Posts mit dem Label Schlafen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schlafen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 5. August 2015

Weiß hier jemand, ob Schlaf manische Phasen auslösen kann?

So sieht's nämlich aus hier: heute ist unser Kindermädchen noch da. Morgen nicht, und morgen tagsüber stehe ich noch mal vor der unfassbar harten und brutalen Aufgabe, meine beiden Kinder alleine (!GASP!) zu betreuen. Bis Abends dann meine Schwester kommt, die bis Sonntag bleibt. Und Freitags meine Eltern dazu kommen, für die ich seit der Geburt der beiden nur noch eine Nebenattraktion bin und die bis Sonntag liebevoll mit meinen Jungs herummuckeln werden. Sonntag gegen Abend kommt L. von seiner Wochenend-Eskapade zurück, wir gehen vielleicht mal auf diesen Eismarkt am Alten Mädchen, und Montag morgen würde ich am liebsten eine Flasche Sekt öffnen, wäre gerade nicht alkoholfrei, denn Montag fängt nach drei Wochen Sommerferien die Kita wieder an. Dann ist ja quasi schon Mitte August! Dann also noch der halbe August, dann September, Oktober, und vielleicht hat Michel ab November auch einen Kitaplatz. Gerade liegt die Welt vor mir wie eine große, bunte... was weiß ich... jedenfalls wie etwas Schönes, Entspanntes, Sommerliches und Fröhliches. Es ist nämlich so, dass ich zwar gerade von keinem anderen Treibstoff als koffeinfreiem Kaffee mit Eiswürfeln und dem einen oder anderen Glas Buttermilch angetrieben tatsächlich viel Spaß mit den beiden Jungs habe und sie hoffentlich auch mit mir, dass ich sie gerade täglich ungefähr 50mal sentimental anglotze und denke "Hach!" oder so, aber trotzdem habe ich auch gerade das Gefühl, ich könnte noch so viel anderes tun. Ich habe ein paar Ideen, die ich gerne aufschreiben würde, ich muss mir langsam überlegen, was und wann und wie ich wieder arbeiten will, und sobald meine zweiten Tage seit der Geburt endlich vorbei sind (ein grässliches Blutbad, ist das jetzt immer so?), kommt Gewicht Nr.4 zum Einsatz und dann hoffentlich auch bald die Laufschuhe wieder.

Michel wacht jetzt im Schnitt pro Nacht nur noch zwei mal auf, und ich vibriere vor Tatendrang. Schlaf ist tatsächlich der ganze Unterschied. Mit oder ohne Schlaf stellt sich die exakt gleiche Szenerie dar wie einmal von David Lynch gefilmt und einmal von den Leuten, die sonst die Ferrero-Weihnachts-Werbefilme drehen. Ohne Schlaf ist das Leben ein ständiger zäher Kampf gegen lauter kleine Gemeinheiten, die in meiner spröden, müden Seele schrapnellartige Schäden anrichten. Ohne Schlaf drohen Nervenzusammenbrüche wegen einer patzigen Bemerkung oder einer nicht weggeräumten Kaffeetasse von L.. Ohne Schlaf ist Kindergebrüll immer persönlich gemeint und der Beweis, dass ich als Mutter eine Vollniete bin. Ohne Schlaf habe ich absolut keine Reserven für solche Mini-Kataströphchen wie eine leere Waschmittelbox, eine runtergefallene halbvolle Glasnuckelflasche, eine ausgelaufene Windel oder eine Osteopathin, die in den Sommerurlaub fährt, wenn mein Rücken sie dringend bräuchte. Mit - türilü, kein Problem! Lächle, und die Kinder lächeln zurück! Hach, was ham die alle nur, die Muttibloggerinnen und ihr ewiges Gejammer von wegen keine Zeit zum Duschen? Ey, einatmen, ausatmen! Mutti hatte ihre sechs Stunden heute Nacht, genau wie gestern und vorgestern auch! Und jetzt? Suche ich mir einen Cellolehrer? Lerne ich japanisch? Oder diesen Tanz, wo sie immer in der Scheune herumstampfen und Yippie schreien?

Nee, bei näherer Überlegung wohl doch nicht.



Dienstag, 12. Mai 2015

Sechs Monate

Manchmal habe ich den üblen Verdacht, ich hätte mir in den letzten Monaten mein bisschen Humor einfach weggestillt. Mit der Muttermilch ausgesaugt und futschi. Das wäre eine Erklärung dafür, wieso ich mit diesem Streiflicht zum Thema Muttertag so gar nichts anfangen kann und das dumpfe Gefühl hatte, hier hatte jemand die unangenehme Aufgabe zu erfüllen, über Mütter zu schreiben, hatte weder Zeit noch Bock und irgendwie auch keine Ahnung, was er schreiben soll, und herausgekommen ist dann so ein verschraubter Quark. Aber gut. Wäre ich seine (oder ihre?) Mutter, würde der nächste Geburtstagskuchen deutlich trockener ausfallen als gewohnt. Vielleicht sogar ein bisschen angekokelt, wer weiß? Wir Mütter haben da so unsere Methoden, unsere giftigen, seelenzerstörerischen Kniffe.

Und sonst? Gerade gäbe es eine Menge über Krankheit zu schreiben, aber das macht keinen Spaß, darum lasse ich es einfach. Stattdessen habe ich zu berichten, dass Michel sechs Monate alt ist, was mir merkwürdig vorkommt, denn es fühlt sich an, als wäre er schon Jahre hier. (Und das könnte daran liegen, dass gerade jeder Tag statt 16 so ungefähr 21 wache Stunden hat, das streckt die Zeit ganz schön...) Und es tut sich was. L. sagt, ich spinne, und außerdem, dass ich nun schon seit Monaten behaupte, JETZT würde aber wirklich gerade was passieren, was aber offensichtlich nur für mich sichtbar wäre - ich bestehe drauf, es tut sich was. Ich weiß, eines Tages wird der Altersunterschied zwischen den beiden - gerade mal fünfzehneinhalb Monate - praktisch nichts mehr ausmachen und komplett verschwinden. Noch liegen Welten dazwischen: der Unterschied zwischen sechs und einundzwanzig Monaten ist der Unterschied zwischen sieben mal täglich "Gute Nacht Gorilla" vorlesen und Augenringen bis Meppen, zwischen Fläschchen und noch mehr Fläschchen und einer schönen Portion Muscheln mit Chili, zwischen zwanzig Minuten Nickerchen-Freiheit - wenn auch immer mit einem Ohr im Kinderzimmer - und sechs Stunden Kita, zwischen Schleppen bis der Rücken ächzt und mit einer Tasse Tee gemächlich hinterher schlendern, während Kalle den Garten erkundet. Aber trotzdem finde ich, Michel ist schon heute näher dran an seinem Bruder als an dem knallroten brüllenden Wesen, das sie mir damals um zwei vor vier im Kreißsaal Nr.3 in die Arme gelegt haben. Er fasst sich anders an, und wenn ich ihn trage, kann er auf meiner Hüfte sitzen und guckt sich wissbegierig um. Lege ich ihn auf den Boden, dann dreht er sich fast sofort auf den Bauch, zieht die Beine an, Hintern in die Höhe, und dann fängt er an, vor und zurück zu schunkeln. Nach ein paar Sekunden fängt er an zu meckern, weil das zwei Meter entfernte Spielzeug immer noch nicht näher gekommen ist, aber diesen Trick hat er bestimmt bald raus. Selbst L., der sonst nicht zu seinen frenetischsten Cheerleadern gehört, glaubt daran, dass er früher laufen können wird als Kalle. Er lächelt und hat schon so etwas wie Vorlieben: wenn es mich überkommt und ich ihm zwanzig Knallküsschen aufs Gesicht drücke, dann guckt er mich nachsichtig lächelnd an, als wäre das ein echt lahmer Scherz, aber irgendwie immer noch ok. Er liegt gerne auf seiner Wickelkommode und verehrt die Wärmelampe, die zwar nicht mehr nötig wäre, aber ihm zuliebe mache ich sie trotzdem noch an. Er liebt es, Papier zu vernichten, und inzwischen kann ich nicht mehr essen, während ich ihn auf dem Arm habe, denn er wirft sich mit seiner ganzen ziemlich beträchtlichen Kraft in Richtung des Tellers. Man muss nicht Freud sein, um drauf zu kommen, dass das wohl heißt, er hätte jetzt langsam gerne etwas anderes als Premilch - aber blöderweise verträgt er die Versuche, seinen Speiseplan zu bereichern, bisher nicht besonders gut. Fruchtgläschen waren alle eine Katastrophe, Gemüsegläschen gehen ein bisschen besser. Babyratgeber sprechen immer davon, man sollte seinem Kind Brotrinden zum Lutschen geben, auch um einer Glutenunverträglichkeit vorzubeugen - aber ehrlich, dazu bin ich zu ängstlich. Bekommt er meinen Finger zu fassen, dann erlebe ich täglich mehrmals hautnah, wie viel Kraft so eine kleine Wurst im Kiefer hat. Der kriegt doch ohne weiteres eine Brotrinde klein, und dann? (Das übrigens aus den gleichen Ratgebern, die sonst vor eine Nummer zu großen Schlafsäcken, Kuscheltieren oder Todes-Kunststoff in Kinderwagen warnen...) Vielleicht lerne ich zur Abwechslung mal rechtzeitig dazu, vergesse die Gläschen und gehe direkt zu vorsichtig Selbstgekochtem über. Irgendwo in meinem Vorratsschrank müssen noch die Vorräte an italienischer Babypasta sein, die ich für Kalle mal angelegt hatte, bevor mir irgendwann klar wurde, dass der einfach essen will, was wir essen, und bis dahin gerne bei Milch bleibt.
Wir bewegen uns also langsam raus aus dem Baby- hinein ins Jungsterritorium. Zumindest tagsüber, nachts ist immer noch alles ungefähr so wie damals auf der Neugeborenenstation, nur dass nicht alle drei Stunden gewickelt wird. Er brüllt, ich schmeichle und beruhige und versuche, mich langweilig und neutral zu verhalten, ich mache Fläschchen und trage sie morgens so gut wie unangerührt wieder nach unten in die Küche, ich massiere seinen Bauch mit Kümmelsalbe und fluche, ich googele auf dem Telefon nachts um drei nach Babyschlaftipps und würde den neunmalklugen Ratgebern abwechselnd gerne den Hals umdrehen* und das sofort ausprobieren, manchmal auch beides gleichzeitig. Und wenn ich doch mal träume, träume ich von besseren Zeiten, wenn auch viel zu kurz. Und trotzdem - keiner weiß warum - bilde ich mir immer noch jeden Tag ein, heute wäre die Nacht, in der er zum ersten Mal nur einmal aufwacht. Heute kriegt Mutti sechs Stunden, vielleicht sogar mehr! Heute ist der Tag, an dem wir das Tal der Augenringe hinter uns lassen. Und statt sich abzunutzen, wird diese Hoffnung jeden Tag ein bisschen stärker. Vielleicht ist das das sicherste Zeichen, dass mein Baby langsam groß wird. Wie ich mich darauf freue! (Wisst ihr noch, die endlosen Posts über das Stilldrama mit Kalle? Wie glücklich wäre ich, mal wieder über was anderes schreiben zu können als über Nachtruhe.)

* jemand hat vor ein paar Wochen zu mir gesagt, ich sollte mich nicht so anstellen, das wüsste man doch vorher, dass Babys zu Schlafentzug führen. Kann sein, aber bitte stellt euch mal folgendes vor: beim nächsten Marathon lauern wir so ungefähr bei Kilometer 32 auf jemanden, dem man ansieht, dass er gerade gegen die innere Wand rennt. Nichts geht mehr, alles tut weh, und jetzt kommen wir, schwingen uns über die Absperrung, traben locker ein paar Meter nebenher und sagen ihm, wir wüssten gar nicht, was er hat, das wüsste man doch vorher, dass so ein Marathon anstrengend wird. Ich glaube, mancher wäre erstaunt, wie viel Kraft für eine entsprechende Reaktion doch noch in dem Wrack steckt.





Donnerstag, 30. April 2015

Ich wollte gerne Kinder. Ich konnte aber keine bekommen. Jetzt habe ich trotzdem zwei. Überraschung: Kinder sind anstrengend. Was gibt es sonst noch zu erzählen?

Vielleicht liegt es an meinen insgesamt fünfzehn Abkürzungsversuchen, aber in letzter Zeit haben mich ziemlich viele Leute gefragt, was ich denn von der Berliner Lehrerin mit den vielen und demnächst noch mehr Kindern halte.
Die Antwort fällt gewohnt fusselig aus. Irgendwie will es mir nicht gelingen, dazu eine in sich geschlossene Meinung zu bilden. Einerseits finde ich, man sollte sie in Ruhe lassen, das geht uns alle einen feuchten Popel an. (Mir fällt bei solchen Gelegenheiten immer die Unterhaltung mit einem Kinderwunscharzt ein, der eine SEHR dezidierte Meinung zu Frauen Ende 30 hatte, die Kinder wollen, und selbst mit schätzungsweise Anfang 60 gerade stolzer Vater geworden war, ohne dabei irgend etwas zu finden.) Andererseits überkommt mich schon beim Gedanken an die Nächte der ersten Monate mit Vierlingen das nackte Grauen, und ich verstehe nicht, warum sie sich das in ihrem Alter antun will. Ich selbst träume gerade oft und sehr bunt davon, wie ich leben will, wenn ich 65 bin, und Babygebrüll spielt dabei keine Rolle (es sei denn, einer meiner Jungs wird mit Anfang 20 Vater). Aber auch das ist ihre Sache. Sie kennt das ja mit 13 Kindern schon sehr gut, besser als ich, und weiß in etwa, was auf sie zukommt. (Oder sollte es am Ende stimmen, dass wir alle den Stress ein paar Monate später einfach vergessen und mit babyblauem Zuckerguss überzogen haben? Und sie sitzt jetzt gerade auf dem Sofa, streicht sich über ihren Bauch und denkt, bald hat sie vier kleine Glücksbärchis, die sie den ganzen Tag anstrahlen und nachts sanft schnarchend Familienglück und Wärme verströmen?) Viele geben zu bedenken, die Kinder hätten ja nicht mehr viel von ihrer Mutter und müssten vermutlich schon früh alleine zurecht kommen - Aber das geht anderen Kindern auch so, und es ist zwar nicht schön, aber doch kein Grund, erst gar nicht auf die Welt zu kommen, oder?
Dann ist es mir wiederum nicht so ganz geheuer, dass sie die Exklusivrechte an dieser Tip-top-Story an RTL verkauft hat. Oder dass sie sagt, den Anstoß gab der Wunsch ihrer kleinen Tochter nach einem Geschwisterchen - wow, hat man jemals von einer spektakuläreren Übererfüllung eines Wunsches gehört? Oder, dass jetzt die Zeitungen wieder mal ein Extrembeispiel gefunden haben, anhand dessen man 1a Stimmung gegen Kinderwunschbehandlungen machen kann. Ich glaube immer noch, viele Leute da draußen halten das alles für eine große Freakshow - so eine Geschichte bestätigt sie noch darin. Andererseits kann ich verstehen, dass Journalisten wenig Reiz darin sehen, über eine Reihe von Familien zu berichten, die nach ein paar IVF-Zyklen irgendwann zwischen 28 und 45 Eltern geworden sind und jetzt mit ihren Kindern friedlich vor sich hin leben - und stinknormal, inklusive Schlafentzug, Kita-Viren, Nervenzusammenbrüchen und Machtkämpfen an der Supermarktkasse.
So in etwa sind meine sieben verschiedenen Meinungen dazu. Eure würden mich natürlich auch interessieren. Sagt doch mal?

Das Kochprojekt geht weiter, und inzwischen bin ich über dem Schnitt: 36 von 100 Rezepten sind durch, und erst vier Monate sind vorbei. Dabei nehme ich mir alle zwei Wochen ein anderes Kochbuch vor und mache mich an Rezepte, die mich schon lange anmachen. Gerade ist es "A Change of Appetite" von Diana Henry, und es wächst mir mit jedem Durchblättern mehr ans Herz. Es geht um - ächz - gesundes Essen - jaja, ich weiß, eigentlich könnte ich genau jetzt schon aufhören, davon zu schreiben. Aber das Schöne ist, Diana Henry isst mindestens genau so gerne wie ich, und es ist KEIN Diätbuch, und bisher war alles, was ich daraus gekocht habe, eine echte Freude. Vorgestern z.B. hatte ich den gegrillten Radicchio auf Bohnenpüree, und dieses Bohnenpüree ist aus dem Stand auf Platz 1 meiner Lieblingsbeilagen vorgeschossen, noch vorbei an gebratenen übrig gebliebenen Knödeln, Kartoffelkroketten, selbstgemachten Spätzle und Kartoffelgratin. Man würfelt eine Zwiebel, brät sie vorsichtig in Olivenöl an, gibt dann für eine Minute eine zerkloppte Knoblauchzehe dazu, dann eine kleine Tasse Hühnerbrühe, zwei kleine Dosen abgetropfte und abgespülte weiße Bohnen, Salz und Pfeffer und lässt das Ganze mit geschlossenem Deckel vier Minuten kochen. Dann wird es im Topf püriert und mit Zitronensaft und noch etwas Olivenöl abgeschmeckt. Klingt nach gar nichts, aber es war so köstlich, dass ich nicht aufhören konnte, zu probieren, bis ich mich am Ende zwingen musste, die Küche zu verlassen, damit zum Essen noch etwas übrig ist. Das gibt es demnächst mal zu gebratenem Lamm. Oder zu Endiviensalat. Oder zu gar nichts, sondern einfach so, in einer großen Schüssel vor dem Fernseher. (Es kann übrigens gut sein, dass ihr diesem Püree höchstens eine drei plus geben würdet. Aber das ist für mich der Zauber "guter" Kochbücher: einen Autor zu entdecken, dem die gleichen Dinge schmecken wie mir, und der mich trotzdem auf ganz neue Pfade führt.) Angesichts der neuen Schlafkrise geht hier gerade einiges vor die Hunde; mein Bett z.B. habe ich seit über zwei Wochen nicht bezogen (obwohl Kalle die Bettdecke mit Textmarkern bemalt hat und ich wirklich neugierig bin, ob das rausgeht), und in meinem Postfach sind ca. 20 Emails, die ich unbedingt beantworten müsste. Aber das Kochprojekt hat sich noch nie angefühlt wie zusätzlicher Stress, sondern immer wie Erholung. Würde ich einmal die Woche ins Kino gehen, würde auch niemand fragen, warum ich mir jetzt das auch noch aufhalse, und zum Kochen muss ich noch nicht mal einen Babysitter engagieren, denn Kalle wühlt so lange begeistert in meiner Kramschublade zwischen Zitronenpressen und Tupperdosen herum, und Michel liegt im Stubenwagen daneben und atmet gebannt den Geruch gebratener Kräuter und Zwiebeln ein. (Nigella schreibt immer wieder, wie sie als kleiner Pöks auf einem Schemel stand und unter Anleitung ihrer Mutter Mayonnaise und Sauce Hollandaise rührte. Das klingt doch nach einem Plan!)

Die Rückkehr in den Job ist gerade eins der Themen, um das ich innerlich einen großen Bogen mache. Michel ist ein völlig anderes Kind als Kalle, ich kann mir absolut nicht vorstellen, ihn jetzt drei Tage in der Woche allein bzw. in liebevoller Obhut zu lassen - wie soll das gehen? (Und bin ich jetzt ein Opfer mütterlicher Selbstüberhöhung, dass ich mir das nicht vorstellen kann, während es in Wirklichkeit überhaupt kein Problem wäre?) Zwei Kinder sind einfach mehr als ein Kind und noch ein Kind, alles ist deutlich mehr als doppelt kompliziert. Ich weiß auch nicht, warum, aber es ist so. Im Moment wäre ich für keinen Auftraggeber der Welt ein Gewinn, übernächtigt und durch den Wind und ständig abgelenkt, wie ich bin. Unzuverlässig wäre ich außerdem, ich habe keine Ahnung, wann ich wie viel Zeit und Energie zum Arbeiten habe, und ich hab das deutliche Gefühl, auch das großzügigste Timing auf einem Projekt würde die Lage hier zum Kippen bringen - alles bleibt so, wie es ist, nur habe ich nebenbei auch noch eine wie weit auch immer entfernte Deadline im Nacken?
Dabei ist der Gedanke, erst mal nicht zu arbeiten, trotzdem auch extrem angstgesetzt und ungut. In meinem Beruf ist es überhaupt nicht gut, lange raus zu sein, es kann schon sein, dass ich nach nur einem Jahr zuhause den Wiedereinstieg nicht mehr schaffen werde, und dann? Zudem ist gerade bei meinem dicksten Auftraggeber einiges im Umbruch, die können nicht so lange auf mich warten, es kann gut sein, dass diese Tür in ein mit Kindern vereinbares Arbeitsleben demnächst zu ist. Und dann? Und dann? Und dann?
Ich weiß es doch auch nicht, und hätte ich gerade nicht sowieso schlaflose Nächte, dann würde dieses Thema sie mir bereiten. So lasse ich das Problem gerade auf hinterer Flamme kochen, was vielleicht extrem doof und kurzsichtig ist. Freiberufliche Mütter von zwei kleinen Kindern da draußen, falls es euch gibt, wie war das bei euch?

So. Michel hat jetzt scheinbar den fehlenden Nachtschlaf aufgeholt, Mutti muss die Quatschbude zumachen. Bis hoffentlich sehr bald!

Mittwoch, 29. April 2015

Ich habe einen Traum. Demnächst bestimmt.

Das Bett wird frisch bezogen sein, am liebsten mit weißer an der Luft getrockneter Leinenbettwäsche.
Wisst ihr was? Ich nehme das zurück. Meinetwegen kann es auch 280 mal gewaschene Biba-Bettwäsche von 1984 sein, mit einem lollilutschenden Teddybärchen bedruckt. Wo war ich?
Es wird einen Nachttisch geben, auf dem werden sich befinden: eine anderthalb-Liter-Flasche Wasser mit Kohlensäure, die jederzeit nachgefüllt wird, sobald sie mehr als zur Hälfte geleert ist. Mein Kindle, voll aufgeladen. Ein nagelneues Döschen Ohropax. Ein Foto von Mann und Kindern, schlafend und lächelnd. (So ein Foto gibt es nicht, aus rein praktischen Gründen: noch nie haben beide Kinder und L. gleichzeitig und am selben Ort geschlafen und gelächelt.) Ansonsten wird der Raum sehr leer und aufgeräumt sein. Es wird ein großes Fenster geben, draußen wird die Sonne scheinen, und es wird etwas windig sein. Man sieht Natur, welche Sorte, ist mir egal. Ich trage übrigens einen gebügelten Pyjama, und weil ich weder heute noch morgen stille, kann ich mir eine volle Ladung nach Fichtennadel und Menthol duftende Kräutersalbe auf den Oberkörper schmieren.
Das Bett ist groß, neben mir ist also noch Platz für meinen Rechner und damit die Möglichkeit, mir so ziemlich jeden Film, jede Serie und jeden Blog anzusehen. Der Rechner wird außerdem über einen Filter verfügen, mit dem er es mir erlaubt, zwar online zu sein, aber trotzdem während der ganzen Zeit in dem Raum keine stressende Email zu bekommen. Jobanfragen von Kunden aus der Hölle? Rechnungen, Mahnungen? Post von dieser alten Bekannten, die sich alles halbe Jahr mal meldet, um zu quengeln, warum ich mich nicht mehr melde? Ein andermal.
Und jetzt geht die Tür zu, und ich bin allein in diesem Zimmer, und zwar für mindestens 48 Stunden, die sich auf Wunsch ohne größeren Aufwand verlängern lassen, bis ich genug habe. Genug Stille, genug Ordnung, genug Freiheit, und vor allem genug Schlaf.

Man wird doch wohl noch träumen dürfen! Wenigstens mit offenen Augen, mit geschlossenen ist es leider nicht mehr möglich.

Kaum denke ich, die Schlaflosigkeit ist bald Vergangenheit, dreht sie noch mal einen Gang hoch. Ich war gerade tagelang bei meinen Eltern, und das Tableau für Müttergenesung war perfekt: Meine Eltern haben sich rührend um ihre Enkel gekümmert, ich bekam täglich drei köstliche Mahlzeiten, für die ich keinen Finger rühren musste, das Wetter war schön und kein Kind war krank. Trotzdem gehe ich am Stock, denn in keiner der letzten sieben Nächte habe ich mehr als drei Stunden Schlaf bekommen. Nicht am Stück, sondern insgesamt. Jede Nacht gibt es diesen Moment, in dem ich absolut nicht mehr kann. Dann tröste ich mich damit, dass ich morgen irgendwie einen ein-zweistündigen Mittagsschlaf hinkriegen werde. Irgendwann wird es Morgen, ich trinke die erste Tasse Tee, dann die zweite, und dann geht es irgendwie doch ohne Schlaf. Ich habe kein Talent für Mittagsschlaf, so sieht es nämlich leider aus. Erstens schlafe ich tagsüber nicht ein, egal wie müde, denn ich kann grundsätzlich nicht schlafen, wenn ich weiß, dass in weniger als acht Stunden ein Wecker klingeln und mich wieder aufwecken wird. (Früher hat mich schon ein Arzttermin vor der Arbeit komplett um den Nachtschlaf gebracht, nicht aus Angst vorm Arzt, sondern aus Angst vor dem Wecker.) Zweitens ist mein Tagschlaf nicht wie mein Nachtschlaf. Schlafe ich doch mal ein, dann sabbere ich Kissen und Gesicht komplett klebrig und wache in einem Zustand auf, der sofort nach zehn Stunden mehr Schlaf verlangt, nach einer gründlichen Dusche und Haarwäsche. Drittens lässt der Rest der Welt mich einfach nicht. Kaum liege ich, habe mir die Linsen aus den Augen gepult und die Decke bis an die Augenbrauen gezogen, klingelt DHL oder das Telefon oder irgendwer will irgendwas, meist irgendwer mit sehr, sehr durchdringender Stimme.
Also: doch kein Mittagsschlaf für mich. Stattdessen und um nicht wahnsinnig zu werden, hat mein Fusselhirn sich einen Trick ausgedacht: jeden Tag überzeugt es sich und mich sehr gekonnt, dass es ab heute anders wird. Dass dies die Nacht der Nächte wird, die Nacht, in der ich mich abends schielend vor Müdigkeit hinlege und neun Stunden später aufwache und erst mal nachsehen muss, ob meine zwei rosigen Engelchen überhaupt noch atmen. Wider besseres Wissen glaube ich tatsächlich daran. Auch heute! Ich denke z.B. gerade: wie toll, dass meine Freundin B. erst übermorgen ihren Geburtstag feiert, denn bis dahin kriege ich noch zwei lange, erholsame Nächte voller Schlaf und Träume, so dass ich mit Sicherheit bis zwei Uhr durchhalte. Ich weiß, dass es nicht so kommen wird. Aber ich weiß genau so sicher, dass heute der Tag ist, an dem all das nächtliche Quaken um den letzten Rest Muttermilch vorbei ist - und Kalles schlechte Träume, Michels Fläschchenstreik, die Zahnschmerzen und die verstopften Nasen (die das Trinken zu einem noch größeren Problem werden lassen). Die Sonne scheint, die Vögel singen, kann doch gar nicht anders sein!




Montag, 6. April 2015

And now for something completely different

Wer zwei kleine Kinder unter zwei Jahren hat, der sehnt sich nach Dingen, die sich einfach erledigen und abhaken lassen und funktionieren. Davon gibt es gerade nicht viele in meinem Leben. Also habe ich künstlich nachgeholfen und mir die 100-Rezepte-in-einem-Jahr-Sache ausgedacht. Ich wollte bis Silvester hundert mal nach Rezept kochen. Es müssen keine neuen Rezepte sein, auch keine aufwendigen, nur eins ist Bedingung: ich muss nachschlagen müssen, wie das geht, und es dann eben machen.
Heute ist der sechste April, und bisher stehen auf der Liste:

Gefüllte Paprikaschoten (Rezept: Mama) in zwei Versionen: mit Hack für Kalle und mich, mit Reis und Schafskäse für L.
Mexican Chocolate Icebox Cookies (Dinner: a love story)
“Persischer Auflauf” nach vagen Ideen von L., nachgeschlagen bei chefkoch.de
Blutorangen-Kardamom-Sorbet (A Change of Appetite)
Tomaten-Curry (Nigella Kitchen)
Kokos-Reis (Nigella Kitchen)
Zitronen-Risotto (allerdings mit Hirse), Nigella Bites
Gebackener Fenchel (Claudia Roden, Food of Italy)
Apfelnusskuchen (Food of Italy)
Popcorn Cookies (Smitten Kitchen)
Schweineschulter-Ragù (Dinner - a love story)
Linsen-Bolognese (eat - nigel slater)
Marmorkuchen (dr oetker, Backen macht Freude)
Fisch in Bierteig (Gordon Ramsay, great british pub food)
Indischer Dhal (Natural Basics)
Lauch in weißer Sauce (Nigella Kitchen)
Salt and Pepper wings (Nigella: Feast)
Orange Granita (Food of Italy) mit Bitterorangen
Damp lemon and almond cake (Nigella, How to be a Domestic Goddess)
Marcella Hazan’s Pork braised in milk (Dinner, a love story)
Risi e bisi (Nigella: Forever Summer)
Gebackener Schafskäse in der Folie (Delicious days)
Green Bean and Lemon Casserole (Nigella, Feast)
Überbackener Blumenkohl (What Katie ate at the Weekend)

Das sind 23 Rezepte in etwas mehr als einem Vierteljahr. Das heißt, ich bin noch hinter dem Soll zurück, aber ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen unter Druck. Und auch, wenn längst nicht jedes dieser Rezepte mit vielen Sternchen verziert wurde und auf die Liste der Sachen gewandert ist, die ich unbedingt bald wieder essen will, hat doch jedes eine ordentliche Dosis Selbstzufriedenheit mit sich gebracht, die ich gerade an anderer Stelle schmerzlich vermisse und dringend brauchen kann. (Falls es eine interessiert: unbedingt mindestens einmal im Monat essen will ich das Ragù von der Schweineschulter, das zehn Minuten Arbeit macht, die ganze Bude mit einem himmlischen Duft erfüllt, köstlich auf Pasta schmeckt, von Kalle geliebt wird und sich 1a einfrieren lässt. Außerdem Risi e Bisi, die grünen Bohnen mit Zitrone, das Zitronen-Hirse-Risotto, die Salt-and-Pepper-Wings, und spätestens zu Weihnachten mache ich die Mexiko-Kekse wieder. Nicht so angetan war ich z.B. von den Popcornkeksen, ein Rezept, das ich schon seit zwei Jahren umkreise, und in dem das Popcorn nur gestört hat, und was "What Katie ate" betrifft - ein Kochbuch, dass ich mir von meinen Eltern gewünscht und bekommen habe und das so hübsch aussieht - schwant mir gerade, dass es außer diesem hübschen Aussehen nicht so viel zu bieten hat. Aber wir werden sehen, die Rippchen z.B. probiere ich noch aus, genau wie ein paar der Backrezepte.) Ich weiß, es klingt nach Hausfrauenoverkill, sich mit zwei Würmchen auch noch ein Projekt zu suchen, aber mir hilft es. Denn nichts, was mit Kindern zu tun hat, lässt sich so gut planen und dann (oft innerhalb von gerade mal zehn Minuten) einfach machen. Ganz davon abgesehen, dass mit vollem Bauch fast alles besser geht.

Morgen um zwölf ist unser Termin mit Michel in Altona. Drei Monate sind um. Drei Monate mit mindestens 23 Stunden Schiene am Tag. Wenn ich anderen davon erzählt habe, ist mir neulich aufgefallen, habe ich es oft so erzählt, als wäre das alles toootal unkompliziert und einfach gewesen. Der Snowboard-Satz fiel z.B. oft. "Dann hat er zwei kleine Sandalen an, die werden beide fest in die Schiene eingeklickt, und dann steht er da wie auf einem kleinen Snowboard." Snowboard: da denkt doch keiner an Probleme, Behinderung, Arztbesuche und Kummer - saucooles Kind, als Baby schon auf dem Snowboard! Warum ich das immer und immer wieder so gemacht habe, kriege ich eines Tages auch noch heraus, es muss wohl irgendwie geholfen haben. Und Hilfe war nötig, es war nämlich alles andere als unkompliziert und einfach. Wenn ich die Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe, waren da oft merkwürdige Falten und Stellen am Fuß, und auch, wenn die Ärztin uns beruhigt hat, nachdem ich ihr das immer wieder als Foto gemailt habe - wer immer mit der Tube Bepanthen in der Hand jede kleine Rötung am Po verarztet und beim ersten Husten das Fieberthermometer sucht, den lässt das erst Recht nicht kalt. Die Hauptursache für das Scheitern der Klumpfuß-Behandlung sind inkonsequente und zu nachgiebige Eltern, das habe ich mir so oft vorgebetet. Egal, wie er gebrüllt hat, egal, wie mies die Nacht gerade war, gerade wenn er brüllte, haben wir die Schiene nicht ausgezogen. Denn auch ein drei Monate altes Baby ist schon schlau genug, um zu kapieren: ich brülle lang genug, dann bin ich das Ding los, also brülle ich mal. Und keine Unbequemlichkeit jetzt kann so schlimm sein, wie eines Tages mit schiefen Füßen durchs Leben schlurfen zu müssen. Also hat er gebrüllt, und wir haben die Zähne zusammengebissen. Mit dem Ding hat Tragen in der Manduca oder im Tuch nicht funktioniert, und in seinen wirklich großzügig geschnittenen Kinderwagen hat er damit auch kaum gepasst. Ich weiß, dass wir froh sein können, in einem Land mit so toller medizinischer Versorgung zu leben und dass es großartig ist, wie viel man heute tun kann - ganz ohne OP. Wenn ich mir die Bilder ansehe von seinen Füßen, die wir nach der Geburt gemacht haben, ist es nicht zu fassen, dass sie fünf Monate später so aussehen - bis auf die leichten Verformungen durch die Schuhe völlig normal. Wir sollten die Schiene also täglich loben und preisen und ein Foto von ihr in unseren Brieftaschen herumtragen. Aber trotzdem bin ich gottfroh, wenn wir morgen die erlösende Nachricht bekommen, dass er das Ding ab sofort nur noch 14 Stunden täglich tragen muss - also nur noch nachts und zum Mittagsschlaf. (Mittagsschlaf, Michel. Das wird was ganz Neues für Dich! Ist das spannend! Oder?)

Kalle kann inzwischen Ostereier suchen, finden und essen. Tatsächlich ist für mich gestern eins dieser Phantasiebilder wahr geworden, die mich als Abkürzungsdame immer mal gefoltert, mal bei Laune gehalten haben, und es war genau so, wie ich immer dachte. Wir sind durch den sonnigen Garten gelaufen, der zum Wochenendhaus von L.s Mutter gehört, wo wir jedes Jahr an Ostern sind. Ich hatte morgens im Schlafanzug Eier versteckt, und jetzt waren wir zu dritt unterwegs, Kalle mit einem kleinen Körbchen. Er hat sie alle gefunden, in sein Körbchen gelegt, auf das er nur zweimal gefallen ist, ohne größeren Schaden anzurichten, er hatte riesige Augen und ganz rote Wangen, und am Ende hat er den Inhalt seines Körbchens unaufgefordert mit uns allen geteilt. Ich konnte nur denken, und ich habe wirklich nicht mehr dran geglaubt, nur noch ein bisschen zum Spaß, dass das eines Tages mal passiert. Ist es aber.

Neues aus seinem Vokabular:
Alabala (Luftballon)
Dau (Michel)
Altsch (Saft)
Paltsch (Salz)
A-A (Giraffe)
Außerdem Lampe, Lachs, Anziehen, Tiger, Bär, Pipi, Milch, Ei, Hase und Nase.

Die Nächte sind gerade so grauenhaft, dass ich gar nicht anfangen will, ausführlich davon zu schreiben, denn wenn ich davon anfangen würde, hätte ich mich ruckzuck in eine Situation hineinmanövriert, in der ich mich ein Jahr lang nur noch entschuldigen und dankbar zeigen muss, damit das Internet mir das verzeiht. (Stellt euch bitte mal vor, man dürfte nicht über seinen Job meckern, ohne sofort hinterherzuschieben, dass man weiß, wie viel Glück man hat, überhaupt einen Job zu haben. Dass man weiß, wie viele einen Job verdient hätten, aber keinen haben. Dass man seinen Job liebt. Dass man überhaupt insgesamt eigentlich nicht meckern will, es ist nur so, dass... es wäre zum Durchdrehen.) Letzte Nacht hat Michel nur zweimal dazwischengefunkt, während ich mit meiner Schwiegermutter "Notorious" im Fernsehen gesehen habe. Um zehn bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Dann war er bis eins wach und ungnädig, wollte trinken, aber weder bei mir noch aus der Flasche, hat gekratzt, gezwickt, geknatscht und mich an den Haaren gezogen und mit seinen beschienten Füßen grün und blau getreten. Dann hat er geschlafen bis halb drei, bis fünf wieder Terror, dann Schlaf bis halb sieben, wieder eine halbe Stunde, diesmal ist Kalle aufgewacht und wollte zu mir ins Bett, und dann sind beide wie durch ein Wunder noch mal bis neun eingeschlafen. Seit halb eins konnte ich nur noch auf die erste Tasse Tee des Tages hinfiebern. Aber die hat dann auch wirklich geholfen.

Aber trotzdem: auch wenn äußerlich nichts, aber auch gar nichts besser wird: die Katastrophenstimmung ist dahin. Ich liege nachts da, so müde, dass ich nur noch schreien will, und denke: noch ein Jahr, dann habe ich zwei Kinder, die beide mit mir sprechen können, wenigstens ein bisschen. Die ich nachts in ihr Bett nebenan lege, die bestimmt auch mal nachts was wollen, aber die ansonsten verstehen, wenn ich abends zu ihnen sage: gute Nacht, schlaf gut, morgen wird ein schöner Tag.

Und das geht schnell, hoffentlich. Morgen wird ein gutes Jahr.

Freitag, 20. Februar 2015

Wird. Bestimmt, oder?

Einige Dinge lernt man mit der Zeit. Dazu gehört zum Beispiel, mit einem einzigen zarten Feuchttüchlein eine erstaunliche Menge Dünnschiss zu entfernen. Oder am Geknötter zu erkennen, ob Hunger, Kälte, Weltschmerz, Langeweile oder Müdigkeit das Problem ist. Oder Dinge mit Kind auf dem Arm mit einer Hand zu erledigen, für die man früher drei gebraucht hätte. Oder die Bude abends innerhalb von fünf Minuten zumindest oberflächlich betrachtet wieder so hinzuräumen, dass sich Erwachsene dort wohl fühlen können. (Und sich in trügerischer Sicherheit vor Kinderkram wiegen. Gerade bin ich in die nur schummerig beleuchtete Küche gegangen und habe mich dann mit einer Schüssel Heringssalat in der Hand hingepackt, weil ich auf Kalles Rutscheauto getreten bin, das ich aber ansonsten sehr empfehlen kann. Es ist ein italienisches Auto der Firma Italtrike, und es ist so ungefähr in jeder Hinsicht besser als ein Bobbycar: völlig geräuschlos, mit einem Gummirand zum Schutz von Möbeln, Türrahmen und Elternschienbeinen und extrem wendig. Eine Transportbox für Schätze hat es auch. Der Heringssalat hat sich auf einer Fläche von vier Quadratmetern verteilt.) Andere Dinge dagegen kriege zumindest ich wohl nie hin. Kein schlechtes Gewissen zu haben, egal weswegen. (Kind ausgeschimpft wegen ausgeleerten Müeslis: schlechtes Gewissen wegen Hartherzigkeit und trauriger Kinderaugen. Kind Müesli ausleeren lassen: schlechtes Gewissen wegen Erziehungsfaulheit und Prinzipienlosigkeit. Usw. usf.) Einen ganzen Tag zu überstehen, ohne ein Kind mit dem Namen des anderen anzusprechen. Oder einen ganzen Tag zu überstehen, ohne dass Kalle mindestens einmal mein Telefon in den Fingern hat, von meinem Teller isst oder aus meinem Glas trinkt, oder zwei verschiedene Socken anhat.

L. hat für 2015 einen Jesper-Juul-Abreißkalender gekauft, der uns jeden Tag mit einer anderen Erziehungsweisheit beglückt, und wenn er den Spruch des Tages vorliest, denke ich meistens nur patzig "Wäwäwäwäwä", "Jesper Jesper Polyester" oder etwas ähnlich Unseriöses. Andere verinnerlichen das alles sofort und setzen es auch mit links gleich in die Tat um! Ich aber nicht. Lange Zeit fühlte es sich trotz vollgeschriebenen Mutterpasses, nächtlichen Gebrülls und Milchstaus so an, als würde aus mir nie eine Mutter werden. Ich war so lange keine, vielleicht ja deshalb. Bis ich vor ein paar Tagen zum Einkaufen geschoben bin und zufällig mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe gesehen habe: Frau mit dunkelblauem Parka, enger Jeans, Uggboots, Häkelmütze, Doppelkinderwagen und zackigem Gang. Und da hat es mich wie ein Schlag getroffen: ich bin eine Hamburger Mutti. Bzw. diese Hamburger Mutti, das bin dann wohl ich.

Ok, bevor Michel wieder losbrüllt, schnell die Themen:

Kalles neue Kita
Es ist nicht zu fassen, aber nach anfänglichem Schneckentempo hat Kalle seit gestern offiziell die eigentlich vierwöchige Eingewöhnungsphase hinter sich. Jeden Tag geht er jetzt von neun bis drei in die Kita, und wir sind begeistert. Dort nehmen sie alles, wirklich alles, ganz genau. Die Stärken dieser Kita liegen mit anderen Worten genau an den Stellen, an denen ich meine Schwächen habe. Und das gibt mir das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, jetzt wird alles gut. Michel ruft nach mir, bisher ist es nur so ein diffuses Gemecker, aber gleich könnte mehr draus werden, deshalb im Schweinsgalopp weiter.

Michel
Michel hat seit ein paar Tagen bemerkt, dass er einen großen Bruder hat. Pflanzt sich Kalle vor ihm auf und zeigt ihm, wo seine Ohren, Augen, Mund und Nase sind, dann strahlt Michel ihn hingerissen an. So ein Lächeln habe ich von ihm noch nie bekommen, und Kalle lächelt zurück. Diese Momente können für eine Menge zerbrüllte Nachtruhe entschädigen, auch wenn sie nichts gegen die Augenschatten ausrichten. Ich habe außerdem gestern mal meine Badezimmerkommode aufgeräumt und festgestellt, dass ich noch für 24 Tage Femibion II habe, das stinketeuere Vitamin-Präparat für Schwangerschaft und Stillzeit. Ich habe jetzt mal so vage beschlossen, wenn die Tabletten aufgebraucht sind, stille ich ab. Jetzt sind fast vier Monate um und damit mehr Zeit, als Kalle insgesamt hatte. Es läuft nicht schlecht, aber es reicht immer noch nicht - ohne Fläschchen geht es nicht ganz. Und zwar genieße ich die kleinen Pausen, die Michel und ich zusammen haben können, wenn es irgendwie drin ist, mich mit ihm zum Stillen nach oben ins Bett zu verziehen. Aber diese Pausen sind dünn gesät, und auf dem Sofa oder im Sessel ist es wirklich nicht leicht, weil er erstens so groß ist und zweitens durch die Schiene so steif. Außerdem würde ich gerne irgendwann demnächst mit den ersten Breichen anfangen, und spätestens dann ist Schluss. Ich habe das Gefühl, wir sind so weit, das hinter uns zu lassen. Bevor eine findet, das klänge jetzt so, als hätten wir auch unsere Probleme hinter uns gelassen: haben wir nicht. Er brüllt, ich gähne. Aber auch gähnend sind seit dem letzten Post schon wieder mehrere Tage vergangen, und damit sind wir wieder ein paar Tage näher an dem Moment, an dem er seinen inneren Sonnenschein findet.

Das Pipiproblem
Dazu muss ich noch mal gesondert schreiben. Natürlich ist es als Versuchsaufbau nicht schlau, gleichzeitig die Physio und das eigenmächtige Training mit den Gewichten anzufangen. Da könnte ja jeder kommen, hinterher zu sagen, die Gewichte haben es gewuppt. Aber im Moment habe ich schon das Gefühl, die Gewichte tun mehr für mich als die Physio, und die Gewichte kann ich tatsächlich problemlos in meinen Alltag einbauen. Die Physiotherapie-Stunden laufen über weite Strecken so, dass ich auf einer Liege liege und unter Aufsicht der Expertin den Beckenboden anspanne, was sich gleichzeitig sehr anstrengend und sehr wirkungslos anfühlt - komische Kombination. Dazu muss ich auch nicht fünf Kilometer fahren und die Kinder wegorganisieren, das kann ich auch alleine. Ich habe sie jetzt schon mehrfach gebeten, mir ein paar Übungen beizubringen, die etwas sportlicher sind. Sie sagt, die gibt es nicht. Hm.
Aber zum Glück habe ich ja die Gewichte, und mit denen geht es tatsächlich voran. Mit Gewicht Nr.2 schaffe ich jetzt schon problemlos acht Minuten, wenn ich mich bewege, und zehn oder mehr, wenn ich stillstehe. Für jeden Tag, an dem die Pipibinde trocken bleibt, klebe ich jetzt einen kleinen blauen Punkt in meinen Kalender. Es werden in letzter Zeit immer mehr.

Liebe Damen, ich muss jetzt leider ran hier. A cowboy's work is never done!

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Kalle ist in der Kita. Michel ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Michel:

Michels Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Kalles letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Michel und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Kalle so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Michel eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Michel auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Kalle ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Kalle auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Montag, 26. Januar 2015

Flora wer nochmal?

Nein, vom Netz bin ich nicht, aber zu sagen, ich lebe noch, wäre auch etwas übertrieben.

Kurz zur Lage hier:
Michels Füße
Michels Füße tun, was sie sollen, das heißt, der rechte (Klumpfuß) sieht ziemlich deformiert aus durch die engen Sandalen. Die messerscharfen Falten, die er anfangs in der durch den Gips noch so empfindlichen Haut hatte, legen sich aber etwas, der Fuß wird auch nicht mehr so rot und dick, wenn ich die Schuhe ausziehe, und sieht insgesamt eigentlich ganz rosig und lebendig aus. Außerdem kann ich keinen Unterschied in seinem Befinden mit oder ohne Schiene feststellen, er blüht weder auf noch ab, wenn die Schuhe aus sind und er mit nackten Füßchen strampeln kann. Diesen Teil der Behandlung kriegen wir also hin.


Unsere Nächte
Was ich aber nicht mehr lange hinkriege, ist das Weinen, die Schlaflosigkeit, das ganze traurige, verkrampfte Kind. Eine Minute am Tag lächelt er mich an und macht gurrende Laute. Diese Minute sauge ich in mir auf wie früher den letzten Rest von einem leckeren Cocktail, sie muss mich die restlichen 23 Stunden und 59 Minuten wärmen und bei Laune halten. Den Rest der Zeit guckt er entweder wie ein beleidigter Frosch oder weint. Schlaf scheint er so gut wie nicht zu brauchen. Heute Nacht war er vierzehn mal wach, und jedes einzelne Mal dauerte so ungefähr zwanzig Minuten. Irgendwann in jeder Nacht kommt der Moment, in dem ich merke, jetzt wird es langsam heller da draußen, und dann bin ich so verzweifelt, dass ich nur noch stumpf vor mich hinstarren kann. Sogar beim minutenlangen Vor- und Zurückwiegen mit dem Oberkörper habe ich mich schon erwischt, wie ein psychisch krankes Zootier. Denn jetzt ist wieder eine Nacht vorbei, wieder habe ich nicht geschlafen, wieder ist es nicht besser geworden. Dann ist der schlimme Moment hinter mir, und ich rede mir ein: vielleicht wird ja die nächste Nacht schon besser, Hurra! Manchmal denke ich, mit dem Abstillen wird es besser. Manchmal denke ich, das Stillen ist gerade das Einzige, was noch klappt - ein paar Mal am Tag ziehe ich mich mit ihm für eine halbe bis dreiviertel Stunde ins Bett zurück, er saugt, manchmal lächelt er sogar ein bisschen, und vielleicht schläft er für ein Viertelstündchen ein. Ich weiß nur, das muss besser werden, sonst... weiß ich auch nicht. Es muss eben einfach. "Besser werden" ist gerade mein Mantra, ich denke das den ganzen Tag stumpfsinnig vor mich hin.


Michels Weinen
Der Arzt sagt, da muss er durch. Sein Blut ist in Ordnung, keine erhöhten Entzündungswerte, keine Bakterien, eigentlich geht es ihm gut. Wenn das Michel ist, wenn es ihm gut geht, dann grusele ich mich jetzt schon davor, wie es wird, wenn mal nicht. Und jetzt? Schreikinder-Ambulanz? Ich habe erst mal einen Termin bei meiner Osteopathin gemacht, Mittwoch morgen um neun sind wir da.


Das Pipiproblem
Letzte Woche hatte ich den ersten Termin bei der Physio, diese Woche den zweiten. Ich tue mich ehrlich schwer damit, es ist wieder wie bei Cantienica: den Beckenboden anzuspannen, fühlt sich an, als würde mir jemand sagen, ich soll mit den Ohren wackeln. Eigentlich bin ich voller Hoffnung da anmarschiert und habe ihr von meinem Ziel erzählt, unbedingt 2015 wieder mit dem Laufen anzufangen. Ich dachte, das muss zu machen sein - Dezember 2015 ist doch noch so lange hin, vorsichtiger kann man sich ein Ziel nicht setzen! Sie guckte mich skeptisch mit schiefgelegtem Kopf an und sagte: mal sehen. Vielleicht auch erst 2017. Ich habe gemerkt, wie viel Hoffnung ich in dieses für manche vielleicht unwichtig klingende Ziel gesetzt hatte. Laufen war wirklich, wirklich wichtig für mich, und so, wie es hier gerade läuft mit Babystress, Rückenschmerzen, dem Gefühl, eingesperrt und komplett machtlos zu sein, wäre es jetzt noch viel wichtiger, als es jemals war. Es ist viel mehr für mich als nur eine Methode, abzunehmen, es hat genau genommen mit Abnehmen kaum etwas zu tun. Es war Freiheit, Selbstkontrolle, endlich wieder etwas hinkriegen und etwas für mich tun. Mich an etwas anderem abstrampeln und zu erleben, wie es Woche für Woche besser wird. In diesem Moment war schon viel Luft raus, die ich jetzt mühsam wieder sammeln muss, wenn ich bei der Ohrenwackelei bei der Stange bleiben will.

Kalle
Kalle ist so niedlich, dass ich nicht an ihm vorbeigehen kann, ohne ihn kurz auf den Arm zu nehmen. Leider muss es meistens dabei bleiben. Fast meine komplette Zeit und Kraft geht für Michel drauf. Zum Glück ist L. auch noch da. Zum Glück haben wir eine in Hamburg lebende Oma. Zum Glück kommt dreimal wöchentlich das Kindermädchen für ein paar Stunden. Zum Glück geht das irgendwann vorbei, und ich kann wieder Mama für beide sein. Ich achte schon darauf, jeden Tag ein paar Mal nur für Kalle da zu sein. Gestern waren wir kurz im Schnee (mag er nicht so), ich habe mit zwei dreckigen Babysocken über den Händen Jagd auf ihn und sein runtergefallenes Abendessen gemacht, und wir haben Fangen um und unter dem Esstisch gespielt. Ihm fehlt nichts, er quiekt und lacht. Aber mir, mir fehlt eine Menge. Ich will auch nicht, dass das hier zu einer Glückskind-Pechkind-Welt wird. Aber gerade ist es eben so. So viel Kummer konzentriert in so einem kleinen Männchen! Irgendwie muss man ihm doch da raushelfen können! Wenn diese Osteopathin wüsste, wie viel Hoffnung ich in sie und ihre Behandlung setze, dann hätte sie jetzt schon Spannungskopfschmerzen.

Die Kita
Während ich hier schreibe, läuft eine kleine Hexenjagd in meinem What's-App-Verteiler. Wieder mal geht Durchfall um, und irgend jemand muss ja Schuld sein. Ich lese mir das durch und denke mir: noch fünf Tage mit heute. Freitag backe ich Abschieds-Muffins, die Kita-Tanten kriegen einen Kinogutschein zum Abschied, und dann war es das, und wir ziehen in den rosigen Montessori-Sonnenuntergang. Mit hoffentlich unkomplizierter und zügiger Eingewöhnungsphase. Und weil ich gerne mehr Zeit mit Kalle haben möchte und gerade auch ganz ehrlich jede Minute feiere, in der jemand anderes sich die Ohren vollbrüllen lässt, werde ich wohl die Eingewöhnung mit ihm machen. (Hoffentlich sehen die Montessori-Damen das nicht zu eng, wenn die neue Mama fünf Minuten nach Beginn des Experiments schnarchend am Sandkastenrand in sich zusammensackt.)

Klingt alles ziemlich finster, ich weiß. Ist auch so. Wird bestimmt anders, und dann herrscht hier wieder eitel Kinderglück und Sonnenschein. Nur im Moment läuft es nicht gut, Ferrero-Welt ist weit weit weg.

Freitag, 18. April 2014

Leben und Tod unter der Muttiglocke.

Es gibt ein paar Menschen, deren Tod mich wirklich, wirklich traurig machen würde, obwohl ich sie gar nicht kenne und auch nie kennen lernen werde. Woody Allen zum Beispiel: inzwischen zucke ich immer kurz zusammen, wenn ich sein Foto in der Zeitung sehe, weil ich denke, jetzt ist er tot. (Abgesehen von seinem Alter gibt es glücklicherweise keine Anzeichen dafür.) Die Queen ist auch so jemand. Wieso? Keine Ahnung. Sie war immer da mit ihren Handtaschen und ihren farblich aufeinander abgestimmten Mänteln und Hüten, ich wäre traurig, wenn sie es nicht mehr wäre. Maggie Smith! Hoffentlich wird sie hundert.
Heute morgen sagt L. im Bett a propos gar nichts zu mir, ich hätte aber schon mitbekommen, dass Sue Townsend tot ist. Mit ihr hatte ich nicht gerechnet. Sie hatte zwar schwere Diabetes, war aber erst 68. Gestern habe ich noch an sie gedacht, ich würde L.s Tante zum Geburtstag am Montag gerne ihr Buch "the woman who went to bed for a year" schenken und überlegte, wo ich das jetzt am besten herkriege. Wieso weiß L. das und ich nicht? Ich bin die, die jedes ihrer Bücher hat, zum Teil sogar doppelt: aus Papier und auf dem Kindle. Es fühlt sich an, als müsste da ein Fehler vorliegen. Und ich frage mich wieder mal, ob das nun der Muttinebel ist? Diese wattige, gegen äußeren Einflüssen weitgehend abgeschottete Welt, in der Muttis leben und plötzlich Dinge fragen wie "Putin? Krim? Wieso?" oder auch "Hä? Sue Townsend? Warte mal...". Jetzt bin ich nicht nur traurig, dass Sue Townsend tot ist, sondern auch, dass ich es noch nicht mal merke. Die Adrian-Mole-Tagebücher lese ich bestimmt alle drei Jahre. Das Buch von der Frau, die ein Jahr lang ins Bett geht, ist - so weit ich mich erinnern kann - das einzige Buch, bei dem ich jemals wirklich zu Tränen gerührt war. Ihre Kolumnen sind so ehrlich, lustig, uneitel und von allen Kolumnistenmarotten unbeleckt, dass ich zwischendurch überlegt hatte, allein dafür ein ziemlich teures Online-Abo einer britischen Zeitung abzuschließen, die mich ansonsten nicht die Bohne interessiert. (Ich hab es gelassen, es gibt sie als Buch.)
Sie war überhaupt kein Fan der britischen Monarchie, und jetzt hat die Queen sie überlebt.

Ich glaube inzwischen, ein großer Teil der Mutti-Glasglocke entsteht nicht aus Ignoranz oder daraus, dass man sich jetzt plötzlich nur noch für zuckersüßen Babykram interessiert, sondern aus Müdigkeit. Denn müde bin ich, und zwar gerade mehr als in den ersten Wochen mit Willi, als er nachts noch alle paar Stunden Hunger hatte oder Kummer oder was auch immer.

Montags, Dienstags und Mittwochs hängt es daran, dass er abends nicht einschlafen will. Lange hatte ich das Kindermädchen in Verdacht, ich dachte, die macht sich einen schönen Lenz: packt ihn in den Wagen und schiebt mit ihm stundenlang durch die Gegend, trinkt Kaffee, isst Eis oder wühlt sich durch die Geschäfte, während er im Wagen seine zwei-drei Stunden ratzt. Zwei-drei Stunden, die er abends dann länger wach ist, wenn die vom Arbeitsleben gebeutelte Mutti gähnend und mit knurrendem Magen sehnsüchtig nach der Uhr schielt (und von einem großen Gin Tonic oder einem riesigen Glas Rotwein träumt, verdammt, wieso ist dieser Wunsch bei dieser Schwangerschaft nicht genau so nett ausgeblendet wie bei der ersten?). Inzwischen bin ich zu der zwar irgendwie schmeichelhaften, aber auch wenig hilfreichen Erkenntnis gekommen, dass Willi an diesen Tagen einfach mehr von mir haben will, weil ich den ganzen Tag nicht da war. Er ist gar nicht so wach, er will nur mich nicht verpassen. Dagegen kann ich nicht an. Auf mich gestellt, würde ich wegen der Schwangerschaftsmüdigkeit auch an diesen Tagen um neun abgeschminkt und mit geputzten Zähnen im Bett liegen, jetzt wird es gerne mal elf, halb zwölf. Und egal, wie oft Willi sich nachts noch meldet, ich nehme die paar müden Stunden mit in den Schlaf und kann dann gerade nicht richtig schlafen, versteh das einer. So viel zu Montag, Dienstag, Mittwoch. An den anderen Tagen gibt es folgende Möglichkeiten:
Willi:
a) er schläft um halb acht ein, dreht sich gegen zwei noch ein mal um und ratzt bis sieben Uhr weiter.
b) er schläft zwar ein, wird aber nachts drei-vier mal wach und will von alleine nicht wieder einschlafen.
c) er schläft irgendwie gar nicht. Die Erschöpfung übermannt ihn zwischendurch mal für ein halbes Stündchen, aber dann ist er voll da.

Bei mir gibt es folgende zwei Möglichkeiten:
d) es ist eine normale, Schwangerschaftshormonzerspukte Nacht. Ich schlafe zwar ein wie ein Stein, aber spätestens gegen zwei bin ich wieder wach, ob mit oder ohne Willis Zutun, und schlafe bis halb sechs nicht wieder ein.
e) Liefen die letzten drei-vier Nächte nach Schema d, dann bin ich in dieser Nacht so kaputt, dass ich auf Hormone pfeife und trotzdem schlafe.

Mit viel, viel Glück fallen a und e auf die gleiche Nacht: Willi schläft allen Babygesetzen zum Trotz, und ich schlafe allen Schwangerschaftsgesetzen zum Trotz.

Das kommt so ungefähr einmal in zwei Wochen vor. An allen anderen Morgen wache ich auf und fühle mich für den Rest des Tages, als müsste ich durch langsam trocknenden Uhu schwimmen.

Heute Nacht war eine Kombination aus b und d. Gibt es sonst noch irgendwelche weltbewegenden Neuigkeiten, von denen ich wissen müsste?

Ok, ich fasse einen Entschluss. Ab sofort will ich mal etwas anderes für mich tun als Pasta, poshe Gesichtsreinigungsprodukte und Raumbeduftung mittels Muji-Ultraschall-Dings. Der Entschluss lautet: Willi schläft ein, und statt mich eine halbe Stunde lang an den Herd zu stellen, mache ich mir eine Schüssel Cornflakes und lese Zeitung. Ich will nicht eines Tages erfahren, dass Woody Allen seit drei Wochen tot ist. Ich will es überhaupt nicht erfahren, aber wenn, dann nicht erst nach drei Wochen. Und sollte diesem gruseligen Putin mit den toten Augen etwas zustoßen, möchte ich es bitte auch sofort wissen.

Sonntag, 18. August 2013

Knöpfchen wechsel Dich.

Ich glaube fest daran, jetzt das Wundermittel für eine harmonische, ausgeschlafene und entspannte Mutter-Baby-Beziehung entdeckt zu haben. Es ist... Trommelwirbel: die Fön-App. Damit lässt sich auch das aufgebrachteste Kind Ruck-zuck beruhi... ach, nee. Wartet mal. Also noch mal Trommelwirbel. Es ist: erst zehn Minuten rumtragen und vorsingen, dann noch zehn Minuten auf dem Sofa sitzen und abwarten, dann vorsichtig auf die Seite in die Wiege legen. Klappt garantiert immer, wieso bin ich da nicht früher drauf geko... Mist. Nee. Jetzt doch nicht. Also noch mal Trommelwirbel für... Pucken! Pucken. Ich hätte das nie für möglich gehalten, aber diese mit niedlichen Tieren bedruckte Baby-Zwangsjacke, die mir eine Freundin mit vielsagendem Zwinkern vermacht hat, schafft es tatsächlich, aus einem zappelnden, brüllenden und krebsroten Baby ein schlafendes, rosiges, wonniges Dickerchen zu machen. Und aus einer triefäugigen, den Tränen nahen Mutter jedenfalls auch etwas Besseres. Bis dann irgendwann...

Es ist zum Durchdrehen. Täglich denke ich, jetzt endlich den Knopf gefunden zu haben. Und es funktioniert! Und ich bin selig und erzähle mit meiner Riesenklappe natürlich allen, wie super das alles klappt und wie glücklich wir sind und dass von jetzt an alles, wirklich alles gut wird. Der Zauber hält dann ungefähr 24 Stunden an, dann verliert der Trick jegliche Wirkung. Es ist wie eine Karte beim Monopoly, die man nur einmal ausspielen kann. Vorletzte Nacht war z.B. die Nacht des Puckwunders. Um sieben habe ich ihn gepuckt, und ich glaube, ich habe ihm dann gegen zwölf und noch mal gegen halb fünf was zu Trinken gegeben, woraufhin er bis halb elf geschlafen hat. Ich hätte ihn zur Feier des Tages gerne auf eine Runde Martinis im ganz großen Stil eingeladen, aber mach was. Schon in der nächsten Nacht war es, als wäre das alles nie passiert, und der Pucksack, den ich voller Vorfreude um ihn gewickelt hatte (nach einem Tag, den er gefühlt ausschließlich auf meinen erlahmenden Armen verbracht hat bzw. zur Abwechslung auch mal im Tuch, jedenfalls aber nicht schlafend im Bettchen) wurde nur mit Protestgebrüll aufgenommen. Gut, dachte ich, das legt sich, er muss sich erst erinnern, wie gut ihm das gestern getan hat, und setzte zu einer weiteren Runde tanzen und singen mit ihm an. Er wollte oder konnte sich aber leider nicht erinnern. Heute Abend kriegt der Pucksack bestimmt noch eine Chance (bevor er dann übermorgen wieder rausgewachsen ist aus dem Ding), aber bis dahin frage ich mich: gibt es den Knopf, oder ist das eine Fata Morgana, um müde Eltern zu quälen und um den Verstand zu bringen? Trage ich mein Kind vielleicht doch mal bei meiner Osteopathin vorbei? So ganz ohne war die Geburt ja nicht, vielleicht hängt ihm die noch nach? Oder muss ich leider damit leben, dass mein Baby und ich die nächsten Monate jeden Abend "Versteck den Knopf" spielen werden? Ich würde ja alles durchprobieren, aber in meinem schlauen Baby-Ratgeber steht, dass man damit das Kind erst Recht um den Schlaf bringt, wenn man zu abendlicher Stunde einen Trick nach dem anderen an ihm versucht wie ein aus dem Konzept geratener Magier, der zu Recht spürt, dass er sein Publikum verliert.

Also gut. Was wir jetzt schon machen:
Wir versuchen, nachts langweiliger zu sein als tagsüber. Nicht großartig auf das Kind einsummen oder einreden, keine lustigen Spielchen.
Wir legen ihn immer über die Seite ab, nie PLOPP! auf den Rücken.
Wir unterhalten ihn tagsüber. Und wie! In ein paar Monaten habe ich Arme wie Madonna, wenn das so weitergeht. So dass er abends eigentlich müde sein müsste.
Wir schieben täglich mit ihm an der frischen Luft spazieren. Zusätzlich gehe ich gerne mal mit ihm ein Ründchen durch den Garten. Denn Tageslicht und Geschuckel im Freien soll ja auch für einen gesunden Schlaf sorgen.
Wir achten darauf, dass er keinen Strampler trägt, der ihm zu klein wird.
Wir wechseln nachts nur noch die Windel, wenn die Windel sich regelrecht aufdrängt.
Nachts gibt es nur Schummerlicht.

Und dann das Schlafen tagsüber. Das ist noch mal ein ganz eigener Post.

Samstag, 3. August 2013

Der Unterschied zwischen tiefenentspannt und kurz vorm Durchdrehen

Sind in unserem Fall wohl Fläschchen. Seit vorgestern wollten wir es fläschchenfrei probieren. Aber Kalle scheint die Fähigkeit zu haben, Hunger zu speichern und nicht so schnell verzeihen zu können, wenn seine Bedürfnisse nicht sofort befriedigt werden. Ich hatte ihn seitdem fast pausenlos angelegt, Tag und Nacht, aber was auch immer dabei herauskam, es hat nicht gereicht, um ihn zu beruhigen oder gar satt und zufrieden zu machen. Irgendwann hat er nur noch mit dem Köpfchen gehackt und war vor lauter Hunger gar nicht mehr imstande, anzudocken. Und ihm dann ein Fläschchen zu geben... "Nee nee nee, jetzt musst du mir damit auch nicht mehr kommen". Das Ende vom Lied war, dass ich die gleiche Menge Fläschchen zubereitet habe wie am Tag davor, aber trotzdem den ganzen Tag ein schreiendes, verzweifeltes Baby hatte. Mehr getrunken hat er auf diese Weise auch nicht, und zum ersten Mal, seit wir aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen sind, hat er auch nicht zugenommen. Gestern Nachmittag kam die Hebamme, die die Urlaubsvertretung für meine macht. Die sagte nach einem Blick in mein Zombiegesicht: es ist toll, dass wir den Ehrgeiz haben, es nur mit Stillen zu schaffen. Aber wenn nicht, dann nicht. Niemand muss sich hier quälen, weder wir noch das Kind. Dann hat sie mir noch ein paar Stilltricks gezeigt, und nachdem sie weg war, habe ich L. das Baby und ein Fläschen in den Arm gedrückt und habe mich hingelegt. Nur für eine kümmerliche Stunde, aber sie hat mich gerettet wie früher zehn Stunden Schlaf. Danach war ich wieder wach, entspannt und hatte wenigstens etwas stabilere Nerven. Und Kalle hat das sofort gemerkt und war jetzt auch ruhiger. Gegen halb elf gab es die letzte Stillsitzung und das letzte Fläschchen direkt hinterher, und dann hat er geschlafen bis vier. (Brüllen macht vielleicht auch müde. Wobei... Mütter von Brüllbabys da draußen, ihr könnt vermutlich eine andere Geschichte erzählen?)

Aber was wird denn nun mit dem Stillen, wenn er immer noch Fläschchen bekommt? Ehrlich gesagt glaube/hoffe ich, das wird sich finden. Inzwischen trinkt er ganz gut und bekommt auch einiges in den Bauch, heute zumindest habe ich ihn versehentlich erst gewogen, nachdem er auf beiden Seiten getrunken hatte, und der Unterschied zu gestern war so groß, dass die Milch bestimmt einen ordentlichen Anteil davon ausgemacht hat. Außerdem mixe ich ihm jedes Mal ein Fläschchen mit der Menge, die laut Packung für Babys in seinem Alter bei nur-Fläschchenfütterung empfohlen wird (überfüttern kann ich ihn mit PRE-Milch ja angeblich nicht), und er trinkt inzwischen so ungefähr die Hälfte davon - einzige Ausnahme ist das Fläschchen um vier Uhr nachts. Das reicht ihm dann. Aber ganz ohne geht es eben auch nicht. Wenn es so läuft, wie ich mir das denke, dann trinkt er ab jetzt von Tag zu Tag weniger Fläschchenmilch, und irgendwann können wir das auch lassen. Bis dahin bin den Firmen Alete, Beba usw. unendlich dankbar. Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich zwischendurch auch mal duschen, aufräumen, kochen, einkaufen, Wäsche aufhängen, Blumen gießen oder einen schnellen Post schreiben kann. Und meinen Hebammen bin ich auch dankbar, dass sie keine verbiesterten Hardcore-Stillsoldatinnen sind und mich das so machen lassen, wie es gut für uns ist.

Donnerstag, 1. August 2013

Was hat er nur?

Die Nacht war so entspannt wie bisher jede Nacht, seit wir zuhause sind. Zum Glück. Denn der Tag heute war bis vor einer halben Stunde wild. Irgendwann und irgendwo habe ich mal gelesen, dass Muttermilch in zwei Phasen fließt: die erste ist vor allem gegen den Durst, die fettere Milch, die satt macht, kommt erst danach. Und langsam habe ich den Eindruck, Kalle schafft immer nur die erste Hälfte. Irgendwann am frühen Nachmittag war er so weit, dass er vor lauter Verzweiflung überhaupt nicht mehr trinken konnte, sondern nur noch wild mit seinem Schnäbelchen auf mich einhackte, und zu diesem Zeitpunkt war er auch schon über das Stadium hinaus, in dem man ihn einfach mit einem Fläschchen beruhigen kann. Meine Arme sind heute Abend mit Sicherheit drei Zentimeter länger als heute früh, denn es war nicht daran zu denken, ihn auch nur für drei Minuten in seinen Stubenwagen oder sein Bett zu legen, nur auf dem Arm hat er sich einigermaßen beruhigt. Ihn brüllen zu lassen, bringe ich nicht übers Herz, dazu ist er noch zu klein. Und noch habe ich ein sehr begrenztes Repertoire an Dingen, die ich mit einer Hand tun kann. Kochen z.B. gehört nicht dazu. Wäsche aufhängen auch nicht, genau so wenig wie zur Toilette gehen. Und leider Fläschchen zubereiten auch nicht. Das muss besser werden! Ab morgen wird geübt. Und ich geniere mich ein bisschen, es zuzugeben, aber es hat keine zwei Stunden gedauert, und ich war ziemlich verzweifelt. Sein Fläschchen hatte er gehabt. Gewickelt war er auch. Irgendwann dämmerte es mir: heute war einfach ein sehr anlehnungsbedürftiger Tag. Warum, weiß ich nicht - ob er schlecht geträumt hatte, ob er sich heute einfach sehr klein und allein gefühlt hat, ob er Bauchschmerzen hatte oder ob ihm einfach danach war, aber heute war so ein Tag, an dem es ihm nur gut ging, so lange er mit mir zusammen eingekuschelt auf dem Sofa oder im Bett lag und zwischendurch ein bisschen nuckeln konnte. Also haben wir das gemacht. Und mit neuem Respekt für alle Mütter mit über Wochen und Monate dauerbrüllenden Kindern sitze ich jetzt hier und genieße die ersten dreißig Minuten Frieden heute. Denn jetzt schläft er. Er sieht sogar ganz zufrieden aus, bis in die flaumigen blonden Haarspitzen.
Also gut, Planänderung. Die Hebamme hat gesagt, ich soll nicht mehr abpumpen, und ich tue ja, was man mir sagt. Aber ich werde nicht gleichzeitig versuchen, auf nur Stillen umzustillen. Morgen werde ich ihn immer, wenn er Hunger hat, stillen. Und zwar mit viel Zeit. Und wenn er wirklich fertig ist damit, dann bekommt er noch ein kleines Fläschchen hinterher. Nicht erst dann, wenn er schon vollkommen fertig ist, sondern gleich. Das Stillen müssen wir beide noch lernen, und es geht ja auch mit jedem Tag ein bisschen besser. Aber noch reicht es einfach nicht, damit er sich wohl fühlt in seiner Haut. Und wohlfühlen soll er sich.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Kalle und der Schlaf

Hasst mich nicht, bittebitte. Aber Kalle schläft. Er bekommt abends so gegen halb zwölf sein letztes Fläschchen, dann lege ich ihn in die Babybay, Sekunden später sind wir beide weggeratzt. Und erst so gegen zwei, halb drei muckst er sich das nächste Mal. Dann wickele ich ihn, stille ihn und gebe ihm noch ein Fläschchen hinterher, worauf er wieder einschläft und mal um sieben, mal um acht aufwacht. Ist es eher sieben, wickele und füttere ich ihn noch mal und lege ihn dann noch mal hin. Und ehrlich, dann schläft er bis zehn! Ich so bis neun, so dass mir genug Zeit bleibt, zu duschen, zu frühstücken, mich anzuziehen und ein paar allernotwendigste Dinge zu tun, bis ich mich zurück ins Bett lege und ihn wachstarre. Ist das zu fassen? Ich weiß, ich weiß. Aber ich habe dafür im Voraus bezahlt mit 40 Jahren Schlafstörung, in denen es kein brüllendes Baby brauchte, damit ich nachts um drei mit rotgeränderten Augen an die Zimmerdecke starre und irgendwann feststelle, dass es ja jetzt auch schon sechs ist und ich mir keine Mühe mehr geben muss, einzuschlafen. Mein Kopf berührt das Kopfkissen, und ich bin weg. So muss sich das für andere Leute anfühlen!

Tagsüber sieht es schon etwas kniffliger aus. Denn gestern hat die Hebamme gesagt, das mit dem Milch abpumpen könnte ich jetzt auch mal lassen, ich sollte ihn einfach öfter stillen und ihm, wenn die Not trotzdem nicht zu lindern ist, auch mal tagsüber ein Fläschchen machen. Und jetzt stille ich ihn irgendwie den ganzen Tag und hoffe, das ist nur vorübergehend. So richtig kommt er trotzdem nicht auf seine Kosten, die Windel ist zwar immer nass, aber nie voll, und er kann ganz schön wild werden dabei, wie ein sehr, sehr wütender und energischer Specht. Lege ich ihn nach dem Trinken hin, schläft er anders als nach einem Fläschchen auch nicht ein. Den Teufel tut er. Er fängt an zu knatschen und würde am liebsten sofort da weitermachen, wo er gerade noch aufgehört hat. "Wieso lässt die blöde Flora ihr Kind denn nicht einfach zu Ende trinken?" Weil das Kind währenddessen einschläft, dann aufhört zu trinken, ich ihn dann aufwecke und neu anlege und er mich nur mit großen Augen anguckt und sein kleines Gesichtchen zu einem höflichen "Nein, Danke" verzieht. Nicht mehr zu pumpen, bedeutet, nicht mehr alle drei Stunden acht klitzekleine Plastikteile spülen und in der Mikrowelle sterilisieren zu müssen, das ist toll. Aber ich hatte es mir beim Pumpen eigentlich immer ganz nett gemacht, den Rechner dazu aufgeklappt und Nigella beim Kochen zugeguckt und dergleichen, und ich habe gerne zugeguckt, wie die Milch fließt und jeden Tag ein bisschen mehr im Becher landet. Jetzt habe ich keine Ahnung, was da rauskommt, aber es reicht nicht, um mein Kind satt und zufrieden genug zum Schlafen zu machen, und für einen ordentlichen Haufen in der Windel reicht es auch nicht. Wird sich das noch einpendeln? Wird es bestimmt, ich weiß. Bis dahin konzentriere ich mich darauf, dass dieses zauberhafteste Kind der Welt immerhin nachts schläft. Nach allem, was man hört, gibt es Eltern, die würden Eintritt dafür bezahlen, so ein Wundertier mal besichtigen zu können.

Und jetzt packen wir ihn in seinen Wagen und schieben mit ihm eine Runde am Flüsschen entlang. Nachher kommen seine Tanten, da will ich ihn vorher noch mal auslüften.