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Mittwoch, 30. November 2016

Gute Kinderwunschbücher hat man nie genug, richtig? Richtig?

Ich hab's versprochen. Dann hab ich es vergessen. Aber jetzt ist es mir zum Glück wieder eingefallen:

Ich wollte Euch ein neues Buch zum Thema Kinderwunsch ans Herz legen. Geschrieben hat es unsere Hamburger Abkürzungsstammtisch-Kollegin Lea Lemon, und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass es Euch gefallen, berühren, weiterhelfen und manchmal dämlich grinsen lassen wird. Salbadernde und uns scheinbar für doofe Trinchen haltende Bücher rund um Fruchtbarkeitsmassagen und die kindersegenstiftende Wirkung von Badeurlauben gibt es genug, das hier ist eins von der anderen Sorte.

So sieht es aus:




und hier kann man reinlesen und es kaufen.

Viel Spaß damit!

Freitag, 16. Mai 2014

Ein Chat mit haufenweise Kinderwunschexperten. Und außerdem mit mir.

In den nächsten Tagen - wann, weiß ich noch nicht so genau - breche ich mit Kalle unterm Arm auf zu meinen Eltern. Erstens war Kalle noch nie bei ihnen, das wird so etwas wie ein kleiner Testlauf für den Sommer, wenn sie ihn wochenlang sitten, während ich mich im Schatten räkele. Zweitens habe ich Sehnsucht nach Kühen, Kochkäse, Bratwurst und Grillenzirpen. Und drittens habe ich gar nicht weit entfernt zu tun. Und ausnahmsweise könnt ihr mir bei der Arbeit zusehen!

Trommelwirbel! Wunderkerzen! Kugelscheinwerfer! Europahymne! Am Dienstag Abend (20.5.2014, 19:00-21:00) werde ich dabei sein, wenn Merck-Serono einen Expertenchat zum Thema Kinderwunsch veranstaltet. Jeder, der sich auf dieser Seite kostenlos registriert, darf mitchatten. Diskutiert und beantwortet werden Fragen zur medizinischen und psychologischen Seite von Kinderwunschbehandlungen, aber auch - für mich komplettes Neuland - Finanzierungsmöglichkeiten. Dabei sind Dr. Olaf Naether, Reproduktionsmediziner am Fertility Center Hamburg, Holger Eberlein, Fachanwalt für Medizinrecht aus Berlin, und Christine Büchl aus Augsburg, die schon lange Kinderwunschpaare psychologisch berät. Und ich darf das ganze moderieren. Wie die auf die Idee gekommen sind, dass ich so was kann, weiß der Himmel, aber wir werden sehen. Es könnte auf jeden Fall interessant werden! Also, liebe Abkürzungsdamen und Ex-Abkürzungsdamen da draußen: chattet mit, und wenn ihr selbst einen Blog zum Thema schreibt, würde ich mich freuen, wenn ihr euren Leserinnen auch einen Tipp gebt. Mehr Informationen rund um den Abend gibt es hier.


Dienstag, 11. Juni 2013

Unseren Tee nehmen wir heute mal im Jahr 2010

Heute nachmittag besucht mich eine nette Dame vom ORF, um sich mit mir über Kinderwunschbehandlungen zu unterhalten. Wäre das wohl spektakulär, wenn ich währenddessen Würmchen auf einer Picknickdecke im Garten zur Welt bringe, Steißlage und alles? (Und wieder mal bin ich aus unzähligen Gründen froh, dass das eine Radio-Reportage wird.) Bis dahin muss ich alles versuchen, um meine Stimme irgendwie auf Normalniveau zu bringen. Die Erkältung, die L. mir vor ein paar Tagen verpasst hat, ist nämlich auf dem Ekligkeits-Siedepunkt. Sonst werde ich schon leider sehr brüchig und leidgeprüft klingen, und genau so soll es sich nicht anhören, wenn es nach mir geht.

Eigentlich sollte sich das Ganze fast anfühlen wie eine Reise im Zeitmaschinchen: Kinderwunschzeit, das war doch letztes Jahr, jedenfalls früher. Aber ich lese mir die Fragen durch, die sie mir schon mal vorab geschickt hat, und es ist alles noch genau so wahr und da wie irgendwann 2010. Wir sind immer noch ein Kinderwunschpaar, nur eben eins, das zur Abwechslung mal Glück hatte. Wie war das, als ich erfahren habe, dass das nichts wird mit "Huch, ich bin schwanger"? Was habe ich zum Thema Loslassen zu sagen? Wieso hat es jetzt geklappt und früher nicht? Wie sind wir mit den Enttäuschungen umgegangen? Wie hat sich mein erster IVF-Zyklus angefühlt, meine erste Spritze? Ich hoffe, die Dame vom ORF wird nicht enttäuscht sein, aber ich musste nicht das Wochenende damit zubringen, alte Tagebücher und den Blog zu durchforsten, denn die Antworten sind alle noch genau so klar wie vor der Schwangerschaft. Das geht fast aus dem Stegreif.

Was mich aber interessieren würde: wie war das bei euch, liebe Abkürzungsdamen, bei denen es auch irgendwann geklappt hat? War das Abkürzungskapitel irgendwann vorbei? Oder ist es immer noch genau so präsent, auch ohne Blog, der das Flämmchen weiter am brennen hält? Wie lange hat es gedauert, bis ihr euch einigermaßen entspannen konntet - jedenfalls bis auf das Niveau, auf dem sich auch "natürlich" Schwangere irgendwann mal gemütlich einrichten? War es euch überhaupt wichtig, das hinter euch zu lassen? Natürlich war ich froh, dass die Angst irgendwann nicht mehr ganz so allgewaltig war, aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wichtig ist es mir - unser Kind ist nach vier Jahren Spritzen und Warteschleifen entstanden, das ist eben so. Und die Angst habe ich vermutlich mindestens genau so stark der Fehlgeburt zu verdanken wie der langen Kinderwunschbehandlung, und Fehlgeburten können ja leider leider auch Nicht-Abkürzungsdamen erleiden.

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich zum ersten regulären Termin bei meiner Ex-Frauenärztin am Tresen stand und mit der Sprechstundenhilfe besprach, warum ich hier bin, und sie mit so klitzekleinem Mäusestimmchen ihre Fragen stellte, dass ich keinen Piep verstanden habe: nach der Kinderwunschbehandlung, in welcher Klinik wir waren, wann genau der Transfer war. Und es war auch egal, dass ich bestimmt dreimal gesagt habe "Wie bitte? Sie können ruhig laut sprechen, das ist mir wirklich überhaupt nicht peinlich", ohne dass es irgendwas genützt hätte.

So. Jetzt backe ich noch einen Rhabarberkuchen und überlege mir, an welchem Ort des Hauses es gerade am wenigsten staubt und kracht, damit wir uns da niederlassen können.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Einerseits Vollstress, andererseits bleierne Müdigkeit und dann noch ein Vater, der alle fünf Minuten meinen Rechner will, um nach dem Wetter zu sehen:

Keine gute Kombination für regelmäßiges weihnachtliches Posting wie gewohnt. Es tut mir leid, aber dieses Jahr ging nicht mehr. Mit ganz neuem Respekt sehe ich meine Mutter, die das jetzt 38 Jahre lang jedes Jahr gemacht hat (und mir auch dieses Jahr geholfen hat, wo sie konnte). Und ich dachte immer, Geschenke kaufen wäre Stress! Aber schön war es trotzdem, und jetzt, wo sie wieder abgefahren sind, ist es merkwürdig still hier im Haus. Woraufhin ich mir gleich eine spektakuläre Erkältung zugelegt habe, um das Vakuum zu füllen.

Liebe Abkürzungsdamen, ich weiß genau, was ich schreiben sollte - aber mit den Jahren verliert es etwas an Schmiss, wenn auch nicht an Ernsthaftigkeit: ich wünsche uns allen, dass das hier für uns mit einem Kind auf dem Arm endet, das den Baum bestaunt und vor lauter Ehrfurcht vor Kerzen und Musik die Windel erst mal mit Oberflächenspannung füllt. Für uns alle. Für jede einzelne: für die, die adoptieren wollen, für die, die gerade in der Warteschleife hängen oder sich täglich zur Abenddämmerung ein Spritzchen setzen, für die, die eigentlich schon aufgegeben haben und die paar Wundertierchen, bei denen es angeblich trotzdem plötzlich wie von alleine klappt, für die, die gerade die Fühler ins Ausland ausstrecken und für die, die vielleicht beschlossen haben, jetzt die weltbeste Tante zu werden. Ich wünsche uns das schon so lange, und trotzdem ist es noch nicht passiert, aber das heißt ja nicht, dass man aufhören muss zu wünschen. (Wäre ich von der Sorte, die ihren Wünsche durch das Anzünden von Kerzen Nachdruck verleiht, dann würden die Kirchen im Umkreis zu den bestbeleuchteten des Landes gehören.) Und bis es so weit ist, hoffe ich sehr, ihr hattet alle rundum schöne Weihnachten.

Samstag, 1. Dezember 2012

Wünsch Dir was

Vor ein paar Tagen habe ich mit einer sehr netten Journalistin telefoniert, die im Frühjahr eine Sendung über Kinderwunschbehandlungen machen will. Sie wollte wissen, was ich mir von so einer Sendung wünschen würde. In dem Moment war ich gerade kurz davor, das Haus zu einem ziemlich kniffligen Arzttermin zu verlassen, und auf so eine Frage nicht vorbereitet. Trotzdem fallen mir aus dem Stand ein paar Dinge ein, die mir wichtig, sogar ziemlich wichtig wären.

1. Es wäre mir wichtig, dass wir Abkürzungsdamen nicht als blödes Klischee dargestellt werden. Weder als depressive, vom Schicksal zermürbte Trauerklöße, die nur noch am Fenster sitzen und in den Regen starren. Noch als verbissene, grenzwertig schon übergeschnappte Biester, die den Kontakt zu schwangeren Freundinnen abbrechen und ihren Hunden plötzlich rosa Pullöverchen anziehen.

2. Wir sind nicht reich. Wir kaufen uns keine Kinder. Wir betrachten Kinder nicht als das letzte noch fehlende Luxus-Accessoire in unserem vor Luxus sowieso schon aus allen Nähten platzenden Leben.

3. Wir sind nicht selbst Schuld. Wir haben nicht irgendwann beschlossen, uns bis 39 ausschließlich unserer "Karriere" zu widmen oder jede Nacht auf die Dacke zu gehen. Es sollte überhaupt in keiner Form irgendwie durchschmecken, Schuld wäre der Feminismus oder diese neumodische Schrulle, Frauen sollten auch eine Ausbildung bekommen oder einen interessanten Beruf. Ich kriege Pickel, wenn ich das noch einmal höre.

4. Wenn wir schon dabei sind: berufliche Ziele und Entscheidungen sind nicht der einzige Grund, warum man mit 25 noch keine Kinder kriegt. Mir fallen aus dem Steggreif zig andere Gründe ein. Z.B. der, dass man gerade keinen Freund hat. Oder einen Freund, mit dem normales 25jährigen-Leben schon schwer und kompliziert genug ist und mit dem man auf keinen Fall eine Familie will. Oder einen Freund, mit dem man zwar sehr glücklich ist, der aber keine Lust hat, mit Mitte 20 Vater zu werden. Oder der ziemlich wichtige Grund, dass man so schon nicht weiß, wie man die Miete zahlen soll. Jobs sind ja nicht nur Selbstverwirklichungsluxus, sondern einige von uns - Schockschwerenot! - sind darauf angewiesen, Geld zu verdienen. Nicht nur Kinderwunschbehandlungen kosten Geld, Kinder auch.

5. Es sollte in dieser Sendung klar zum Ausdruck kommen, dass es nicht immer an den Frauen liegt und dass Alter nicht der einzige Faktor ist, der über die Fruchtbarkeit entscheidet.

6. Es wäre schön, wenn diese Sendung auskäme ohne das Klischee, wir müssten uns entspannen und loslassen. Ohne das berühmte Paar, das irgendwann aufhört mit den Behandlungen und dann schwanger wird, als wären all die Spritzen und OPs und Warteschleifen vorher so unnötiger Kokolores gewesen wie eine Dauerwelle, die man sich besser gleich gespart hätte.

7. Ich wäre überglücklich, wenn man mal nicht den Eindruck bekäme, der Unterschied zwischen fruchtbar und unfruchtbar wäre vor allem ein Charakterlicher.

Und ihr? Was wäre euch wichtig? Worüber würdet ihr euch freuen?

Mittwoch, 14. November 2012

Durch die einzigartige, allgewaltige Kraft meiner Gedanken befehle ich diesem Post, zu erscheinen.

Manchmal denke ich, es hat etwas mit Hilflosigkeit zu tun: damit, dass wir uns dagegen wehren, dass manche Dinge einfach nicht in unserer Hand liegen. Dann denke ich wieder, nein, das ist purer, ungefilterter Größenwahn - geboren aus dem gleichen Lebensgefühl, das manche Menschen davon überzeugt sein lässt, mit ihrem Tod würde die Welt aufhören zu existieren. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir unser Bewusstsein ja Tag und Nacht um uns haben und es in UNSEREM Leben als ziemliche Macht empfinden - warum sollte das, was wir so denken und fühlen, diese subjektiv wahrgenommene Macht also nicht tatsächlich haben? Im wirklichen Leben? Vielleicht ist das auch die übersteigerte Gegenreaktion dagegen, dass viele, viele Jahre unserem Bewusstsein zu wenig Bedeutung zugestanden wurde. Oder Menschen, die einfach nur wahnsinniges Glück hatten, möchten sich selbst wenigstens einen Teil davon gerne selbst als Verdienst anrechnen können.

Woran es auch immer liegt: es hört nicht auf, mich wahnsinnig zu machen. Ich halte es im Kopp nicht aus, dass so viele Menschen der Meinung sind, sie hätten schlimme gesundheitliche Krisen dank der Kraft ihrer positiven Gedanken überstanden. Bzw. nur deshalb, weil sie "ihren Frieden damit" gemacht hätten. Und warum ich immer noch immer immer immer immer immer immer immer wieder von Menschen, die es besser wissen müssten, diesen Quark zu hören bekomme, jetzt, wo wir adoptieren wollten, würde ich vermutlich ja "von ganz alleine" schwanger werden. Als wären meine verstopften Eileiter, meine Myome und meine Endometriose nur eine Schrulle gewesen, so etwas wie schlechte Laune. Ich WAR entspannt, verdammte Axt! Jahrelang war ich entspannt! Ich WUSSTE, dass ich trotzdem ein schönes Leben führen kann! Ich war NICHT zu verbissen! Zwar war ich so lange in Behandlung, aber mindestens 80% dieser langen, langen Zeit waren ziemlich hormonfrei. Ich hatte rauschende Abende mit meinen Mädchen, ich hatte goldglänzende Urlaube mit L., ich habe rotznasige Mistkinder in der Ubahn gesehen und konnte mir heiter lächelnd denken, da habe ich ja gerade noch mal Glück gehabt. Ich konnte mich mit dem kinderreichen Teil der Familie treffen und mich ehrlich drauf freuen, ohne heimlich auf dem Klo zu heulen. Es ging mir gut! Ich hab es schon mal gesagt und sage es noch mal: mein Problem ist nicht mein Kopf, sondern mein Unterleib.

Versteht niemand, wie sich das anfühlt, wenn man das ständig zu hören bekommt und vielleicht nicht auf der Glücksseite steht? Wenn es nicht geklappt hat, die miese Krankheit zu besiegen, trotz "kämpfen" und "loslassen" und "positiv denken"? Wenn man auch tiefenentspannt nicht schwanger wird und das auch so bleibt?

Sollte ich eines Tages wirklich - wie auch immer - mein Kind auf dem Arm haben und die Welt mit solchem Schmonzes nerven, dann möchte ich hiermit, dass mir sofort ein riesiger, vier Wochen lang täglich gewaltiger werdender Pickel auf der Nasenspitze wächst. Ich habe es geschrieben, ihr habt es gelesen. Vor Zeugen!

Samstag, 13. Oktober 2012

Ich brauchte einen Bügelkorb, eine Tonne für das Hundefutter und ein paar Pappkisten für L.

Die lahmarschigsten Menschen der Welt findet man bei Ikea, denke ich jedes Mal. Sie schunkeln und schieben sich im Schneckentempo durch die Wohnausstellung, und das, obwohl sie noch nicht mal stehenbleiben. Vermutlich kaufen die noch nicht mal etwas. Sie möchten einfach nur gaaaanz langsam und unter Ausnutzung der volllllllen Breite des Gangs hier durchkriechen. Und ich hinterher. Ich kann nicht langsam laufen, konnte ich noch nie, das macht mich in der Innenstadt immer schon wahnsinnig. Und jetzt bin ich kurz davor, einfach mit Gebrüll querfeldein über die Sofas wegzuspringen, nur um hier wegzukommen, da sehe ich die Frau: Ungefähr so alt wie ich, mit einer hellblauen Jeans und T-Shirt, und an der Hand hat sie eine von diesen gelben Taschen, die es neuerdings bei Ikea gibt: so eine Art Kiste mit Rollen unten dran, die man hinter sich herziehen kann. In ihrer Tasche sitzt ein Kind. Sie hat die Tasche nach den Seiten und nach oben mit Sitzkissen ausgepolstert, und dazwischen sitzt ihr dreijähriger Junge in seinem Häuschen und quiekt und freut sich, weil Mama es irgendwie geschafft hat, diese breitärschige lahme Herde zu überholen und um die Kurven zu flitzen. Die zwei haben Spaß. Eine Oma bleibt stehen und will ein "Na, was bist du denn für ein..."-Gespräche mit dem Kind anfangen, aber die zwei haben keine Zeit, sie müssen weiter, ist auch egal, wie irgendwelche Omis das finden.
Die Frau wäre ich gern.

Dienstag, 4. September 2012

Wünscht euch was. Jetzt kommt schon!

Es ist nämlich so: wir haben das alles nicht so richtig verstanden mit der Biologie zwischen Baby und Mutti. Denn: damit eine Eizelle sich einnistet, muss die Mutter das Kind irgendwie gewollt haben. Jaha! Da guckt ihr!

Ich weiß, bestimmt gibt es Ausnahmen. Ich weiß auch, bestimmt bin ich ungerecht und ganz bestimmt spielt dabei mit, dass ich mal Psychologie bis fünf Minuten vor Diplom studiert habe und dann doch keinen Abschluss mehr gemacht habe, die sauren Trauben und so. Dass ich bestimmt bei jedem meiner Berufspraktika an genau die falschen Psychologen geraten bin und dass das alles schwarze Schafe waren, während der Rest sich fürchterlich reinhängt, ein ganzes Berufsleben lang immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, auch mal zu gucken, was in den anderen Teilen der Zeitung so steht und nachzudenken, bevor man sich schmunzelnd in seinem Stuhl zurücklehnt und irgendwelchen zusammengefaselten weichgespülten Pop-Wissenschafts-Quatsch einfach so als reine und einzige Wahrheit raushaut. Aber mein Wohlwollen und meine Wertschätzung für diesen Berufsstand schwindet mit jeder persönlichen Begegnung. Und da nutzt es auch nichts, wenn ich anschließend als "Blitzlicht" auf eine weiße Papierwolke schreiben würde, was mir gerade so durch den Kopf geht.

So war das jedenfalls gestern in unserer Gruppe für betreutes Adoptieren.

Und sobald ich mich ein bisschen wieder beruhigt habe, berichte ich auch ausführlicher.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Angst vor der Angst

Bisher hatte ich Glück, wenn andere Glück hatten. Bisher war es noch selten so, dass ich gehört habe, jemand ist schwanger, und es ging mir durch und durch und ich musste dann auch unter irgend einem Vorwand das Gespräch beenden, gehen oder auflegen. Bisher kam die Freude immer so schnell und ohne sie herbeizuwünschen, dass es mir fast schon unheimlich war. Es gab immer mal kleine fiese Stellen, ja, aber keine davon war so schrecklich, dass ich gezwungen war, einen Bogen um die Person zu machen, die da freudestrahlend ihre Ultraschallfotos zeigte oder über ihren Bauch und ihre Füße jammerte. Und ich war immer froh, dass ich diesen Kampf nicht kämpfen muss und vielleicht noch ein bisschen Zeit habe, bis ich ernsthaft in Gefahr gerate, Dinge zu tun und zu sagen, für die ich mich in guten Momenten schäme und die mir leid tun. Dass mein großer Kinderwunsch eine hässliche, missgünstige kleine Schwester kriegt, die es nicht erträgt, dass andere Leute unverschämterweise schwanger werden und bleiben und dann eben irgendwann mit einem rosigen, geräuschvollen Paketchen durch die Gegend schaukeln.

Manchmal habe ich Angst, dass dieses Glück mich im Stich lässt. Ich hatte Momente nachts zwischen zwei und vier, wenn ich nicht schlafen konnte und mir plötzlich kalt ums Hirn wurde, da dachte ich: was, wenn Person X mich nächste Woche anruft und ist schwanger? Nein, das passiert nicht. Aber was, wenn doch? Oder Person Y? Kriege ich das hin? Wieso denke ich gerade bei X oder Y so drüber nach? Hab ich sie noch alle? Werde ich lügen müssen, um mich zu freuen? Werde ich dann seltsamerweise monatelang nicht mehr auf Emails reagieren oder anrufen? Wieso komme ich überhaupt darauf, dass es so sein könnte, so war es doch noch nie?

Jetzt wird aber geschlafen.

Aber was, wenn...

Geschlafen sage ich.

Aber das könnte doch sein! Um ehrlich zu sein, wollen wir doch alle hoffen, dass es irgendwann passiert, oder?

Jajajajaja.
Wenn es passiert, dann sehen wir... (o Gott. Gerade habe ich das Gefühl, hier postet Gollum in einem seiner einsam-zweisamen Momente. "Böse Hobitse, lieber Meister, Gollum, Gollum." Und ich hab noch nicht mal Hormone als Entschuldigung. Das ist ja schrecklich! Aber sehen wir der Wahrheit weiter mutig ins Auge:)

... dann sehen wir, wollte ich sagen, wie es uns geht. Nur nicht im Voraus verzweifelt oder neidisch sein. Damit ging es doch bisher ganz gut. Ziemlich gut sogar.

Aber was, wenn irgendwann nicht mehr?

Dienstag, 24. Juli 2012

Steht mir aber auch gut, gelle?

Vor ziemlich genau drei Jahren stand ich mal in einem Fahrstuhl, und einer meiner unsympathischsten Ex-Kollegen legte mir die Hand auf den Bauch und sagte "das steht dir aber gut". Witzigerweise war ich tatsächlich gerade schwanger, wenn auch so ca. im zweieinhalbten Monat, was mir da also gut stand, war höchstens meine Leidenschaft für Cheeseburger, nicht die Schwangerschaft. Ich war wie vom Donner gerührt. Zum Glück musste ich nur bis in den dritten Stock.

Heute morgen bin ich schon um Viertel vor sieben glockenwach gewesen (vermutlich ein Nebeneffekt des Laufens) und habe beschlossen, weil ich erst morgen wieder laufen darf, nutze ich das aus, um mit Lili einen extralangen Morgenspaziergang zu machen. Wir spazieren also, Lili und ich, Lili trägt ihr schickes Lederhalsband und die Leine, ich trage ein sommerliches Flatterkleidchen. Da kommt uns eine Krankenpflegerin mit hartem Gesicht in großer Eile entgegen, springt in ihr Auto und braust davon. Hinter einer Hecke steht noch ihr letzter Kunde, ein alter Mann. Ich komme näher, er bleibt stehen. Dann sehe ich, der hat so gut wie nichts an. Auf dem Oberkörper kleben mehrere große Pflaster, er trägt eine schmuddelige Unterhose und Stützstrümpfe. So steht er da an seinem Gartentürchen und freut sich über Lili: "So ein lieber kleiner Kerl, die gab es früher öfter." Dann strahlt er mich an, kommt aus seinem Gartentürchen, legt mir seine knarzige Altmännerhand auf den Bauch und sagt: "Wie schön, das steht ihnen aber gut."

Sollte ich mal zu Budni, mir einen Test besorgen?

Die gehen mir alle auf die Nerven. Auf dieses ewige "Wann isses denn so weit?" antworte ich inzwischen ganz fröhlich "ich bin nicht schwanger, nur verfressen". Das macht mir gar nichts aus, ehrlich. Aber anfassen? Was macht man denn da? Ich will einen alten verwirrten Mann in Unterhosen nicht anschnauzen. Meistens bin ich auch zu verdattert, um überhaupt irgendwie reagieren zu können. Bis ich wieder zu mir komme, ist es zu spät für giftige Bemerkungen, "Pfoten weg" oder Pfefferspray.

Es stört mich übrigens weniger im Sinne von "Salz in die Wunde streuen, buhuuuu, und das mir als Abkürzungsdame", sondern das Anfassen stört mich als Anfassen. Wenn ich tatsächlich irgendwann einen Sieben-Monats-Bauch durch die Gegend schieben würde, der nicht mit Cheeseburgern gefüllt wäre, sondern mit Babys, dann wollte ich trotzdem nicht angefasst werden. Nicht von Leuten, die ich nicht kenne oder nicht mag. Warum tun die das? Ist das Besitzergreifung? Denken die, das bringt Glück? Denken die, man bräuchte so etwas wie ihren Segen? Oder fummeln die einfach gerne fremde Frauen an, und wenn sie schwanger sind, dann haben sie ein Alibi?

Es ist und bleibt ein Rätsel.

Samstag, 26. Mai 2012

Na hoppala.

So hab ich das tatsächlich nicht gemeint: daran, dass wir alles Recht der Welt haben, uns nicht ständig selbstlos und fröhlich wie Disney-Figuren für alle anderen zu freuen, kann es gar keinen Zweifel geben. Was mich so gefuchst hat, war das: ich bilde mir ein, bisher wirklich gut klar zu kommen. Nicht im Sinne von "tapfer sein", denn so viel Tapferkeit hat das bisher nicht erfordert: mir geht's einfach meistens gut damit, wenn wieder jemand schwanger ist. Es darf sich nur nicht zu sehr ballen. Oder den falschen treffen. (Als hätte ich zu entscheiden, wer der Richtige ist...) Oder jemanden treffen, der sowieso schon sieben Kinder hat. Oder... aber von all diesen Ausnahmen abgesehen, habe ich mir immer eingebildet (und war auch unberechtigterweise ziemlich stolz darauf) das hinzukriegen mit dem Freuen, dem Beglückwünschen und dem Weiterhoffen, dass wir irgendwann auch... auf welchem Weg auch immer. Und dann kommt L. und tut beim kleinsten Seufzer so, als hätte ich heimlich Voodoo-Puppen im Keller, die verhindern sollen, dass irgendwer außer mir Kinder kriegt. Als würde ich nachts im Schlaf Verwünschungen gegen alle schwangeren Frauen meiner Bekanntschaft zischen. Als würde ich nach einem Glas Wein zusammenbrechen und heulen, wie sehr ich sie alle hasse mit ihren immer glücklichen Ultraschalls, ihrem Gejammere über schlaflose Nächte und ihren Kinderwagenentscheidungskrisen. Die Gedanken haben sich überschlagen, und keiner davon war schön. "Was muss ich eigentlich noch tun, damit er mir glaubt, dass ich nicht durchdrehe?" "Bin ich so verlogen und dabei so durchschaubar verlogen, dass mein eigener Liebster, den das alles genau so betrifft wie mich und der sonst meine große, leuchtende Stütze ist in diesem Schlamassel, mir das nicht abnehmen kann?" "Wieso reden wir nicht über sowas, wieso muss erst so ein blöder, völlig nebensächlicher Anruf kommen, damit wir es doch tun?" "Warum macht mich das alles so wütend?" "Und ich dachte, ich stelle mich ganz gut an."

Jetzt ist L. auf dem Geburtstag, und ich bin zuhause. Ich sitze im Wintergarten und versuche, von hier oben aus das Tier zu beaufsichtigen. Auf dem Geburtstag ist geplant, sich zusammen den Grand Prix anzugucken. Das werde ich vermutlich nicht tun. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, noch nicht mal eine Ahnung, wer dieser weiche und irre kuschelige Mützentyp ist, der für Deutschland antritt. Gutes Lied? Blödes Lied? Ich lese es morgen in der Zeitung und geb mich damit zufrieden.

Freitag, 25. Mai 2012

Ich und mein Enttäuscht-Gesicht

Vor ein paar Monaten saßen L. und ich abends in Strickjacken vor dem knisternden Ofen. Vermutlich blubberte ein Gulasch auf dem Herd, draußen peitschte der Herbstregen an die Scheiben, und ein Windchen heulte ums Haus. Die Hand könnte ich zwar nicht dafür ins Feuer legen, dass das so war, aber so in die Richtung war es auf jeden Fall, und es hätte so sein können! Ohne Weiteres. Da klingelte L.s Telefon. Er ging ran, telefonierte, ich glotzte weiter den Krimi oder was auch immer, dann legte er auf und sagte: "E. ist schwanger." Und dann ist es passiert. Zum ersten Mal, zum allerersten Mal nach all der Zeit, habe ich nicht von Herzen gelächelt, die Mundwinkel nach oben verzogen und bin ihm jauchzend um den Hals gefallen. Ich bin auch nicht aufgestanden und habe angefangen, meinen Kopf an die Wand zu donnern oder mir mit dem Kartoffelschäler Wunden an den Unterarmen beizubringen. Ich habe einfach nur so dagesessen und vielleicht ein klitzekleines Bisschen in ironischer (!) Verzweiflung die Augen gerollt. Und dazu geschnauft. Und zwar nur deshalb, weil das eine Woche gewesen war, in der ich schon drei Schwangerschaftsmeldungen aus der unmittelbaren Umgebung bekommen hatte, und eine fünfte nach dieser vierten sollte noch folgen. L. war wütend und wollte wissen, was das Gesicht sollte. Ich war wütend und hab gefragt, was für ein Gesicht, und selbst, wenn da ein Gesicht war, dann hätte ich ja wohl das Recht, mal für fünf Sekunden mich zwar für andere zu freuen, aber trotzdem auch allmählich genervt zu sein, dass scheinbar der Rest der Welt... den Rest des Satzes muss ich glaube ich nicht vervollständigen, ihr wisst alle, wovon ich rede.

Jetzt spulen wir kurz vor: diese Woche Dienstag, ich sitze im Büro, L. ruft an. E.s Mann hat Geburtstag, wir sind eingeladen, gehen wir hin? Ich weiß noch nicht, ich kenne die meisten da nicht, und die sind zwar alle sehr nett, aber eine ziemlich in sich geschlossene Clique... außerdem wollte ich ein bisschen zur Ruhe kommen und hatte mir fest vorgenommen, den einen oder anderen Abend einfach mal mit Kräutertee auf dem Sofa zu verbringen und Zeitungen zu lesen, die sich nicht mit Prominenten beschäftigen. Also: "mal sehen." Daraufhin L.: "War ja klar, du bist eben eifersüchtig auf E.s Baby. Das warst du ja schon damals bei dem Anruf. Du MUSST auch nicht, wenn dir das zu arg wird."

Versteht hier eine, wieso mich das WAHNSINNIG macht?

Donnerstag, 3. Mai 2012

Tod durch niedlich

Es gibt einen Zeichner namens Jay Ryan, der in seinem Atelier "The bird machine" vor allem Konzertplakate für nette kleine Indie-Bands malt. In Hamburg war er schon ein paar mal auf dem Flatstock-Festival, aber die Zeiten sind leider vorbei, er ist jetzt sowas wie ein Indieband-Konzert-Postermaler-Star. Ein Thema, das bei ihm immer wieder auftaucht, sind niedliche Tiere, die ein Massaker anrichten. Menschen, die von zwanzig Eichhörnchen zerfetzt werden. Das sind sehr schöne Plakate. (Man kann sie im Netz kaufen, z.B. hier: seht sie euch an!) Sie beschreiben perfekt das Gefühl, das ich heute hatte, als ich bei mir um die Ecke an der Ampel stand und sich folgende Szene abspielte:

Ich stehe da und warte, bin bester Dinge, hab meinen feinen Korbwagen auf Rädern dabei (Nicht wie ein Rentner! Was denkt ihr denn! Nein, selbst-ver-ständ-lich von Manufactum! Es gibt sie noch, die guten Dinge! Oh Gott, am Ende doch wie ein Rentner?) und warte, dass Grün wird.
Eine schon etwas ältere Mutter mit ihrem Kleinkind nähert sich. Das Kind hat einen kleinen Tretroller und lackierte Nägel. Es sieht mich von der Seite an. Es plant etwas. Wieso wird die Ampel nicht grün?

Jetzt komm schon.

Jetzt aber! Ich zähl bis zehn. 1...

"Mamaaaaa? Wieso hat die Frau kein Kind?"

Ohooooohoooo, da könnte ich dir eine lange Geschichte erzählen. Hast du noch ein paar Rotphasen?

"Na, die hat eben keins." (lächelt mir entschuldigend zu. Ich lächle zurück. Klar!)

"Ist sie dann mal ganz allein, wenn sie stirbt?"

"Jonas... "

"Kann sie nicht zum Beispiel DEIN Kind sein?"


Damn. Damn. Verflixt noch eins. 2.

Dienstag, 6. März 2012

So was nennt man wohl Überkompensation

Ich sitze im Konferenzraum und erzähle der ganzen Agentur von einer neuen Seite, die so eine Art online-Pinnwand ist. "Wenn man sich anmeldet, kann man genau angeben, wofür man sich interessiert und wofür nicht. Ich zum Beispiel", fahre ich fröhlich fort, "interessiere mich für Design, Fotografie, Kunst, Ferienhäuser in obskuren Gegenden, Mode und hübsch bescheuerte Einrichtungsideen. Dagegen interessiere ich mich nicht für Fotos von Kätzchen und Babies. Weder in vergrößerten Tulpen noch sonstwo."
Klar!

Und dabei stimmt es sogar zum Teil. Diese unsäglichen Fotos von Babies in Riesenhänden oder Riesentassen oder eben auch Riesentulpen waren für mich schon immer ein Brechmittel. Und auch der grimmigste Kinderwunsch hat daran nichts geändert. Aber was zum Teufel reitet mich denn vor Leuten, die mich nur mit großen Augen angucken und die das auch alles gar nichts angeht, ohne Not zu behaupten, Babies wären mir schnuppe?
Der Tag ist nicht mehr fern, da treffe ich auf der Straße alte Bekannte und erzähle ihnen unaufgefordert eine Viertelstunde lang, dass wir gottfroh sind, keine Blagen zu haben, der Krach, und die Windeln, und die vermiesten Urlaube an der Nordsee...

Das ist nicht gut, Flora. Gar nicht gut.

Freitag, 24. Februar 2012

Liebe Abkürzungsdamen, ich brauche eure Klicks.

Unter folgendem Link landet ihr beim Bundeskanzleramt und dort auf einer Seite, auf der "Bürger" (jaha, so unsexy geht es zu, wenn Politik gemacht wird) Vorschläge machen und per Klick unterstützen können. Eine Dame hat dort den Vorschlag gemacht, dass der Staat künftig Kinderwunschpaare stärker und bei mehr Versuchen finanziell unterstützt. Ich finde den Vorschlag sinnvoll, meinen Klick hat er deshalb schon bekommen, und bei letzter Zählung zeigte sich, dass dieser Vorschlag offensichtlich mehr Wellen schlägt als viele andere: der Kommentarbriefkasten quillt über von größtenteils positiven, aber auch einigen wirklich, wirklich widerlichen Kommentaren, und es sind schon ziemlich viele Stimmen zusammengekommen, die die Idee unterstützen. Worauf wartet ihr noch? Klickt, ihr Damen, klickt! Und keine Angst: die Stimmen werden anonym abgegeben. Ich nehme an, das läuft über die IP-Adresse.

Sonntag, 19. Februar 2012

Brav, ganz brav. Feiner Hund.

Gerade in der Bahn, ich hab meine Schwester am Bahnhof abgeliefert, nachdem wir mit Lili an der Elbe spazieren waren. Der Hund ist völlig durch, Sand macht sie immer wahnsinnig, und es ist schon ein paar mal vorgekommen, dass sie wie irre auf einen Spielplatz voller Kinder gerast ist und dann zwei Minuten lang wie ein besoffener Springbock durch die Sandkiste tobt, während die Kinder teils begeistert, teils panisch sind und die Kindergärtnerinnen zum Glück nicht bewaffnet, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls war sie zwei Stunden lang am Strand unterwegs, hat sich ein paar Mal fast ins Treibeis geworfen, um Frauchen eine Ente zu fangen, das gute Tier, und nach einem langen gemütlichen Geschwisterwochenende sitzen wir beide ein bisschen kaputt in der Bahn. Da setzt sich eine vielleicht zwanzigjährige Mutter mit ihrem einjährigen Töchterchen zu uns, und das Kind hat einen Lolli und ganz klebrige Hände, und sie will den Hund streicheln. Und die Mutter ist so zauberhaft mit dem Kind, es kann sich schon selbst mit einem feuchten Tuch das Gesicht abputzen, und sie erklärt ihm liebevoll, aber bestimmt, was mit einem Hund geht und was nicht. Und dann zwickt das kleine Mädchen Lili in die dicke schwarze Nase, zieht ganz vorsichtig an ihren Ohren, und meine borstige müde Hummel sitzt lammfromm vor ihr und leckt ihr ein bisschen Lollikleister von den Fingern, und das Mädchen kräht vor Glück, und die Mutter bleibt ganz entspannt, obwohl ihr Baby gerade seine Seesternbabyhände in den Mund eines fremden Hundes mit riesigen Zähnen schiebt, der ohne weiteres imstande ist, einen fünf Zentimeter dicken Ast einfach durchzubeißen. Je nach Beschaffenheit des Astes natürlich. Und ich bin ganz stolz auf meinen braven Hund, und ich hoffe sehr, dass sie ihre Qualitäten irgendwann auch bei einem weniger fremden Kind zum Einsatz bringen kann, und dass wir darauf nicht mehr zu lange warten müssen. Und dann fange ich tatsächlich in der Ubahn an zu heulen, aber nur ein bisschen, ist auch gleich wieder gut. Hat auch niemand gesehen. Außer Lili, die hört auf, dem Kind die Finger zu lecken, und leckt stattdessen Frauchens Hände. Hapüh.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Meinetwegen Spekulatius ab Februar

Da ist sie wieder: die miese Tante Weihnachtshasserei. Alle finden Weihnachten Scheiße. Angefangen bei dem Gemecker über Spekulatius im August bis hin zum bösen, bösen Konsumterror. Und Weihnachten ohne Kinder ist sowieso eine Riesengemeinheit. Ehrlich? Ganz ehrlich? Ich wäre ein Kandidat dafür, auch im Sommer mal einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Vor ein paar Tagen war ich in einem dänischen Krimskramsladen, als eine billig nachproduzierte Version von "Fairytale of New York" von den Pogues lief, und ich hatte ein Tränchen im Auge, und es war kein Tränchen der Wut. Ich sehe gerne zum dreißigsten Mal die Haselnüsse für Aschenbrödel und den kleinen Lord Fauntleroy. Nur bei Sissi bin ich eher raus, aber das jahreszeitenunabhängig, ich kann nicht vergessen, dass Magda Schneider angeblich Sex mit Hitler hatte, das verdirbt mir den Spaß ein bisschen. Ich backe gerne Kekse und bekomme auch keinen Nervenzusammenbruch dabei. Der Baum ist auch nicht jedes Jahr wieder eine Katastrophe, sondern jedes Jahr wieder schön. Und ich wäre die letzte, der das typische Weihnachtsessen zum Hals raushängt oder die sich sogar über "das ständige Essen" beschwert. Gerne immer her damit! Und bitte so wie immer, bitte Lachs und Gänsebraten und Lebkuchen und dunkelbraune Saucen. Bitte keine Experimente mit Putenrollbraten oder dieses Jahr mal Japanisch. Es gibt viele Gelegenheiten dafür, mal was Neues auszuprobieren, aber für mich ist Weihnachten keine davon. Kann sein, dass es mit Kindern noch schöner wäre. Aber dieses Jahr feiern L. und ich zum ersten Mal so richtig Weihnachten im neuen Haus zusammen, mit Lili, und das wird so schön, dass die Gefahr einer Hirnblutung bestünde, wenn es noch schöner wäre. Und ein paar Tage später feiern wir Mädchenweihnachten, L. wird aus dem Haus gejagt, wir schenken uns nichts (und das hat nichts mit irgend etwas zu tun, was andere Leute Konsumterror nennen) und stopfen uns mit leckerem Essen voll, zum Nachtisch mache ich einen Crumble, das wird schön. Ich mag Kerzen, Tannen, Zimt und Rotkohl. Und in jedem Weihnachten schwingen für mich fast alle Weihnachten mit, die ich schon hatte, da sind ziemlich viele dabei, an denen ich selbst noch ein Kind war. Wisst ihr was? Gerade finde ich, Fairytale of New York ist ein Grund zum Heulen. Noch kein Kind zu haben, ausnahmsweise mal nicht. Aber nagelt mich nicht drauf fest, wir sprechen uns Samstag Abend wieder.

Montag, 19. Dezember 2011

Erst eins, dann zwei, dann drei

Einige Ereignisse, die nichts weiter miteinander zu tun haben als meinen Kinderwunsch:

Ich sitze auf dem Fußboden in meinem Arbeitszimmer und sortiere vollkommen chaotische Papiere und andere Dinge aus vier Jahren. Kontoauszüge, Rechnungen, Versicherungsverträge, die letzten Zuckungen der Papier-Foto-Ära, alles. „Wie kommt eine selbständige Frau eigentlich dazu, ihre Buchhaltung so verlottern zu lassen?“ könnte jetzt eine Kommentatorin schreiben, und ich würde antworten „Mutter? Du hier?“. Jetzt ist alles sortiert, gelocht und abgeheftet oder ruht in Frieden in der Altpapiertonne. Aber unter anderem habe ich bei dieser Gelegenheit auch die Rechnungen vom Chinamann gefunden. Obwohl ich bestimmt nicht nur aus Kostengründen mit der Behandlung bei ihm aufgehört habe, und obwohl ich bei jeder einzelnen Sitzung immer das Gefühl hatte, verhältnismäßig billig wegzukommen – schließlich geht es ja um den langersehnten Nachwuchs, da ist grundsätzlich natürlich GAR NICHTS zu teuer, nicht wahr – ist mir trotzdem klar geworden, als all die Rechnungen jetzt so vor mir lagen, dass ich innerhalb von anderthalb Jahren um die 900 Euro bei ihm gelassen habe. Vermutlich war ich keine Musterpatientin. Vielleicht hätte ich mich besser an die Nahrungsvorschriften halten sollen, auch wenn er selbst gesagt hat, dass das bei mir nicht so entscheidend ist. Aber dass ich nicht gerade mit Feuereifer zur Sache gehe, wenn ich mich abseits der Schulmedizin bewege, wird auch in Zukunft so bleiben. An meiner Endometriose, den diffusen Unterleibsschmerzen oder den Myomen hat die Behandlung nichts geändert. Ein Kind habe ich auch noch nicht. Aber immerhin kann ich sagen, das hab ich auch mal probiert.

Ich liege auf der höllisch bequemen Liege meiner Osteopathin und lasse den Dingen ihren Lauf. Das heißt, teilweise. Denn eigentlich würde ich jetzt wegdämmern. Aber gleichzeitig ist es gerade zu und zu interessant. Die Osteopathin hat selbst vor Jahren eine KiWu-Behandlung gemacht und nach drei IVFs und erschreckend wenig Eizellen-Ausbeute beschlossen, dass sie es jetzt gut sein lässt. (Gut, zu wenig Zellen sind ja nun nicht mein Problem.) Und sie hatte damals mit 39 – ihr Mann war damals 44 – auch eine Adoption beantragt. Und zwei Jahre später, als sie schon über 40 war, kam der Anruf, sie könnte jetzt einen gesunden Säugling haben. Sie hat darüber nachgedacht und sich dann dagegen entschieden. Bequeme Liege hin, entspannendes Raumparfum her: ich war hellwach. Ich hab schon ein paar mal mehr oder weniger ernsthaft über Adoption nachgedacht. Aber ich hatte immer noch eine gewisse Hemmschwelle im Kopf. Nicht, weil ich dachte, das ist nichts für uns oder das ist erfüllter Kinderwunsch zweiter Klasse, sondern weil ich dachte, das wird nichts. Wir sind denen zu alt, wir haben zu konkrete Vorstellungen (Säugling, kein Drogenhintergrund), das ist nur eine weitere Methode, sich frustrieren zu lassen. Aber jetzt sehe ich das anders. In Hamburg, erzählte sie, besteht immer noch ein großer Bedarf. Und zwar gab es bei der zuständigen Hamburger Behörde mal eine dieser entsetzlichen Fräulein Rottenmeiers, die hunderte von Elternanwärtern mit ihrer Art in Angst und Schrecken versetzte, aber die ist inzwischen pensioniert, und sie hatte es immer nur mit einer reizenden, netten und offenen Dame zu tun. Zwischen den Feiertagen, das haben wir gestern abend beschlossen, gehen wir es an. Ich bin ziemlich aufgeregt, gespannt und gottfroh, dass ich jetzt etwas vor der Brust habe, das mich noch nervöser macht als die Frage, ob ich mein Weihnachtsessen so hinkriege wie gedacht, ob der Baum schief ist und ob Lili das Haus abfackelt.

Ich liege bei meiner Frauenärztin auf dem Stuhl zum zweiten Abstrich nach dem miesen PAP. Vorher habe ich drei Nächte lang schlecht geschlafen. Ich hatte das alles schon mal, und die Ärztin damals hat immer beruhigend auf mich eingeredet, dass das alles in soundsoviel Prozent der Fälle, also quasi immer, sich sowieso in Wohlgefallen auflöst, rarara, ei-ei, gaaanz ruhig, und am Ende stand erst eine OP und dann eine gynäkologische Akte, die plötzlich aufging wie Popcorn. Und jetzt wieder. Aber diesmal hatte sie tatsächlich gute Nachrichten: es scheint so, dass man inzwischen herausgefunden hat, dass in manchen Fällen (kommt wohl auch auf die Spielart des HPV-Virus an) auch bei Damen in unserem Alter eine Impfung noch Sinn hat. Bin ich gespannt, was diesmal rauskommt.

Man kann über diesen blöden Kinderwunsch sagen, was man will: langweilig wird es erst mal nicht.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Dieser Post läuft unter den Labels "normales Leben" und "Kinderwunsch".

Ich balanciere, umdefiniere und jongliere im Moment mit zwei großen, dicken und schier übermächtigen Wünschen herum, die sich manchmal gegenseitig auszuschließen scheinen. Der eine ist der Wunsch nach einem Kind. Der andere ist der Wunsch, ein "normales", glückliches Leben zu führen mit Freunden, Beziehungen, Job, gutem Essen und Trinken und manchmal auch blödem, unkonstruktivem Herumlungern. Und meistens sieht es so aus, als ob für beide Wünsche gilt: haben oder nicht haben. Aus der Kombination dieser zwei Ausprägungen und der beiden Wünsche ergeben sich folgende Szenarien:

1. Ich lebe mein Leben und bekomme ein Kind, vielleicht sogar zwei oder sogar drei. Nein, wir wollen nicht gierig werden, das bringt schlechtgelaunte höhere Mächte und damit Unglück, zwei. Juchhu, zwei! Bzw. Juchhu, eins! (Man kann nie vorsichtig genug sein.)
2. Ich reiße mich wahnsinnig am Riemen und richte mein Leben komplett an dem Kinderwunsch aus. Ich esse und trinke so, als hätte ich entsprechende Gelübde geleistet, ich plane vorerst weder jobliche noch Reise-Eskapaden, ich vertröste Freunde, die was wollen, auf irgendwann in fünf Jahren, und ich widme mich mit dem gleichen Nachdruck, mit dem ich mich vorher meiner Freizeit, meinem Hund, meinem Mann und meinen Freunden gewidmet habe, irgend welchen Dingen, die angeblich - hört man - jedenfalls sagt das diese Frau da, diese... wie heißt sie noch... die Wahrscheinlichkeit ein klitzekleines bisschen erhöhen können, dass es doch noch klappt mit dem Kind. Und am Ende klappt es.
3. Ich lebe so weiter wie bisher, und aus irgendwelchen Gründen bekomme ich kein Kind, und zwar nie. Ich sterbe, und an meinem Grab weinen keine Enkel. All die Kuchen, die ich noch vorhabe zu backen, werde ich selbst essen müssen. Ich werde auch niemals jemandem das Fahrradfahren beibringen, es sei denn, der Hund zeigt Interesse. Dafür habe ich Urlaube, Freunde, einen Job, Sport und nicht zu vergessen, niemals zu vergessen: L.
4. Ich reiße mich genau so zusammen wie unter Szenario 2 beschrieben und bekomme trotzdem kein Kind.

Ich glaube, wir alle sind uns einigermaßen einig, dass Szenario 1 die dufteste aller Vorstellungen ist und Szenario 4 ein Albtraum, der uns so weder passieren darf noch passieren wird. Sind wir uns da einig? Worüber allerdings Uneinigkeit besteht - und zwar nicht nur unter uns hier im Blog, sondern auch manchmal unter mir (Dienstags) und mir (Mittwochs), ist die Frage, ob nun Szenario zwei besser ist als Szenario 3 und wie groß wir die Wahrscheinlichkeit einschätzen können, dass es das eine oder das andere wird. Meine Entscheidungsfindung wird glaube ich auch dadurch extrem getrübt, dass ich mir Szenario 3 irgendwie nicht vorstellen kann. Das heißt, ich glaube immer noch viel zu sehr - vermutlich weit über meine echten Möglichkeiten hinaus - daran, dass es irgendwann klappen wird. Wieso? Keine Ahnung. Vielleicht geht es mir noch zu gut. Vielleicht bin ich auf diesem Auge ein bisschen doof. Vielleicht aus Selbstschutz. Vielleicht tun uns die Stadtwerke etwas ins Trinkwasser, um uns bei Laune zu halten.
Dann gibt es aber auch solche Tage, da denke ich, zwar gibt es für die Kinderfrage wenig Freiheitsgrade - entweder, ich kriege ein Kind oder nicht. Aber die "Leben" vs. "esoterischer Superschmuh plus triste makrobiotische Ernährung minus Freunde, Freude und Flugreisen" - Variable hat ja vielleicht doch noch ein paar mehr Ausprägungen. Und die lote ich gerade ein bisschen aus.

Zurück von einem wunderschönen Minitrip nach Kopenhagen. Wir waren abends um elf im Bett. Ich habe insgesamt übern Daumen sechs alkoholische Getränke zu mir genommen. Wir haben lange Spaziergänge an der frischen Luft unternommen. Es gab viel Fisch (Omega-Dings-Fettsäuren und so, feine Sache) auf Vollkornbrot. Wir werden sehen, wie es läuft beim nächsten Mal Hormondisco.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Die faule Haut

Mir gegenüber sitzt ein Kollege, dessen Frau gestern in zwei Wochen vermutlich ihr erstes Kind bekommt. Vor ein paar Wochen, zwei Wochen vor Anfang Mutterschutz, hatte sie merkwürdige Schmerzen, und ihre Frauenärztin (die zufällig auch meine ist, die, bei der ich damals zu meinem ersten Nicht-Klinik-Schwangeren-Termin angetanzt bin und, tada, eigentlich nicht so schwanger war wie gehofft) hat sie krank geschrieben. Letzte Woche kam dann der bei Baby Walz georderte Kinderwagen und stand einen Tag lang in unserem Büro herum. Ich habe eine alte Bekannte, die mich in den letzten Jahren wiederholt und bestimmt mit Recht angemahnt hat, mich gefälligst mal wieder zu melden, und ich schaffe es nicht, und als ich mich vor ca. zwei Wochen mal aufraffe und gucke, was sie so auf facebook treibt, ist sie schwanger. Meine Cousine ist zum zweiten Mal schwanger. Eine Freundin von L. und mir ist schwanger. Es häuft sich gerade so, dass ich das Gefühl habe, wenn ich jedes Gespräch mit der Frage "Bist du/sie bzw. deine/ihre Freundin schwanger?" eröffnen würde, hätte ich eine Trefferquote von 30%, und ich wohne in einem Stadtteil, wo fast jeder über 60 ist. Ich freu mich für alle. Jetzt kommt kein Aber, ich freue mich. Aber... verdammt, jetzt kommt es doch. Vielleicht können wir es doch noch abbiegen in ein einerseits - andererseits: EINERSEITS freue ich mich für sie alle, bin nicht neidisch und gönne es ihnen, vielleicht ja auch deshalb, weil es da nichts zu gönnen oder zu missgönnen gibt - es ist einfach, wie es ist. ANDERERSEITS habe ich gerade zum ersten Mal seit Beginn dieser langen langen Kinderwunschgeschichte das Gefühl, all die Schwangerschaften und Kinder ziehen einfach an mir vorbei, und ich sitze hier, als hätte ich den Bus verpasst, und jetzt werfe ich einen Blick auf den Fahrplan, um zu sehen, wann der nächste kommt, und... Moment... warte mal... das ist ja doof jetzt, "nie mehr"?
Das Gefühl wird hoffentlich nicht anhalten und sich spätestens mit der ersten weggeworfenen Hormonspritzenampulle, die ich in meinen Badezimmermülleimer werfe, wieder verziehen. Aber ich bin auch gerade zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder dankbar für mein Fusselhirn. Es macht mir oft Kummer, dass ich so zerfahren und zerstreut bin, dass ich morgens nicht mehr weiß, was L. mir zum Einschlafen erzählt hat, dass ich mir auch sonst so wenig merken kann und dass bei mir der Weg von Aufgabe zu Erledigung immer noch über 18 Dörfer führt und ich mindestens in drei geistigen Ausflugslokalen Päuschen machen muss. Aber jetzt bin ich froh, dass ich nicht so irre konzentriert und fokussiert sein kann wie andere. Denn neben diesem Fruchtbarkeits-Mauerblümchen-Gefühl haben ganz viele andere Platz. Ich freue mich auf unsere drei Reisen in den nächsten drei Monaten (leiden auf hohem Niveau nennt man das wohl) nach Kopenhagen, New York und Wien, ich freue mich auf die viele Schreiberei, die ich diesen Winter vorhabe, und ich freue mich darauf, vielleicht mein erstes Weihnachten bei mir zuhause für meine Familie auszurichten. Und trotzdem, manchmal, wenn ich ein bisschen müde bin oder friere, dann fühlt sich dieses ganze Trotzdem Freuen an wie eine Sportart.
Nun sag mal ehrlich, Weight Watchers-bedingter Pasta-Entzug. Da hast doch du deine knochigen Finger im Spiel?