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Mittwoch, 8. April 2015

Frei!

Eins meiner Mädchen hatte mal einen Freund, der war niedlich, aber seltsam. Wir lernten ihn kennen, als die beiden aus Berlin zu Besuch waren und wir bei uns im gerade frisch bezogenen Haus eine Party gefeiert haben. Irgendwann im Lauf des Abends stand er vor mir, strahlte mich an, machte ein Foto nach dem anderen von mir und sagte ungefähr sieben Mal mit Inbrunst: "Flora, du bist so frei!"
Ungefähr 24 Stunden lang haben wir uns alle gefragt, wie er das wohl gemeint hatte. Wollte er sagen, ich wäre so ungehemmt? Bin ich nämlich nicht. Oder, ich wäre eine von denen, die völlig natürlich und unbeeindruckt bleiben, wenn jemand sie fotografiert oder filmt? Bin ich schon gar nicht, ich bin unfähig, auf Fotos anders als komplett bescheuert zu gucken. (Sogar mein leichtes Schielen, dass man sonst kaum sieht, ist auf einmal doppelt so schlimm. Außerdem wächst mir gerne ein zusätzliches Kinn.) Meinte er, ich wäre sowas wie ein freier Geist? Sehr schmeichelhaft, aber woher will er das wissen, nachdem ich ihm bisher nur zwei gekühlte Getränke gereicht und ihn freundlich begrüßt habe?
Die Lösung kam mir einen Tag später. Seine Freundin hatte ihm erzählt, ich wäre eine Freie. Freie ist in unserem Job der Ausdruck für Freelancer. Und Jobwelten aller Art waren ihm damals eher fremd, also hat er es eben so verstanden.

Gut. Wo war ich? Ach so, Freiheit. Michel ist frei! Nicht im Sinne von Freelancer, sondern frei. Gestern um fünf vor Zwölf kamen wir auf dem gerammelt vollen Krankenhausflur zur Klumpfußsprechstunde an, hatten trotz des Andrangs aber gerade mal Zeit, einen Automaten-Kaffee in uns reinzustürzen, bevor wir aufgerufen wurden. Alles ist gut. Wir wurden sogar gelobt: ein mittig so dünnes, eingeschnürtes Füßchen wäre der Beweis, dass die Eltern wirklich alles richtig gemacht haben. Nur eine kleine Stelle am rechten dicken Zeh müssen wir ein bisschen pflegen und beobachten, aber mit täglich zwei dünnen Schichten Bepanthen sollte sie bald verschwunden sein. Ab jetzt muss Michel die Schiene also nur noch 12 bis 14 statt 23 Stunden am Tag tragen. Ich werde versuchen, mehr in Richtung 14 zu gehen - nichts wäre jetzt fieser, als dass der Fuß sich doch wieder zurückbiegt und wir noch mal auf 23 Stunden hoch oder sogar noch mal gipsen müssten. Es ist auch nicht wichtig, ob er die 14 Stunden an einem Stück oder häppchenweise hinter sich bringt. Michel muss sich jetzt also nicht unbedingt einen zweistündigen Mittagsschlaf angewöhnen, und auch wenn er im November in die Kita kommt, müssen die Damen dort nicht mit komplizierten Schühchen und Schiene herumfummeln. So lange er früh schlafen geht, legen wir ihm den Apparat um 19 Uhr an, und morgens um neun nehmen wir ihm das Ganze wieder ab.

Bisher ist er noch weniger begeistert als gedacht, was aber auch daran liegen könnte, dass er dick erkältet ist - samt Ohren und Augen. Seit heute morgen ist auch noch Fieber dazugekommen. Arme kleine Wurst - aber nur, weil Mama und Papa sich diesen Tag rot und glitzernd im Kalender angestrichen haben, musst du ja nicht unbedingt mit Konfetti werfen.



Montag, 6. April 2015

And now for something completely different

Wer zwei kleine Kinder unter zwei Jahren hat, der sehnt sich nach Dingen, die sich einfach erledigen und abhaken lassen und funktionieren. Davon gibt es gerade nicht viele in meinem Leben. Also habe ich künstlich nachgeholfen und mir die 100-Rezepte-in-einem-Jahr-Sache ausgedacht. Ich wollte bis Silvester hundert mal nach Rezept kochen. Es müssen keine neuen Rezepte sein, auch keine aufwendigen, nur eins ist Bedingung: ich muss nachschlagen müssen, wie das geht, und es dann eben machen.
Heute ist der sechste April, und bisher stehen auf der Liste:

Gefüllte Paprikaschoten (Rezept: Mama) in zwei Versionen: mit Hack für Kalle und mich, mit Reis und Schafskäse für L.
Mexican Chocolate Icebox Cookies (Dinner: a love story)
“Persischer Auflauf” nach vagen Ideen von L., nachgeschlagen bei chefkoch.de
Blutorangen-Kardamom-Sorbet (A Change of Appetite)
Tomaten-Curry (Nigella Kitchen)
Kokos-Reis (Nigella Kitchen)
Zitronen-Risotto (allerdings mit Hirse), Nigella Bites
Gebackener Fenchel (Claudia Roden, Food of Italy)
Apfelnusskuchen (Food of Italy)
Popcorn Cookies (Smitten Kitchen)
Schweineschulter-Ragù (Dinner - a love story)
Linsen-Bolognese (eat - nigel slater)
Marmorkuchen (dr oetker, Backen macht Freude)
Fisch in Bierteig (Gordon Ramsay, great british pub food)
Indischer Dhal (Natural Basics)
Lauch in weißer Sauce (Nigella Kitchen)
Salt and Pepper wings (Nigella: Feast)
Orange Granita (Food of Italy) mit Bitterorangen
Damp lemon and almond cake (Nigella, How to be a Domestic Goddess)
Marcella Hazan’s Pork braised in milk (Dinner, a love story)
Risi e bisi (Nigella: Forever Summer)
Gebackener Schafskäse in der Folie (Delicious days)
Green Bean and Lemon Casserole (Nigella, Feast)
Überbackener Blumenkohl (What Katie ate at the Weekend)

Das sind 23 Rezepte in etwas mehr als einem Vierteljahr. Das heißt, ich bin noch hinter dem Soll zurück, aber ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen unter Druck. Und auch, wenn längst nicht jedes dieser Rezepte mit vielen Sternchen verziert wurde und auf die Liste der Sachen gewandert ist, die ich unbedingt bald wieder essen will, hat doch jedes eine ordentliche Dosis Selbstzufriedenheit mit sich gebracht, die ich gerade an anderer Stelle schmerzlich vermisse und dringend brauchen kann. (Falls es eine interessiert: unbedingt mindestens einmal im Monat essen will ich das Ragù von der Schweineschulter, das zehn Minuten Arbeit macht, die ganze Bude mit einem himmlischen Duft erfüllt, köstlich auf Pasta schmeckt, von Kalle geliebt wird und sich 1a einfrieren lässt. Außerdem Risi e Bisi, die grünen Bohnen mit Zitrone, das Zitronen-Hirse-Risotto, die Salt-and-Pepper-Wings, und spätestens zu Weihnachten mache ich die Mexiko-Kekse wieder. Nicht so angetan war ich z.B. von den Popcornkeksen, ein Rezept, das ich schon seit zwei Jahren umkreise, und in dem das Popcorn nur gestört hat, und was "What Katie ate" betrifft - ein Kochbuch, dass ich mir von meinen Eltern gewünscht und bekommen habe und das so hübsch aussieht - schwant mir gerade, dass es außer diesem hübschen Aussehen nicht so viel zu bieten hat. Aber wir werden sehen, die Rippchen z.B. probiere ich noch aus, genau wie ein paar der Backrezepte.) Ich weiß, es klingt nach Hausfrauenoverkill, sich mit zwei Würmchen auch noch ein Projekt zu suchen, aber mir hilft es. Denn nichts, was mit Kindern zu tun hat, lässt sich so gut planen und dann (oft innerhalb von gerade mal zehn Minuten) einfach machen. Ganz davon abgesehen, dass mit vollem Bauch fast alles besser geht.

Morgen um zwölf ist unser Termin mit Michel in Altona. Drei Monate sind um. Drei Monate mit mindestens 23 Stunden Schiene am Tag. Wenn ich anderen davon erzählt habe, ist mir neulich aufgefallen, habe ich es oft so erzählt, als wäre das alles toootal unkompliziert und einfach gewesen. Der Snowboard-Satz fiel z.B. oft. "Dann hat er zwei kleine Sandalen an, die werden beide fest in die Schiene eingeklickt, und dann steht er da wie auf einem kleinen Snowboard." Snowboard: da denkt doch keiner an Probleme, Behinderung, Arztbesuche und Kummer - saucooles Kind, als Baby schon auf dem Snowboard! Warum ich das immer und immer wieder so gemacht habe, kriege ich eines Tages auch noch heraus, es muss wohl irgendwie geholfen haben. Und Hilfe war nötig, es war nämlich alles andere als unkompliziert und einfach. Wenn ich die Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe, waren da oft merkwürdige Falten und Stellen am Fuß, und auch, wenn die Ärztin uns beruhigt hat, nachdem ich ihr das immer wieder als Foto gemailt habe - wer immer mit der Tube Bepanthen in der Hand jede kleine Rötung am Po verarztet und beim ersten Husten das Fieberthermometer sucht, den lässt das erst Recht nicht kalt. Die Hauptursache für das Scheitern der Klumpfuß-Behandlung sind inkonsequente und zu nachgiebige Eltern, das habe ich mir so oft vorgebetet. Egal, wie er gebrüllt hat, egal, wie mies die Nacht gerade war, gerade wenn er brüllte, haben wir die Schiene nicht ausgezogen. Denn auch ein drei Monate altes Baby ist schon schlau genug, um zu kapieren: ich brülle lang genug, dann bin ich das Ding los, also brülle ich mal. Und keine Unbequemlichkeit jetzt kann so schlimm sein, wie eines Tages mit schiefen Füßen durchs Leben schlurfen zu müssen. Also hat er gebrüllt, und wir haben die Zähne zusammengebissen. Mit dem Ding hat Tragen in der Manduca oder im Tuch nicht funktioniert, und in seinen wirklich großzügig geschnittenen Kinderwagen hat er damit auch kaum gepasst. Ich weiß, dass wir froh sein können, in einem Land mit so toller medizinischer Versorgung zu leben und dass es großartig ist, wie viel man heute tun kann - ganz ohne OP. Wenn ich mir die Bilder ansehe von seinen Füßen, die wir nach der Geburt gemacht haben, ist es nicht zu fassen, dass sie fünf Monate später so aussehen - bis auf die leichten Verformungen durch die Schuhe völlig normal. Wir sollten die Schiene also täglich loben und preisen und ein Foto von ihr in unseren Brieftaschen herumtragen. Aber trotzdem bin ich gottfroh, wenn wir morgen die erlösende Nachricht bekommen, dass er das Ding ab sofort nur noch 14 Stunden täglich tragen muss - also nur noch nachts und zum Mittagsschlaf. (Mittagsschlaf, Michel. Das wird was ganz Neues für Dich! Ist das spannend! Oder?)

Kalle kann inzwischen Ostereier suchen, finden und essen. Tatsächlich ist für mich gestern eins dieser Phantasiebilder wahr geworden, die mich als Abkürzungsdame immer mal gefoltert, mal bei Laune gehalten haben, und es war genau so, wie ich immer dachte. Wir sind durch den sonnigen Garten gelaufen, der zum Wochenendhaus von L.s Mutter gehört, wo wir jedes Jahr an Ostern sind. Ich hatte morgens im Schlafanzug Eier versteckt, und jetzt waren wir zu dritt unterwegs, Kalle mit einem kleinen Körbchen. Er hat sie alle gefunden, in sein Körbchen gelegt, auf das er nur zweimal gefallen ist, ohne größeren Schaden anzurichten, er hatte riesige Augen und ganz rote Wangen, und am Ende hat er den Inhalt seines Körbchens unaufgefordert mit uns allen geteilt. Ich konnte nur denken, und ich habe wirklich nicht mehr dran geglaubt, nur noch ein bisschen zum Spaß, dass das eines Tages mal passiert. Ist es aber.

Neues aus seinem Vokabular:
Alabala (Luftballon)
Dau (Michel)
Altsch (Saft)
Paltsch (Salz)
A-A (Giraffe)
Außerdem Lampe, Lachs, Anziehen, Tiger, Bär, Pipi, Milch, Ei, Hase und Nase.

Die Nächte sind gerade so grauenhaft, dass ich gar nicht anfangen will, ausführlich davon zu schreiben, denn wenn ich davon anfangen würde, hätte ich mich ruckzuck in eine Situation hineinmanövriert, in der ich mich ein Jahr lang nur noch entschuldigen und dankbar zeigen muss, damit das Internet mir das verzeiht. (Stellt euch bitte mal vor, man dürfte nicht über seinen Job meckern, ohne sofort hinterherzuschieben, dass man weiß, wie viel Glück man hat, überhaupt einen Job zu haben. Dass man weiß, wie viele einen Job verdient hätten, aber keinen haben. Dass man seinen Job liebt. Dass man überhaupt insgesamt eigentlich nicht meckern will, es ist nur so, dass... es wäre zum Durchdrehen.) Letzte Nacht hat Michel nur zweimal dazwischengefunkt, während ich mit meiner Schwiegermutter "Notorious" im Fernsehen gesehen habe. Um zehn bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Dann war er bis eins wach und ungnädig, wollte trinken, aber weder bei mir noch aus der Flasche, hat gekratzt, gezwickt, geknatscht und mich an den Haaren gezogen und mit seinen beschienten Füßen grün und blau getreten. Dann hat er geschlafen bis halb drei, bis fünf wieder Terror, dann Schlaf bis halb sieben, wieder eine halbe Stunde, diesmal ist Kalle aufgewacht und wollte zu mir ins Bett, und dann sind beide wie durch ein Wunder noch mal bis neun eingeschlafen. Seit halb eins konnte ich nur noch auf die erste Tasse Tee des Tages hinfiebern. Aber die hat dann auch wirklich geholfen.

Aber trotzdem: auch wenn äußerlich nichts, aber auch gar nichts besser wird: die Katastrophenstimmung ist dahin. Ich liege nachts da, so müde, dass ich nur noch schreien will, und denke: noch ein Jahr, dann habe ich zwei Kinder, die beide mit mir sprechen können, wenigstens ein bisschen. Die ich nachts in ihr Bett nebenan lege, die bestimmt auch mal nachts was wollen, aber die ansonsten verstehen, wenn ich abends zu ihnen sage: gute Nacht, schlaf gut, morgen wird ein schöner Tag.

Und das geht schnell, hoffentlich. Morgen wird ein gutes Jahr.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Kalle ist in der Kita. Michel ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Michel:

Michels Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Kalles letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Michel und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Kalle so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Michel eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Michel auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Kalle ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Kalle auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Montag, 26. Januar 2015

Flora wer nochmal?

Nein, vom Netz bin ich nicht, aber zu sagen, ich lebe noch, wäre auch etwas übertrieben.

Kurz zur Lage hier:
Michels Füße
Michels Füße tun, was sie sollen, das heißt, der rechte (Klumpfuß) sieht ziemlich deformiert aus durch die engen Sandalen. Die messerscharfen Falten, die er anfangs in der durch den Gips noch so empfindlichen Haut hatte, legen sich aber etwas, der Fuß wird auch nicht mehr so rot und dick, wenn ich die Schuhe ausziehe, und sieht insgesamt eigentlich ganz rosig und lebendig aus. Außerdem kann ich keinen Unterschied in seinem Befinden mit oder ohne Schiene feststellen, er blüht weder auf noch ab, wenn die Schuhe aus sind und er mit nackten Füßchen strampeln kann. Diesen Teil der Behandlung kriegen wir also hin.


Unsere Nächte
Was ich aber nicht mehr lange hinkriege, ist das Weinen, die Schlaflosigkeit, das ganze traurige, verkrampfte Kind. Eine Minute am Tag lächelt er mich an und macht gurrende Laute. Diese Minute sauge ich in mir auf wie früher den letzten Rest von einem leckeren Cocktail, sie muss mich die restlichen 23 Stunden und 59 Minuten wärmen und bei Laune halten. Den Rest der Zeit guckt er entweder wie ein beleidigter Frosch oder weint. Schlaf scheint er so gut wie nicht zu brauchen. Heute Nacht war er vierzehn mal wach, und jedes einzelne Mal dauerte so ungefähr zwanzig Minuten. Irgendwann in jeder Nacht kommt der Moment, in dem ich merke, jetzt wird es langsam heller da draußen, und dann bin ich so verzweifelt, dass ich nur noch stumpf vor mich hinstarren kann. Sogar beim minutenlangen Vor- und Zurückwiegen mit dem Oberkörper habe ich mich schon erwischt, wie ein psychisch krankes Zootier. Denn jetzt ist wieder eine Nacht vorbei, wieder habe ich nicht geschlafen, wieder ist es nicht besser geworden. Dann ist der schlimme Moment hinter mir, und ich rede mir ein: vielleicht wird ja die nächste Nacht schon besser, Hurra! Manchmal denke ich, mit dem Abstillen wird es besser. Manchmal denke ich, das Stillen ist gerade das Einzige, was noch klappt - ein paar Mal am Tag ziehe ich mich mit ihm für eine halbe bis dreiviertel Stunde ins Bett zurück, er saugt, manchmal lächelt er sogar ein bisschen, und vielleicht schläft er für ein Viertelstündchen ein. Ich weiß nur, das muss besser werden, sonst... weiß ich auch nicht. Es muss eben einfach. "Besser werden" ist gerade mein Mantra, ich denke das den ganzen Tag stumpfsinnig vor mich hin.


Michels Weinen
Der Arzt sagt, da muss er durch. Sein Blut ist in Ordnung, keine erhöhten Entzündungswerte, keine Bakterien, eigentlich geht es ihm gut. Wenn das Michel ist, wenn es ihm gut geht, dann grusele ich mich jetzt schon davor, wie es wird, wenn mal nicht. Und jetzt? Schreikinder-Ambulanz? Ich habe erst mal einen Termin bei meiner Osteopathin gemacht, Mittwoch morgen um neun sind wir da.


Das Pipiproblem
Letzte Woche hatte ich den ersten Termin bei der Physio, diese Woche den zweiten. Ich tue mich ehrlich schwer damit, es ist wieder wie bei Cantienica: den Beckenboden anzuspannen, fühlt sich an, als würde mir jemand sagen, ich soll mit den Ohren wackeln. Eigentlich bin ich voller Hoffnung da anmarschiert und habe ihr von meinem Ziel erzählt, unbedingt 2015 wieder mit dem Laufen anzufangen. Ich dachte, das muss zu machen sein - Dezember 2015 ist doch noch so lange hin, vorsichtiger kann man sich ein Ziel nicht setzen! Sie guckte mich skeptisch mit schiefgelegtem Kopf an und sagte: mal sehen. Vielleicht auch erst 2017. Ich habe gemerkt, wie viel Hoffnung ich in dieses für manche vielleicht unwichtig klingende Ziel gesetzt hatte. Laufen war wirklich, wirklich wichtig für mich, und so, wie es hier gerade läuft mit Babystress, Rückenschmerzen, dem Gefühl, eingesperrt und komplett machtlos zu sein, wäre es jetzt noch viel wichtiger, als es jemals war. Es ist viel mehr für mich als nur eine Methode, abzunehmen, es hat genau genommen mit Abnehmen kaum etwas zu tun. Es war Freiheit, Selbstkontrolle, endlich wieder etwas hinkriegen und etwas für mich tun. Mich an etwas anderem abstrampeln und zu erleben, wie es Woche für Woche besser wird. In diesem Moment war schon viel Luft raus, die ich jetzt mühsam wieder sammeln muss, wenn ich bei der Ohrenwackelei bei der Stange bleiben will.

Kalle
Kalle ist so niedlich, dass ich nicht an ihm vorbeigehen kann, ohne ihn kurz auf den Arm zu nehmen. Leider muss es meistens dabei bleiben. Fast meine komplette Zeit und Kraft geht für Michel drauf. Zum Glück ist L. auch noch da. Zum Glück haben wir eine in Hamburg lebende Oma. Zum Glück kommt dreimal wöchentlich das Kindermädchen für ein paar Stunden. Zum Glück geht das irgendwann vorbei, und ich kann wieder Mama für beide sein. Ich achte schon darauf, jeden Tag ein paar Mal nur für Kalle da zu sein. Gestern waren wir kurz im Schnee (mag er nicht so), ich habe mit zwei dreckigen Babysocken über den Händen Jagd auf ihn und sein runtergefallenes Abendessen gemacht, und wir haben Fangen um und unter dem Esstisch gespielt. Ihm fehlt nichts, er quiekt und lacht. Aber mir, mir fehlt eine Menge. Ich will auch nicht, dass das hier zu einer Glückskind-Pechkind-Welt wird. Aber gerade ist es eben so. So viel Kummer konzentriert in so einem kleinen Männchen! Irgendwie muss man ihm doch da raushelfen können! Wenn diese Osteopathin wüsste, wie viel Hoffnung ich in sie und ihre Behandlung setze, dann hätte sie jetzt schon Spannungskopfschmerzen.

Die Kita
Während ich hier schreibe, läuft eine kleine Hexenjagd in meinem What's-App-Verteiler. Wieder mal geht Durchfall um, und irgend jemand muss ja Schuld sein. Ich lese mir das durch und denke mir: noch fünf Tage mit heute. Freitag backe ich Abschieds-Muffins, die Kita-Tanten kriegen einen Kinogutschein zum Abschied, und dann war es das, und wir ziehen in den rosigen Montessori-Sonnenuntergang. Mit hoffentlich unkomplizierter und zügiger Eingewöhnungsphase. Und weil ich gerne mehr Zeit mit Kalle haben möchte und gerade auch ganz ehrlich jede Minute feiere, in der jemand anderes sich die Ohren vollbrüllen lässt, werde ich wohl die Eingewöhnung mit ihm machen. (Hoffentlich sehen die Montessori-Damen das nicht zu eng, wenn die neue Mama fünf Minuten nach Beginn des Experiments schnarchend am Sandkastenrand in sich zusammensackt.)

Klingt alles ziemlich finster, ich weiß. Ist auch so. Wird bestimmt anders, und dann herrscht hier wieder eitel Kinderglück und Sonnenschein. Nur im Moment läuft es nicht gut, Ferrero-Welt ist weit weit weg.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Problem Nr. zehn.

Gestern morgen war ich zur Ein-Wochen-Kontrolle im Krankenhaus, und es zeigte sich, ich hab es scheinbar zu gut mit meinem Kind gemeint: der Schuh war zu lose, und ich hätte die Ferse einfach ZWINGEN! müssen, ganz hinten unten im Schuh zu sitzen. Unter den Augen der Ärztin haben wir dann geübt, wie man den Schuh so fest anzieht, dass die Ferse keine andere Wahl hat als an der richtigen Stelle zu sitzen. Ansonsten war sie sehr zufrieden, keine Druckstellen (wie auch, wenn der Schuh so lose sitzt?), und um halb elf waren wir wieder zuhause.

Um drei habe ich ihn gewickelt und bei der Gelegenheit den Schuh noch mal ausgezogen, um mir den Fuß anzusehen. Der Fuß sah schrecklich aus. Der obere Teil war eng eingeschnürt und ungefähr halb so breit und dick wie der vordere Teil, an der Seite, wo der engste Riemen sitzt, hatten sich mehrere messerscharfe Falten in der Haut gebildet. Ich war furchtbar erschrocken, habe sofort beide Schuhe ausgezogen, ihn gehätschelt und gestillt und den Fuß fotografiert und das Foto an die Ärztin gemailt. So kann das doch nicht bleiben? Schon gar nicht drei Monate lang? Da fallen ihm doch die Zehen ab? Sie hatte mich schon vorgewarnt, dass sie den ganzen Nachmittag in einer komplizierten OP stecken und nicht in ihre Mails gucken würde, trotzdem saß ich wie auf Kohlen. Nach einer Stunde Freiheit habe ich ihm den Schuh wieder angezogen, wenn auch nicht ganz so fest. Zwar leidet die Korrektur der Achillessehne, wenn der Fuß nicht rechtwinklig im Schuh sitzt, aber immerhin: die Außendrehung war ok. Inzwischen habe ich mir einen Wolf gegoogelt auf der Suche nach anderen Schuhen, anderen Schienen, irgend einer Möglichkeit, den Fuß zu korrigieren ohne diese Verformung. Wie eine japanische Nachwuchs-Geisha! Nee nee nee.

Heute morgen kam die Antwort: GENAU, aber ganz genau so soll der Fuß aussehen, wenn der Schuh korrekt angezogen ist. Weitermachen, danke.

Spätestens jetzt ist es passiert: ich bin ein hysterisches Muttertier. Genau wie alle anderen.

Samstag, 10. Januar 2015

Probleme eins bis neun in ungeordneter Reihenfolge.

Problem Nr.1:
Aus irgend einem Grund führt die Schiene dazu, dass Michel keine Fläschchen mehr will, sondern nur noch gestillt werden. Leider kapiert meine Milchproduktion das nicht so schnell, wie sie sollte, so dass er ständig Hunger hat. Allerdings ist der Hunger nicht so groß, dass er nicht jedes Mal auf meine einwandfrei zubereiteten und temperierten Fläschchen reagiert, als wollte ich ihm kochende Batteriesäure füttern.

Problem Nr.2:
Er mag die Schiene einfach nicht. Und zu Anfang nehme ich sie und die Schühchen noch öfter mal ab, um zu kontrollieren, ob sich Druckstellen oder sogar Blasen gebildet haben. Immer nur für eine Minute, aber jedes Mal, wenn ich danach das ganze Gerät wieder an ihm festschnalle, sprengt das Gebrüll meine Trommelfelle.

Problem Nr.3:
Nach dem Gips sieht der rechte Fuß wirklich merkwürdig aus, auch wenn mir versichert wurde, das wäre alles im Rahmen und würde sich von selbst geben. Zum Beispiel hängt der kleinste Zeh jetzt nicht neben, sondern unter dem zweitkleinsten. Mich macht das nervös. Dienstag sind wir wieder da, dann muss ich darüber noch mal sprechen.

Problem Nr.4:
Nervös macht mich auch sonst noch so Einiges. Z.B. auch, dass seine Füße eben noch nicht in der Lage sind, unten und hinten am Schuh anzuliegen. Laut Internet sollen sie das, aber es geht eben nicht. Wollte ich, dass die Füße an der Ferse und der Sohle am Schuh anliegen, dann müsste ich sie ihm brechen. Der Gipsmann hat gesagt, das kommt noch, mich macht es trotzdem kirre. Nach dem Termin am Dienstag ist vorgesehen, dass wir drei Monate lang nicht wiederkommen mit ihm. Ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll, ohne dass wir durchdrehen - vor allem nach der Erfahrung mit vier Wochen Gips und "Wird schon werden, ist bisher immer gut gegangen" von dieser Woche. Wie fest ist bei diesen Sandalen zu fest? Wie locker ist zu locker? Was heißt hier "Wird schon", wann wird es schon? Woran sehe ich, ob es jetzt wird? Wann ist es zu spät? Woran unterscheide ich harmlose von gefährlichen Druckstellen? Und immer so weiter.

Problem Nr.5:
Ich weiß, man sollte immer einen Tag nach dem anderen sehen. Aber im Moment türmt sich diese ganze Behandlung als Riesenberg vor meinem inneren Auge auf. Das waren jetzt seit Mittwoch noch nicht mal ganz drei Tage - und er soll die Schiene ein Jahr lang rund um die Uhr und danach noch vermutlich bis zu seinem fünften Geburtstag zwölf Stunden pro Tag tragen. Im Moment denke ich nur: ach du Scheiße.

Problem Nr.6:
Die Nächte. Die Nächte sind einfach ein Albtraum, seit die Schiene dran ist. Am Abend, nachdem er sie bekommen hat, war ich bei einer Freundin mit ihm. Ich habe ihn im Maxicosi aus dem Auto in ihre Wohnung getragen, in das leicht abgedunkelte Nebenzimmer gestellt, und wenn die Damen ihn nicht unbedingt hätten besichtigen wollen, hätte ich ihn da für die kompletten zweieinhalb Stunden des Besuchs auch lassen können, so fest und friedlich hat er geschlafen. Ich war schon voller Optimismus. "Seht ihr, das war der Gips! Der Gips hat ihn so geärgert! Jetzt wird alles gut! Hach, endlich wieder schlafen!" Seitdem habe ich in keiner Nacht mehr als zwei Stunden bekommen. Wie er das macht - wo er doch angeblich zwanzig Stunden pro Tag braucht - ist mir ein Rätsel. Eigentlich schläft er gerade nur in zwei Situationen: während des Stillens (was früher in Ordnung gewesen wäre, aber jetzt nie lange vorhält, weil er, wenn wir beide auf der Seite liegen, nach kürzester Zeit wegen der Schiene in sich verdreht umkippt und so nicht liegen bleiben kann) oder wenn ich ihn im dunklen Zimmer herumtrage. Die magische 48-Stunden-Grenze nach dem ersten Anlegen der Schiene war gestern nachmittag und hat ihn völlig unbeeindruckt gelassen.

Problem Nr.7:
Kalle findet die Schiene extrem interessant. Wie toll, der kleine Bruder hat jetzt einen praktischen Griff! Mann.

Problem Nr.8:
Weil Michel jetzt noch mehr Aufmerksamkeit braucht, wird Kalle langsam eifersüchtig. Ich kann's verstehen, viel dagegen tun kann ich leider nicht außer besonders lieb und aufmerksam mit ihm sein, mich noch mehr zum Hirschen machen und jede freie Sekunde, die nicht von Michel beansprucht wird, jetzt in Kalle stecken. Ich weiß, das ist doof und ein typisches Frauending, aber die Schuldgefühle machen mich fertig. Ich kann jetzt wirklich keinen Schritt mehr machen, ohne entweder zu denken "der arme, arme Michel, ich Miststück" oder "der arme, arme Kalle, ich Miststück". In meiner Vorstellung, die vor allem nachts zwischen eins und sechs sehr aktiv ist, steuert das ganze unweigerlich auf das Szenario von zwei sich abgrundtief hassenden Brüdern zu. Ich weiß, mehr kann ich nicht tun, und das ist Mumpitz, aber sagt mir das doch noch mal nächste Nacht so um halb vier.

Problem Nr.9:
Ausgerechnet diesen Zeitpunkt sucht sich mein Rücken, um mich im Stich zu lassen.

Auf der positiven Seite kann ich berichten, dass ich heute noch nicht einmal geschrien oder geheult habe, dass jetzt in diesem Moment beide Brüder gleichzeitig eingeschlafen sind, dass sich bisher noch keine Druckstelle an den Füßen gebildet hat, dass Kalle durchfallfrei ist und dass mir auch heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist. Das ist doch was!

Freitag, 9. Januar 2015

Beim nächsten Ton ist es zwölf Uhr, fünfundvierzig Minuten und dreißig Sekunden.

Zwei Nächte mit Schiene, und ich sehe laut L. aus wie 55. Und er hat wie so häufig vollkommen Recht. Als ich im Krankenhaus lag und Michel frisch geboren war, hörte ich in einer Nacht aus dem Nebenzimmer eine Frau mit vor Verzweiflung und Schwäche kippender Stimme schreien "WAS WILLST DU EIGENTLICH?" So ungefähr fühle ich mich zwischen eins und sechs Uhr früh. Wobei, ich weiß ja, was er will. Er will keine Schiene. Aber in diesem Fall kriegt er eben nicht, was er will. (Junge, werden wir vorbereitet sein, wenn eins unserer Kinder mal eine Zahnspange oder Brille braucht und nicht will. Aus dem Handgelenk machen wir das dann!)

Heute nachmittag ist sie dann 48 Stunden dran, und angeblich kommt dann der magische Moment, wenn die Schiene akzeptiert ist. Wie ich mich darauf freue!

Damit zurück zu meinem brüllenden Sohn. Nicht mehr lange brüllenden Sohn, ganz bestimmt.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Wir sind auf dem Weg.

Einerseits nett und engagiert, dass die Ärztin hier angerufen hat, um sich nach Michel zu erkundigen. Andererseits - und das wurde mir gestern erst klar, bei mir dauern manche Dinge etwas länger - hatte sie vermutlich auch die Hosen voll. Einigen wir uns darauf, dass sie einerseits engagiert ist, andererseits die Hosen voll hatte. Oberhalb des Verbandes konnte man ein kleines Stück Bein erkennen, das sah gestern morgen schon nicht mehr so fürchterlich aus wie noch vorgestern Abend. Wirklich beunruhigt war ich also schon gar nicht mehr, als wir mittags nach Altona gefahren sind. Unter dem Verband kam dann ein Beinchen zum Vorschein, das merklich abgeschwollen war, aber immer noch blau und schmerzempfindlich. "Ein Glück", sagte sie, "Die Schwellung war es nämlich, die mir ernsthaft Sorgen gemacht hat", und zusammen haben wir aufgeatmet (auch wenn ich mich im Nachhinein schon frage, wieso wir dann nicht zur Sicherheit die Nacht mit ihm im Kinderkrankenhaus verbracht haben, wo wir schon mal da waren.) Jetzt hat er die Schiene. Ich mache noch ein Foto, versprochen, dann könnt ihr sie sehen - er sieht eigentlich ganz lässig damit aus, wie ein sehr kleiner Snowboarder eben. Ein sehr kleiner, exzentrischer Snowboarder, der auch im Winter in orthopädischen Sandalen auf die Piste geht. Zwei Tage lang soll er jetzt knöttern und quengeln, hieß es, dann hat er sich dran gewöhnt. Diesen Teil der Abmachung hat er bisher eingehalten, die Nacht war die grauenvollste bisher. Nachdem ich gestern mit ihm noch bei einer Freundin war und er dort ungefähr so aktiv und laut war wie eine Handtasche, sehr zur Enttäuschung der Mädchen, die ihn gerne ein bisschen geschuckelt hätten, hat er sich auf der Heimfahrt warm gebrüllt und heute Nacht zweieinhalb Stunden geschlafen, davon eine auf meinem Arm. Warum genau jetzt der Alarm, wissen wir nicht: kann sein, dass das Bein einfach noch so druckempfindlich ist. Kann auch sein, dass es diese Eingewöhnungunsschwierigkeiten bei allen Kindern gibt. Kann auch sein, dass er einfach Bauchweh hatte, weil Mutti gestern Abend tonnenweise Chips gegessen hat. Oder kann sein, dass er gestern tagsüber so viel geschlafen hat und heute Nacht topfit war. Noch eine Nacht, dann geht es hoffentlich bergauf. Und heute bekommt er endlich sein erstes warmes Bad. Natürlich geht es uns durch und durch, ihn so kämpfen und brüllen zu sehen, aber es hilft nichts: die Schiene muss sein, wenn er irgendwann normal laufen soll. Nehmen wir sie jetzt ab, dann lernt er nur, dass er mit ausreichend Gebrüll die Schiene schnell los wird. Außerdem geben laut Gipsmann Eltern zu schnell der Schiene die Schuld, wenn der Kleine sich beschwert. "Die Schiene sieht man, Hunger oder Müdigkeit oder Alleinsein sieht man nicht, da ist klar, wer eher Schuld ist, wenn das Baby mal weint". Also: trösten, weitermachen.

Nachher fährt L. los und besorgt die geforderten nahtlosen und musterfreien Söckchen, die man laut Gipsmann am besten bei H&M bekommt. Ich habe noch nie darauf geachtet, aber es stimmt: Socken mit Mustern haben hinten innen merkwürdige Fäden, die sich verknüllen können, und eine Druckstelle in den stramm gezogenen Schuhen ist das letzte, was wir jetzt brauchen können. Gibt es doch eine Druckstelle, müssen die Schuhe für ein paar Tage ab, und jede Stunde wirft uns zurück. Der Gipsmann erzählte von einem Kind, dessen Eltern eine Stelle übersehen hatten. Das eiterte dann, und das Kind musste acht Wochen ohne Schuh bleiben. Danach stand der Fuß wieder genau so schief wie bei der Geburt, und alles ging von vorne los, nur diesmal deutlich langwieriger, weil die Knochen und Gelenke immer weniger formbar sind, je mehr Zeit vergeht.

Ich habe das Gefühl, wir müssen auf einen Berg und haben gerade erst die ersten Schritte vom Parkplatz gemacht. Uff.

Dienstag, 6. Januar 2015

Buh.

Der Gips ist ab. So weit sind wir im Plan. Nicht vorgesehen war, dass Michel kaum dass der Gips ab ist in markerschütterndes Gebrüll ausbricht und das Bein vor unseren Augen anschwillt und blau wird. Sie haben sofort ein Röntgenbild gemacht, gebrochen ist nichts (wie denn auch, mit Gips?), und Thrombosen haben so kleine Muckelchen wohl noch nicht, es ist auch schon wieder ein bisschen abgeschwollen, und er schläft jetzt - nach einer bitter nötigen Stillsitzung und ohne Schmerzmittel (bisher). Sein Beinchen haben wir hochgelagert, ein kleines Coolpack ist auch drauf, und vorerst hat er nur einen etwas steifen Verband, die Schiene bekommt er nun vermutlich morgen.

Papa hat dumpf ins Leere gestarrt, und Mama hatte fast einen Nervenzusammenbruch. Was das nun genau war, wissen wir nicht. Zum ungefähr hundertsten Mal habe ich heute aus Ärztemund den Satz gehört "Das war noch nie. Na sowas." Vermutlich ist es irgend eine Art von Überreaktion des Beinchens/der Haut auf die plötzliche, lang vermisste Freiheit. Das wird sich wohl legen, wir sollen uns keine Sorgen machen, morgen ist es sehr wahrscheinlich schon wieder gut. Bis dahin beglucke ich ihn, so gut ich kann. Wenn er heute Nachmittag mal ein Schläfchen macht, lasse ich ihn in L.s Obhut und besorge die geforderten Socken, die wir ab morgen in Mengen brauchen werden: unbedruckt und glatt und möglichst ohne Nähte. Morgen bekommt er nämlich die Schiene. So, wie es sein soll. Ganz bestimmt.

Dienstag, 9. Dezember 2014

War ja nur aus Marzipan.

Zwei Meter neben mir liegt Michel in seinem Stubenwagen und ratzt. Kein Wunder, nachdem ich neulich gelesen habe, Brüllen wäre für Babys so ziemlich das Anstrengendste auf der Welt und er den ganzen Vormittag zerbrüllt hat. Ausgerechnet heute war die Hölle los auf dem Klumpfuß-Flur, man kam kaum durch vor lauter ulkigen Füßen in Maxi-Cosis. Um neun waren wir da, vor zehn Minuten sind wir wieder nach Hause gekommen. Und jetzt trinke ich erst mal einen Tee und atme aus. Eigentlich war es keine große Sache, aber die Nacht war anstrengend. ("Stillen Sie?" fragte der Gipsmann. "Denn dann kriegt das Baby beim Stillen schon Ihre Unruhe mit, kein Wunder, wenn die Nacht nicht so schön war." Irgendwie häufen sich die schlechten Nachrichten über das Stillen gerade. Und wieso wundert mich nicht, dass sie das auch diesmal wieder erst tun, wenn ich mittendrin bin und der Ehrgeiz mich längst in seinen Krallen hat?) Und der Capuccino aus dem Krankenhausautomaten bringt es nicht. Und die Aussicht auf diese vier Wochen, die der Gips jetzt dranbleibt. Und warten war noch nie meine Stärke. Dabei ging es ganz fix und hoffentlich auch schmerzlos: nach schier endlosem Warten auf dem Flur, Gipsmann und Ärztin fegten ständig in größter Hektik vor uns hin und her, zur einen Tür rein, zur anderen wieder raus, wie in einer Volkstheater-Verwechslungs-Komödie, wurde Michel seinen alten Gips los und bekam ein Pflaster auf die Ferse. Das Pflaster enthält ein betäubendes Mittel, das eine halbe Stunde lang in die Haut einwirken konnte. Dann kam das Pflaster ab, die Ferse wurde gründlich desinfiziert, wir durften ihm noch ein Küsschen geben und wurden vor die Tür geschickt - während er erst noch eine lokale Betäubung bekam und dann der Schnitt gemacht wurde. Von drinnen blieb es verhältnismäßig ruhig, fast ruhiger als vorher auf dem Gang, wo Michel die Wände zum wackeln gebracht hatte. Und dann durften wir wieder rein, es wurde gegipst, und da sind wir wieder. Der Gipsmann versicherte uns, er macht das jetzt seit elf Jahren, und noch nie hat der Schnitt sich infiziert. Ich habe beschlossen, diesmal nicht zu erzählen, wie oft ich aus Ärztemund schon den Satz gehört habe "Na sowas, das war noch nie!", sondern mich damit zufrieden zu geben und feste darauf zu vertrauen, dass wir nicht die Ausnahme sein werden. Am sechsten Januar sind wir wieder da. Und dann liegen die Gipse in der Vergangenheit, bis er sich irgendwann vielleicht mal beim Fußball die Haxen bricht.

Oder beim Ballett. Oder beim Yoga oder beim Voguing, klar. Mit deinen Füßen kannst du irgendwann alles, wirklich alles machen, was du willst, kleiner Michel!



Samstag, 9. August 2014

Ich finde, Füße sind jetzt mal durch.

Liebe Abkürzungsdamen, es gibt bestimmt viele, die meine an Euphorie grenzende gute Laune gestern nach dem Ultraschall nicht nachvollziehen können. Denn der Klumpfuß bleibt ein Klumpfuß, das ist nicht falsch zu verstehen. Der rechte Fuß ist nicht nur nach Innen verdreht, sondern auch in sich nach vorne - würde man nichts unternehmen, dann müsste Ndogo irgendwann auf der querstehenden Außenkante seines rechten Fußes laufen. Und auch der linke scheint nun doch etwas schief zu stehen. Trotzdem bin ich leichten Schrittes und mit einem Lächeln aus der Praxis gewatschelt. Denn sonst scheint wirklich alles, alles in Ordnung zu sein: Hirn, Herz, Rücken, Blutversorgung und Wachstum sahen perfekt aus. Er wiegt jetzt ca. 1100 Gramm, genau richtig. An den Gedanken, mein Kind die ersten Monate seines Lebens in Gips und später zumindest nachts mit einer Schiene zu sehen, habe ich mich längst gewöhnt, mir machte mehr die Sorge Kummer, dahinter oder daneben könnten noch ganz andere, schlimmere Probleme stehen. Und ein zweiseitiges Problem ist auch nicht komplizierter zu therapieren als ein einseitiges - könnte sich sogar als Vorteil erweisen, denn nach einer Klumpfußtherapie ist der betroffene Fuß zwar voll einsatzbereit und hübsch, aber gerne ein-zwei Nummern kleiner als der andere. Ndogo müsste sich ein Leben lang immer zwei Paar Schuhe kaufen. Und ob er die Schiene nun wegen einem oder wegen zwei Füßchen tragen muss, läuft für ihn auf das Gleiche hinaus.

Momo, die alte Fluse, hat wirklich ein großes Loch in diesem Haushalt hinterlassen. Es gab in den letzten Tagen sogar Zeiten, da hatte ich fast das Gefühl, am Ende war sie mir lieber als Lili. So ist das wohl mit Muttis: die Kinder, die am meisten Kummer machen, sind ihnen am liebsten. Oder wie auch immer. Oder ganz anders. Ich komme immer noch nicht darüber weg, dass sie es nicht geschafft hat, nachdem sie so vieles andere geschafft hatte und doch schon fast über den Berg schien. Mit dem etwas unschönen Ausklang mit den Ex-Frauchen habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, Leute gehen eben unterschiedlich mit Trauer um. Ich bin mehr für mich traurig, und sie brauchen eben ihre kleine Klagemauer im eigenen Garten (oder wie auch immer sie das jetzt gemacht haben). Ein bisschen gefuchst hat mich letztes Wochenende, dass die Tränen in dem Moment abgestellt waren, in dem sie ihren Willen durchgesetzt hatten - aber das kann natürlich auch echte Erleichterung gewesen sein. Und nachdem L. noch ein-zwei Tage gehadert hatte, hat er nun auch einen Schlussstrich gezogen. (So weit man nach einer Woche einen Schlussstrich ziehen kann. Ich zum Beispiel gehe immer noch einen anderen Weg, wenn ich mit Lili unterwegs bin und am Horizont ein bekannter Hundebesitzer auftaucht. Ich will nicht davon erzählen müssen. Ich habe es auch noch nicht übers Herz gebracht, ihr altes Fell und das Körbchen wegzuräumen. Vielleicht übernimmt Lili sie ja. Und wenn ich die extra für die Kranke gekochte Hühnersuppe jetzt auftaue und an Lili verfüttere, muss ich rausgehen, wenn sie frisst. Aber ich fange langsam wieder damit an, Brot und Butter weniger als einen Meter weit von der Kante zu deponieren. Irgendwann stelle ich dann Kuchen vermutlich auch nicht mehr auf den Schrank.)

Seit Montag geht Huckleberry außerdem in die Kita. Er macht das ganz toll, und das sage ich nicht nur, weil ich natürlich so ziemlich alles dufte finde, was mein Goldjunge tut und lässt. Einer von uns war Montag bis Donnerstag immer in der Nähe, aber nötig wäre es nicht gewesen: er robbt seiner Wege, guckt sich neugierig und aufmerksam um und knüpft erste Kontakte zu anderen Kindern. Am Freitag haben sie mich weg geschickt, ich habe ihn um zehn gebracht, und statt wie geplant bis elf zu bleiben und dann mit ihm zusammen zu gehen, bin ich verschwunden, und er hat mit den anderen Kindern zu Mittag gegessen. Um zwölf habe ich ihn dann abgeholt. Er hat gestrahlt und mich umarmt, aber bis ich wieder aufgetaucht bin, war er ganz fröhlich und hat den Eintopf in jede Ritze seines Körpers geschmiert. Ab nächster Woche bringe ich ihn morgens auf dem Weg zur Arbeit hin, sein Frühstück in einer Box, und L. holt ihn dann um zwölf. Seine Karre darf zum Glück dort bleiben, das spart mir einiges an Rennerei am frühen Morgen. Ein neues Kapitel hat angefangen, und ich find's gut. L. findet's auch gut. Und Huckleberry scheinbar erst recht.