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Freitag, 20. Dezember 2013

Und wieder ein Grund, dankbar zu sein.

Manchmal geht es gut aus. Freunde von Freunden und andere Freunde von Freunden haben ihren Mut zusammengenommen und ein Pflegekind aufgenommen, und nach einigen Nervenkrisen und mit Sicherheit vielen schlaflosen Nächten, die nichts mit Babygeschrei und alles mit Bürokratie zu tun hatten, durften sie die kleinen Würmchen adoptieren und behalten, für immer, egal was. Und manchmal geht es so aus wie jetzt gerade in Hamburg. Gestern konnte ich immer nur denken: das könnten wir sein. Diese Leute aus Rotherbaum, die jetzt vermutlich die Welt nicht mehr verstehen und auch nie mehr verstehen werden. Wenn ich das wäre, müsste man mich besser für die nächsten Wochen irgendwo sicher verstauen, zu meinem eigenen Schutz, aber auch dem Schutz dieser Jugendamtmitarbeiter und zum Schutz dieses grauenvollen, assigen, gottverlassenen und widerlichen Elternpaares. Wann man mich gefahrlos wieder freilassen könnte, weiß ich allerdings auch nicht: wann ist so etwas vorbei? In zwei Monaten? In drei Jahren? Nie? Und ich hab Ndogo im Arm, der gerade jedes Mal wenn er mein Gesicht sieht freudig loskreischt, als wäre ich Take That, und habe das Gefühl, gerade fast von einem Panzer überrollt worden zu sein. Aber eben nur fast.

Freitag, 25. Januar 2013

Ich schon wieder.

Fünf Minuten soll die Öko-Spülung aus Dänemark einwirken. Wenn ich so lange unter der Dusche stehe, habe ich nicht nur Spülhände, sondern einen Spülkörper. Ich wasche also die Haare, klatsche die schleimige Spülung auf den Kopf, schlüpfe in den Bademantel und versuche, fünf Minuten mit einer Partie Minesweeper auf L.s Dings totzuschlagen. Doch die Welt hat andere Pläne für diese fünf Minuten. Das Telefon klingelt, und eine Dame - nicht unsere Dame, aber eine Dame - von der Adoptionsbehörde ist dran. Sie möchten, dass wir heute vorbeikommen. Und ein Gespräch führen. Und dann ins Krankenhaus fahren. Und dort vielleicht zum ersten Mal ein Neugeborenes ansehen, das unser Adoptivkind werden könnte. Mit einem Mal ist die Wirkung von bisher 20 geschluckten Blutdrucktabletten im Eimer. Ich kriege kaum Luft. Ich schnappatme und wäre am liebsten jetzt sofort dort im Krankenhaus und ganz weit weg. Ich hätte im Leben nicht damit gerechnet. Nicht jetzt, nicht diesen Monat, nicht irgendwann. Ich sage, ich rufe sofort zurück, und rufe L. an, der sich gerade irgendwo in Barmbek mit Handwerkern trifft. Wir sprechen ganz schnell: es ist Scheiße, dass wir es ihnen nicht schon Anfang Januar gesagt haben, wie wir wollten (und wie ich immer noch will, aber wir sind ja zu zweit). Jetzt sagen wir es ihnen. Sie werden stinksauer sein, und vermutlich mit Recht, aber wir sagen es ihnen. Wir sagen ihnen auch, dass wir das Kind trotzdem gerne nehmen würden. Dass das blauäugig ist, aber sind nicht alle Eltern blauäugig? Dass sie es uns aber jetzt wohl nicht mehr geben würden - kinderlose und unschwangere Eltern verdienen nunmal mehr Chancen, auf diese Weise an ein Kind zu bekommen. Gut. Und jetzt los.

Ich bin endlos erleichtert, dass wir jetzt endlich den Bauch auf den Tisch gepackt haben. Das hätten wir längst tun sollen. Niemand war böse, die nette Dame sagte, das passiert viel öfter, als man denken sollte (da ist sie wieder, die gute alte Wunder-nach-Ado-Geschichte). Böse werden sie nur, wenn Leute ein Kind haben und das verschweigen. Und das kommt tatsächlich vor? Ja, das kommt tatsächlich vor. Wäre es ein Mädchen oder Junge gewesen? Das wollte sie uns nicht sagen, je weniger, desto besser, aber sie könnte uns jetzt sagen, dass das sogar für Adoptionsstandards ein komplizierter Fall geworden wäre. Sie wünscht uns alles Gute, und wir sollen uns melden, wenn es entweder auf der Welt ist oder wenn etwas schief geht. Das tun wir.

Und trotzdem bin ich neben all der Erleichterung und dem Glück über den besten aller Adoptions-Verhinderungs-Gründe ein bisschen traurig. Wie es wohl gewesen wäre, dieses Kind? Wie es ihm wohl geht? Und ich wünsche mir, so fest ich kann, dass sie gute, liebe Eltern für es finden. Die Kartei ist voll, irgend ein Paar in Hamburg bekommt heute noch einen Anruf und wird es genau so wenig fassen können, wie wir das alles fassen.

Wer weiß, vielleicht treffen wir sie nachher bei Ikea in der Babyabteilung?

Und jetzt wasche ich mir endlich die Schmiere vom Kopf.

Dienstag, 25. September 2012

Revue der guten Laune.

Gestern war das letzte Adoptionstreffen, da ist es wohl Zeit dafür, die Dinge Revue passieren zu lassen, die ich in den letzten Wochen und Monaten so zu verarbeiten hatte.

Die Chancen, dass wir überhaupt ein Kind auf diesem Weg bekommen, sind - wenn man nur die nackte Zahl sieht - ziemlich klein. Irgendwo zwischen 1:5 und 1:9. Das ist nicht sehr ermutigend, manche IVF hat bessere Erfolgschancen.

Wir haben jetzt schon so viel über Traumatisierungen fürs Leben, nicht mehr gutzumachende Schäden, verborgene Krankheiten und Macken und all das gehört, dass es fast die Ausnahme zu sein scheint, wenn das Kleine einfach nur aufwächst und klarkommt.

Am besten ist es, wenn wir uns erst mal nichts anderes mehr vornehmen. Wenn wir keine Karrieresprünge anstreben, wenn wir keine Weltreise planen, wenn wir ab sofort verhüten (als ob... sagt die kleine Endometriosemaus, die jetzt seit Monaten zwangsweise durchgehend die Pille nimmt und von ihrer Frauenärztin auch jedes Mal abgebürstet wird, wenn sie vorsichtig anfragt, ob das nicht auch anders geht, denn immerhin... ist doch irgendwie... doof, oder? Komisch? Aber gut, ich werde empfindlich drauf achten, ab sofort die Pille immer auf die Minute pünktlich zu nehmen. Nicht dass da noch was schief geht trotz Verhütung, Endo, Myomen und verklebten Eileitern. Verhütungsmäßig bin ich die Dame ohne Unterleib. Aber selbst die... das passiert ja STÄNDIG, dass wir nach erfolgreicher Adoption plötzlich schwanger werden! Ich rechne eigentlich jeden Tag damit, und dann haben wir den Salat.)

Ich komme nicht los von diesem Punkt: auf den bloßen Verdacht hin, dass das mit 1:9 relativ unzuverlässig eintretende Wunder passiert, sollen Paare, die vermutlich seit vielen Jahren immer nach Kalender Sex haben, alles, wirklich alles richtig machen wollen, die richtigen Tees trinken, die Finger vom Kaffee lassen, nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken, eigentlich gar nichts mehr tun... die jedenfalls sollen nun nicht nur aufhören mit Hormonbehandlungen, sondern verhüten? Jahrelang?
(Bin ich froh, dass ich gestern beim Treffen den Mund aufgemacht habe. Sonst wäre ich inzwischen vermutlich implodiert und würde als hässliche, immer noch aufgeregt wabbende Matschflecken an den Wänden meines Arbeitszimmers kleben. Dann hätte sich das mit der Verhütung natürlich auch erledigt.) Diese Regel, es tut mir leid, schreit danach, dass man drauf scheißt.

Zurück zu anderen Themen: es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass wir kein Kind bekommen. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass das Kind, falls wir eins kriegen, an Leib und Seele schwer krank ist und sein Leben lang auf unsere Hilfe, Geduld und Liebe angewiesen sein wird. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass seine Mutter sich das alles noch mal überlegt und es nach fünf Monaten wiederhaben will. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass sie einfach verschwindet und der Notartermin einfach jahrelang nicht zustande kommt. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass das Kind spätestens in der Pubertät gründlich die Schnauze voll hat von uns und dann jeden Kontakt abbricht.

Und trotzdem, trotz all diesem Mist bin ich gerade so optimistisch wie nie. Vielleicht war es das ehemalige Adoptivkind gestern: eine Frau von über 50, die zwar auch ihre Krise mit ihren Adoptiveltern hatte, aber doch ein ziemlich prächtiger Mensch geworden zu sein scheint. Und das dünne, schmale Paar mitten zwischen uns, dem wir alle immer wieder schüchterne Seitenblicke zugeworfen haben, das das Kind zuhause bei der Großmutter gelassen hatte und jetzt da saß wie von einem anderen Stern. Ich glaube gerade, das wird was. Vielleicht will ich das nur glauben, um mal für ein paar Minuten mit dem Aufregen aufhören zu können. Aber trotzdem glaube ich das.

Es ist merkwürdig: ich bin zwar nicht gern hingegangen, aber die Treffen in der Gruppe waren das letzte, was wir nach der Aufnahme in die Kartei noch zu tun hatten. Jetzt können wir nur noch (selbstverständlich mit Verhütung, klar) vor uns hinleben und warten.



Vier Erkenntnisse zum Herbstanfang

1. Ich kann mir die Lunge aus dem Leib laufen, so lange ich weiterhin darauf beharre, zwei gebackene Camemberts und ein Blech Pommes mit Mayo wären ein angemessener Nachmittagssnack, wird das nichts mit Größe 36.

2. Mit mir und 90% aller Psychologen wird das vermutlich ebenfalls nichts. Gestern war unser letztes Adoptionsgruppentreffen. Und obwohl ich den gar nicht unsympathisch finde, ihm auch dankbar dafür bin, dass er seine Freizeit (vermutlich unbezahlt) für uns Adoptionseltern opfert und bestimmt neben all dem Kummer viel gelernt habe, war ich gestern schon wieder kurz vor Explosion. Und zwar an zwei Stellen: Stelle 1: Psychologe fragt, ob in unserer Gruppe Leute von der Behörde auch darum gebeten worden seien, ab sofort zu verhüten. Ich dachte, das wird jetzt ein Krösken über die bescheuerte Behörde. Aber als drei Paare belustigt nickten, sagte er: ja, das könnte er so nur unterstreichen, denn man würde es oft genug erleben, dass die Frau vier Wochen nach dem Einzug des Adoptivkindes plötzlich schwanger würde, und das wäre dann eine Katastrophe. Ich konnte mich nicht mehr halten: "Mal ehrlich, vielleicht bin ich da naiv, aber wo genau soll da die Katastrophe sein? Dann hat man eben zwei Kinder, ist doch toll!" Nein, nein, nein, so geht das nicht. Das Adoptivkind fühlt sich bedroht und als Kind zweiter Klasse, das geht dann nicht. Und dann? Abtreibung? Oder sein eigenes zur Adoption freigeben? Ich weiß es nicht, aber ich scheine auch wirklich gar nichts kapiert zu haben. Stelle Nr.2: in unserer Gruppe sitzt auch ein sehr nettes Paar, von allen von Herzen beglückwünscht und auch ein bisschen beneidet, bei denen der Anruf fast sofort kam und die jetzt schon einen gesunden Säugling zuhause haben. (Hut ab davor, dass die dann trotzdem noch kommen.) Zu denen gewandt hat er gestern erklärt, dass die Säuglinge direkt nach der Trennung von der leiblichen Mutter ja dermaßen traumatisiert wären, da könnte man sich drauf einstellen, dass sie Tag und Nacht schreien würden, sehr steif und unbeweglich wären, gleichsam erstarrt vor Schock... Das Paar konnte ihm nicht den Gefallen tun, das zu bestätigen: "Och, sie ist eigentlich total entspannt. Knöttert mal, wenn sie Hunger hat oder die Windel voll, aber sonst? Ganz fröhlich und entspannt." Darauf er: "Jaha, da gibt es die einen, die leiten das nach außen ab, und die anderen, die fressen das in sich hinein."
Eine Weile später hätte ich ihm das aber fast alles schon wieder verziehen, als er einräumte, er bekäme ja auch nur mit denen zu tun, bei denen es nicht so läuft. Genau! Sag ich doch! Na endlich. Nun ist alles wieder gut, und eine kleine Spende überweise ich heute auch noch. Und die nächste Spezialentwicklung in meinem Leben versuche ich wieder Psychologenfrei zu meistern. Ich bin da einfach... weiß auch nicht... schnell auf die Palme gebracht, habe eine Sollbruchstelle oder vielleicht auch einfach eine Allergie. Da können die nichts für, und ich auch nicht, aber wir gehen uns wohl besser aus dem Weg.

3. Ich bin absolut reif für diesen Herbst. Den großen schweren Specksteintopf habe ich schon aus dem Keller geholt, in dem werde ich demnächst den einen oder anderen Hirsch weichschmoren, und am Wochenende backe ich meinen ersten Zwetschgenkuchen für dieses Jahr. Im Büro bin ich schon von Kaffee auf Tee umgestiegen (mache ich immer spätestens im Oktober), ich habe wieder die dicken Bettdecken bezogen und die dünnen auf den Speicher gepackt, und gestern Abend gab es zum After-Psychotreff-Rotwein ein paar Minilebkuchen. Auf dem Morgenspaziergang heute hat Lili die ersten Kastanien geknackt. Sie mag den Herbst, ich auch. Meine Lieblingsjahreszeit hat angefangen, und ich springe jeden Morgen mir einem Gefühl aus dem Bett, als hätte ich Geburtstag.

4. Wenn ich das nächste Mal einen längeren Urlaub plane, dann häufe ich vorher Geld dafür an, nicht hinterher. Es ist ja schön und gut mit drei Wochen frei, aber als Selbständige folgt danach unausweichlich die Hölle, die jede Erholung sofort verbrennt: diesen Monat, der noch nicht zu Ende ist, werde ich fünf Rechnungen verschicken, und ich hatte tatsächlich seit dem Urlaub mit den Damen in der Heide keinen einzigen Tag, an dem ich nicht arbeiten musste. Jaja, der schöne Herbst ist da, aber noch mehr könnte ich mich drüber freuen, wenn ich morgens die Augen aufschlagen würden und mir in aller Ruhe zur ersten Tasse Tee überlegen könnte, wohin ich heute meine Hundespaziergänge mache, ob ich vielleicht noch ein paar Pflanzen bei Obi kaufe oder ob ich den Tag einfach nur abgesehen von Gassigängen auf dem Sofa am Feuer oder vorm Herd verbringe. Das wäre wirklich zu schön.

Montag, 17. September 2012

Dieser Post wurde mit vollem Mund geschrieben

Heute muss ich nicht schwänzen, heute ist adoptionsfrei. Die Gruppe trifft sich erst nächsten Montag wieder, dann kommt ein inzwischen erwachsenes Adoptivkind zu Besuch und erzählt, wie das alles so war und ist. Das werde ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, und wenn wir nicht von einem Kometen erschlagen werden, sitzen L. und ich um fünf vor halb acht mit Riesenohren auf unseren unbequemen Stapelstühlen.

Bis dahin treiben mich andere Dinge um.

Erstens: Stammtisch. Ich höre mich schon an wie eine Platte mit Sprung, aber diesmal klappt es bestimmt, ich hab das im Gefühl! Ich würde allerdings nächste Woche Donnerstag vorschlagen, denn diese Woche bin ich so dermaßen zugeschissen mit Arbeit, dass es kein Halten gibt. Ein Auftragsspritzdurchfall, könnte man sagen. Zwar könnte ich mir irgendwie den Donnerstag auch diese Woche freischaufeln, aber dann würde ich da sitzen und alle fünf Minuten auf mein Telefon starren, ob schon Post von Kunde A oder Kunde V da ist, das wäre also nicht das Wahre. Darum Donnerstag nächste Woche, bis dahin ist wieder gut, und wir machen uns einen lustigen Abend. 20:00 Gloria in der Belle-Alliance-Straße also. So gegen Dienstag frage ich noch mal nach, wer überhaupt kommt, aber sobald wir zu dritt sind, kann es los gehen.

Zweitens: das Laufprogramm. Wieder steht mir und meinen federleichten Turnschuhen ein großer Schritt bevor: Woche 10 ist vorbei, morgen in erbärmlicher Frühe beginnt Woche elf. Ab morgen werden aus 30 Minuten 45 Minuten, und ich weiß nicht, wie ich das an Agenturtagen schaffen will, ohne um halb sieben aufzustehen. Eine Aussicht, die mir normalerweise ab 15:00 am Vortag die Laune versaut. Aber es geht nicht anders, und Laufen macht wundersame Dinge mit mir. Übrigens bisher noch nicht mit meinem Gewicht, aber das kann ich alles erklären: Leider ist da diese neue Fress-Freiheit, wann immer ich ein Sportprogramm starte. Die ersten zwei-drei Wochen bin ich noch brav und zum Gähnen vernünftig, aber dann setzt jedes Mal die Phase ein, in der ich denke, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn ich an einem langen faulen Sonntag
2 Back-Camemberts
1 Blech Pommes mit Mayo und Ketchup
2 Champignonbaguettes
1 Topf Pasta mit Trüffelöl und Parmesan
1 Topf Popcorn
usw. usf. etc. esse, schließlich bin ich jetzt ja Läuferin.
Gierig und verfressen bin ich immer, aber in dieser Phase wird es schlichtweg grotesk. (Hat jemand mal den Film "Das große Fressen" gesehen? Ungefähr so, nur ohne die Prostituierten und die Lehrerin.) Und es wird auch nicht besser dadurch, dass seit letztem Freitag das neue Nigella-Kochbuch (italienisch. Ha!) zuhause liegt und durchgekocht werden will. Das Luder. Dagegen kann mein bescheidenes Laufprogramm nicht an. Noch! Denn ab morgen werden andere Saiten aufgezogen: ab morgen läuft es nämlich folgendermaßen, und zwar alle zwei Tage.
Ich betrete im Morgengrauen den Park, an den Füßen die nike frees, unterm Arm meine Fußtrainer (stinknormale Surfschuhe aus Neopren mit dünner Gummisohle). Die Fußtrainer verstecke ich irgendwo, wo sie weder von Hunden noch Spaziergängern oder Insekten gefunden werden. Dann laufe ich mich fünf Minuten ein, sollte dann bei einer Bank oder Treppe ankommen und mache zehn Minuten Muskeltraining. Dazu kann ich die Bank rauf- und runterhüpfen, Käsekästchen springen oder Seitstütze machen, bis mir schlecht wird. Nach zehn Minuten laufe ich weiter, 25 Minuten lang. Sind die um, dann sollte ich wieder am Schuhversteck angekommen sein. Ich ziehe die Turnies aus und die Trainer an und laufe noch mal fünf Minuten kreuz und quer über eine benachbarte Wiese. Dann sind 45 Minuten um und ich ein Stück näher an der Figur, die ich vor 10 Jahren in meinem Wahn noch als selbstverständlich hingenommen habe.

Es ist allerdings nicht so, dass sich so gar nichts getan hat. Laut der schäbigen alten Rossmann-Körperfett-Waage in unserem Bad habe ich in den letzten Monaten ein halbes Prozent Körperfett abgebaut und drei Prozent Muskelmasse dazubekommen. Ha! Das hätte ich ehrlich gesagt auch ohne die Waage gedacht. Es ist merkwürdig, aber bei diesem Trainingsprogramm hatte ich wirklich das Gefühl, dass sich die Muskeln langsam von den Zehenspitzen ausgehend die Beine hochfressen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn sie erst mal die Hüfte überwunden haben. So stabil und leicht habe ich seit vielen Jahren nicht mehr auf den Füßen gestanden, egal, ob ich gerade ein Treppenhaus hochrenne oder auf hohen Absätzen übers Kopfsteinpflaster balanciere. Und selten war ein so aufwändiger Plan so befriedigend und leicht einzuhalten. (Sage ich, die in den letzten Jahren spektakulär an vielen Plänen gescheitert ist: Dem Plan, trockene Wäsche sofort wegzubügeln. Dem Plan, mit Weight Watchers innerhalb eines halben Jahres sechs Kilo abzunehmen. Dem Plan, mir nur noch Kleider zu kaufen, die mir passen, stehen, auch für Grobmotoriker und zu spannenden Filmen bügelbar sind und nicht in die Reinigung müssen. Dem Plan, jede Woche mindestens einen Abend schweigend, zufrieden und konzentriert mit einem guten Buch auf der Couch zu verbringen. Dem Plan... ach, es ist deprimierend, das auch nur hinzuschreiben.)

So. Ich freu mich also auf nächsten Donnerstag. Wer teilt sich einen Burger und drei Pizzas mit mir?

Dienstag, 11. September 2012

Die kleine Flora konnte gestern wegen unüberwindlichen Widerwillens nicht am Unterricht teilnehmen. Ich bitte, ihr Fehlen zu entschuldigen. Wenn nicht, auch gut.

Ich habe zwanzig Minuten länger gearbeitet und bin dabei nicht in Panik geraten, weil ich ja noch nach Hause fahren muss, die Hunde ausführen muss, ins Auto springen muss und dann pünktlich bei einem Termin erscheinen muss, bei dem ich eigentlich gar nicht sein will, besser nie als spät. Gegen sieben war ich zuhause, habe die Hunde an die Leine genommen und das umgesetzt, was ich vorgestern beim Hundeflüsterer auf sixx gelernt habe: Schultern zurück, ruhig bleiben, Leine locker, kein Fitzelchen Ziehen durchgehen lassen und los. Hat funktioniert. Wir hatten einen friedlichen, sonnigen und lauen Montagabendbummel. Ich habe solche Momente, wo die Hunde mich stressen, wo mir alles zu viel ist und ich mich frage, was eigentlich die Schnapsidee sollte, mir bei meinem vollen Tag noch zwei Fellwürste zuzulegen, die zusammen täglich an Agenturtagen eine Stunde und an "freien" oder Zuhausearbeitstagen fast drei Stunden meiner Zeit fressen, und da ist Spielen, Toben und Retten von Schuhen und Socken noch nicht eingerechnet. An anderen Tagen, gestern war so einer, ist der Hundespaziergang nicht Teil meiner Pflichten, sondern Teil vom Spaß- und Erholungsprogramm. Irgendwann habe ich auf mein Handy geguckt und gesehen, jetzt sitzen sie da. Und ich bin hier, entwischt und frei. Und das hat sich ungefähr so angefühlt wie damals, wenn wir uns ins la Boheme verdrückt haben zu Milchcafé und Croissants, während die anderen armen Schweine Französisch bei unserer altjüngferlichen Knalltüte von Lehrerin hatten. Die, bei der die Mädchen sowieso nur Störenfriede und Schlampen waren, die ihren Zuckerjungs angeblich ständig Zettelchen zuschoben. Genau.

Gute Entscheidung. Der nächste Termin ist gestern in zwei Wochen. Mal sehen, ich glaube, da gehen wir hin: dann berichtet nämlich ein erwachsenes Adoptivkind aus seinem Leben. Und laut Programm ist dann auch ein anderer Psycho-Onkel da. Nach dem freien Abend gestern freue ich mich fast schon drauf.

Montag, 10. September 2012

Ich weiß ja nicht, was ihr heute so treibt.

Und was ich vorhabe, weiß ich auch noch nicht so genau. Vielleicht arbeite ich heute länger, genug zu tun ist auf jeden Fall. Vielleicht mache ich einen langen Spaziergang mit den Hunden. Oder ich befolge den Tipp mit dem Rotwein, lese die Zeitung oder gehe zum Sport. Wo ich jedenfalls nicht sein werde, ist in meiner Gruppe. L. hat vorgestern den Programmzettel wiedergefunden: nachdem es in Stunde Nr.1 schwerpunktmäßig um Autismus, Alkoholspätfolgen und Ablehnung der Eltern ging und in Stunde Nr.2 um Kinder, die bis zur Pubertät in die Windel machen, wird es heute in Stunde Nr.3 zur Abwechslung um Problemfälle, um besondere Kinder und um besondere Herausforderungen gehen, und zwar um die, die man zum Zeitpunkt der Adoption noch nicht erkennen kann.

Es tut mir leid - nein, ich nehm das zurück, man soll ja ehrlich bleiben in diesem Prozess, es tut mir überhaupt nicht leid, sondern heute bleibe ich einfach weg, und nach langem Gegrübel habe ich deshalb auch kein schlechtes Gewissen. Ehrlich, was soll das nützen? Ein Termin, bei dem wir (zum ca. zwölften Mal) darüber informiert werden, dass auch ein auf den ersten, zweiten und dritten Blick quietschfideles Baby sich zu einem schwer gestörten Kind weiterentwickeln kann? Und jetzt? Wenn uns das passiert - und ich hoffe so sehr, dass wir nach vier Jahren KiWuKack endlich auch mal Glück haben - dann ist es immer noch früh genug, meine Psychoallergie runterzuschlucken. Dann werden wir noch mehr Zeit als genug in irgendwelchen Stuhlkreisen verbringen. Andere mögen das anders sehen und da anders veranlagt sein, aber ich habe keine Lust mehr, mir zähneknirschend diesen Unfug von angespannten Bauchdecken und der willensgesteuerten Empfängnis anzuhören (das hat mich schon bei Berichten über den amerikanischen Wahlkampf zur Weißglut gebracht), zumal wir dadurch keinerlei Erkenntnis zu erwarten haben, die uns irgendwie weiterbringt, sondern nur SCHON WIEDER hören, dass eine Menge schief gehen kann und es bei diesem Weg zum Kind keine Methode gibt, sich davor zu schützen. Heute wird geschwänzt.

Dienstag, 4. September 2012

Wo ist die Fusselsense für mein Hirn?

Und schon zehn Stunden später sitze ich zuhause und habe endlich Feierabend. Das heißt, mein Körper hat Feierabend, sitzt im Wintergarten, hört mit halbem Ohr auf das Knattern der spanischen Paprika in der Bratpfanne nebenan und schenkt sich vielleicht gleich mal ein kleines Glas Rotwein ein, vielleicht aber auch nicht. Mein Kopf dagegen läuft immer noch auf Hochtouren. Ich bin ziemlich durcheinander. Und ich kann noch nicht mal sagen, wieso, ob sich der Sturm bis irgendwann beruhigt, ob das jetzt etwas Grundsätzliches ist, ob das allen so geht, die in meiner Lage sind, ob das so beabsichtigt war und überhaupt.

Gestern war unser zweiter Abend in der betreuten Adoptionsgruppe. Die wird nicht direkt von der Adoptionsbehörde geleitet, sondern von einem gemeinnützigen Verein, bestehend aus Psychologen, vermutlich irgendwo auch Sozialarbeitern und -Pädagogen, vor allem aber Adoptiveltern und adoptierten, inzwischen erwachsenen Kindern. Unsere Dame vom Amt hat uns empfohlen, da hinzugehen, also gehen wir. Gestern waren zum ersten Mal Eltern da. Und während der zwei Stunden, die wir in diesem Zimmer saßen, sind meine Gefühle, Hoffnungen und Ängste Achterbahn gefahren.

Ich weiß immer noch gar nicht, wie ich dieses Thema anpacken soll. Es beißt nämlich und kratzt. Das Thema heißt Behinderung. Und ich meine damit nicht Gehbehinderung, Lernbehinderung, Sehbehinderung oder Hörbehinderung. Das Behinderungsthema, das mich schon seit vielen Jahren so ängstigt und umtreibt, ist Autismus. Ich hatte schon gelesen, dass das unter Adoptivkindern weit verbreitet sein soll. Ich hatte auch gelesen, dass diese Diagnose heute immer häufiger gestellt wird, adoptiert oder nicht. Das Thema, wie gesund und vorbelastet genau unser Kind sein soll und darf und muss, hatten wir auch in den fünf Gesprächen mit dem Amt schon zigmal durchgekaut. Ja, wir waren längst gewarnt, was alles schief gehen kann, und trotzdem war ich nach keinem der offiziellen Gespräche so durch den Wind wie gestern. L. und ich hatten natürlich über das Thema gesprochen. Wir sind nach ziemlich kurzer Diskussion einer Meinung gewesen:

1. Was wir nicht wissen, macht uns nicht heiß. Wir würden nicht das Kind einer Frau adoptieren, von der bekannt ist, dass sie seit Jahren und auch in der Schwangerschaft schwer getrunken hat. Kommt das Kind aus der Babyklappe oder die Frau erscheint zu allen Terminen mit dem Amt ohne Fahne, so dass man es einfach nicht weiß, dann ist es so, und wir drücken die Daumen und hoffen das Beste.

2. Wir wissen, dass ein Adoptivkind erst mal schon durch die Trennung von der leiblichen Mutter, durch den Verlust von Geruch und Herztönen, traumatisiert sein kann - mehr oder weniger stark. Dass das in einer Bindungsunfähigkeit in den ersten Monaten resultieren kann, ist auch klar. Dass wir das mit viel Liebe, Geduld und Verständnis auffangen müssen und wollen, auch. Genau so wie die Tatsache, dass die Pubertät in unserem Fall noch mal drei Gänge härter wird als bei anderen Kindern. ("Du bist nicht meine Mutter!")

3. Jedes Kind kommt so auf die Welt, wie es nun mal ist, egal ob eigenes oder nicht. Natürlich kann es gut passieren, dass wir irgendwann Jahre später feststellen, dass unser Kind ein Hörgerät tragen muss. Dass es langsamer sprechen lernt als andere Kinder. Dass es... ach, was weiß ich. Das wissen wir, das macht uns keine Angst. Ich habe im letzten Gespräch zu unserer Beraterin gesagt, wir möchten ein Kind, das imstande ist, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen, und das auch uns noch erlaubt, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Damit meine ich nicht, dass es spätestens mit sechs Jahren die halbe Nacht allein bleibt oder uns hellauf begeistert auf New York-Trips begleitet. Ich glaube, ihr könnt euch vorstellen, was ich meine. Fehlt ihm ein Zeh, lachen wir drüber. Hat es abstehende Ohren oder eine Schwäche in Zeichensetzung, könnte die Freude nicht größer sein. Welchen Schulabschluss es mal macht, das treibt mich tatsächlich überhaupt nicht um. Ich bin 10000000000mal lieber die Mutter eines glücklichen Fliesenlegers als eines verkniffenen Professors. Natürlich bin ich das!

4. Bei einem Adoptivkind bewegen uns die gleichen Ängste und Hoffnungen wie bei einem leiblichen. Wir wissen noch nicht, wie es aussehen wird. (Und ob wir es überhaupt jemals im Arm halten werden.) Was es für ein Mensch wird, ob es eher fröhlich oder in sich zergrübelt, eher ein Gummistiefelkind oder ein Ballettschläppchenkind wird... alles, einfach alles ist ungewiss, und wir sind gespannt und aufgeregt. Trotzdem scheint das hier gründlich anders zu laufen - und zwar in jeder Hinsicht.

Ja, wir wissen, dass wir gewarnt sein müssen. Dass uns klar sein muss, worauf wir uns einlassen. Dass gewaltige Schwierigkeiten auf uns zukommen. Dass wir uns hinterher nicht beschweren dürfen. Dass wir Glück haben, Riesenglück, wenn wir überhaupt endlich ein Kind bekommen. Aber...

Herrgott, ein großer Teil von mir wünscht sich, dass endlich, endlich mal jemand aus diesem Verein oder vom Amt sagt "es kann auch gut werden. Vielleicht anders gut als gedacht, aber gut."

Stattdessen saß da gestern ein zauberhaftes, ehrliches, lustiges und sympathisches Paar, dem ich sehr dankbar sind, dass sie 18 wildfremde Menschen in das Innerste ihrer komplizierten Familie blicken lassen, und die erzählen schon wieder die Geschichte davon, wie ihr Elfjähriger heute noch jede Nacht in die Windel macht und in der Schule mit der Schere auf andere Kinder losgeht. Und der Psychologe, der daneben sitzt, nickt dazu und erläutert uns salbungsvoll, dass das vollkommen klar ist. Denn: jede Mutter, die ihre Schwangerschaft nicht voller Begeisterung aufnimmt, spannt unwillkürlich die Bauchdecke an, und was ist die Folge? Das Kind erstarrt im Mutterleib, vorgeburtliches Trauma, Unfähigkeit, Nähe zuzulassen, emotionale Störungen, und dann haben wir den Salat. Das muss man wissen! Das ist eben so. Seit dem Beginn dieser Beratungen geht es eigentlich zu 90% um Probleme. Um Mütter, die ihre Kinder nach einem halben Jahr dann doch wiederhaben wollen. Um Frauen, die wegen schwerster Sucht- und psychischer Probleme betreut wohnen, wovon aber niemand was weiß, und dann erbt das Kind die schwere Psychose. Von schwerstem Autismus. Von totaler Ablehnung der Adoptiveltern. Das kann passieren, ja - aber das kann doch nicht die ganze Wahrheit sein? Und ja, ich weiß, auch das Leben mit autistischen Kindern ist voller Freuden, voller Momente, die man auf keinen Fall missen möchten, niemals würde man sein Kind gegen ein anderes eintauschen, das weiß ich alles! Aber trotzdem habe ich jetzt Angst, und ich könnte mir in die Hose machen, ja, auch mit 39. Und die ganze Vorfreude und Hoffnung, die ich nach der Aufnahme in die Kartei idiotischerweise trotz aller Warnungen und Mahnungen und Unkenrufe empfunden habe, ist sowas von flöten. Ich wünsche sie mir so zurück, und ich bin immer noch optimistisch, dass wir mit dem, was da auf uns zukommt, egal was und egal wie, glücklich werden. Aber...

Ich möchte doch einfach nur ein Kind.

Und ich überlege ernsthaft, ob ich dieser Runde in Zukunft fernbleibe. Vielleicht bin ich auch einfach kein Psychogruppenmensch. Vielleicht mag ich nicht mit einem Namensaufkleber auf dem Hemd spät abends in einem hässlichen Zimmer sitzen. Vielleicht habe ich inzwischen eine handfeste Psychologenallergie entwickelt. Eine Psychologenkontaktallergie! (Reinbeißen würde ich nicht, so weit gehe selbst ich nicht.) Vielleicht sollte ich einfach einen zweiten Stammtisch gründen. Mit dem Mund voller Pizza hört sich vielleicht alles gleich ganz anders an.

Ist es wirklich IMMER, IMMER so? Oder neigen Eltern, denen es so ergangen ist, eher dazu, sich in solchen Gruppen zu engagieren und dann ihren Abend in einem Stuhlkreis zu verbringen? Während die vielen (hoffentlich), bei denen es ein einziges Schönwettersegeln war, gestern Abend im Kino gesessen haben statt im Mehrzweckraum, während der nette Babysitter bei den Kindern ist? Haben die mit Absicht gestern dieses Paar eingeladen, weil sie einfach nicht glauben können und wollen, dass die Dame von der Behörde uns schon so richtig nach Strich und Faden durchgewarnt hat?

Ich und mein Fusselhirn.

Und trotzdem war da gestern auch viel Schönes und Mut machendes. Aber dazu morgen. Heute bin ich kirre.

Wünscht euch was. Jetzt kommt schon!

Es ist nämlich so: wir haben das alles nicht so richtig verstanden mit der Biologie zwischen Baby und Mutti. Denn: damit eine Eizelle sich einnistet, muss die Mutter das Kind irgendwie gewollt haben. Jaha! Da guckt ihr!

Ich weiß, bestimmt gibt es Ausnahmen. Ich weiß auch, bestimmt bin ich ungerecht und ganz bestimmt spielt dabei mit, dass ich mal Psychologie bis fünf Minuten vor Diplom studiert habe und dann doch keinen Abschluss mehr gemacht habe, die sauren Trauben und so. Dass ich bestimmt bei jedem meiner Berufspraktika an genau die falschen Psychologen geraten bin und dass das alles schwarze Schafe waren, während der Rest sich fürchterlich reinhängt, ein ganzes Berufsleben lang immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, auch mal zu gucken, was in den anderen Teilen der Zeitung so steht und nachzudenken, bevor man sich schmunzelnd in seinem Stuhl zurücklehnt und irgendwelchen zusammengefaselten weichgespülten Pop-Wissenschafts-Quatsch einfach so als reine und einzige Wahrheit raushaut. Aber mein Wohlwollen und meine Wertschätzung für diesen Berufsstand schwindet mit jeder persönlichen Begegnung. Und da nutzt es auch nichts, wenn ich anschließend als "Blitzlicht" auf eine weiße Papierwolke schreiben würde, was mir gerade so durch den Kopf geht.

So war das jedenfalls gestern in unserer Gruppe für betreutes Adoptieren.

Und sobald ich mich ein bisschen wieder beruhigt habe, berichte ich auch ausführlicher.

Samstag, 25. August 2012

Drin.

Und damit beginnt die vielleicht längste Warteschleife der Welt. Seit dem Termin am Donnerstag bei uns zuhause sind wir offiziell in der Kartei Hamburger Adoptionswunscheltern. Wie das wohl wird? Kein Horchen auf merkwürdiges Blubbern im Bauch, kein Sprint auf die Toilette als 20 Minuten, um zu gucken, ob der schöne Traum vielleicht schon wieder ausgeträumt ist, kein Bluttest und kein "Weiß ich jetzt eigentlich genau, dass es geklappt hat, und trau mich nur noch nicht, mich richtig zu freuen, oder weiß ich genau, dass es nicht geklappt hat, und alles andere ist hormonell befeuerter Kokolores?"-Haschmich. Die einzige Parallele zur IVF-Warteschleife ist das Warten darauf, dass das Telefon klingelt. Was es theoretisch ab JETZT jederzeit tun könnte. Zwei Jahre lang bleiben wir in der Kartei, und laut Behördendame ist die Wahrscheinlichkeit im ersten Jahr größer als im zweiten Jahr.

Das war ein langer, ziemlich angenehmer und wirklich guter Termin, bei dem sie eine Menge Dinge gesagt hat, die mich jetzt noch beschäftigen. Nachts zwischen zwei und vier beschäftigt mich vor allem, dass sie uns jetzt zum Xten Mal erzählt hat, dass es z.B. bei einem Babyklappenkind noch ein halbes Jahr lang jederzeit passieren könnte, dass die leibliche Mutter sich berappelt und ihr Kind doch wiederhaben will - worüber dann allerdings noch mal ein Richter zu entscheiden hat. Der allerdings - sofern sie irgendwie imstande ist, sich zu kümmern - das Kind im Zweifel der Mutter zuschlägt, so sindse. Und davon, wie schwierig es sein kann, die Mutter, die oft in Zuständen jenseits unserer Vorstellungskraft lebt, dazu zu kriegen, zu einem Notartermin tatsächlich zu erscheinen. Auch das kann lange, lange dauern, und so lange das nicht passiert ist, kann immer noch jemand vor der Tür stehen und uns das Kind (das wir bisher noch nicht mal haben, also RUHIG BLUT, Flora) wieder wegnehmen. (Ich weiß nicht, ob ich mir gerade endlich mal einen dieser berühmten Shitstorms einfange, von denen man doch immer liest, aber ich finde, dieses fast schon Heiligsprechen der Verbindung zwischen leiblicher Mutter und Kind - egal was - in Deutschland ist mir ein bisschen gruselig. Nicht nur, dass die Behörden hier wirklich alles tun, um Leihmutterschaft unter wirklich allen Umständen zu verhindern und Paare zu sabotieren, die es im Ausland versuchen wollen, sondern ich fürchte, das trägt auch ein bisschen Mitschuld daran, dass so viele Mütter und Väter trotz ständiger Anzeigen von Nachbarn und Familie nicht daran gehindert werden, ihre Kinder am Ende verhungern zu lassen, mit Kissen zu ersticken oder im Müll elendiglich verrecken zu lassen. Nach dem, was wir am Donnerstag gehört haben, hätte sogar die Mutter, die ihr Baby damals in einem Koffer am Dammtorbahnhof ausgesetzt hat, noch Chancen, es sechs Monate später wiederzubekommen. Ich denke drüber nach, so fest ich kann, aber ich verstehe es nicht. Aber gut - diesem Problem wenden wir uns zu, wenn wir es haben.)

So viel dazu. Was mich allerdings zwischen morgens um sieben und abends um halb zwölf umtreibt, ist wesentlich erfreulicher: sie kam hier rein und sagte so ziemlich als Erstes, "so schön hat noch kein Adoptionsbewerber gewohnt, bei dem ich zuhause war. Das ist ja perfekt für Kinder." Und dann, am Ende, sagte sie das allerallerbeste: "Sie sind ja so unkompliziert, und Sie können sich so viel vorstellen, und Sie sind so flexibel und spontan, ich kann Ihnen natürlich nichts versprechen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie jetzt vergeblich auf ein Kind warten werden."

Liebe Dame, vor vier Jahren konnte ich mir das auch nicht vorstellen, da hab ich inzwischen EINIGES erlebt, was mich eines Besseren belehrt hat, aber gut - wenn Sie das so sagen, dann wird vielleicht ja was dran sein?

Wenn wir das nächste Mal in den Urlaub fahren, müssen wir vorher schon Bescheid sagen, nur für den Fall, dass in dieser Zeit ein Kind für uns auftaucht. Das ist alles sehr, sehr seltsam, schön und gewaltig. Als wir vorhin mit meiner Schwiegermutter besprochen haben, ob wir wohl nächsten Sommer mal alle zusammen nach Franken in die Oper fahren, habe ich mich schon wieder dabei erwischt, mir das alles folgendermaßen zusammenzuplanen: Also, dann fahren wir mit dem Auto, setzen die Hunde in der Heide in der Hundepension ab und die afrikanischen Zwillinge bei meinen Eltern in Süddeutschland. Kein Problem! (Ja, das habt ihr richtig gelesen. Ich habe die Kinder noch nicht und fange schon an, sie wegzuorganisieren.)

Was ist eigentlich dieses merkwürdige Blubbern, Zicken und Zucken in meinem Bauch?

Sonntag, 19. August 2012

Ich hab's versucht! Ehrlich!

Aber entweder, das Netz wollte nicht so wie ich. Oder mein Rechnerladekabel war irgendwo verschwunden. Oder in dem Moment, in dem ich einen Post schreiben wollte, klingelte mein Telefon, und hinterher waren schon wieder Tomaten zu pellen für die Abendbruschetta, oder mein Hormonbrumsenkörper schrie nach einer Runde im Schwimmbad, oder oder oder. Und so kommt das, dass ich jetzt tatsächlich fast zehn Tage keinen einzigen Piep habe von mir hören lassen. Und jetzt kommt's: während ich tippe, zeichnet sich schon wieder ab, dass das hier kein langer Post wird. Denn L. hat seine ausgefuchste Apparatur angeworfen, mit der er in Nullkommanichts einen Grill voll Kohle durchglühen kann, neben mir steht eine Wagenladung Grillgut, und gleich, wenn die Kohlen so weit sind, dann werde ich schon wieder anderes zu tun haben als Schreiben. Deshalb schnell-schnell: Donnerstag kommt die Adoptionstante zu uns nach Hause, und in manchen Momenten denke ich, wir sollten das Haus schnell abreißen und so wieder aufbauen, wie normale Leute so leben. So mit ordentlich und so. In anderen Momenten sehe ich diesem Termin dermaßen gelassen entgegen, als hätten wir die kleine Wurst schon sicher in unserem noch nicht vorhandenen Kinderwagen liegen. Und mein Unterleib hat mir vor ein paar Wochen eine fabelhafte Überraschung bereitet: nach der Konisation musste ich ja immer wieder zu Extra-Pap-Abstrichen, und die waren immer im besten Fall so lala und nie gut. Bis zu diesem Mal. Ich weiß nicht, warum. An meinem Lebensstil kann es nicht liegen. Aber jetzt ist alles so was von gut, dass es besser gar nicht mehr geht. Sogar so gut, dass wir jetzt ernsthaft darüber nachdenken, mich mit fast 40 noch gegen HPV impfen zu lassen. Was sagt man dazu?
Und jetzt hopphopp an den Grill.

Montag, 23. Juli 2012

Plätzchenbacken 1, Weltanschauung 6.

Es ist morgens um sieben, der Hund (jetzt wieder Einzahl, Hundeschwester Momo ist für drei Wochen bei ihrer alten Familie) rührt sich in seinem Körbchen und ich mich in meinem. Einen leichten Rotwein- und einen etwas schwereren Knoblauchkater habe ich noch vom Abend gestern beim Franzosen mit meinen Geschwistern, die ein Wochenende zu Besuch sind. Aber da war noch was. L. muss jetzt aufwachen, sofort. "Duhuu?" Er brummt irgendwas. Gut genug für mich. Jetzt kann ich ihm den Kracher erzählen: den Kracher, dass meine Oma zu meiner Schwester gesagt hat...

Trommelwirbel, uuuuund Bitte:

"Hoffentlich adoptiert Flora kein Negerkind. Da gibt's doch so viel zu erben."



ZACK.



Das muss jetzt erst mal für einen Moment so stehenbleiben und wirken, oder?



Der werde ich's zeigen. Folgenden Plan haben wir sofort an Ort und Stelle entwickelt:

Beim nächsten Besuch in ihrem poshen Altersheim spreche ich auf der Straße den unansehnlichsten, pickligsten, fusselbärtigsten und insgesamt unerfreulichsten 15jährigen Jungen an, den ich finden kann, und stecke ihm zwanzig Euro dafür zu, dass er mich kurz nach oben in ihre Wohnung begleitet und nasepopelnd und nickend danebenbesteht, während ich Oma erkläre, dass das hier jetzt unser Adoptivsohn Friedrich Wilhelm ist.

Die schaffen wir.

(Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: ich habe meine Oma sehr lieb. Aber auch wenn sie 90 Jahre alt ist, dafür hat sie Haue verdient.)

Dienstag, 17. Juli 2012

Einige Erkenntnisse aus den letzten Wochen in ungeordneter Reihenfolge

Ich hatte wirklich Angst vor diesem Adoptionsprozess. Genau so, wie ich vor jedem Unternehmen Angst habe, bei dem eine Behörde, Fristen, Formulare usw. im Spiel sind. Angst ist vielleicht nicht das richtige Wort, eher so eine Art Widerwillen, erstens gegen Behörden und die etwas schlampige, aber trotzdem eiserne Maschinerie, die oft dahintersteckt; und zweitens gegenüber mir und meiner Art, solche Dinge zu versemmeln. Und dann lasse ich es normalerweise wochenlang, wenn nicht monatelang liegen, bis es gar nicht mehr anders geht und die geringste Bammelei tatsächlich zur Katastrophe führt. Ich weiß, das ist doof, aber ich kann nicht anders, dafür kann ich z.B. lecker Kuchen backen, das ist doch auch schön?!? Ich hatte schon wieder den Krach mit L. im Ohr, den wir zweifellos haben würden, wenn ich wieder mal irgend etwas falsch gemacht oder vergessen haben würde. Jetzt waren wir insgesamt schon vier mal da, die Formulare haben wir auch anstandslos hingekriegt, und das ist alles halb so schlimm. Wir hätten das viel früher angehen sollen. Dagegen spricht natürlich, dass die hören wollen, dass man durch ist mit seiner Kinderwunschbehandlung (was ich zwar nachvollziehen kann, aber nach wie vor nicht gut und zu voreilig finde - nicht alles gilt für alle Wunscheltern gleich). Aber das hätten wir ja irgendwie vertuschen können. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Ich möchte nie wieder diese Diskussion mit jemandem führen darüber, wieso wir uns eigentlich gegenseitig immer noch als Mädchen bezeichnen, obwohl wir alle über 30 sind. Blöde Diskussion. Überflüssige Diskussion. Nervtötende Diskussion. Vor allem, weil jeder, der sie anfängt, sich dabei so gebärdet, als wäre er der erste Mensch auf dem Planeten, dem dieses Phänomen auffällt. Dieser listige Gesichtsausdruck... dieses Schmunzeln... uäch. Mal davon abgesehen, dass dich, lieber Langweiler, das einen feuchten Dreck angeht, wie wir uns nennen. Geh, such dir jemanden, der mit dir darüber reden will, dass das Jahr 2000 eigentlich nicht das Millennium war und Erdbeeren keine Beeren sind.

Laufen in Barfuß-Schuhen mit weicher Sohle und null Pronationsstütze ist ein bisschen so, wie zum ersten Mal in ein Paar Birkenstocks zu steigen: überraschte Füße. Es ist außerdem furchtbar anstrengend, ich bin heilfroh, dass ich gerade nach den letzten Schienbeinzicken und einer miesen Erkältung wieder langsam anfange und gerade so kurz - also wirklich so kurz - um den Park laufe, dass ich euch gar nicht verraten will, wie kurz genau. Und trotzdem habe ich Muskelkater an Stellen, an denen ich noch nie welchen hatte, und ja, ich war schon mal beim Yoga. Außerdem haben sich wundersame Dinge in meinem Leben und meinem Kühlschrank (große Schnittmenge. Größer als bei vielen anderen Menschen.) verändert. Als ich in meinem neuen Laufbauch gelesen habe, Laufen würde die Lust auf Fast Food vertreiben, habe ich laut "HA!" gesagt, wie in "DAS WOLLEN WIR DOCH MAL SEHEN". Und in der Tat: ich könnte jetzt, wie ich hier sitze, ohne mit der Wimper zu zucken zwei riesige Burger samt Fritten, Mayo, Guacamole und ein Vanilleshake dazu verdrücken. Aber das Gute ist: ich habe gleichzeitig auch wieder mehr Lust auf Vollkorn, Gemüse und Obst und Nüsse und Kräutertee, und das nutze ich aus, indem ich mich einfach so schnell bis zum Kragen mit rohen Möhren und dergleichen vollstopfe, so dass trotz aller Bereitschaft kein Burger mehr reinpasst. Das funktioniert ganz gut. Ich kann das nur empfehlen, das mit dem Laufbuch mit dem dämlichen Titel und den Nike free Laufschuhen. (Nu kommt schon. Das letzte Product Placement ist wirklich schon lange her, und Geld kriege ich auch keins dafür.) Ich war noch nie besonders begeistert von meinen angeblich perfekt angepassten dicken hypergefederten Laufschuhen, die immer ein bisschen so aussahen, als wäre ich mit dem Fuß in einen Cassettenrecorder getreten.

Hunde können eine Menge ab. Inzwischen stellt unser Adoptivhund sich schon parat, sobald ich die Chili-Entkernungs-Handschuhe überstreife, um ein bisschen an ihrem Rücken herumzuquetschen. Und so viel Unbekümmertheit ist ansteckend: inzwischen mache ich das einfach so, ohne Schaudern und Würgen, muss ja, und hinterher geht's ihr besser.

Ich habe einen Geschmack gefunden, den ich tatsächlich niemals leid werde. Ich habe seit drei Wochen nicht den geringsten Wunsch nach Abwechslung. Dieser Geschmack ist die Mischung aus Zitrone und Schafskäse. Manchmal ist noch Minze dabei. Oder Melisse. Was sonst noch dazukommt, Tomaten, Hühnchen, Fisch, dicke Bohnen oder auch mal dünne Bohnen oder Kartoffeln, ist mir egal. Wenn das anhält, tut es mir sehr leid für die Mädchen (Genau, die MÄDCHEN!), aber dann werden sie das im Urlaub jeden Tag essen müssen, es sei denn, sie zerren mich mit Gewalt aus der Küche und reißen mir die Fetapackung aus den Händen.

Allen Damen, die sich für Musik interessieren, kann ich die beiden Bands "Au Revoir Simone" und "The Bird and the Bee" empfehlen.

Allen Damen, die genau so traurig wie ich über den Tod von Nora Ephron sind, aber leider schon wieder durch sind mit der Gedächtnislektüre all ihrer Bücher (viel zu wenige, viel zu dünn und viel zu schnell durchgeknuspert), kann ich empfehlen, mal wieder bei Dorothy Parker reinzupieken.

Ich liege auf dem Balkon (also, nicht gerade jetzt, aber theoretisch sehr bald wieder), lese Dorothy Parker, höre "Again and again" von "the bird and the bee" und esse selbstgemachten Flammkuchen mit Schafskäse, Zitrone, Tomaten und Peperoni. Nicht sooo schlecht, das Leben.

Samstag, 14. Juli 2012

Und Hopp!

Letzte Woche Donnerstag war es am pummeligen Pony Flora, über das nächste Hindernis in Richtung "Getrappel kleiner Füße erfüllt unser Haus, und ich meine nicht die Füße der Hunde" zu springen: wieder ein Adoptionstermin, diesmal allein. Eigentlich dachte ich ja, dieser Termin wird so ein bisschen wie getrennte Verhöre von zwei Verdächtigen auf der Polizeiwache: ich habe fest damit gerechnet, dass heute unsere Beziehung zerpflückt wird. Verwickeln wir uns in Widersprüche? Ist irgendwo ein Riss in der (offensichtlich nur vorgetäuschten) Fassade, dass hier ein ziemlich glückliches Paar zusammen gerne ein Kind adoptieren würde? Und als ich letzten Donnerstag da vorfuhr, hatte ich zwar die ganze Fahrt gepfiffen, aber das war ungefähr so wie Pfeifen nachts im dunklen Wald, wenn die Wölfe heulen, das Käuzchen ruft und die Äste knacken. Meine Fingerknöchel waren jedenfalls weiß, als ich sie vom Lenkrad gelöst habe. Aber gut, rein da, da müssen wir durch.

Und dann kam das, was bei dieser Adoptionsgeschichte bisher noch jedes Mal passiert ist, ich kann mich nur noch nicht daran gewöhnen: das war nett. Und es ging überhaupt nicht um unsere Beziehung. Der Allein-Termin war dazu da, dass die nette Dame vom Amt sich mit mir in aller Ruhe und Ausführlichkeit und ohne dass der arme L. daneben hockt und sich langweilen muss (der kennt das ja alles schon bis zum Abwinken, so ist das, wenn man eine Quasselstrippe geheiratet hat) über meine Biographie zu sprechen. Die hatte ich ja schon vor dem ersten Termin schriftlich einzureichen, und weil ausdrücklich nicht erwünscht ist, da etwas in der Form "Dufte Kindheit, Schule hat Spaß gemacht, dann Abi und Studium, guter Abschluss, jetzt toller und fordernder Job und happy happy Liebesglück" abzugeben, gab es doch noch einige mit Textmarker angestrichene Stellen, über die zu sprechen war. Aber wieder hatte ich das Gefühl, das ist alles freundlich und wohlwollend und nicht mit dem Ziel, mir am Ende das Wort im Mund herumzudrehen und mich in einen Problemmenschen zu verwandeln, der jedenfalls noch zehn Jahre Therapie vor sich hat, bevor man ihm dann leider kein Kind mehr geben kann, weil inzwischen zu alt.

Nach dem letzten Gespräch hätte ich das ja eigentlich ahnen können. Denn da wurde klar, dass die Schwierigkeit nicht darin besteht, in die Kartei aufgenommen zu werden, sondern darin, dann auch tatsächlich ein Kind zu bekommen.

Und dann sitze ich da und rede und rede und rede, und bevor ich mich umgucken kann, sitze ich auch schon wieder in meinem Auto und kann ein Grinsen nicht unterdrücken und denke die ganze Heimfahrt: ich glaube, die mag mich. Die mag uns. Die denkt, wir wären gute Eltern. Die wird bestimmt dafür sorgen, dass wir ein Kind bekommen. Warum auch nicht? Wir haben nichts dagegen, wenn das Kind nicht frisch aus dem Kreißsaal zu uns kommt. Die Hautfarbe ist uns vollkommen wumpe, und ich hätte das zwar nicht gedacht, aber für viele, viele Adoptionseltern ist das ein Riesenproblem, das Kind einer Prostituierten zu adoptieren - für uns nicht. Das klappt doch, oder? Oder? Sag doch mal, Abkürzungsschutzpatron? (Du hast jetzt jahrelang auf der faulen Haut gelegen, was mich betrifft, nun zeig mal, dass Du überhaupt noch lebst.) Und dann will ich schon wieder gegensteuern: genau dieses Gefühl, mein Gänseblümchen, hattest du bisher fast jedes Mal, wenn Du nach einer Rückübertragung aus der Praxis geschwebt bist. Und da ist er wieder: der Klassiker unter den inneren Dialogen einer Abkürzungsdame.
"Ich glaube, das klappt."
"Flieg nicht zu hoch, mein kinderloser Freund."
"Wieso denn nicht? Verdammt noch mal?"
"Schätzelein, das braucht keinen Grund, um nicht zu klappen. Es könnte einfach ganz banal nicht klappen, Erklärungen werden nicht gegeben."
"Ich finde, diesmal sind wir dran."
"Das finde ich auch, aber uns fragt hier ja keiner."
"Du wirst sehen, dieses Jahr zu W..."
"Bitte, bitte, bitte nicht wieder die Nummer mit 'dieses Jahr zu Weihnachten haben wir ein Baby'. Jetzt komm."
"Weißt du was, kursive innere Stimme? Ich fahr hier kurz rechts ran, und den Rest des Weges fährst du mit der Bahn."

Und das war also mein Donnerstag letzte Woche.

Dienstag, 10. Juli 2012

Wir üben noch

Bevor das hier Stunk gibt: ja, ich weiß, dass Hunde nicht mit Kindern zu vergleichen sind. In keiner Weise! Es ist nur so, dass mich meine Erlebnisse mit Hunden (Mehrzahl, ja) ab und zu an das erinnern, was ich mir mit Kindern so vorstelle, befürchte oder hoffe. Gerade versuchen wir, ein Kind zu adoptieren. Und während wir noch dabei sind (da steht auch noch ein Bericht aus, zu dem ich bestimmt morgen oder übermorgen komme, bitte habt Geduld, sobald es hier mal um was Ernstes geht, schreibt sich das manchmal nicht einfach so zwischendurch weg), adoptieren wir - wenigstens ein bisschen - einen Hund.

Von Momo hatte ich ja schon erzählt. Es gab Gespräche und Kennenlernen und Besuche und noch mehr Gespräche, und jetzt ist sie erst mal bei uns, es sei denn, sie ist gerade bei ihrer angestammten Familie. Als wir Momo kennengelernt haben, war schon von ihren Lipomen die Rede. Das sind gutartige Tumore im Fettgewebe, die hatte sie kurz vorm Schwanz, und "Fetttumor" klingt zwar widerlich, aber in Wahrheit waren das einfach nur zwei feste Beulen im Fell mit dem Durchmesser eines Tischtennisballs. Zurück aus der Heide bemerkten wir am Montag Morgen, dass einer der Tennisbälle süppschte. Das Fell drumherum war wie mit Schneckenschleim (isst hier eigentlich gerade jemand während des Lesens? Dann würde ich eins von beidem lassen, es kommt noch schlimmer) verkleistert. Weil der Hund sonst ganz munter war, haben wir bis heute gewartet mit dem Tierarztbesuch. Heute war L. dran, ich saß sicher im Büro. Dann kam irgendwann der Anruf: nix Lipom, das sind Atherome, auch Grützbeutel (hab ich zu viel versprochen?) genannt - so etwas wie ein riesiger Pickel, nur noch viel entzündlicher und auch nicht ganz ungefährlich. Die offene Beule ist jetzt rasiert, wurde gereinigt, mit Salbe versorgt, Momo muss alle 12 Stunden eine in eine Wurstscheibe gewickelte Tablette bekommen, und Salbe müssen wir auch weiter draufschmieren. Das wirklich schlimme, schreckliche aber, das mich an Kinder erinnert, ist das: mehrmals täglich müssen wir uns die Hände waschen, am besten auch in Einweghandschuhe schlüpfen und das Ding ausdrücken. Seit L. mir das heute mittag erzählt hatte, konnte ich an nichts anderes mehr denken als an das Grauen, nach Hause zu kommen und einen gigantischen Hundepickel ausdrücken zu müssen. Dann war ich zuhause und habe es hinter mich gebracht: Einweghandschuhe habe ich zu Hunderten (ich nehm die zum Kochen, wenn es z.B. eine Chili zu entkernen gibt) (Oh Gott, nun kann ich nie wieder Chilis entkernen, ohne an den Grützbeutel zu denken) (Tja, Pech, ihr jetzt vermutlich auch nicht mehr, tut mir leid). Mir zittern immer noch die Hände ein bisschen, aber was soll's? Liebe macht es möglich, und wenn es auch die gerade erst frisch aufkeimende Liebe zu einem mir vor drei Wochen noch fremden Hund ist. Ich denke daran, wie ich als Kind nach den Windpocken ein paar Furunkel als Souvenir davongetragen hatte, und meine Mutter musste mit mir in der leeren Badewanne sitzen und sie verarzten, während mein brüllender Bruder danebenstand. Ich denke an meine alte Teampartnerin, die morgens bleich aus dem Haus schwankte und erzählte, sie hätte die ganze Nacht damit zugebracht, Rotz aus der Nase ihres schwer erkälteten Säuglings zu saugen. Solche Sachen passieren, wenn man die Verantwortung für ein ansonsten hilfloses Wesen übernimmt. Sie sind nicht schön, sie können einem auch noch Jahre später die schönste Mahlzeit versauen (zumindest, wenn man wie ich ein Talent dafür hat, sich immer an das Falsche zu erinnern), aber sie gehören dazu.

Und wieder mal habe ich ungerechtfertigterweise das Gefühl, mein Leben ist ein Adoptions-Assessment-Center. (Und wer muss es ausbaden? Das Tierchen.)

Montag, 11. Juni 2012

Stell dich nicht so an, Elefantenkühe warten fast zwei Jahre.

Nach fast zwei Stunden im Büro der Behördendame, in denen wir uns die Schneidezähne lose geschnattert hatten, wollte sie wissen, ob wir denn jetzt noch Fragen hätten? Ich hatte eine. Im ersten Gespräch hatten wir erfahren, unsere Chancen, tatsächlich ein Kind adoptieren zu können, stünden bei 1:9. (Wobei, damit hier keine Missverständnisse entstehen, wir die nicht die 1 sind, sondern einer der 9.) Und seitdem brannte mir die Frage auf der Seele, worauf sich diese 9 beziehen: auf alle, die bei diesem ersten Termin waren? Also auch auf die, die gleich bei diesem ersten Infogespräch erfahren mussten, dass es bei ihnen wohl nichts wird - zu alt, zu unverheiratet, zu... ? Oder ob erst ab dem Moment gezählt wird, wenn wir es erfolgreich in die Kartei adoptionswilliger Paare mit Schweinchenstempel vom Amt geschafft haben? Die Antwort war leider: letzteres. Aber trotzdem bin ich eigentlich ganz guter Dinge. Sowohl beim ersten als auch beim zweiten Gespräch fühlte ich mich freundlich angestrahlt und sogar eigentlich auch gemocht. Und ich weiß nicht, ob ich das schon 80mal oder eher 200mal erwähnt habe, normalerweise gehe ich immer davon aus, dass die Leute mich eher nicht so mögen - ist so ein Tick von mir und war schon immer so. (Vielleicht ist es aber auch kein Tick, sondern bittere Realität? GASP!) Und - und das ist fast noch wichtiger für's gute Gefühl - die Dame hat uns erklärt, dass adoptionswillige Paare so gut wie nie offiziell abgelehnt werden. Wenn es bei jemandem ernsthafte Gründe gibt, warum es nichts wird, versuchen sie meistens, ihnen die Bewerbung rechtzeitig auszureden, um ihnen jahrelange und am Ende enttäuschte Hoffnung zu ersparen. Lassen sich die Paare ihren Traum nicht ausreden (und wer könnte ihnen das nicht nachfühlen?), dann kommen sie in die Kartei und warten dann eben vergebens - würde man sie offiziell ablehnen, würden sie vermutlich dagegen klagen. Letzten Endes nimmt das Amt, wenn sie ein Kind zu vermitteln haben, die Bewerber vom großen, großen Stapel, die am besten zu diesem Kind passen. Und die, die nicht passen, bleiben eben wieder und wieder liegen - nicht aus Rechthaberei oder Bosheit, sondern einfach deshalb, weil dieses Paar einfach gegenüber anderen Paaren weniger dafür geeignet zu sein scheint, diesem Kind eine glückliche, liebevolle, sichere und schöne Zukunft zu bieten. ("Wir suchen Eltern für Kinder, nicht umgekehrt" ist das schon ca. zwanzig mal gehörte und gelesene Motto.) Und weil ich - fragt mich nicht, wieso - fest glaube, dass wir für viele Kinder passen würden, glaube ich, wir sind zwar vielleicht eins von vielen Paaren, aber trotzdem - Myome, haltet euch die Ohren zu - könnte es diesmal wirklich uns treffen.

Es ist wirklich sehr, sehr merkwürdig. Seit vier Jahren wünsche ich mir nichts mehr als Kind. Und jetzt könnte es tatsächlich klappen, und zwar von heute auf morgen. So unfassbar das auch scheint, es könnte sein, dass noch dieses Jahr eine Woche mit einem ganz normalen Montag und Dienstag im Job beginnt, ab zehn Uhr fange ich damit an, über das Mittagessen nachzudenken. Dann klingelt Dienstag gegen Abend das Telefon. Mittwoch und Donnerstag hasten wir wie im Fieber durch IKEA und Baby Walz. Und Freitag nehmen wir ein Kind mit nach Hause. Das wir dann vermutlich das ganze Wochenende einfach nur anstarren. Und Montag bleibt mein Schreibtischstuhl leer.

Ich habe übrigens lange darüber nachgedacht, wie und wann ich das meinem Haupt-Auftraggeber sage. "Wie" ist glaube ich nicht schwer: immer raus damit, das wird das Beste sein. "Wann" mittlerweile auch: Sobald wir den Bescheid haben, dass unser Antrag akzeptiert ist. Was ja, wie wir jetzt erfahren haben, nur eine Frage der Zeit ist. Uff.

Wie lange noch wie lange noch wie lange noch?

Samstag, 9. Juni 2012

Man muss nicht schwanger sein, um schwanger zu sein

Wir kriegen ein Baby. Wie das wohl wird? Wird es eher so aussehen wie L. mit seinem langen Gesicht, der schmalen Nase, den immer etwas erstaunten Augen und den schlaksigen Armen und Beinen? Oder so wie ich mit rundem Gesicht, roten Haaren und viel zu heller Haut? Wird es mit L. zum Fußball gehen oder mit mir am Wohnzimmertisch in eine Staubwolke aus Mehl gehüllt Plätzchen backen? Wird es gut pfeifen können wie wir beide? Oder vollkommen unmusikalisch sein wie der größte Teil unserer restlichen Familien? Wird es genau wie ich schon im Kindergarten eine Brille brauchen, gerne auch mit einem abgeklebten Auge, wenn schon, denn schon? Wird es eher vorsichtig oder ein Draufgänger, wird es im vollsten Vertrauen darauf durch die Welt gehen, dass man es überall gern hat oder eher so wie ich lieber erst mal bis zum Beweis des Gegenteils glauben, dem Rest der Welt erst mal im besten Fall egal zu sein? Wird es gesund, glücklich, freundlich, schlau und lustig? Und um mal was ganz nebensächliches zu fragen: wird es ein Junge oder ein Mädchen?

Zwar ist das schon eine ganze Weile her, dass ich schwanger war und mir solche Gedanken gemacht habe, aber trotzdem habe ich das noch ziemlich gut vor Augen.
Diesmal ist all das plus noch einiges mehr. Was wird das für eine Mutter sein, deren Kind wir bekommen? Wird ihr ganzes Leben ein Unfall gewesen sein, und jetzt eben auch das Kind? Wenn ich sie kennen würde, würde ich sie mögen oder nicht? Hätte ich oder sonst jemand irgend etwas für sie tun können, damit sie nicht ihr Kind abgibt? Würde sie das überhaupt wollen? Wie viel von ihr wird in dem Kind stecken? Wird es eher ein Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Wintermensch? Freut es sich mehr über den ersten Schnee oder über das erste Mal Freibad im Jahr? Wenn ich versuchen werde, ihm beizubringen, auf zwei Fingern zu pfeifen, wird es sich dafür überhaupt interessieren? Wird es zurechtkommen mit seinem neuen Leben bei uns? Wird es uns gern haben? Wird es jedes Mal, wenn es aus irgend einem Grund zornig auf uns ist, sagen, dass es ihm jetzt reicht und es zu seiner richtigen Mutter will? Wie lange wird es bei uns sein, bis es mich Mama nennt? Wird meine Oma es noch kennen lernen? Wird es Bücher lieber vorgelesen bekommen, selber lesen oder wird es auf Bücher pfeifen? Werden wir sofort wissen, dass wir zusammengehören, wenn wir es zum ersten Mal sehen? Oder wird das viele Monate dauern oder am Ende sogar nie passieren?

Es ist wirklich aufregend. Dritter Monat, und ich habe fast das Gefühl, es tritt mich schon.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Dienst oder Dienstmerkmal nicht möglich

Leider hat Flora heute eine Betriebsstörung, es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Schon auf der Heimfahrt vom Termin habe ich innerhalb von zwanzig Minuten sämtliche Symptome einer dicken, fetten, schleimigen, widerlichen Erkältung entwickelt. Und jetzt liege ich in einem giftgrünen Samtanzug mit Reißverschluss (so schlecht geht's mir nämlich) im Bett und hoffe darauf, dass L. bald vom Einkaufen zurück ist mit meiner Bestellung über eine Tonne Vitamine und zehn Liter Hühnersuppe. Ach je, bin ich schwach. Und elend. Und rotzig. Und reibeisen-stimmig, was L. gar nicht so schlecht zu finden scheint - einerseits eine feine Sache, andererseits - heute, röchel, leider nicht - und glücklich. Denn das war ein guter Termin. Ich hab nicht damit gerechnet, da heute in der Luft zerfetzt zu werden. Ich hatte auch nicht mit Kreuzverhören gerechnet oder damit, dass inzwischen schon so eine Art Stasi-Akte über uns existiert. Aber trotzdem bin ich froh, dass wir ein 120 minütiges, sehr sehr nettes Gespräch hatten. Viele Fragen tauchten in diesem Gespräch zum ersten Mal auf. Andere haben sich dagegen erledigt, zum Beispiel hat sich herausgestellt, dass L. es richtig verstanden hat und ich falsch: wir mussten uns entscheiden zwischen Äthiopien und Hamburg. Und nachdem Kinder aus Äthiopien so gut wie nie Säuglinge sind und die Wartezeit im Ausland noch deutlich länger sein kann, wir außerdem zusätzlich mit einer Behörde aus Süddeutschland zusammenarbeiten müssten und unsere Chancen in Hamburg auch gar nicht so schlecht stehen, haben wir uns angeguckt und dann gesagt: Hamburg. Wir wurden viel nach Dingen gefragt, die für uns ein Hinderungsgrund wären, und bei vielen davon konnte ich mich nur fragen: für wen ist das denn ein Hinderungsgrund? Hautfarbe? Prostitution als Hintergrund? Ein Kind aus einer Babyklappe? Vielleicht bin ich zu naiv, aber ich habe die Vorstellung, ein Kind in einer Babyklappe ist fast wie ein Kind, das jemand in eine Decke gewickelt vor unsere Haustür legt. Würde ich da lange fragen? Nö. Das einzige Thema, das mich wirklich ernsthaft zweifeln lassen würde, ist eine schwere Alkoholikerin als Mutter - weil, das habe ich jetzt oft genug gelesen, um es zu glauben, viel Alkohol in der Schwangerschaft viel, viel schlimmere Schäden anrichtet als selbst harte Drogen. Ganz sicher können wir uns da natürlich nie sein - Frauen, die ihr Kind abgeben und sich zu Gesprächen in einer Behörde einfinden, werden vermutlich ungern zugeben, dass es unter einer Flasche Vodka täglich nicht läuft. Aber in dem Moment, in dem klar ist, dass das mit Sicherheit so ist - in dem wir ganz sicher wissen, die Frau ist schwere Alkoholikerin - würde mir das Angst machen, und ich würde vermutlich die Finger von diesem Kind lassen. In allen anderen Fällen würden wir das tun, was andere werdende Eltern auch tun: Daumen drücken und auf unser Glück vertrauen.

Ächz. Finger zu schwer für Tastatur. Außerdem komische Quietschgeräusche in Fingergelenken und Hirnwindungen. Morgen mehr. Für heute: gute Nacht.

And now for something completely different:
An wen glaubt ihr übrigens heute Abend? Die friesische Giraffe?

Fünf Tests für ein Baby

Wie schon mein ganzes Leben lang an Weihnachten, Präsentationstagen und dem Morgen vor Adoptionsbewerbungsgesprächen bin ich ungefähr zwei Stunden früher glockenwach, als ich es eigentlich sein müsste. Jemand, den die Schlummerfunktion seines Weckers eines Tages seine berufliche Existenz kosten wird, hat heute um Viertel vor sechs seine Schilddrüsentablette genommen und darf deshalb jetzt schon bei Earl Grey mit Milch sitzen und tippen. Und ja, wir sollen eigentlich die ganze Kinderwunschbehandlung hinter uns gelassen haben, aber wenn ich mich so erinnere, dann hat das hier doch eine Menge Gemeinsamkeiten: fünf Gespräche, bis wir irgendwann in die Kartei aufgenommen oder abgelehnt werden - das ist ein bisschen wie erster Ultraschall und Blutuntersuchung, wie weit der Zyklus ist, dann zweite Blutuntersuchung und zweiter Ultraschall mit Blick auf Eibläschen, dann dritter kurz vor Punktion, dann Punktion, dann Anruf im Labor, wie es den Gören geht, dann Rückübertragung, dann Test, dann noch mal Test, dann wieder Test, dann irgendwann Herztonultraschall... Abkürzungsdamen, ich finde, diesmal, wo mir meine Eileiter, meine kapriziöse bis schrullige Gebärmutter und meine hormonelle Ausstattung mal nicht reinpfuschen können, sollte doch alles klappen?

Irgendwo da draußen, vielleicht in Afrika, vielleicht in Hamburg-Billstedt, sitzt gerade eine mir fremde Frau und kaut an den Nägeln, weil mittlerweile - nach drei Monaten gänzlich ohne Periode - wohl nicht mehr abzustreiten ist, dass Nachwuchs kommt. Vielleicht ist sie völlig verzweifelt, weil sie schon nicht weiß, wie sie ihre anderen sechs Kinder durchkriegen soll. Vielleicht hat sie schon ein paar Mal darüber nachgedacht, sich umzubringen. Vielleicht hat sie keine Ahnung, wer von diesen ganzen Kapalken der Vater ist. Oder sie hasst ihn mehr als irgend einen anderen Menschen auf der Welt, weil er sie vergewaltigt hat und ihr Leben in einen Albtraum aus Gewalt, Paranoia und Zwang verwandelt. Oder sie ist so vollkommen neben der Spur und aus der Zeit gefallen, dass sie auch im fünften Monat noch nicht versteht, dass sie schwanger ist, und sie schießt sich immer noch täglich fluchend in eine Hose, die sie fast in zwei Hälften teilt. Vielleicht ist sie auch noch viel zu jung, um zu verstehen, was passiert ist und was - au Backe - demnächst noch passieren wird, davon wollen wir gar nicht reden. Vielleicht trägt sie auch neuerdings statt bauchfrei in Größe 36 luftige Hängerchen in Größe 42, und ihre Mutter fragt sich, wieso sie sich plötzlich im Bad einschließt und nicht mit den Strandurlaub will, während sie an nichts anderes mehr denken kann als daran, dass das hoffentlich niemand merkt, das, was doch täglich lauter und deutlicher danach schreit, bemerkt zu werden. Vielleicht ist es auch so ganz anders, sie hat eine pro- und contra-Liste gemacht und denkt gerade "Nee nee, jetzt ein Balg, und dann auch noch von diesem Kapalken, das lassen wir mal", kann sich aber andererseits auch irgendwie nicht lang genug vom Sofa aufraffen, um sich um eine Abtreibung zu kümmern.
Und vielleicht gibt es in der Familie dieser Frau eine alte Tante, die mit dem Kopf wackelt und ungefragt Ratschläge verteilt, wie z.B. diesen: "Jaja, hat doch auch alles sein Gutes, jaja, wirst schon sehen, wirst schon sehen."

Da kann ich ihr nur herzlich beipflichten.

Samstag, 2. Juni 2012

Servicewüste Eiertanz

Liebe Abkürzungsdamen und vor allem liebe eifrige Kommentatorinnen,

heute muss ich mal kurz was erklären und mich vielleicht auch entschuldigen. Viele schreiben mir hier einfach nur wunderbare Dinge, Nettigkeiten, Lob und Anteilnahme, und ich freu mir einen dritten Eierstock, wenn ich das lese. Andere wollen etwas wissen und warten dann teilweise Monate auf eine Antwort. Auf die komme ich gleich noch mal zurück. Und dann gibt es wieder welche - sehr, sehr wenige, und die meinen das auch bestimmt nicht böse - die schaffen es irgendwie, mir einen Kommentar genau im falschen Moment zu unterbreiten. Also mir in einem Moment zu schreiben (was sie natürlich nicht ahnen können), in dem ich gerade fürchterlich dünnhäutig, innerlich unsortiert und überhaupt nicht darauf vorbereitet bin. Eigentlich ist dieser Blog für mich eine große Stütze und hat seinen Zweck, mir dabei zu helfen, den Kopf während der Kinderwunschzeit über Wasser zu behalten, voll erfüllt. Tut er immer noch jeden Tag. Aber es gab auch Momente, da lief er mir furchtbar quer. Zum Beispiel damals, beim ersten und bisher auch zum Glück einzigen Kommentar, den ich jemals gelöscht habe: als mir eine schrieb, dass es mir verhältnismäßig gut ginge, würde eben bedeuten, dass ich mir ein Kind in Wahrheit gar nicht wirklich wünschen würde. Damals saß ich gerade im Enttäuschungs-Erholungs-Urlaub mit L. in New York und wollte nicht zwei ganze Tage abwechselnd vor Wut, Entrüstung und Rechtfertigungsdrang schäumen. Drei mal habe ich angesetzt zu einem Antwortkommentar mit dem wackligen Hotel-WLAN, dann habe ich gedacht "Meine Urlaubszeit kriegst du nicht, du Empathie-Günther" und den Kommentar einfach simsalabim gelöscht. So blöde wurde es nie wieder (bis auf den Troll damals, aber über Trolle kann ich zum Glück lachen), aber manchmal hatte ich nach dem Lesen eines Kommentars noch das Gefühl, ich wäre beim Schwimmen im lauen Mittelmeer plötzlich an eine Feuerqualle geraten. So genau konnte man das gar nicht immer begründen, war aber so. Nun gibt es zwar Haifischwarnungen, aber so viel ich weiß keine Quallenwarnungen, wobei mir Haie im Zweifel fast noch lieber sind als Quallen, und überhaupt, wusstet ihr eigentlich, dass jährlich viel mehr Haie durch Menschen... jajaja, rollt nur mit den Augen! (Für Quallen gilt vermutlich das Gleiche.)... aber, wo war ich: die Quallen haben doch dem Urlaubsgefühl im lauen Wasser ziemlichen Abbruch getan. Ich wollte nicht mehr um kurz vor Mitternacht, eingemuckelt mit L. auf dem Sofa vorm Feuer und mit einem Glas Wein in der Hand, plötzlich von einer Feuerqualle erwischt werden. Oder mit meinen Mädchen irgendwo bei griechischen Schweinereien und Getratsche. Oder mitten in einer Präsentationsvorbereitung, im Zahnarztwartezimmer vor der Wurzelbehandlung oder im ICE "Gude Laune" nach Frankfurt.

Darum habe ich irgendwann letzten Winter an einem langen, dunklen, stürmischen Abend beschlossen, dass eine Änderung einzutreten hat: so wichtig der Blog mir immer noch ist, er sollte nicht mehr Tag und Nacht unkontrolliert in meine Badebucht eindringen können. Darum habe ich an diesem Abend die Kommentarfunktion so umgestellt, dass ich die Kommentare nicht mehr per Mail auf eine meiner zwei Alltags-Adressen bekomme (die beide sowohl auf das fest installierte Mailprogramm meines Rechners als auch in mein iphone münden), sondern sie werden an eine neue Adresse eigens zu diesem Zweck geschickt. Alle paar Wochen versuche ich, da reinzugucken, außerdem natürlich, wenn ich gerade schreibe - dann lese ich gerne auch mal die Kommentare der letzten fünf Posts durch. Aber die Kommentare sind jetzt längst nicht mehr so präsent, oder besser, jetzt entscheide ich, wann ein guter Moment ist, um sie zu lesen und wann ich eine eventuelle Qualle, die sich zwischen all die tollen, freundlichen, lustigen, klugen und Mut machenden Kommentare gemischt hat, mit einem Lächeln wegstecken kann.

Und so kommt das, dass ich in letzter Zeit leider immer öfter Antworten schuldig bleibe auf Fragen, die doch eigentlich innerhalb von 24 Stunden zu beantworten sein sollten. Bitte seid nicht böse. Ich gebe mir Mühe. Ich verspreche es. Und ich wollte mich wieder mal bedanken: liebe Nicht-Quallen, kann sein, dass der Blog eine große Stütze für mich ist. Aber ihr seid es bestimmt noch mehr.

Und um die guten Vorsätze gleich umzusetzen: Das Buch heißt Adoption und ist von Herbert Riedle, Barbara Gillig-Riedle und Brigitte Riedle. Leider für ein Taschenbuch mit fast 30 Euro ganz schön teuer, aber ich hab das Gefühl, das ist es wert.