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Samstag, 18. März 2023

Ein Ende, ein halbes, eine selbst für mich neue Dimension von Peinlichkeit und ein Anfang

Liebe Abkürzungsdamen,
und natürlich liebe Agenturleute,

heute ist für mich ein besonderer Tag, und an diesem Post habe ich lange herumgedruckst.

Die Wahrheit ist, dass hier schon ewig tote Hose herrscht. Nein, vollkommen falsch gewähltes sprachliches Bild gerade für hier und jetzt: hier ist seit Ewigkeiten kein neuer Post erschienen, ich beantworte keine Kommentare mehr, und wenn ich mal schreibe, dann ist das auch nicht so richtig zufriedenstellend, die paar hingeworfenen Krümel. Einige der Gründe kennt Ihr längst: meine letzte IVF-bezogene Tat war 2013, und das hier ist ein Blog über das Leben in Kinderwunschbehandlung. Über meine Kinder will ich nicht schreiben, weil sie erstens eines Tages unweigerlich auf dieses Arschloch in ihrer Klasse stoßen werden, das den Blog ausschnüffelt und ihnen dann mit Mamas Online-Liebeserklärungen von 2019 das Leben zur Hölle machen wird. Außerdem, weil ich weiß, wie das ist, wenn man selbst gerade zwischen zwei Zyklen hängt und dann liest, wie herrlich chaotisch die Weihnachtsbäckerei mit den Kindern bei einer anderen lief und sich freuen will und irgendwie nicht kann aber doch so gerne will und trotzdem traurig wird und es ist alles einfach nur scheiße, wieso denn ich?

So.

Dann ist da immer noch die Krise, die Krise ist mal gut drauf und mal läuft sie Amok. Ich hab immer noch keine Ahnung, ob ich, ob wir das hinkriegen und wenn ja, wie, ob ich mich nicht so anstellen soll und das wird schon, ob das alles nur in meinem Fusselhirn ist oder einfach überall. Während einer Familienkrise über das Familienleben zu schreiben, ist einerseits eine Top-Idee, andererseits sollte es vielleicht lieber im privaten Tagebuch oder im Rahmen einer Therapie passieren als auf einer meterhohen Plakatwand direkt gegenüber von L.s Schlafzimmerfenster. Vielleicht, nur vielleicht.

Und dann war da neulich noch dieses Meeting, in dem einer meiner Chefs - den ich sehr mag, der ein feiner Mensch ist und der das bestimmt nicht böse gemeint hat, aber eben ein paar Sekunden zu wenig nachgedacht hat - etwas über mich sagen wollte, und plötzlich erschien an der Wand das grauenvolle Foto aus dem Spiegel-Spezial-Artikel damals, und die Temperatur in meinem Gehirn sank schlagartig um 20 Grad. “Wusstet ihr eigentlich, dass unsere Flora Millionen von Lesern hat?” hörte ich ihn aus zwei Kilometern Entfernung nicht ganz richtig sagen. Also, insgesamt schon, aber trotzdem bin ich schließlich nicht… egal. Sofort zogen mindestens vier Leute im Meeting ihr Telefon raus und fingen an zu googeln. Und dann waren wir auch schon wieder auf dem nächsten Chart, und hier sind wir nun. Noch mal willkommen an euch, lovely people aus einer der tratschigsten Branchen der Welt, mit denen ich jeden Tag an der Kaffeemaschine stehe und die sich zwar streng genommen auch hätten hergoogeln können, aber die mich vermutlich von alleine nicht gegoogelt hätten, es sei denn, sie hätten sich auch völlig unerwartet wie die meisten von uns unter den Abkürzungsleuten gefunden, und die nun auch, wenn sie das wirklich möchten, alles wissen über Hormonzirkus, die Zustände in meiner Bauchhöhle, über meine Geburten und wie das so war, über den ganzen Mist und Spaß, und wenn sich jemand vorstellen kann, wie sich das anfühlt, dann ja wohl ihr. Und hier sind wir jetzt. Ein großes Hallo!

Mein erster Impuls zurück aus dem Meeting war, den Blog zu löschen.

Das hab ich nicht getan, und das werde ich auch nicht tun. Und während mein Puls sich zurück in den zweistelligen Bereich gekämpft hat und ich die Phasen extreme Scham, Angst, Wut, ich kündige, why oh why (und wieso bitte dieses bescheuerte Foto, von allen Fotos weltweit von mir, das ich trotz Absprache so nie freigegeben habe, auf dem ich einen fleckigen verwaschenen Pulli trage und aussehe, als hätte ich gerade eine Marienvision und müsste dringend mal was Pflegendes für die Haare verwenden), starren die gerade, nein, die haben was Besseres zu tun zum Glück, doch, die starren, beruhig dich, Jenna Maroney - also alle Zustände des voll ausgeprägten Fusselhirns durchlaufen habe, habe ich irgendwie zu einer Haltung gefunden, die ich mir jetzt auferlegt habe wie andere Leute ein Schweigegelübde und mit der ich zu einer Art von Frieden gefunden habe: es ist doch ok. So ist das eben, wenn man im Netz über seinen ganzen Privatquark schreibt. Vielleicht ist sogar jemand dabei, der oder die auch gerade in dieser Lage ist und sich jetzt etwas weniger allein fühlt, das wäre schön. Ich bin ein großes Mädchen und sollte zu dem stehen, was ich hier tue. Das hier ist nämlich auch ein Baby. Es mag manchmal komisch aus der Windel riechen oder die Delfter Vasen umschmeißen, aber es ist doch meins.

Und dann ist da noch was. Agentur-People, ihr werdet es ja live mitbekommen, dass ich demnächst mindestens zwei Wochen nicht da sein werde. Da liege ich nämlich im Krankenhaus für das nächste und hoffentlich letzte Kapitel meiner Endometriose-Behandlung. Schon seit Monaten ist in meinem Bauch offensichtlich die Hölle los. Wie viel genau, weiß ich seit zwei Besuchen im Beckenboden- und Endometriose-Zentrum eines Hamburger Krankenhauses. Und am 29.3. werde ich darum operiert. Agenturleute, dies ist wirklich der Punkt, an dem ihr nicht weiter lesen solltet, wenn ihr das öffentliche Diskutieren medizinischer Details eklig findet. Ihr seid gewarnt.


Ich bekomme eine Bulkamid-Injektion neben die Harnröhre, die mein Pipiproblem aus der Welt schaffen sollte (der Beckenboden, ich war genauso überrascht wie ihr, das zu hören, ist gut in Schuss und “ordentlich trainiert”, na bitte). Dann werden noch verschiedene Endometriose-Herde rund um die Gebärmutter entfernt, unter anderem muss ein Stück aus meiner Darmwand ausgestanzt werden und eine richtig große Endometriose-Zyste ist dann hoffentlich auch weg. Und dann wird mir, so wie es aussieht, die inzwischen auch von Adenomyose und einem Rudel Myome zerschossene Gebärmutter entfernt. Ich bitte alle Abkürzungsdamen, von warnenden, mahnenden und entgeisterten Kommentaren abzusehen, ich will auch nicht hören, dass das ein typischer Fall von übergriffiger und ignoranter Männermedizin ist, dass es alternative uralte Heilmethoden gibt oder eine Klinik in Tschechien oder Kanada, die mein Problem anders löst. Auch nicht, dass ich nur an meiner Ernährung oder dem Feng Shui in meinem Schlafzimmer schrauben muss. Ihr könnt euch nicht vorstellen - wobei, vielleicht doch - wie weh das alles tut, wie müde das macht, wenn man immer blutet und Eisenmangel hat, wie gruselig das ist, wenn meine Gebärmutterschleimhaut meinen Darm frisst und wenn jeder Tag neue Merkwürdigkeiten mit sich bringt. Ihr könnt euch vermutlich schon etwas besser vorstellen, wie hart es für mich ist, mich von einem Körperteil zu trennen, mit dem ich schon so viel erlebt habe (und ihr irgendwie auch). Wie das ist, wenn einem ein Arzt erzählt, Kinder würde ich ja nicht mehr wollen, die würde also nicht mehr gebraucht und hätte ihren Job erledigt. Der hat es bestimmt gut gemeint und ja im Kern auch Recht, aber trotzdem: nicht gut. Und fast alle von Euch haben Erfahrung damit, sich unters Messer zu legen in der Hoffnung, auf diese Weise etwas besser zu machen und es bestimmt nie zu bereuen, aber genau weiß man es nicht. Das Ende meiner Fusselgebärmutter ist jedenfalls für mich ein fetter Einschnitt und fühlt sich an wie das Ende von viel mehr Dingen.

Ich verspreche, ich werde Euch - wann, weiß ich noch nicht - schreiben, wie das lief und irgendwann nach einer Schonzeit, ob ich endlich wieder laufen gehen kann. Falls ihr eine Frau mit wirrem Haar, Stöpseln im Ohr, hochrotem Kopf und nassgeheultem Gesicht im Hamburger Raum an euch vorbeirennen seht, das bin dann wohl ich. Und ob das dann das Ende des Blogs ist, weiß ich auch noch nicht.

Und dann wollte ich Euch noch erzählen, dass ich heute morgen um sechs Uhr aufgestanden bin und eine Domain gekauft habe. Ich habe sie direkt für zwei Jahre bezahlt, denn ich habe viel damit vor. Noch steht da gar nichts, aber das wird sich bald ändern. Sie wird genau so persönlich sein wie diese Seite hier. Sie wird manchmal bestimmt auch Abkürzungsthemen streifen, aber sich um ein komplett anderes Thema drehen, das mich jetzt in Atem hält, seit ich ca. zwei Jahre alt bin und mich bis ins Grab begleiten wird. Demnächst werde ich die ersten Posts schreiben. Und wenn es so weit ist, erzähle ich euch davon. Falls es also ein paar unter Euch gibt, die irgendwann wegen Abkürzungskram hier gelandet sind, dann aber trotz allem geblieben sind und vielleicht Lust haben, etwas Neues von mir zu lesen: ich freue mich auf Euch.

Donnerstag, 7. September 2017

Mutti hat den Blues.

Vor ein paar Wochen war ich noch sicher, dass ich unbedingt baldmöglichst wieder arbeiten will. Ich bin keine Hausfrau! Ich bin keine Hausfrau! Ich bin keine Hausfrau! Keife ich innerlich achtzig mal und stampfe dazu innerlich mit dem Fuß auf, während ich innerlich mit Geschirr schmeiße, dass ich jedenfalls nicht innerlich wieder aufsammeln werde, denn, s.o., ich bin keine Hausfrau. Fakt ist jedoch, gerade bin ich eine Hausfrau. Statt Haushaltsgeld bekomme ich Elterngeld, aber mein Tag dreht sich um die Kinder, die Bude, die Einkäufe, die Mahlzeiten. Ich liebe die Kinder, und dass ich Mahlzeiten liebe, brauche ich wohl nicht mehr zu schreiben, aber... ächz.

Dann hatte ich einen Anruf und habe gearbeitet. Es war nur ein klitzekleiner Job, ein Jöbchen, eher eine Gefälligkeit, denn Geld kann ich natürlich im Moment dafür nicht bekommen, denn ich bekomme ja Elterngeld, und nachdem schon der ganz normale Antrag ein bürokratischer Albtraum über Monate war, wäre das keinen Tagessatz der Welt wert, diesen einen Arbeits-Ausrutscher ganz normal anzumelden. Egal, ich habe es versucht, und der Testballon war insofern erfolgreich, als vollkommen klar war, wenn ich wirklich wieder ernsthaft arbeite, bevor die Kleine in der Kita ist, dann gibt es Tote, im Zweifel mich. Die einzige Zeit, in der ich tatsächlich arbeiten konnte, war nachts zwischen eins und halb fünf, was natürlich Rock-'n-Roll-mäßig voll ok war, nur wachte um fünf dann immer das Baby wieder auf. Ich kriegte Migräne, die Kinder bekamen dunkle Ringe unter den Augen und wollten nicht mehr in die Kita, die Wohnung sah aus, als wäre alles darin irgendwie vom Meer angespült worden, und dann bekamen wir aber alle wirklich schlechte Laune.

Mach was. Jetzt habe ich mich eben erst mal vom glitzernden, atemberaubenden Agenturleben verabschiedet und stattdessen beschlossen, wenn ich unbedingt etwas tun muss, etwas zu tun, was ich schon so lange tun will, dass ich mir inzwischen bei jeder weiteren Absichtserklärung lächerlich vorkomme: schreiben, und zwar nicht für die große Herbstaktion des Kunden XY oder die nächste Anzeigenstrecke, sondern für mich. Es muss ja nicht in Migräne und Kindertränen ausarten, aber ein bisschen mehr pushen kann ich mich schon. Das weiß ich! Ich hab's ja oft genug getan, wie jeder bestätigen kann, der mich mal ein Bett beziehen gesehen hat.

(Übrigens meine ich nur am Rande Schreiben für den Blog.)

((Es ist so: (Raus damit. Komm schon.) Eins meiner Allerallerlieblingsbücher, die Tales of the City von Armistead Maupin, sind ursprünglich als Fortsetzungsroman im San Francisco Chronicle erschienen. Das hat für die Geschichten mit Sicherheit getan, dass jedes Kapitel einen eigenen Spannungsbogen hat, dass man wirklich weiter lesen will, dass man schon nach den ersten drei Seiten nicht mehr genug bekommt - also, ich jedenfalls. Das hat für den Autor bestimmt getan, dass er keine Chance hatte, das Skript einfach noch fünf Jahre vom Schreibtisch ins Bücherregal und zurück zu räumen, sondern jede Woche etwas Lesbares abliefern musste. Manchmal hab ich schon drüber nachgedacht, diesen Blog dafür zu missbrauchen. Einerseits ist das bestimmt eine astreine Idee, und für Hormontipps kommt vermutlich eh schon lange niemand mehr her, aber andererseits hab ich schon so viel versprochen und nicht gehalten, und wenn ich DAS jetzt versprechen und nicht halten würde, dann würde mich das so dermaßen demoralisieren, dass sowieso nichts mehr draus werden würde. Vermutlich ist die ganze Idee so sinnvoll wie die, einfach das Internet abstimmen zu lassen, wie ich die strittigen Fragen der Kindererziehung regele: Fernsehen, Telefon, Rauchen ab wann? Und dann treffen wir uns in 40 Jahren mit einem Sektchen an der Pforte der JVA Fuhlsbüttel und feiern gemeinsam die Haftentlassung meiner Jungs. Oder?))