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Sonntag, 22. April 2018

So ein Theater

Zu Schulzeiten hatte ich eine Freundin, deren Vater sich niemals angeschnallt hat. Auch der Rest der Familie sollte das seiner Meinung nach nicht tun. "Früher", fand er, hätte das niemand getan und es wäre ja schließlich nichts passiert. Seine große Angst war, einen Unfall zu bauen, das Auto fängt Feuer, und durch klemmende Gurte verbrennen dann alle bei lebendigem Leibe. Gleichzeitig war die Gurtverweigerung wohl auch eine Trotzreaktion - er wollte der Welt beweisen, dass er sich jedenfalls nicht verrückt machen lässt und lässig über solchen einengenden Vorschriften wie der Gurtpflicht steht. Ein bisschen wohl außerdem ein ziemlich paradoxer Beweis der eigenen Unverwundbarkeit - guckt mal, was ich mache, mir kann nämlich nichts passieren. Meine Schwiegermutter hat manchmal ähnliche Anwandlungen - nicht, wenn es um Gurte geht, aber in vielen anderen Bereichen. "Ich hab das immer so gemacht, und nie ist was passiert. Da wird ja heute so ein Theater gemacht".

Gestern hatte ich die Jungs in der Badewanne, die Kleine stand angezogen dabei und durfte ihren großen Brüdern zusehen. Ich saß direkt neben der Wanne auf dem Klodeckel und überwachte das Ganze, ohne zu blinzeln. Auf einmal plumpste die Kleine über den Rand und versank kopfüber im vielleicht zehn Zentimeter tiefen Wasser, wo sie in Schockstarre verfiel. Ich hab sie sofort gegriffen und rausgezogen, sie fing an zu brüllen, aber bis auf einen nassen Strampler ist nichts passiert. Wäre ich in diesem Moment nicht im Raum gewesen, sondern kurz nebenan, um schon mal ein Ersatzhandtuch zu holen, wäre sie ertrunken. Hätte ich nicht neben der Wanne gesessen, sondern wäre mal eben am Waschbecken gewesen, um im Spiegel nach Petersilienresten zwischen meinen Zähnen zu suchen, vielleicht auch. Vielleicht wäre sie sogar ertrunken, wenn ich zwar auf dem Klodeckel gesessen hätte, aber kurz eine SMS beantwortet hätte, so gruselig lautlos und äußerlich undramatisch ging das vor sich. Bei Babys reichen wirklich wenige Sekunden. Das Schlimme dabei ist, dass ich schon manchmal tatsächlich kurz nebenan war. Nicht, wenn die Kleine in der Wanne ist, ich bin doch nicht bescheuert, aber wenn die Großen darin waren schon. Nie lange und nie zum Spaß, sondern nur, um zum Beispiel die Tür zu öffnen oder ans Telefon zu gehen. Das werde ich von jetzt an lassen. Und Euch will ich - falls Ihr auch so eine kleine Wurst zuhause habt - jetzt noch mal eindringlich davor warnen. (Und das als jemand, der dieses ewige Gewarne unter Müttern, dieses Drohen mit Todesfällen in der nur eine Geschichte entfernten Umgebung, ganz schrecklich findet. Aber es ging mir durch und durch. Und zum Glück habe ich ja in Verbindung damit keine Horrorstory zu erzählen, sondern nur eine Geschichte, die sich zu einer Horrorstory hätte entwickeln können.) Und jetzt habe ich mich auch wieder beruhigt und alles ist zum Glück gut ausgegangen. Kinderbaden ist übrigens auch so eine Sache, von der meine Schwiegermutter findet, man sollte das nicht so eng sehen. Tja nun.

Damit zuuuum Stammtisch! Die Reaktionen waren ja etwas verhalten bzw. gemischt, zwei Damen hatten aber den Finger für den 3. Mai gehoben. Jetzt finde ich Stammtisch zu dritt noch ein bisschen klein - damit sind wir nur eine Abkürzungsdame von einem Blind Date entfernt, und sollte sich eine Dame verspäten oder es sich anders überlegen, sitzen wir da tatsächlich zu zweit und können uns tief in die Augen schauen. Darum würde ich nun doch noch ein bisschen warten und den Juni anpeilen. Da habe ich auch noch jede Menge Donnerstage frei, das Wetter ist vielleicht auch etwas zuverlässiger, falls wir draußen sein wollen, und bis dahin habe ich hoffentlich einen Durchbruch in meiner aktuellen Jobkrise geschafft, was mich wesentlich entspannter einen Abend verjuxen lassen würde, statt zuhause am Rechner zu sitzen und mit angstgeweiteten Augen an einer Bewerbung zu arbeiten. Was meint Ihr?

Donnerstag, 30. Juni 2016

Rechts blinken, links abbiegen

Manchmal sitze ich mit meinen Freundinnen zusammen oder an einem Schreibtisch und hätte eigentlich echt was zu tun, aber starre stattdessen Fotos von den Kindern auf meinem Telefon an und mache dazu Geräusche.

Manchmal komme ich von der Arbeit nach Hause, schließe die Wohnungstür auf, im Kopf die Pläne für’s Abendessen und die Emails, die ich gleich noch beantworten muss, und sie kommen angerast und piepen “Mama! Mama!” und für einen Moment hatte ich völlig vergessen, dass es sie gibt, und zucke zusammen und denke für diese winzige Sekunde “Was zur Hölle!?!” oder etwas Ähnliches.

Manchmal gucke ich in den Spiegel und denke, eigentlich gar nicht mal so schlecht. Nicht schlecht für 43 und zwei Kinder!

Manchmal stehe ich in einer Umkleidekabine, sehe die merkwürdig verwohnte Partie zwischen den untersten Rippen und dem Bauchnabel (der in puncto Verwohntheit ganz eigene Maßstäbe setzt) und denke, es ist vorbei mit mir. Ich bin fertig, ausgelutscht, und könnte mir eigentlich jetzt statt dieses Partykleidchens hier genau so gut gleich ein Rentneroutfit in beige mit Elastikbündchen kaufen.

Manchmal streite ich mich so mit L., dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wie ich auch nur eine einzige Stunde lang so weitermachen soll.

Manchmal sehe ich ihn mit den Kindern, und er merkt nicht, dass ich schon seit zehn Minuten nicht mehr in der Küche wurschtele, sondern einfach nur gucke, und dann weiß ich, das hier ist meine Familie. Dieser Schlackel und diese zwei kleinen Böhnchen.

Manchmal muckele ich so vor mich hin, höre dazu Musik, räume Sachen in Regale und wische Staub und falte Kinderbodys und hänge endlich mal die verdammten Bilder auf und besorge eine neue Sodastream-Kartusche und gehe auf dem Weg noch zum Altglas und zum Bäcker und stecke die Nase in die Luft und finde, das ist doch ein völlig okayes Leben, so könnte jeder Tag sein, und gleich hole ich die Kinder ab und wir gehen auf den Spieli, und dann Badewanne und Spaghetti und Bett. Wie schön!

Manchmal sitze ich in einem Kita-Elterntreffen und sehe diese Riege blonder, dünner und extrem gepflegter Damen, denen ich demnächst täglich in Kalles neuer Kita über den Weg laufen werde, und die stellen alle nur Fragen zum Thema Stunden - wie geht das, wenn ich mein Kind eine Stunde später abholen will? Kann ich das ausgleichen? Kann ich Stundengutscheine splitten? Und wenn ich morgens eine Stunde früher komme? Das mit den Stunden wollen sie ganz genau wissen, und keiner stellt solche Fragen wie “Und was machen die Kinder da eigentlich den Tag über in Ihrer Kita?”, und L. flüstert mir zu, das wäre hier ja jetzt was anderes, Mütter mit Jobs! Und ich weiß auf einmal genau, die haben keine Jobs. Die haben Pilates. Und dann kann ich nur noch denken, Danke, Danke, Danke lieber Gott, dass ich an einem Schreibtisch sitze und denke und nicht auf einem Gymnastikball und mein Powerhouse aktiviere. Die Hölle! Das muss die Hölle sein.

Manchmal sagt eine Omi in der Ubahn, Also sie an meiner Stelle würde den Kindern aber jetzt echt eine Mütze anziehen, und dann lächele ich ganz freundlich und sage, also der hier, der friert nie. Und dieser hier, der braucht genau zwei Zehntelsekunden, um sich die Mütze wieder abzusetzen und in irgendeine klebrige Pfütze zu werfen. Und dann lächeln wir uns an, und sie hat es verstanden.

Manchmal möchte Kalle in der Bäckerei eine Rumkugel, und ich weiß, der wird davon ungefähr zehn Gramm essen, der Rest ist für mich, und weil ich heute schon zweihundertmilliardenmal Nein gesagt habe, kriegt er jetzt eben seine Rumkugel, und der Bäckereifachverkäufer guckt mich von Kopf bis Fuß und von Fuß bis Kopf an und sagt, “Sie wissen aber schon, dass da Rum drin ist in der Rumkugel. Die kann ich Ihnen aber für den Kleinen nicht verkaufen”, und dann falte ich ihn Ice-Queen-mäßig so zusammen, dass es mir hinterher wirklich leid tut, aber irgendwie auch wieder gar nicht, und trotzdem gehe ich am nächsten Tag da vorbei und will mich entschuldigen, nur dass heute ein anderer Bäckereifachverkäufer hinter dem Suchtmitteltresen steht.

Manchmal bin ich eine von diesen dämlichen Ziegen, die Kinder gekriegt hat und gefälligst mal klar kommen sollte.

Manchmal bin ich doch eigentlich ganz in Ordnung. Eine von den vernünftigen, keine von den Blöden, die immer so nerven und die wir Muttibloggerinnen nicht leiden mögen.

Schizophrenie! Kriegt uns nie!
Harr.

Montag, 9. Mai 2016

Zurück in die Zukunft

In den letzten Wochen habe ich auf ebay nach folgenden Dingen gesucht:
Fisher Price Badewannenspielzeug - eine Kanne, ein Bootchen und eine Schildkröte, jeweils mit einem glatzköpfigen Männchen als Besatzung.
Fisher Price Spielhäuser aus den 70ern, die zum Aufklappen mit Tragegriffen oben dran.
Ali Mitgutsch Wimmelbücher. Ich hatte noch meine alten, aber die Kinder haben sie binnen Tagen kurz und klein gerissen.
Puppenstubenmöbel aus Holz, die gleichen, die ich als Kind hatte und von 5 bis 13 fast täglich bespielt habe, die aber jetzt meine Schwester kriegen soll.
Dieses Spiel mit den Dreiecken, Kreisen und Vierecken, bei dem man Farben und Formen lernen soll.
Eine Gänse- oder Entenlampe.
Einen Brunnen aus Plastik, bei dem man Wasser einfüllt und dann mit einer kleinen Handpumpe in einen kleinen Eimer pumpen kann.
Eine Spardose zum Aufziehen in Form eines Apfels, bei der man ein Geldstück auf einen Knopf legt, und dann kommt ein Wurm hervor und holt sich das Geld.
Ein Mäppchen aus Plastik und eine Thermoskanne mit Snoopy.
Einen Playmobil-Wohnwagen inklusive Vordach, Campinggeschirr, Liegestuhl und Sonnenschirm.

Das sind alles Dinge, die ich entweder als Kind hatte, die meine Eltern aber inzwischen weggeschmissen haben, oder Dinge, die ich als Kind unbedingt haben wollte.

Und dann fällt mir wieder ein, wie ich damals unbedingt wollte, dass mein Kind ein Mädchen wird, und das tagelange Schmollen, allen Ernstes, als klar war, das wird wohl nichts.

Und ich frage mich manchmal: will ich hier einen Versuchsaufbau herstellen, bei dem meine Kindheit bis ins Detail nachgestellt wird, nur diesmal irgendwie besser, toller, fröhlicher und auf jedem Fall mit schönerem Ausgang und diesmal mit mir am Ruder? Bin ich am Ende auch so eine, die sich selbst mit aller Gewalt in ihre Kinder projiziert und keine Ruhe gibt, bis sie nicht ein Rudel kleiner Mini-Mes geformt hat? Als wäre das eine Maxi-Me nicht schon mehr als genug? Und wenn ja, warum tue ich das?

Oder fand ich nur diesen Fisher-Price Kram schon immer toll und hätte gerne, dass meine Kinder eben auch was Nettes zum Spielen haben, was man dazu auch noch mit einem Handgriff wie eine Handtasche überall mit hinnehmen kann?

Sapristi. Es treibt mich gerade wirklich um. Und das, wo ich gerade so wenig zum Nachdenken komme. Seit Dienstag sind beide Jungs zuhause, Michel hat Hand-Mund-Fuß oder so, und Kalle muss aus Quarantänegründen auch wegbleiben. Zum Glück ist das Hamburger Wetter gerade so, wie man es vom Münchner Wetter erwarten würde. Und zum Glück bringt diese Krankheit außer roten Punkten überhaupt keinen Ärger für Michel mit sich.

Hätte ich mal damals im Psychoanalyse-Seminar weniger mit den Augen gerollt und mehr mitgeschrieben.

Donnerstag, 30. April 2015

Ich wollte gerne Kinder. Ich konnte aber keine bekommen. Jetzt habe ich trotzdem zwei. Überraschung: Kinder sind anstrengend. Was gibt es sonst noch zu erzählen?

Vielleicht liegt es an meinen insgesamt fünfzehn Abkürzungsversuchen, aber in letzter Zeit haben mich ziemlich viele Leute gefragt, was ich denn von der Berliner Lehrerin mit den vielen und demnächst noch mehr Kindern halte.
Die Antwort fällt gewohnt fusselig aus. Irgendwie will es mir nicht gelingen, dazu eine in sich geschlossene Meinung zu bilden. Einerseits finde ich, man sollte sie in Ruhe lassen, das geht uns alle einen feuchten Popel an. (Mir fällt bei solchen Gelegenheiten immer die Unterhaltung mit einem Kinderwunscharzt ein, der eine SEHR dezidierte Meinung zu Frauen Ende 30 hatte, die Kinder wollen, und selbst mit schätzungsweise Anfang 60 gerade stolzer Vater geworden war, ohne dabei irgend etwas zu finden.) Andererseits überkommt mich schon beim Gedanken an die Nächte der ersten Monate mit Vierlingen das nackte Grauen, und ich verstehe nicht, warum sie sich das in ihrem Alter antun will. Ich selbst träume gerade oft und sehr bunt davon, wie ich leben will, wenn ich 65 bin, und Babygebrüll spielt dabei keine Rolle (es sei denn, einer meiner Jungs wird mit Anfang 20 Vater). Aber auch das ist ihre Sache. Sie kennt das ja mit 13 Kindern schon sehr gut, besser als ich, und weiß in etwa, was auf sie zukommt. (Oder sollte es am Ende stimmen, dass wir alle den Stress ein paar Monate später einfach vergessen und mit babyblauem Zuckerguss überzogen haben? Und sie sitzt jetzt gerade auf dem Sofa, streicht sich über ihren Bauch und denkt, bald hat sie vier kleine Glücksbärchis, die sie den ganzen Tag anstrahlen und nachts sanft schnarchend Familienglück und Wärme verströmen?) Viele geben zu bedenken, die Kinder hätten ja nicht mehr viel von ihrer Mutter und müssten vermutlich schon früh alleine zurecht kommen - Aber das geht anderen Kindern auch so, und es ist zwar nicht schön, aber doch kein Grund, erst gar nicht auf die Welt zu kommen, oder?
Dann ist es mir wiederum nicht so ganz geheuer, dass sie die Exklusivrechte an dieser Tip-top-Story an RTL verkauft hat. Oder dass sie sagt, den Anstoß gab der Wunsch ihrer kleinen Tochter nach einem Geschwisterchen - wow, hat man jemals von einer spektakuläreren Übererfüllung eines Wunsches gehört? Oder, dass jetzt die Zeitungen wieder mal ein Extrembeispiel gefunden haben, anhand dessen man 1a Stimmung gegen Kinderwunschbehandlungen machen kann. Ich glaube immer noch, viele Leute da draußen halten das alles für eine große Freakshow - so eine Geschichte bestätigt sie noch darin. Andererseits kann ich verstehen, dass Journalisten wenig Reiz darin sehen, über eine Reihe von Familien zu berichten, die nach ein paar IVF-Zyklen irgendwann zwischen 28 und 45 Eltern geworden sind und jetzt mit ihren Kindern friedlich vor sich hin leben - und stinknormal, inklusive Schlafentzug, Kita-Viren, Nervenzusammenbrüchen und Machtkämpfen an der Supermarktkasse.
So in etwa sind meine sieben verschiedenen Meinungen dazu. Eure würden mich natürlich auch interessieren. Sagt doch mal?

Das Kochprojekt geht weiter, und inzwischen bin ich über dem Schnitt: 36 von 100 Rezepten sind durch, und erst vier Monate sind vorbei. Dabei nehme ich mir alle zwei Wochen ein anderes Kochbuch vor und mache mich an Rezepte, die mich schon lange anmachen. Gerade ist es "A Change of Appetite" von Diana Henry, und es wächst mir mit jedem Durchblättern mehr ans Herz. Es geht um - ächz - gesundes Essen - jaja, ich weiß, eigentlich könnte ich genau jetzt schon aufhören, davon zu schreiben. Aber das Schöne ist, Diana Henry isst mindestens genau so gerne wie ich, und es ist KEIN Diätbuch, und bisher war alles, was ich daraus gekocht habe, eine echte Freude. Vorgestern z.B. hatte ich den gegrillten Radicchio auf Bohnenpüree, und dieses Bohnenpüree ist aus dem Stand auf Platz 1 meiner Lieblingsbeilagen vorgeschossen, noch vorbei an gebratenen übrig gebliebenen Knödeln, Kartoffelkroketten, selbstgemachten Spätzle und Kartoffelgratin. Man würfelt eine Zwiebel, brät sie vorsichtig in Olivenöl an, gibt dann für eine Minute eine zerkloppte Knoblauchzehe dazu, dann eine kleine Tasse Hühnerbrühe, zwei kleine Dosen abgetropfte und abgespülte weiße Bohnen, Salz und Pfeffer und lässt das Ganze mit geschlossenem Deckel vier Minuten kochen. Dann wird es im Topf püriert und mit Zitronensaft und noch etwas Olivenöl abgeschmeckt. Klingt nach gar nichts, aber es war so köstlich, dass ich nicht aufhören konnte, zu probieren, bis ich mich am Ende zwingen musste, die Küche zu verlassen, damit zum Essen noch etwas übrig ist. Das gibt es demnächst mal zu gebratenem Lamm. Oder zu Endiviensalat. Oder zu gar nichts, sondern einfach so, in einer großen Schüssel vor dem Fernseher. (Es kann übrigens gut sein, dass ihr diesem Püree höchstens eine drei plus geben würdet. Aber das ist für mich der Zauber "guter" Kochbücher: einen Autor zu entdecken, dem die gleichen Dinge schmecken wie mir, und der mich trotzdem auf ganz neue Pfade führt.) Angesichts der neuen Schlafkrise geht hier gerade einiges vor die Hunde; mein Bett z.B. habe ich seit über zwei Wochen nicht bezogen (obwohl Kalle die Bettdecke mit Textmarkern bemalt hat und ich wirklich neugierig bin, ob das rausgeht), und in meinem Postfach sind ca. 20 Emails, die ich unbedingt beantworten müsste. Aber das Kochprojekt hat sich noch nie angefühlt wie zusätzlicher Stress, sondern immer wie Erholung. Würde ich einmal die Woche ins Kino gehen, würde auch niemand fragen, warum ich mir jetzt das auch noch aufhalse, und zum Kochen muss ich noch nicht mal einen Babysitter engagieren, denn Kalle wühlt so lange begeistert in meiner Kramschublade zwischen Zitronenpressen und Tupperdosen herum, und Michel liegt im Stubenwagen daneben und atmet gebannt den Geruch gebratener Kräuter und Zwiebeln ein. (Nigella schreibt immer wieder, wie sie als kleiner Pöks auf einem Schemel stand und unter Anleitung ihrer Mutter Mayonnaise und Sauce Hollandaise rührte. Das klingt doch nach einem Plan!)

Die Rückkehr in den Job ist gerade eins der Themen, um das ich innerlich einen großen Bogen mache. Michel ist ein völlig anderes Kind als Kalle, ich kann mir absolut nicht vorstellen, ihn jetzt drei Tage in der Woche allein bzw. in liebevoller Obhut zu lassen - wie soll das gehen? (Und bin ich jetzt ein Opfer mütterlicher Selbstüberhöhung, dass ich mir das nicht vorstellen kann, während es in Wirklichkeit überhaupt kein Problem wäre?) Zwei Kinder sind einfach mehr als ein Kind und noch ein Kind, alles ist deutlich mehr als doppelt kompliziert. Ich weiß auch nicht, warum, aber es ist so. Im Moment wäre ich für keinen Auftraggeber der Welt ein Gewinn, übernächtigt und durch den Wind und ständig abgelenkt, wie ich bin. Unzuverlässig wäre ich außerdem, ich habe keine Ahnung, wann ich wie viel Zeit und Energie zum Arbeiten habe, und ich hab das deutliche Gefühl, auch das großzügigste Timing auf einem Projekt würde die Lage hier zum Kippen bringen - alles bleibt so, wie es ist, nur habe ich nebenbei auch noch eine wie weit auch immer entfernte Deadline im Nacken?
Dabei ist der Gedanke, erst mal nicht zu arbeiten, trotzdem auch extrem angstgesetzt und ungut. In meinem Beruf ist es überhaupt nicht gut, lange raus zu sein, es kann schon sein, dass ich nach nur einem Jahr zuhause den Wiedereinstieg nicht mehr schaffen werde, und dann? Zudem ist gerade bei meinem dicksten Auftraggeber einiges im Umbruch, die können nicht so lange auf mich warten, es kann gut sein, dass diese Tür in ein mit Kindern vereinbares Arbeitsleben demnächst zu ist. Und dann? Und dann? Und dann?
Ich weiß es doch auch nicht, und hätte ich gerade nicht sowieso schlaflose Nächte, dann würde dieses Thema sie mir bereiten. So lasse ich das Problem gerade auf hinterer Flamme kochen, was vielleicht extrem doof und kurzsichtig ist. Freiberufliche Mütter von zwei kleinen Kindern da draußen, falls es euch gibt, wie war das bei euch?

So. Michel hat jetzt scheinbar den fehlenden Nachtschlaf aufgeholt, Mutti muss die Quatschbude zumachen. Bis hoffentlich sehr bald!

Sonntag, 28. Dezember 2014

p.s.

Wir stellen uns vor, eine Frau hat zwei kleine Kinder, eins davon sogar noch klitzeklein. Jetzt geschieht das Wunder, dass das eine Kind durchfallfrei in der Kita ist, das andere schläft. Und zwar weiß sie es noch nicht, aber es wird zwei Stunden lang schlafen, ohne einen Piep. Was macht sie jetzt? Vielleicht sagt sie: Hurra, endlich rufe ich meine Freundin Irmi an, das will ich schon seit Wochen. Oder sie springt wie der Blitz in ihren Schlafanzug und schläft zwei Stunden, bitter nötig wäre es. Oder sie kocht sich ihr Lieblingsessen (in der Hoffnung, dass das Baby nicht in dem Moment losbrüllt, wenn es auf dem Teller liegt). Oder sie starrt ein riesiges Loch in die Luft. Was auch immer sie tut, sie hat natürlich zu wenig Zeit dafür, aber immerhin: die Zeit, die sie hatte, war ihre, und sie hat endlich etwas tun können, was sie schon lange wollte.

Mir passiert das manchmal, dass die Kinder mich kurz nicht brauchen, und ich habe dann oft keine Ahnung, was ich machen will. Ich fange also erst mal an, die Dinge zu machen, die ich machen muss. Wäsche waschen, Abwasch, die Treppe wischen, sowas. Und auf einmal ist das Baby wieder wach, und ich gucke auf die Uhr und denke: das waren jetzt zwei Stunden. Vielleicht komme ich auch mit der Pflicht ruckzuck durch und bin trotzdem überfordert von der Kür. Vielleicht mache ich erst mal panisch zehn Sachen gleichzeitig am Rechner, lese ein paar Blogs, keinen davon richtig, rase durch ein paar Nachrichtenseiten und Onlineshops, ohne irgend etwas von dem zu kapieren, was vor meinen Augen vorbeiscrollt, und dann ist die Zeit vorbei.

So geht es mir gerade mit vielen Dingen. Ich habe sogar das Gefühl, so geht es mir fast immer. Mein Leben hat mich in Geiselhaft genommen, ich entscheide hier gar nichts mehr. Das ist in Wahrheit bestimmt nicht so, fühlt sich aber so an. Und darum mein Wunsch nach Kontrollgewinn. Es geht nicht darum, dass meine T-Shirts auf Kante im Schrank liegen sollen oder im Gäste-WC wie im Hotel zusammengerollte Handtücher liegen. Es geht auch nicht darum, dass ich jeden Abend ein selbstgekochtes Essen für Mann und größeres Kind auf den Tisch bringe und dabei möglichst auch noch die Frisur sitzt, es sei denn, ich will genau das. Ich will nicht zwanghaft Doris Day sein. Es geht darum, dass ich wieder mehr am Ruder bin, und vor allem geht es darum, zu erkennen, was ich will, und es dann zu tun oder mich ihm wenigstens anzunähern. An einem der Weihnachtsabende sagte meine kluge kleine Schwester, sie hätte eigentlich nie Angst, etwas zu verpassen. Das hätte ich auch gerne, vor lauter Angst, an anderer Stelle zu kurz zu kommen, flutscht mir gerade alles durch die Finger. Im Moment weiß ich manchmal nicht: hab ich Hunger? Wenn ja, worauf? Will ich schlafen? Muss ich hier mal raus oder mich im Gegenteil mal zwei-drei Tage einigeln und keine SMS mehr beantworten? Will ich arbeiten oder auf dem Fußboden bei meinen Kindern leben? Therapeuten nennen das Achtsamkeit, und sie fehlt mir, und wenn ich sie Kontrollgewinn nenne, dann ist das vielleicht missverständlich, aber für mich trifft es das besser. Dann habe ich auch nicht mehr so sehr das Gefühl, mein Leben schwemmt mich mit wie ein Stück Treibholz oder eine ertrunkene Kuh. Im Moment überfordert mich die Bestellung einer Pizza vor lauter Sollte-ich-nicht-eher und Was-wenn-ich-es-mir-gleich-anders-überlege. Ich will wieder der Boss meiner eigenen Pizzabestellung sein. Versteht ihr das? Auch wenn ihr nicht solche Fusselhirne seid wie ich?

Schopenhauer hat gesagt, der Mensch kann wohl tun, was er will, aber nicht wollen, was er will. Ich mag Schopenhauer nicht besonders, und ich würde mir gerne im nächsten Jahr beweisen, dass er Unrecht hatte.

Dienstag, 29. April 2014

Zum Glück fehlt mir die Energie, mich den ganzen Tag lang zu fürchten.

Als ich klein war, war mein größter Traum, auf einem Pferd zu sitzen. Ach, was rede ich, ein Pferd anfassen zu dürfen. Angucken! Den Geruch in der Nase zu haben. In einem Stall herumzulungern und dort tatsächlich hin zu gehören, offensichtlich, mit Reithose und Reitstiefeln. (Der Helm war mir nicht so wichtig, aus welchen Gründen auch immer. Ich hab tatsächlich nie einen getragen später... wenn ich so drüber nachdenke... was soll's.) Irgendwann zeichnete sich ab, dass dieser Traum wahr werden würde. Dieses unwahrscheinliche Glück würde ausgerechnet mir zuteil werden! Ich konnte es kaum fassen. Ich habe den ganzen Tag von nichts anderem geredet. Ich habe mir stapelweise Pferdebücher geliehen, ein paar Pferdeposter aufgehängt und konnte schnell mit den anderen Mädchen aus meiner Klasse (die davon genau so wenig Ahnung hatten wie ich) über Haflinger, Norweger und Isländer fachsimpeln. 23 Stunden am Tag war ich vollkommen aus dem Häuschen vor Glück. Eine Stunde allerdings lag ich starr vor Angst im Bett und machte mir fast in die Hose. Pferde! Diese riesigen Viecher! Mit den Hufen, die sie dir jederzeit an wichtige und von Nerven durchzogene Körperteile knallen können! Von denen man runterfallen kann, woraufhin man, wenn es ganz doof läuft, im Rollstuhl sitzt! (Ja, genau. Das machte mir zwar Sorgen, aber doch nicht genug Sorgen für einen Helm.) Die beißen! Ich lag da, starrte ins Leere und dachte voller Furcht daran, dass ich da jetzt wirklich und im Ernst hinmüsste. In die Pferdehölle. Das war kein Fall von "pass auf, worum du bittest, du könntest es bekommen", das war wirklich nackte Angst.

(Dass der große Pferdetraum dann irgendwie doch nicht bis heute überlebt hat, lag nicht an den Pferden, ihren Hufen oder ihren Zähnen, sondern daran, dass ich leider mit den meisten Menschen im näheren Umfeld von Pferden nicht so kann. Bzw. die mit mir. Bzw. was auch immer.)

So ähnlich geht es mir gerade manchmal. Ich freue mich wie irre. Aber ich fürchte mich auch wie irre. Mein Lemmingbaby robbt in irrem Tempo auf Treppen, ungesicherte Steckdosen in fremden Wohnungen, Vasen, herunterhängende Tischdecken, Guillotinen, Hochspannungsleitungen, Atomkriegauslöseknöpfe und Krokodilbecken zu, und ich renne hinterher und kann manchmal kaum etwas anderes denken als "Verdammt. Verdammt. Verdammt. Und demnächst sind es zwei." Ich weiß schon, dass Kind 1 bei Ankunft von Kind 2 schon größer sein wird, aber im Moment ist das kaum beruhigend, denn bis dahin wird er zwar laufen können, aber noch nicht imstande sein, meinen Erklärungen zu folgen, wieso er nicht ins Krokodilbecken springen soll. Ich werde einfach schneller rennen müssen, das ist alles. "Eine Leine wäre gar nicht doof" bemerkte meine Schwester dieses Wochenende. Auch, wenn keine Todesgefahr im Spiel ist - wie wird das, wenn beide Kinder brüllen und ich leider erst eine, dann die andere Flasche machen kann? Wird das Kleinere immer zuerst versorgt, oder erzeugt das diese scheußlichen von Grund auf vergifteten Geschwisterhassbeziehungen? Rächt sich das mit heimlichen Bissen und Knüffen? Oder kommen die Bisse und Knüffe sowieso auf mich zu? Wie ist das, wenn zwei Babys in einem Zimmer schlafen, machen die sich gegenseitig wach? Irgendwie fällt mir ständig dieser schon immer bescheuerte Denk-Klimmzug ein, was man aus dem brennenden Haus tragen würde, wenn man nur eine Sache retten könnte. "Und wenn ich eins links und eins rechts trage?" "EINE SACHE", lautet die pedantische Antwort.
L. wird mehr ran müssen, das ist klar. Aber ist ihm das auch wirklich klar? Nicht nur theoretisch, sondern praktisch? Was wird mit unserem Kindermädchen? Kann ein Kindermädchen überhaupt damit betraut werden, sich um zwei Kinder zu kümmern? Einige Probleme lassen sich einfach mit Geld lösen, sollten wir ein größeres Auto brauchen oder doch einen Geschwisterkinderwagen, weil das mit dem Adapter für unseren nicht so funktioniert wie gedacht, dann ist das eben so, deshalb bekomme ich keine grauen Haare. Aber alles andere - uff. Wie macht ihr das denn, ihr Zwillingsmütter und Mütter von zwei ziemlich eng zusammenliegenden Kindern da draußen? Und kommt ihr überhaupt dazu, Blogs zu lesen? Geschweige denn Kommentare zu schreiben? Das würde mich wirklich mal interessieren.


Dienstag, 25. März 2014

Um es lang zu sagen

Sollte einer meiner Auftraggeber diesen Post lesen und sich sagen, Fräuleinchen, nicht während der bezahlten Arbeitszeit, dann habe ich zu meiner Verteidigung zu sagen: 1. bin ich heute so durch den Wind, dass es sowieso unverantwortlich wäre, in dieser Stimmung generierte Ideen auf Kunden loszulassen, 2. habe ich gerade die Runde durch alle Beraterbüros gedreht und gefragt, ob es irgendwas für mich zu tun gibt, und die Antwort lautete Nein Danke, und 3. bin ich Schnelltipper und brauche auch für diesen Wortschwall nicht länger als zwanzig Minuten. So.

Eine Woche habe ich mich nicht gemuckst, es tut mir ehrlich leid. Ungefähr sechsmal hatte ich angesetzt, aber dann immer auf halber Strecke den Nerv verloren. Schwangeren sagt man ja ständig "Dein Körper braucht das jetzt", egal, ob es um Schlaf, Familienpackungen Chips oder Wutausbrüche aus dem Nichts geht. (Ich hasse das übrigens, wenn andere Menschen zu mir Dinge sagen, in denen die beiden Worte "Dein Körper" vorkommen. Das fühlt sich an wie ein zu warmer und schwitziger Händedruck. Aber mach was... in der Schwangerschaft kriegt man jede Menge davon zu hören.) Ich ziehe also zur Entschuldigung ausnahmsweise mal die Mein-Körper-Karte und behaupte frech, mein Körper brauchte eine Woche Blogferien. Echt!

(Habe ich schon mal erzählt, wie ich zum letzten Termin vor der Geburt bei meiner Frauenärztin war und hinterher mit dem Auto in eine irre enge Straße geraten bin, die blockiert war durch ein paar Straßenbauer mit irgendeinem Monsterbagger, ohne dass das vorher per Schild oder irgendwas angekündigt war? Und wie ich nicht zurück konnte, weil hinter mir inzwischen jemand stand, der es nicht gerafft hat und telefonierte? Und wie ich dann dachte "Ok, einmal darfst du das" und mir den Bauch haltend aus dem Auto gestolpert bin und die armen Bauarbeiter angeschwindelt habe, hier ginge es gerade sowas von los und sie sollten jetzt sofort die Straße freimachen? Und dann kichernd weiterfahren konnte, nachdem die mir alle noch viel Glück gewünscht hatten? Das war natürlich mies. Und dass man in den Wehen nicht Autofahren darf, wussten die scheinbar zum Glück nicht oder wollten sich jetzt nicht auf Diskussionen einlassen.)

Heute Mittag ist der große Termin, und ich habe keine Ahnung, was ich vorahnen und denken soll. Einerseits fühle ich mich diesmal schwangerer als letztes Mal um diese Zeit. Sogar Morgen- Mittag- und Abendübelkeit habe ich, und als ich gestern Abend Mann und Schwiegermutter zum Essen ausgeführt habe und ein extrem gut abgehangenes Stück Rind serviert wurde, war der Geruch für mich kaum auszuhalten widerlich. Das sind doch eigentlich gute Zeichen. Auch müde bin ich, und zwar schwangermüde mit Babymüde obendrauf. Spiffi schläft nicht mehr ganz so mustergültig wie noch vor kurzem, und ich kann nur dankbar sein, dass ich tatsächlich den Großteil meiner nächtlichen Aktivitäten am nächsten Morgen vergessen habe und die Fläschchen zählen muss, wenn ich wissen will, wie oft. Dann ist mir noch wieder eingefallen, dass ich diesmal tatsächlich so etwas wie eine Einnistungsblutung hatte - nur ein paar Tröpfchen, nicht weiter wild - und die waren so spät, dass ich schon dachte, das kann aber nicht sein: sieben Tage nach der Rückübertragung. Jetzt habe ich aber gelesen, dass das Zellhäufchen sich bis zu elf Tage nach der Befruchtung einnisten kann. Elf Tage kommen mir jetzt reichlich unwahrscheinlich vor, aber andererseits ist es auch ziemlich unwahrscheinlich, gleichzeitig HPV, verschlossene Eileiter, Myome und Endometriose zu haben, und siehe da, alle paar Monate sitze ich um einen Stammtisch mit einem Haufen Damen, die das alle trotzdem haben. Das würde jedenfalls mehr als erklären, wieso letztes Mal noch nur eine Fruchthülle ohne spannenden Inhalt zu sehen war (das und der Nebel auf dem Ultraschallschirm). Also gut. Pro: Ich fühle mich schwanger, und es wäre so nett, wenn ich es wirklich wäre. Contra: das wäre zu schönes Idiotenglück, der nicht so dolle Ultraschall vom letzten Mal, ich bin 41 und eine Menge kann in jeder Minute seit dem positiven Test schiefgegangen sein.

Da hilft wohl wieder mal nur einatmen und ausatmen und warten.

Diese irre Menge von Ultraschalls für Kinderwunschpatientinnen macht das Leben jedenfalls nicht einfacher, inzwischen habe ich nach einer guten Untersuchung ungefähr fünf Stunden Gnadenfrist, bis ich mich wieder vor der nächsten grusele.

Inzwischen habe ich von Spiffi zu erzählen, dass es mit dem Essen schwierig ist, aber wir uns trotzdem keine Sorgen machen müssen. So lange die Leute ständig Sachen sagen wie "der wird aber mal größer als L. (1,96)" oder auch "Na, du wirst aber mal Holzfäller, nüing, min Dschong?" scheint es wohl nicht komplett schief zu laufen. Aber immer noch sind Fläschchen das, was er am liebsten mag. Gläschen sind bis auf wenige Glücksmomente meistens bäh, und die Hunde hatten selten so ein glänzendes Fell wie jetzt, wo sie täglich den Löwenanteil von zwei 1a Bio-Gemüsegläschen bekommen, die Spiffi nach dem ersten Löffel mit purem Abscheu von sich schiebt. Ich habe es auch schon mit einer Freestyle-Variante von Baby-led-weaning probiert, aber von weaning ist nicht viel zu merken, Spiffi zermatscht nur alles in seinen kleinen starken Holzfällerhänden und schmiert es mir ins Haar. Was er aber liebt und was immer geht, ist Mineralwasser, und zwar unbedingt mit Kohlensäure. Sobald in Sichtweite jemand eine Flasche Mineralwasser öffnet, robbt er blitzschnell auf denjeningen zu und sperrt hechelnd vor Gier den Schnabel auf. Gestern hat er zum ersten Mal erst selbst ein paar Schlucke genommen und dann mir die Flasche in den Mund geschoben, er war erst zufrieden, nachdem ich mindestens sieben Schlucke genommen hatte. Fast jeden Tag erzähle ich ihm von seinem vielleicht-wenn-alles-gut-geht Geschwisterchen, aber ich glaube, unter Geschwisterchen kann er sich noch nicht so viel vorstellen. Was vielleicht auch besser ist, wenn man bedenkt...

So. Zwanzig Minuten sind um. Mehr kann ich nicht verantworten. Das wäre ja wohl mal wirklich doof: Baby futsch und Job futsch an einem Tag.

Ich verspreche, ich sage kurz piep nach dem Ultraschall heute mittag.

Montag, 17. März 2014

Die Vorher-und-Nachher-hoffentlich-immer-noch-Show

Ich kann nicht gut mit Entscheidungen zu einem festen Zeitpunkt in der Zukunft. Ich hasse das, wenn Showmaster blöd minutenlang herummoderieren, bevor sie endlich sagen, wer nach Hause muss und wer nicht. Dass die Entscheidung über das neue Glücksprojekt an einem Mittwoch Anfang Mai fallen wird und ich bis dahin nicht die geringste Chance habe, irgend etwas herauszufinden, macht mich schier irre. Ich lese bei Krimis oft das Ende zuerst (allerdings nicht unbedingt aus dem gleichen Grund wie Harry aus "When Harry met Sally"), und bevor ich mir einen wirklich spannenden Film ansehen gehe, lese ich auch da gerne nach, wie er ausgeht. Spannung ist für mich nichts Schönes.

Um zwanzig nach eins habe ich einen Termin zum Ultraschall, und es macht mich völlig verrückt, dass zwar jetzt schon fest steht, wie genau es um diese neue Schwangerschaft bestellt ist, dass ich aber hier stillsitzen (und mir Anzeigen für eine Fresszeitschrift ausdenken) muss und kein Weg daran vorbei führt, mich noch etwas zu gedulden. Könnte ich wenigstens rauchen! Andererseits sind das vielleicht die letzten zwei Stunden und zehn Minuten, in denen ich noch schwanger sein darf, und gleich ist der Spuk schon wieder vorbei. Und jetzt?

Jetzt würde ich wirklich, wirklich gerne vorblättern.

Samstag, 15. März 2014

Da ist sie wieder, die Vorfreude-Vorangst-Schizophrenie.

L. ist bockig. Vermutlich überfällt einen dieses Gefühl als gesunden Großstadtmann, wenn man Freitag Abends aus dem Fenster guckt und weiß, dass auch heute Abend wieder Zehntausende durch die Bars wandern, auf ihrem Weg seltsame und teilweise gleich wieder vergessene Abenteuer erleben und nicht nach Hause kommen, bevor der Morgen graut, während man selbst hier vergessen in der Vorstadt sitzt mit zwei Hunden, einem Baby und einer Frau, die grundsätzlich gerne um zehn in ihren Schlafanzug steigt und sich nach einem Gutenachtküsschen zu ihrem Krimi trollt und die neuerdings dazu übergegangen ist, das auch gerne schon um acht zu tun. Das ist doch kein Leben! Keiner versteht das besser als ich. "Ich will Champagner" sagt L. und starrt finster aus dem Fenster. Nicht, dass ihr euch übertrieben glamouröse Vorstellungen von unserem Lebensstil macht, aber tatsächlich liegt im Keller eine schöne Flasche, die seine Cousine hier mal vergessen und uns dann übereignet hat. "Mach doch" sage ich. Wenn es hilft? "Wobei -" sage ich, "Du könntest ihn auch für eine Gelegenheit aufheben, bei der er irgendwie mehr knallt. Zum Beispiel, wenn Frau B. - (die biestige alte Nachbarin mit der Mülltonnenfehde) - mal wieder im Garten ist, dann wirfst Du Dir den karierten Morgenrock über und gehst auf den Balkon und reißt die Flasche auf. Hm?"
"Jaja. Wenn ich schlau bin, mache ich alles genau wie Du. Ganz genau wie Du, mein Schnutzibutzi." knurrt L. und macht sich jetzt doch ein Bier auf.
Und ich steige mit meinem gemütlichsten Schlafanzug ins Bett, ziehe mir die Decke bis unter die Nase, greife nach meinem Kindle und weiß plötzlich genau, dass meine Idee nichts damit zu tun hat, Frau B. zu ärgern, sondern dass ich heimlich denke: Warte doch noch ein paar Tage, dann bin ich vermutlich schon wieder nicht mehr schwanger, und wir trinken ihn zusammen.

Es tut mir so leid, ich kann nicht anders. Ich tue schon alles, um die Hirnhälfte anzufeuern, die feste hofft und glaubt. Ich habe z.B. nach dem Vorbild von Holly von "Nothing but bonfires" einen klappernden Haufen großer MDF-Zahlen gekauft und (mit angehaltener Luft und im Freien, klar) türkis angesprüht, damit mache ich jetzt jede Woche ein Foto für mein Schwangerschafts-Tagebuch. Auch eine Null ist dabei und zwei Dreien, so dass ich scheinbar zumindest theoretisch davon ausgehe, dass ich irgendwann im zweistelligen Wochenbereich und sogar in die Dreißiger komme. Ich habe auch jetzt schon Schwangerschaftsvitamine bis Woche 13 und genug Wunderöl, um einen Drillingsbauch streifenfrei bis ins Ziel zu bringen. Aber obwohl ich schon einmal erlebt habe, dass unwahrscheinlicherweise tatsächlich auch aus meinem Fusselbauch ein Baby kommen kann, gewinnt meistens die andere Hälfte. Montag ist der Ultraschall, und ich gehe mit extrem gemischten Gefühlen da hin. Ich wollte, ich wäre anders, aber das ist wohl das, was eine Fehlgeburt mit einem macht. Immer noch nicht schwangere Abkürzungsdamen müssen auch nicht wütend werden, ich hänge nicht müffelnd und schniefend auf dem Sofa herum, ich freue mich schon und freue mich noch viel mehr, wenn wir irgendwann in sichereres Fahrwasser kommen, ich weiß auch, was ich vier Jahren Kinderwunschbehandlung schuldig bin und dass ein Positiv und Woche 5 plus irgendwas jetzt schon ein Traum ist, aber irgend etwas bringt mich eben auch dazu, L. dazu zu bringen, die Flasche noch ein paar Wochen zu zu lassen.
Bier schmeckt ihm außerdem fast genau so gut. Und einsamer Champagner ist fast noch trister als Kräutertee am Freitag Abend.

Montag, 10. März 2014

Ein Reproduktionsmediziner ist heimlich in mein Schlafzimmer geschlichen und hat mir eine Einnistungsspritze ins Hirn gejagt.

Wie konnte das so schnell gehen? Und so ohne Handbremse? Wo ich das doch kenne und weiß, was passieren kann und gar nicht mal so unwahrscheinlich ist? Noch am Tag des Tests habe ich zwar hochleistungsgehofft, aber hatte auch immer noch die Zügel fest in der Hand. Ich dachte wirklich, wenn es nicht klappt, dann sind wir traurig, aber es wäre doch auch fast schon albern gewesen, gleich beim ersten Versuch nach Willie schon wieder schwanger zu werden. Ich dachte außerdem an meinen großen Sommerurlaub, der schon jetzt alle Dimensionen sprengen muss, um meinen drei urlaubsfreie Jahre lang gepflegten Phantasien gerecht zu werden. Und an das nächste Projekt, das vielleicht gar nichts wird, vielleicht aber auch doch, und das zwar auch schwanger zu machen ist, aber dann eben mit deutlich mehr Ächzen und Schwitzen. (Nein, ich habe mich nicht für den New York Marathon im November angemeldet. Witzbolde.) Ich dachte, wenn nicht, dann nicht, und wir gehen hocherhobenen Hauptes, wenn auch vielleicht mit einem blauen Auge und leicht hinkend aus der Nummer hervor. Und jetzt? Donnerstag war der Test. Freitag, Samstag, Sonntag, Montag. Irgendwann in dieser Zeit muss das mit der Einnistungsspritze passiert sein. Denn jetzt sitzt das kleine Biest schon bombenfest. Das heißt, ich hoffe, er sitzt tatsächlich bombenfest in meiner Gebärmutterschleimhaut und wächst, in meinem Hirn hat er sich nämlich schon eingegraben, eine funktionierende Nabelschnur entwickelt und die ersten kleinen Tritte spüren lassen. Wie kann das diesmal so schnell gehen? Habe ich letztes Mal auch in Woche vier mit dem Zellhäufchen gesprochen? Und wie komme ich dazu, mich schon jetzt mit stinketeuren Schwangerschaftsvitaminen bis Woche 12 einzudecken? Lerne ich es denn nie? Und was macht diese Familienpackung Nuxe-Wunderöl für den Bauch auf meinem Badezimmerschrank, wo ich noch eine angebrochene Flasche habe, mit der ich locker die nächsten drei Wochen überstehen kann?

Vielleicht ist es eine Eileiterschwangerschaft. Vielleicht ist es auch schon gar keine Schwangerschaft mehr. Oder es ist eine, die gerade lang genug hält, um mir ernsthaften Schaden zuzufügen, wenn sie geht. Vielleicht ist etwas sehr, sehr Wichtiges verkehrt mit diesem kleinen Zellhäufchen. Vielleicht... und hier sitze ich und diskutiere mit mir über Namen. Und darüber, ob wir das gleiche Ikea-Bett dann wohl nochmal kaufen würden oder lieber das andere. Ich schiele auf dem Hundespaziergang neugierig nach Zwillingskinderwagen und überlege, ob sich da so ein Rollbrettchen für Willi anbringen lassen würde. Ehrlich, ich hab sie doch nicht mehr alle. Und L., der ewige Bremser bei Willi, ist diesmal auch keine große Hilfe. "Was hältst du von Pauline?" Ach, jetzt schon viel zu viel.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Sechs.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich aufgeregt angesichts der Aussicht auf einen Zahnarztbesuch, einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einen mir unbekannten Stadtteil oder eines Friseurtermins. Nicht sehr, aber immerhin ein bisschen. Dass ich morgen vermutlich ein Kind bekommen werde, kommt in dem Teil meines Gehirns, der für Aufregung zuständig und sonst fast durchgängig sehr aktiv ist, aus rätselhaften Gründen nicht an. Gestern stand ich in einer Bäckerei, völlig unterzuckert, und wollte mir eine Tüte Franzbrötchen kaufen. Eins wollte ich sofort essen, eins war für L. gedacht, der Rest sollte in die Tiefkühle und steifgefroren mit ins Krankenhaus. Für die Geburt. MEINE Geburt bzw. Würmchens. Die Bäckereiverkäuferin fragte mich, wann es denn so weit wäre. Ich sagte, ich wäre fünf Tage drüber. Sie sagte, dafür würde ich aber einen extrem entspannten Eindruck machen. Ich sagte, vielleicht wäre ich ja einfach nur blauäugig, das wäre mein erstes. Wie äußert sich Geburtspanik bei anderen Frauen beim Kauf von Franzbrötchen? Stottern sie? Zittern sie? Lassen sie ihr Wechselgeld fallen? Knüllen sie die Tüte zu einem zimtigen Klumpen zusammen, sobald sie sie in den Händen halten? (Franzbrötchen, für alle Nicht-Hamburger, sind große Flatscher aus süßem Teig, durchzogen von einem klebrigen Gemisch aus Zimt, Zucker und Butter. Man isst sie ungefähr so wie eine Haribo-Lakritzschnecke, indem man sie in Streifen zieht. Manchmal gibt es auch welche mit Rosinen, Schokosplittern, Streuseln oder gebrannten Kürbiskernen, wenn Rosinen auch leider auszusterben scheinen, sie gelten zusehends als leicht eklige alte-Leute-Zutat. Franzbrötchen entschädigen mich dafür, dass es in Hamburg so gut wie unmöglich ist, ein Kümmelbrötchen oder ein wirklich gutes Laugenbrötchen zu bekommen.) Die Bäckereiverkäuferin hielt mir zum Abschied einen Teller mit frisch gebackenen Schweinsöhrchen hin und sagte, ich sollte mich bedienen, für das Baby. In diese Bäckerei gehe ich bestimmt bald wieder.

Aber was ist nun wirklich der Grund? Wie zuerst vermutet, Blauäugigkeit? Seit Monaten warte ich darauf, dass die Panik vor der Geburt einsetzt, und bisher tut sich nichts. Weiß ein pfiffiger Teil von mir, dass ich da sowieso durchmuss, Angst hin oder her, und dass ich mir das Gruseln darum genau so gut sparen kann? So viel angewandte Logik traue ich meinem Fusselhirn nicht zu. Baue ich zu sehr auf die PDA, mit der es vielleicht ja gar nichts wird? Ist das hier vielleicht die Bestätigung dafür, dass es manchmal ein Segen ist, nicht zu wissen, was auf einen zukommt? Sind wieder mal Hormone im Spiel? Die Straßen sind voller Frauen mit Kinderwagen, denen ich (bestimmt voreilig und ungerecht) nach einem Blick in ihre Gesichter überhaupt rein gar nichts zutraue. Und die haben das auch geschafft, das beruhigt mich enorm, abgesehen davon, dass es ja nichts zu beruhigen gibt. Bin ich also zu arrogant für Angst? Ist das ein gigantisches Bollwerk meines Bewusstseins gegen eine Angst, die in Wirklichkeit die ganze Zeit knapp unter der Oberfläche lauert und die mich vollkommen um den Verstand bringen würde, wenn ich auch nur den kleinsten Hauch davon schnuppern könnte? Oder habe ich einfach nur Recht und das wird überhaupt nicht schlimm?

(Irgendwo da draußen sitzt eine ganze Bande von euch, reibt sich die Hände und denkt "Wart's nur ab. Du wirst schon sehen." und lacht wie ein Rudel Disney-Hexen. Ich kann euch hören!)

Außerdem bin ich gestern in sfgirlbybays Blog auf einen Bericht der New York Times gestoßen: eine Diashow mit Bildern des Hauses, in dem Mike D. von den Beasty Boys in Brooklyn wohnt. Daraufhin dachte ich drei Dinge: erstens muss ich wieder mehr Beasty Boys hören. Wie wär's, vielleicht ja zur Geburt? Zweitens würde ich da sofort einziehen. Drittens möchte ich gerne beim nächsten New York-Besuch - wer weiß, vermutlich mit Würmchen? - die von Mike D. persönlich designte Tapete kaufen. Hier geht's zur Diashow.

Dienstag, 9. Juli 2013

Elf Fragezeichen

Was, wenn wir noch nicht sofort wissen, wie Würmchen heißen soll, und daraufhin wird er im Krankenhaus vertauscht, und wir bekommen das grauenvolle Kind eines grässlichen, dämlichen, schlecht riechenden Paares, während die unser Würmchen mit nach Hause nehmen dürfen? Und wir sehen ihn nie wieder?

Was, wenn er eines Tages eine Freundin mit angeklebten Nägeln hat, die den ganzen Tag mit offenem Mund Kaugummi kaut?

Was, wenn er einen dieser Freunde hat, die immer sagen, sie hätten nichts getrunken, während sie in Wirklichkeit bumsvoll sind? Und er glaubt ihm und steigt zu ihm ins Auto?

Was, wenn er eines Nachts mit seinen Jungs am Baggersee ist, und alle springen von dem alten rostigen Kran, und er denkt, er muss das jetzt auch machen?

Was, wenn wir nur einmal, nur ein einziges Mal, vergessen, das Fenster zuzumachen oder die Balkontür, nur ein einziges Mal den Topf auf der vorderen Herdplatte stehen lassen oder das Messer neben der Spüle liegen lassen, und dieses eine Mal reicht schon?

Was, wenn ich mir diese ganze Schwangerschaft nur eingebildet habe, und am Freitag holen sie aus meinem Bauch das größte Myom aller Zeiten?

Was, wenn sich jetzt gerade auf irgend einem Klettergerüst oder in einem Kaninchenbau oder an einem Softeisstand die Todesbakterie gemütlich niederlässt, die sich dort vermehren und ihn eines Tages erwischen wird?

Was, wenn heute Abend seine zukünftige Kindergärtnerin den Typen kennenlernt, wegen dem sie in den nächsten Monaten ein massives Drogenproblem entwickeln wird? Ohne dass irgendwer, geschweige denn ihr Arbeitgeber, irgend etwas davon mitbekommt?

Was, wenn in dem wuscheligen Fell unserer Hunde zwei Killermaschinen stecken, die nur auf eine passende Gelegenheit warten?

Was, wenn ich das Baby bekomme, der Himmel ist babyblau, die Sonne lacht, alles ist gut, und dann überfährt mich im Stilltran ein Bus, und L. muss mit allem allein fertig werden?

Was, wenn wir wirklich, wirklich, aber wirklich miserable Eltern abgeben?

Man braucht wirklich nicht viel Phantasie, um kurz vor der Geburt die fieseste Sorte davon zu entwickeln. Brrrrrrrrr.





Sonntag, 30. Juni 2013

Und das, obwohl bisher niemand auf die Idee gekommen ist, ich könnte irgend etwas mit Brooke Shields gemeinsam haben, vielleicht abgesehen davon, dass wir beide keine großen Fans von Tom Cruise sind.

Hab ich gesagt, ich habe überhaupt keine Angst vor der Geburt? Ganz so stimmt das nicht. Ich habe keine Angst davor, dass es losgeht, während ich gerade am entferntesten Punkt des Hundespaziergangs bin und dass ich dann hilflos im Wald liege, denn meistens ist L. dabei und immer mein Telefon. Ich habe auch keine Angst, dass die Schmerzen überhaupt nicht auszuhalten sind, denn das haben schon ganz andere hingekriegt. Ich habe keine Angst vor schrecklichen Kunstfehlern, denn komischerweise haben vier Jahre Kinderwunschbehandlung mein grundsätzliches Vertrauen in die Ärzteschaft nicht erschüttern können. Außerdem habe ich "meine" Ärztin im Krankenhaus schon kennen gelernt (vorausgesetzt, sie ist da, wenn es losgeht) und die ist von der besten Sorte: patent, plietsch und mit wenig Neigung zum großen Drama. Ich glaube fest, wir schaffen das, Würmchen und ich.

Was mir Angst macht, ist etwas anderes. Vier Jahre - nein, inzwischen sind es schon fast fünf - habe ich auf den Moment hingefiebert, hingehofft, hingespritzt und hingezittert, in dem ich mein eigenes, von mir selbst ausgetragenees Kind in die Arme gelegt bekomme. Jetzt ist er fast da. Und meine größte Angst ist: was, wenn es nicht so ist, wie ich denke? Was, wenn es mir z.B. so geht wie Brooke Shields und vielen anderen Frauen, die plötzlich feststellen, dass sie das schreiende Würmchen auf dem Bauch liegen haben und es tut sich - NICHTS, aber auch garnichts? Was, wenn mir dieses kleine, schrumpelige, rotblaue Ding völlig fremd ist und auch erst mal bleibt? Was, wenn ich mein Kind sehe und in diesem Moment nur denken kann, was soll ich denn damit? Versteht mich nicht falsch, ich wünsche mir seit so langer Zeit nichts anderes so sehr wie dieses Kind. Und so ist das immer noch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit ihm spreche, ihm sein Zimmer zeige, mit ihm durchs Haus laufe und ihm die Hunde erkläre. Ich tue fast nichts im Haus (abgesehen von den ca. 28 Klogängen täglich), bei dem ich mir nicht vorstelle, wie das wird, wenn wir das erst zusammen machen. Ich schiebe durch Edeka und denke, demnächst habe ich hier die Kinderkarre dabei. Ich gehe in den Keller und mache die Wäsche an und sage mir, dass das demnächst auch einhändig klappen wird, mit Würmchen auf der Hüfte. Ich glasiere einen Schoko-Nuss-Kuchen für den Besuch meiner Schwiegermutter heute und stelle mir vor, wie wir demnächst zu zweit im Teig manschen. Aber ich bin mir sicher, auch Brooke Shields hat sich auf ihr Kind gefreut und war bester Dinge. Vielleicht ist es albern, dass angesichts einer immer noch windschief sitzenden Plazenta und angesichts der bevorstehenden ersten Geburt meines Lebens mit 40 Jahren DAS meine größte Sorge ist. Aber albern oder nicht, so ist es. Das und die Angst, dass irgend etwas mit Würmchen nicht in Ordnung ist. Denn vielleicht kann ich es immer noch nicht ganz glauben, dass ausgerechnet ich so ein Glück haben soll. Da draußen wimmelt es von Abkürzungsdamen, die das bestimmt alle viel besser gemacht haben als ich. Die brav und ohne Lästerei seit Jahren zum TCM-Onkel gehen, die ihre Ernährung komplett umgestellt haben, obwohl sie genau so verfressen sind wie ich, die sich die Behandlung vom Mund absparen mussten und die jedem Tipp zur Erhöhung der Fruchtbarkeit gefolgt sind, und sei er ihnen noch so rammdösig vorgekommen. Die seit Jahren nicht mehr die Nacht zum Tag gemacht haben, sich aus dem Raum entfernen, wenn jemand eine Zigarette ansteckt (und damit meine ich nicht, dass sie zum Rauchen nach draußen gegangen sind), die ihre Wände sicherheitshalber mit dreimal so teurer Biofarbe gestrichen haben, die schon gar nicht mehr wissen, wie Kaffee riecht. Und dann komme ich. Da kann doch was nicht stimmen. Irgend einen Knüller muss doch die Welt für mich in der Hinterhand haben. Irgend einen kleinen, fiesen Haken.

Würmchen, für Dich ist der Fall jetzt schon klar: der Haken ist, deine Mutter hat einen gewaltigen Knall.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Siri, pack doch bitte meinen Klinikkoffer zu Ende, wisch hier einmal feucht durch, und wenn Du schon dabei bist, dann krieg auch bitte gleich mein Kind für mich. Ja?

Bücher sortiert in die, die ich in den nächsten Monaten unbedingt lesen muss, und die, die auch für ein halbes Jahr verschwinden können: Haken dran.
Bücher entsprechend in den Keller geschafft oder im Schlafzimmer verstaut: Haken dran.
So dass Würmchens angehendes Kinderzimmerregal jetzt leer ist: Haken dran.
Schreibtisch ausgeräumt, so dass ihn heute Abend L. und mein Bruder aus dem Kinderzimmer auf den Dachboden wuchten können: Haken dran.
Klinikkoffer von extrem lässiger Ledertasche, die aber leider nur das Fassungsvermögen eines kleinen Schuhkartons hat, in uncoolen, aber praktischeren Rollkoffer umgepackt und im Zuge dessen gleich um mehrere wichtige Dinge ergänzt: Haken dran.
Spucktücher, die ich während der Erkältung nachts als Halstücher benutzt habe, damit nicht mein ganzes Bett mit braunem Tigerbalm verschmiert wird, in die Kochwäsche gesteckt: Haken dran. (Wehe, das geht nicht raus und ich muss neue kaufen.)
Bett für meinen Bruder klargemacht: Haken dran.
Restliche Belege für Mittagspausen etc. für 2013 für die Steuer sortiert: Haken dran.
Noch ausstehende Kreditkartenabrechnungen organisiert, gesichtet, Steuer-relevante Posten markiert und erklärt und abgeheftet: Haken dran.

Ich finde, mehr kann man von einer Dame im neunten Monat an einem Tag mit 34° nicht erwarten.

Noch offen auf der To-Do-Liste sind:
- neuer Bezug für Baby-Bay
- Bezug für Kinderwagenmatratze
- Maxi-Cosy
- Tragedings für Frischgeschlüpfte Babies

Das machen wir morgen, eine willkommene Entschuldigung, für ein-zwei Stündchen vor den Handwerkern in den Babymarkt zu fliehen.

Und dann muss noch das Paket aus England ankommen, in dem L.s Cousinchen uns ihre rausgewachsenen Baby-Sachen schickt. Die muss ich dann auch noch mal waschen und trocknen und falten.

Dann müssen die Handwerker endlich, endlich verschwinden.

Dann bauen wir noch das IKEA-Bett auf, bzw. aus bitterer Erfahrung mache ich das lieber alleine, das endet sonst mit Scheidung und alleinerziehend und all dem, IKEA können wir nicht so gut zu zweit.

Dann sollten wir noch Rollos oder licht-dichte Gardinen im Schlafzimmer und im Kinderzimmer befestigen, denn man hört ja, dass Babies in abgedunkelten Räumen besser schlafen. (Klitzekleine Schlafbrillen wären doch toll. Wobei ich mir sicher bin, irgend eine Schlaubiene hat schon wieder herausgefunden, dass die quasi direkt zum plötzlichen Kindstod führen.) Oder warten wir mit der Verdunkelung lieber, bis wir festgestellt haben, dass unser Würmchen tatsächlich nur im Dunkeln schläft? Vielleicht ja auch so.

Dann muss ich noch einmal alles putzen und feucht abwischen, durchlüften, und dann könnte es tatsächlich den Moment geben, in dem ich noch ein paar Bilder aufhänge im Kinderzimmer und wir dann auch mal fertig sind.

Laut Schwangerschafts-Apps, denen ich gestern doch mal wieder einen Höflichkeitsbesuch abgestattet habe, sind es noch 23 Tage. Warum also die plötzliche Hektik? Weil ich das dumpfe Gefühl habe, so lange dauert es nicht mehr. Mein Bauch macht komische Dinge. Und mit komisch meine ich, manchmal tut das ganz schön weh. Sind das jetzt Senkwehen? Braxton-Hicks-Kontraktionen? Ich hatte gedacht, die wären schmerzlos. Wenn das Wikipedias Vorstellung von Schmerzlos ist, dann rate ich Wikipedia dringend, es mal selbst zu versuchen. Oder ist wieder mal die blöde Endometriose Schuld, dass das so zwiebelt? Es ist jedenfalls beruhigend zu wissen, dass in einem Eppendorfer Klinik-Medikamentenlager die Zutaten für eine feine PDA warten, auf denen mein Name steht. Manchen hier wird nämlich langsam ein bisschen mulmig. Zum Beispiel dann, wenn sie auf einem zwei-Kilometer-Hundespaziergang dreimal Pause machen müssen. Oder wenn sie sich nach einer ca. 20 Gramm wiegenden Socke bücken und plötzlich das Gefühl haben, sie kommen nie wieder hoch, sondern kriegen gleich ihr Kind direkt hier unten im Waschkeller. Oder wenn sie morgens ein bisschen länger schlafen, daraufhin die Blase noch ein bisschen voller ist als sonst und das im Ergebnis dafür sorgt, dass sie es nur an der Hüfte im rechten Winkel nach vorne geknickt noch aufs Klo schaffen. Und dabei macht Würmchen bisher nur Spaß.

Oder?

Sonntag, 2. Juni 2013

Kennt ihr das auch?

Ich wache auf und brauche ein paar Sekunden, um zu wissen, was da nicht stimmt. Kippenkater. Anderthalb Schachteln sind es wohl gewesen. "Aber ich habe die meisten nur bis zur Hälfte geraucht", denke ich. "Und zum Glück, zum Glück hatte ich wenigstens noch genug Verstand, um nur American Spirits in Orange zu rauchen, die Leichtgewichte unter den Fluppen". Irgendwelchen Blödsinn musste ich wohl machen, das war schließlich eine Hochzeit! Eins meiner Mädchen hat geheiratet, es war alles ganz wunderschön, und auch ohne Ströme von Alkohol war dieser Abend emotionaler Ausnahmezustand. Nur so kann ich mir das erklären, dass ich tatsächlich eingeknickt bin und geraucht habe. Und nachdem ich erst eine Zigarette geraucht hatte, war es auch fast schon egal, ob danach noch eine, noch eine und dann noch einige kamen. Gestern Abend dachte ich noch, Sünde ist Sünde, da spielt die Menge jetzt auch keine Rolle mehr. Aber jetzt ist morgen, grauer Morgen danach. Die Schuldgefühle pressen mich für einen Moment tief in die Matratze, wie konnte ich nur? Wie konnte ich nur? Würmchen gibt mir einen Tritt: er ist noch da, mehr Glück als Verstand nennt man das wohl. "Andere Schwangere rauchen fast die ganze Schwangerschaft über" denke ich trotzig. "Noch in den 50ern und 60ern hat da kein Mensch einen Gedanken dran verschwendet." Aber das ganze fadenscheinige Verteidigungsplädoyer nützt nichts, ich fühle mich grauenvoll. Ich bin das Letzte. Jetzt kann höchstens noch Information helfen. Neben mir auf dem Hotelnachttisch liegt mein Handy, ich fange an zu googeln. Zigaretten Ausrutscher Schwangerschaft. Zigaretten letztes Trimester. Zigaretten neunter Monat. Immerhin hatte ich nicht mehr als drei Gläser Wein, das kann doch kaum zählen. Wie immer sagt jeder was anderes. Dass Zigaretten nicht gut sind, darin sind sich alle einig. In den Foren werden die schwachen Damen vielstimmig zur Schnecke gemacht, was treibt sie auch dazu, ausgerechnet auf Urbia um Absolution zu bitten? Einige Quellen sagen auch, böse Sache, aber jetzt eben einfach nicht wieder tun und nicht zu viel drüber nachdenken, das stresst nur, und der innere Stress schadet dem Kind noch weiter, mit Glück geht alles gut. Ich googele und googele, L. neben mir wälzt sich schon ein paar mal hin und her, der Lichtschein meines Displays scheint ihn im Halbschlaf zu blenden. Wieso hat der das eigentlich nicht verhindert? Weil ich durchtrieben genug war, mich zum Rauchen immer irgendwohin zu verziehen, wo er nicht war. Aber er muss es doch gerochen haben? Ich weiß es doch auch nicht. Für mich stinkt mein Atem jetzt noch schrecklich. Ich gehe ins Bad und putze mir so leise wie möglich die Zähne, auch die Zunge wird geschrubbt, auch wenn ich genau weiß, das nützt jetzt nichts, da muss ich durch. Würmchen strampelt noch mal. Ich lege meine Hand auf meinen Bauch und versuche, mich per Gedankenkraft zu entschuldigen: bitte, mein Süßer, kannst du mir das verzeihen? Bitte? Dafür hast du auch einen gut bei mir, versprochen! Und wo ich schon mal wach bin, wühle ich in meinem Waschbeutel nach Schilddrüsentabletten und Schwangerschaftsvitaminen, davon gibt es gleich einen doppelte Dosis heu...

Ich wache auf und liege in meinem Hotelbett. Das Handy liegt neben mir auf dem Nachttisch, L. schläft tief und fest und schnarcht sein diskretes kleines Heuschnupfenschnarchen. Ich habe nicht geraucht. Natürlich habe ich nicht geraucht. Und natürlich habe ich keine drei Gläser Wein getrunken. Ich habe den Abend mit alkoholfreiem Bier, Apfelschorle und Sturzbächen von Wasser verbracht. Aber dieser Traum war raffiniert. So was von mies: alles war so realistisch, das hätte kein Lindenstraßen-Ausstatter besser hingekriegt. Das Hotelzimmer im Traum war unser Hotelzimmer. Mein Schlafanzug war mein Schlafanzug. Sogar die letzte Google-Suche, als ich im Traum mein Handy angemacht habe, um mich schuldfrei zu googeln, war meine echte letzte Google-Suche: ich hatte nach der Hausnummer der Bar geguckt, in der die Hochzeit war. Ich hatte den gleichen Schlafanzug an, und im Hotelzimmer stand sogar der Kinderwagen, den wir gestern abgeholt haben, und genau wie im echten Leben bin ich auf dem Weg ins Bad mit der Hüfte am Getränkehalter hängengeblieben. In der Bar war alles gleich, die kleinen Dekoherzchen, die an Holzstielen zwischen dem Kopfsteinpflaster steckten, das zauberhafte Brautkleid, meine Mädchen um mich herum, die Gespräche, die Musik, alles, alles, alles! Der einzige Unterschied zwischen Traum und Realität war, dass ich im Traum geraucht hatte. Und getrunken. Und um das dann zu begreifen, habe ich fast noch mal zehn Minuten gebraucht heute morgen.

Sowas ist mir ab und zu schon mal passiert, Träume, die so wenig traumhafte Elemente haben, dass es wirklich schwer wird, sie von Realität (oder erinnerter Realität) zu unterscheiden. Aber diese Sorte Traum, diese perfekte Kopie von gestern Abend nur mit einem kleinen Unterschied, die habe ich erst, seit ich schwanger bin. Und immer hat der Traum etwas damit zu tun, dass ich böse war. Sehr böse. Geht das noch mehr schwangeren Damen so?

Freitag, 10. Mai 2013

Wenn andere Fusselhirne Medikamente verordnen

Der Eierkopf-Termin bei meiner Frauenärztin. War noch was? Ach ja: "Ich habe nur noch für zwei Wochen Bluthochdruckmedikament. Bekomme ich da von Ihnen ein Rezept, oder muss ich zu meiner Internistin gehen?"
Kein Problem, alles kein Problem. Klar! Machen wir gerne. Ich wühle also die angebrochene Packung aus meiner Tasche und lese ihr laut und deutlich vor: Metoprololsuccinat, 27,5 mg. Sie notiert, der Rezeptdrucker rattert, ich gehe mit Rezept in der Tasche nach Hause.
Gerade in der Apotheke, nach zwei Tagen Wartezeit dank Feiertag: "Bitteschön, ihr Bisoprolol." Mein was? Tatsache: mein Bisoprolol in der Dosierung 3,5.
Und jetzt? Es ist Freitag, zwanzig nach zwölf, ich habe keine einzige Tablette mehr im Haus, meine Frauenärztin schließt um halb eins, ich bin ca. eine Dreiviertelstunde mit den Öffentlichen von ihr entfernt. Ich rufe da an. Man ist sich keiner Schuld bewusst, erklärt sich aber nach langem Bitten und Betteln gnädig bereit, "ausnahmsweise" und "aus Kulanz" das neue Rezept per Post an mich zu schicken. Mit Glück ist es dann morgen da.

Kann sein, dass das kein großer Unterschied ist zwischen Meto und Biso. Kann auch sein, dass eine Dosierung von 3,5 bei Biso einer Meto-Dosierung von 27,5 entspricht. Ich weiß es nicht, ich bin schließlich weder Ärztin noch Apothekerin. Problem ist nur: ich möchte mich nicht vor dem Tresen einer Apotheke damit auseinandersetzen müssen, ob das so ist. Ich bin im achten Monat, verdammt, ich schlucke nicht einfach irgend einen Betablocker.

Diese Wurschtigkeit. Die war einer der Hauptgründe dafür, warum es mir jetzt nach vielen Jahren in dieser Praxis auch mal gelangt hat. Ich bin schweißgebadet. Und ziemlich froh, dass mein nächster Termin in einer anderen Praxis stattfinden wird.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Flora auf der Flucht

Ich mache das nicht gerne. Erinnert sich noch jemand daran, wie lange ich gebraucht habe, um die Kinderwunschklinik zu wechseln? Ich bin inzwischen Experte darin, mich zu beruhigen und zu beschwichtigen und alle nagenden kleinen Sorgen und Bedenken aus dem Weg zu schaufeln, nur, damit ich niemanden irgendwie vor den Kopf stoßen muss.
Und jetzt ist es wohl so weit.
Gestern Abend war ich nach der Arbeit noch bei einer Freundin auf der Geburtstagsparty. (Bevor hier eine was von "Schonen" zischt: um elf sind wir gegangen, bis dahin habe ich nur auf dem Sofa gesessen und zwei Maracuja-Schörlchen getrunken.) Dort waren nicht nur etliche Damen versammelt, die meine jetzige Gynäkologin kennen (und inzwischen die Ärztin gewechselt haben), sondern auch mehrere frisch gebackene Mütter. Und irgendwann war ich von einem Sprechchor umringt, der sehr überzeugend auf mich einredete. Zuhause habe ich das alles dann noch mal hin- und hergewälzt. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich versuchen werde, kurz vor Torschluss jetzt doch noch die Ärztin zu wechseln. Ich mag meine Ärztin! Keine Frage! Ich hab sie auch lange verteidigt, das ist nicht das erste Mal, dass mir Freundinnen sagen, ich sollte mir eine andere suchen. Aber gerade bin ich ziemlich unglücklich dort. Es ist so eine merkwürdige Mischung aus Angst machen und dann wieder drüber weg bügeln. Zum Beispiel meine Kreislauf-Pannen: es ist mir jetzt schon ein paar Mal passiert, dass mir von jetzt auf gleich schwindelig bis zum Umfallen wird. "Jaja, kommt vor" ist so ungefähr ihre Reaktion. Oder das Bluthochdruckmedikament, von dem mir jetzt schon zwei andere Ärzte gesagt haben, das wäre für mich als Schwangere aber jetzt nicht so gut. Oder - und das ist für mich gerade das Wichtigste - dass mir vor Wochen eine Ärztin aus der Superultraschallklinik gesagt hat, sie wäre nicht ganz sicher, ob die Plazenta richtig arbeitet, das müsste man im Auge behalten - und sie mir immer nur sagt, wird schon, lassen sie sich nicht verrückt machen. Dabei haben mir die anderen Mütter gestern erzählt, bei ihnen hätte die Ärztin bei fast jedem Termin mit dem Doppler nachgesehen, wie es denn nun genau aussieht. Meine zieht das scheinbar nicht in Erwägung, obwohl das Kind doch gerade noch ein Brummer war und jetzt plötzlich so zierlich ist UND ich zu hohen Blutdruck habe, der sich auch negativ auf die Arbeit der Plazenta auswirken kann. Ich will nicht ständig nach solchen Dingen recherchieren müssen. Ich will mich drauf verlassen können, dass meine Ärztin alles tut, was nötig ist, damit mein Kind gesund zur Welt kommt und ich nicht wahnsinnig werde. Jetzt sind mir zwei Ärztinnen ans Herz gelegt worden (und nicht zum ersten Mal), die beide in der gleichen Praxisklinik arbeiten. Und bevor ich mich selbst wieder weichklopfe mit meinen Beruhigungsmantras, habe ich heute morgen da hingeschrieben, kurz meine Situation erklärt und um einen Termin gebeten. Ich will mich nicht mehr selbst hypnotisieren müssen, um mich gut versorgt zu fühlen. Ich will mich einfach gut versorgt fühlen.
Ich tue das immer noch nicht gerne. Mir graut davor, in der alten Praxis anzurufen und denen zu sagen, dass es das war und dass sie bitte alle meine Unterlagen an die neue Adresse schicken. Aber ich werde es tun. Hier geht's schließlich nicht mehr nur um mich.

Donnerstag, 28. März 2013

A propos schwanger: hab ich dir eigentlich schon erzählt...

Gestern, ich habe meine Kontrolluntersuchung hinter mir, zwar keinen Ultraschall bekommen, aber es ist alles in schönster Ordnung, strahlender Sonnenschein, die Mittagspause ist fast zu Ende, als sich auf einmal eine Volksversammlung auf dem Flur bildet - das kann nur eins bedeuten: im Zentrum dieser Menschenmenge ist ein Kinderwagen mit einem Baby drin. Einer unserer Kollegen ist mit Freundin und frisch geschlüpftem Sohn vorbeigekommen. Da muss ich auch gucken gehen. Wir bestaunen die kleine Wurst (ohne Anfassen, zwar bin ich noch ziemlich frisch in diesem Babygeschäft, aber soooo frisch jetzt auch wieder nicht), gratulieren, ich plausche mit der reizenden Mutti gerade so nett über Krankenhäuser und Kinderwagen, da kommt sie aus der Runde: die Horrorgeschichte. Ohne geht es scheinbar nicht. Ich will sie jetzt auch gar nicht weitererzählen, und die, die danach kam, auch nicht, und die danach, ich weiß nämlich (auch wenn einige das bezweifeln mögen) was sich gehört und dass man vor den zarten Ohren Schwangerer, die in direkter Verbindung stehen zu ihren zarten Gehirnen und ihren noch zarteren Gemütern, keine Geschichten von toten Babys erzählt. Jedenfalls: von Strahlen und Freuen und Glück zu Panik, blödem Gefühl im Magen, den ganzen Nachmittag dagegen ankämpfen zu googeln und verlieren, einer schlaflosen Nacht und am nächsten Morgen aufwachen und immer noch nicht wieder lachen können braucht es genau eine Scheißgeschichte.

Ist das in anderen Lebenslagen auch so? Müssen sich Leute, die sich einen Leberfleck entfernen lassen, ständig Hautkrebsgeschichten anhören? Kommen Leute vom Japaner und erfahren, dass genau in diesem Laden die komplette Familie der Nachbarin einer Cousine tödlich vergiftet wurde? Gehen Menschen auf weichen Knien ins Hallenbad, die brandheiße Geschichte über fleischfressende Bakterien im Whirlpool noch im Ohr? Vielleicht, aber ich habe den Eindruck, bei Schwangeren ist es am schlimmsten. Denn einen Hallenbadbesuch kann ich immer noch absagen. Bis ich weiß, dass ich wider Erwarten mein Sushi nicht mit dem Leben bezahlen muss, vergehen wenn es hoch kommt 48 Stunden. Aber eine Schwangerschaft ist erst mal da und bleibt auch hoffentlich, die Geburt steht uns allen bevor, und die meisten dieser Märchentanten besitzen ja auch noch die teuflische Raffinesse, ihre Geschichte damit zu würzen, dass "man das bei der Voruntersuchung nicht erkennen konnte, keine Chance, ist klar". Aha. Und jetzt?

Diesmal kam die Geschichte aus dem Mund genau der Tante, die mich im November schon mal indiskreterweise gefragt hat, ob ich wohl schwanger wäre, was ich damals verneint habe (1. geht dich das einen feuchten Dreck an, 2. habe ich es hier niemandem erzählt, 3. wärst du niemals und unter keinen Umständen eine der ersten, zweiten oder dritten, die es erfahren) und die dann, als ich es erzählt habe, ernsthaft beleidigt war, dass ich sie damals "so angelogen" hatte. Damit habe ich mich schätzungsweise um noch acht andere Geschichten dieser Sorte gebracht, ganz zu schweigen von Dutzenden blöder Ratschläge und Fragen, und darum ist das einer der wenigen Fälle, in denen ich mal rundum zufrieden mit meinem Verhalten bin.

Bitte, bitte, lieber Rest der Welt: lasst uns doch mit so was zufrieden. Lasst eure Knüllergeschichten über Gendefekte, Fehlgeburten, grässliche Unfälle, Ärztepfusch im Kreißsaal und Todesviren doch einfach noch ein paar Monate schmoren, bis wir unser hoffentlich gesundes Kind ganz langweilig und horrorfrei zur Welt gebracht haben. Dann meinetwegen wieder.

Sonntag, 24. Februar 2013

Da erwarte ich von mir aber entschieden mehr.

So geht's nicht. Drei Tage Flappe ziehen sind genug. Was sollen die Leute denn von mir denken? Mich eingeschlossen? Anfangs haben die vielen, vielen reizenden Kommentare à la "In dem Moment, in dem wir es erfahren haben, war es plötzlich genau richtig" mir nur noch deutlicher gezeigt, wie falsch das alles in meinem Kopf läuft: denn bei mir hielt das Gefühl "ein Junge wieso denn bloß ein Junge ich will keinen Jungen ist denn das zu viel verlangt?" ehrlich gesagt bis heute Nacht an. Und ich wusste, wie bescheuert das ist: ich wusste, wie dankbar wir sein können - dafür war ich schließlich vier Jahre lang auf der anderen Seite, die habe ich nicht hormonbedingt vergessen. Aber zu schmollen und zu wissen, dass Schmollen gerade das Allerallerletzte ist, hat die emotionale Gesamtlage auch nicht besser gemacht. Auch nicht geholfen hat gestern die Diskussion zwischen L. und seiner Mutter, dass in seiner Familie erblich bedingter Haarausfall angeblich immer eine Generation überspringt. L.s Großvater: beerdigt mit voller Frisur. L.s Vater: extrem frühe Halbglatze. L.: bis heute Lockenkopf ohne sichtbaren Lücken. Würmchen: naja. Im Juli gebäre ich einen einundzwanzigjährigen, teigigen Nerd mit Pferdeschwanz und Halbglatze, der sich nie die Nägel schneidet, na bravo. Das dachte ich wirklich! In meinem Fusselhirn! Bis gestern Abend. Jetzt habe ich beschlossen, es muss ein Ende haben, und zwar sofort, das geht so nicht. Jetzt wird gegengesteuert, sonst trifft mich ein Blitz und der vollkommen berechtigte Zorn alles Abkürzungsdamen. Ein erster Schritt ist ein neues Pinterest-Bord. Haltet mich nicht für shopping-süchtig, denn das Gegenteil ist der Fall, ich bin eher shopping-phobisch. Aber es hilft tatsächlich, mir auszumalen, wie sein erstes Zimmer aussehen wird, was er anziehen wird und welche Bilder wir an seine Wand hängen werden. Zufällig ist jetzt die Zeit, in der ich mir tatsächlich überlegen muss, was wir noch brauchen, zumindest, wenn ein Teil der Sachen nette Ebay-Funde, von uns aufpoliert und verschönert, sein sollen. Ein alter Schaukelstuhl z.B., um ihn nachts in den Schlaf zu schaukeln. Und ein alter Ohrensessel zum Stillen, am besten aus ganz ollem, medizinballdickem Leder, damit man die ganze ausgerülpste Milch einfach wieder abwischen kann. Vielleicht finden wir sogar solche Schätze wie eine riesige Steiff-Ausstellungsgiraffe oder viele kleine alte Segelbootchen, aus denen ich ein Mobile basteln kann. Morgen fahren wir für noch nicht mal 48 Stunden zu meinen Eltern, da liegen laut meiner Mutter noch Tonnen von Kinder- und Babykram, Bücher von mir außerdem - die alten Märchenbücher z.B. mit den schrägen Illustrationen von Ruth Koser-Michaels, vielleicht können wir ja einen kleinen Teil schon mal mitnehmen? Ich brauche jetzt Dinge, die ich anfassen und an denen sich meine Phantasie austoben kann, sonst baut sie nur wieder Mist wie die Vorstellung, mein Kind würde der Comicladenbesitzer aus den Simpsons. Und schon jetzt habe ich das Gefühl, all das Geplane und Gepinne hilft. Es wird höchste Zeit, sonst verpasse ich das Beste.

Übrigens bin ich gar nicht so sicher, ob ich jetzt, in der 21. Woche, tatsächlich noch im fünften Monat bin? Laut "What to expect" schon, aber laut deutscher Zählung bin ich im sechsten. Also gut, dann eben beide Labels.

Sonntag, 17. Februar 2013

Kleine Föten, kleine Sorgen, große Föten, große Sorgen

Es scheint fast so, als ob Sorgenmachen zu meiner zweiten Natur geworden ist (oder vielleicht auch immer schon war). Denn sobald die Sorge, dass das Kind in meinem Bauch einfach stirbt und mich hier hängenlässt mit meinen Hoffnungen und Plänen wie das letzte Mal, auch nur ein kleines Stückchen beiseite rutscht, sind sofort andere Sorgen zur Stelle. Was wird aus L. und mir, wenn das Kind da ist? Werden wir es irgendwie schaffen, unserem von Windeln und Bäuerchen geprägten Alltag ein bisschen Romantik abzutrotzen? Werde ich es schaffen, L., grundsätzlich hilfsbereit wie kein Zweiter, aber praktisch doch eher der Typ, der Schwierigkeiten damit hat, seine Tasse in die Spülmaschine zu räumen - werde ich den dazu kriegen, freiwillig und unaufgefordert das Kind zu wickeln, zu trösten und spazieren zu fahren? Ohne, dass ich erst Pläne aufstellen, Tränen vergießen und mit Auszug drohen muss? Werde ich meine Schwiegermutter davon abhalten können, uns mit tonnenweise Kram zuzuschütten? Werden wir zwölf Monate lang von Miracoli leben (für eine Woche keine schlechte Aussicht, aber dann...)? Werden wir jemals wieder New York sehen? Oder Sizilien? Oder ein richtiges Restaurant für Erwachsene von Innen? Und wird das tatsächlich klappen, irgendwann - z.B. im Sommer nächstes Jahr - das Kind für zwei Wochen zu meinen Eltern zu geben und mit den Mädchen in einen herrlichen Damenurlaub zu verschwinden? Werde ich jemals wieder arbeiten? Und daran Spaß haben? Und nicht mit irgendwelchen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abgespeist werden? Werden die sechste Staffel 30Rock, die vierte Staffel Downton Abbey, die dritte Staffel Game of Thrones und die dritte Staffel Girls warten müssen bis 2015? Werde ich jetzt mit Kommentaren indignierter Damen überschüttet, die mir mit hochgehaltenem Zeigefinger erklären, dass ich auf diese Art von Pipifaxsorgen jetzt kein Recht mehr habe? Dass ich überhaupt gar kein Recht mehr habe, mich jemals wieder über irgendwas zu beschweren, so lange es sich nicht um ein lebensbedrohliches Problem meines Kindes handelt? Das wüsste ich wohl gerne.

Den Hunden habe ich außerdem zu verdanken, berichten zu können, dass es Frühling wird. Im Gegensatz zu den vielen Menschen da draußen, die sich z.B. wegen ihrer Couch oder wegen ihrer Hobbies oder wegen ihres Vermieters oder wegen mehr Selbsterkenntnis, als ich jemals aufbringen könnte, gegen einen Hund entschieden haben, bin ich gezwungen, auch an so einem ekligen grauen Stinketag vor die Tür zu gehen und mich in der Natur zu bewegen, sogar ziemlich lange und ziemlich weit. Und ich kann sagen, da draußen tut sich was. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber auf den zweiten bis zwanzigsten auf jeden Fall. Es ist nicht mehr weit bis Frühling. Und wenn es erst mal Frühling ist, dann ist ruckzuck Flipflopzeit, und wenn erst die Eisdielen wieder aufhaben und es Sonntags nach Grill riecht, ist es schon so gut wie Sommer, und im Sommer kommt das Kind. Ist das zu fassen? Ich finde nicht.

Damit noch mal kurz zum Stammtisch. So gerne ich uns auch noch im Februar zu einem Sonntagsbrunch ins Gloria zusammengepfiffen hätte, es ging einfach nicht, denn an allen Sonntagen im Februar hatte L. ganztägig außer Haus zu tun, und ich kann unsere kleine Epileptikerin immer noch nicht alleine lassen. Aber im März könnte es besser werden. Weil er gerade immer noch unterwegs ist, kann ich leider nicht seinen Turnierplan mit ihm abgleichen, aber ich bin mir sicher, irgend ein Sonntag im März wird sich finden. Nur nicht der 24., da hab ich was vor. Das einzige Mal, dass ich jemals beim Gloria-Brunch war, war übrigens der halbe HSV dort versammelt. Für die Jungs am Tisch ein unerwarteter Bonus, für mich eher lästig, weil mit den Jungs keine Unterhaltung mehr möglich war und ich mich außerdem bei freier Auswahl ernähre wie ein Leistungssportler mit einem Kalorienverbrauch von ca. 8000 täglich, also z.B. von Speck und Eiern, an die aber mit so viel Konkurrenz kaum zu kommen war. Diesmal wird das bestimmt ganz anders. Sagt doch mal, liebe Stammtischinteressierte Abkürzungs- und Ex-Abkürzungsdamen, wer an welchem Sonntag könnte und wollte? Ich verspreche auch, dafür zu sorgen, dass das nicht in eine Runde für Stilltipps ausartet.