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Donnerstag, 30. Juni 2016

Rechts blinken, links abbiegen

Manchmal sitze ich mit meinen Freundinnen zusammen oder an einem Schreibtisch und hätte eigentlich echt was zu tun, aber starre stattdessen Fotos von den Kindern auf meinem Telefon an und mache dazu Geräusche.

Manchmal komme ich von der Arbeit nach Hause, schließe die Wohnungstür auf, im Kopf die Pläne für’s Abendessen und die Emails, die ich gleich noch beantworten muss, und sie kommen angerast und piepen “Mama! Mama!” und für einen Moment hatte ich völlig vergessen, dass es sie gibt, und zucke zusammen und denke für diese winzige Sekunde “Was zur Hölle!?!” oder etwas Ähnliches.

Manchmal gucke ich in den Spiegel und denke, eigentlich gar nicht mal so schlecht. Nicht schlecht für 43 und zwei Kinder!

Manchmal stehe ich in einer Umkleidekabine, sehe die merkwürdig verwohnte Partie zwischen den untersten Rippen und dem Bauchnabel (der in puncto Verwohntheit ganz eigene Maßstäbe setzt) und denke, es ist vorbei mit mir. Ich bin fertig, ausgelutscht, und könnte mir eigentlich jetzt statt dieses Partykleidchens hier genau so gut gleich ein Rentneroutfit in beige mit Elastikbündchen kaufen.

Manchmal streite ich mich so mit L., dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wie ich auch nur eine einzige Stunde lang so weitermachen soll.

Manchmal sehe ich ihn mit den Kindern, und er merkt nicht, dass ich schon seit zehn Minuten nicht mehr in der Küche wurschtele, sondern einfach nur gucke, und dann weiß ich, das hier ist meine Familie. Dieser Schlackel und diese zwei kleinen Böhnchen.

Manchmal muckele ich so vor mich hin, höre dazu Musik, räume Sachen in Regale und wische Staub und falte Kinderbodys und hänge endlich mal die verdammten Bilder auf und besorge eine neue Sodastream-Kartusche und gehe auf dem Weg noch zum Altglas und zum Bäcker und stecke die Nase in die Luft und finde, das ist doch ein völlig okayes Leben, so könnte jeder Tag sein, und gleich hole ich die Kinder ab und wir gehen auf den Spieli, und dann Badewanne und Spaghetti und Bett. Wie schön!

Manchmal sitze ich in einem Kita-Elterntreffen und sehe diese Riege blonder, dünner und extrem gepflegter Damen, denen ich demnächst täglich in Kalles neuer Kita über den Weg laufen werde, und die stellen alle nur Fragen zum Thema Stunden - wie geht das, wenn ich mein Kind eine Stunde später abholen will? Kann ich das ausgleichen? Kann ich Stundengutscheine splitten? Und wenn ich morgens eine Stunde früher komme? Das mit den Stunden wollen sie ganz genau wissen, und keiner stellt solche Fragen wie “Und was machen die Kinder da eigentlich den Tag über in Ihrer Kita?”, und L. flüstert mir zu, das wäre hier ja jetzt was anderes, Mütter mit Jobs! Und ich weiß auf einmal genau, die haben keine Jobs. Die haben Pilates. Und dann kann ich nur noch denken, Danke, Danke, Danke lieber Gott, dass ich an einem Schreibtisch sitze und denke und nicht auf einem Gymnastikball und mein Powerhouse aktiviere. Die Hölle! Das muss die Hölle sein.

Manchmal sagt eine Omi in der Ubahn, Also sie an meiner Stelle würde den Kindern aber jetzt echt eine Mütze anziehen, und dann lächele ich ganz freundlich und sage, also der hier, der friert nie. Und dieser hier, der braucht genau zwei Zehntelsekunden, um sich die Mütze wieder abzusetzen und in irgendeine klebrige Pfütze zu werfen. Und dann lächeln wir uns an, und sie hat es verstanden.

Manchmal möchte Kalle in der Bäckerei eine Rumkugel, und ich weiß, der wird davon ungefähr zehn Gramm essen, der Rest ist für mich, und weil ich heute schon zweihundertmilliardenmal Nein gesagt habe, kriegt er jetzt eben seine Rumkugel, und der Bäckereifachverkäufer guckt mich von Kopf bis Fuß und von Fuß bis Kopf an und sagt, “Sie wissen aber schon, dass da Rum drin ist in der Rumkugel. Die kann ich Ihnen aber für den Kleinen nicht verkaufen”, und dann falte ich ihn Ice-Queen-mäßig so zusammen, dass es mir hinterher wirklich leid tut, aber irgendwie auch wieder gar nicht, und trotzdem gehe ich am nächsten Tag da vorbei und will mich entschuldigen, nur dass heute ein anderer Bäckereifachverkäufer hinter dem Suchtmitteltresen steht.

Manchmal bin ich eine von diesen dämlichen Ziegen, die Kinder gekriegt hat und gefälligst mal klar kommen sollte.

Manchmal bin ich doch eigentlich ganz in Ordnung. Eine von den vernünftigen, keine von den Blöden, die immer so nerven und die wir Muttibloggerinnen nicht leiden mögen.

Schizophrenie! Kriegt uns nie!
Harr.

Freitag, 12. Februar 2016

Können wir aber froh sein, dass das Internet nicht von Budni ist.

Ich sitze in meiner neuen Küche, die Sonne scheint fast unverschämt grinsend durchs Fenster, und ich tue jetzt einfach mal so, als hätte ich nicht schon wieder seit Wochen nichts Gescheites mehr gepostet. Das endet dann nämlich wie schon oft beschrieben so wie mit Freunden, die man schon viel zu lange nicht mehr angerufen hat, und dann schämt man sich ein bisschen und wüsste auch nicht, wo man anfangen sollte, und dann lässt man es ganz oder vermurkst es. Und der Tag ist zu schön zum Vermurksen.

Also schön.

Als erstes habe ich zu meckern, und zwar über Budni. Dieses Thema ist für alle Nicht-Hamburger sturzlangweilig, aber da müsst ihr jetzt durch, ansonsten empfehle ich euch, den Absatz auszulassen. Ich war immer ein Fan von Budni. In den ersten zwei Jahren, als ich frisch nach Hamburg gezogen war, habe ich grundsätzlich nur "Budni" an Stelle von "Drogerie" gesagt, auch gegenüber Frankfurtern und Berlinern und Heidelbergern, peinlicherweise ein bisschen mit Absicht, um zu zeigen, dass mir Hamburg und sein Budni so dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen waren. Triste Flora! Aber so war es. Und auch später war ich den immer aufgeräumten, freundlichen, blau-weißen Läden sehr verbunden. In den letzten Jahren haben wir vielleicht 400 Meter von einem Rossmann entfernt gewohnt und 800 Meter von einem Budni. Keine Frage, dass ich eigentlich immer den weiteren Weg zu Budni gemacht habe, ob Hagel, Regen oder Sturm. Selbst im achten Monat habe ich mich noch die paar Meter weiter geschleppt. Dann passierte Folgendes: L. und ich hatten beide eine Budni-Spendenkarte. Das ist eine Karte, die man an der Kasse vorzeigt, und das, was andere Leute als "Punkte" wasweißichwofür sammeln, wird dann eben "für gute Zwecke" gespendet. Bei jedem Bezahlen hatte ich ein gutes Gefühl, nicht umsonst ist Budnis Claim "Jeden Tag Gutes tun". Irgendwann hat L. in der Zeitung gelesen, im vorangegangenen Jahr hätte Budni über die Spendenkarten insgesamt XY Euro gesammelt und gespendet. Ich erinnere mich nicht an den genauen Betrag, es war ein zweistelliger Tausender. L. hat dann mal kurz durchgerechnet: Soundsoviel Tage offen im Jahr, soundsoviele Filialen, soundsoviel Spende pro Tag und Filiale - und kam auf einen wirklich, wirklich lächerlich winzigen Betrag. Ich habe dumm geguckt und meine Spendenkarte in den Müll geschmissen. Fragt mich jetzt die Kassiererin bei Budni, ob ich eine Karte habe und wenn nicht, ob ich eine haben möchte, dann gucke ich sie mit hochgezogenen Augenbrauen sehr vielsagend an. So! Dann hat dm seine Eigenprodukte bei Budni aus dem Sortiment genommen, und Budni war gezwungen, selbst günstige Wimperntusche, Badeschaum und Spülmittel produzieren zu lassen. Seitdem ist einige Zeit vergangen, und inzwischen fange ich an, Umwege zu machen, um nicht zu Budni zu müssen. Ich habe eine Budni-Zahnbürste gekauft. Nach zwei mal Putzen hatte sie einen Scheitel, und ich habe sie weggeworfen. Ich habe eine Packung Feuchttücher gekauft, und Michel bekam einen derartigen Ausschlag am Hintern, dass die Kita ihn für zwei Tage nach Hause geschickt hat. Ich habe Waschmittel gekauft, und auf einmal juckten die Schlafanzüge und die Bettwäsche. Ich habe eine Haarbüste gekauft - das ist noch gar nicht lange her, wir waren schon umgezogen. Es ist eine ganz normale Holzhaarbürste mit Drahtborsten. Meine Haare wellen sich zwar ein bisschen, aber es kann keine Rede davon sein, ich hätte eine irgendwie widerspenstige Lockenmähne, schon gar nicht nach zwei Kindern. Mein Pferdeschwanz hat einen Durchmesser von vielleicht einem Zentimeter. Und diese kleine Drahthaarbürste verliert bei jedem Bürsten ihre Borsten. Es macht "Pling! Pling!" und dann krieche ich durchs Bad und sammele die Borsten aus der Badewanne und vom Boden. Die Bürste hat inzwischen eine Zweidrittelglatze. Was kommt als Nächstes? Die Einweg-Nagelschere? Das zwei-Minuten-Deo? Ätzender Babybadeschaum? Explodierende Teelichter? Wenn es so weiter geht, werde ich es jedenfalls nicht herausfinden, ich bin dann nämlich gerade auf dem weiten Weg zu dm. Ich wünsche mir, dass meine Lieblingsdrogerie die Kurve kriegt. Aber gerade... nee, nee, nee.

Gut, das hatte jetzt so gar keinen Kinder- oder IVF-Bezug. Dafür habe ich zu erzählen, dass Michel läuft. Zwei Monate früher ist er dran als sein mit geraden Füßen geborener Bruder. Vor drei Wochen fing es damit an, dass er einen Meter zwischen L. und mir mehr gekippt als gelaufen ist. Inzwischen schafft er problemlos zehn Meter und mehr, klatscht dabei in die Hände, hebt Sachen vom Boden auf und legt sie wieder hin, wechselt schwungvoll und präzise die Richtung und geht Hindernissen aus dem Weg. Und ich könnte heulen vor Stolz, wenn ich daran denke, wie seine Füße aussahen, als er damals im UKE in seiner Klarsicht-Babywanne neben mir lag und mir ganz anders war beim Gedanken daran, wie das alles werden soll. Und das Allertollste daran ist, wie viel Spaß er dabei hat. Ich habe immer gewusst (eigentlich mehr gehofft, wenn ich ehrlich bin), dass er sich wohler fühlen würde auf der Welt, wenn er sich erst so bewegen kann, wie er will. Jetzt kann er, und er strahlt und lacht und kichert, während er sich die Antirutschsocken durchläuft. Und das jetzt auch noch in einer Wohnung, in der nicht überall steile Holztreppen auf kleine Lemminge in Latzhosen lauern und wo ich ihn einfach mal laufen lassen kann, weil in jeder Tür ein Klemmschutz steckt und in jeder Steckdose ein Steckdosenschutz. Und Kalle ist im Geschichten-Alter. Ungefähr zwanzig Mal am Tag muss ich mir eine Geschichte für ihn ausdenken, und zwar am liebsten eine, in der er selbst vorkommt. Man sollte meinen, das kriege ich hin, immerhin ist es seit 15 Jahren mein Job, mir Geschichten über Hühneraugenpflaster, Autos, Kekse oder Bier auszudenken, aber es ist schwerer als gedacht, und ich merke, dass Mamas Gene in mir durchkommen, weil komischerweise viele der Geschichten so einen Drall ins Pädagogische bekommen. "Da siehst du, was passiert, wenn man zu viele Süßigkeiten isst!" So in dem Stil. Ich versuche, das zu ändern, aber wenn es nachts um zwei ist, der Rücken zwickt und Kalle mir seine Fußnägel in den Bauch bohrt, ist das nicht immer ganz einfach. "Und das ist die Geschichte von dem Jungen, der nie in seinem eigenen Bett schlafen wollte!" (Die überhaupt nicht angebracht wäre, denn neun von zehn Nächten schläft er in seinem eigenen Bett.)

Was ist sonst noch los? Das mit den Vorsätzen läuft ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Februar ist. Die Bandscheibe allerdings nervt weiter wie Hulle, in den letzten Tagen mit neuem Schwung, denn jetzt musste ich mein Wunderschmerzmittel - Diclofenac - absetzen, weil mein Magen plötzlich und spektakulär verrückt spielte. Die Ferien von den Schmerzen sind also vorbei und waren viel zu kurz, und jetzt lege ich wieder weite Strecken des Tages im rechten Winkel zurück und schlafe mit meinen Füßen auf einem dicken, knisternden und nach Schlauchboot müffelnden Pusteklotz und kriege trotzdem fast kein Auge zu, weil es einfach keine Lage gibt, in der meine Hüfte nicht weh tut. Um eine OP versuche ich trotzdem weiter, herumzukommen, denn mit zwei Kleinkindern könnte ich die Wochen danach einfach am besten in einer anderen Stadt verbringen. Die würden das nie verstehen, dass ich sie jetzt nicht in den Arm nehmen kann, und ich würde es vermutlich auch nicht verstehen, und das Ergebnis wäre wohl leider, dass ich mir den Rücken endgültig ruinieren würde, egal zu welchen Hochleistungen mein Arzt im OP auflaufen würde. Ich ballere mich also Vormittags mit Koffein wach, turne jeden Tag zwischen 30 und 60 Minuten mein Rückentraining vor dem Fernseher, fluche und hoffe auf morgen oder nächste Woche (aber das sind Mütter von Kleinstkindern ja gewohnt) und glaube weiter zweckoptimistisch daran, dass die Übungen irgendwann dem Rücken zeigen werden, wo es langgeht.

Dann bastele ich noch an meiner Homepage. Jaaaa, verrückt! Seit 2009 bin ich nun selbständig, und nun dachte ich, der frühe Vogel fängt den Wurm, jetzt könnte ich doch mal. (Ganz so ist es auch nicht, ich hatte einen Arbeitsblog, in dem man auch ein paar meiner Arbeiten angucken und mir Emails schreiben konnte und so... theoretisch.) (Also, genau genommen ist es doch genau so. Hier sitzt eine, die ihr berufliches Schicksal voller Gottvertrauen von Mundpropaganda abhängig gemacht hat. In welchem Job arbeite ich noch mal? Ach ja, Werbung! So.) Und das Tolle ist, sie ist so gut wie fertig. Und dann geht das hier aber mal los mit den Aufträgen und dem Koks und dem Gejammer über den ganzen Stress und den Nervenzusammenbrüchen und dem dringenden Vorsatz, dem ganzen Werbescheiß den Rücken zu kehren und als Drehbuchautorin ganz groß und trotzdem stressfrei rauszukommen!

(Fällt euch auch auf, dass das jetzt doch irgendwie so klingt wie ein Telefonat mit einem Freund, den man seit zwei Jahren nicht gesprochen hat?)

Und dann zum Stammtisch. Wie wär's mal wieder? Sagt doch mal.

Mittwoch, 4. November 2015

Noch geht tippen schneller als laufen. Aber demnächst!

Der erste Geburtstag, den wir hier gefeiert haben, war L.s vierzigster. Auf einmal hatten wir ein Haus. Auf einmal hatte L. Geburtstag. Und auf einmal hatte L. ziemlich viele Leute eingeladen, die auch noch alle kommen wollten. Die Küche ist winzig, aber irgendwie haben wir es geschafft, 30 Leute zu bewirten. Morgen feiern wir hier den letzten Geburtstag: Michel wird ein Jahr alt. Wie immer bei Umzügen ging es mir auch diesmal: erst wurde mir klamm bei dem Gedanken. Dann ist dieses Klamme langsam verflogen, und ich habe mich behaglich eingerichtet im Verabschieden. Und dann ging es irgendwann los, und auf einmal konnte ich noch nicht mal mehr sagen, wann hier der letzte Tag war, an dem noch alles normal und in Ordnung war. Jetzt ist hier nichts mehr normal und in Ordnung, die meisten Regale sind halb leer, die Hälfte der Stühle ist weg, fast alle meine Kleider (was nicht so schlimm ist, denn ich trage sowieso 10% meiner Kleider fast jeden Tag und den Rest theoretisch irgendwann demnächst bestimmt), und hätte ich mich nicht aufgeführt wie eine Furie, dann hätte ich auch keine Backform mehr gehabt für Michels Geburtstagskuchen. Jetzt ist das hier wirklich vorbei. Und ich bin sehr traurig und freue mich trotzdem auf das, was als Nächstes kommt. Ich hoffe, ich kann bald mehr dazu schreiben, aber gerade tippe ich hier gegen die Uhr an, denn aufgrund von Verwicklungen, die zu erläutern ich keine Zeit habe gerade, hüstel-hüstel, dreht die Telekom uns das W-Lan irgendwann heute ab. Ja, ich habe genau so gestaunt! Jedenfalls wissen wir noch nicht, wann in der neuen Butze Internet ist, und hier kann es jede Sekunde vorbei damit sein.

Also wieder mal ein Telegramm von mir.
Erstens: die Jungs.
Michel ist seit Montag in der Kita-Eingewöhnung. Für alle noch-nicht-Eltern: Kinder kommen nicht ZACK plötzlich für ein paar Stunden in die Kita, sondern sie werden langsam daran gewöhnt. Am ersten Tag eine Dreiviertelstunde, am zweiten, dritten und vierten Tag auch, und Mama oder Papa sitzen dabei. Dann steigert sich das, bis sie irgendwann so weit sind und die Dinge ihren Lauf nehmen können. Michel macht das toll, viel besser als erwartet. Er krabbelt neugierig los, strahlt die Kinder an und die Spielsachen, würdigt mich keines Blickes und ist sensationell gut gelaunt. Kalle dagegen hat scheinbar ernsthafte Revierverteidigungsprobleme. Wird das? Bestimmt. Hoffe ich jedenfalls und knirsche mit den Zähnen.

Zweitens: der Job.
Ganz ehrlich: ich habe gerade keine Ahnung, wie es weitergehen soll. "Nutze das als Chance! Besinne Dich neu! Du kannst alles machen, was Du willst!" Genau. Ich habe die Hosen gestrichen voll.

Drittens: Mamas Gesundheit.
Ist vielleicht eine kleine Erklärung dafür, warum der Unternehmergeist gerade nicht so richtig in Fahrt kommt. Seit Juni habe ich jetzt diese Schmerzen in der Hüfte. Morgens beim und nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, aber Nachts ist es ein knapper zweiter Platz, und ich kann inzwischen kaum mehr eine Nacht ohne Schmerztablette schlafen. Inzwischen bin ich geröntgt, morgen erfahre ich, was es auf diesen Bildern zu sehen gibt und was das bedeutet. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass mir egal ist, was es ist, Hauptsache, ich kenne endlich seinen Namen. Meine Geduld, noch nie meine starke Seite, ist vollkommen erschöpft. Und nicht nur das, inzwischen führen die Schmerzen auch zu einer massiven Fehlhaltung. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir jetzt alle Schuhe schiefgetreten, und aus ursprünglich nur Hüftschmerzen sind inzwischen auch Knie- und Fußschmerzen geworden. Sapristi! Ich finde wirklich, für Zipperlein bin ich noch zu jung.
Ach ja, und die Blutungen: gerade habe ich zum dritten Mal in dreieinhalb Wochen meine Tage. Aber laut gründlichem Ultraschall ist alles gut. Es gibt ein kleines Myom, aber das ist für mich myommäßig ein Superschnitt, und es kann laut Frauenärztin auch nicht für so viel Blut sorgen. Sie vermutet seelische Ursachen. "Seelische Ursachen!" Ich finde sie nett, darum bin ich ihr nicht direkt ins Gesicht gesprungen, wie ich das sonst in diesem Fall immer tue. Nun habe ich nicht nur Zorn auf meine Hüfte, mein Knie und meinen Fuß, sondern auch auf meine Seele. Es wird ein bisschen einsam hier.

Viertens: der Plan.
Ich habe das noch nie getan: den Blog gemolken. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ok, ich habe ein Buch daraus gemacht, und ab und zu habe ich euch angehauen, ob vielleicht eine Lust hat, ein Interview zu geben, aber davon abgesehen davon - nichts. Jetzt habe ich wieder mal in Sachen Pipiproblem gegoogelt und gegoogelt und bin auf eine Option gestoßen, die zwar vielversprechend klang, die ich mir aber gerade vom Elterngeld nicht leisten kann. Also habe ich den Hersteller dieser Option angeschrieben und ihm von mir und meinem Blog erzählt. Bin ich rot geworden, während ich die Email geschrieben habe? Ich fürchte ja. Aber es hat sich gelohnt, denn jetzt darf ich sein Gerät testen und darüber berichten. Heute macht sich irgendwo im tiefsten Baden-Württemberg ein Päckchen auf den Weg, und ich glaube fest daran, dass es mich ein gutes Stück näher an meine heiß ersehnte erste Runde um den Park bringt.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Auf bessere Zeiten! Und warum jetzt wirklich alles besser wird. Ganz bestimmt.

1. Nein, das Wunder der durchgeschlafenen Nacht hat sich nicht wiederholt, auch nicht annähernd. Aber ich arbeite dran. Mit etwas flexiblerer Bettzeit für Kalle, die dazu auch noch für mich entspannter wird, weil L. sich angewöhnt hat, ihn ins Bett zu bringen. Mit einem sättigenden Abendbrei für Michel, zusätzlich zum Fläschchen, den er mir zwar am Anfang entrüstet um die Ohren gespuckt hat, aber inzwischen zu mindestens 50% isst (wobei der Rest gleichmäßig in seine Haare geschmiert wird, die sonst eigentlich kaum vorhanden zu sein scheinen, bis er mit dem Brei anfängt, woraufhin sie plötzlich geradezu buschig wirken. Jede Menge Frisur! Mit jeder Menge Platz für Brei!), mit einer ganz guten Mischung aus Abenden, an denen ich um acht im Bett liege, und solchen, an denen ich so ziemlich das Gegenteil tue. Sapristi, wenn ich und meine Augenringe so weiter machen, dann hält mein Touche Eclat jetzt doch bis nächstes Frühjahr!

2. Außerdem mit einer Gute-Nacht-Routine oder etwas, was sich einer Routine annähert - so dass ich inzwischen mit ziemlicher Gewissheit weiß, um halb acht schläft wenigstens Michel, Kalle ist bei L. in guten Händen, und ich kann theoretisch um zwanzig vor acht in der Bahn Richtung Mädchenabend sitzen, ohne dass es vorher noch zu Verantwortungsdiffusion und Schreierei kommt.

3. Michel krabbelt und zeigt keine Neigung, wieder damit aufzuhören. Die Grundgesetze der Physik müssen auch für ihn gelten, irgendwann demnächst muss er abends einfach körperlich erschöpft genug sein, dass es bis zum nächsten Morgen reicht!

4. Michel sitzt außerdem, und er steht. Er robbt auf das Sofa zu, greift einmal zu, wackelt noch ein bisschen in den Kniekehlen uuuuuund - steht. Wenn es drauf ankommt, zehn Minuten lang, und auch den Rückweg auf den Boden meistert er inzwischen immer öfter. Aber wer sitzen, krabbeln und stehen kann, ist doch kein Baby mehr? Aus unserem Baby wird ein Kleinkind. Und während ich weiß Gott keine gute Babymama bin, eine gute Kleinkindmama kann ich sein.

5. Das Haus zu verlassen, wird immer einfacher. Der erste Schritt war, kein abgekochtes Wasser mehr zu brauchen. Als Nächstes können die Fläschchen insgesamt zuhause bleiben, Michel kriegt dann einfach ein Rosinenbrötchen in die runde Faust gedrückt und gut. Mit katastrophalen Windel-GAUs ist auch kaum noch zu rechnen, ich brauche also nur noch eine Windel und eine Wechselgarnitur, die ich in 87% der Fälle genau so zuhause wieder ins Regal sortiere. Und mittlerweile habe ich das Hamburger Budni-Netzwerk im Blut und weiß, egal wo ich hingehe, zwischen acht und 20 Uhr bin ich nur wenige Schritte von einer Drogerie entfernt, die es mir netterweise ermöglicht, kostenlos und unkompliziert mein Kind dort zu wickeln, und zwar ohne eigenes Material mitbringen zu müssen.

6. Jede Grenzerfahrung mit Kindern macht uns stärker. Letzte Woche z.B. haben wir nach der wunderschönen Hochzeit meiner Schwester im tiefsten, gluthitzigsten Bayern beschlossen, dass die Kinder und ich wohl angesichts von aufreißenden Autobahnen, Horrorstau und all dem Wahn lieber nicht mit L. im Auto zurück nach Hamburg fahren, sondern per Bahn. Das Ergebnis war, dass L. um halb sieben nach ereignisarmer bis langweiliger, wohlklimatisierter Fahrt zuhause war und wir um halb eins nach einer Irrfahrt in defekten, 55 Grad heißen ICEs, Bäumen auf den Schienen und endlosen Umleitungen durch die Walachei. Aber auch das hat geklappt, wir sind angekommen, alle sind noch heil, und nun habe ich wieder etwas, worauf ich zwar keine Lust habe, aber was mir keine Angst mehr macht. Zwölf Stunden Bahnfahrt mit Kleinkindern incl. Doppelkinderwagen und zigmal umsteigen: kriegen wir hin.

7. Es kommt vor, dass ich mich nach ein paar Minuten verdächtiger Stille frage, wo eigentlich Kalle steckt. Einmal darf ich raten: am Bücherregal, vertieft in irgend ein Bilderbuch über Bagger, Einschlafen, Tiere oder was auch immer. Er klettert alleine auf den Lesesessel, sucht sich etwas aus, sitzt dann da und liest. Ist das nicht wunderbar? Eines Tages sitzen wir zusammen auf dem Sofa, er mit seinem Buch, ich mit meinem, und streichen uns alle paar Seiten liebevoll übers Haar.

8. Jede Woche können die zwei ein bisschen mehr miteinander anfangen. Stehe ich z.B. unter der Dusche und Michel in seinem Gitterbettchen und nölt, und das Nölen hört plötzlich auf, so dass ich tropfnass ins Schlafzimmer haste, um sicher zu gehen, dass er noch atmet, dann steht dort Kalle auf der anderen Seite des Gitters und macht Faxen, und Michel beobachtet ihn hingerissen. Sitzen sie zusammen im Doppelkinderwagen, halten sie Händchen.

9. Während ich hier sitze und tippe, hat L. zu tun: er muss sich bis heute Abend fieberhaft überlegen, welches von drei möglichen Lastenfahrrädern er gerne von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen würde: das Babboe Curve mit E-Motor, das Nihola family oder ein Christiania light? Das sind drei fabelhafte, grundsolide Fahrräder, die vorne einen großen Kasten haben, in den man nicht nur die Kinder, sondern auch noch den Hund setzen kann. Wer in letzter Zeit mal in Kopenhagen war, hat sie dort bestimmt in rauen Mengen herumfahren und die Radwege verstopfen sehen. Wenn das nicht auf großen Spaß mit kleinen Kindern herausläuft, weiß ich es auch nicht. Vor uns liegt ein Sommer voller Ausflüge, Fahrtwind, Picknicks, Muskelkater und Abenteuer.

10. Es muss einfach. Und ich weiß, dass es besser wird.


Mittwoch, 8. Juli 2015

Rakete auf Schienen

Muss ich auch nur zwanzig Minuten stehend und eingezwängt in einer engen Ubahn aushalten, könnte ich durchdrehen. Die Vorstellung, durch einen engen Tunnel zu kriechen, der gerade mal so breit ist wie ich, ist für mich eine der schlimmsten. Ich flippe ja schon aus, wenn sich ein Nachthemd nachts um mich wickelt! Wie es sein muss, monatelang ein Bein komplett in Gips zu haben und auch hinterher drei Monate lang rund um die Uhr eine Fußfessel zu tragen, mag ich mir kaum vorstellen. Egal, ob man das nicht anders kennt oder doch, schön kann es nicht sein. Ich war deshalb immer bereit, einen großen Teil von Michels Gemecker auf seine beengten Verhältnisse zu schieben. Trotzdem war immer auch klar, dass er irgend etwas will - irgend etwas, was er eben noch nicht kann, aber gerne können würde. Er hat nur drauf gewartet, endlich loslegen zu können. Und jetzt kann er. Er trägt zwar immer noch jede Nacht vierzehn Stunden lang die Schiene, aber davon abgesehen ist er frei. Frei!

Seit knapp zwei Wochen krabbelt er. Damit ist er schon mal mindestens sechs Wochen früher dran als Kalle. Und es hat sich so viel Energie aufgestaut, dass er jetzt schon stehen will. Er sucht sich irgend etwas, woran er sich hochziehen kann, macht den herabschauenden Hund, hält sich erst mit einer und dann mit der anderen Hand fest und steht. Dabei strahlt und gurrt er glücklich in die Runde, minutenlang, bis ihm aufgeht, dass er noch nicht weiß, wie er hier wieder runterkommt. Dabei helfe ich ihm dann. So machen wir das stundenlang, und er ist dabei so fröhlich und unternehmungslustig, dass es wirklich eine Freude ist, in seiner Nähe zu sein. Ich glaube wirklich, der wird mit zehn Monaten laufen, und habe ein bisschen Angst, denn gesund ist das laut Kinderarzt nicht (wobei der das vielleicht damals nur zur Beruhigung gesagt hat, weil Kalle sich so viel Zeit gelassen hat). Und! In der Nacht von Montag auf Dienstag hat er zum ersten Mal durchgeschlafen, von 20 bis 6 Uhr! Ich bin daraufhin gestern pfeifend durch den Tag gehüpft, habe heute Nacht direkt von einem dritten Kind geträumt (wobei es in dem Traum vorrangig um die Mahlzeiten ging, die auf dieser Phantasie-Wochenstation serviert wurden), und habe so dermaßen Oberwasser, dass ich mir eine scheuern würde, wenn ich nicht ich wäre. Und kaum ist Michel ein bisschen freier, bin ich es hoffentlich bald auch und kann mit der neuen Energie, die mir der lang vermisste Schlaf bringen wird, endlich wieder all die Dinge machen, die andere Erwachsene auch tun! Sachen lesen, Sachen schreiben, Sachen kochen, noch mehr Sachen kochen meine ich, Unkraut jäten, Hemden bügeln, den Stau auf dem Festplattenrekorder wegglotzen, Abende mit Wein auf der Couch verbringen, ausgehen, (Zelda spielen, hüstel...) und und und. Und dann berichte ich bestimmt auch noch mal ausführlicher von New York und von der Hochzeit meiner Schwester, auf der wir das letzte Wochenende verbracht haben. Vielleicht findet sich sogar ein unscharfes Foto von Kalle im Matrosenanzug? Mal sehen.

Nein, mit Michel ist alles gut. Mit wem nicht alles gut ist, ist Kalle. Montag waren wir beim Kinderarzt zur U7, und es gibt ein Problem. Wieder mal eins, das "extrem selten" und "seit 15 Jahren in dieser Praxis nicht vorgekommen" ist. Die Fontanelle ist noch nicht zu, auch nicht annähernd, bestimmt vier Quadratzentimeter weiche Schädellose schädeldecke hat er mitten auf dem Kopf. Natürlich habe ich das bemerkt, aber ich dachte immer: so ist das bei kleinen Kindern, erst ist sie offen, und dann wächst sie irgendwann zu. Ich wusste nicht, dass es dafür eine Deadline gibt. Jetzt hoffen wir, dass sie bald zugeht. Und beim Spielen wird er ab sofort einen Helm tragen müssen. Zwei Stück habe ich bestellt, einen für die Kita, einen für Zuhause, und die kommen hoffentlich morgen an. Ich weiß, vermutlich ist das alles gar nicht schlimm, und besser zu spät als zu früh geschlossen, aber... ächz. ("Du musst auch immer was Besonderes sein", hat mein bekloppter Exfreund mir gerne vorgeworfen. Muss ich nicht! Glaub mir einfach, muss ich nicht! Ich lege absolut keinen Wert darauf, auch nur noch einmal im Leben von einem Arzt zu hören, dass sowas noch nie war.)

Montag, 22. Juni 2015

Angekommen.

Wir sind wieder da. Also, gelandet sind wir letzten Mittwoch um halb acht. Aber wirklich wieder da bin zumindest ich erst jetzt. Mit der Zeitverschiebung auf dem Hinweg sind wir immer gut klargekommen, der erste Abend fühlt sich einfach an wie eine lange, lange Hamburger Kneipennacht. Danach schlafen wir, so lange wir können, und ab dann läuft es. Zurück ist schwieriger. Seit Mittwoch habe ich jeden Tag die Stunden gezählt, bis die Kinder im Bett sind und ich endlich schlafen gehen kann, und wenn es dann so weit war, lag ich hundemüde und hellwach zugleich da und habe zugeguckt, wie es draußen schon wieder heller wird. Zombies schreiben keine Blogposts, darum habe ich das genau wie die Bügelwäsche seit Tagen vor mir hergeschoben. Liest hier überhaupt noch jemand? Für die paar dürren Zeilen zum Thema Schlafentzug, Dankbarkeit vs. Undankbarkeit und all den anderen täglich-grüßt-das-Muttertier-Kram? Mal sehen.

Jedenfalls:
Michel kann krabbeln! Seit bestimmt vier Wochen geht er schon auf Hände und Knie und hobelt dann mit Begeisterung vor und zurück. Zwischendurch hat er sich auch auf die Füßchen gestellt, eine Art herabschauender Hund. Aus dieser Position ist er dann manchmal auf die Nase gekracht, das kann nicht schön gewesen sein, aber es hält ihn nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Und aus dem Hobeln ist inzwischen eine ziemlich gezielte Vorwärts- oder im-Kreis-Bewegung geworden. Ich lege ihn auf den Teppich, platziere ein buntes Spielzeug zwei Meter entfernt, und er macht sich auf den Weg. Weil er aber immer noch am liebsten den ganzen Tag auf meinem Arm sein würde, robbt er auch oft hinter mir her, und sobald ich stehen bleibe, ziehen zwei kleine Hände von hinten an meinen Hosenbeinen. Erstaunlich stark ist er auch, es kommt der Tag, da klettert er einfach an mir hoch wie an einem Laternenpfahl. Und weil Schlaf immer noch die alles verdunkelnde Gewitterdenkwolke über meinem Kopf ist, war spätestens mein zweiter Gedanke dazu: wie schön, vielleicht macht ihn das müder und wir schlafen demnächst durch? Ganz eventuell?

Ich darf nicht zu viel über Schlaf schreiben, sonst hypnotisiere ich mich selbst und krache gleich mit dem Kopf in die Tastatur, darum bringe ich es schnell hinter mich und dann auf zu neuen Themen. Seit Neuestem greife ich nachts zum Telefon, wenn ich ihn gefüttert habe, und schreibe auf, wie viel Uhr es ist. Die Idee war, dass ich so mit einem Blick auf mein Telefon sehen kann, dass es in der Tat besser wird, die Abstände länger usw. Jetzt ist es aber leider so, dass ich mit einem Blick auf mein Telefon sehe, dass es nicht besser wird. Während meine Eltern hier heldenhaft die Stellung gehalten haben, war Michel ebenfalls groß in Fahrt. Es tat mir leid, ich hätte ihnen eine etwas entspanntere Großeltern-Woche gewünscht. Aber ein klitzekleiner Teil von mir war auch ein bisschen erleichtert, nicht als Jammerlappen dazustehen, weil ich immer von Müdigkeit und Gebrüll erzähle und die Kinder plötzlich beide schlafen wie die Engelchen.

Ich hab die Kinder wirklich vermisst. Aber ich bin trotzdem froh, dass wir das gemacht haben. Es gibt verschiedene Arten von Erholung: die mit viel Schlaf, Bademänteln, Haarkuren und Herumlungern. Das hier war die andere. Auch im Urlaub haben wir selten mehr als fünf Stunden geschlafen, jeden Tag sind wir Kilometer um Kilometer weit herumgelaufen, und es war so heiß und schwül, dass ich an manchen Tagen drei mal geduscht habe. (L., das Wundertier, schwitzt nie.) Aber erholsam war es trotzdem, so viel Zeit zu haben, endlich mal wieder auszugehen, ohne auf die Uhr zu gucken, den ganzen Tag beide Hände frei zu haben, zu essen, ohne dass eine kleine Patschhand sich über den Tellerrand schiebt, die Zeitung zu lesen, ohne dass die gleiche Patschhand die Seiten zerkrumpelt und jede Menge kleine, scharfe und/oder stachelige Gegenstände herumliegen lassen zu können, ohne dass jemand auf die Idee kommt, damit Selbstmord zu begehen. Jeden Tag habe ich mir Kinderfotos auf dem Telefon angeguckt, und jeden Tag hatte ich meine sentimentalen zehn Minuten, in denen ich mich sofort nach Hause gebeamt hätte, wenn möglich. Zum Glück war es nicht möglich, denn die restlichen 23 Stunden und 50 Minuten war ich sehr glücklich, zu sein, wo ich war. Und jetzt bin ich wieder hier und auch darüber sehr froh. Michel krabbelt und strahlt jedes Mal, wenn er mich sieht (es sei denn, nachts zwischen zehn und fünf Uhr früh), und Kalle plappert und plappert und sagt die niedlichsten Sachen, reißt seit Neuestem sogar selbstgemachte Witze und erwärmt das müde Mutterherz, wo und wie er nur kann.

Michel kann nicht nur krabbeln, sondern ist auch mordsmäßig gewachsen. In die Babyschale des Einzelkinderwagens passt er schon lange nicht mehr. Wenn Kalle in der Kita ist, bin ich deshalb öfter mit ihm alleine im Doppelkinderwagen unterwegs. Und es vergeht wirklich keine noch so kurze Fahrt, ohne dass ich mindestens einmal von einer fremden Person gefragt werde, wo denn das Zweite ist? (Mit "fremder Person" meine ich wirklich fremde Person, die Kassiererinnen im Supermarkt usw. zähle ich da schon gar nicht mehr zu.) Ich antworte immer noch freundlich, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich das immer weiter tun werde. Denn die Nachfragen kommen auch nicht immer im netten Plauderton, sondern manchmal ganz schön drängelig und zurechtweisend. Als würde die fragende Person befürchten, ich hätte Nummer zwei einfach irgendwo liegen gelassen und es nicht bemerkt. Eigentlich müsste ich mich inzwischen dran gewöhnt haben, dass Mütter und ihre Kinder für viele Leute zum Kommentieren da sind. Neulich war ich mit Michel im Doppelkinderwagen in einem Reformhaus. Der Wagen passte gerade so durch den Eingang, aber der Laden selbst war zu eng und vollgestellt. Also habe ich ihn kurz vor dem ersten Regal im ansonsten leeren Laden geparkt, um eben schnell mein vorbestelltes Shampoo an der Kasse einzusammeln. Zack, ging die Tür auf, eine ältere Frau pflanzte sich vor dem Kinderwagen auf und bellte mich an: "Gehört dieses Kind zu Ihnen?", erzählte mir was von verschwundenen Kindern, Verantwortungslosigkeit und versuchte dann, den Kinderwagen doch noch hinter mir herzuschieben. "Ein Kind gehört zur Mutter!" Es gab schon samstägliche Marktgänge, bei denen mir innerhalb weniger Minuten erst jemand sagte, meine Kinder wären zu kalt angezogen, und dann jemand anderes, ich sollte ihnen doch die Jacken ausziehen, die würden ja überhitzen. Die Reformhaus-Frau lieferte auch gleich die Begründung für ihr mutiges Eingreifen ab: heute wäre Zivilcourage gefordert, und sie würde nicht mehr schweigen, wenn sie "so etwas" sieht. In was für einer Welt leben wir, in der Mütter ihre Kinder einfach neben dem Regal mit den veganen Pasten parken und sich bis zu zwei Meter von ihnen entfernen? Andere wollen vielleicht einfach nur ein nettes Pläuschchen halten, wer weiß. Trotzdem wäre ich froh, sie würden einen anderen Anknüpfungspunkt finden. Ich hasse Einmischen, ich lasse es grundsätzlich bei anderen sein und wäre froh, wenn sie das genau so täten. Und unter den freundlichen Antworten staut sich ein so dicker Klops Gereiztheit an, dass vielleicht eines Tages jemand die volle Packung abbekommt, der doch nur nett fragen wollte... und sich nichts dabei gedacht hat... und es gar nicht böse gemeint hat. Und das täte mir leid.






Mittwoch, 13. Mai 2015

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich schreibe diesen Post nach einer Nacht, die ich vor allem auf Knien verbracht habe: kniend im Bett über Michel, der starkes Fieber hatte und ständig neue kalte Wickel brauchte, die ich dann in Position halten musste, während er sich hin und her gebogen hat wie eine Stahlfeder und einfach nicht zur Ruhe kam. Gestern war sein letzter Impftermin vor dem ersten Geburtstag, und obwohl wir bei allen anderen Impfterminen (auch bei Kalle) so weit ich mich erinnere ohne Nebenwirkungen davongekommen sind, hat es uns diesmal erwischt. Das erste Fieberzäpfchen hat er gestern abend um sechs bekommen, das zweite dann heute Nacht um zwei, und die Schwierigkeit bestand darin, dass ich dachte, ich hätte es richtig eingeführt, während es in Wahrheit nur in der Ritze klemmte und schon halb geschmolzen war, bis ich meinen Irrtum bemerkte, so dass ich keine Ahnung hatte, wie viel davon jetzt angekommen war bzw. wie viel ich im Notfall nachschieben können würde. Daher: kalte Wickel. Die haben dann auch geholfen. Jetzt sitze ich hier, kralle mich an meine Tasse extrastarken Tee wie selten, und schreibe immer noch voller Überzeugung: liebe Impfgegner, hier bitte nicht. So fusselhirnig ich sonst auch sein mag, und so sehr es mir gegen den Strich geht, hier Kommentatoren wegen ihrer gegenläufigen Meinung abzuwatschen - falls ihr eure Kinder nicht impfen lasst, will ich weder eure Gründe dafür hier lesen noch irgendwelche Versuche, denen Angst zu machen, die es tun.

Das Fieber ist weg, die kleinen Pflaster mit den Marienkäfern drauf habe ich ihm gerade von den Beinchen geknibbelt, jetzt liegt er in seinem Stubenwagen und kräht und lacht. Was auch immer die Welt noch an Ärger und Gefahren für ihn bereit hält: Masern, Kinderlähmung und Tetanus gehören nicht dazu, und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Dienstag, 12. Mai 2015

Sechs Monate

Manchmal habe ich den üblen Verdacht, ich hätte mir in den letzten Monaten mein bisschen Humor einfach weggestillt. Mit der Muttermilch ausgesaugt und futschi. Das wäre eine Erklärung dafür, wieso ich mit diesem Streiflicht zum Thema Muttertag so gar nichts anfangen kann und das dumpfe Gefühl hatte, hier hatte jemand die unangenehme Aufgabe zu erfüllen, über Mütter zu schreiben, hatte weder Zeit noch Bock und irgendwie auch keine Ahnung, was er schreiben soll, und herausgekommen ist dann so ein verschraubter Quark. Aber gut. Wäre ich seine (oder ihre?) Mutter, würde der nächste Geburtstagskuchen deutlich trockener ausfallen als gewohnt. Vielleicht sogar ein bisschen angekokelt, wer weiß? Wir Mütter haben da so unsere Methoden, unsere giftigen, seelenzerstörerischen Kniffe.

Und sonst? Gerade gäbe es eine Menge über Krankheit zu schreiben, aber das macht keinen Spaß, darum lasse ich es einfach. Stattdessen habe ich zu berichten, dass Michel sechs Monate alt ist, was mir merkwürdig vorkommt, denn es fühlt sich an, als wäre er schon Jahre hier. (Und das könnte daran liegen, dass gerade jeder Tag statt 16 so ungefähr 21 wache Stunden hat, das streckt die Zeit ganz schön...) Und es tut sich was. L. sagt, ich spinne, und außerdem, dass ich nun schon seit Monaten behaupte, JETZT würde aber wirklich gerade was passieren, was aber offensichtlich nur für mich sichtbar wäre - ich bestehe drauf, es tut sich was. Ich weiß, eines Tages wird der Altersunterschied zwischen den beiden - gerade mal fünfzehneinhalb Monate - praktisch nichts mehr ausmachen und komplett verschwinden. Noch liegen Welten dazwischen: der Unterschied zwischen sechs und einundzwanzig Monaten ist der Unterschied zwischen sieben mal täglich "Gute Nacht Gorilla" vorlesen und Augenringen bis Meppen, zwischen Fläschchen und noch mehr Fläschchen und einer schönen Portion Muscheln mit Chili, zwischen zwanzig Minuten Nickerchen-Freiheit - wenn auch immer mit einem Ohr im Kinderzimmer - und sechs Stunden Kita, zwischen Schleppen bis der Rücken ächzt und mit einer Tasse Tee gemächlich hinterher schlendern, während Kalle den Garten erkundet. Aber trotzdem finde ich, Michel ist schon heute näher dran an seinem Bruder als an dem knallroten brüllenden Wesen, das sie mir damals um zwei vor vier im Kreißsaal Nr.3 in die Arme gelegt haben. Er fasst sich anders an, und wenn ich ihn trage, kann er auf meiner Hüfte sitzen und guckt sich wissbegierig um. Lege ich ihn auf den Boden, dann dreht er sich fast sofort auf den Bauch, zieht die Beine an, Hintern in die Höhe, und dann fängt er an, vor und zurück zu schunkeln. Nach ein paar Sekunden fängt er an zu meckern, weil das zwei Meter entfernte Spielzeug immer noch nicht näher gekommen ist, aber diesen Trick hat er bestimmt bald raus. Selbst L., der sonst nicht zu seinen frenetischsten Cheerleadern gehört, glaubt daran, dass er früher laufen können wird als Kalle. Er lächelt und hat schon so etwas wie Vorlieben: wenn es mich überkommt und ich ihm zwanzig Knallküsschen aufs Gesicht drücke, dann guckt er mich nachsichtig lächelnd an, als wäre das ein echt lahmer Scherz, aber irgendwie immer noch ok. Er liegt gerne auf seiner Wickelkommode und verehrt die Wärmelampe, die zwar nicht mehr nötig wäre, aber ihm zuliebe mache ich sie trotzdem noch an. Er liebt es, Papier zu vernichten, und inzwischen kann ich nicht mehr essen, während ich ihn auf dem Arm habe, denn er wirft sich mit seiner ganzen ziemlich beträchtlichen Kraft in Richtung des Tellers. Man muss nicht Freud sein, um drauf zu kommen, dass das wohl heißt, er hätte jetzt langsam gerne etwas anderes als Premilch - aber blöderweise verträgt er die Versuche, seinen Speiseplan zu bereichern, bisher nicht besonders gut. Fruchtgläschen waren alle eine Katastrophe, Gemüsegläschen gehen ein bisschen besser. Babyratgeber sprechen immer davon, man sollte seinem Kind Brotrinden zum Lutschen geben, auch um einer Glutenunverträglichkeit vorzubeugen - aber ehrlich, dazu bin ich zu ängstlich. Bekommt er meinen Finger zu fassen, dann erlebe ich täglich mehrmals hautnah, wie viel Kraft so eine kleine Wurst im Kiefer hat. Der kriegt doch ohne weiteres eine Brotrinde klein, und dann? (Das übrigens aus den gleichen Ratgebern, die sonst vor eine Nummer zu großen Schlafsäcken, Kuscheltieren oder Todes-Kunststoff in Kinderwagen warnen...) Vielleicht lerne ich zur Abwechslung mal rechtzeitig dazu, vergesse die Gläschen und gehe direkt zu vorsichtig Selbstgekochtem über. Irgendwo in meinem Vorratsschrank müssen noch die Vorräte an italienischer Babypasta sein, die ich für Kalle mal angelegt hatte, bevor mir irgendwann klar wurde, dass der einfach essen will, was wir essen, und bis dahin gerne bei Milch bleibt.
Wir bewegen uns also langsam raus aus dem Baby- hinein ins Jungsterritorium. Zumindest tagsüber, nachts ist immer noch alles ungefähr so wie damals auf der Neugeborenenstation, nur dass nicht alle drei Stunden gewickelt wird. Er brüllt, ich schmeichle und beruhige und versuche, mich langweilig und neutral zu verhalten, ich mache Fläschchen und trage sie morgens so gut wie unangerührt wieder nach unten in die Küche, ich massiere seinen Bauch mit Kümmelsalbe und fluche, ich googele auf dem Telefon nachts um drei nach Babyschlaftipps und würde den neunmalklugen Ratgebern abwechselnd gerne den Hals umdrehen* und das sofort ausprobieren, manchmal auch beides gleichzeitig. Und wenn ich doch mal träume, träume ich von besseren Zeiten, wenn auch viel zu kurz. Und trotzdem - keiner weiß warum - bilde ich mir immer noch jeden Tag ein, heute wäre die Nacht, in der er zum ersten Mal nur einmal aufwacht. Heute kriegt Mutti sechs Stunden, vielleicht sogar mehr! Heute ist der Tag, an dem wir das Tal der Augenringe hinter uns lassen. Und statt sich abzunutzen, wird diese Hoffnung jeden Tag ein bisschen stärker. Vielleicht ist das das sicherste Zeichen, dass mein Baby langsam groß wird. Wie ich mich darauf freue! (Wisst ihr noch, die endlosen Posts über das Stilldrama mit Kalle? Wie glücklich wäre ich, mal wieder über was anderes schreiben zu können als über Nachtruhe.)

* jemand hat vor ein paar Wochen zu mir gesagt, ich sollte mich nicht so anstellen, das wüsste man doch vorher, dass Babys zu Schlafentzug führen. Kann sein, aber bitte stellt euch mal folgendes vor: beim nächsten Marathon lauern wir so ungefähr bei Kilometer 32 auf jemanden, dem man ansieht, dass er gerade gegen die innere Wand rennt. Nichts geht mehr, alles tut weh, und jetzt kommen wir, schwingen uns über die Absperrung, traben locker ein paar Meter nebenher und sagen ihm, wir wüssten gar nicht, was er hat, das wüsste man doch vorher, dass so ein Marathon anstrengend wird. Ich glaube, mancher wäre erstaunt, wie viel Kraft für eine entsprechende Reaktion doch noch in dem Wrack steckt.





Montag, 6. April 2015

And now for something completely different

Wer zwei kleine Kinder unter zwei Jahren hat, der sehnt sich nach Dingen, die sich einfach erledigen und abhaken lassen und funktionieren. Davon gibt es gerade nicht viele in meinem Leben. Also habe ich künstlich nachgeholfen und mir die 100-Rezepte-in-einem-Jahr-Sache ausgedacht. Ich wollte bis Silvester hundert mal nach Rezept kochen. Es müssen keine neuen Rezepte sein, auch keine aufwendigen, nur eins ist Bedingung: ich muss nachschlagen müssen, wie das geht, und es dann eben machen.
Heute ist der sechste April, und bisher stehen auf der Liste:

Gefüllte Paprikaschoten (Rezept: Mama) in zwei Versionen: mit Hack für Kalle und mich, mit Reis und Schafskäse für L.
Mexican Chocolate Icebox Cookies (Dinner: a love story)
“Persischer Auflauf” nach vagen Ideen von L., nachgeschlagen bei chefkoch.de
Blutorangen-Kardamom-Sorbet (A Change of Appetite)
Tomaten-Curry (Nigella Kitchen)
Kokos-Reis (Nigella Kitchen)
Zitronen-Risotto (allerdings mit Hirse), Nigella Bites
Gebackener Fenchel (Claudia Roden, Food of Italy)
Apfelnusskuchen (Food of Italy)
Popcorn Cookies (Smitten Kitchen)
Schweineschulter-Ragù (Dinner - a love story)
Linsen-Bolognese (eat - nigel slater)
Marmorkuchen (dr oetker, Backen macht Freude)
Fisch in Bierteig (Gordon Ramsay, great british pub food)
Indischer Dhal (Natural Basics)
Lauch in weißer Sauce (Nigella Kitchen)
Salt and Pepper wings (Nigella: Feast)
Orange Granita (Food of Italy) mit Bitterorangen
Damp lemon and almond cake (Nigella, How to be a Domestic Goddess)
Marcella Hazan’s Pork braised in milk (Dinner, a love story)
Risi e bisi (Nigella: Forever Summer)
Gebackener Schafskäse in der Folie (Delicious days)
Green Bean and Lemon Casserole (Nigella, Feast)
Überbackener Blumenkohl (What Katie ate at the Weekend)

Das sind 23 Rezepte in etwas mehr als einem Vierteljahr. Das heißt, ich bin noch hinter dem Soll zurück, aber ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen unter Druck. Und auch, wenn längst nicht jedes dieser Rezepte mit vielen Sternchen verziert wurde und auf die Liste der Sachen gewandert ist, die ich unbedingt bald wieder essen will, hat doch jedes eine ordentliche Dosis Selbstzufriedenheit mit sich gebracht, die ich gerade an anderer Stelle schmerzlich vermisse und dringend brauchen kann. (Falls es eine interessiert: unbedingt mindestens einmal im Monat essen will ich das Ragù von der Schweineschulter, das zehn Minuten Arbeit macht, die ganze Bude mit einem himmlischen Duft erfüllt, köstlich auf Pasta schmeckt, von Kalle geliebt wird und sich 1a einfrieren lässt. Außerdem Risi e Bisi, die grünen Bohnen mit Zitrone, das Zitronen-Hirse-Risotto, die Salt-and-Pepper-Wings, und spätestens zu Weihnachten mache ich die Mexiko-Kekse wieder. Nicht so angetan war ich z.B. von den Popcornkeksen, ein Rezept, das ich schon seit zwei Jahren umkreise, und in dem das Popcorn nur gestört hat, und was "What Katie ate" betrifft - ein Kochbuch, dass ich mir von meinen Eltern gewünscht und bekommen habe und das so hübsch aussieht - schwant mir gerade, dass es außer diesem hübschen Aussehen nicht so viel zu bieten hat. Aber wir werden sehen, die Rippchen z.B. probiere ich noch aus, genau wie ein paar der Backrezepte.) Ich weiß, es klingt nach Hausfrauenoverkill, sich mit zwei Würmchen auch noch ein Projekt zu suchen, aber mir hilft es. Denn nichts, was mit Kindern zu tun hat, lässt sich so gut planen und dann (oft innerhalb von gerade mal zehn Minuten) einfach machen. Ganz davon abgesehen, dass mit vollem Bauch fast alles besser geht.

Morgen um zwölf ist unser Termin mit Michel in Altona. Drei Monate sind um. Drei Monate mit mindestens 23 Stunden Schiene am Tag. Wenn ich anderen davon erzählt habe, ist mir neulich aufgefallen, habe ich es oft so erzählt, als wäre das alles toootal unkompliziert und einfach gewesen. Der Snowboard-Satz fiel z.B. oft. "Dann hat er zwei kleine Sandalen an, die werden beide fest in die Schiene eingeklickt, und dann steht er da wie auf einem kleinen Snowboard." Snowboard: da denkt doch keiner an Probleme, Behinderung, Arztbesuche und Kummer - saucooles Kind, als Baby schon auf dem Snowboard! Warum ich das immer und immer wieder so gemacht habe, kriege ich eines Tages auch noch heraus, es muss wohl irgendwie geholfen haben. Und Hilfe war nötig, es war nämlich alles andere als unkompliziert und einfach. Wenn ich die Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe, waren da oft merkwürdige Falten und Stellen am Fuß, und auch, wenn die Ärztin uns beruhigt hat, nachdem ich ihr das immer wieder als Foto gemailt habe - wer immer mit der Tube Bepanthen in der Hand jede kleine Rötung am Po verarztet und beim ersten Husten das Fieberthermometer sucht, den lässt das erst Recht nicht kalt. Die Hauptursache für das Scheitern der Klumpfuß-Behandlung sind inkonsequente und zu nachgiebige Eltern, das habe ich mir so oft vorgebetet. Egal, wie er gebrüllt hat, egal, wie mies die Nacht gerade war, gerade wenn er brüllte, haben wir die Schiene nicht ausgezogen. Denn auch ein drei Monate altes Baby ist schon schlau genug, um zu kapieren: ich brülle lang genug, dann bin ich das Ding los, also brülle ich mal. Und keine Unbequemlichkeit jetzt kann so schlimm sein, wie eines Tages mit schiefen Füßen durchs Leben schlurfen zu müssen. Also hat er gebrüllt, und wir haben die Zähne zusammengebissen. Mit dem Ding hat Tragen in der Manduca oder im Tuch nicht funktioniert, und in seinen wirklich großzügig geschnittenen Kinderwagen hat er damit auch kaum gepasst. Ich weiß, dass wir froh sein können, in einem Land mit so toller medizinischer Versorgung zu leben und dass es großartig ist, wie viel man heute tun kann - ganz ohne OP. Wenn ich mir die Bilder ansehe von seinen Füßen, die wir nach der Geburt gemacht haben, ist es nicht zu fassen, dass sie fünf Monate später so aussehen - bis auf die leichten Verformungen durch die Schuhe völlig normal. Wir sollten die Schiene also täglich loben und preisen und ein Foto von ihr in unseren Brieftaschen herumtragen. Aber trotzdem bin ich gottfroh, wenn wir morgen die erlösende Nachricht bekommen, dass er das Ding ab sofort nur noch 14 Stunden täglich tragen muss - also nur noch nachts und zum Mittagsschlaf. (Mittagsschlaf, Michel. Das wird was ganz Neues für Dich! Ist das spannend! Oder?)

Kalle kann inzwischen Ostereier suchen, finden und essen. Tatsächlich ist für mich gestern eins dieser Phantasiebilder wahr geworden, die mich als Abkürzungsdame immer mal gefoltert, mal bei Laune gehalten haben, und es war genau so, wie ich immer dachte. Wir sind durch den sonnigen Garten gelaufen, der zum Wochenendhaus von L.s Mutter gehört, wo wir jedes Jahr an Ostern sind. Ich hatte morgens im Schlafanzug Eier versteckt, und jetzt waren wir zu dritt unterwegs, Kalle mit einem kleinen Körbchen. Er hat sie alle gefunden, in sein Körbchen gelegt, auf das er nur zweimal gefallen ist, ohne größeren Schaden anzurichten, er hatte riesige Augen und ganz rote Wangen, und am Ende hat er den Inhalt seines Körbchens unaufgefordert mit uns allen geteilt. Ich konnte nur denken, und ich habe wirklich nicht mehr dran geglaubt, nur noch ein bisschen zum Spaß, dass das eines Tages mal passiert. Ist es aber.

Neues aus seinem Vokabular:
Alabala (Luftballon)
Dau (Michel)
Altsch (Saft)
Paltsch (Salz)
A-A (Giraffe)
Außerdem Lampe, Lachs, Anziehen, Tiger, Bär, Pipi, Milch, Ei, Hase und Nase.

Die Nächte sind gerade so grauenhaft, dass ich gar nicht anfangen will, ausführlich davon zu schreiben, denn wenn ich davon anfangen würde, hätte ich mich ruckzuck in eine Situation hineinmanövriert, in der ich mich ein Jahr lang nur noch entschuldigen und dankbar zeigen muss, damit das Internet mir das verzeiht. (Stellt euch bitte mal vor, man dürfte nicht über seinen Job meckern, ohne sofort hinterherzuschieben, dass man weiß, wie viel Glück man hat, überhaupt einen Job zu haben. Dass man weiß, wie viele einen Job verdient hätten, aber keinen haben. Dass man seinen Job liebt. Dass man überhaupt insgesamt eigentlich nicht meckern will, es ist nur so, dass... es wäre zum Durchdrehen.) Letzte Nacht hat Michel nur zweimal dazwischengefunkt, während ich mit meiner Schwiegermutter "Notorious" im Fernsehen gesehen habe. Um zehn bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Dann war er bis eins wach und ungnädig, wollte trinken, aber weder bei mir noch aus der Flasche, hat gekratzt, gezwickt, geknatscht und mich an den Haaren gezogen und mit seinen beschienten Füßen grün und blau getreten. Dann hat er geschlafen bis halb drei, bis fünf wieder Terror, dann Schlaf bis halb sieben, wieder eine halbe Stunde, diesmal ist Kalle aufgewacht und wollte zu mir ins Bett, und dann sind beide wie durch ein Wunder noch mal bis neun eingeschlafen. Seit halb eins konnte ich nur noch auf die erste Tasse Tee des Tages hinfiebern. Aber die hat dann auch wirklich geholfen.

Aber trotzdem: auch wenn äußerlich nichts, aber auch gar nichts besser wird: die Katastrophenstimmung ist dahin. Ich liege nachts da, so müde, dass ich nur noch schreien will, und denke: noch ein Jahr, dann habe ich zwei Kinder, die beide mit mir sprechen können, wenigstens ein bisschen. Die ich nachts in ihr Bett nebenan lege, die bestimmt auch mal nachts was wollen, aber die ansonsten verstehen, wenn ich abends zu ihnen sage: gute Nacht, schlaf gut, morgen wird ein schöner Tag.

Und das geht schnell, hoffentlich. Morgen wird ein gutes Jahr.

Freitag, 20. Februar 2015

Wird. Bestimmt, oder?

Einige Dinge lernt man mit der Zeit. Dazu gehört zum Beispiel, mit einem einzigen zarten Feuchttüchlein eine erstaunliche Menge Dünnschiss zu entfernen. Oder am Geknötter zu erkennen, ob Hunger, Kälte, Weltschmerz, Langeweile oder Müdigkeit das Problem ist. Oder Dinge mit Kind auf dem Arm mit einer Hand zu erledigen, für die man früher drei gebraucht hätte. Oder die Bude abends innerhalb von fünf Minuten zumindest oberflächlich betrachtet wieder so hinzuräumen, dass sich Erwachsene dort wohl fühlen können. (Und sich in trügerischer Sicherheit vor Kinderkram wiegen. Gerade bin ich in die nur schummerig beleuchtete Küche gegangen und habe mich dann mit einer Schüssel Heringssalat in der Hand hingepackt, weil ich auf Kalles Rutscheauto getreten bin, das ich aber ansonsten sehr empfehlen kann. Es ist ein italienisches Auto der Firma Italtrike, und es ist so ungefähr in jeder Hinsicht besser als ein Bobbycar: völlig geräuschlos, mit einem Gummirand zum Schutz von Möbeln, Türrahmen und Elternschienbeinen und extrem wendig. Eine Transportbox für Schätze hat es auch. Der Heringssalat hat sich auf einer Fläche von vier Quadratmetern verteilt.) Andere Dinge dagegen kriege zumindest ich wohl nie hin. Kein schlechtes Gewissen zu haben, egal weswegen. (Kind ausgeschimpft wegen ausgeleerten Müeslis: schlechtes Gewissen wegen Hartherzigkeit und trauriger Kinderaugen. Kind Müesli ausleeren lassen: schlechtes Gewissen wegen Erziehungsfaulheit und Prinzipienlosigkeit. Usw. usf.) Einen ganzen Tag zu überstehen, ohne ein Kind mit dem Namen des anderen anzusprechen. Oder einen ganzen Tag zu überstehen, ohne dass Kalle mindestens einmal mein Telefon in den Fingern hat, von meinem Teller isst oder aus meinem Glas trinkt, oder zwei verschiedene Socken anhat.

L. hat für 2015 einen Jesper-Juul-Abreißkalender gekauft, der uns jeden Tag mit einer anderen Erziehungsweisheit beglückt, und wenn er den Spruch des Tages vorliest, denke ich meistens nur patzig "Wäwäwäwäwä", "Jesper Jesper Polyester" oder etwas ähnlich Unseriöses. Andere verinnerlichen das alles sofort und setzen es auch mit links gleich in die Tat um! Ich aber nicht. Lange Zeit fühlte es sich trotz vollgeschriebenen Mutterpasses, nächtlichen Gebrülls und Milchstaus so an, als würde aus mir nie eine Mutter werden. Ich war so lange keine, vielleicht ja deshalb. Bis ich vor ein paar Tagen zum Einkaufen geschoben bin und zufällig mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe gesehen habe: Frau mit dunkelblauem Parka, enger Jeans, Uggboots, Häkelmütze, Doppelkinderwagen und zackigem Gang. Und da hat es mich wie ein Schlag getroffen: ich bin eine Hamburger Mutti. Bzw. diese Hamburger Mutti, das bin dann wohl ich.

Ok, bevor Michel wieder losbrüllt, schnell die Themen:

Kalles neue Kita
Es ist nicht zu fassen, aber nach anfänglichem Schneckentempo hat Kalle seit gestern offiziell die eigentlich vierwöchige Eingewöhnungsphase hinter sich. Jeden Tag geht er jetzt von neun bis drei in die Kita, und wir sind begeistert. Dort nehmen sie alles, wirklich alles, ganz genau. Die Stärken dieser Kita liegen mit anderen Worten genau an den Stellen, an denen ich meine Schwächen habe. Und das gibt mir das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, jetzt wird alles gut. Michel ruft nach mir, bisher ist es nur so ein diffuses Gemecker, aber gleich könnte mehr draus werden, deshalb im Schweinsgalopp weiter.

Michel
Michel hat seit ein paar Tagen bemerkt, dass er einen großen Bruder hat. Pflanzt sich Kalle vor ihm auf und zeigt ihm, wo seine Ohren, Augen, Mund und Nase sind, dann strahlt Michel ihn hingerissen an. So ein Lächeln habe ich von ihm noch nie bekommen, und Kalle lächelt zurück. Diese Momente können für eine Menge zerbrüllte Nachtruhe entschädigen, auch wenn sie nichts gegen die Augenschatten ausrichten. Ich habe außerdem gestern mal meine Badezimmerkommode aufgeräumt und festgestellt, dass ich noch für 24 Tage Femibion II habe, das stinketeuere Vitamin-Präparat für Schwangerschaft und Stillzeit. Ich habe jetzt mal so vage beschlossen, wenn die Tabletten aufgebraucht sind, stille ich ab. Jetzt sind fast vier Monate um und damit mehr Zeit, als Kalle insgesamt hatte. Es läuft nicht schlecht, aber es reicht immer noch nicht - ohne Fläschchen geht es nicht ganz. Und zwar genieße ich die kleinen Pausen, die Michel und ich zusammen haben können, wenn es irgendwie drin ist, mich mit ihm zum Stillen nach oben ins Bett zu verziehen. Aber diese Pausen sind dünn gesät, und auf dem Sofa oder im Sessel ist es wirklich nicht leicht, weil er erstens so groß ist und zweitens durch die Schiene so steif. Außerdem würde ich gerne irgendwann demnächst mit den ersten Breichen anfangen, und spätestens dann ist Schluss. Ich habe das Gefühl, wir sind so weit, das hinter uns zu lassen. Bevor eine findet, das klänge jetzt so, als hätten wir auch unsere Probleme hinter uns gelassen: haben wir nicht. Er brüllt, ich gähne. Aber auch gähnend sind seit dem letzten Post schon wieder mehrere Tage vergangen, und damit sind wir wieder ein paar Tage näher an dem Moment, an dem er seinen inneren Sonnenschein findet.

Das Pipiproblem
Dazu muss ich noch mal gesondert schreiben. Natürlich ist es als Versuchsaufbau nicht schlau, gleichzeitig die Physio und das eigenmächtige Training mit den Gewichten anzufangen. Da könnte ja jeder kommen, hinterher zu sagen, die Gewichte haben es gewuppt. Aber im Moment habe ich schon das Gefühl, die Gewichte tun mehr für mich als die Physio, und die Gewichte kann ich tatsächlich problemlos in meinen Alltag einbauen. Die Physiotherapie-Stunden laufen über weite Strecken so, dass ich auf einer Liege liege und unter Aufsicht der Expertin den Beckenboden anspanne, was sich gleichzeitig sehr anstrengend und sehr wirkungslos anfühlt - komische Kombination. Dazu muss ich auch nicht fünf Kilometer fahren und die Kinder wegorganisieren, das kann ich auch alleine. Ich habe sie jetzt schon mehrfach gebeten, mir ein paar Übungen beizubringen, die etwas sportlicher sind. Sie sagt, die gibt es nicht. Hm.
Aber zum Glück habe ich ja die Gewichte, und mit denen geht es tatsächlich voran. Mit Gewicht Nr.2 schaffe ich jetzt schon problemlos acht Minuten, wenn ich mich bewege, und zehn oder mehr, wenn ich stillstehe. Für jeden Tag, an dem die Pipibinde trocken bleibt, klebe ich jetzt einen kleinen blauen Punkt in meinen Kalender. Es werden in letzter Zeit immer mehr.

Liebe Damen, ich muss jetzt leider ran hier. A cowboy's work is never done!

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Kalle ist in der Kita. Michel ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Michel:

Michels Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Kalles letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Michel und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Kalle so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Michel eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Michel auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Kalle ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Kalle auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Montag, 26. Januar 2015

Flora wer nochmal?

Nein, vom Netz bin ich nicht, aber zu sagen, ich lebe noch, wäre auch etwas übertrieben.

Kurz zur Lage hier:
Michels Füße
Michels Füße tun, was sie sollen, das heißt, der rechte (Klumpfuß) sieht ziemlich deformiert aus durch die engen Sandalen. Die messerscharfen Falten, die er anfangs in der durch den Gips noch so empfindlichen Haut hatte, legen sich aber etwas, der Fuß wird auch nicht mehr so rot und dick, wenn ich die Schuhe ausziehe, und sieht insgesamt eigentlich ganz rosig und lebendig aus. Außerdem kann ich keinen Unterschied in seinem Befinden mit oder ohne Schiene feststellen, er blüht weder auf noch ab, wenn die Schuhe aus sind und er mit nackten Füßchen strampeln kann. Diesen Teil der Behandlung kriegen wir also hin.


Unsere Nächte
Was ich aber nicht mehr lange hinkriege, ist das Weinen, die Schlaflosigkeit, das ganze traurige, verkrampfte Kind. Eine Minute am Tag lächelt er mich an und macht gurrende Laute. Diese Minute sauge ich in mir auf wie früher den letzten Rest von einem leckeren Cocktail, sie muss mich die restlichen 23 Stunden und 59 Minuten wärmen und bei Laune halten. Den Rest der Zeit guckt er entweder wie ein beleidigter Frosch oder weint. Schlaf scheint er so gut wie nicht zu brauchen. Heute Nacht war er vierzehn mal wach, und jedes einzelne Mal dauerte so ungefähr zwanzig Minuten. Irgendwann in jeder Nacht kommt der Moment, in dem ich merke, jetzt wird es langsam heller da draußen, und dann bin ich so verzweifelt, dass ich nur noch stumpf vor mich hinstarren kann. Sogar beim minutenlangen Vor- und Zurückwiegen mit dem Oberkörper habe ich mich schon erwischt, wie ein psychisch krankes Zootier. Denn jetzt ist wieder eine Nacht vorbei, wieder habe ich nicht geschlafen, wieder ist es nicht besser geworden. Dann ist der schlimme Moment hinter mir, und ich rede mir ein: vielleicht wird ja die nächste Nacht schon besser, Hurra! Manchmal denke ich, mit dem Abstillen wird es besser. Manchmal denke ich, das Stillen ist gerade das Einzige, was noch klappt - ein paar Mal am Tag ziehe ich mich mit ihm für eine halbe bis dreiviertel Stunde ins Bett zurück, er saugt, manchmal lächelt er sogar ein bisschen, und vielleicht schläft er für ein Viertelstündchen ein. Ich weiß nur, das muss besser werden, sonst... weiß ich auch nicht. Es muss eben einfach. "Besser werden" ist gerade mein Mantra, ich denke das den ganzen Tag stumpfsinnig vor mich hin.


Michels Weinen
Der Arzt sagt, da muss er durch. Sein Blut ist in Ordnung, keine erhöhten Entzündungswerte, keine Bakterien, eigentlich geht es ihm gut. Wenn das Michel ist, wenn es ihm gut geht, dann grusele ich mich jetzt schon davor, wie es wird, wenn mal nicht. Und jetzt? Schreikinder-Ambulanz? Ich habe erst mal einen Termin bei meiner Osteopathin gemacht, Mittwoch morgen um neun sind wir da.


Das Pipiproblem
Letzte Woche hatte ich den ersten Termin bei der Physio, diese Woche den zweiten. Ich tue mich ehrlich schwer damit, es ist wieder wie bei Cantienica: den Beckenboden anzuspannen, fühlt sich an, als würde mir jemand sagen, ich soll mit den Ohren wackeln. Eigentlich bin ich voller Hoffnung da anmarschiert und habe ihr von meinem Ziel erzählt, unbedingt 2015 wieder mit dem Laufen anzufangen. Ich dachte, das muss zu machen sein - Dezember 2015 ist doch noch so lange hin, vorsichtiger kann man sich ein Ziel nicht setzen! Sie guckte mich skeptisch mit schiefgelegtem Kopf an und sagte: mal sehen. Vielleicht auch erst 2017. Ich habe gemerkt, wie viel Hoffnung ich in dieses für manche vielleicht unwichtig klingende Ziel gesetzt hatte. Laufen war wirklich, wirklich wichtig für mich, und so, wie es hier gerade läuft mit Babystress, Rückenschmerzen, dem Gefühl, eingesperrt und komplett machtlos zu sein, wäre es jetzt noch viel wichtiger, als es jemals war. Es ist viel mehr für mich als nur eine Methode, abzunehmen, es hat genau genommen mit Abnehmen kaum etwas zu tun. Es war Freiheit, Selbstkontrolle, endlich wieder etwas hinkriegen und etwas für mich tun. Mich an etwas anderem abstrampeln und zu erleben, wie es Woche für Woche besser wird. In diesem Moment war schon viel Luft raus, die ich jetzt mühsam wieder sammeln muss, wenn ich bei der Ohrenwackelei bei der Stange bleiben will.

Kalle
Kalle ist so niedlich, dass ich nicht an ihm vorbeigehen kann, ohne ihn kurz auf den Arm zu nehmen. Leider muss es meistens dabei bleiben. Fast meine komplette Zeit und Kraft geht für Michel drauf. Zum Glück ist L. auch noch da. Zum Glück haben wir eine in Hamburg lebende Oma. Zum Glück kommt dreimal wöchentlich das Kindermädchen für ein paar Stunden. Zum Glück geht das irgendwann vorbei, und ich kann wieder Mama für beide sein. Ich achte schon darauf, jeden Tag ein paar Mal nur für Kalle da zu sein. Gestern waren wir kurz im Schnee (mag er nicht so), ich habe mit zwei dreckigen Babysocken über den Händen Jagd auf ihn und sein runtergefallenes Abendessen gemacht, und wir haben Fangen um und unter dem Esstisch gespielt. Ihm fehlt nichts, er quiekt und lacht. Aber mir, mir fehlt eine Menge. Ich will auch nicht, dass das hier zu einer Glückskind-Pechkind-Welt wird. Aber gerade ist es eben so. So viel Kummer konzentriert in so einem kleinen Männchen! Irgendwie muss man ihm doch da raushelfen können! Wenn diese Osteopathin wüsste, wie viel Hoffnung ich in sie und ihre Behandlung setze, dann hätte sie jetzt schon Spannungskopfschmerzen.

Die Kita
Während ich hier schreibe, läuft eine kleine Hexenjagd in meinem What's-App-Verteiler. Wieder mal geht Durchfall um, und irgend jemand muss ja Schuld sein. Ich lese mir das durch und denke mir: noch fünf Tage mit heute. Freitag backe ich Abschieds-Muffins, die Kita-Tanten kriegen einen Kinogutschein zum Abschied, und dann war es das, und wir ziehen in den rosigen Montessori-Sonnenuntergang. Mit hoffentlich unkomplizierter und zügiger Eingewöhnungsphase. Und weil ich gerne mehr Zeit mit Kalle haben möchte und gerade auch ganz ehrlich jede Minute feiere, in der jemand anderes sich die Ohren vollbrüllen lässt, werde ich wohl die Eingewöhnung mit ihm machen. (Hoffentlich sehen die Montessori-Damen das nicht zu eng, wenn die neue Mama fünf Minuten nach Beginn des Experiments schnarchend am Sandkastenrand in sich zusammensackt.)

Klingt alles ziemlich finster, ich weiß. Ist auch so. Wird bestimmt anders, und dann herrscht hier wieder eitel Kinderglück und Sonnenschein. Nur im Moment läuft es nicht gut, Ferrero-Welt ist weit weit weg.

Samstag, 10. Januar 2015

Probleme eins bis neun in ungeordneter Reihenfolge.

Problem Nr.1:
Aus irgend einem Grund führt die Schiene dazu, dass Michel keine Fläschchen mehr will, sondern nur noch gestillt werden. Leider kapiert meine Milchproduktion das nicht so schnell, wie sie sollte, so dass er ständig Hunger hat. Allerdings ist der Hunger nicht so groß, dass er nicht jedes Mal auf meine einwandfrei zubereiteten und temperierten Fläschchen reagiert, als wollte ich ihm kochende Batteriesäure füttern.

Problem Nr.2:
Er mag die Schiene einfach nicht. Und zu Anfang nehme ich sie und die Schühchen noch öfter mal ab, um zu kontrollieren, ob sich Druckstellen oder sogar Blasen gebildet haben. Immer nur für eine Minute, aber jedes Mal, wenn ich danach das ganze Gerät wieder an ihm festschnalle, sprengt das Gebrüll meine Trommelfelle.

Problem Nr.3:
Nach dem Gips sieht der rechte Fuß wirklich merkwürdig aus, auch wenn mir versichert wurde, das wäre alles im Rahmen und würde sich von selbst geben. Zum Beispiel hängt der kleinste Zeh jetzt nicht neben, sondern unter dem zweitkleinsten. Mich macht das nervös. Dienstag sind wir wieder da, dann muss ich darüber noch mal sprechen.

Problem Nr.4:
Nervös macht mich auch sonst noch so Einiges. Z.B. auch, dass seine Füße eben noch nicht in der Lage sind, unten und hinten am Schuh anzuliegen. Laut Internet sollen sie das, aber es geht eben nicht. Wollte ich, dass die Füße an der Ferse und der Sohle am Schuh anliegen, dann müsste ich sie ihm brechen. Der Gipsmann hat gesagt, das kommt noch, mich macht es trotzdem kirre. Nach dem Termin am Dienstag ist vorgesehen, dass wir drei Monate lang nicht wiederkommen mit ihm. Ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll, ohne dass wir durchdrehen - vor allem nach der Erfahrung mit vier Wochen Gips und "Wird schon werden, ist bisher immer gut gegangen" von dieser Woche. Wie fest ist bei diesen Sandalen zu fest? Wie locker ist zu locker? Was heißt hier "Wird schon", wann wird es schon? Woran sehe ich, ob es jetzt wird? Wann ist es zu spät? Woran unterscheide ich harmlose von gefährlichen Druckstellen? Und immer so weiter.

Problem Nr.5:
Ich weiß, man sollte immer einen Tag nach dem anderen sehen. Aber im Moment türmt sich diese ganze Behandlung als Riesenberg vor meinem inneren Auge auf. Das waren jetzt seit Mittwoch noch nicht mal ganz drei Tage - und er soll die Schiene ein Jahr lang rund um die Uhr und danach noch vermutlich bis zu seinem fünften Geburtstag zwölf Stunden pro Tag tragen. Im Moment denke ich nur: ach du Scheiße.

Problem Nr.6:
Die Nächte. Die Nächte sind einfach ein Albtraum, seit die Schiene dran ist. Am Abend, nachdem er sie bekommen hat, war ich bei einer Freundin mit ihm. Ich habe ihn im Maxicosi aus dem Auto in ihre Wohnung getragen, in das leicht abgedunkelte Nebenzimmer gestellt, und wenn die Damen ihn nicht unbedingt hätten besichtigen wollen, hätte ich ihn da für die kompletten zweieinhalb Stunden des Besuchs auch lassen können, so fest und friedlich hat er geschlafen. Ich war schon voller Optimismus. "Seht ihr, das war der Gips! Der Gips hat ihn so geärgert! Jetzt wird alles gut! Hach, endlich wieder schlafen!" Seitdem habe ich in keiner Nacht mehr als zwei Stunden bekommen. Wie er das macht - wo er doch angeblich zwanzig Stunden pro Tag braucht - ist mir ein Rätsel. Eigentlich schläft er gerade nur in zwei Situationen: während des Stillens (was früher in Ordnung gewesen wäre, aber jetzt nie lange vorhält, weil er, wenn wir beide auf der Seite liegen, nach kürzester Zeit wegen der Schiene in sich verdreht umkippt und so nicht liegen bleiben kann) oder wenn ich ihn im dunklen Zimmer herumtrage. Die magische 48-Stunden-Grenze nach dem ersten Anlegen der Schiene war gestern nachmittag und hat ihn völlig unbeeindruckt gelassen.

Problem Nr.7:
Kalle findet die Schiene extrem interessant. Wie toll, der kleine Bruder hat jetzt einen praktischen Griff! Mann.

Problem Nr.8:
Weil Michel jetzt noch mehr Aufmerksamkeit braucht, wird Kalle langsam eifersüchtig. Ich kann's verstehen, viel dagegen tun kann ich leider nicht außer besonders lieb und aufmerksam mit ihm sein, mich noch mehr zum Hirschen machen und jede freie Sekunde, die nicht von Michel beansprucht wird, jetzt in Kalle stecken. Ich weiß, das ist doof und ein typisches Frauending, aber die Schuldgefühle machen mich fertig. Ich kann jetzt wirklich keinen Schritt mehr machen, ohne entweder zu denken "der arme, arme Michel, ich Miststück" oder "der arme, arme Kalle, ich Miststück". In meiner Vorstellung, die vor allem nachts zwischen eins und sechs sehr aktiv ist, steuert das ganze unweigerlich auf das Szenario von zwei sich abgrundtief hassenden Brüdern zu. Ich weiß, mehr kann ich nicht tun, und das ist Mumpitz, aber sagt mir das doch noch mal nächste Nacht so um halb vier.

Problem Nr.9:
Ausgerechnet diesen Zeitpunkt sucht sich mein Rücken, um mich im Stich zu lassen.

Auf der positiven Seite kann ich berichten, dass ich heute noch nicht einmal geschrien oder geheult habe, dass jetzt in diesem Moment beide Brüder gleichzeitig eingeschlafen sind, dass sich bisher noch keine Druckstelle an den Füßen gebildet hat, dass Kalle durchfallfrei ist und dass mir auch heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist. Das ist doch was!

Dienstag, 6. Januar 2015

Buh.

Der Gips ist ab. So weit sind wir im Plan. Nicht vorgesehen war, dass Michel kaum dass der Gips ab ist in markerschütterndes Gebrüll ausbricht und das Bein vor unseren Augen anschwillt und blau wird. Sie haben sofort ein Röntgenbild gemacht, gebrochen ist nichts (wie denn auch, mit Gips?), und Thrombosen haben so kleine Muckelchen wohl noch nicht, es ist auch schon wieder ein bisschen abgeschwollen, und er schläft jetzt - nach einer bitter nötigen Stillsitzung und ohne Schmerzmittel (bisher). Sein Beinchen haben wir hochgelagert, ein kleines Coolpack ist auch drauf, und vorerst hat er nur einen etwas steifen Verband, die Schiene bekommt er nun vermutlich morgen.

Papa hat dumpf ins Leere gestarrt, und Mama hatte fast einen Nervenzusammenbruch. Was das nun genau war, wissen wir nicht. Zum ungefähr hundertsten Mal habe ich heute aus Ärztemund den Satz gehört "Das war noch nie. Na sowas." Vermutlich ist es irgend eine Art von Überreaktion des Beinchens/der Haut auf die plötzliche, lang vermisste Freiheit. Das wird sich wohl legen, wir sollen uns keine Sorgen machen, morgen ist es sehr wahrscheinlich schon wieder gut. Bis dahin beglucke ich ihn, so gut ich kann. Wenn er heute Nachmittag mal ein Schläfchen macht, lasse ich ihn in L.s Obhut und besorge die geforderten Socken, die wir ab morgen in Mengen brauchen werden: unbedruckt und glatt und möglichst ohne Nähte. Morgen bekommt er nämlich die Schiene. So, wie es sein soll. Ganz bestimmt.

Montag, 5. Januar 2015

Eigentlich zwei Monate.

Zwar ist Michel heute nacht vor zwei Monaten geboren, aber wir verschieben den Geburtstagspost auf morgen oder übermorgen. Denn morgen ist der eindeutig größere Tag: morgen fahren wir mit ihm nach Altona, und der Gips kommt ab. Ich kann es kaum erwarten, bis er ihn los ist. Babys wachsen blitzschnell, und ein Gips, der vor vier Wochen noch genau passte, ist jetzt presswurstartig eng. An einem Ende quillt sein Beinchen über den Rand, am anderen Ende fünf dicke Zehen, die zu Anfang noch kaum aus dem Ende herauslugten. Das sieht nicht gut aus und muss sich noch deutlich schlechter anfühlen.
So sieht der Plan aus: wir bringen Kalle in die Kita, sagen Bescheid, dass es später werden könnte mit dem Abholen, und fahren ins Krankenhaus. Dort warten wir und überbrücken die Wartezeit mit tödlich süßen Cappuccinos aus dem Automaten. Wenn wir dran sind, schnibbelt der Orthopädietechniker unter Aufsicht der Ärztin den Gips ab (was mich immer nervös macht, obwohl dabei nichts passieren kann - Riesenschere direkt an Babybein, nicht gut), und ein hörbares Aufatmen wird durch den Raum gehen. Ich packe ihn in seinen ersten langbeinigen Strampler, der Fußsack, den er bisher getragen hat, kommt in die Handtasche, und sie passen ihm zum ersten Mal seine Schiene an: ein kleines cooles Snowboard mit extrem uncoolen Schuhen, die drehbar darauf montiert sind. Sie werden uns noch erklären, worauf wir beim An- und Ausziehen achten müssen, und dann packen wir unser frisch geschientes Ex-Klumpfußbaby in den Maxicosi (nur eine von vielen Dingen, die ohne Gips leichter werden) und lassen die Trümmer des inzwischen grau verfärbten, an einigen Stellen mit neonorangefarbener Stillkacke verschmierten Gipses zurück. Soll er doch sehen, wo er bleibt.

Und dann wird gebadet! Zum ersten Mal! (Vorher war der Nabel noch dran, und an Tag sechs seines Lebens kam der Gips ans Bein. Das Wasser wird ungefähr so grau werden wie die Gipstrümmer.) Und wir erwarten mit Hochspannung, ob er sich dann wohler fühlt. Denn bisher ist er eher nicht so sonnig gestimmt. Um genau zu sein, habe ich gestern beim Googeln herausgefunden, dass er ohne Probleme in den Club der Schreibabys aufgenommen würde: um da reinzukommen, muss ein Baby mindestens drei Wochen lang an mindestens drei Tagen in der Woche insgesamt mindestens drei Stunden lang schreien. Das schafft er, kein Problem für ihn, egal, wie mütterlich ich ihn schunkele, stille und beglucke. Bisher glaube ich aber feste daran, dass der blöde Gips Schuld ist, der mit Sicherheit drückt, juckt und scheuert. Sollte er nach morgen immer noch so knötterig sein, dann mache ich einen Termin beim Osteopathen.

Was habe ich sonst noch zu erzählen?
Ich war zur Nachsorge bei meiner Gynäkologin, und jetzt habe ich ein Rezept für Krankengymnastik in der Tasche. Mein Beckenboden ist matsche, da gibt es nun keinen Zweifel mehr (obwohl das Pipiproblem in letzer Zeit deutlich besser geworden ist, der Himmel weiß warum). Mit normaler Rückbildungsgymnastik oder Mami-plus-Baby-Pilates wie in meinem Fitnessclub soll ich mich nicht aufhalten, das kann ich machen, wenn die Krankengymnastik durch ist. Heute telefoniere ich also mal ihre Liste durch und gucke, wer für mich bequem gelegen ist und Zeit für mich hat.
Gestern war ich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten alleine mit dem Hund auf einem längeren Spaziergang. Die Sonne schien, das Tier war glücklich, und ich auch. Mir kamen unzählige Kinderwagen entgegen, und ich habe keinen Blick auf die Insassen geworfen und war einfach nur froh, mal eine Stunde nicht Mutti zu sein, sondern nur Frauchen. Das hat gut getan, und als ich mit Tatzenabdrücken auf der Jacke wieder nach Hause kam, habe ich mich schrecklich gefreut auf die zwei Würmchen.
L. hat endlich das versprochene Scart-Kabel organisiert, so dass ich jetzt in kurzen Pausen (oder zum Stillen) die siebte Staffel 30Rock ansehen kann, mein kleiner Ausflug ins Ersatz-Arbeitsleben. Ich will gar nicht drüber nachdenken, dass diese Staffel die letzte ist. Was mache ich ohne Liz Lemon? Vermutlich wieder bei Staffel 1 einsteigen, zwei Schwangerschaften und zwei Stillnebel haben bestimmt 70% von allem, was ich schon gesehen habe, wieder gelöscht.
Und ich lese ein Kochbuch für Familien: "Dinner. A love story", das Buch zum Blog, der sich auch in meiner Blogroll findet. Zwar ist es noch längst nicht so weit, dass wir uns zu viert an einen Tisch setzen, aber ich habe Spaß dran, Pläne zu machen und von Zeiten zu träumen, wenn dieser ganze Fläschchenkram im Keller verschwunden ist. Das wird er nämlich eines Tages sein, ganz sicher.
Und das alles zusammen fühlt sich gut an, fragt mich nicht wieso (seit wann ist Krankengymnastik eine gute Nachricht?). Aber es wird alles, ganz bestimmt.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Sag Käse, bitte.

Ich heiße Flora, und ich bin harmoniesüchtig.
Gut, das ist jetzt nichts Neues, aber gerade stellt es mich vor ein neues Problem: mein Baby lächelt nicht. Das Harmonischste, was es mir bieten kann, ist brüllfreie Zeit. Nicht angebrüllt zu werden, reicht uns Harmoniesüchtigen aber meistens nicht, ich bin da keine Ausnahme. Gerade drehen sich die Rädchen also fast pausenlos: "Was hat er nur? Hat er was? Irgend etwas mache ich falsch, was mache ich falsch? Oje oje, das geht gerade sowas von schief hier! Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung für all das, was ich falsch mache! Kannst Du bitte jetzt nicht mehr böse sein? Wollen wir uns vertragen, ja? Bitte?" Natürlich weiß ich, dass das Blödsinn ist, mein Baby ist mir nicht böse, zum Lächeln ist er noch zu klein, alles wird gut usw., aber der Haken ist, es fühlt sich nicht so an. Nicht, wenn ich den ganzen Tag um einen kleinen griesgrämigen Kerl herumtüdele, der einfach weiter schmollt, ob er das jetzt so meint oder nicht.

Aber wofür hab ich den Blog? Zwar bin ich gerade so müde, dass ich mir genau gar nichts merken kann, aber der Blog erinnert sich für mich. Zum Beispiel daran, dass Kalle mit zwei Monaten gelächelt hat. Nicht ständig, aber wenigstens ab und zu. Ab und zu würde mir schon reichen! Noch zwei Wochen also, dann hat Mamas Seele Ruhe. Ich weiß noch, was für ein heißersehnter Meilenstein das bei Kalle war - für mich bahnbrechender als Kopf heben, drehen und robben.

Bis dahin habe ich mich daran erinnert, dass Hebammen ja ab und zu ganz vernünftige Dinge sagen. Und nach den letzten zerknatschten Tagen habe ich Michel heute Nacht eine Extraportion Hautkontakt spendiert: Ich dachte, wenn ich sowieso nicht schlafen kann, weil er knatscht, dann kann ich auch wach neben ihm liegen, wenn er nicht knatscht. Habe uns ausgepackt, ihn zu mir unter die Decke geholt und - tadaaa: ein selig schlummerndes Baby, wenn auch mit weiterhin grantigem Gesichtsausdruck. Vier Stunden haben wir heute Nacht so zugebracht. Zwischendurch bin ich mal kurz übergenickt, aber er lag weiter sicher bei mir im Arm. Jetzt schläft er immer noch, brüllen und knatschen kostet Kraft, und die letzten Tage waren ein Quengelmarathon.

Was gibt es sonst noch zu erzählen?
In meiner alten Agentur geht es rund. Was das für mich heißt - noch keine Ahnung, aber ich werde es in den nächsten Tagen und Wochen hoffentlich erfahren.
Kalle läuft jetzt nicht mehr mit ausgebreiteten Armen, sondern die Hände an der Hosennaht. Allerdings mit einem sehr niedlichen Augsburger-Puppenkisten-Gang, als wären unsichtbare Schnüre an seinen Knien befestigt. Manchmal schlendert er auch einfach so durchs Zimmer, ohne am anderen Ende irgend etwas zu wollen, einfach nur so, nur weil er's kann. Ich würde ihm zu gerne ein kleines Baguette dazu unter den Arm klemmen oder eine kleine zusammengefaltete Zeitung, dem Flaneur.
Angesichts von zwei Babys und einem Hund im Haushalt haben wir uns jetzt leichten Herzens für folgende Silvesterplanung entschieden: wir schleifen eine große Matratze ins Wohnzimmer vor die Glotze, bauen uns dort ein großes Familienbettenlager, bestellen uns ein schickes Essen beim nächsten Fischrestaurant und verbringen den Abend im Schlafanzug mit einem Feuerchen im Ofen. Klingt nicht schlecht, finde ich. (Vorausgesetzt, L. hat bis dahin nicht mehr diesen wirklich widerlichen Husten, der mich schreiend aus dem Zimmer treibt.)
Und L. wird sich leider durchsetzen: dieses Jahr gibt es bei uns keine echten Kerzen am Baum. Ich find's traurig. Ich finde außerdem, dass Kinder ohne Kerzen kaum lernen können, mit Kerzen umzugehen. Und dass dieses Jahr mit meiner kompletten Familie genug Erwachsene da sind, um die Kinder vom Baum fernzuhalten (vor allem beim Michel wird das wohl kein Problem sein). Ein Baum mit brennenden Kerzen wird bei uns sowieso keine Sekunde aus den Augen gelassen, freiwillig: ich könnte stundenlang hingerissen da hinstarren. (Das ist wirklich, wirklich ein Reizthema. Merkt man kaum, oder? Hier sitzt eine, der Weihnachten sehr, sehr wichtig ist. Und zwar Weihnachten genau so, wie ich mir das vorstelle.)

Samstag, 13. Dezember 2014

Wer hat sich das mit den zwei Armen eigentlich ausgedacht?

Es gibt Tage, da wäre ich gerne ein Krake.

Heute zum Beispiel. Oder gestern. Vorgestern auch. Und morgen vermutlich. Eigentlich gerade jeden Tag.

Zwischen meinen Kindern gibt es gerade keine Schnittmenge. Die Dinge, die sie wollen und brauchen, schließen sich gegenseitig aus. Habe ich Michel auf dem Arm und stille ihn, taucht binnen Sekunden Kalle an der Sessellehne auf und will jetzt sofort eine Nane (sein Wort für Bananen, aber auch für jedes andere Obst, das ihm schmeckt). Habe ich es geschafft, mit Kind in Position aufzustehen, zum Obstteller zu gehen, eine Banane einhändig zu öffnen und ihm ein Stück davon in die Hand zu drücken, ist er trotzdem nach fünf Sekunden wieder da, die Banane an einem Stück im Mund: "Isch. Isch isch isch isch ischischischischisch." Isch ist ein Fläschchen, eins mit Traubensaftschorle. Das kriege ich mit einer Hand definitiv nicht hin. Und zwar hat Michel einen kräftigen Sog, aber loslassen kann ich ihn trotzdem nicht mit gutem Gewissen. Also sage ich "Nein." oder "Später." Oder "Gleich."
Eine halbe Minute später muss ich das Baby trotzdem in seine Wiege legen, denn jetzt ist Kalle über einen Stuhl auf den Esstisch gestiegen und nimmt sich den Adventskranz vor. Am Adventskranz befestigt sind vier dicke rote Kerzen, jede mit Hilfe eines großen Eisennagels, den ich heißgemacht und umgedreht in das Wachs eingeschmolzen habe. Aus dem Kerzenende gucken fünf Zentimeter Nagel. Damit soll Kalle lieber nicht spielen.
Das alles wäre halb so wild, ich kann Kalle schließlich auch mal für ein paar Minuten stillen in seinen komfortablen und sicheren Laufstall tun. Problem ist nur, dass Michel schwer erkältet ist und gerade so ziemlich den ganzen Tag lang trinken und im Arm gehalten werden will. Kaum berührt sein Köpfchen die Matratze des Stubenwagens, brüllt er die Hütte zusammen. So dass es jetzt eben leider so ist: mache ich Michel glücklich, mache ich Kalle unglücklich. Mache ich Kalle glücklich, mache ich Michel unglücklich. Und wir erinnern uns, wie harmoniesüchtig speziell diese Ex-Abkürzungsdame ist. Ich drehe am Rad. Wann macht endlich diese Kita wieder auf, so dass ich wenigstens den halben Tag lang voll auf die Bedürfnisse von Kind II eingehen kann, von meinen eigenen mal ganz zu schweigen? Wird Kalle sich daran erinnern, wenn er mal größer ist? Vergiften diese Tage gerade die Beziehung zwischen den Brüdern für immer? Wie viele Unterbrechungen verträgt ein Stilldurchgang, bis einem Baby Magengeschwüre wachsen? Werde ich mir jemals wieder die Nägel lackieren, mehr Gin Tonic trinken, als gut für mich ist, und am nächsten Morgen ausschlafen? Wieso treibt mich das alles so um, während L. weiter seelenruhig sein Leben lebt?
Der einzige Moment, in dem Frieden herrscht, ist im Moment der, wenn ich abends mit beiden Babys im Bett liege und beide gerade eingeschlafen sind. Nicht für lange, nie für lange, zwar schläft Kalle durch, aber Michel ist auch dank Erkältung in spätestens zwanzig Minuten wieder voll da, darum genieße ich diesen Moment im sanften Schummerlicht der Hasenlampe auf dem Nachttisch auch nach Kräften. Dieses Bild, zwei schlafende Babys, bei dieser warmen Beleuchtung wie aus Marzipan geformt, beide in meinem Arm, und Kalle lächelt sogar im Schlaf: das präge ich mir ganz tief ein und trage es den ganzen Tag im Kopf wie ein Schutzamulett. Und darum freue ich mich jetzt schon morgens um sieben auf den Moment, wenn wir wieder schlafen gehen. (Sich aufs Ins-Bett-gehen freuen: das ist übrigens ein ziemlich zuverlässiges Anzeichen einer Depression, sagt man.)

Ach was. Meine Belohnung kommt. Ganz bestimmt! Und zwar bald. Spätestens in einem Jahr, wenn die zwei zusammen spielen, Adventskränze zerpflücken, beide in ihren Hochstühlchen sitzen und das gleiche Abendessen wollen, dann, dann wird es bestimmt ganz entspannt und fröhlich und harmonisch und lustig.

Yay!

Oder?

Dienstag, 9. Dezember 2014

War ja nur aus Marzipan.

Zwei Meter neben mir liegt Michel in seinem Stubenwagen und ratzt. Kein Wunder, nachdem ich neulich gelesen habe, Brüllen wäre für Babys so ziemlich das Anstrengendste auf der Welt und er den ganzen Vormittag zerbrüllt hat. Ausgerechnet heute war die Hölle los auf dem Klumpfuß-Flur, man kam kaum durch vor lauter ulkigen Füßen in Maxi-Cosis. Um neun waren wir da, vor zehn Minuten sind wir wieder nach Hause gekommen. Und jetzt trinke ich erst mal einen Tee und atme aus. Eigentlich war es keine große Sache, aber die Nacht war anstrengend. ("Stillen Sie?" fragte der Gipsmann. "Denn dann kriegt das Baby beim Stillen schon Ihre Unruhe mit, kein Wunder, wenn die Nacht nicht so schön war." Irgendwie häufen sich die schlechten Nachrichten über das Stillen gerade. Und wieso wundert mich nicht, dass sie das auch diesmal wieder erst tun, wenn ich mittendrin bin und der Ehrgeiz mich längst in seinen Krallen hat?) Und der Capuccino aus dem Krankenhausautomaten bringt es nicht. Und die Aussicht auf diese vier Wochen, die der Gips jetzt dranbleibt. Und warten war noch nie meine Stärke. Dabei ging es ganz fix und hoffentlich auch schmerzlos: nach schier endlosem Warten auf dem Flur, Gipsmann und Ärztin fegten ständig in größter Hektik vor uns hin und her, zur einen Tür rein, zur anderen wieder raus, wie in einer Volkstheater-Verwechslungs-Komödie, wurde Michel seinen alten Gips los und bekam ein Pflaster auf die Ferse. Das Pflaster enthält ein betäubendes Mittel, das eine halbe Stunde lang in die Haut einwirken konnte. Dann kam das Pflaster ab, die Ferse wurde gründlich desinfiziert, wir durften ihm noch ein Küsschen geben und wurden vor die Tür geschickt - während er erst noch eine lokale Betäubung bekam und dann der Schnitt gemacht wurde. Von drinnen blieb es verhältnismäßig ruhig, fast ruhiger als vorher auf dem Gang, wo Michel die Wände zum wackeln gebracht hatte. Und dann durften wir wieder rein, es wurde gegipst, und da sind wir wieder. Der Gipsmann versicherte uns, er macht das jetzt seit elf Jahren, und noch nie hat der Schnitt sich infiziert. Ich habe beschlossen, diesmal nicht zu erzählen, wie oft ich aus Ärztemund schon den Satz gehört habe "Na sowas, das war noch nie!", sondern mich damit zufrieden zu geben und feste darauf zu vertrauen, dass wir nicht die Ausnahme sein werden. Am sechsten Januar sind wir wieder da. Und dann liegen die Gipse in der Vergangenheit, bis er sich irgendwann vielleicht mal beim Fußball die Haxen bricht.

Oder beim Ballett. Oder beim Yoga oder beim Voguing, klar. Mit deinen Füßen kannst du irgendwann alles, wirklich alles machen, was du willst, kleiner Michel!



Montag, 8. Dezember 2014

1 Monat

Zwar ist Michel schon seit drei Tagen einen Monat alt, aber was soll ich sagen? Was soll ich sagen. Wir waren zu müde, das Wochenende war zu voll, ich war zu leer, und vor drei Tagen hatte ich auch die Idee mit den Zahlen noch nicht. Es ist eine sehr nahe liegende Idee, und ich habe ewig gebraucht, um drauf zu kommen, was illustriert, wie müde genau ich gerade meistens bin.

Ursprünglich wollte ich die Zahlenidee von Holly klauen, Autorin von "Nothing but bonfires". Sie hat in jeder Schwangerschaftswoche ein Foto gepostet, in dem sie Zahlen hält, die der Schwangerschaftswoche entsprechen. Ich fand die Idee sehr hübsch und die Fotos auch. Die Zahlen habe ich im Bastelladen in der Europapassage gekauft, ein passendes Farbspray dazu, zwei Tage später schien die Sonne, und ich habe im Garten die Zahlen angesprüht. Dann kam es zum ersten Foto, und daran ist es dann auch gescheitert: ich bin schon damit überfordert, mit dem Telefon ein Selfie zu machen, auf dem ich nicht wie ein Vollhonk aussehe oder wie jemand, der denkt, aus dem Telefon kommt gleich ein Vögelchen und klaut meine verwirrte Seele. Das gleiche jetzt nochmal mit zusätzlich ein bis zwei Zahlen in der Hand - das wird nichts. Und L. war weniger heiß darauf, Fotos von seiner schwangeren Frau zu machen, als man das nach der Lektüre von Schwangerschaftsratgebern so denken sollte. Also sind die Zahlen in eine Blechdose gewandert und darin geblieben, bis ich die Blechdose vor ein paar Tagen brauchte, um Kekse hinein zu tun. Die Zahlen waren im Weg. Aber wegwerfen wollte ich sie auch nicht. Und dann - mit schildkrötenhafter Langsamkeit - hatte ich endlich die sich jedem anderen längst aufdrängende Idee, jeden Monat ein Foto von Michel zu machen. Dazu gibt es dann einen Geburtstagspost.
(Ein bisschen schade, dass ich das bei Kalle nicht gemacht habe. Aber Kalle hat dafür in der Schwangerschaft viel mehr Posts bekommen. Und wir können ja mit ihm auch jetzt noch einsteigen, besser als nix.)

Also, tadaaaa, tatatatatatatatataaaaaa: erster Geburtstagspost für Michel.



Und seit einigen Tagen gibt es wirklich etwas zu schreiben. Denn es tut sich etwas. Vor einer Woche war er noch eher ein Würmchen. Ein sich krümmendes, hilfloses, verlorenes, gespenstisch nach gar nichts greifendes und ins Leere guckendes Würmchen. Er war noch nicht richtig da: auch weil er so dünn und lang war, schien es manchmal, als wäre seine Haut ein bisschen zu groß für ihn. Als wäre der Rest von ihm noch nicht angekommen. Jetzt wache ich auf, und neben mir liegt kein Würmchen, sondern ein Baby, das mich anguckt. Bewege ich mich, guckt er mir hinterher. Nehme ich ihn auf den Arm, dann kuschelt er sich so tief wie möglich in die Kuhle zwischen Hals und Schulter und macht es sich gemütlich. Ich bilde mir sogar ein, er kann schon seinen Kopf alleine halten, jedenfalls guckt er sich munter im Zimmer um, wenn er auf dem Arm ist. Halte ich ihm die Hände hin, dann hält er sich fest, und zwar nicht nur reflexartig - nein, er greift nach mir, und es scheint, als wollte er mich daran hindern, wieder wegzugehen. (Armes Kerlchen, Du hast eine Mutter abbekommen, die es leider in sich hat, ständig irgendwo hinzugehen. Sie kommt zwar immer wieder, aber zum stillsitzen habe ich zu viele Hummeln im Hintern...) Er trinkt kräftig und wiegt schon 4.750 Gramm. Ohne Fläschchen geht es immer noch nicht, vor allem nachts, aber im Moment spielen die Fläschchen eher die Rolle eines Nachtischs, den er zwar eigentlich nicht mag, der aber zu einer kompletten Mahlzeit einfach dazu gehört. Er trinkt also bei mir, bis er fast satt ist, dann knöttert er und knöttert und knöttert, bis ich ihm ein Fläschchen mache, von dem er dann vier Schlucke trinkt und sich dann beruhigt schlafen legt. Also machen wir das jetzt so und sind damit zufrieden. Er bekommt Zehennägel, die schon den halben Weg bis zur Zehenspitze geschafft haben. Ich verbringe jeden Tag mindestens eine Viertelstunde damit, fasziniert seine Hände anzusehen: so lange Finger habe ich noch nie bei einem Baby gesehen, das hat er nicht von mir. Auch die Fingernägel sind perfekt, und die Länge reguliert sich bisher (außer an den Dracula-Daumen, vor denen ich mich ein bisschen grusele) von selbst, was zu lang ist, hängt schnell als feiner weißer Fussel herunter und kann einfach abgepflückt werden. Wimpern wachsen ihm! Noch sind sie ganz fein, fast durchsichtig, aber man kann sie schon fühlen, wenn man ihm übers Gesicht streicht.
Gestern habe ich mir noch mal die Fotos von seinem Füßchen angesehen und war ehrlich platt, wie schnell das jetzt ging. Nach der Geburt zeigte es im rechten Winkel nach innen, die Außenkante zeigte nach unten - nicht gut. Jetzt ist es schon so weit, dass es nach außen zeigt - eine Überkorrektur nennt man das, genau so soll es sein, denn der Fuß wird sich auch wieder ein kleines Stück zurückbiegen, und das gleichen wir im Voraus schon aus. Morgen kommt der letzte Korrekturgips ab, und was dann folgt, wird vermutlich für L. und mich deutlich härter als für Michel: sie schmieren eine betäubende Salbe auf seine Ferse, und dann wird die Achillessehne durchtrennt. Sobald das aufhört zu bluten, kommt ein neuer Gips um das Bein, und der bleibt vier Wochen dran. Wird er abgenommen, dann ist die Sehne unter dem Gips wieder zusammen gewachsen, aber ein Stückchen länger - genau das fehlende Stückchen, damit er den Fuß ordentlich aufstellen und abrollen kann. Es klingt wie eine Schnapsidee, aber diese Schnapsidee funktioniert, wie uns versichert wurde. Der Gips macht mir Kummer: auch die Wochengipse sahen nach ein paar Tagen immer schon grauenvoll aus, bei Babys geht nun mal ab und zu was neben die Windel, Mutti ist ein Trampel, hygienisch geht anders. Und was, wenn sich unter dem Gips eine fiese Infektion entwickelt? Die Ärztin sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen, und wenn wir uns doch zu viele Sorgen machen, dann sollen wir ihn ins Auto packen und nach Altona kommen. Michel ficht das alles übrigens überhaupt nicht an: obwohl wir gewarnt worden waren, er könnte mit dem frischen Gips immer einen Tag lang knatschig sein, trägt er es wie ein Mann. Mein Junge!

Mein Junge.