Einige Ereignisse, die nichts weiter miteinander zu tun haben als meinen Kinderwunsch:
Ich sitze auf dem Fußboden in meinem Arbeitszimmer und sortiere vollkommen chaotische Papiere und andere Dinge aus vier Jahren. Kontoauszüge, Rechnungen, Versicherungsverträge, die letzten Zuckungen der Papier-Foto-Ära, alles. „Wie kommt eine selbständige Frau eigentlich dazu, ihre Buchhaltung so verlottern zu lassen?“ könnte jetzt eine Kommentatorin schreiben, und ich würde antworten „Mutter? Du hier?“. Jetzt ist alles sortiert, gelocht und abgeheftet oder ruht in Frieden in der Altpapiertonne. Aber unter anderem habe ich bei dieser Gelegenheit auch die Rechnungen vom Chinamann gefunden. Obwohl ich bestimmt nicht nur aus Kostengründen mit der Behandlung bei ihm aufgehört habe, und obwohl ich bei jeder einzelnen Sitzung immer das Gefühl hatte, verhältnismäßig billig wegzukommen – schließlich geht es ja um den langersehnten Nachwuchs, da ist grundsätzlich natürlich GAR NICHTS zu teuer, nicht wahr – ist mir trotzdem klar geworden, als all die Rechnungen jetzt so vor mir lagen, dass ich innerhalb von anderthalb Jahren um die 900 Euro bei ihm gelassen habe. Vermutlich war ich keine Musterpatientin. Vielleicht hätte ich mich besser an die Nahrungsvorschriften halten sollen, auch wenn er selbst gesagt hat, dass das bei mir nicht so entscheidend ist. Aber dass ich nicht gerade mit Feuereifer zur Sache gehe, wenn ich mich abseits der Schulmedizin bewege, wird auch in Zukunft so bleiben. An meiner Endometriose, den diffusen Unterleibsschmerzen oder den Myomen hat die Behandlung nichts geändert. Ein Kind habe ich auch noch nicht. Aber immerhin kann ich sagen, das hab ich auch mal probiert.
Ich liege auf der höllisch bequemen Liege meiner Osteopathin und lasse den Dingen ihren Lauf. Das heißt, teilweise. Denn eigentlich würde ich jetzt wegdämmern. Aber gleichzeitig ist es gerade zu und zu interessant. Die Osteopathin hat selbst vor Jahren eine KiWu-Behandlung gemacht und nach drei IVFs und erschreckend wenig Eizellen-Ausbeute beschlossen, dass sie es jetzt gut sein lässt. (Gut, zu wenig Zellen sind ja nun nicht mein Problem.) Und sie hatte damals mit 39 – ihr Mann war damals 44 – auch eine Adoption beantragt. Und zwei Jahre später, als sie schon über 40 war, kam der Anruf, sie könnte jetzt einen gesunden Säugling haben. Sie hat darüber nachgedacht und sich dann dagegen entschieden. Bequeme Liege hin, entspannendes Raumparfum her: ich war hellwach. Ich hab schon ein paar mal mehr oder weniger ernsthaft über Adoption nachgedacht. Aber ich hatte immer noch eine gewisse Hemmschwelle im Kopf. Nicht, weil ich dachte, das ist nichts für uns oder das ist erfüllter Kinderwunsch zweiter Klasse, sondern weil ich dachte, das wird nichts. Wir sind denen zu alt, wir haben zu konkrete Vorstellungen (Säugling, kein Drogenhintergrund), das ist nur eine weitere Methode, sich frustrieren zu lassen. Aber jetzt sehe ich das anders. In Hamburg, erzählte sie, besteht immer noch ein großer Bedarf. Und zwar gab es bei der zuständigen Hamburger Behörde mal eine dieser entsetzlichen Fräulein Rottenmeiers, die hunderte von Elternanwärtern mit ihrer Art in Angst und Schrecken versetzte, aber die ist inzwischen pensioniert, und sie hatte es immer nur mit einer reizenden, netten und offenen Dame zu tun. Zwischen den Feiertagen, das haben wir gestern abend beschlossen, gehen wir es an. Ich bin ziemlich aufgeregt, gespannt und gottfroh, dass ich jetzt etwas vor der Brust habe, das mich noch nervöser macht als die Frage, ob ich mein Weihnachtsessen so hinkriege wie gedacht, ob der Baum schief ist und ob Lili das Haus abfackelt.
Ich liege bei meiner Frauenärztin auf dem Stuhl zum zweiten Abstrich nach dem miesen PAP. Vorher habe ich drei Nächte lang schlecht geschlafen. Ich hatte das alles schon mal, und die Ärztin damals hat immer beruhigend auf mich eingeredet, dass das alles in soundsoviel Prozent der Fälle, also quasi immer, sich sowieso in Wohlgefallen auflöst, rarara, ei-ei, gaaanz ruhig, und am Ende stand erst eine OP und dann eine gynäkologische Akte, die plötzlich aufging wie Popcorn. Und jetzt wieder. Aber diesmal hatte sie tatsächlich gute Nachrichten: es scheint so, dass man inzwischen herausgefunden hat, dass in manchen Fällen (kommt wohl auch auf die Spielart des HPV-Virus an) auch bei Damen in unserem Alter eine Impfung noch Sinn hat. Bin ich gespannt, was diesmal rauskommt.
Man kann über diesen blöden Kinderwunsch sagen, was man will: langweilig wird es erst mal nicht.