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Sonntag, 22. Juni 2014

Stegosaurier vs. Glitzereinhörner: 2:0.

Zwei Jungs. Wirklich zwei Jungs. Gewachsen in und geschlüpft aus diesem bleichen, launischen Fusselbauch voller Myome und Endometriose. Wenn mir das jemand vor drei oder zwei Jahren gesagt hätte... wobei: einige von Euch haben das gesagt. Es gab immer wieder welche, die mir geschrieben (oder gesagt) haben, sie hätten das im Gefühl, das würde schon noch, ganz bestimmt. Und dann war ein Teil von mir gerührt über so viel Hoffnung und gute Wünsche für mich und wollte das auch gerne glauben, und ein anderer Teil dachte "Sei bloß still, du vertreibst es sonst noch: die kleine Chance, dass ich vielleicht irgendwann sogar bis Ende vierter Monat schwanger bin statt nur dritter." Und hab mich gar nicht daran zu denken getraut, es könnte vielleicht ja doch noch, aus Angst vor dem, was passiert, wenn nicht.

Zwei Jungs! Zweimal Piratenpflaster, zwei paar dreckige Turnis im Hausflur, zweimal kaputte Fußballknie, zweimal "Bagger!", zweimal "Guck mal, Mama, eine Kröte, wie süß!".

Wobei: genau so war ich auch. Und ich bin ja, wie sich jetzt herausstellt, doch kein Junge.

Zwei Jungs also. Zwei kleine Kerlchen, die sich im Schlaf an der Hand halten, und der Kleine macht dem Großen alles nach, auch die guten Sachen. Zweistimmiges Krakeelen aus dem Kinderzimmer Sonntags morgens um halb sieben, und kurz darauf der Räuber Hotzenplotz in Festival-Lautstärke. Ich komme wirklich und wahrhaftig zu meinem Zelt im Garten, jeden Sommer, so lange die zwei ihrer alten Mutter diesen schrulligen Wunsch erfüllen wollen. Ich sehe Böhnchen auf dem Feuer gekocht zum Abendessen ("Wie Cowboys!" "Ächz. Jaja, Mama."), Schlafsäcke, Taschenlampen, Spukgeschichten, und wer weiß? Vielleicht kommt Lili als Wachhund mit und ringelt sich ans Fußende. Zwei meiner Mädchen haben schon gesagt, ich wäre eindeutig eine Jungsmama, und vermutlich bin ich das. Ich habe wenig Geduld mit Glitzereinhörnern und anderen pinkfarbenen Marketingkniffen, vielleicht kommt es ja daher. Ich weiß jetzt schon, ohne auch nur eine Minute nachzudenken, was die Jungs bis zu ihrem zehnten Geburtstag zu Weihnachten bekommen können. (Würde das jetzt ein Mädchen, hätte es einfach das Gleiche bekommen, das ist die traurige Wahrheit. Ich wäre wohl auch für ein Mädchen eine Jungsmama gewesen, zackbumm.) L. wird auf seine alten Tage noch die Kunst lernen müssen, Baumhäuser zu bauen. Stabile Baumhäuser. (Machen Jungs das heute noch? Oder überhaupt Kinder? So wie wir früher Butzen bauen im Freien, Feuerchen machen und Kartoffeln darin braten, Stöcke schnitzen, sich nachts rausschleichen, um Gespenster zu jagen, Verstecken im Dunkeln spielen und Fußball spielen im Garten, wenn es ganz doof läuft auch in Sandalen, mit dem Apfelbaum und dem Kirschbaum als Tor?). Ich sehe mich schon gerührt am Fenster stehen und L. hinterhergucken, der mit seinen zwei Jungs zum HSV geht (dann vermutlich zum Abstiegsspiel gegen Wattenscheid). Wäre es ein Mädchen geworden, dann hätte ich es nicht gezwungen, sich für Fußball zu interessieren, aber ich hätte doch kleine, nicht sehr subtile Schubser in Richtung Stadion und weg von Eiskunstlauf und der Musical-AG gegeben. Schrecklich wäre das gewesen für mein kleines Mädchen! Alle anderen aus der Klasse hätten den rosa Scout mit Feen oder Prinzessinnen gehabt, nur meine Tochter hätte einen mit Raketen oder Dinosauriern gehabt, nur um ihrer blöden Ollen einen Gefallen zu tun. Und das als Ex-Freak-Kind, das eigentlich genau weiß, wie mies das ist, die einzige zu sein, egal um was es geht. (Vermutlich wäre ich zur Vernunft gekommen und hätte mich an die Leine genommen, aber es hätte mich Anstrengung gekostet, und Kinder kriegen ja angeblich alles mit - die Anstrengung hätte die Kleine gerochen.) Was für ein großes, großes Glück für Würmchen II, ein Junge zu werden. Und was für ein großes, unverhofftes, unerhörtes Glück für uns.

(Schreibt die Blogtante, die noch vor etwas mehr als einem Jahr mit Recht Haue bekam, weil sie tagelang eingeschnappt war, dass Huckleberry kein Mädchen ist. Ihr hattet wieder mal Recht, Recht, Recht: das ist das, was passiert, wenn man schon einen Jungen hat.)

Freitag, 20. Juni 2014

Tadaaaaaa, tatatatatatataaaaaaa!

Ein Junge. Ein ganz gesunder, runder, großer, feiner Junge. Ein kleiner Bruder für Huckleberry, der live dabei war beim Ultraschall und das alles sehr gelassen aufnimmt. Sehr gut! Entspannte große Brüder sind die besten.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Außerdem.

Als ich noch frisch und doof in Hamburg war, habe ich erstaunlich lange gebraucht, um den Gebrauch von "Außerdem" hier zu verstehen. Man steht im Laden, kauft irgendwas, und die Verkäuferin sagt "Außerdem." mit Punkt dahinter. Wochenlang dachte ich, die erzählt gerade ihrer Kollegin irgendwas, meine Bestellung hat sie dabei unterbrochen, und jetzt will sie noch etwas ergänzen. Erst nachdem mich viele Verkäuferinnen lange und eindringlich anstarrten, nachdem sie "Außerdem." gesagt hatten und nie eine Anstalten machte, nach dem "Außerdem." noch weiterzusprechen, dämmerte mir langsam, dass "Außerdem." in Hamburg heißt "Darf's sonst noch was sein?"

Heute fehlt mir wieder mal die Energie für einen Post, der sich entweder auf ein Thema konzentriert oder die Themen irgendwie sinnvoll verknüpft. Also wird es ein Außerdem-Post.

Außerdem. Mein Sohn bekommt tatsächlich Zähne. Das heißt, er bekommt sie nicht theoretisch und als Erklärung für nächtliches Gebrüll oder Verstimmung (wie seit Monaten, und dann passiert wieder doch nichts), sondern kleine, scharfe Kanten ragen aus seinem Zahnfleisch. Die unteren beiden Schneidezähne hat er jetzt seit bestimmt zwei Monaten, vielleicht sind es auch vier? Und dann kam einfach nichts mehr. Ich dachte schon, das bleibt so. Und das, wo er so scharf ist auf normales Menschenessen! Man kann in unserem Haus nichts mehr in den Mund stecken, ohne dass er aufgeregt fauchend angekrabbelt kommt und etwas abhaben will. Dabei geben wir uns große Mühe, ihn nicht durch unsere Vorurteile, was Babys mögen und was nicht, um die ganz großen Geschmackserlebnisse zu bringen. Er liebt z.B. alkoholfreies Bier, das während dieser Schwangerschaft bei uns in Strömen fließt. Er liebt außerdem Muscheln, Knoblauch, Chili, Schinken, stinkigen Käse und Kirschen. Vorgestern hat er hingerissen an einem Stück roher Zwiebel gelutscht. Da kommen die neuen Zähnchen gerade richtig. Ich gebe mir Mühe, ihn von Salz, Frittiertem und potentiell Salmonellenverseuchtem fernzuhalten, und Honig darf er auch nicht, aber ich lasse ihn ansonsten machen. Er macht das sehr gut, und im Zweifel ist die Menge ja immer nur winzig - sollte mir jetzt eine eifrige Blogdame erklären, dass Zwiebeln aber gar nicht gut für die Verdauung blablabla, dann kann sie sich das sparen, denn er nimmt davon ein vielleicht zwei Zentimeter langes Stückchen zu sich. Gäste müssen sich erst dran gewöhnen, dass sie auf dem Sofa sitzen und einen Teller auf dem Schoß haben und binnen Sekunden ein kleines rundes Gesicht mit großen blauen Augen über dem Tellerrand auftaucht und kurz danach eine dicke kleine Hand nach ihrem Essen greift.

Außerdem. Leider habe ich nur wenig Begabung für Naturwissenschaften, darum kann ich es nicht selbst machen. Aber kann bitte irgendwer eine Pille erfinden, die wie Sonnencreme wirkt? Ich meine nicht so etwas wie Beta-Carotin, sondern echten Sonnenschutz in LSF 20 bis 50. Jeden Morgen würde ich eine Kapsel schlucken und mir ansonsten keine Gedanken mehr machen. Natürlich wäre der Schutz wasserfest. Inzwischen sind die Sonnencremes zum Glück nicht mehr ganz so klebrig wie noch vor drei Jahren, aber trotzdem finde ich es im Sommer schrecklich, nach einer durchgeschwitzten Nacht endlich frisch geduscht zu sein und dann nach einer halben Minute Sauberkeit und Frische schon wieder diese Schlonze auf mich draufschmieren zu müssen. Ich wäre bereit, für so eine Pille fünf Euro pro Tagesdosis zu zahlen. Ach ja, und Schwangerschaftsverträglich sollte sie auch sein.

Außerdem. Diese Schwangerschaft ist gerade gruselig unspektakulär, alles ist wie unschwanger, nur mit Bauch. Ich habe im Moment weder Kreislauf-Haschmichs noch Launen oder extreme Müdigkeit (die über das hinausgeht, was man erwarten kann, wenn das Baby gerade Zähne kriegt und man sowieso eine Schlafstörung hat). Tritte oder dieses berühmte Flattern von Schmetterlingsflügeln sind auch noch nicht zu bemerken. Freitag ist endlich, endlich der nächste Arzttermin, und ich bin etwas bammelig. Was, wenn der ganze Spuk schon wieder vorbei ist? Zugenommen habe ich bisher knapp vier Kilo (auch wenn es im Spiegel nach wie vor aussieht wie acht), und nächste Woche beginnt der sechste Monat; das ist nicht die Welt, und glaubt mir, am Essen soll es nicht scheitern. Das einzige abgesehen vom Bauch, das mein Körper gerade anders macht als sonst, ist der Pony. Dieser Pony ist allerdings ein Knaller. Anfangs dachte ich, da wachsen Haare nach, die das Baby mir ausgerissen hat. Aber so viele Haare waren es nie, und das Ausreißen hat er längst wieder aufgegeben. Trotzdem sprießt mir am Haaransatz ein ungefähr einen Zentimeter breiter Streifen aus putzigen kleinen Löckchen. Meine Stirn ist jetzt halb so hoch wie vorher. Ich sehe aus wie ein Hobbit. Mit Haarklämmerchen wegstecken geht nicht, Stylingprodukte machen alles nur schlimmer. Das Schlimmste ist, dass man denken könnte, das wäre Absicht und ich würde versuchen, den Look dieser auf Porzellan gemalten Schäferinnen zu imitieren, aber leider erfolglos. Moderne Großstadtdame mit Job und Ideen geht anders.

Außerdem. Die Dame von Merck hat mir geschrieben, dass inzwischen mehrere Videos von unserem Chat-Abenteuer online sind, und mich gebeten, sie hier zu veröffentlichen. Das tue ich jetzt nicht so gerne, denn ich sehe mich selbst nur sehr ungern im Film. (Ich habe es schon als Kind kaum ertragen, meine Stimme auf Cassette zu hören. Also.) Wer es gerne sehen will, kann es googeln: Merck Serono Expertenchat Kinderwunsch, ich bin sicher, so kommt man mit zwei Klicks ans Ziel. Viel Spaß dabei!

Außerdem. Ich habe zwei neue Lieblingsprodukte. Der Eve Lom Reiniger bekommt eine 1. Natürlich ist es ein bisschen unfair, während einer Schwangerschaft ein neues Kosmetikprodukt zu adoptieren und dann darüber zu schreiben, denn am Ende ist die Wirkung der Hormone vermutlich viel schwerwiegender als die Wirkung irgendwelcher Cremes und Seifen, aber ich war lange nicht mehr so angetan von einer neuen Kosmetik. Jeden Abend streiche ich mir eine winzige Menge davon ins Gesicht, lasse heißes Wasser ins Waschbecken, mache das mitgelieferte Musselintuch nass und drücke es mir dreimal für ein paar Sekunden ins Gesicht, dann reibe ich das alles ab und lege das Tuch noch mal kalt auf die Haut. Anschließend Thermalspray und Creme, fertig. Morgens verwende ich gar kein Reinigungsprodukt mehr, sondern nur noch Wasser. Ich finde, meine Rötungen sind viel schwächer geworden, und meine Haut scheint auch sonst sehr einverstanden damit zu sein. Außerdem habe ich zum ersten Mal die Steamcream ausprobiert. Sie soll angeblich von einem Ableger von "Lush" produziert werden, auf die ich nicht besonders stehe, ich halte Kosmetikläden nicht aus, die so penetrant nach Kinderkaugummi riechen. Die Steamcream kommt in einer Dose aus Metall, die immer wieder anders bedruckt wird. Sie ist vegan (nicht, dass mir das jemals wichtig gewesen wäre...), kommt ohne Tierversuche aus (was mir allerdings schon wesentlich wichtiger ist), duftet nach Lavendel und ist irgendwie mit Hilfe von Dampf hergestellt, daher der Name, so dass sie ohne bestimmte Binde-Chemikalien auskommt, die scheinbar in anderen Cremes sind und ohne die alles noch viel toller ist. Wie auch immer. Darüberhinaus kostet sie (im Gegensatz zum Eve Lom Reiniger, der eine echte Investition ist) ungefähr die Hälfte meiner bisherigen Nachtcreme, die von Roche Posay war und damit auch schon kein Luxusprodukt. Man kann sie unter anderem bei amazon bestellen. Ich werde es auf jeden Fall wieder tun, ich mag den Geruch, und sie tut ihren Job wirklich sehr gut: ich hab das Gefühl, meine Haut kriegt alles, was sie braucht, speckt nicht, pickelt nicht und fühlt sich gut an. Nachdem die duften Schwangerschaftshaare aber weiter auf sich warten lassen, bin ich dankbar für jeden Tipp für eine wirklich gute Spülung für trockenes, lockiges Haar. Frizz-Ease, Pantene, Nivea und Balea habe ich durch, meine Haare auch.

Außerdem. L. startet ein neues Ernährungsexperiment, er hat sich ein Buch über vegane Ernährung gekauft, und ich versuche, nicht am Rad zu drehen. Die Anti-Kohlenhydrate-Zeit war eine harte Probe für mich, dass er kein Schweinefleisch mehr isst, habe ich inzwischen ziemlich gut in meine Kocherei eingebaut, und eigentlich lief es gerade gut zwischen L., meinem Herd und mir. Und jetzt das... ächz. Zum Glück habe ich von Anfang an klar gemacht, dass er selbst ran muss, wenn er vegan essen will. Das ist nicht meine Welt und wird es auch niemals sein. In meiner Welt ist Essen und Kochen eine niemals versiegende Quelle von Spaß, Vorfreude, Trost, Abenteuer und Entspannung, und ich werde den Teufel tun, mir irgend etwas davon selbst und ohne Not zu vermiesen. Ich werde berichten.

Außerdem. Freitag erfahre ich nicht nur, ob Würmchen II gesund ist, sondern hoffentlich auch endlich, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Und diesmal ist die Ungeduld wirklich reine Neugier. Ich freue mich dämlich über zwei kleine Jungs mit ihren Jungsritualen und ihren Jungsbefindlichkeiten, aber genau so dämlich freue ich mich über einen Jungen und seine kleine Schwester. (Wenn es eins gibt, was ich fast noch niedlicher und rührender finde als kleine Jungs, dann sind es kleine Mädchen, die ein bisschen wie kleine Jungs sind. Die Sorte Mädchen mit Gummistiefeln, die gerne Frösche fangen und auf Bäume klettern.) Ich finde, langsam wird es Zeit, dass wir erfahren, was es wird. Mein Bauch kommt schon eine halbe Sekunde vor mir ins Zimmer, jetzt müsste man es doch langsam mal sehen?

Außerdem. Rund um den Expertenchat klang ein paar mal an, ich wäre ja jetzt ein gutes Beispiel dafür, dass es auch nach X Fehlversuchen noch klappen kann. "Dranbleiben lohnt sich, oder? Haha!" Ich weiß nicht. Manchmal lache ich dann mit und murmele irgend etwas Zustimmendes, aber eigentlich sehe ich das eher kritisch. Natürlich hat es bei uns geklappt, und zwar sogar mit Glück demnächst ein zweites Mal. Insofern: ja, für uns hat sich dranbleiben gelohnt. Daraus aber eine allgemeine Verhaltens-Supertipp-Regel zu machen - eher nicht. Es hätte auch nicht klappen können. Wir hatten Glück. Genau so gut hätten wir Pech haben können. Wir sind auch deshalb dran geblieben, weil für uns dranbleiben verhältnismäßig leicht war. Ich hatte immer wenig Nebenwirkungen, weniger jedenfalls als viele andere, und habe unter den Behandlungen auch deshalb weniger gelitten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die IVFs unsere Beziehung an ihre äußersten Grenzen führen. Und - ganz schnöde, aber darum nicht unwichtig - wir konnten es bezahlen, ohne uns komplett zu ruinieren.

Was mich zum letzten Außerdem für heute bringt: Außerdem. Beim Chat hatte ich zum ersten Mal ernsthaft Kontakt mit dem Themenfeld "finanzielle Unterstützung für IVF-Patienten, die über das hinausgeht, was die Krankenkassen zu bieten bereit sind." Auf das Thema war ich gespannt, ich dachte sogar schon - ist ja spannend und toll, am Ende werden Paare, die es sich wirklich nicht leisten können, staatlich so weit unterstützt, dass es dann eben doch geht? Denn es kann ja nicht sein, dass die Erfüllung des Kinderwunsches wirklich am Gehalt scheitert? Was ich erfahren habe, war dann relativ ernüchternd: so viel passiert da nicht. Einen kleinen Teil des Eigenanteils übernimmt der Staat unter Umständen, dann ist Schluss. Und ich frage mich: wieso gibt es dafür noch keine Stiftung? Eine Stiftung, die Geld sammelt, um wirklich armen, ungewollt kinderlosen Paaren unter die Arme zu greifen? Meinetwegen auch gebunden an eindeutige Diagnosen und individuelle Erfolgsprognosen und was weiß ich was, aber das wäre doch toll? Man könnte außerdem übrig gebliebene Medikamente sammeln und dort einsetzen, wo sie gebraucht werden, man könnte Ärzte einbinden, man könnte eine Menge tun gegen den Ruf von Reproduktionsmedizin, eine Krücke für alternde, reiche Karriereziegen zu sein, und man könnte vielleicht am Ende stolz darauf sein, jedes Jahr ein bisschen was dazu beigetragen zu haben, dass ein paar glückliche Eltern ihr Wunschkind in den Armen halten. Wenn das nichts ist? Oder gibt es das schon? Dann, wie einer meiner Chefs sagt, lege ich mich auch wieder hin.

Freitag, 30. Mai 2014

16+3

Manchmal denke ich, der Hamburger Lokalpatriotismus ist Schuld, der alles umfasst, was sich in dieser Stadt befindet, die Restaurants eingeschlossen. Oder ich bin doch leider ein Snob. Oder es hat weder etwas mit Hamburg noch mit mir zu tun, sondern die Leute möchten einfach lieber das Gefühl haben, gut gegessen zu haben, als wirklich gut zu essen, und loben deshalb lieber jeden Mist, als vor sich und anderen zuzugeben, dass es heute mal danebengegangen ist. Oder es sind des Kaisers neue Kleider. Jedenfalls war das gestern der ungefähr siebenunddreißigste Abend, an dem ich in Hamburg in einem Restaurant saß und nicht fassen konnte, wieso das nicht besser gehen soll. Und immer sind alle begeistert! Die Bewertungsportale, das Stadtmagazin, die Blogger, alle alle alle finden es sensationell, nur ich wieder mal nicht. Da hilft es auch nicht, dass ich gerade erst zurück bin von meinen Eltern, wo man innerhalb von zehn Minuten in einer netten Wirtschaft im Grünen sitzt, in der es fabelhaftes Essen zu wirklich fairen, für Hamburger Verhältnisse niedlichen Preisen gibt. Sind aber keine Hamburger Verhältnisse, zum Glück. Ich liebe diese Stadt auch! Ganz bestimmt! Aber die Restaurantbesitzer und Köche würde ich gerne mal irgendwo auf einem großen Platz zusammentreiben und ihnen eine sehr tief empfundene Strafpredigt halten. (Was dachtet ihr denn, was ich mit ihnen machen würde?) Und erst, wenn mir wirklich nichts mehr zum Thema "Enttäuschungen mit Messer und Gabel in dieser Stadt" einfallen würde, dürften sie wieder gehen. Das würde dauern. Vor ein paar Wochen bin ich mit Huckleberry durch Eimsbüttel geschoben, als ich an der Alpenkantine in der Osterstraße vorbeikam. Von der Alpenkantine hatte ich in einem Fress-und-Deko-Blog gelesen, besonders von den sensationellen Spinat-Walnuss-Knödeln. Sogar das Rezept dazu gab es. Die Kommentatorinnen waren auch alle hin und weg. Ich liebe Knödel jeder Art, und weil Huckleberry gerade eingeschlafen war in seiner Karre, habe ich sie unbedingt probieren müssen. Sie waren alles, was Semmelknödel nicht sein sollten: steinhart, trocken und fade. Es tut mir so leid! Ich würde wirklich gerne etwas anderes schreiben können! Der Laden sah nett aus, und davon abgesehen fände ich es viel schöner, jetzt eine feste Adresse für Lieblingsknödel zu haben, als schon wieder nach dem ersten Bissen die Welt nicht mehr zu verstehen. Vielleicht versuche ich es demnächst mal selbst, ich glaube aber fast sicher, das kann ich besser, jedenfalls habe ich vor ein paar Jahren mal Strangolapreti gemacht (italienische Spinatknödelchen), die besser waren. Da ein paar Walnüsse untermischen, und dann wollen wir doch mal sehen.

Ja, spinnt denn die? Hier die angefressene Restaurantkritikerin zu spielen, wo es doch viel Wichtigeres zu berichten gibt? Vermutlich spinnt die allerdings. Gestern, als wir zurück waren von unserem Ausflug ins Note-3-Thai-Restaurant und die weltbeste Tante und Babysitterin abgelöst haben (die extrem wenig zu tun hatte gestern, Huckleberry ist ganz gegen seine Gewohnheit um kurz nach acht ohne viel Gemoser eingeschlafen und hat sich kaum noch gemuckst), und als wir dann irgendwann im Bett lagen, da war was. Es war nicht viel, und wenn ich das nicht schon kennen würde, dann hätte ich es wohl kaum bemerkt. Aber so war es auf einmal ganz still und ganz klar: Ndogo hat gestrampelt. Oder geboxt, so genau war es noch nicht zu erkennen. Dann war es vorbei, und ich habe keinen weiteren Gedanken mehr an unser dusseliges Abendessen verschwendet.

Nach amerikanischer Zählung bin ich seit Dienstag im fünften Monat, und wer mich sieht, würde eher auf den sechsten tippen. Es bleibt ein Rätsel, auf der Waage sind und bleiben es drei Kilo mehr als vor Ndogo. Im Spiegel sind es ca. acht. Ich habe in zwei neue Schwangerschaftsjeans, eine Schwangerschaftsschlabberhose und eine Schwangerschaftsjogginghose investiert, die Hosen vom letzten Mal sind vollkommen durch, die Bauchbänder hängen in Fetzen. Es gibt jetzt abgesehen von meinem brettsteifen Dufflecoat und meinem kleinen Trenchcoatcape kein Outfit mehr, in dem mir nicht jeder Depp ansieht, dass ich schwanger bin. Die Reaktionen sind gemischt und reichen von "Ja guck mal, du kleiner Schnutziputzi, da hast du ja bald ein Geschwisterchen, kannst du dich aber freuen!" bis hin zu "Oha. Oha. Au Backe. Na dann..." Die Übelkeit ist größtenteils vorbei, jedenfalls die Hormonübelkeit. An ihre Stelle ist die Eisentablettenübelkeit getreten, die auch nicht zu verachten ist und außerdem begleitet wird von rostig schmeckendem Aufstoßen, das so widerlich ist, wie es sich liest, und Verdauungsphänomenen der dritten Art: eine schwer zu beschreibende Mischung aus Verstopfung und Durchfall. Trotzdem ist es das wert, denn seit der ersten Eisentablette sind die Schwindel- und Schwächeanfälle in Ubahnen und Supermärkten Geschichte. Und Rostbäuerchen kann ich immer noch besser ab, als regelmäßig die Fahrt zur Arbeit auf dem Boden des Waggons zu verbringen. (Wer jetzt denkt, ist die denn bekloppt, dann noch zur Arbeit zu fahren, hat das vermutlich noch nie erlebt: es ist wirklich fünf Minuten lang ganz schrecklich und fühlt sich an wie das Ende von überhaupt allem, und dann ist es weg, als wäre da nie was gewesen, und man sitzt wieder frisch und rosig an seinem Platz, zu allem bereit.) Abgesehen davon bin ich wirklich, wirklich entspannt. Genau wie eine Fehlgeburt einen für die nächste Schwangerschaft immer noch ständig auf 180 hält, färbt eine normale Schwangerschaft zum Glück genau so auf die nächste ab. In vier Wochen ist der nächste Termin, und ich mache mir nicht die allerkleinsten Gedanken. Wird es ein Junge? Hurra! Wird es ein Mädchen? Yippie! Dass es weiter gesund ist und wächst wie Knöterich, davon gehe ich fest aus. Hoffentlich nicht zu fest.

Oha. Knöterich 1, der bei Edeka eingeschlafen war und mir so diese kleine Postpause beschert hat, ist wach. Der Chef ruft, ich muss spuren. Bis bald, liebe Abkürzungsdamen! Übrigens auf neuem Rechner. Aber davon ein andermal.

Jaja, ist ja gut, ist ja gut!

Montag, 25. Februar 2013

Meine Sensationserfolge mit der Friss-das-Doppelte-Diät

Jeden Montag Morgen steige ich auf die Waage und hoffe, so um die 500 Gramm zugenommen zu haben - das wäre perfekt. Heute habe ich 900 Gramm abgenommen. Und ehrlich, ich bin perplex. Sorgen muss ich mir wohl keine machen, dazu war der Ultraschall vom Donnerstag viel zu gut, außerdem vergeht seitdem kein Tag, an dem ich ihn nicht mehrmals (ihn. Habt ihr gesehen? Wie selbstverständlich schreibe ich "ihn". Ha!) treten oder boxen spüre. Aber ich frage mich, wieso? Letzte Woche haben wir zwei Romantiker unseren vierten Hochzeitstag mit je einer Schlachteplatte beim Griechen gefeiert. Nach dem Ultraschall waren wir nach alter Tradition bei Burger King, und zwar nicht wegen der neuen Apfelstäbchen. Am Samstag habe ich Pizza gebacken, und zum Nachtisch hatte ich eine komplette Packung (gut, nicht die Familienpackung, aber trotzdem) Schokoladeneis - wie kann das angehen? In den ersten Wochen nach dem Test habe ich mich wirklich mehr am Riemen gerissen und konnte zugucken, wie mein Bauch langsam aus der Hose quillt. War das alles Luft? Hormonfasching? Eine Laune der Natur? Die Vorweihnachtszeit? 72,9. Damit habe ich jetzt, im sechsten Monat, noch nicht mal ganz fünf Kilo zugenommen. Natürlich hofft man, so lange man lebt, und ich hatte sicher gehofft, ich würde eine dieser knackigen Schwangeren mit einem niedlichen, genau abgegrenzten Kugelbäuchlein am ansonsten drahtigen Körper, aber ich hatte noch viel mehr befürchtet, dass es bei mir in der Schwangerschaft kein Halten mehr geben würde, egal, wie viele schlaue Texte ich zu dem Thema lese. Ich esse unter normalen Umständen schon für zwei, jetzt also für drei. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Und es geht mir gut, ich habe weder Dünnpfiff noch leide ich an Appetitlosigkeit oder anderen besorgniserregenden Dingen.

Außerdem habe ich drei Hebammenpraxen angeschrieben. Ich fürchte, mit einer Geburt zur Ferienzeit habe ich mir die Aussicht auf das vertraute Gesicht einer Beleghebamme versemmelt, aber da rechne ich sowieso mit einem Ausnahmezustand, und ob ich die alle zum ersten Mal sehe, ist dann auch schon fast wurscht (zumindest in meinem Kopf). Für die Vorsorge brauche ich sie auch nicht, ich gehe gerne weiter zu meiner Ärztin. Aber für die Nachsorge und die ersten Wochen hätte ich gerne eine. Und es zeigt sich, dass unsere Idylle hier im Vorort andere Leute nicht so zu begeistern scheint wie uns. Noch keine der Praxen hat geantwortet, und meine Mails waren vom Donnerstag Vormittag. Ehrlich, wie rufbereit genau kann eine Hebamme sein, die es in vier Tagen nicht schafft, eine kurze Mail zu beantworten? Also werde ich mich heute vom Auto aus ans Telefon hängen und denen hinterhertelefonieren. Es wird wohl Zeit.

Und dann habe ich noch zu melden, dass ich uns einen Tisch im Gloria für Sonntag, 11 Uhr reserviert habe, für sieben Damen, mich eingeschlossen. Liebe Fanny, deine Mail hab ich gesehen und freu mich schon auf Dich und die anderen.

Sonntag, 24. Februar 2013

Da erwarte ich von mir aber entschieden mehr.

So geht's nicht. Drei Tage Flappe ziehen sind genug. Was sollen die Leute denn von mir denken? Mich eingeschlossen? Anfangs haben die vielen, vielen reizenden Kommentare à la "In dem Moment, in dem wir es erfahren haben, war es plötzlich genau richtig" mir nur noch deutlicher gezeigt, wie falsch das alles in meinem Kopf läuft: denn bei mir hielt das Gefühl "ein Junge wieso denn bloß ein Junge ich will keinen Jungen ist denn das zu viel verlangt?" ehrlich gesagt bis heute Nacht an. Und ich wusste, wie bescheuert das ist: ich wusste, wie dankbar wir sein können - dafür war ich schließlich vier Jahre lang auf der anderen Seite, die habe ich nicht hormonbedingt vergessen. Aber zu schmollen und zu wissen, dass Schmollen gerade das Allerallerletzte ist, hat die emotionale Gesamtlage auch nicht besser gemacht. Auch nicht geholfen hat gestern die Diskussion zwischen L. und seiner Mutter, dass in seiner Familie erblich bedingter Haarausfall angeblich immer eine Generation überspringt. L.s Großvater: beerdigt mit voller Frisur. L.s Vater: extrem frühe Halbglatze. L.: bis heute Lockenkopf ohne sichtbaren Lücken. Würmchen: naja. Im Juli gebäre ich einen einundzwanzigjährigen, teigigen Nerd mit Pferdeschwanz und Halbglatze, der sich nie die Nägel schneidet, na bravo. Das dachte ich wirklich! In meinem Fusselhirn! Bis gestern Abend. Jetzt habe ich beschlossen, es muss ein Ende haben, und zwar sofort, das geht so nicht. Jetzt wird gegengesteuert, sonst trifft mich ein Blitz und der vollkommen berechtigte Zorn alles Abkürzungsdamen. Ein erster Schritt ist ein neues Pinterest-Bord. Haltet mich nicht für shopping-süchtig, denn das Gegenteil ist der Fall, ich bin eher shopping-phobisch. Aber es hilft tatsächlich, mir auszumalen, wie sein erstes Zimmer aussehen wird, was er anziehen wird und welche Bilder wir an seine Wand hängen werden. Zufällig ist jetzt die Zeit, in der ich mir tatsächlich überlegen muss, was wir noch brauchen, zumindest, wenn ein Teil der Sachen nette Ebay-Funde, von uns aufpoliert und verschönert, sein sollen. Ein alter Schaukelstuhl z.B., um ihn nachts in den Schlaf zu schaukeln. Und ein alter Ohrensessel zum Stillen, am besten aus ganz ollem, medizinballdickem Leder, damit man die ganze ausgerülpste Milch einfach wieder abwischen kann. Vielleicht finden wir sogar solche Schätze wie eine riesige Steiff-Ausstellungsgiraffe oder viele kleine alte Segelbootchen, aus denen ich ein Mobile basteln kann. Morgen fahren wir für noch nicht mal 48 Stunden zu meinen Eltern, da liegen laut meiner Mutter noch Tonnen von Kinder- und Babykram, Bücher von mir außerdem - die alten Märchenbücher z.B. mit den schrägen Illustrationen von Ruth Koser-Michaels, vielleicht können wir ja einen kleinen Teil schon mal mitnehmen? Ich brauche jetzt Dinge, die ich anfassen und an denen sich meine Phantasie austoben kann, sonst baut sie nur wieder Mist wie die Vorstellung, mein Kind würde der Comicladenbesitzer aus den Simpsons. Und schon jetzt habe ich das Gefühl, all das Geplane und Gepinne hilft. Es wird höchste Zeit, sonst verpasse ich das Beste.

Übrigens bin ich gar nicht so sicher, ob ich jetzt, in der 21. Woche, tatsächlich noch im fünften Monat bin? Laut "What to expect" schon, aber laut deutscher Zählung bin ich im sechsten. Also gut, dann eben beide Labels.

Freitag, 22. Februar 2013

B-b-b-b-b-b-b-blogpost

Als Kind war ich im Besitz der depressivsten Kinderplatte aller Zeiten, Lok 1414. Lok1414 war eine sprechende, alte Dampflok, immer noch im Dienst, die grundsätzlich eher nicht so gut drauf war. So hörte sich ein normaler Tag im Leben der Lok 1414 an: "Ich kann nicht mehr ich kann nicht mehr seht ihr denn nicht ich kann nicht mehr von Altstadt nach Neustadt von Neustadt nach Altstadt und nicht einmal ne Ruhepause keine einz'ge Ruhepause einundsechzig lange Jahre ein-und-sech-zig-lang-e-Jah-re." Es gibt Tage, da kann ich sie verstehen. Jeden Morgen gucke ich aus dem Fenster, und es hat schon wieder geschneit. Nie viel, meistens nur eine etwas zu großzügige Puderzuckerschicht, aber geschneit hat es. Und es ist saukalt. Zumindest hier drinnen, draußen geht es. L. ist ein großer Energiesparer, wenn es ums Heizen geht. Erstens friert er nicht so wie ich, zweitens zahlt er die Heizrechnung (und ich die Miete, die sich nicht ändert, egal, wie wüst wir draufloswohnen) und drittens hat er so seine Ansichten, die sich allerdings nicht auf Situationen erstrecken wie z.B. seine Angewohnheit, den Kühlschrank offen zu lassen, während er sich ein Käsebrot macht oder auch den Fernseher laufen zu lassen, während er eine Stunde lang in einem anderen Raum zu tun hat. Als Heizenergiesparer macht er die meisten Heizungen aus, sobald er den Raum verlässt. Kein Heizkörper sollte höher stehen als auf drei. Steht er auf fünf, "nützt das nichts" in seiner Welt. Ich gehe ein. Der letzte Tag, an dem ich nicht zu irgend einem Zeitpunkt diese dicke, juckende graue Strickjacke anhatte, war vermutlich im September. Ich fühle mich schon ganz blass und steif und müde und wütend, und all das kulminiert in dem Moment, wenn ich aus dem Fenster gucke und immer noch nicht Scheißfrühling ist. So kenne ich mich nicht. Sonst konnte ich dem Winter immer etwas abgewinnen, z.B. den Spaß am Gulasch. Oder den Spaß an eingelegten marktfrischen Heringen. Oder den Spaß an anderen essbaren Dingen. Ich mochte den Winter. Aber jetzt haben wir einen Hund. Jetzt haben wir einen Hund und wohnen in einem Altbau, wo man nicht quasi kostenlos mit Fernwärme heizt. Jetzt haben wir einen Hund, leben in einem arschkalten Altbau und ich bin schwanger. Vielleicht frieren schwangere Frauen mehr? Ich kann nicht mehr ich kann nicht mehr seht ihr denn nicht ich kann nicht mehr. Jetzt habe ich mich ins Bett verkrochen und denke darüber nach, was das wohl für einer wird, der mich da unten gerade so in den Darm tritt. L.s Kopf hat er schon mal geerbt, das wissen wir seit gestern: ein langer, schmaler Kopf im Gegensatz zu meinem stahlharten Riesenrundschädel. Dazu lange Beine, was bedeutet, er wird ein Riese: L. ist fast zwei Meter groß, besteht aber nur aus Rücken mit zwei relativ kurzen Beinen dran. Verlängert man die, dann können wir ganz froh sein, dass unser eiskaltes Häuschen so hohe Decken hat. Ob er meine roten Haare bekommt? Und ob rothaarige Männer bis dahin wohl in Mode sind? Als ich klein war, war es schon mies genug, als rothaariges Mädchen zur Schule zu gehen. Andererseits: wer will sich mit dem 2,20-Riesen anlegen? Sieht man die Haarfarbe überhaupt von da unten? So liege ich hier und denke mir das alles zurecht. Und allmählich wird es etwas wärmer hier unter der Decke.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Geoutet.

Was haltet ihr von Mathilda? Phoebe? Fritzi? Nelly? Fanny? Findet ihr gut? Dann würde ich sagen, bedient euch. Denn wie es scheint, haben wir vorerst keine Verwendung für einen Mädchennamen.

Wundert das hier irgendwen? Also, mich nicht.

Eine ungeordnete und bestimmt sehr oberflächlich wirkende Mischung einiger Gedanken, die mir seit dem Ultraschall vor zwei Stunden durch den Kopf geschossen sind:

Immerhin wird er nicht meine Endometriose und meine Myome erben.
Gesund. Nicht zu fassen. Dass mein komischer Gurkenbauch tatsächlich etwas hervorbringen kann, das gesund ist. Und zwar nicht gesund, aber..., sondern gesund. Mit größter Wahrscheinlichkeit gesund.
Verdammte Axt, jetzt muss ich noch mal ran. Ohne Mädchen werde ich dieses Spielfeld nicht verlassen.
Da geht er hin, der größte Teil meines Kinder-Pinterest-Bords.
Ein Glück habe ich meine Schwiegermutter vom Kauf von acht Tonnen Mädchenkleidung bei jacadi abgehalten.
Lili ist ein Jungshund. Das passt.
Immerhin werde ich mir nicht mit einem Mädchen Schreiduelle vor Hollister liefern. Und ich werde niemals gezwungen sein, mir im Stau vor dem Elbtunnel die Jonas Brothers oder Justin Bieber anzuhören.

Ach ja.

Gleichzeitig, anderswo

Gestern Abend auf der Couch sind zwei Dinge gleichzeitig passiert, die so dermaßen nichts miteinander zu tun haben, dass es nur so kracht. Auf dem Bildschirm lief das Bachelor-Finale, und obwohl ich jede einzelne Folge gesehen habe, war das so dermaßen egal, dass ich zehn Minuten vor Schluss aufs ZDF umgeschaltet habe, da lief nämlich das Spiel Galatasaray vs. Schalke. Mann, war das hohl. Und während ich da so lag und mich gefragt habe, ob ich jetzt der Lebenszeit nachheulen soll, die ich in diese Staffel gesteckt habe, oder ob ich mich nicht so anstellen soll, ist schließlich ausgewiesenes Trash-TV und damit genau so geplant, und während ich mir mit den Mädchen geschrieben habe, dass wir an weiteren Mittwochen ab sofort jetzt aber bitte nicht das Nachfolge-Format sehen werden, in dem irgendwelche Paare jeden Tag Sex haben müssen, ging es plötzlich rund. In meinem Bauch war die Hölle los. Unten links, oben rechts - ich konnte sogar die Hand auf den Bauch legen und von außen etwas spüren, wobei "spüren" jetzt suggeriert, dass ich dazu ganz still sein und mich konzentrieren musste. So war das nicht, das waren richtig kräftige Schläge. Die taten nicht weh, die waren nur... so was war noch nie!

Wobei: vor ca. zehn Jahren bin ich in eine runtergerockte Altbauwohnung in Eimsbüttel gezogen. Die Anfangszeit war nicht ganz leicht, ich hatte frisch gestrichen, und die Farbe schlug mir irgendwie aufs Hirn. Tagelang war ich zu nichts zu gebrauchen, hockte in der Ecke und dachte, das (was auch immer) hat doch alles keinen Sinn mehr. Dann verflogen die Dämpfe, und dann spukte es noch so ungefähr ein halbes Jahr. Es kam z.B. vor, dass ich auf dem Boden hockte mit einem Kehrblech und etwas auffegte. Und auf einmal bekam ich einen Schubser in den Rücken und fiel einfach um. Oder ich stand unter der Dusche, etwas schubste mich und auf einmal stand ich mit einem Fuß neben der Dusche. Das gestern fühlte sich ungefähr genau so an, nur von Innen. Es spukt in meinem Bauch. Ich wäre fast vom Sofa gerollt. Und L. war nicht da, um das alles mitzukriegen. Seitdem ist immer wieder mal ein paar Stunden Ruhe. Aber heute Nacht so um drei war es wieder da. Und heute morgen um sieben. Ich kann kaum erwarten, das L. zu zeigen. Und den Mädchen. Einen der Schläge konnte man sogar sehen. Es spukt!

Wobei dies vielleicht der letzte Post ist, in dem es um "es" geht. Liebe Abkürzungsdamen, heute nachmittag habe ich meinen Zweittrimesterscan in der Klinik mit dem Super-Ultra-Mega-Schall, und wenn der nicht herausfindet, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen bekommen, dann weiß ich es auch nicht. (Ein Mädchen. Ich denke ganz fest, ein Mädchen. Tut ihr bitte das Gleiche, ja?)

Und eine erste Zählung hat ergeben, dass wir nächste Woche Sonntag zu sechst sein werden beim Frühstücksstammtisch im Gloria um elf. Ich würde diesen Samstag Abend noch mal zählen. Wenn es dann dabei bleibt, reserviere ich einen Tisch für sechs. Es wird mit Sicherheit proppenvoll, also bitte: gebt euch einen Ruck und entscheidet euch! Ich freue mich schon sehr. (p.s. Danke für den Tipp mit dem Season, aber da bin ich mittags schon so oft.)

Sonntag, 17. Februar 2013

Kleine Föten, kleine Sorgen, große Föten, große Sorgen

Es scheint fast so, als ob Sorgenmachen zu meiner zweiten Natur geworden ist (oder vielleicht auch immer schon war). Denn sobald die Sorge, dass das Kind in meinem Bauch einfach stirbt und mich hier hängenlässt mit meinen Hoffnungen und Plänen wie das letzte Mal, auch nur ein kleines Stückchen beiseite rutscht, sind sofort andere Sorgen zur Stelle. Was wird aus L. und mir, wenn das Kind da ist? Werden wir es irgendwie schaffen, unserem von Windeln und Bäuerchen geprägten Alltag ein bisschen Romantik abzutrotzen? Werde ich es schaffen, L., grundsätzlich hilfsbereit wie kein Zweiter, aber praktisch doch eher der Typ, der Schwierigkeiten damit hat, seine Tasse in die Spülmaschine zu räumen - werde ich den dazu kriegen, freiwillig und unaufgefordert das Kind zu wickeln, zu trösten und spazieren zu fahren? Ohne, dass ich erst Pläne aufstellen, Tränen vergießen und mit Auszug drohen muss? Werde ich meine Schwiegermutter davon abhalten können, uns mit tonnenweise Kram zuzuschütten? Werden wir zwölf Monate lang von Miracoli leben (für eine Woche keine schlechte Aussicht, aber dann...)? Werden wir jemals wieder New York sehen? Oder Sizilien? Oder ein richtiges Restaurant für Erwachsene von Innen? Und wird das tatsächlich klappen, irgendwann - z.B. im Sommer nächstes Jahr - das Kind für zwei Wochen zu meinen Eltern zu geben und mit den Mädchen in einen herrlichen Damenurlaub zu verschwinden? Werde ich jemals wieder arbeiten? Und daran Spaß haben? Und nicht mit irgendwelchen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abgespeist werden? Werden die sechste Staffel 30Rock, die vierte Staffel Downton Abbey, die dritte Staffel Game of Thrones und die dritte Staffel Girls warten müssen bis 2015? Werde ich jetzt mit Kommentaren indignierter Damen überschüttet, die mir mit hochgehaltenem Zeigefinger erklären, dass ich auf diese Art von Pipifaxsorgen jetzt kein Recht mehr habe? Dass ich überhaupt gar kein Recht mehr habe, mich jemals wieder über irgendwas zu beschweren, so lange es sich nicht um ein lebensbedrohliches Problem meines Kindes handelt? Das wüsste ich wohl gerne.

Den Hunden habe ich außerdem zu verdanken, berichten zu können, dass es Frühling wird. Im Gegensatz zu den vielen Menschen da draußen, die sich z.B. wegen ihrer Couch oder wegen ihrer Hobbies oder wegen ihres Vermieters oder wegen mehr Selbsterkenntnis, als ich jemals aufbringen könnte, gegen einen Hund entschieden haben, bin ich gezwungen, auch an so einem ekligen grauen Stinketag vor die Tür zu gehen und mich in der Natur zu bewegen, sogar ziemlich lange und ziemlich weit. Und ich kann sagen, da draußen tut sich was. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber auf den zweiten bis zwanzigsten auf jeden Fall. Es ist nicht mehr weit bis Frühling. Und wenn es erst mal Frühling ist, dann ist ruckzuck Flipflopzeit, und wenn erst die Eisdielen wieder aufhaben und es Sonntags nach Grill riecht, ist es schon so gut wie Sommer, und im Sommer kommt das Kind. Ist das zu fassen? Ich finde nicht.

Damit noch mal kurz zum Stammtisch. So gerne ich uns auch noch im Februar zu einem Sonntagsbrunch ins Gloria zusammengepfiffen hätte, es ging einfach nicht, denn an allen Sonntagen im Februar hatte L. ganztägig außer Haus zu tun, und ich kann unsere kleine Epileptikerin immer noch nicht alleine lassen. Aber im März könnte es besser werden. Weil er gerade immer noch unterwegs ist, kann ich leider nicht seinen Turnierplan mit ihm abgleichen, aber ich bin mir sicher, irgend ein Sonntag im März wird sich finden. Nur nicht der 24., da hab ich was vor. Das einzige Mal, dass ich jemals beim Gloria-Brunch war, war übrigens der halbe HSV dort versammelt. Für die Jungs am Tisch ein unerwarteter Bonus, für mich eher lästig, weil mit den Jungs keine Unterhaltung mehr möglich war und ich mich außerdem bei freier Auswahl ernähre wie ein Leistungssportler mit einem Kalorienverbrauch von ca. 8000 täglich, also z.B. von Speck und Eiern, an die aber mit so viel Konkurrenz kaum zu kommen war. Diesmal wird das bestimmt ganz anders. Sagt doch mal, liebe Stammtischinteressierte Abkürzungs- und Ex-Abkürzungsdamen, wer an welchem Sonntag könnte und wollte? Ich verspreche auch, dafür zu sorgen, dass das nicht in eine Runde für Stilltipps ausartet.

Samstag, 16. Februar 2013

Wir haben schließlich gesellschaftliche Verpflichtungen

Ich hatte mir nie vorgenommen, dass sich mit der Schwangerschaft (und dem Kind) gar nichts ändern soll. Das wäre so kreuzdämlich, dass ich das glaube ich gar nicht erst erklären muss. Aber fest vorgenommen hatte ich mir, dass ich nicht versauern will. Ich will nicht schon in der Schwangerschaft jeden Abend auf der Couch liegen und um halb zehn ins Bett gehen. Das heißt, ein großer Teil von mir will genau das, dieser Teil würde am liebsten den ganzen Tag im Schlafanzug verbringen, die Hunde in die Obhut eines professionellen Gassigehers geben, auf den Job pfeifen und sich von Risotto, Pfannekuchen, Pasta und anderem Wohlfühlessen ernähren, am liebsten aus riesigen Schüsseln im Bett oder vor dem Fernseher gegessen. Und jedes Mal, wenn ich etwas vorhabe, das von dieser paradiesischen Aussicht abweicht, muss ich heftig gegen diesen Teil ankämpfen. Gestern Abend war so ein Abend. Wir hatten das bestimmt schon vor drei Wochen ausgemacht, dass wir uns treffen, und ich hab mich seit Tagen drauf gefreut. Um neun waren wir verabredet. Und ab halb sieben schrie mein ganzer kugeliger Körper nach meinem Schlafanzug, der neuen Superwundermatratze (die die Lage mit meinem inneren Schwangerhund ehrlich gesagt auch nicht gerade verbessert hat), irgendeinem Schlonzfraß gefolgt von Schokoladeneis und jedenfalls frühem, frühem Schlaf. "Dann bleib zuhause" sagte der kluge L. "Oder geh hin. Aber hör jedenfalls auf zu maulen". Ich muss sagen, ich bin immer wieder froh und dankbar, dass L. nicht mit mir schwanger ist, wie so viele Männer das zu sein scheinen. Ein verständnisvolles "armer Schatz" und ein paar Streichler über den Rücken hätten in dieser Sekunde gereicht, um mich für den Abend ans Sofa zu ketten. Also habe ich mich für ein kurzes Discorätzchen entschieden (bei mir läuft das leider immer darauf hinaus, dass ich eine Stunde im Bett liege, an die Decke starre und danach müder denn je wieder hoch muss, aber versuchen kann man's ja mal) und fand mich kurze Zeit darauf mit getuschten Wimpern, pinkfarbenem Lippenstift, einem Spritzer Parfum und meiner Ausgehplaylist auf Endlosschleife auf dem Weg in die Stadt. Und natürlich war das genau richtig. Kaum habe ich die Mädchen gesehen, wusste ich das auch, aber vom Sofa aus ist das alles so unendlich weit weg. In meiner müdesten Minute hatte ich mir vorgenommen, bis elf durchzuhalten, geblieben bin ich bis zwanzig vor eins und bin schwer gespannt, was der Rest der Bande gestern noch erlebt hat.
Was ich gestern noch erlebt habe, war fast noch nie: die zweite Alkoholkontrolle meines ganzen langen Lebens. Ein Leben, in dem ich tausende Male spät abends oder nachts am Wochenende im Auto unterwegs war, gerne auch in Ausgehstadtteilen und deshalb mit Garantie umgeben von lauter Leuten, die der Meinung sind, mit vier Gläsern Wein noch problemlos fahren zu können. Hat das die Polizei jemals interessiert? Kein bisschen. Auch diese Kontrolle gestern lief besorgniserregend lässig. Die Herren waren schon ca. einen Kilometer mal hinter, mal neben mir. An irgend einer Ampel signalisierte der eine mir, ich sollte doch mal das Fenster runterkurbeln. "Haben Sie Alkohol getrunken?" rief er mir vom Auto aus zu. "Nee." "Wie viel?" "GAR KEINEN!!!" "Haben Sie ihren Führerschein dabei?" "JAHA!" "So mögen wir das. Schönen Abend noch." Und ich hätte so gerne gepustet! Den Rest der Fahrt habe ich mich allerdings gefragt: warum ich? Liegt es an meiner tiefergelegten kleinen Prollschüssel? Oder am HSV-Kennzeichen, ein Herzenswunsch von L., den ich zähneknirschend erfüllt habe? Oder liegt es daran, dass ich offensichtlich ohne Spiegel weniger gut blind Lippenstift auftragen kann, als ich dachte, wie ich zuhause beim Abschminken festgestellt habe, als ich mir das Clowns-schnütchen aus dem Gesicht gerubbelt habe? Oder war ich einfach nach 22 Jahren Führerschein mal wieder dran?

Gut. Damit zum Ratgeberteil des heutigen Posts. (Ungerecht, ich weiß: ich darf Ratschläge verteilen, ihr nicht.)
1. Nachdem mir Weleda Schwangerschaftsöl zu langsam einzog und die Wäsche gelb machte und Penaten sich anfühlt und wirkt wie ein Industrieabfallprodukt, bin ich jetzt zur Luxusvariante übergegangen: Nuxe huile prodigieuse. Das Fläschchen enthält nur 50 Mililiter und kostet 17 Euro, aber man braucht für jede Bauchrunde nur ein paar Tropfen. Es duftet wie der Himmel, zieht sofort ein und fühlt sich jedes Mal an, als würde ich meinem Bauch ein besonders leckeres kleines Pralinchen spendieren. Ich nehme das direkt nach dem Duschen auf nasser Haut, und vor dem Einschlafen sprühe ich einen dicken Strahl Thermalwasser auf den Bauch und benutze es danach. Ich werde berichten, ob Streifen kommen oder nicht. Die Kugel ist jetzt schon beachtlich und wird bestimmt demnächst die Sonne verdunkeln, wenn ich dann keine Streifen kriege, dann wird dieses Öl auch nach der Schwangerschaft in meinen ewigen Waschbeutel aufgenommen.

2. Ich trinke wirklich gerne alkoholfreies Bier, aber es macht leider einen fürchterlichen Blähbauch. Gestern hatte ich zum zweiten Mal Ipanema, das ist Caipirinha ohne Alkohol: Ginger Ale, Limette, brauner Zucker, Eis. Ziemlich lecker, und man fühlt sich nicht mehr wie das einzige kleine Apfelschörlchen am Tisch, auch wenn mehr Limette und weniger Zucker noch besser gewesen wären. Aber das trinke ich ab sofort auch zuhause.

3. Meinen Yogakurs habe ich jetzt abgesagt und auf meine Email noch keine Antwort bekommen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nicht mehr besser wird und dass tanzen mit geschlossenen Augen jedenfalls in meinem Fall der Entspannung nicht förderlich ist. Außerdem bleibt es dabei, dass wir gerade Momo nicht allein lassen können bzw. wollen und L. Donnerstags nicht da ist. Jetzt turne ich mindestens jeden zweiten Tag 45 Minuten zu meiner "Fit mit Babybauch"-DVD, außerdem jeden Tag mindestens 60 Minuten strammer Spaziergang mit den Hunden plus 30 Minuten herumbummeln in der Mittagspause plus zehn Minuten zur Ubahn und zehn Minuten zurück, das sollte an Bewegung reichen. Und wo ist da jetzt der Ratschlag? Ach ja: wenn sich eine von euch für einen Yogakurs in der Schwangerschaft interessiert, keine Expertin in diesem Fach ist und aber jetzt schon weiß, dass auch sie sich beim Mantra-Chanten nicht in die erste Reihe drängen wird, dann rate ich, einen Bogen um Kundalini Yoga zu machen.

Und dann habe ich noch eine kleine Sensation zu vermelden. Gestern Nacht, als ich irgendwann so gegen viertel nach eins zum schlafenden L. ins Bett gekrochen bin und ihm noch eine Viertelstunde lang ungefragt ein Kurzreferat über den Abend gehalten habe, da war es plötzlich da: ein Klopfen. Und dann noch eins. Und noch eins. Unten links. Und dann war ich doch lieber fein still.

Freitag, 15. Februar 2013

Gibt es eigentlich einen offiziellen Rekord für die längste Zeit, die jemand in einem Bademantel verbracht hat?

Der Tag heute hat eine Menge zu tun: die zwanzigste Woche beginnt, L. ist unterwegs in die Heide, um dort unsere neue Familienkutsche abzuholen, und heute Abend treffe ich mich mit einer Mädchenrunde, die mich nur unschwanger und daher mit einem riesigen Glas Rosé auf Eis in der einen und einer Fluppe, die nicht mit Schokolade gefüllt ist, in der anderen Hand kennt. Während L. vollen Einsatz für die Familie zeigt, liege ich hier im Bademantel herum, pflege meine eigentlich gerade nicht besonders pflegebedürftigen Haare mit einer schönen Ölpackung, habe eine trocknende Schicht Dr.Hauschka-Schlamm im Gesicht, wasche ein bisschen Wäsche, um wenigstens nicht ganz untätig zu sein, gucke mir zum achthundertsten Mal Downton Abbey an und mache zwischendurch als Alibi das Viertelstunden-Workout von meiner Schwangerschaftsgymnastik-DVD. Die Hunde gucken mir hingerissen zu. Im Wintergarten steht der große Topf mit dem eingelegten Sauerbraten, was nach Super-50er-Jahre-Hausfrau-Overkill-als-nächstes-klöppelt-sie-ein-Spitzendeckchen klingt, aber bisher ca. drei Minuten Arbeit erfordert hat (Weinflasche entkorken, Wein in Topf, halbe Flasche Essig in Topf, ein paar Pfefferkörner, Pimentkörner, Wacholderbeeren und Lorbeerblätter dazu, gehacktes tiefgefrorenes Suppengrün dazu, drei Zwiebeln halbiert und dazu, Fleisch rein, Deckel drauf, fertig), an den mach ich mich morgen, heute feiern wir die Ankunft des neuen Autos mit Steak Béarnaise und Spinat, und wieder mal bin ich dankbar für meinen positiven Toxoplasmose-Test. Ich bin überhaupt für vieles dankbar gerade. Ich bin euch dankbar für die vielen vielen Geburtsberichte, denn glaubt mir: ich wollte das wirklich wissen. Ich bin dankbar, dass heute die letzte Woche der ersten Hälfte dieser Schwangerschaft beginnt und ich immer noch schwanger bin, zumindest, soweit ich das beurteilen kann. Ich bin dankbar, dass Momo seit Donnerstag keinen epileptischen Anfall mehr hatte. Ich bin dankbar, dass ich mich endlich zu Klartext durchgerungen habe und jetzt nicht mehr in den Yogakurs gehe. Ich bin dankbar, dass ich diesen Schlumpf-Vormittag für mich habe und meine müden schwangeren Knochen ein bisschen pampern kann. Ich bin dankbar, dass meine Mädchen mich jetzt nicht aufgegeben haben, nachdem ich in den letzten Wochen so oft entweder gar nicht erst aufgetaucht bin oder aber gegen zehn nach dem Taxistand geschielt habe, sondern dass ich heute Abend mitten in einem schnatternden, glitzernden und mit Lipgloss verzierten Haufen sitzen werde. Und ich bin dankbar, dass ich meinen Frieden mit den Sorgen gemacht habe. Auch dabei haben mir die Geburtsberichte geholfen, so komisch das vielleicht auch klingt. Ich habe mir noch mal den dreiteiligen Geburtsbericht des zweiten Kindes von dooce (die ihr in meiner Blogroll findet) angesehen. Irgendwie hatte sie sich diesmal in den Kopf gesetzt, es ohne Schmerzmittel zu versuchen, und hat sich während der Wehen und der Geburt vorgestellt, sie wäre eins dieser hässlichen Gartendinger: eine Kugel, über die Wasser fließt. Sie ist die Kugel, die Schmerzen sind das Wasser. Man kann das Wasser nicht ignorieren, aber es fließt eben einfach über die Kugel und kann ihr nichts anhaben. Und so ähnlich mache ich das gerade mit den Sorgen und Ängsten, das Kind wäre längst in meinem Bauch gestorben, und wenn noch nicht jetzt, dann spätestens übernächste Woche. Die Angst ist da, und kein gutes Zureden und keine Beispiele von anderen Damen, bei denen doch schließlich auch alles gut gegangen ist, können sie vertreiben. Aber ich habe meinen Frieden damit gemacht, und ich lasse sie mal machen, so lange sie mich machen lässt. Das geht ganz gut mit uns beiden seitdem.

Sonntag, 10. Februar 2013

Psssst, Sonntag

Die Hunde waren spazieren, haben gefrühstückt und haben sich jetzt zu zwei behaglich schnarchenden Fellschnecken zusammengerollt. L. ist beim Tischtennis. Ich bin aus der Hundejeans wieder in meine Pyjamahose gestiegen, trinke Tee, esse mich durch den Kühlschrank und genieße den tiefen Frieden, das frisch bezogene und nach Ökozitronenwaschmittel duftende Bett und die verschneiten Bäume vor dem Fenster. Wäre das Würmchen in meinem Bauch nicht, käme ich an so einem blitzblanken Tag in Versuchung, mit einer neuen Fastenwoche zu liebäugeln. Stattdessen wärme ich mir nachher die Sauerkrautreste auf, bummele am frühen Nachmittag mit den Hunden am Flüsschen entlang, und dann mache ich mir vielleicht ein Feuerchen und esse Milchreis. Seit Donnerstag hatte Momo keinen Anfall mehr, und ich traue mich sogar schon wieder, unter die Dusche zu gehen, ohne sie mit ins Bad zu nehmen. Und bei all der weißen Stille spinne ich ein bisschen vor mich hin, wie das alles wohl sein wird? In sechs Monaten? Oder zwölf? Oder fünf Jahren? Weniger still, so viel steht mal fest. Wird an so einem Tag L. vielleicht mit dem Würmchen beim HSV sein? Gehen wir alle zusammen in ein Spaßbad? Zerren wir fluchend einen Schlitten durch den Wald? Liegen wir entkräftet auf unseren schokobeschmierten Sofas herum und schaffen es gerade noch so, zusammen eine Astrid Lindgren-DVD zu glotzen? Gibt es dann noch DVDs? Ohne, dass die Angst großartig nachgelassen hätte, träume ich doch trotzdem davon, wie das alles wird - aber das habe ich auch schon getan, bevor ich überhaupt schwanger war. Ich träume von Wochenenden, an denen alle Freunde willkommen sind, von lustigen, lauten Mahlzeiten, für die niemand nach Hause geschickt wird, von Zelten im Garten, von Essen auch mal unterm Tisch, oder davon, mein Kind auch mal ausnahmsweise nachts um zwei zu wecken, damit wir zusammen Schokocroissants backen und hinterher in einer Wolldeckenhöhle essen können. Machen wir an so einem Tag einen Ausflug? Spacken wir auf der wii herum? Oder spackt Würmchen lieber alleine und schämt sich tot für den Mitspackwunsch seiner doofen Mama? Was sagt es überhaupt zu mir, Mama, Mutti, hoffentlich ja wohl nicht Flora?

Neuigkeiten vom Würmchen:
Eigentlich keine. Ich spüre ab und zu etwas, habe aber keine Ahnung, ob das nun Mutterbänderschmerzen oder Endometriosekrämpfe oder Tritte oder Wachstumsschmerzen oder Gasblasen oder Poltergeister sind. Aber ich habe beschlossen, dass das noch eindeutiger wird, dass es mich bis dahin zwar wahnsinnig machen wird, aber dass ich da eben durch muss und in ein paar Wochen vermutlich tiefe Sehnsucht haben werde nach der Zeit, als das Würmchen mich, meine Leber und meine Blase und meinen Magen noch in Ruhe gelassen hat. Gestern war ich mit meiner Schwiegermutter unterwegs, weil sie mir ein Schwangerschaftskleid kaufen wollte, was sich schwieriger gestaltet hat als gedacht, denn in dem ganzen riesigen Einkaufszentrum gab es keinen entsprechenden Laden. Und ich habe stolz zu berichten, dass wir bei jacadi trotz 50% Sale und aus Nähten platzender Kreditkarte meiner Schwiegermutter nichts gekauft haben. Nichts. Erstens weiß ich noch nicht, was es wird, und ich will ein männliches Würmchen nicht in noch so niedliche Schleifenbesetzte Strickponchos stecken. Und außerdem dachte ich, für den Dammbruch ist es noch zu früh, und einen Dammbruch würde das bedeuten: wenn wir jetzt diesen verdammten Poncho kaufen, dann vergeht in Zukunft kein Tag, an dem meine Schwiegermutter nicht mit einem neuen Babyteil hier anrückt, und ich will es genießen und selbst aussuchen und erst mal abwarten, welche Sorte Baby das wird und was zu ihm passt. Eher struppig, drall und rothaarig? Oder lang, fröhlich und ziemlich nördlich? Das kommt alles noch, aber nicht jetzt, 50% hin oder her.

Was den Frühstücks-Stammtisch betrifft, müssen wir mal sehen. Eigentlich wollte ich dem Wunsch einer zum Bersten schwangeren Abkürzungsdame entsprechend noch im Februar einen Termin finden. Jetzt haben wir aber das Problem, dass Momo zwar gerade anfallfrei ist, wir sie aber trotzdem nicht ganz alleine lassen können, und es steht noch nicht ganz fest, wann L. an den nächsten Wochenenden Spiele hat. Wissen wir das, schlage ich einen Termin vor, und dann sehen wir uns ja vielleicht wirklich noch in den nächsten drei Wochen? Bin übrigens ein bisschen aufgeregt wegen der gigantischen Schwangerschaftsquote innerhalb der Runde vom letzten Mal. Nicht zu fassen, das war noch nie! Ich hoffe aber trotzdem, dass nicht nur schwangere, sondern auch Abkürzungsdamen kommen.

Freitag, 8. Februar 2013

Der Hund ist krank, und sie redet vom Essen

Gestern noch zwei Schreckmomente: zweimal bin ich aus der hintersten Ecke des Hauses durch wilde Kratz- und Scharrgeräusche angelockt dazugekommen, als die arme Maus einen Anfall hatte. Wir waren noch mal beim Tierarzt, diesmal bei ihrer regulären Tierärztin, und es könnte sein, dass ein Herzproblem die Ursache ist. Außerdem habe ich festgestellt, wenn ich das Tier ganz fest im Arm halte und beruhigend auf sie einrede, verletzt sie sich nicht so leicht und der Anfall geht schneller vorbei. Wir zerfließen vor Mitleid für unsere arme, müffelnde, wollige alte Momo. Auch L., zurück aus Wien und sonst eher Lilis Herrchen, hält sie ständig im Arm und kann kaum die Finger von ihr lassen. Jetzt stehen Termine beim Spezialisten an, ich berichte dann mal.

Ansonsten habe ich zu berichten: ab heute bin ich in der neunzehnten Woche. Damit noch zwei Wochen entfernt von der zweiten Hälfte dieser Schwangerschaft, was zwar einerseits unfassbar, andererseits aber auch ein bisschen geschummelt ist, denn die ersten vier Wochen, die vor dem Test, kann man doch eigentlich kaum dazurechnen. Andererseits habe ich in den ersten Monaten so viel Nerven und Angst und Schlafverlust angehäuft, dass das vielleicht die fehlenden vier Wochen irgendwie ausgleicht. Ich spüre immer noch nichts bzw. ab und zu mal ein Zwicken hier und ein Blubbern da, aber was das zu bedeuten hat, weiß der Himmel. Yoga gestern habe ich übrigens doch wieder schwänzen müssen, gerade muss immer jemand bei Momo sein, und L. hatte Training, so dass ich vor dem Fernseher geturnt habe, bis mich ein weiterer Anfall da weggeholt hat. Als großen Verlust habe ich das aber nicht empfunden, nun um meine Singstunde gekommen zu sein.

Und meine Vorsätze laufen bisher gar nicht so schlecht: zwei mal war ich im Kino, und bisher habe ich neun neue Rezepte ausprobiert. Beim Kochen wollte ich eigentlich schon weiter sein, aber es ist nun mal tiefster Winter, und je kälter und grauer das Wetter, desto unermesslicher wird meine Sehnsucht nach Essen, das ich schon kenne. Nach Sauerbraten, Sauerkraut, Kartoffelsuppe... bei solchem Wetter habe ich einfach weniger Lust, mit Zitronengras und Grand Marnier und Koriander zu experimentieren. Außerdem kann ich gerade nur die Energie für ein warmes Essen am Tag aufbringen, das sollte sitzen. Sobald der Frühling kommt, wird das besser. Und was könnte an so einem asphaltfarbenen Wochenende schöner sein als zu wissen, dass in der Küche ein riesiger Topf Sauerkraut mit Bratwurst und Kartoffelbrei wartet? Mir fällt jedenfalls nichts ein. (Sauerkraut, hab ich mir sagen lassen, ist außerdem in der Stillzeit - von der ich noch nicht weiß, ob ich eine haben werde - verboten wegen Kinderpupsen und Rabäh. Also ran da.)

Donnerstag, 7. Februar 2013

Aber happy

Eins der düstersten Kapitel meiner ohnehin schon nur schummerig beleuchteten Teenie-Zeit spielte sich so ungefähr 1987 ab. Sowieso kein gutes Jahr, um Teenie zu sein: meine Schule war eine Popper-Diktatur, ich hatte eine Sportbrille und musste mich mit zwei Hosen - eine grüner Breitcord, die andere kariert mit Bundfalten - durch das Schuljahr retten, auf dem Rücken als eine der letzten aus meiner Klasse allen Ernstes einen Ranzen (man trug damals Aktenkoffer aus Blech mit sich rum, auf denen Frauen mit Glitzerlippen Coke tranken). Denkt euch einen Vollbart dazu, und ich wäre ein Hipster gewesen, so war ich nur ein ziemlich trauriges und hässliches armes Würstchen. In irgend einer Regenpause wurden vor dem Chemiesaal ein paar Jungs - nein, nennen wir sie ruhig kleine Soziopathen - aus der sechsten Klasse auf mich aufmerksam, und von der Sekunde an war mein Leben die Hölle. Sie lauerten mir täglich auf, nahmen mir die Mütze oder die Brille oder den Schirm ab und schubsten mich rum. Ich war so doof und wehrte mich, aber auch mit zwei Jahren Vorsprung kann ein stinkwütendes Mädchen wenig ausrichten gegen eine Bande aus sechs kleinen Scheusalen. Es gab auch Zuschauer, die das aber alles wohl ziemlich dufte fanden. Die kaltherzigen 80er! Ich war dabei und kann sagen, alles, was man über sie hört, stimmt. Es war kein Wunder, dass die Biester mit der Zeit immer mutiger und brutaler wurden. Irgendwann kam ich nach Hause und hatte dreckige und zerrissene Klamotten, und meine Mutter glaubte mir das mit den 12jährigen aus der Hölle nicht. Hätte es damals schon ipods gegeben, hätte ich gut daran getan, meinen hübsch zuhause zu lassen. Ich kann mich noch besonders gut an einen der Jungs erinnern, nicht nur, weil er der Anführer war, sondern auch, weil er mich Jahre später mal auf der Tanzfläche eines Clubs nach Leibeskräften anbaggerte, woraufhin ich wenigstens den Abglanz einer späten Rache bekam, und nicht zuletzt deshalb, weil er völlig sinnlos ständig zu mir sagte "Epilepi, aber happy! Epilepi, aber happy!" So war das.

Ok, um endlich zu Potte zu kommen: unser Pflegehund, die liebe alte fusselhirnige und fusselfellige Momo, ist Epileptikerin. Dass ich das ausgerechnet rausfinde, wenn L. für ein paar Tage in Wien ist, wundert mich irgendwie gar nicht, euch? Gestern Abend jedenfalls, als ich gerade in der Küche dabei war, Zwiebeln zu schnibbeln für das Risotto, das ich für die Mädchen machen wollte (wir wollten uns vorm Ofen zusammenrotten und den Bachelor angucken), scharrte sie plötzlich wie wild unter dem Küchenschrank. "Klar, ein Käfer, hoffentlich ist er schlau und versteckt sich", dachte ich noch, da fiel sie auch schon mit verdrehten Augen und nach Luft schnappend einfach um und ruderte wie wild mit allen vier Beinen. Ich habe ihr als erstes in den Hals gegriffen, um zu gucken, ob sie irgend etwas verschluckt hat, was ihr jetzt die Luft abschnürt, Vielfraß, die sie ist. Da war nichts, sie keuchte und ruderte weiter erbärmlich und hatte inzwischen auch eine Pfütze und ein Häufchen auf dem Küchenfußboden gemacht, was sonst nicht ihre Art ist. Dann riss sie sich los und warf sich erst kopfüber in mein Topf- und Pfannenregal, dass die Topfdeckel nur so flogen, dann raste sie ins Wohnzimmer und versuchte, die Zimmerecke hinter dem Barwagen hochzuklettern, woraufhin sie das Schuhregal im Flur umriss und L.s Ablage an seinem Schreibtisch verwüstete, und an diesem Punkt habe ich sie endlich eingefangen und von da an noch fünf Minuten fest im Arm gehalten, bis es vorbei war. Und die ganze Zeit dachte ich, das arme Tier hat Gift gefressen, nur wann und wo? Hamburg ist voller mieser, mieser Häufchen Dreck, die in Parkanlagen präparierte Würstchen und Fleischbällchen auslegen und denen ich allesamt das schlimmste Schicksal an den Hals wünsche, das denkbar ist. Aber ich hatte den Hund seit zwei Tagen eigentlich nur mit Leine ausgeführt, da hätte nichts passieren können. Trotzdem war ich mir sicher, das war es jetzt, und die kleine Maus geht drauf. Bis sie dann irgendwann wieder auf wackeligen Beinchen stand und ängstlich vor mir von einem Zimmer ins nächste geflohen ist. Da habe ich den Tierärztlichen Notdienst angerufen, eine Adresse und eine Telefonnummer in Uhlenhorst bekommen, das zitternde Tier ins Auto gepackt, den Mädchen abgesagt und bin da hingefahren. Und schon unterwegs dachte ich: wenn das mal kein epileptischer Anfall war. Und genau das scheint es gewesen zu sein. Wenn das jetzt nicht häufiger vorkommt, müssen wir gar nichts machen, außer sie gut beobachten und im Zweifelsfall aufpassen, dass sie sich nicht verletzt. Werden es mehr, muss sie Tabletten haben. Und auf dem Rückweg dachte ich: willkommen in der Welt, in der etwas Kleines und ziemlich Verletzliches komplett von Dir abhängig ist, in der von jetzt auf gleich Abendplanung für den Arsch ist, und in der auf einmal nichts anderes mehr wichtig ist, als dass es diesem anderen Wesen wieder gut geht, denn vorher wird es Dir auch nicht wieder gut gehen.

Heute morgen sind die Hunde wie zwei Disney-Rehe über die verschneite Wiese gehüpft, ihre Welt ist wieder in Ordnung. Meine zwar auch, aber auf irgend eine merkwürdige Weise ist sie trotzdem anders als gestern.

In meinem Bauch bewegt sich immer noch nichts, was eindeutig identifizierbar wäre. Aber seitdem ich beschlossen habe, nicht mehr entspannt sein zu müssen, kann ich damit umgehen. Es soll Damen geben, die vor Woche 22 nichts gespürt haben, habe ich mir sagen lassen. Und dieses ganze "also ich hab es schon in der zwölften Woche gespürt, ätschbätsch" ist vermutlich eine besonders frühe Form vom Mein-Kind-kann-das-längst-Battle. "Also, meine Eizelle hat sich innerhalb von drei Tagen 16mal geteilt! Ha!" Oder auch wahlweise eine Form von ausgeprägter Schwangerschaftsblähung. Nein, wir wollen nicht giftig werden: also, andere spüren was, ich spüre nichts.

Was war noch? Heute Abend gehe ich wieder zum Yoga. Ich überlege mir noch, ob das das letzte Mal wird. Und ich habe eine Produktempfehlung: Girls. Ich hatte lange nicht mehr so viel Ehrfurcht vor jemandem wie jetzt vor Lena Dunham, die die Serie mit 26 geschrieben, an HBO verkauft und dann gleich noch Regie geführt und die Hauptrolle gespielt hat. Und selbst, wenn sie 56 wäre und ein alter Hase, hätte ich trotzdem Ehrfurcht, denn das ist wirklich ganz, ganz toll. So toll, dass ich ab und zu sogar den Bildschirm anfasse, um einer der Figuren über den Kopf zu streicheln. (Den könnte ich auch mal wieder saubermachen, den Bildschirm.)

Montag, 4. Februar 2013

So ist das wohl mit guten Vorsätzen im Februar.

Wenn ich erst mal schwanger bin, dann wird das alles ganz anders. Ich werde mich nicht verrückt machen lassen, einen großen Bogen um die blöden Schwangerschaftsratgeber machen, und wenn ich jemals etwas essen will und vorher googele, ob irgendwer im großen weiten Internet findet, das sollten Schwangere lieber lassen, dann... bin ich selbst dran Schuld, wenn ich spätestens im fünften Monat durchdrehe. Ich werde entspannt sein, nicht jedem Pups hinterhergrübeln, mir nicht ständig Symptome und Krisen einbilden und ein echtes Vorbild an Lässigkeit, Unbeschwertheit und Ruhe sein.

Genau. Ein Teil von mir kann sich da immer noch dran erinnern, dass ich das mal fest so geplant hatte, und dieser Teil sorgt dann dafür, dass ich mir ab und zu innerlich eine klebe und mir sage "ja, mag sein, dass der Nicht-Rohmilchkäse gerade den Rohmilchkäse auf der Käseplatte berührt hat, aber Herzchen, jedes Jahr erkranken in Deutschland um die 60 schwangere Damen an Listeriose, das ist nicht gerade eine überwältigend große Zahl, und jetzt iss Dein Käsebrot, Calcium ist gut für Dich." Dieser Teil boxt das auch durch, dass ich mich nicht hängen lasse und im Zweifel lieber zwei Stündchen länger mit den anderen ratsche, als ein Nickerchen zu machen (wobei ich noch nie ein Talent für Nickerchen hatte, schwanger oder nicht: ich kann erst mal gar nicht einschlafen, dann lese ich noch ein bisschen, dann stelle ich entnervt fest, dass ich in 45 Minuten sowieso schon wieder hoch muss, dann schlafe ich doch ein und erwache kurz darauf mit festgeklebtem Sabber auf Wange und Kissen und fühle mich viel schlimmer als vor Beginn des ganzen Unternehmens). Er hält mich von zu vielen Fehlkäufen in der Buchhandlung oder im Fachhandel für die schwangere Dame ab. (Trotzdem erwäge ich den Kauf einer Schwangerschafts-Latzhose bei asos maternity, kennt sich da jemand aus mit den Größen?). Wenn dieser Teil Sendepause hat - und das hat er oft - dann ist allerdings alles ganz genau so, wie ich das nie wollte. Jemand erzählt mir von einem Kind mit Morbus Krabbe, und schwupps googele ich das. Ich googele überhaupt eine ganze Menge. Ich googele Nahrungsmittel, Symptome, ich mache alles, was bäh ist. Ich liege nachts da und versuche irgendwo in mir drin ein Zappeln zu erspüren, und wenn da nichts ist, dann rechne ich mit dem Schlimmsten, und wenn da was ist, dann sage ich mir, da ist nichts, und dann liege ich noch zwei Stunden so da und starre an die Decke, es ist ein Elend. Ich muss zugeben, ich bin meistens nicht das kleinste Bisschen lässig und entspannt, und ich könnte eigentlich mal damit aufhören, so zu tun, als wäre es anders. Und dann denke ich mir: vielleicht ist das eben einfach so, wenn man vier Jahre lang Abkürzungsdame war und eine Fehlgeburt hinter sich hatte, wenn man weiß, dass das nach vier Jahren Anlauf vermutlich die letzte und einzige Chance ist, wenn man auch sonst ein Fusselhirn ist, das sich im Zweifel nie zu wenig Gedanken macht und wenn man das alles zum ersten Mal erlebt. Vielleicht kann ich ja eine neue Lässigkeit daraus ziehen, mir wenigstens keine Gedanken mehr zu machen, weil ich mir Gedanken mache, und das einfach laufen lassen, falls Ihr versteht, was ich meine? Wenn das jemand versteht, dann vermutlich ihr.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Liebes Würmchen,

Auch nach der "What to expect"-Zeitrechnung sind wir zwei morgen im fünften Monat. Bisher muckst Du dich noch nicht besonders viel, und ich fürchte fast, das, was ich manchmal für zarte Bewegungen gehalten habe, war wohl doch eher das Chaos in meinen Eingeweiden, das du stiftest. Denn seit dem Zitronentrick herrscht derartige Ruhe, dass ich heute Nacht ein paar Stunden lang wachgelegen und mich gefragt habe, ob es Dir wohl gut geht und Du überhaupt noch da bist. Ich habe mich überhaupt nicht mehr schwanger gefühlt. Schwanger fühlen, das war bisher in Abwesenheit von Übelkeit und Tritten und Knüffen von Dir eher so ein Zum-Platzen-Gespannt sein, als müsste mir jeder Bissen, den ich zu mir nehme, gleich zu den Ohren wieder rausschießen. Damit haben die Zitronen Schluss gemacht. Und es zeigt sich, ganz so unbeweglich bin ich doch noch nicht - gerade auf dem Hundespaziergang mit Ball jedenfalls habe ich mich anstandslos bestimmt dreißig mal nach Lilis ollem Tennisballkern gebückt und ohne Ächzen wieder aufgerichtet. Das ist wohl eins dieser Schwangerschaftsphänomene: alles, auch das Gute, könnte irgendwie falsch sein. Die Foren sind voller Damen, die sich grämen, weil ihnen nicht schlecht genug ist und die deshalb das Schlimmste befürchten.

Heute Abend werde ich brav in meinen grünen Nicki-Anzug schlüpfen und zu diesem Dusselsyogakurs gehen. Ich tue das nur für Dich. Kann ich Dich im Gegenzug auch um einen Gefallen bitten? Zwischen Woche 18 (die morgen beginnt) und Woche 22 kann ich fest damit rechnen, die ersten eindeutigen Tritte zu spüren. Können wir das vielleicht mehr in Richtung Woche 18 legen? Der Friede da unten macht mich nämlich nervös.

Tut mir übrigens sehr leid, dass ich noch kein Bauchfoto gepostet habe. Der einzige Grund dafür ist, dass ich die alle selbst geschossen habe, und mangels Talent ist eins hässlicher als das andere geworden. Dein Vater, der der Fotograf im Haus ist, würde mir aber den Hintern versohlen, wenn ich sagen würde "mach mal ein Foto von meinem Bauch, damit ich den dem ganzen Internet zeigen kann". Als Ersatz müssen die Damen Vorlieb nehmen mit einem Tierchenfoto. Es ist aber auch ein besonders Nettes. Mich erinnert es immer ein bisschen an die Zwillinge aus "Shining".


"Komm und spiel mit uns, für immer... und immer... und immer!"

Dieses volltönende Geräusch, das du manchmal hörst, wie der Ton einer alten Bronzeglocke, das sind übrigens die beiden hier. Die sich schon sehr auf dich freuen. Gefälligst. Sage ich jetzt einfach mal so.

Mittwoch, 30. Januar 2013

Ich werde es wohl nie verstehen. Und: der Zitronentrick.

Es gibt eine Charaktereigenschaft, die mir komplett fehlt, und die Leute dazu bringt, Fremden im Internet anonym die merkwürdigsten Nachrichten zu schicken. Es ist ein bisschen so, als müsste ich zwanghaft auf der Straße zu irgendwelchen Frauen sagen, dass ich das nur gut meine, aber dass sie dringend zwanzig Kilo abnehmen müssen. Oder dass ich die dunkle Ahnung habe, der Mann an ihrer Seite wäre nicht der richtige für sie. Oder dass sie überhaupt alles falsch machen. Oder dass sie ihre Kinder nicht verdienen. Oder... egal, jedenfalls so, als müsste ich sowas sagen und dann noch irgend etwas dazusagen, um ja nicht als gemeine Schnepfe dazustehen und mich schon mal vorsorglich gegen jede Gegenwehr zu immunisieren, die da kommen könnte - sowas wie "aber ich bin echt ein Fan" oder auch "ich mag dich schon immer" oder "ich mein's echt nicht böse". Was das Ganze fast noch unverständlicher für mich macht, ist: wäre ich so drauf, dann würde ich nach erfolgreicher Furz-Detonation schnell das Weite suchen. Während Damen, die das im Netz tun, gerne noch bleiben und sich rechtfertigen und nicht verstehen, warum jetzt plötzlich alle so wütend werden, und dann im Gegenzug böse werden auf die, die da gerade böse werden. Harrrrrrrgh.... wieso muss so was ab und zu passieren? Manchmal fast täglich? Ich weiß es nicht. Aber wenn das einzige Mittel dagegen ist, die Kommentarfunktion abzustellen, dann gibt es leider kein Mittel, denn dieses Mittel kommt nicht in Frage. Zum Glück kommen auf einen Stinker ja immer noch 100 gut riechende Damen. Ansonsten appelliere ich an alle hier: argumentieren, schimpfen und wegjagen hilft nicht. Die sind einfach so, es wird nur schlimmer, und je stärker der Gegenwind weht, desto mehr sehen sie sich als gekränkte Unschuld, und dann schreiben sie alles noch mal, als hätten wir es beim ersten Mal nicht schon verstanden, und das hört alles nie auf. Ich bin sehr gerührt über die vielen vielen vielen, die mich hier verteidigen und beschützen! Ihr seid ein echter Trost. Ich fürchte nur, bei der Adressatin kommt das alles nicht oder nur sehr verzerrt an. Ich jedenfalls habe beschlossen, das zu ignorieren, ist besser für meinen Schwangerschaftsgeplagten Teint. Bis ich es dann das nächste mal nicht ignoriere...

Damit wieder Schluss mit Bloggerkram, ich habe eine echte Sensation zu vermelden: vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in zwei Tagen zwei Ratschläge beherzigt. Ratschlag 1 war der mit den sechs Mahlzeiten (Wasser auf meine Mühlen, leider) und heute wieder einen aus dem amerikanischen Schwangerschaftsbuch ohne Fotos: Gegen den ewigen Pustebauch, der auch für das vollgefressene Phantomgefühl sorgt, hilft warmes Leitungswasser mit frisch gepresster Zitrone. Tadaaaa! Funktioniert. Wer vorgestern miterlebt hat, wie der Schatten meines Riesenbauches die Sonne verdunkelt, wird kaum glauben können - genau so wenig wie ich - dass ich heute in einer normalen, nicht-Schwangerschafts-Jeans unterwegs bin. Der Bauch ist noch da, aber anders. Und er quält mich nicht mehr, obwohl es Pasta zu Mittag gab. Kommt das mit dem Wasser und der Zitrone nicht auch in diesem "Wieso Französinnen nicht dick werden"-Buch vor? Jedenfalls fühlt es sich noch nicht mal an wie irgend ein hausbackener Großmutter-Trick, sondern eher wie ein chicer Lifestyle-Insider-Geheimtipp. Wasser mit Zitrone. So spielt man's in der Großstadt!

Dienstag, 29. Januar 2013

Vorher-Nachher.

Einige Dinge, die sich geändert haben, seit ich schwanger bin.

Ich lasse ständig Dinge fallen. Was unglücklicherweise genau in eine Zeit fällt, in der es mir täglich schwerer fällt, Dinge vom Boden aufzuheben. (Gerade stand ich bei Budni und habe einen Test-Lippenstift fallen lassen. Runter kam ich ohne Probleme, aber zum wieder aufstehen musste ich mich mit beiden Händen auf dem schmierigen, nassen, schneematschigen Boden aufstützen.)

Nachdem ich mich immer noch fast den ganzen Tag gleichzeitig vollgefressen und ausgehungert fühle, habe ich jetzt den Tipp meines Schwangerschaftsbuchs befolgt und von Frühstück, Mittag und Abendessen auf sechs kleinere Mahlzeiten umgestellt. Wobei ich mir das "kleiner" ständig einschärfen muss, sonst geht es nämlich ganz, ganz übel aus. An dem blöden Gefühl hat das bisher noch nichts geändert.

Bisher war mir fast jede Ausrede recht, um mich nach dem Duschen nicht eincremen zu müssen. Vorbei, vorbei. Mit der ersten Flasche Weleda Schwangerschaftsöl bin ich schon durch, jetzt versuche ich mal Penaten, das riecht zwar nicht ganz so wild, aber färbt dafür auch die Kleider nicht Eckkneipengardinchenfarben.

Wenn L. an Arbeitstagen etwas von mir haben will, muss er wieselflink sein. Er muss eigentlich schon an der Haustür auf mich lauern und sollte im besten Fall auch die Hunde schon ausgeführt haben. Und er sollte sich eine ganze Latte von Gesprächsthemen auf einem Karteikärtchen notiert haben, denn sobald das Feierabendgespräch auch nur eine Minute ins Stocken gerät - von mir ist dabei nicht viel an neuen Themen zu erwarten - ist das kleinste Schweigen für mich das Stichwort, ächzend aufzustehen und ins Bett zu verschwinden. Vor ein paar Tagen bin ich mal nach oben gegangen, um mein Ladekabel zu holen, und kam nie wieder. Nachts um drei bin ich dann in Schuhen und Kleidern aufgewacht.

Ich esse Dinge, weil sie Ballaststoffe/Folsäure/Vitamine enthalten, nicht weil sie mir schmecken. Das war noch nie. Zum Glück gibt es eine Schnittmenge.

Die große Ausmist-Aktion zu enger Kleider hat mich einem alten Wenn-ich-groß-bin-Traum näher gebracht als je zuvor: dem aufgeräumten Kleiderschrank, in dem nur Kleider sind, die ich auch tatsächlich trage. Gleichzeitig sah ich noch nie so langweilig aus.

Meine Haare entziehen sich jetzt endgültig meiner Kontrolle. Es ist auch fast schon egal, ob ich das erlesene Phyto-Shampoo oder irgendwelche Pröbchen verwende, ob ich föhne oder nicht, ob ich mir Mühe gebe oder nicht, ob ich mit nassem Kopf schlafen gehe oder nicht - sie überraschen mich jeden Tag, ob positiv oder negativ. Gerade ist bad hair month. Februar, du hast schon jetzt einer Menge Erwartungen gerecht zu werden.


Einige Dinge, die sich überhaupt nicht geändert haben, seit ich schwanger bin.

Ich lese immer noch zehnmal lieber den Paten oder zum zweiten Mal meine Game of Thrones-Bücher als irgendwas über Schwangerschaft und Säuglinge.

Obwohl der Rest der Welt von mir zu erwarten scheint, dass mit der Schwangerschaft plötzlich die Esoterikerin in mir durchkommt, habe ich immer noch keine spirituelle Zelle im Körper. (Hat außer mir eigentlich noch jemand in letzter Zeit mal die Fotos der frisch gestalteten Kreißsäle im Albertinen-Krankenhaus gesehen und vor Grauen panisch Apfel-W, Apfel-W, Apfel-W gedrückt? Was denken die eigentlich... ach, was solls. Die denken das, was fast alle zu denken scheinen: wir stehen jetzt auf sowas.)

Ich weiß, ich hab schon ein paarmal damit angegeben, wie easypeasy das alles ist mit dem Alkoholverzicht. Ich habe auch keine Entzugserscheinungen. Aber wenn ich ehrlich bin, würde ich manchmal, wirklich nur manchmal viel dafür tun, nur ein Wochenende Urlaub zu haben und quarzen und trinken zu können, als wäre nichts. Ich würde auch gerne mal wieder zu Vogelgezwitscher vom Kiez kommen. Oder unseriöse Gespräche in der Klowarteschlange führen. Oder mir morgens um vier einen Döner ins Gesicht schmieren. Oder etwas Glitzerndes tragen. Ich weiß, ich weiß, andere wären froh, ich bin auch dankbar, wirklich, bin ich - aber die Sehnsucht ist eben manchmal da, und ich kann und will nicht so tun, als wär das nicht so. Dann kann ich das hier nämlich auch lassen, und wir lesen stattdessen alle eins dieser fröhlichen Schwangerschaftsbücher, die mich jetzt schon vorzugsweise mit "Mami" ansprechen würden.

Bei der letzten Schwangerschaft hatte ich irgendwann kurz vor der Fehlgeburt so einen Zustand schöner Gelassenheit erreicht. Die Probleme am Arbeitsplatz oder aus der Zeitung kamen irgendwie nicht mehr an mich ran. Alles, was immer wichtig gewesen war, war plötzlich lalalala. Ich segelte auf einer Hormonwolke durch den Tag und dachte eigentlich pausenlos "tjaja, ich weiß, aber davon abgesehen könnt ihr mich alle mal", nur eben in freundlich und sonnig. Diesmal passiert das nicht. Der Rest der Welt ist der gute alte Rest der Welt, nur ich mittendrin bin schwanger.




Montag, 28. Januar 2013

What to expect

Hatte ich mal erzählt, wie ich damals nach der Fehlgeburt die ganzen Schwangerschaftsbücher alle in einer Kiste im Keller verstaut hatte? In Sicherheit, irgendwo, wo sie mich nicht plötzlich von hinten anspringen können, wenn ich nur ganz unschuldig Kartoffeln oder Hundefutter holen will? Tja, ich hab sie offensichtlich sicherer verstaut, als ich dachte. Das einzige, das wieder aufgetaucht ist, ist das dusselige "Mami-Buch" von der Bild-Tante aus dem Verlag, den wir hassen, weil er damals unser Buch nicht verlegen wollte mit der Begründung, das wäre ihm zu trist für die Bedürfnisse seiner Leserinnen, bei einem Babybuch sollte doch am Ende ein Baby herauskommen. Das Buch als meine Schwangerschaftsbegleitung? Nein. Und die von GU kann ich alle nicht auseinanderhalten, das wird irgendwie alles zu einer rundbäuchigen, kuscheligen Sauce. Deshalb habe ich mir letzte Woche den Klassiker aus Amerika bestellt: "What to expect when you're expecting", und den lese ich jetzt. Bisher ist ein Vorteil klar zu erkennen: jedes neue Thema hat eine Überschrift, die sehr deutlich sagt "und jetzt geht es eine Seite lang um genetische Vorbelastungen/Mehrlingsschwangerschaften/Kettenraucherinnen" usw., so dass man problemlos alles überblättern kann, was man nicht wissen muss. Fotos gibt es nicht, es gibt nur Bleistiftzeichnungen, was es nicht unbedingt zu einem Buch macht, mit dem man sich im Halbschlaf aufs Sofa kuschelt. Aber ansonsten bin ich bisher gut bedient damit. Das Einzige, was mich verwirrt, ist, dass ich nach diesem Buch im vierten und nicht im fünften Monat bin. Jetzt fühle ich mich wie nach den Ferien zum ersten Mal in die Klasse gehen, mich an meinen Platz setzen und abwarten, wer als erster meine neue Frisur und die Schuhe bemerkt, und dann erfahren, dass ich sitzen geblieben bin und hier nichts verloren habe.

Weniger gut bedient dagegen bin ich, je länger ich drüber nachdenke, mit meinem Schwangerschaftsyogakurs. Die gleiche Hebammenpraxis bietet auch einen Hatha Yoga Kurs an, jetzt überlege ich mir folgende Möglichkeiten:
1. Ich frage, ob ich nicht einfach umsteigen kann in den anderen Kurs, vorausgesetzt, ich kann zu den Terminen.
2. Ich gehe einfach nicht mehr hin und schieße die 120 Euro Kursgebühr in den Wind. Vorher könnte ich, 2a, noch Bescheid sagen, wieso und darum bitten, dass für zukünftige Kursteilnehmerinnen die Inhalte ein bisschen klarer formuliert werden. In meinem Kurs sollte es "auch Meditation" geben, und ein bisschen Meditation zur Entspannung gehört zu einem Yoga-Kurs ja auch dazu, aber hätte da gestanden, dass wir die Augen schließen, frei tanzen und dazu ein Mantra nach dem anderen singen sollen, wäre ich da nie aufgetaucht. Oder, 2b, ich sage einfach nüschte und bleibe weg.
3. Ich suche mir einen komplett anderen Schwangerschaftsyogakurs und zahle nochmal Kursgebühr. Dafür muss ich dann vermutlich erheblich weiter fahren.
4. Ich gehe weiter hin und beiße die Zähne zusammen. Und wer weiß, vielleicht überrasche ich mich ja selbst und bin irgendwann die welteifrigste Mantra-Sängerin? Glaube ich aber nicht. Das hier ist eine Schwangerschaft, keine Gehirnwäsche.
5. Ich gehe nicht mehr hin, suche mir keinen neuen Kurs und bestelle mir eine Schwangerschaftsyoga-DVD und pfeife auf den Austausch mit anderen Damen, mit denen ich nichts weiter gemeinsam habe als einen Braten in der Röhre. Und irgendwann demnächst beginnt ja dann auch bestimmt ein Kurs mit geburtsvorbereitender Schwangerschaftsgymnastik.

Außerdem habe ich gerade wieder einen milden Anfall von Schwangerschaftshysterie: letzten Donnerstag war ich bei meiner Internistin und habe Blut dagelassen wegen meiner Schilddrüse und meinen Leberwerten, die scheinbar wichtig sind für das Blutdruckmedikament. Samstag war ein Brief von ihr im Kasten, dass sie mich leider telefonisch nicht erreichen könnte, ich sollte aber bitte schnell zurückrufen. (Unser Festnetz ist gefangen zwischen zwei Telefongesellschaften.) Sie hat meine Emailadresse, über die wir uns schon lebhaft ausgetauscht haben wegen meiner Blutdruckwerte, und meine Handynummer hat sie auch. Jetzt habe ich schon zweimal da angerufen und nur erfahren, dass Frau Doktor mich unbedingt bald anrufen würde. Sowas, ganz ehrlich, braucht kein Mensch. Am Ende muss ich vermutlich nur mein Schilddrüsenmedikament höher dosieren oder was weiß ich, aber... hrrrrrhrrrrgrrrrr.
Und glatt ist es auch. Winter ist keine Jahreszeit für Schwangere. Wobei, die Teile, bei denen man auf dem Sofa vorm Feuer sitzt und Gulasch isst und um halb zehn ins Bett geht, die schon. Aber der Rest nicht. L., der Süße, wird sich seiner Vaterpflichten immer bewusster und hat seine grantige Frau heute an die Bahn gefahren, aber das kann's auch nicht sein. Ich wäre jetzt bereit für den Frühling, denn danach kommt der Sommer, und im Sommer hab ich was richtig Nettes vor, hatte ich schon erwähnt?

p.s. vor einer Stunde (jetzt ist es 17:33) kam der Anruf meiner Ärztin: sie wollte nur, dass ich unbedingt so schnell wie möglich erfahre, dass meine Blutwerte total supidupi in Ordnung sind. Niedlich! Es geht in die Richtung, nachts um drei von der Feuerwehr aus dem Bett geworfen zu werden und das Haus verlassen zu müssen, damit sie Dir dann auf der Straße erzählen, dass es hier jedenfalls nicht brennt und somit keine Gefahr besteht. Dankeschön, das ist aber nett! Grrrrrhrrrrrrr. ("Schhhhhh, böse schwangere Irre, gaaaaanz ruhig.")