnen am liebsten. Oder wie auch immer. Oder ganz anders. Ich komme immer noch nicht darüber weg, dass sie es nicht geschafft hat, nachdem sie so vieles andere geschafft hatte und doch schon fast über den Berg schien. Mit dem etwas unschönen Ausklang mit den Ex-Frauchen habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, Leute gehen eben unterschiedlich mit Trauer um. Ich bin mehr für mich traurig, und sie brauchen eben ihre kleine Klagemauer im eigenen Garten (oder wie auch immer sie das jetzt gemacht haben). Ein bisschen gefuchst hat mich letztes Wochenende, dass die Tränen in dem Moment abgestellt waren, in dem sie ihren Willen durchgesetzt hatten - aber das kann natürlich auch echte Erleichterung gewesen sein. Und nachdem L. noch ein-zwei Tage gehadert hatte, hat er nun auch einen Schlussstrich gezogen. (So weit man nach einer Woche einen Schlussstrich ziehen kann. Ich zum Beispiel gehe immer noch einen anderen Weg, wenn ich mit Lili unterwegs bin und am Horizont ein bekannter Hundebesitzer auftaucht. Ich will nicht davon erzählen müssen. Ich habe es auch noch nicht übers Herz gebracht, ihr altes Fell und das Körbchen wegzuräumen. Vielleicht übernimmt Lili sie ja. Und wenn ich die extra für die Kranke gekochte Hühnersuppe jetzt auftaue und an Lili verfüttere, muss ich rausgehen, wenn sie frisst. Aber ich fange langsam wieder damit an, Brot und Butter weniger als einen Meter weit von der Kante zu deponieren. Irgendwann stelle ich dann Kuchen vermutlich auch nicht mehr auf den Schrank.)

Seit Montag geht Huckleberry außerdem in die Kita. Er macht das ganz toll, und das sage ich nicht nur, weil ich natürlich so ziemlich alles dufte finde, was mein Goldjunge tut und lässt. Einer von uns war Montag bis Donnerstag immer in der Nähe, aber nötig wäre es nicht gewesen: er robbt seiner Wege, guckt sich neugierig und aufmerksam um und knüpft erste Kontakte zu anderen Kindern. Am Freitag haben sie mich weg geschickt, ich habe ihn um zehn gebracht, und statt wie geplant bis elf zu bleiben und dann mit ihm zusammen zu gehen, bin ich verschwunden, und er hat mit den anderen Kindern zu Mittag gegessen. Um zwölf habe ich ihn dann abgeholt. Er hat gestrahlt und mich umarmt, aber bis ich wieder aufgetaucht bin, war er ganz fröhlich und hat den Eintopf in jede Ritze seines Körpers geschmiert. Ab nächster Woche bringe ich ihn morgens auf dem Weg zur Arbeit hin, sein Frühstück in einer Box, und L. holt ihn dann um zwölf. Seine Karre darf zum Glück dort bleiben, das spart mir einiges an Rennerei am frühen Morgen. Ein neues Kapitel hat angefangen, und ich find's gut. L. findet's auch gut. Und Huckleberry scheinbar erst recht.

Donnerstag, 25. April 2013

Würmchen, bist du groß geworden.

Morgen beginnt die dreißigste Woche. Ok, wo finde ich jetzt einen Arzt, der mir schnell, sauber und zuverlässig ein Stück Gummi in die Bauchdecke einsetzt? Ich habe keine Ahnung, was da noch kommen soll. Nicht, dass der Bauch von außen schon so gewaltig aussieht. Aber ich fühle mich (spätestens seit dem Verzehr dieses böhmischen Todespuffers) egal ob hungrig oder vollgegessen immer so, als würde ich gleich platzen. Noch eine Minute, dann ist es so weit. Da geht nichts mehr. Wer hätte gedacht, dass acht Kilo Gewichtszunahme so viel sind? So unfassbar viel? Wenn es wirklich die empfohlenen 13 werden, kann ich am Ende ganz froh über dicke Hand- und Fußgelenke sein, denn jedes Gramm, das ich nicht auch noch unter meine Bauchdecke quetschen muss, ist eine echte Erleichterung. Außerdem habe ich spätestens jetzt den Entschluss gefasst, bei aller Liebe zum Essen niemals richtig dick zu werden. Ich habe schon immer sehr dicke Menschen bis fast zu Tränen bewundert, die sich trotz ihrer riesigen Bäuche zu Sport - und dann auch noch Ausdauersport - aufraffen. Ich gehe durch mein Fitnessstudio, sehe ein Frau von 130 Kilo auf dem Laufband und muss mich schnell abwenden, sonst muss ich weinen. Wie anstrengend das sein muss, wie frustrierend, bestimmt auch wie schmerzhaft, wie dämlich man sich dabei vorkommt und wie viel Mut und Tapferkeit und Todesverachtung dazugehört, es trotzdem zu tun, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Bzw. konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, denn seit Neuestem gehöre auch ich zu denen, die erbleichen bei der Nachricht, dass morgen der Fahrstuhl den ganzen Vormittag ausfällt und das bedeutet, dass ich in den sechsten Stock zu Fuß muss. Noch vor einem halben Jahr war ich stolz darauf, jedes Mal freiwillig die Treppe zu nehmen und die Strecke in unter einer Minute zu schaffen. Vorbei. Auch wenn ich in Wien überglücklich und dankbar dafür war, immer noch viele Stunden jeden Tages mit anstrengendem Großstadt-Gelatsche zubringen zu können, die Hundespaziergänge wuppe und sogar ab und zu meine Gymnastik mache, wird die Aussicht auf Aktivität immer weniger verlockend. Egal, wie nett die geplante Unternehmung ist, ich bin trotzdem sehr froh, wenn sie erst hinter mir liegt. Würde mir jetzt jemand sagen: 'Flora, wir haben uns alle nochmal beraten und nach ärztlicher Konsultation beschlossen, den Rest dieser Schwangerschaft bleibst Du bitte auf dem Sofa liegen. Babyzimmer, Reisen, Job, Hunde, Haushalt - überlass einfach alles uns, mach Dir keine Gedanken! Und welche Sorte Ben&Jerry's können wir Dir vom Supermarkt mitbringen?' dann wäre ich glatt dabei und würde vor Freude in die Hände klatschen. Der Steiß bröckelt, ich schnaufe wie eine Dampflok mit verstopften Ventilen, ich mag nicht mehr, weder können noch müssen. Und dem nächsten Kollegen, der mir irgendwelche Termine für August unterbreiten will, obwohl ich doch mit deutlich sichtbarem Riesenbauch zwölfmal täglich an seinem verglasten Büro vorbeiwatschele, wickele ich sanft mein Stillkissen um den Hals und erwürge ihn.
Habe ich neulich noch meine Ubahn-Mitfahrer so gelobt? Jetzt ist es so weit: eigentlich bin ich inzwischen deutlich sichtbar die, für die man einen der markierten Plätze frei macht. Das ist bisher noch null mal passiert. Jede zweite Fahrt verbringe ich im Stehen, während sich ziemlich gesund aussehende Männer sitzend mit ihrem Smartphone beschäftigen. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht, und die haben alle ein Holzbein. Vielleicht sollte ich auch energischer auf meinem Recht bestehen und bin selbst Schuld. Vielleicht sind das auch einfach rücksichtslose Arschlöcher, denen hoffentlich niemals jemand einen Platz anbietet, wenn sie mal alt und klapprig sind. Oder im achten Monat.

Was ist sonst noch?

Ich hab das dumpfe Gefühl, der Ton hier verschärft sich gerade etwas und wird sich noch weiter verschärfen. Die Frage ist nicht, ob das passiert. Auch bei mir, der bisher die Babywelt von Innen einigermaßen fremd war, ist inzwischen angekommen, dass da draußen einiges los ist, sobald man die bösen Themen (Stillen etc.) anschneidet. Bzw. dass Themen, über die man immer dachte, friedlich nachdenken, schreiben und sprechen zu können, auf einmal böse Themen sind. Die Frage ist nur, wie ich damit umgehe. Denn da das nicht alles Trolle sind, ist der Klassiker unter den Troll-Reaktionen - stoisches Ignorieren - wohl keine Option. Lösche ich in Zukunft die schlimmsten Ausrutscher? Oder hänge ich jede Woche eine Stunde meiner Zeit daran, das alles zu lesen und erst dann zu entscheiden, was ich veröffentliche und was verschwindet und den Gürtel aus Weltraumschrott um diesen Blog anwachsen lassen wird? Auch doof, denn manchmal vergehen drei-vier Tage, an denen ich nicht dazu komme, mich um den Blog zu kümmern (auch das wird sicher nicht besser in Zukunft), und es ist bestimmt frustrierend, einen sorgfältig formulierten Kommentar abzuschicken, und drei Tage später ist er immer noch nicht veröffentlicht. Will ich uns vielen, vielen netten Abkürzungs- und Ex-Abkürzungs- bzw. nicht eigentlich Abkürzungs-, sondern einfach nur zum Glück um den ganzen Abkürzungskram drumrumgekommen Damen so das Leben schwer machen, nur weil da ein paar doofe Ranzschnecken auftauchen, die niemand gerufen hat? Oder schreibe ich nur noch über Dinge, die garantiert niemanden aus dieser Fraktion auf den Plan rufen? Das wäre so sterbenslangweilig, da kann ich es auch lassen.

Mal sehen.

Montag, 22. April 2013

Mal abgesehen davon, dass es ziemlich nett geschrieben ist:

Ich will ganz ehrlich sein. Was mich als erstes für das Buch eingenommen hat, war der hübsch rot-weiß karierte Umschlag. ("Was ist die denn für eine, die Zukunft ihres einzigen!!! Kindes einem Buch anzuvertrauen, nur weil es so ein hübsches Muster hat?") Vielleicht, weil rot-weiß kariert mich immer an nette kleine Restaurants mit gutem Essen denken lässt? Dann das Wort "Nervensäge" im Titel. Denn ich muss zugeben: auch, wenn ich mir seit so vielen Jahren so sehnlichst ein Kind wünsche, finde ich trotzdem, dass nicht alle Kinder, die man so trifft, sofort den Neid oder die Sehnsüchte von uns Kinderlosen erwecken. Ja, so schrecklich das auch ist und so lieb es mir auch wäre, wenn es nicht so wäre - es gibt auch Kinder, die sich spätestens mit zwei-drei Jahren zu fast unerträglichen Nervensägen entwickeln, wobei ich (schon zu Zeiten, als nicht nur dieses Kind, sondern auch der Kinderwunsch noch in nebulöser Zukunft lagen) immer schon reflexartig dachte "bitte bitte, nicht so eins für mich. Lieber die andere Sorte." Und ich weigere mich, die Nervensägerei nur auf die Gene zu schieben, sondern hoffe und glaube fest daran, dass die Eltern und das, was sie tun, lassen und dem Kind vorleben, nicht ganz ohne Einfluss sind. (Denkt jetzt übrigens eine hier, die Definition einer Nervensäge wäre für mich ein Kind, das ab und zu mal quengelt, etwas auf den Boden wirft oder im Supermarkt Schokolade haben will? Ganz bestimmt nicht. Nervensägen sind für mich Kinder, die ihre Mütter im Sekundentakt vors Schienbein treten, weil die die Frechheit besitzen, zu telefonieren.) Außerdem brauchte ich sowieso was zu lesen, von meinem skandinavischen Krimi hatte ich nämlich nach ca. zweihundert Seiten die Nase voll. (Wird das eigentlich in Schweden schon in der Schule gelehrt, dass man mit Krimis viel Geld verdienen kann, die nur davon handeln, dass eine Frau nach der anderen möglichst widerlich ermordet wird?) Das Buch ist eigentlich mehr Erzählung als Ratgeber: die Autorin, Amerikanerin und verheiratet mit einem Briten, ist ihm zuliebe nach Paris gezogen und hat dort drei Kinder bekommen. Irgendwann hat sich der Vergleich aufgedrängt zwischen französischen Kindern und Müttern und ihrer eigenen Familie. Sie hat beobachtet, ihre Beobachtungen dann mit den Erkenntnissen namhafter Kinderärzte, Psychotherapeuten und Erziehungsforscher abgeglichen und aufgeschrieben. Und so viele Prinzipien liegen dem ganzen eigentlich nicht zugrunde, es ist auch alles nichts, worauf man nicht selbst vielleicht gekommen wäre - keine Raketenforschung. Einfach der Glaube daran (den ich ganz fest teile), dass Kinder mehr verstehen und können, als man denkt, und dass sie sich nur dann zu glücklichen Menschen entwickeln können, wenn sie sich zwar rundum geliebt und aufgehoben fühlen, aber trotzdem wissen, dass sie nicht allein auf der Welt sind, sondern umgeben von anderen Menschen, die auch Gefühle und Bedürfnisse haben - und wenn sie möglichst früh und spielerisch lernen, dass man auf die Erfüllung seiner Wünsche auch mal ein paar Sekunden oder Minuten warten kann. Das bringen manche französische Mütter ihren Kindern z.B. bei, indem sie am Wochenende mit ihnen zusammen einen Kuchen backen. Einen ganz einfachen, bei dem auch Dreijährige schon mitmanschen können. Es macht Spaß, sie sind stolz auf ihr Werk und freuen sich, dass man ihnen das zutraut, und sie erfahren am eigenen Leib, dass man erst etwas tun muss und dann eine Weile warten, damit es hinterher etwas Leckeres zu essen gibt. Klingt das völlig irre? Ich finde nicht. Ein anderes Prinzip ist, dass Kinder Gäste und Familie begrüßen sollen. Das macht noch keinen Benimmroboter aus ihnen - sie lernen so nur, die Existenz und Anwesenheit anderer zur Kenntnis zu nehmen und machen nebenbei die Erfahrung, sich in der Gegenwart von Erwachsenen sicher bewegen zu können, was wieder ein schöner Beitrag zu ihrem Selbstvertrauen ist. Auch ihre Beobachtung, dass Französinnen im Gegensatz zu z.B. Amerikanerinnen nicht überall mit einer Handtasche voller Kekse, Schokolade und Brezeln hingehen, so dass die Kinder ständig mit vollem Mund unterwegs sind und dann zu den Mahlzeiten nichts mehr essen, leuchtet mir ein. Wäre es nicht toll, wenn man es hinkriegen könnte, dass ein Kind sich auf Mahlzeiten freut und sich dann satt isst, wenn es soll? Wenn es ein normales Verhältnis zum Essen bekommt - nämlich Essen als Genuss betrachtet - statt als Mittel gegen Langeweile, Einsamkeit oder Nervosität? Wenn es sich nicht heimlich mit Naschi vollstopft, sondern sich freut auf den selbstgebackenen Schokokuchen am Nachmittag? Klar klingt das wie ein Traum, aber man wird doch wohl noch träumen dürfen. Noch etwas, was mich für das Buch eingenommen hat: die Autorin berichtet, dass Franzosen - so viel Wert sie auch auf klare Strukturen legen und darauf, dass Kinder bestimmte Dinge schon sehr früh lernen können - nicht der Ansicht sind, dass Kindergartenkinder Geige und Chinesisch lernen sollten. Die Zeit bis zur Grundschule ist zum Spielen da und nicht dazu, sich irgendeinen Phantasie-Vorsprung vor den anderen Kindern für die spätere Super-Karriere zu erarbeiten. Innerhalb der festen Regeln herrscht viel Freiheit.

Denkt nicht, ich wüsste nicht, dass schlaflose Nächte auf mich zukommen, totale Erschöpfung und drei Tage am Stück, in denen das 48-Stunden-Deo zeigen kann, was es drauf hat. Und denkt nicht, ich wüsste nicht, dass ich das Buch noch oft entnervt in die Ecke pfeffern werde. Dass ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen kann, Fusselhirn hin oder her, wie anstrengend, schrecklich und schön das alles wird. Dass wir uns in einem Jahr wieder sprechen und ich dann vermutlich auch nur noch dreckig lachen werde beim Gedanken an das, was ich mir in meiner Wiener Kaffeehausgemütsruhe so ausgemalt habe. Das hier ist Teil meines ganz privaten Geburtsvorbereitungskurses, außerdem Teil der Vorfreude auf das Kind. Ich habe da Spaß dran und glaube außerdem an die Fähigkeit meines Würmchens, mich jederzeit zu überraschen - auch positiv.

Samstag, 20. April 2013

Die harte Wahrheit ist: Hamburg ist NICHT die schönste Stadt der Welt.

Auch, wenn die wahnsinnig gutgelaunten Radiomoderatoren dieser Stadt das fünftausendmal täglich behaupten. Ich weiß auch nicht, ob Wien die schönste Stadt der Welt ist, aber schöner als Hamburg ist es allemal. Hamburg könnte aber davon profitieren, wenn man ein paar Wiener Einrichtungen einfach hierher verpflanzen würde. Wie die Rauchgenehmigung in vielen Cafés, Bars und Restaurants. Das von einer Schwangeren? Von einer, die am 20. Oktober abends auf einer Terrasse im Ruhrgebiet gemeinsam mit ihrem Cousinchen die vorerst letzte Zigarette geraucht hat und eigentlich ständig Leute bitten müsste, die Fenster zu öffnen oder ihren Rauch in die andere Richtung zu pusten? Genau das. Ich finde es zufällig nett, wenn man im Café rauchen darf. Es stört mich überhaupt nicht, ich rieche das gern. Wird der Qualm später dann zu dicht, bin ich sowieso seit Stunden auf dem Heimweg, dafür sorgt schon die Schwangerschaftsmüdigkeit. Überhaupt herrscht in Wien gar kein dichter Qualm. Erwachsene Menschen rauchen an so einem Abend vielleicht zwei, vielleicht auch fünf Zigaretten zu ihren Getränken. Man kann sie in vielen Lokalen auch einzeln bestellen, eine kostet 30 Cent. Wo man so kultiviert damit umgeht, muss man auch am nächsten Tag nicht die komplette Garderobe in die Reinigung geben. Diese Art des Bar-Rauchens würde Hamburg wirklich gut stehen. Genau wie das Schwarze Kameel. Kennt es jemand hier? Eines Tages, wenn L. und ich fertig sind mit spintisieren und zur Abwechslung mal tatendurstig genug sind, eröffnen wir hier so etwas wie das Schwarze Kameel. Jedenfalls den Schnittchenteil. In Wien ist es ein sehr altehrwürdiges Restaurant, das eine vorgelagerte Bar hat. In diese Bar kommt man herein und steht sofort vor einer Vitrine mit köstlichen, phantasievoll belegten kleinen Schnittchen, Tramezzini und Brötchen. Man sucht sich ein paar aus, nimmt sie mit zu einem der Plätze und bestellt sich etwas zu trinken dazu, beispielsweise einen Pfiff Bier, wobei ein Pfiff sich irgendwo zwischen 0,1 und 0,2 Litern bewegt (und alkoholfreies Bier gibt es natürlich auch, wenn auch nicht in so zierlichen Größen). Viel netter kann man seine Mittagspause nicht verbringen als mit diesen Schnittchen. Auch eine Straßenbahn wie die Bim hätte ich hier gerne, und wenn es nur den Vorteil hätte, dass man etwas aufmerksamer über die Straßen flanieren müsste, damit sie einem nicht die Füße abfährt. Auf dem Schaltkasten einer Bim zu sitzen, ist eine der nettesten Fortbewegungsarten, die man sich in der Innenstadt denken kann. Wer die wohl in Hamburg damals abgeschafft hat? Es wird zwar diskutiert, sie zurückzuholen, aber erstens sind schon wieder ein paar rammdösige Anwohner dagegen, und zweitens geht schon das ganze Geld für die unklug und schlampig vergebenen Kredite der HSH Nordbank drauf, leider.

Was haben wir in Wien sonst noch gemacht? Diesmal an wenigstens einem Abend sensationell schlecht gegessen. Ich war noch nie in Prag, aber einer der Gründe, dorthin zu fahren, wären für mich immer die Geschichten über die böhmische Küche gewesen. Bei unserem ersten Wien-Besuch kamen wir (leider nicht zur Essenszeit und nicht geistesgegenwärtig genug, um uns die Adresse zu merken) an einem böhmischen Lokal vorbei, das auf der draußen angeschlagenen Speisekarte alle Gerichte ausschließlich in der Originalsprache aufgeführt hatte. Das war wie Tim und Struppi, so schön! Es gab Gerichte mit Namen wie Splonzc oder Plexci-Glazs, dazu gebackene Czenkc. Diesmal hatte ich gelesen, dass es keinen Kilometer von unserem Hotel das "Böhmische Kuchl" gab, das es immerhin auf die Bestenliste des Stadtmagazins Falter geschafft hatte und im Internet von Gästen gefeiert wurde. Um noch Platz für den Nachtisch zu lassen, bestellten wir beide "nur was Kleines": die Spezialität des Hauses, böhmische Kartoffelpuffer, L. mit Pilzen, ich mit Speck. Das ist jetzt vier Tage her, und ich für meinen Teil weiß genau, mein Puffer ist immer noch irgendwo da drin und wird sich vermutlich erst mit der Plazenta lösen. Es war grauenvoll. Noch nie war ein Kartoffelpuffer auch nur annähernd so übel, und ich hatte viele: tiefgekühlte, frische, in der Mikrowelle aufgewärmte aus der Mensa, ich hatte sogar schon aus getrocknetem Instant-Teig mit Seewasser angerührte und auf einem Campingkocher ohne Fett gebackene Puffer. Auch die Beilagen waren im Netz sehr gelobt worden, und wieder mal dachte ich mir: die Leute sind einfach gerne Entdecker besonderer Geheimtipps. Sie möchten gerne erzählen, was für ein schönes Restaurant sie entdeckt haben, was für ein Kleinod, und sich dann für ihren Spürsinn feiern. Sie geben nicht gerne zu, dass sie Zeit und Geld in schlechtes Essen investiert haben und dass ihr Instinkt sie wieder mal fehlgeleitet hat. Jede Dönerbude hat besseren Krautsalat, und der grüne Salat schmeckte, als hätte jemand beim Anrichten, statt eine Salatsauce zuzubereiten, einfach bitterlich hineingeweint. So kam es, dass wir in einer Stadt, in der man an jeder Ecke großartig essen kann, eine der fünf schlimmsten Mahlzeiten unseres Lebens hatten, so schlimm, dass es eigentlich nicht mehr als Mahlzeit zählt, sondern als Abenteuer und damit auch schon wieder in Ordnung ist. Zwei Nächte habe ich überhaupt nicht geschlafen, und Würmchen war auch beleidigt. Im Theater waren wir auch, und das war sehr schön. Wer mal hinkommt und Lust hat, soll bitte ins Akademietheater gehen: das war inzwischen meine fünfte Aufführung dort, und alle waren großartig. Aus der öffentlichen Generalprobe in der Volksoper sind wir dagegen geflohen. Wenn man von mir erwartet, dass ich mitfiebere, ob die Ehe zwischen einem alten, dicken, krankhaft eifersüchtigen, übellaunigen und glatzköpfigen Schulrat und seinem jungen, hübschen Mündel in Ordnung kommt, dann wird man enttäuscht oder muss sich jedenfalls bei der Musik richtig Mühe geben.

Und dann habe ich mir in der Buchhandlung hinterm Stephansdom noch ein Buch gekauft, von dem ihr bestimmt noch mehr hören werdet: "Warum französische Kinder keine Nervensägen sind" von Pamela Druckerman. Stunden habe ich in Kaffeehäusern herumgesessen, eine Zitrone-Soda (noch so eine Wiener Nettigkeit, die es hier geben müsste: man bekommt überall Mineralwasser mit viel Zitrone) vor mir, den unbeachteten Apfelstrudel und die in sich zusammenfallende Sahne daneben und das Buch auf dem kugelrunden Bauch balancierend. Ich bin noch nicht ganz durch, aber bisher begeistert: es handelt davon, wie man ziemlich lässig dafür sorgt, dass Kinder selbstbewusst, fröhlich und entspannt aufwachsen, früh durchschlafen und sich nicht zu dauerquengeligen, schüchternen und launischen kleinen Biestern entwickeln, die unter dem Tisch Gäste ins Bein beißen, jedes Telefonat unmöglich machen und aus Prinzip nur Pizza und Cola zu sich nehmen. Beim Lesen hab ich mich immer wieder gefragt "Tatsache, kann das so einfach sein?" und beschlossen, dass das a) mein einziger Erziehungsratgeber im Haus bleiben wird und ich dieser Methode b) eine ernstgemeinte Chance geben werde.

Seit gestern bin ich offiziell im letzten Drittel dieser Schwangerschaft. Würmchen, du wirst Augen machen: Mama hat eine Menge vor mit Dir.

Montag, 15. April 2013

Einige neue Erkenntnisse, die diese Schwangerschaft mit sich bringt, in ungeordneter Reihenfolge und wegen Schwangerschaftsdemenz vermutlich teilweise doppelt gemoppelt.

1. Schwangerschaftsjeans müssen eine der besten Erfindungen aller Zeiten sein. Wie ist es möglich, aus einem Kleidungsstück, das normalerweise so wenig vergibt, etwas zu machen, das vom dritten bis zum neunten Monat perfekt sitzt? Warum sind Jeans nicht immer so? Meine Schwangerschaftsjeans (H&M, ca. 35 Euro) haben den zusätzlichen Vorteil, dass ich sie aus dem Trockner ziehen und direkt anziehen kann. Sie knüllen nicht, sie müssen nicht gebügelt werden, und sie leiden nicht an dieser Jeanskrankheit, dass sie nach der Wäsche erst mal für drei-vier Stunden zwei Nummern zu klein sind - Stunden, durch die man sonst einfach durch muss. Ich fürchte, wenn Würmchen auf der Welt ist, muss L. mir irgendwann die Jeans aus den verkrampften Fingern reißen und verbrennen, sonst trage ich nie wieder normale. Ich bin doch nicht bescheuert.

2. Dieses ganze entspannte-Schwangere-unentspannte-Schwangere-Syndrom ist nicht zu knacken, egal wie. Es kommt vor, dass ich über Dinge, die andere scheinbar tagelang beschäftigen, innerlich einfach souverän wegbügele. Es kann aber auch sein, dass mich etwas, was anderen kaum ein Schulterzucken abringen würde, nächtelang um den Schlaf bringt. (Habe ich die Wurmkurtablette angefasst? Ohne Handschuhe? Was habe ich danach gemacht? Habe ich geduscht, bevor oder nachdem ich mir einen Toast gemacht hatte? Ist der Salat in diesem ansonsten blitzblanken Restaurant tatsächlich gewaschen? Ist Würmchen tatsächlich aus unseren Zellen entstanden oder aus denen von diesem schrecklich unsympathischen, schlecht riechenden und herumrotzenden Paar, das neben uns im Wartezimmer saß? Verpasse ich vor lauter Sorgen meine Schwangerschaft? Bin ich hysterisch? Ist es unverantwortlich, die eigene Seelenruhe nicht in jeder Situation in der Prioriätenliste 287 Plätze unterhalb der hundertprozentigen Sicherheit von Würmchen unterzuordnen? usw. usf.) Der Kreislauf aus Hirnpups, Gegensteuern, neuer Hirnpups, am Ende vollkommene Verwirrung, welcher Hirnpups gewinnen soll, wird vermutlich auch nach der Geburt nicht aufhören.

3. Koffeinfreier Tee: ausgezeichnet. Alle anderen schwangerschaftsmodifizierten Lebensmittel vom alkoholfreien Sekt bis hin zur pasteurisierten Mayonnaise: buäch. Ich habe mich inzwischen damit arrangiert, sie einfach komplett von der Liste zu streichen. Die Sehnsucht danach wird nur schlimmer, wenn man ständig versucht, sich mit einem unzureichenden Ersatz zu trösten.

4. Vor ein paar Jahren hat eine Freundin von uns als erste aus der Damenrunde ein Kind bekommen, und das hat alles, wirklich alles verändert. Sie war weg. Das heißt, weg für uns: mit ihren Muttifreundinnen hat sie sich seitdem so viel getroffen wie nie, aber bei uns war sie nach einigen Versuchen (vor allem unsererseits), nette Restaurantabende mit Babysitterverfügbarkeiten abzustimmen, einfach raus. Sie ist dann auch weggezogen, und das war's, eine Weile haben wir uns noch manchmal gefragt "Was macht eigentlich Dingens?", aber davon abgesehen war es vorbei. Dieses Szenario macht mir schreckliche Angst. Ich weiß, ich bin anders als unsere Muttifreundin, egal ob schwanger oder unschwanger, aber meine Freundinnen sind eins der wichtigsten Dinge in meinem Leben, und ich will nicht irgendwann in einem halben Jahr mit ihnen "Was macht eigentlich A., gibt's was Neues von R., und habt ihr mal wieder was von H. gehört?"-Telefonate führen. Ich glaube aber auch inzwischen, dass sich das ohne Anstrengung kaum vermeiden lässt. Also werde ich mich anstrengen. Ich werde, auch wenn mir die Augen zufallen und ich so müde bin, dass ich mit zwei verschiedenen Schuhen das Haus verlasse, dranbleiben. Ich werde L. dazu vergattern, auch mal ein ganzes Wochenende lang das Würmchen zu hüten, damit ich mit zum Berlin-Wochenende kann. Ich werde, wenn mir mal die Flucht in die babyfreie Welt geglückt ist, nicht alle halbe Stunde zuhause anrufen und fragen, ob das Kind schon den Finger in die Steckdose gesteckt hat oder der Kinderwagen implodiert ist. Ich werde für dieses neue Leben nicht mein altes Leben verlieren, sondern die Zähne zusammen beißen und darum kämpfen.

5. Bisher kann der Bauch mehr ab, als ich dachte. Spaziergänge mit beiden Hunden mit Eichhörnchensichtung: kein Problem. Leichte Gartenarbeit wie kniend kleine Löcher buddeln und Kräuter darin versenken: warum nicht. Hausputz, Einkäufe (jedenfalls mit schlau auf zwei Taschen verteiltem Gewicht und orthopädisch korrekter Hebetechnik): nur zu. All das ist nicht halb so belastend wie ein Achtstunden-Arbeitstag auf einem gut gepolsterten Bürostuhl.

Sonntag, 14. April 2013

Noch 89.

Seit ein paar Tagen ist alles Tagesform. Welchen Umfang mein Bauch hat, ob er eher breit und bräsig vor mir hängt oder spitz und extrem eingegrenzt über den Bund meiner Schwangerschaftsjeans lugt. Ob ich den ganzen Tag nur schlafen will oder eigentlich keinen Grund sehe, warum ich nicht drei Stunden spazieren gehen und anschließend noch ein paar Stauden pflanzen sollte. Ob ich nachts schlafen kann oder mich nur acht Stunden hin und her wälze. Ob ich denke "Wie lange noch wie lange noch?" und das Gefühl habe, ich platze gleich, oder ob ich gar nicht fassen kann, dass das hier jetzt schon der Beginn der Schussfahrt auf die Geburt zu sein soll, hat doch gerade erst angefangen? Aber das ist er wohl, auch wenn heute einer der Tage ist, an denen ich mich nur ein bisschen schwanger fühle. Montag fliegen wir nach Wien, dazu brauche ich dann schon ein Attest von meiner Frauenärztin. Unsere letzte Flugreise vor dem großen Tag, und ich freu mich wie bescheuert darauf. Wenn wir wieder kommen, habe ich noch zwei kurze Arbeitswochen, und in der zweiten davon melden wir uns zur Geburt im Krankenhaus an. Dann fahren wir noch für ein paar Tage nach Berlin, und wenn wir dann wiederkommen, arbeite ich wieder nur eine Woche, bevor ich mit meiner Schwiegermutter und dem Bauch zu meinen Eltern fahre. Zurück in Hamburg sind es dann noch eine kurze und eine normale Arbeitswoche, und dann... dann beginnt der Mutterschutz und damit die Zeit, in der wir ernsthaft und nicht nur zum Spaß und im Kopf das Kinderzimmer einrichten, endlich eine Karre und einen Autositz kaufen und ich die lustigen Schnullerketten mit Raketen dran und die Schnuller, die es bei Budni gibt, nicht nur hingerissen angucke, sondern tatsächlich mitnehme. Und zwischendurch steht dann noch ein Geburtsvorbereitungskurs an, und eine Kliniktasche werde ich auch spätestens am 1. Juni packen. Würden wir nicht nach Wien fliegen und könnten Pakete annehmen, dann hätte ich gestern bei amazon zwei PVC-Laken bestellt, denn wenn es so weit ist, dann soll unser schniekes neues Wunderbett nicht kaum eingelegen mit Fruchtwasser durchtränkt werden. Es ist wirklich, wirklich nicht zu fassen, aber in ca. 89 Tagen wird aus dieser Abkürzungsdame nach allem, was man so hört, ein kleiner Junge rauskommen, auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie das funktionieren soll.

Inzwischen gibt es zum Glück gute Nachrichten von Momo. Ein MRT in der Tierklinik hat ergeben, dass sie keinen Gehirntumor, keine schwere Entzündung im Gehirn und auch sonst keine erkennbaren Schäden an den inneren Organen hat. Das ist erst mal sehr gut, auch wenn wir jetzt immer noch nicht schlauer sind, woher ihre Anfälle kommen. Aber mit den richtigen Medikamenten und ein-zwei Monaten Geduld werden wir sie hoffentlich los. Jetzt ist die kleine Fluse bei ihrem alten Frauchen und erholt sich von Vollnarkose und Schreck und drei Tagen im Käfig am Tropf. Ich kann es kaum erwarten, bis sie wieder bei uns ist, und Lili auch nicht.

Mittwoch, 10. April 2013

Hach, Hamburg.

Vor ein paar Jahren gab es von einer Hamburger Agentur mal eine preisgekrönte Werbekampagne für mehr Zivilcourage, die ging ungefähr so: In U-Bahn-Waggons, an Bahnsteigen oder an Rolltreppen standen großgedruckte Zeilen nach dem Muster "Am 6. Januar wurde hier eine Frau von 20 Menschen vergewaltigt. 19 davon haben dabei Zeitung gelesen." Ich fand die Kampagne sehr gut, und auch, wenn ich in der U-Bahn nicht ständig Angst vor Überfällen habe und mir abends vor allem aus Bequemlichkeit und nicht aus Vorsicht ein Taxi leiste, hätte ich sofort unterschrieben, dass in der U-Bahn im Zweifel von Mitfahrenden nicht viel mehr zu erwarten ist als Breitmachen um jeden Preis, blöde Fiepsmusik aus zu leichten Kopfhörern, Schmatzen, Rotzhochziehen und wahnsinnig laute Supi-Busy-Telefonate. Bis heute. Heute früh war ich auf dem Weg zum Zuckertest bei meiner Ärztin in der Innenstadt, eine Stunde früher als sonst und schon vor Fahrtantritt fürchterlich fertig. Eigentlich müsste ich inzwischen an schlechten Schlaf gewohnt sein, seit ein paar Nächten verbringe ich den Großteil der Nacht mit Herumwälzen, Ächzen und L. auf die Nerven fallen. Irgendwie drückt das Würmchen mir immer entweder auf die Lunge, auf den Magen oder auf die Blase oder alles zusammen. Jedenfalls war heute Nacht keine Ausnahme, dazu kam aber noch, dass Pflegehund Momo heute Nacht mehrere Anfälle hatte und wir vor Sorge und vor lauter Horchen auf das nächste panische Scharren von Krallen auf Holzboden kein Auge zugetan haben. Entsprechend wach und spritzig saß ich in der Bahn und las in meinem Krimi, als mir plötzlich ich weiß nicht wie wurde. Ich bekam keine Luft. Mir war schlecht. Und schwindelig. Und ich hatte von jetzt auf gleich dicke, kalte Schweißperlen auf der Stirn. Und das nächste, woran ich mich erinnere, war, dass ich vom Sitz gerutscht war und mehr lag als saß, nach Luft schnappte wie ein Goldfisch und dachte, das war es jetzt. Da kannte ich aber die Hamburger Ubahn-Mitfahrer nicht. Ich hatte von jetzt auf gleich acht Fremde Menschen jeden Alters um mich herum, die wie acht Mütter zu mir waren. Zwei öffneten die Fenster, eine machte mir Platz, zwei andere hieften mich zurück auf den Sitz und legten meine nach dem Hundespaziergang nicht besonders sauberen Stiefel hoch, eine fühlte ziemlich professionell meinen Puls, und die anderen erkundigten sich angelegentlich, ob ich an der nächsten Station kurz raus wollte (ging nicht, war eh schon spät dran), wo ich denn hinmüsste, ob das weit weg von der Ubahn-Station wäre, ob sie mich da hinbringen sollten, ob es denn ginge - wenn bei mir in solchen Situationen nicht automatisch jedes Gefühl einfach vorübergehend abgeschaltet wäre, dann hätte ich zu allem Überfluss auch noch vor Rührung heulen müssen. Die haben mich kaum gehen lassen, und dabei war der Spuk nach ein paar Minuten wirklich vorbei. Die meisten haben sich noch mit einem Klaps oder einem gedrückten Arm von mir verabschiedet, mir alles Gute gewünscht und mir noch irgend etwas Aufmunterndes mit auf den Weg gegeben. Danke, Muttis! Ihr wart toll. Und ich werde nie wieder an euch zweifeln.

Sonntag, 7. April 2013

Endlich auf der anderen Seite

Als ich noch mitten in meiner Abkürzungszeit war und es sich manchmal anfühlte, als wären all diese fremden Frauen im Supermarkt, in der Ubahn und auf den Straßen nur schwanger, um mich zu nerven, dachte ich: die haben keine Ahnung. Für die ist es so leicht, es passiert einfach und entwickelt sich und wächst und funktioniert ganz von alleine, und auch wenn sie sich vielleicht trotzdem manchmal innerlich auf die Schulter klopfen und denken, das läge an ihnen, ihrer Einstellung und ihrem Lebensstil, wissen sie trotzdem nicht, was für eine gewaltige Anstrengung das für uns ist. Was wir alles tun und bleiben lassen, was für Ängste wir überwinden, wie viel Zeit wir da reinstecken und wie viel Geld, wie viele Selbstzweifel das mit sich bringt und wie viel Zorn auf andere wegen der vielen dämlichen Bemerkungen und Verständnislosigkeiten. Und dass es trotzdem wieder und wieder nicht klappt und wir uns dann auch noch anhören müssen, wir "wollten das zu sehr". Ich weiß, dass ich Glück hatte und mich viele Dinge nicht so schlimm getroffen haben wie andere, dass ich wenig Nebenwirkungen hatte und gute Ärzte. Aber trotzdem gab es Tage und Wochen und sogar Monate, da fühlte sich das alles an, als würde ich versuchen, eine zwar kuschelweich gepolsterte, aber mit meterdickem Beton verstärkte Gummiwand zu durchbrechen, von deren Existenz die Leute noch nicht mal eine Ahnung haben, die auf der anderen Seite stehen und eine Gartenparty in der Junisonne feiern.
Jetzt habe ich selbst ein angeblich schon über 30 Zentimeter langes Baby im Bauch, das einfach so angefangen hat, zu wachsen und zu zappeln. Und manchmal ist da noch das Gefühl, ich müsste doch etwas tun, damit es bleibt und damit es ihm weiter gut geht. Es kann doch nicht sein, dass nach all den Sprays und Spritzen und Verhaltensmaßregeln plötzlich nichts weiter zu tun bleibt, als die Finger von Fluppen und Alkohol zu lassen und mich zu schonen? Und an solchen Tagen - heute ist so einer - fange ich den Tag statt mit Toast, Ei und Käse an mit einem Müesli, das dreimal so langsam zubereitet wie aufgegessen ist, ich dusche bei unbehaglichen 35 Grad, ich mache noch vor dem Frühstück meine Schwangerschaftsgymnastik und ich zupfe und massiere so lange meinen Bauch, bis auch das letzte Tröpfchen Öl aufgesaugt ist. Und trotzdem fühlt es sich immer noch so an, als wäre das nicht genug.

Samstag, 6. April 2013

Die Anzeichen häufen sich, dass ich nicht geeignet bin für die Wahl zum Muttertier des Jahres

Bis zur Geburt sind es noch ca. dreizehn Wochen, und natürlich mache ich mir Gedanken, ob Würmchen das alles gut übersteht, ob wir an gute Ärzte geraten, ob ich es schaffe, Würmchen die erforderlichen 40 Wochen im warmen Muckelbauch bei Laune zu halten und ob irgendeine der dreißig Geburtshorrorgeschichten, die ich bisher unaufgefordert zu hören bekommen habe, auch auf uns zutreffen wird. Aber mindestens genau so sehr beschäftigt mich gerade die Frage, welches im Moment noch verbotene Essen ich mir als Erstes ins Krankenhaus bringen lassen werde. Sashimi? (Lecker, aber sehr naheliegend, und mein Lieblingssushiladen ist ein bisschen weit vom Schuss für Besucher.) Ein Mettbrötchen mit Zwiebeln? (gibt's an jeder Ecke, könnte aber meine Zimmernachbarin gegen mich aufbringen, und Würmchen soll seine Mutter nicht mit Fleischfusseln zwischen den Zähnen kennenlernen.) Eine Rutsche Schwarzwälder Schinken mit dick gebuttertem Vollkornbrot? Oder Leberwurst? Oder beides? Und ein dickes Stück Stinkebrie dazu?

Wir haben immer noch keinen Kinderwagen, kein Babybett, kein zweites Babybett zum ans Elternbett anflanschen, keine Wickelkommode, keine Windeln, kaum Strampler, kein Babyspielzeug, keine Mützchen, keine Feuchttücher, keine Schnuller, keine Fläschchen, keine Spucktücher, keine Stillhütchen und keine Wärmelampe angeschafft, und das macht mich überhaupt nicht nervös.

Obwohl das eigentlich noch nicht entschieden ist bzw. ich dachte, ich hätte entschieden, dass unser jetziges Gäste- und Kleiderschrankzimmer das Kinderzimmer wird, spricht L. immer öfter davon, mein Arbeitszimmer "fürs Erste" zum Babyzimmer zu machen. Seine Argumente sind: im Gästezimmer ist mehr Fluglärm, und wir würden jedes Mal das Baby stören, wenn wir an den Kleiderschrank huschen. Meine Argumente sind: Babys ist angeblich Lärm egal, den Glücklichen, zumal in diesem Zimmer in den nächsten Wochen Schallschutzfenster eingebaut werden. Auch das Schrankzimmer müsste ja nur eine Lösung "für's Erste" sein, es ist dort sonnig und man kann direkt auf den Balkon, wo ich es mir mit Würmchen im Schaukelstuhl gemütlich machen könnte, aber vor allem und allem anderen: ich mag mein Arbeitszimmer. Da ist mein Schreibtisch, mein Rechner, meine Bücher, und wieso soll ich das jetzt hergeben, gerade in dem Moment, in dem ich in Aussicht habe, monatelang nur von Zuhause aus zu arbeiten? Was würde L. sagen, wenn sein Arbeitszimmer einfach so weggestaltet und ins himmelblaue Teddyparadies verwandelt würde? Ca. achtmal im Jahr schlafen Gäste in unserem Gästezimmer, die können doch auch auf dem Dachboden schlafen, oder wir kaufen noch eine Schlafcouch für mein Arbeitszimmer. Für mich ist also eigentlich alles klar, nur treibt mich auch die Frage um: hat eine Mutter so zu denken? Was bin ich denn für eine?

Ich bespreche mit der netten Hebamme das Thema Stillen - dass ich es gerne versuchen würde, dass ich aber noch nicht weiß, ob es auch klappt, nachdem es bei meiner Mutter auch nicht funktioniert hat, und sie fasst das ungefähr so auf, dass wir das irgendwie hinkriegen müssen, notfalls auch unter Flüchen und Tränen. Nein, müssen wir nicht: ich wollte nur sagen, ich versuche es, und wenn nicht, dann... "Heute gibt es da ja ganz andere Möglichkeiten, vielleicht wird es schwierig, aber da kämpfen wir uns dann durch" sagt sie. Ja, aber... gut. Bin ich die einzige, die denkt, es wäre schön wenn - und das meine ich ganz ehrlich so, ich würde gerne stillen und schreibe das jetzt nicht nur, um mir den Zorn eventuell mitlesender Stillfanatikerinnen vom Hals zu halten - aber wenn nicht, dann eben nicht? Meine Geschwister und ich sind alle mit der Flasche aufgewachsen, keiner von uns hat wüste Allergien und Unverträglichkeiten entwickelt, schnäkige Esser waren wir zwar alle, aber das sind viele Stillkinder auch.

So in etwa sieht es hier gerade aus. Die eltern.de-Jury kann also gerne ein paar Häuser weiter klingeln, hier werden sie ihre Preisträgerin nicht finden.


Dienstag, 2. April 2013

Wuäch.

Ohgottogott. Schreibe ich überhaupt darüber? Auch auf die Gefahr hin, dass mich irgendwelche wohlmeinenden Damen mit ihrem Listeriose-Geraune in den Wahnsinn treiben? Wie eigentlich immer lautet die Antwort ja.
Vorgestern Abend in der Heide zeichnete sich mehr und mehr ab, dass wir keine Lust auf das ranzige Osterfeuer mit Schlagerbeschallung im Nachbardorf hatten und noch weniger auf das Schnitzelbuffet im Dorfkrug. Stattdessen haben wir unseren epileptischen Hund in den Kofferraum gepackt, unsere dorffeinen Ausgehsachen vom Vorabend noch mal übergeworfen und sind schick essen gefahren. Routiniert habe ich L. den dusseligen Gruß aus der Küche rübergeschoben (der fast immer irgend etwas ist, was ich nicht essen darf) und mir ein Menü zusammengestellt, das 100% schwangerensicher ist. Aber genützt hat es nicht viel. Schon auf dem Heimweg hatte ich solche Magenschmerzen, dass ich meine Rückenlehne fast bis zum Anschlag zurückgestellt habe. Dann habe ich mich noch eine Stunde liegend auf dem Sofa gehalten, und nachts um eins war es vorbei: innerhalb von zwei Stunden habe ich viermal gespuckt, und mir war hundeelend. Würmchen hat versucht, mich mit Klopfzeichen und Tritten aufzubauen, während L. mir geholfen hat, beim googeln nur die guten Seiten zu lesen: die von Unikliniken, großen Frauenarztpraxen und notfalls noch Wikipedia. Während dieser zwei Stunden waren wir schon kurz davor, uns auf den Weg ins UKE zu machen, bis wir irgendwann zum vierten Mal gelesen hatten, dass das nun nicht das Ende für Würmchen bedeuten muss: Listeriose äußert sich anders, und die allerallerallermeisten Bakterien im Essen, die zu Erbrechen führen, kommen eh nicht an den Wurm ran, machen mir zwar Kummer, aber lassen ihn in Ruhe. Irgendwann gegen sechs bin ich noch mal eingeschlafen, gestern habe ich mich zuhause ins Bett gelegt mit Salzstangen und Kamillentee, und heute mache ich das Gleiche. Er tritt, er kitzelt mich, er haut auch mal zu, und ich hoffe, die Vitaminchen aus den femibion-Tabletten reichen erst mal für zwei Tage, denn in Salzstangen ist vermutlich nicht so viel davon. Und heute muss die Agentur ohne mich auskommen: bedenkt man, dass ich die Blutung damals rücksichtsvollerweise während meines geplanten Urlaubes hatte, ist das jetzt der vierte Tag, den ich wegen der Schwangerschaft fehle. Das müsste in Ordnung sein. Bedauerlich ist allerdings, dass L. seine Chance gesehen und genutzt hat und jetzt fast alle Ostersüßigkeiten allein aufgegessen hat.

Und dann habe ich mich gefragt, was eigentlich in die netten Landgasthäuser gefahren ist? Woher kommt das, dass es plötzlich überall so einen affigen Gruß aus der Küche gibt? Und komische bunte Glaskrümel auf dem Tisch? Die viereckigen Teller? Die dämlich geformten Gläser? Moderne Kunst an den Wänden? Und mit Quatschzutaten verkorkstes Essen? Es gibt ein Gasthaus im Schwarzwald, das ist 700 Jahre alt, und seit 34 Jahren gehe ich da gerne hin. Es war immer das reine Paradies: alles war unfassbar lecker, es gab das zarteste Reh und die buttrigsten Spätzle, die fluffigsten Pfannekuchen und den gemischtesten Salat, man saß unter den Ölportraits längst verstorbener Bürgermeister, in der Ecke hängt die Trachten-Hochzeitskrone der Familie, und die Standuhr tickt dazu. Jetzt gibt es Grüße aus der Küche, serviert auf dreieckigen, verspiegelten Tellern, am Wochenende spielt ein Alleinunterhalter auf der Orgel, und scheinbar zufällig zur gleichen Zeit werden die Schnitzel, Rehbraten und Müllerin-Forellen immer schlechter. Vermutlich denkt ihr euch zum wiederholten Mal, die hat sie nicht mehr alle, aber nachdem der erste Schreck erst mal wegrecherchiert war, machen mir die bunten Glaskiesel fast mehr Kummer als so eine Mini-Grippe.

Samstag, 30. März 2013

Um nicht zu sagen, vom Leben durchweg enttäuscht

Gestern schrieb eine mir bisher fremde Dame, ich wäre neurotisch und verbittert. Neurotisch kann ich selbst nicht beurteilen, aber verbittert? Gerade bin ich so fröhlich, wie man nur sein kann. Ich bin so fröhlich, dass ich sogar dem Schnee vor dem Fenster liebevolle Blicke zuwerfe. Ich sitze nämlich in der Heide auf dem Sofa mit der zweiten Tasse Tee des Tages und male mir schön bunt aus, wie herrlich das alles wird, wenn wir erst mit Würmchen herkommen. Um meiner Phantasie auf die Sprünge zu helfen, gibt es hier Stapel alter Fotoalben, in denen L. dabei zu sehen ist, wie er schwimmt, spielt, Kindergeburtstage feiert, Ostereier sucht oder skeptisch seine Weihnachtsgeschenke betrachtet. Unter einer dicken Schneehaube ruht im Moment noch das Schwimmbad, in dem Würmchen irgendwann mal unter Lilis strengen Blicken und meiner Anleitung Schwimmen lernen wird. Die bemoosten Kiefern neben der Auffahrt geben irgendwann mal die perfekte Kulisse für Würmchens Playmobil-Indianerspiele ab. Und von den Kühen, die am Fuß der Wiese über den Zaun lugen, wird er mal lernen, was Geduld und Sanftmut sind.

Guckt nur auch mal hin, Hunde! Da könnt ihr euch was abgucken. Meine Schwiegermutter hat der Hütte jetzt so lange keinen Besuch mehr abgestattet, dass das Wild hier das Ruder übernommen hat. Überall im Schnee ziehen sich kreuz und quer die Spuren von Rehen, Dachsen, Wildschweinen und Hasen, und wenn ich den Hundegang durch den Wald nicht auf dem Bauch zurücklegen will, dann muss ich brüllen und die beiden Zugmaschinchen tüchtig in den Nacken kneifen. Ihr altes Frauchen war sehr skeptisch wegen Momos neuem Epilepsie-Medikament, aber wenn sie das sehen würde, wäre sie beruhigt: keine Spur von Tran oder Müdigkeit.

Was war noch? Ich bin inzwischen bei Rezept Nr.14 und denke langsam, ich sollte einfach reumütig zu Nigella zurückkehren. Das Geheimnis zwischen uns ist nicht nur, dass ich ihre Kochbücher von allen am liebsten lese, sondern ich kann auch blind darauf vertrauen, dass ihr schmeckt, was mir schmeckt. Rezept Nr. 14 war ein Schokoladenkuchen aus dem New York Times-Kochbuch. Das ist das mit Abstand dickste und vollste Kochbuch in meiner Sammlung, und darum fällt es mir vielleicht manchmal etwas schwer, es anzugehen. Aber wednesday chef Luisa hat so geschwärmt von Evelyn Sharpe's French Chocolate Cake! Dazu besteht er auch noch aus gerade mal sieben Zutaten (Eier, Butter, bittere Schokolade, Zucker, eine Prise Salz, ein Esslöffel Mehl und Schlagsahne als Garnitur), und Luisa hatte nicht nur selbst gesagt, sondern auch noch mehrere Zeuginnen angeführt, die alle einhellig der Meinung waren, dies wäre der leckerste Schokoladenkuchen ihres Lebens. Und das Rezept hatte eins dieser Zaubertrick-Elemente, die mich immer dazu kriegen, es auszuprobieren: Nach 15 Minuten backen sollte man den Ofen ausmachen, einen Löffelstiel in die Ofentür klemmen und den Kuchen so zu Ende garen lassen. So etwas liebe ich. Wir waren bei Nachbarinnen eingeladen, ich hatte noch Heidelbeeren und Himbeeren zum Garnieren, alle anderen Zutaten auch, und tadaaa:



fertig war der ca. siebenundzwanzigbeste Schokoladenkuchen meines Lebens. Ziemlich trocken, ziemlich bitter und ziemlich... da kann man auch mal verbittert sein, oder? Ach Nigella, und dabei sind in deinen Kochbüchern noch mindestens zwölf Schokokuchenrezepte versteckt, die ich noch nicht angerührt habe! Wird Nr.15 eins davon?

Dienstag, 26. März 2013

Und für euch bleiben wieder mal nichts als Updates.

Ich zähle die Tage, die ich noch arbeiten muss bis zum Mutterschutz, bin allerdings zu abergläubisch, die Zahl hier zu nennen. Nur so viel: es ist eine kleine Zahl, vorausgesetzt, ich bekomme keine zusätzlichen Jobanfragen. Die ich, so schizophren das klingt, annehmen würde. Müsste. Denn in den Wochen bis zum Mutterschutz haben wir noch eine Menge vor, und einiges davon an Tagen, an denen ich normalerweise arbeiten würde. Als ich mich auf mein jetziges Job-Arrangement eingelassen habe (drei Tage die Woche fest-frei, dafür zu einem sehr, sehr, fast beschämend sehr geringen Tagessatz, aber dafür mit der Sicherheit und Bequemlichkeit, die es mit sich bringt, wenn man weiß, woher das nächste Geld kommt) dachte ich: damit bleiben vier freie Tage pro Woche, perfekt für magische kleine Kurzurlaube. Wir könnten Mittwoch direkt nach meinem eigentlich immer pünktlichen Feierabend in einen Zug oder ein Flugzeug springen, wären zum Abendessen in Kopenhagen/Wien/Paris/sonstwo, kämen am Sonntag zurück, und ich hätte keinen meiner (unbezahlten) Urlaubstage verbraucht! Die Realität sieht so aus, dass L. am Wochenende fast immer mindestens eine Verpflichtung im Zusammenhang mit seinem komischen Nerd-Sport hat und dass so gut wie jeder Urlaub dann doch einen Montag, Dienstag oder Mittwoch oder gleich alle drei umfasst. Was bedeutet, dass jeder noch so raffiniert gebuchte Urlaub mich schon vor Antritt eine ziemlich dicke Summe pro Tag kostet, das Geld nämlich, das ich an diesem Tag nicht verdiene. Und ist das zu fassen, auch diesmal ist das wieder so! Wir fahren an einem Mo/Di/Mi nach Berlin zum Theatertreffen und an einem Mo/Di/Mi nach Wien. Und das Geld muss ich irgendwie wieder reinholen. Weswegen ich mich bei so gut wie jeder Anfrage in den nächsten Wochen zwingen werde, mit Roboterstimme zu sagen "ABER-GERNE-DAS-KLINGT-MEGA-INTERESSANT-DA-BIN-ICH-DABEI-SUPI-DASS-IHR-AN-MICH-GEDACHT-HABT" und keine weitere Diskussion.
Jedenfalls: das wäre alles gar kein Thema für einen Kinderwunschblog, aber ich muss zugeben, dass inzwischen (108 Tage bis zur Geburt laut App) vor allem mein Hintern einen kompletten Arbeitstag nur noch schwer verkraftet. Die unteren Regionen Richtung Steiß quietschen und knacken und wollen einfach nicht mehr, anfangs wollten sie nicht mehr auf Meetingstühlen, jetzt auf überhaupt keinen Stühlen mehr. Stehe ich dann doch mal auf, dann ächze ich wie ein altes Weib. Und ich stehe und ächze viel, soll man ja. Am Abend von so einem Tag bin ich jedenfalls völlig im Eimer und kriege keinen vernünftigen, durchkonzipierten Post mehr zustande. Alles, was noch geht, sind kurze Updates.

1. Momo.
Momo hatte inzwischen, wenn ich richtig mitgezählt habe, acht epileptische Anfälle. Sie hatte Anfälle mit Blutverdünner und ohne, lange und kurze, nächtliche und welche am hellen Tag, Anfälle in Reihe und Anfälle für sich. Sie hat außerdem inzwischen sieben Tierarztbesuche deshalb hinter sich, ihr Blut ist gründlich untersucht, und seit heute Abend bekommt sie zweimal täglich eine halbe Luminal-Tablette. Das ist das Zeug, aus dem die Hollywood-Selbstmord-Stories sind, und ich darf sie wegen Würmchen nur mit Gummihandschuhen anfassen. Wir hoffen und beten inständig, dass die Nebenwirkungen sich in Grenzen halten und schnell wieder verziehen, dass sie nicht zum Hundezombie wird und dass sie keine weiteren Anfälle mehr hat. Sie hat wirklich genug mitgemacht in den letzten Wochen, die arme Fussel.

2. Würmchen.
Würmchen zappelt, heute und gestern auch ohne Ermunterung von außen, und ich hoffe, morgen beim Ultraschall gibt es keinerlei blöde Überraschung, die dieses Schönwettersegeln stören würde. Wir zwei sind jetzt drin. Ich muss nicht mehr über Nahrungsmittel nachdenken, ich schlafe auf links, ich ziehe den Reißverschluss meiner Winterjacke mit Todesverachtung und viel Schwung über meinen Bauch weg und hab mich ewig nicht mehr geklemmt, ich kenne die glatten vereisten Stellen auf meinen Hundewegen im Schlaf, und in mein Schwangerschaftsbuch gucke ich so gut wie gar nicht mehr, weiß ich ja alles schon. Und wenn nicht, dann wird das auch ok sein.

3. Die Hebamme.
War nicht da, sondern erst krank und dann dank Terminstau überlastet. Jetzt kommt sie nächste Woche Donnerstag, und wir sind sehr gespannt. Auf dem Foto sieht sie etwas ökig und esoterisch aus, aber so ist das nun mal. Ich sehe auch auf Fotos ökig aus und fresse Esoteriker zum Frühstück. (scheinbar so ökig, dass meine kleine Kollegin gestern in der Ubahn ganz vorsichtig fragte, ich wollte doch sicher unbedingt eine, ähäm, natürliche Geburt?) Ich gucke sie mir erst mal an, dazu kommt sie ja, und ich freu mich drauf.

4. Die Osterpläne.
Freitag in die Heide fahren, kochen, lesen und schreiben. Sonntags ein paar Süßigkeiten für L. in den Schneewehen verstecken, Samstags Abends schick essen gehen, und zwischendurch vielleicht eine alte Bekannte mit ganz eigener Kinderwunschgeschichte treffen und ihr inzwischen vermutlich fast schon erwachsenes Mädchen bestaunen.

5. Die Mia.
Nichts Neues: ich fühle mich wohl in meiner Haut, meine Haut fühlt sich wohl auf mir, der Akku hält, was er verspricht, und ich glaube immer noch, das war eine gute Idee. Auch wenn ich fast nie solche Hautprobleme hatte, dass jetzt irgendwelche hochdramatischen Verbesserungen zu beobachten wären, hab ich doch das Gefühl, es tut sich was, und zwar zum Guten.

Uff. Kann nicht mehr. Gute Nacht, liebe Abkürzungsdamen.

Montag, 25. März 2013

Auch nicht schlecht: Katerfrei am Tag danach

Es zeigt sich, dass ein Geburtstag minus Alkohol, Fluppen, Crack, Sushi, Alufolie, Rodeo, Fallschirmsprünge, Heliskiing, Haare färben und Aioli immer noch ziemlich nett sein kann. Wir lagen im Pasta- und Kuchenkoma vorm Feuerchen auf Sofas herum, wobei Hunde immer eine große Hilfe sind, ich habe ganz reizende Geschenke bekommen, und warum 40 jetzt eine große Sache sein soll, weiß ich auch nicht - aber ich hab auch gut lachen, mit L., einem Kind im Bauch und meinen Mädchen um mich herum, zwei niedlichen Tieren, die mir alles Böse vom Hals halten und dann auch noch Sonne vorm Fenster und vielleicht demnächst sogar Frühling statt doch wieder nur Winter Teil III hat Melancholie kaum eine Chance. Und sollte ich irgendwann denken, so ganz ohne Alufolie ist es aber doch nicht richtig, dann kann ich im Herbst immer noch nachfeiern.
Heute plätte ich den Rest der Agentur mit meinen Kuchenresten (ein Stück Donauwelle, und der Tag ist vollkommen im Eimer) und wurde schon dreimal gefragt, wie "man sich mit 40 fühlt". Ja nun. Da könnte ich einiges von meinem Bauch erzählen, der Bauch drängt sich gerade ziemlich in den Vordergrund, da müssen die anderen Körperteile einfach mal die Klappe halten. Heute morgen beim Montagswiegen haben wir die sieben-Kilo-Marke gesprengt, was kein Wunder für alle ist, die mich gestern beim Essen beobachtet haben. Ich könnte mir vorstellen, in den nächsten Tagen wird das wieder weniger. Wenn ich von Stühlen oder, noch schlimmer, von Sofas aufstehe, mich nach den vielen Dingen bücke, die mir täglich runterfallen, Treppen steige oder mich im Bett von links nach rechts und zurück wälze, ertönen seltsame Geräusche. War ich das? Muss ich wohl, auch wenn ich mich nicht erinnern kann, früher solche Töne von mir gegeben zu haben. Ich habe mir am Freitag auch zum ersten Mal den Bauch am Bügeleisen verbrannt, was sich genau so anfühlt, wie ihr euch das jetzt vorstellt. Der Bauch verdeckt seit zwei-drei Tagen meine Füße, so dass ich beim Laufen wirklich hingucken muss und mich nicht darauf verlassen kann, ich würde schon auch unbewusst und in voller Fahrt mitkriegen, wann ein Bordstein oder eine Treppenstufe kommt. Eine Weile lang konnte ich den Bauch gut in Hängerchen im Empire-Schnitt von vor der Schwangerschaft stecken. Da passt er immer noch rein, aber er sieht einfach nicht gut aus. Nur in Schwangerschaftsklamotten ist er wirklich basketballhaft kugelig, in allen anderen Sachen habe ich einfach zehn Kilo zu viel. Im Bauch zappelt es mal mehr, mal weniger und mal auch gar nicht, und das macht mich dann nervös. Ungefähr einmal am Tag kommt es vor, dass ich das Würmchen von außen ärgere und pieke, damit es sich muckst und meinen Sorgen ein Ende macht. Schon jetzt zeigt sich, genau wie einige hier es sich sicher schon lange gedacht haben, was für eine Rabenmutter ich mal werde! Das äußert sich übrigens auch darin, dass ich mir zum Geburtstag mein erstes petit bateau-Teil gewünscht habe, und es war nicht für's Baby, sondern für mich, mich, mich.

Freitag, 22. März 2013

Liebes Würmchen,

Dein Vater steht am Fenster und schnauzt die Schneeflocken an: "ihr Spastis". Es ist nicht zu fassen, dass wir zwei nach deutscher Zählung heute in der 25. Woche und damit im siebten Monat sind - und daran ist der Schnee wohl mit Schuld, ich könnte das leichter glauben, wenn draußen schon Eis essende Menschen in Flipflops vorbeiflanieren würden. Du kommst im Hochsommer, und jetzt ist tiefster Winter, wie kann ich da im siebten Monat sein? Ich bleibe wohl im Kopf bei der amerikanischen Rechnung. Oder höre ganz auf, in Monaten zu rechnen: bleibst Du auch nur eine Woche länger im Bauch als vorgesehen, bin ich irgendwann im elften - das wird zu bescheuert.
Jeden Hundespaziergang lege ich wie auf rohen Eiern zurück, um bloß nicht auszurutschen und meine kostbare Fracht zu zerditschen, und einen richtig erbärmlichen Anblick biete ich, wenn ich auf dem großen Mittagsspaziergang die kleine vereiste Brücke überquere, beide Fäustlinge fest um das Geländer gekrallt. Wird das noch schlimmer, muss ich auf allen Vieren kriechen. Auf den Gängen bist Du dagegen ganz ruhig und entspannt, erst hinterher fängst Du an zu zappeln. Bisher tut das überhaupt nicht weh, es ist eher ulkig und manchmal ein bisschen gruselig. Ich hoffe sehr, dass Du nie erlebst wie sich das anfühlt, wenn eine Bauch-Drainage nach einer OP gezogen wird - aber falls doch, denk Dir das Ziepen der Naht weg und Du hast in etwa das, was Abends auf dem Sofa in meinem Bauch vor sich geht. Je tiefenentspannter ich dann bin, desto mehr tobst Du. Für jemanden, der so egozentrisch ist wie ich, ist es schon komisch zu erleben, wie sich jemand anderes so immer weiter nach vorne schiebt in meiner Aufmerksamkeit: ich habe Kopfschmerzen und denke nicht mehr als erstes "ich Ärmste, und dann mit Tablettenverbot", sondern "Ogottogott, hoffentlich nichts, was Würmchen schadet." Heute Nacht musste dein Vater um drei Uhr die Symptome einer Listeriose googeln, weil ich seit zwei Tagen Druck auf dem Kopf habe, wenn ich nach unten gucke, und erst als klar war, dass es das wohl nicht sein wird, war wieder an Schlaf zu denken. (Ich bitte an dieser Stelle alle mitlesenden Damen, von Kommentaren abzusehen, in denen steht, vielleicht wäre es aber doch Listeriose oder Schlimmeres und ich sollte doch bitte jetzt ins nächste Krankenhaus fahren.) Jetzt habe ich mir eine Nasenspülung mit Salzwasser gemacht, was zwar an den Kopfschmerzen nichts geändert hat, aber dafür sorgt, dass ich mich den ganzen Tag lang fühle, als wäre ich schon vor dem Frühstück im Meer geschwommen. (Es führt auch dazu, dass immer noch einmal pro Stunde plötzlich ein bisschen Salzwasser aus meiner Nase läuft. Du hattest Dir Deine Mutter etwas makelloser und eleganter vorgestellt? Pech gehabt, Würmchen.) Ich kann es kaum noch abwarten, bis Du da bist. L. kann es kaum noch abwarten. Die Hunde können es kaum noch abwarten. Und wenn ich ehrlich bin, freue ich mich fast noch mehr als auf Dich als Säugling auf das, was danach kommt: z.B. auf uns zusammen am Meer, Dich in kleinen Gummistiefeln und Badehose. Wir sammeln Krebse und bauen ihnen ein Gehege im nassen Sand, was hältst Du davon? Irgendwann heute so in drei Jahren und ein paar Wochen. Ich wäre jetzt schon so weit.

Ein dickes, salziges Küsschen von Deiner Mutter.