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Donnerstag, 30. Juni 2016

Rechts blinken, links abbiegen

Manchmal sitze ich mit meinen Freundinnen zusammen oder an einem Schreibtisch und hätte eigentlich echt was zu tun, aber starre stattdessen Fotos von den Kindern auf meinem Telefon an und mache dazu Geräusche.

Manchmal komme ich von der Arbeit nach Hause, schließe die Wohnungstür auf, im Kopf die Pläne für’s Abendessen und die Emails, die ich gleich noch beantworten muss, und sie kommen angerast und piepen “Mama! Mama!” und für einen Moment hatte ich völlig vergessen, dass es sie gibt, und zucke zusammen und denke für diese winzige Sekunde “Was zur Hölle!?!” oder etwas Ähnliches.

Manchmal gucke ich in den Spiegel und denke, eigentlich gar nicht mal so schlecht. Nicht schlecht für 43 und zwei Kinder!

Manchmal stehe ich in einer Umkleidekabine, sehe die merkwürdig verwohnte Partie zwischen den untersten Rippen und dem Bauchnabel (der in puncto Verwohntheit ganz eigene Maßstäbe setzt) und denke, es ist vorbei mit mir. Ich bin fertig, ausgelutscht, und könnte mir eigentlich jetzt statt dieses Partykleidchens hier genau so gut gleich ein Rentneroutfit in beige mit Elastikbündchen kaufen.

Manchmal streite ich mich so mit L., dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wie ich auch nur eine einzige Stunde lang so weitermachen soll.

Manchmal sehe ich ihn mit den Kindern, und er merkt nicht, dass ich schon seit zehn Minuten nicht mehr in der Küche wurschtele, sondern einfach nur gucke, und dann weiß ich, das hier ist meine Familie. Dieser Schlackel und diese zwei kleinen Böhnchen.

Manchmal muckele ich so vor mich hin, höre dazu Musik, räume Sachen in Regale und wische Staub und falte Kinderbodys und hänge endlich mal die verdammten Bilder auf und besorge eine neue Sodastream-Kartusche und gehe auf dem Weg noch zum Altglas und zum Bäcker und stecke die Nase in die Luft und finde, das ist doch ein völlig okayes Leben, so könnte jeder Tag sein, und gleich hole ich die Kinder ab und wir gehen auf den Spieli, und dann Badewanne und Spaghetti und Bett. Wie schön!

Manchmal sitze ich in einem Kita-Elterntreffen und sehe diese Riege blonder, dünner und extrem gepflegter Damen, denen ich demnächst täglich in Kalles neuer Kita über den Weg laufen werde, und die stellen alle nur Fragen zum Thema Stunden - wie geht das, wenn ich mein Kind eine Stunde später abholen will? Kann ich das ausgleichen? Kann ich Stundengutscheine splitten? Und wenn ich morgens eine Stunde früher komme? Das mit den Stunden wollen sie ganz genau wissen, und keiner stellt solche Fragen wie “Und was machen die Kinder da eigentlich den Tag über in Ihrer Kita?”, und L. flüstert mir zu, das wäre hier ja jetzt was anderes, Mütter mit Jobs! Und ich weiß auf einmal genau, die haben keine Jobs. Die haben Pilates. Und dann kann ich nur noch denken, Danke, Danke, Danke lieber Gott, dass ich an einem Schreibtisch sitze und denke und nicht auf einem Gymnastikball und mein Powerhouse aktiviere. Die Hölle! Das muss die Hölle sein.

Manchmal sagt eine Omi in der Ubahn, Also sie an meiner Stelle würde den Kindern aber jetzt echt eine Mütze anziehen, und dann lächele ich ganz freundlich und sage, also der hier, der friert nie. Und dieser hier, der braucht genau zwei Zehntelsekunden, um sich die Mütze wieder abzusetzen und in irgendeine klebrige Pfütze zu werfen. Und dann lächeln wir uns an, und sie hat es verstanden.

Manchmal möchte Kalle in der Bäckerei eine Rumkugel, und ich weiß, der wird davon ungefähr zehn Gramm essen, der Rest ist für mich, und weil ich heute schon zweihundertmilliardenmal Nein gesagt habe, kriegt er jetzt eben seine Rumkugel, und der Bäckereifachverkäufer guckt mich von Kopf bis Fuß und von Fuß bis Kopf an und sagt, “Sie wissen aber schon, dass da Rum drin ist in der Rumkugel. Die kann ich Ihnen aber für den Kleinen nicht verkaufen”, und dann falte ich ihn Ice-Queen-mäßig so zusammen, dass es mir hinterher wirklich leid tut, aber irgendwie auch wieder gar nicht, und trotzdem gehe ich am nächsten Tag da vorbei und will mich entschuldigen, nur dass heute ein anderer Bäckereifachverkäufer hinter dem Suchtmitteltresen steht.

Manchmal bin ich eine von diesen dämlichen Ziegen, die Kinder gekriegt hat und gefälligst mal klar kommen sollte.

Manchmal bin ich doch eigentlich ganz in Ordnung. Eine von den vernünftigen, keine von den Blöden, die immer so nerven und die wir Muttibloggerinnen nicht leiden mögen.

Schizophrenie! Kriegt uns nie!
Harr.

Freitag, 12. Februar 2016

Können wir aber froh sein, dass das Internet nicht von Budni ist.

Ich sitze in meiner neuen Küche, die Sonne scheint fast unverschämt grinsend durchs Fenster, und ich tue jetzt einfach mal so, als hätte ich nicht schon wieder seit Wochen nichts Gescheites mehr gepostet. Das endet dann nämlich wie schon oft beschrieben so wie mit Freunden, die man schon viel zu lange nicht mehr angerufen hat, und dann schämt man sich ein bisschen und wüsste auch nicht, wo man anfangen sollte, und dann lässt man es ganz oder vermurkst es. Und der Tag ist zu schön zum Vermurksen.

Also schön.

Als erstes habe ich zu meckern, und zwar über Budni. Dieses Thema ist für alle Nicht-Hamburger sturzlangweilig, aber da müsst ihr jetzt durch, ansonsten empfehle ich euch, den Absatz auszulassen. Ich war immer ein Fan von Budni. In den ersten zwei Jahren, als ich frisch nach Hamburg gezogen war, habe ich grundsätzlich nur "Budni" an Stelle von "Drogerie" gesagt, auch gegenüber Frankfurtern und Berlinern und Heidelbergern, peinlicherweise ein bisschen mit Absicht, um zu zeigen, dass mir Hamburg und sein Budni so dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen waren. Triste Flora! Aber so war es. Und auch später war ich den immer aufgeräumten, freundlichen, blau-weißen Läden sehr verbunden. In den letzten Jahren haben wir vielleicht 400 Meter von einem Rossmann entfernt gewohnt und 800 Meter von einem Budni. Keine Frage, dass ich eigentlich immer den weiteren Weg zu Budni gemacht habe, ob Hagel, Regen oder Sturm. Selbst im achten Monat habe ich mich noch die paar Meter weiter geschleppt. Dann passierte Folgendes: L. und ich hatten beide eine Budni-Spendenkarte. Das ist eine Karte, die man an der Kasse vorzeigt, und das, was andere Leute als "Punkte" wasweißichwofür sammeln, wird dann eben "für gute Zwecke" gespendet. Bei jedem Bezahlen hatte ich ein gutes Gefühl, nicht umsonst ist Budnis Claim "Jeden Tag Gutes tun". Irgendwann hat L. in der Zeitung gelesen, im vorangegangenen Jahr hätte Budni über die Spendenkarten insgesamt XY Euro gesammelt und gespendet. Ich erinnere mich nicht an den genauen Betrag, es war ein zweistelliger Tausender. L. hat dann mal kurz durchgerechnet: Soundsoviel Tage offen im Jahr, soundsoviele Filialen, soundsoviel Spende pro Tag und Filiale - und kam auf einen wirklich, wirklich lächerlich winzigen Betrag. Ich habe dumm geguckt und meine Spendenkarte in den Müll geschmissen. Fragt mich jetzt die Kassiererin bei Budni, ob ich eine Karte habe und wenn nicht, ob ich eine haben möchte, dann gucke ich sie mit hochgezogenen Augenbrauen sehr vielsagend an. So! Dann hat dm seine Eigenprodukte bei Budni aus dem Sortiment genommen, und Budni war gezwungen, selbst günstige Wimperntusche, Badeschaum und Spülmittel produzieren zu lassen. Seitdem ist einige Zeit vergangen, und inzwischen fange ich an, Umwege zu machen, um nicht zu Budni zu müssen. Ich habe eine Budni-Zahnbürste gekauft. Nach zwei mal Putzen hatte sie einen Scheitel, und ich habe sie weggeworfen. Ich habe eine Packung Feuchttücher gekauft, und Michel bekam einen derartigen Ausschlag am Hintern, dass die Kita ihn für zwei Tage nach Hause geschickt hat. Ich habe Waschmittel gekauft, und auf einmal juckten die Schlafanzüge und die Bettwäsche. Ich habe eine Haarbüste gekauft - das ist noch gar nicht lange her, wir waren schon umgezogen. Es ist eine ganz normale Holzhaarbürste mit Drahtborsten. Meine Haare wellen sich zwar ein bisschen, aber es kann keine Rede davon sein, ich hätte eine irgendwie widerspenstige Lockenmähne, schon gar nicht nach zwei Kindern. Mein Pferdeschwanz hat einen Durchmesser von vielleicht einem Zentimeter. Und diese kleine Drahthaarbürste verliert bei jedem Bürsten ihre Borsten. Es macht "Pling! Pling!" und dann krieche ich durchs Bad und sammele die Borsten aus der Badewanne und vom Boden. Die Bürste hat inzwischen eine Zweidrittelglatze. Was kommt als Nächstes? Die Einweg-Nagelschere? Das zwei-Minuten-Deo? Ätzender Babybadeschaum? Explodierende Teelichter? Wenn es so weiter geht, werde ich es jedenfalls nicht herausfinden, ich bin dann nämlich gerade auf dem weiten Weg zu dm. Ich wünsche mir, dass meine Lieblingsdrogerie die Kurve kriegt. Aber gerade... nee, nee, nee.

Gut, das hatte jetzt so gar keinen Kinder- oder IVF-Bezug. Dafür habe ich zu erzählen, dass Michel läuft. Zwei Monate früher ist er dran als sein mit geraden Füßen geborener Bruder. Vor drei Wochen fing es damit an, dass er einen Meter zwischen L. und mir mehr gekippt als gelaufen ist. Inzwischen schafft er problemlos zehn Meter und mehr, klatscht dabei in die Hände, hebt Sachen vom Boden auf und legt sie wieder hin, wechselt schwungvoll und präzise die Richtung und geht Hindernissen aus dem Weg. Und ich könnte heulen vor Stolz, wenn ich daran denke, wie seine Füße aussahen, als er damals im UKE in seiner Klarsicht-Babywanne neben mir lag und mir ganz anders war beim Gedanken daran, wie das alles werden soll. Und das Allertollste daran ist, wie viel Spaß er dabei hat. Ich habe immer gewusst (eigentlich mehr gehofft, wenn ich ehrlich bin), dass er sich wohler fühlen würde auf der Welt, wenn er sich erst so bewegen kann, wie er will. Jetzt kann er, und er strahlt und lacht und kichert, während er sich die Antirutschsocken durchläuft. Und das jetzt auch noch in einer Wohnung, in der nicht überall steile Holztreppen auf kleine Lemminge in Latzhosen lauern und wo ich ihn einfach mal laufen lassen kann, weil in jeder Tür ein Klemmschutz steckt und in jeder Steckdose ein Steckdosenschutz. Und Kalle ist im Geschichten-Alter. Ungefähr zwanzig Mal am Tag muss ich mir eine Geschichte für ihn ausdenken, und zwar am liebsten eine, in der er selbst vorkommt. Man sollte meinen, das kriege ich hin, immerhin ist es seit 15 Jahren mein Job, mir Geschichten über Hühneraugenpflaster, Autos, Kekse oder Bier auszudenken, aber es ist schwerer als gedacht, und ich merke, dass Mamas Gene in mir durchkommen, weil komischerweise viele der Geschichten so einen Drall ins Pädagogische bekommen. "Da siehst du, was passiert, wenn man zu viele Süßigkeiten isst!" So in dem Stil. Ich versuche, das zu ändern, aber wenn es nachts um zwei ist, der Rücken zwickt und Kalle mir seine Fußnägel in den Bauch bohrt, ist das nicht immer ganz einfach. "Und das ist die Geschichte von dem Jungen, der nie in seinem eigenen Bett schlafen wollte!" (Die überhaupt nicht angebracht wäre, denn neun von zehn Nächten schläft er in seinem eigenen Bett.)

Was ist sonst noch los? Das mit den Vorsätzen läuft ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Februar ist. Die Bandscheibe allerdings nervt weiter wie Hulle, in den letzten Tagen mit neuem Schwung, denn jetzt musste ich mein Wunderschmerzmittel - Diclofenac - absetzen, weil mein Magen plötzlich und spektakulär verrückt spielte. Die Ferien von den Schmerzen sind also vorbei und waren viel zu kurz, und jetzt lege ich wieder weite Strecken des Tages im rechten Winkel zurück und schlafe mit meinen Füßen auf einem dicken, knisternden und nach Schlauchboot müffelnden Pusteklotz und kriege trotzdem fast kein Auge zu, weil es einfach keine Lage gibt, in der meine Hüfte nicht weh tut. Um eine OP versuche ich trotzdem weiter, herumzukommen, denn mit zwei Kleinkindern könnte ich die Wochen danach einfach am besten in einer anderen Stadt verbringen. Die würden das nie verstehen, dass ich sie jetzt nicht in den Arm nehmen kann, und ich würde es vermutlich auch nicht verstehen, und das Ergebnis wäre wohl leider, dass ich mir den Rücken endgültig ruinieren würde, egal zu welchen Hochleistungen mein Arzt im OP auflaufen würde. Ich ballere mich also Vormittags mit Koffein wach, turne jeden Tag zwischen 30 und 60 Minuten mein Rückentraining vor dem Fernseher, fluche und hoffe auf morgen oder nächste Woche (aber das sind Mütter von Kleinstkindern ja gewohnt) und glaube weiter zweckoptimistisch daran, dass die Übungen irgendwann dem Rücken zeigen werden, wo es langgeht.

Dann bastele ich noch an meiner Homepage. Jaaaa, verrückt! Seit 2009 bin ich nun selbständig, und nun dachte ich, der frühe Vogel fängt den Wurm, jetzt könnte ich doch mal. (Ganz so ist es auch nicht, ich hatte einen Arbeitsblog, in dem man auch ein paar meiner Arbeiten angucken und mir Emails schreiben konnte und so... theoretisch.) (Also, genau genommen ist es doch genau so. Hier sitzt eine, die ihr berufliches Schicksal voller Gottvertrauen von Mundpropaganda abhängig gemacht hat. In welchem Job arbeite ich noch mal? Ach ja, Werbung! So.) Und das Tolle ist, sie ist so gut wie fertig. Und dann geht das hier aber mal los mit den Aufträgen und dem Koks und dem Gejammer über den ganzen Stress und den Nervenzusammenbrüchen und dem dringenden Vorsatz, dem ganzen Werbescheiß den Rücken zu kehren und als Drehbuchautorin ganz groß und trotzdem stressfrei rauszukommen!

(Fällt euch auch auf, dass das jetzt doch irgendwie so klingt wie ein Telefonat mit einem Freund, den man seit zwei Jahren nicht gesprochen hat?)

Und dann zum Stammtisch. Wie wär's mal wieder? Sagt doch mal.

Mittwoch, 4. November 2015

Noch geht tippen schneller als laufen. Aber demnächst!

Der erste Geburtstag, den wir hier gefeiert haben, war L.s vierzigster. Auf einmal hatten wir ein Haus. Auf einmal hatte L. Geburtstag. Und auf einmal hatte L. ziemlich viele Leute eingeladen, die auch noch alle kommen wollten. Die Küche ist winzig, aber irgendwie haben wir es geschafft, 30 Leute zu bewirten. Morgen feiern wir hier den letzten Geburtstag: Michel wird ein Jahr alt. Wie immer bei Umzügen ging es mir auch diesmal: erst wurde mir klamm bei dem Gedanken. Dann ist dieses Klamme langsam verflogen, und ich habe mich behaglich eingerichtet im Verabschieden. Und dann ging es irgendwann los, und auf einmal konnte ich noch nicht mal mehr sagen, wann hier der letzte Tag war, an dem noch alles normal und in Ordnung war. Jetzt ist hier nichts mehr normal und in Ordnung, die meisten Regale sind halb leer, die Hälfte der Stühle ist weg, fast alle meine Kleider (was nicht so schlimm ist, denn ich trage sowieso 10% meiner Kleider fast jeden Tag und den Rest theoretisch irgendwann demnächst bestimmt), und hätte ich mich nicht aufgeführt wie eine Furie, dann hätte ich auch keine Backform mehr gehabt für Michels Geburtstagskuchen. Jetzt ist das hier wirklich vorbei. Und ich bin sehr traurig und freue mich trotzdem auf das, was als Nächstes kommt. Ich hoffe, ich kann bald mehr dazu schreiben, aber gerade tippe ich hier gegen die Uhr an, denn aufgrund von Verwicklungen, die zu erläutern ich keine Zeit habe gerade, hüstel-hüstel, dreht die Telekom uns das W-Lan irgendwann heute ab. Ja, ich habe genau so gestaunt! Jedenfalls wissen wir noch nicht, wann in der neuen Butze Internet ist, und hier kann es jede Sekunde vorbei damit sein.

Also wieder mal ein Telegramm von mir.
Erstens: die Jungs.
Michel ist seit Montag in der Kita-Eingewöhnung. Für alle noch-nicht-Eltern: Kinder kommen nicht ZACK plötzlich für ein paar Stunden in die Kita, sondern sie werden langsam daran gewöhnt. Am ersten Tag eine Dreiviertelstunde, am zweiten, dritten und vierten Tag auch, und Mama oder Papa sitzen dabei. Dann steigert sich das, bis sie irgendwann so weit sind und die Dinge ihren Lauf nehmen können. Michel macht das toll, viel besser als erwartet. Er krabbelt neugierig los, strahlt die Kinder an und die Spielsachen, würdigt mich keines Blickes und ist sensationell gut gelaunt. Kalle dagegen hat scheinbar ernsthafte Revierverteidigungsprobleme. Wird das? Bestimmt. Hoffe ich jedenfalls und knirsche mit den Zähnen.

Zweitens: der Job.
Ganz ehrlich: ich habe gerade keine Ahnung, wie es weitergehen soll. "Nutze das als Chance! Besinne Dich neu! Du kannst alles machen, was Du willst!" Genau. Ich habe die Hosen gestrichen voll.

Drittens: Mamas Gesundheit.
Ist vielleicht eine kleine Erklärung dafür, warum der Unternehmergeist gerade nicht so richtig in Fahrt kommt. Seit Juni habe ich jetzt diese Schmerzen in der Hüfte. Morgens beim und nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, aber Nachts ist es ein knapper zweiter Platz, und ich kann inzwischen kaum mehr eine Nacht ohne Schmerztablette schlafen. Inzwischen bin ich geröntgt, morgen erfahre ich, was es auf diesen Bildern zu sehen gibt und was das bedeutet. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass mir egal ist, was es ist, Hauptsache, ich kenne endlich seinen Namen. Meine Geduld, noch nie meine starke Seite, ist vollkommen erschöpft. Und nicht nur das, inzwischen führen die Schmerzen auch zu einer massiven Fehlhaltung. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir jetzt alle Schuhe schiefgetreten, und aus ursprünglich nur Hüftschmerzen sind inzwischen auch Knie- und Fußschmerzen geworden. Sapristi! Ich finde wirklich, für Zipperlein bin ich noch zu jung.
Ach ja, und die Blutungen: gerade habe ich zum dritten Mal in dreieinhalb Wochen meine Tage. Aber laut gründlichem Ultraschall ist alles gut. Es gibt ein kleines Myom, aber das ist für mich myommäßig ein Superschnitt, und es kann laut Frauenärztin auch nicht für so viel Blut sorgen. Sie vermutet seelische Ursachen. "Seelische Ursachen!" Ich finde sie nett, darum bin ich ihr nicht direkt ins Gesicht gesprungen, wie ich das sonst in diesem Fall immer tue. Nun habe ich nicht nur Zorn auf meine Hüfte, mein Knie und meinen Fuß, sondern auch auf meine Seele. Es wird ein bisschen einsam hier.

Viertens: der Plan.
Ich habe das noch nie getan: den Blog gemolken. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ok, ich habe ein Buch daraus gemacht, und ab und zu habe ich euch angehauen, ob vielleicht eine Lust hat, ein Interview zu geben, aber davon abgesehen davon - nichts. Jetzt habe ich wieder mal in Sachen Pipiproblem gegoogelt und gegoogelt und bin auf eine Option gestoßen, die zwar vielversprechend klang, die ich mir aber gerade vom Elterngeld nicht leisten kann. Also habe ich den Hersteller dieser Option angeschrieben und ihm von mir und meinem Blog erzählt. Bin ich rot geworden, während ich die Email geschrieben habe? Ich fürchte ja. Aber es hat sich gelohnt, denn jetzt darf ich sein Gerät testen und darüber berichten. Heute macht sich irgendwo im tiefsten Baden-Württemberg ein Päckchen auf den Weg, und ich glaube fest daran, dass es mich ein gutes Stück näher an meine heiß ersehnte erste Runde um den Park bringt.

Montag, 20. Juli 2015

Lieber Kalle, dieses Glas Wein trinke ich auf Dich.

Jetzt vor zwei Jahren lag ich in einem erfreulich klinischen Kreißsaal des UKE, und eine Oberärztin namens Flumpi nähte mir gerade den Damm. Das war ziemlich viel Arbeit, in der Zeit stricken andere einen Pulli, aber am Ende hat sie es geschafft, und sowieso habe ich nicht allzu viel davon mitbekommen, denn auf meinem Bauch lag Kalle. Nach vier Jahren Gemurkse und Gemache und Gewünsche und Gehoffe lag er tatsächlich da, alles war dran, er war genau richtig groß und schwer und prächtig und lebendig. Und das ist er heute, zwei Jahre später, immer noch: genau richtig. Richtig quirlig und richtig neugierig und richtig lieb und richtig frech und richtig verfressen und richtig großzügig und richtig lebendig, vor allem das.
Heute war der erste Geburtstag, von dem er überhaupt etwas mitbekommen hat. Eigentlich werden Geburtstage in der Kita gefeiert, mit einer selbst angezündeten und selbst ausgepusteten Kerze, einem besonderen Geburtstags-Zug und einer Krone, und jetzt hat ausgerechnet ab heute die Kita Sommerferien, und nüschte ist es mit dem Kita-Geburtstag. Das mussten wir natürlich wettmachen. Gestern Abend hing ich etwas kurzatmig in den Seilen, nachdem ich unfassbar viele Luftballons aufgepustet habe (ich empfehle allen Müttern die Anschaffung einer Ballonpumpe), aber ich hatte einen Kuchen mit bunten Streuseln und ein paar sorgfältig ausgesuchte und sogar eingepackte Geschenke (wer einmal gesehen hat, wie mies ich im Geschenke einpacken bin, wäre grundsätzlich dagegen, dass ich überhaupt Kinder bekomme. Direkt nach dem Top-Albtraum-Job, bei H&M Kleider zusammenlegen zu müssen, käme der zweite Albtraum-Job, in einem Laden das Gekaufte als Geschenk verpacken zu müssen). Am Ende hat Kalle das Mutterherz erwärmt, indem er sich am meisten über den Kuchen und die Ballons gefreut hat, aber er hat auch den halben Tag mit dem Playmobil-1-2-3-Forsthaus und dem Aquadoodle gespielt. (Ihr wisst nicht, was ein Aquadoodle ist? Na gut. Vor zwei Jahren und zwei Wochen wusste ich auch noch nicht, was ein Maxi-Cosi ist, und offensichtlich weiß ich bis heute nicht, wie man ihn schreibt.)(Jedenfalls ist ein Aquadoodle so eine Art Matte, auf der man mit einem Stift malen kann, der nur mit Wasser gefüllt ist und deshalb nicht die Möbel ruiniert. "Braucht man sowas?" Ich finde, man braucht das.)

Ich habe mir vorgenommen, heute mal nichts über Dankbarkeit und Undankbarkeit und den ganzen Dunstkreis dieser Themen zu schreiben, sondern einfach nur über den Tag. Und der sieht gerade so aus: ich sitze hier unten in meinem Ohrensessel, meinen Rechner auf dem Schoß, und sowohl der Rechner als auch ich fühlen uns gut aufgeladen und bereit für so ziemlich alles. Neben mir im Regal steht ein Glas Weißwein mit Eiswürfeln, und noch viel wichtiger: oben in zwei weißen Gitterbettchen liegen zwei kleine Jungs, der eine im Schlafsack, der andere schon im Schlafanzug und mit Bettdecke und Kissen. Kalle kann inzwischen solche Wörter sagen wie Betonmischer, Eichhörnchen oder Buchecker, er besteht weiterhin darauf, dem Lehrbuch widersprechend Chili und Lakritz und solche Sachen zu mögen, er spielt gerne mit Wasser, beobachtet Tiere und macht sich dazu für kleine Tiere ganz klein (für Schnecken legt er sich auf den Bauch und stützt das Kinn auf), lernt gerade die Bedeutung des Wortes "Gemütlich" und macht mir jeden Tag auf hundert Arten klar, dass es das alles wert war: die Spritzen, die Ängste, die Kilos, die Rechnungen für nix, die OPs, die Pleiten und die Superpleiten und das, was danach kam. Ich weiß, so funktioniert es nicht, aber für ihn hätte ich auch die doppelte Ladung Pleiten auf mich genommen. (Dazu hab ich auch noch was zu erzählen, bestimmt bald. Bitte haltet mich nicht für doof oder vergesslich oder beides, ich weiß genau, dass man es so nicht sehen darf... wie gesagt, ein andermal, heute fühlt es sich so an.) Michel wechselt gerne im Schlaf alle fünf Minuten die Position, dann knallt die Schiene an die Gitterstäbe und es gibt einen Mordskrach, der mich früher immer aufgescheucht hat, inzwischen winke ich ab, wenn hier die Eiswürfel im Glas klirren. Kalle dagegen sucht sich einfach die unbequemste Position, die im Bett möglich ist, und bleibt dann die ganze Nacht so liegen, lässt sich aber bereitwillig umbetten, sagt einmal kurz und verschlafen "Mama" und ratzt einfach weiter.

Und Mama, das bin dann wohl ich.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Auf bessere Zeiten! Und warum jetzt wirklich alles besser wird. Ganz bestimmt.

1. Nein, das Wunder der durchgeschlafenen Nacht hat sich nicht wiederholt, auch nicht annähernd. Aber ich arbeite dran. Mit etwas flexiblerer Bettzeit für Kalle, die dazu auch noch für mich entspannter wird, weil L. sich angewöhnt hat, ihn ins Bett zu bringen. Mit einem sättigenden Abendbrei für Michel, zusätzlich zum Fläschchen, den er mir zwar am Anfang entrüstet um die Ohren gespuckt hat, aber inzwischen zu mindestens 50% isst (wobei der Rest gleichmäßig in seine Haare geschmiert wird, die sonst eigentlich kaum vorhanden zu sein scheinen, bis er mit dem Brei anfängt, woraufhin sie plötzlich geradezu buschig wirken. Jede Menge Frisur! Mit jeder Menge Platz für Brei!), mit einer ganz guten Mischung aus Abenden, an denen ich um acht im Bett liege, und solchen, an denen ich so ziemlich das Gegenteil tue. Sapristi, wenn ich und meine Augenringe so weiter machen, dann hält mein Touche Eclat jetzt doch bis nächstes Frühjahr!

2. Außerdem mit einer Gute-Nacht-Routine oder etwas, was sich einer Routine annähert - so dass ich inzwischen mit ziemlicher Gewissheit weiß, um halb acht schläft wenigstens Michel, Kalle ist bei L. in guten Händen, und ich kann theoretisch um zwanzig vor acht in der Bahn Richtung Mädchenabend sitzen, ohne dass es vorher noch zu Verantwortungsdiffusion und Schreierei kommt.

3. Michel krabbelt und zeigt keine Neigung, wieder damit aufzuhören. Die Grundgesetze der Physik müssen auch für ihn gelten, irgendwann demnächst muss er abends einfach körperlich erschöpft genug sein, dass es bis zum nächsten Morgen reicht!

4. Michel sitzt außerdem, und er steht. Er robbt auf das Sofa zu, greift einmal zu, wackelt noch ein bisschen in den Kniekehlen uuuuuund - steht. Wenn es drauf ankommt, zehn Minuten lang, und auch den Rückweg auf den Boden meistert er inzwischen immer öfter. Aber wer sitzen, krabbeln und stehen kann, ist doch kein Baby mehr? Aus unserem Baby wird ein Kleinkind. Und während ich weiß Gott keine gute Babymama bin, eine gute Kleinkindmama kann ich sein.

5. Das Haus zu verlassen, wird immer einfacher. Der erste Schritt war, kein abgekochtes Wasser mehr zu brauchen. Als Nächstes können die Fläschchen insgesamt zuhause bleiben, Michel kriegt dann einfach ein Rosinenbrötchen in die runde Faust gedrückt und gut. Mit katastrophalen Windel-GAUs ist auch kaum noch zu rechnen, ich brauche also nur noch eine Windel und eine Wechselgarnitur, die ich in 87% der Fälle genau so zuhause wieder ins Regal sortiere. Und mittlerweile habe ich das Hamburger Budni-Netzwerk im Blut und weiß, egal wo ich hingehe, zwischen acht und 20 Uhr bin ich nur wenige Schritte von einer Drogerie entfernt, die es mir netterweise ermöglicht, kostenlos und unkompliziert mein Kind dort zu wickeln, und zwar ohne eigenes Material mitbringen zu müssen.

6. Jede Grenzerfahrung mit Kindern macht uns stärker. Letzte Woche z.B. haben wir nach der wunderschönen Hochzeit meiner Schwester im tiefsten, gluthitzigsten Bayern beschlossen, dass die Kinder und ich wohl angesichts von aufreißenden Autobahnen, Horrorstau und all dem Wahn lieber nicht mit L. im Auto zurück nach Hamburg fahren, sondern per Bahn. Das Ergebnis war, dass L. um halb sieben nach ereignisarmer bis langweiliger, wohlklimatisierter Fahrt zuhause war und wir um halb eins nach einer Irrfahrt in defekten, 55 Grad heißen ICEs, Bäumen auf den Schienen und endlosen Umleitungen durch die Walachei. Aber auch das hat geklappt, wir sind angekommen, alle sind noch heil, und nun habe ich wieder etwas, worauf ich zwar keine Lust habe, aber was mir keine Angst mehr macht. Zwölf Stunden Bahnfahrt mit Kleinkindern incl. Doppelkinderwagen und zigmal umsteigen: kriegen wir hin.

7. Es kommt vor, dass ich mich nach ein paar Minuten verdächtiger Stille frage, wo eigentlich Kalle steckt. Einmal darf ich raten: am Bücherregal, vertieft in irgend ein Bilderbuch über Bagger, Einschlafen, Tiere oder was auch immer. Er klettert alleine auf den Lesesessel, sucht sich etwas aus, sitzt dann da und liest. Ist das nicht wunderbar? Eines Tages sitzen wir zusammen auf dem Sofa, er mit seinem Buch, ich mit meinem, und streichen uns alle paar Seiten liebevoll übers Haar.

8. Jede Woche können die zwei ein bisschen mehr miteinander anfangen. Stehe ich z.B. unter der Dusche und Michel in seinem Gitterbettchen und nölt, und das Nölen hört plötzlich auf, so dass ich tropfnass ins Schlafzimmer haste, um sicher zu gehen, dass er noch atmet, dann steht dort Kalle auf der anderen Seite des Gitters und macht Faxen, und Michel beobachtet ihn hingerissen. Sitzen sie zusammen im Doppelkinderwagen, halten sie Händchen.

9. Während ich hier sitze und tippe, hat L. zu tun: er muss sich bis heute Abend fieberhaft überlegen, welches von drei möglichen Lastenfahrrädern er gerne von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen würde: das Babboe Curve mit E-Motor, das Nihola family oder ein Christiania light? Das sind drei fabelhafte, grundsolide Fahrräder, die vorne einen großen Kasten haben, in den man nicht nur die Kinder, sondern auch noch den Hund setzen kann. Wer in letzter Zeit mal in Kopenhagen war, hat sie dort bestimmt in rauen Mengen herumfahren und die Radwege verstopfen sehen. Wenn das nicht auf großen Spaß mit kleinen Kindern herausläuft, weiß ich es auch nicht. Vor uns liegt ein Sommer voller Ausflüge, Fahrtwind, Picknicks, Muskelkater und Abenteuer.

10. Es muss einfach. Und ich weiß, dass es besser wird.


Mittwoch, 8. Juli 2015

Rakete auf Schienen

Muss ich auch nur zwanzig Minuten stehend und eingezwängt in einer engen Ubahn aushalten, könnte ich durchdrehen. Die Vorstellung, durch einen engen Tunnel zu kriechen, der gerade mal so breit ist wie ich, ist für mich eine der schlimmsten. Ich flippe ja schon aus, wenn sich ein Nachthemd nachts um mich wickelt! Wie es sein muss, monatelang ein Bein komplett in Gips zu haben und auch hinterher drei Monate lang rund um die Uhr eine Fußfessel zu tragen, mag ich mir kaum vorstellen. Egal, ob man das nicht anders kennt oder doch, schön kann es nicht sein. Ich war deshalb immer bereit, einen großen Teil von Michels Gemecker auf seine beengten Verhältnisse zu schieben. Trotzdem war immer auch klar, dass er irgend etwas will - irgend etwas, was er eben noch nicht kann, aber gerne können würde. Er hat nur drauf gewartet, endlich loslegen zu können. Und jetzt kann er. Er trägt zwar immer noch jede Nacht vierzehn Stunden lang die Schiene, aber davon abgesehen ist er frei. Frei!

Seit knapp zwei Wochen krabbelt er. Damit ist er schon mal mindestens sechs Wochen früher dran als Kalle. Und es hat sich so viel Energie aufgestaut, dass er jetzt schon stehen will. Er sucht sich irgend etwas, woran er sich hochziehen kann, macht den herabschauenden Hund, hält sich erst mit einer und dann mit der anderen Hand fest und steht. Dabei strahlt und gurrt er glücklich in die Runde, minutenlang, bis ihm aufgeht, dass er noch nicht weiß, wie er hier wieder runterkommt. Dabei helfe ich ihm dann. So machen wir das stundenlang, und er ist dabei so fröhlich und unternehmungslustig, dass es wirklich eine Freude ist, in seiner Nähe zu sein. Ich glaube wirklich, der wird mit zehn Monaten laufen, und habe ein bisschen Angst, denn gesund ist das laut Kinderarzt nicht (wobei der das vielleicht damals nur zur Beruhigung gesagt hat, weil Kalle sich so viel Zeit gelassen hat). Und! In der Nacht von Montag auf Dienstag hat er zum ersten Mal durchgeschlafen, von 20 bis 6 Uhr! Ich bin daraufhin gestern pfeifend durch den Tag gehüpft, habe heute Nacht direkt von einem dritten Kind geträumt (wobei es in dem Traum vorrangig um die Mahlzeiten ging, die auf dieser Phantasie-Wochenstation serviert wurden), und habe so dermaßen Oberwasser, dass ich mir eine scheuern würde, wenn ich nicht ich wäre. Und kaum ist Michel ein bisschen freier, bin ich es hoffentlich bald auch und kann mit der neuen Energie, die mir der lang vermisste Schlaf bringen wird, endlich wieder all die Dinge machen, die andere Erwachsene auch tun! Sachen lesen, Sachen schreiben, Sachen kochen, noch mehr Sachen kochen meine ich, Unkraut jäten, Hemden bügeln, den Stau auf dem Festplattenrekorder wegglotzen, Abende mit Wein auf der Couch verbringen, ausgehen, (Zelda spielen, hüstel...) und und und. Und dann berichte ich bestimmt auch noch mal ausführlicher von New York und von der Hochzeit meiner Schwester, auf der wir das letzte Wochenende verbracht haben. Vielleicht findet sich sogar ein unscharfes Foto von Kalle im Matrosenanzug? Mal sehen.

Nein, mit Michel ist alles gut. Mit wem nicht alles gut ist, ist Kalle. Montag waren wir beim Kinderarzt zur U7, und es gibt ein Problem. Wieder mal eins, das "extrem selten" und "seit 15 Jahren in dieser Praxis nicht vorgekommen" ist. Die Fontanelle ist noch nicht zu, auch nicht annähernd, bestimmt vier Quadratzentimeter weiche Schädellose schädeldecke hat er mitten auf dem Kopf. Natürlich habe ich das bemerkt, aber ich dachte immer: so ist das bei kleinen Kindern, erst ist sie offen, und dann wächst sie irgendwann zu. Ich wusste nicht, dass es dafür eine Deadline gibt. Jetzt hoffen wir, dass sie bald zugeht. Und beim Spielen wird er ab sofort einen Helm tragen müssen. Zwei Stück habe ich bestellt, einen für die Kita, einen für Zuhause, und die kommen hoffentlich morgen an. Ich weiß, vermutlich ist das alles gar nicht schlimm, und besser zu spät als zu früh geschlossen, aber... ächz. ("Du musst auch immer was Besonderes sein", hat mein bekloppter Exfreund mir gerne vorgeworfen. Muss ich nicht! Glaub mir einfach, muss ich nicht! Ich lege absolut keinen Wert darauf, auch nur noch einmal im Leben von einem Arzt zu hören, dass sowas noch nie war.)

Montag, 22. Juni 2015

Angekommen.

Wir sind wieder da. Also, gelandet sind wir letzten Mittwoch um halb acht. Aber wirklich wieder da bin zumindest ich erst jetzt. Mit der Zeitverschiebung auf dem Hinweg sind wir immer gut klargekommen, der erste Abend fühlt sich einfach an wie eine lange, lange Hamburger Kneipennacht. Danach schlafen wir, so lange wir können, und ab dann läuft es. Zurück ist schwieriger. Seit Mittwoch habe ich jeden Tag die Stunden gezählt, bis die Kinder im Bett sind und ich endlich schlafen gehen kann, und wenn es dann so weit war, lag ich hundemüde und hellwach zugleich da und habe zugeguckt, wie es draußen schon wieder heller wird. Zombies schreiben keine Blogposts, darum habe ich das genau wie die Bügelwäsche seit Tagen vor mir hergeschoben. Liest hier überhaupt noch jemand? Für die paar dürren Zeilen zum Thema Schlafentzug, Dankbarkeit vs. Undankbarkeit und all den anderen täglich-grüßt-das-Muttertier-Kram? Mal sehen.

Jedenfalls:
Michel kann krabbeln! Seit bestimmt vier Wochen geht er schon auf Hände und Knie und hobelt dann mit Begeisterung vor und zurück. Zwischendurch hat er sich auch auf die Füßchen gestellt, eine Art herabschauender Hund. Aus dieser Position ist er dann manchmal auf die Nase gekracht, das kann nicht schön gewesen sein, aber es hält ihn nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Und aus dem Hobeln ist inzwischen eine ziemlich gezielte Vorwärts- oder im-Kreis-Bewegung geworden. Ich lege ihn auf den Teppich, platziere ein buntes Spielzeug zwei Meter entfernt, und er macht sich auf den Weg. Weil er aber immer noch am liebsten den ganzen Tag auf meinem Arm sein würde, robbt er auch oft hinter mir her, und sobald ich stehen bleibe, ziehen zwei kleine Hände von hinten an meinen Hosenbeinen. Erstaunlich stark ist er auch, es kommt der Tag, da klettert er einfach an mir hoch wie an einem Laternenpfahl. Und weil Schlaf immer noch die alles verdunkelnde Gewitterdenkwolke über meinem Kopf ist, war spätestens mein zweiter Gedanke dazu: wie schön, vielleicht macht ihn das müder und wir schlafen demnächst durch? Ganz eventuell?

Ich darf nicht zu viel über Schlaf schreiben, sonst hypnotisiere ich mich selbst und krache gleich mit dem Kopf in die Tastatur, darum bringe ich es schnell hinter mich und dann auf zu neuen Themen. Seit Neuestem greife ich nachts zum Telefon, wenn ich ihn gefüttert habe, und schreibe auf, wie viel Uhr es ist. Die Idee war, dass ich so mit einem Blick auf mein Telefon sehen kann, dass es in der Tat besser wird, die Abstände länger usw. Jetzt ist es aber leider so, dass ich mit einem Blick auf mein Telefon sehe, dass es nicht besser wird. Während meine Eltern hier heldenhaft die Stellung gehalten haben, war Michel ebenfalls groß in Fahrt. Es tat mir leid, ich hätte ihnen eine etwas entspanntere Großeltern-Woche gewünscht. Aber ein klitzekleiner Teil von mir war auch ein bisschen erleichtert, nicht als Jammerlappen dazustehen, weil ich immer von Müdigkeit und Gebrüll erzähle und die Kinder plötzlich beide schlafen wie die Engelchen.

Ich hab die Kinder wirklich vermisst. Aber ich bin trotzdem froh, dass wir das gemacht haben. Es gibt verschiedene Arten von Erholung: die mit viel Schlaf, Bademänteln, Haarkuren und Herumlungern. Das hier war die andere. Auch im Urlaub haben wir selten mehr als fünf Stunden geschlafen, jeden Tag sind wir Kilometer um Kilometer weit herumgelaufen, und es war so heiß und schwül, dass ich an manchen Tagen drei mal geduscht habe. (L., das Wundertier, schwitzt nie.) Aber erholsam war es trotzdem, so viel Zeit zu haben, endlich mal wieder auszugehen, ohne auf die Uhr zu gucken, den ganzen Tag beide Hände frei zu haben, zu essen, ohne dass eine kleine Patschhand sich über den Tellerrand schiebt, die Zeitung zu lesen, ohne dass die gleiche Patschhand die Seiten zerkrumpelt und jede Menge kleine, scharfe und/oder stachelige Gegenstände herumliegen lassen zu können, ohne dass jemand auf die Idee kommt, damit Selbstmord zu begehen. Jeden Tag habe ich mir Kinderfotos auf dem Telefon angeguckt, und jeden Tag hatte ich meine sentimentalen zehn Minuten, in denen ich mich sofort nach Hause gebeamt hätte, wenn möglich. Zum Glück war es nicht möglich, denn die restlichen 23 Stunden und 50 Minuten war ich sehr glücklich, zu sein, wo ich war. Und jetzt bin ich wieder hier und auch darüber sehr froh. Michel krabbelt und strahlt jedes Mal, wenn er mich sieht (es sei denn, nachts zwischen zehn und fünf Uhr früh), und Kalle plappert und plappert und sagt die niedlichsten Sachen, reißt seit Neuestem sogar selbstgemachte Witze und erwärmt das müde Mutterherz, wo und wie er nur kann.

Michel kann nicht nur krabbeln, sondern ist auch mordsmäßig gewachsen. In die Babyschale des Einzelkinderwagens passt er schon lange nicht mehr. Wenn Kalle in der Kita ist, bin ich deshalb öfter mit ihm alleine im Doppelkinderwagen unterwegs. Und es vergeht wirklich keine noch so kurze Fahrt, ohne dass ich mindestens einmal von einer fremden Person gefragt werde, wo denn das Zweite ist? (Mit "fremder Person" meine ich wirklich fremde Person, die Kassiererinnen im Supermarkt usw. zähle ich da schon gar nicht mehr zu.) Ich antworte immer noch freundlich, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich das immer weiter tun werde. Denn die Nachfragen kommen auch nicht immer im netten Plauderton, sondern manchmal ganz schön drängelig und zurechtweisend. Als würde die fragende Person befürchten, ich hätte Nummer zwei einfach irgendwo liegen gelassen und es nicht bemerkt. Eigentlich müsste ich mich inzwischen dran gewöhnt haben, dass Mütter und ihre Kinder für viele Leute zum Kommentieren da sind. Neulich war ich mit Michel im Doppelkinderwagen in einem Reformhaus. Der Wagen passte gerade so durch den Eingang, aber der Laden selbst war zu eng und vollgestellt. Also habe ich ihn kurz vor dem ersten Regal im ansonsten leeren Laden geparkt, um eben schnell mein vorbestelltes Shampoo an der Kasse einzusammeln. Zack, ging die Tür auf, eine ältere Frau pflanzte sich vor dem Kinderwagen auf und bellte mich an: "Gehört dieses Kind zu Ihnen?", erzählte mir was von verschwundenen Kindern, Verantwortungslosigkeit und versuchte dann, den Kinderwagen doch noch hinter mir herzuschieben. "Ein Kind gehört zur Mutter!" Es gab schon samstägliche Marktgänge, bei denen mir innerhalb weniger Minuten erst jemand sagte, meine Kinder wären zu kalt angezogen, und dann jemand anderes, ich sollte ihnen doch die Jacken ausziehen, die würden ja überhitzen. Die Reformhaus-Frau lieferte auch gleich die Begründung für ihr mutiges Eingreifen ab: heute wäre Zivilcourage gefordert, und sie würde nicht mehr schweigen, wenn sie "so etwas" sieht. In was für einer Welt leben wir, in der Mütter ihre Kinder einfach neben dem Regal mit den veganen Pasten parken und sich bis zu zwei Meter von ihnen entfernen? Andere wollen vielleicht einfach nur ein nettes Pläuschchen halten, wer weiß. Trotzdem wäre ich froh, sie würden einen anderen Anknüpfungspunkt finden. Ich hasse Einmischen, ich lasse es grundsätzlich bei anderen sein und wäre froh, wenn sie das genau so täten. Und unter den freundlichen Antworten staut sich ein so dicker Klops Gereiztheit an, dass vielleicht eines Tages jemand die volle Packung abbekommt, der doch nur nett fragen wollte... und sich nichts dabei gedacht hat... und es gar nicht böse gemeint hat. Und das täte mir leid.






Dienstag, 12. Mai 2015

Sechs Monate

Manchmal habe ich den üblen Verdacht, ich hätte mir in den letzten Monaten mein bisschen Humor einfach weggestillt. Mit der Muttermilch ausgesaugt und futschi. Das wäre eine Erklärung dafür, wieso ich mit diesem Streiflicht zum Thema Muttertag so gar nichts anfangen kann und das dumpfe Gefühl hatte, hier hatte jemand die unangenehme Aufgabe zu erfüllen, über Mütter zu schreiben, hatte weder Zeit noch Bock und irgendwie auch keine Ahnung, was er schreiben soll, und herausgekommen ist dann so ein verschraubter Quark. Aber gut. Wäre ich seine (oder ihre?) Mutter, würde der nächste Geburtstagskuchen deutlich trockener ausfallen als gewohnt. Vielleicht sogar ein bisschen angekokelt, wer weiß? Wir Mütter haben da so unsere Methoden, unsere giftigen, seelenzerstörerischen Kniffe.

Und sonst? Gerade gäbe es eine Menge über Krankheit zu schreiben, aber das macht keinen Spaß, darum lasse ich es einfach. Stattdessen habe ich zu berichten, dass Michel sechs Monate alt ist, was mir merkwürdig vorkommt, denn es fühlt sich an, als wäre er schon Jahre hier. (Und das könnte daran liegen, dass gerade jeder Tag statt 16 so ungefähr 21 wache Stunden hat, das streckt die Zeit ganz schön...) Und es tut sich was. L. sagt, ich spinne, und außerdem, dass ich nun schon seit Monaten behaupte, JETZT würde aber wirklich gerade was passieren, was aber offensichtlich nur für mich sichtbar wäre - ich bestehe drauf, es tut sich was. Ich weiß, eines Tages wird der Altersunterschied zwischen den beiden - gerade mal fünfzehneinhalb Monate - praktisch nichts mehr ausmachen und komplett verschwinden. Noch liegen Welten dazwischen: der Unterschied zwischen sechs und einundzwanzig Monaten ist der Unterschied zwischen sieben mal täglich "Gute Nacht Gorilla" vorlesen und Augenringen bis Meppen, zwischen Fläschchen und noch mehr Fläschchen und einer schönen Portion Muscheln mit Chili, zwischen zwanzig Minuten Nickerchen-Freiheit - wenn auch immer mit einem Ohr im Kinderzimmer - und sechs Stunden Kita, zwischen Schleppen bis der Rücken ächzt und mit einer Tasse Tee gemächlich hinterher schlendern, während Kalle den Garten erkundet. Aber trotzdem finde ich, Michel ist schon heute näher dran an seinem Bruder als an dem knallroten brüllenden Wesen, das sie mir damals um zwei vor vier im Kreißsaal Nr.3 in die Arme gelegt haben. Er fasst sich anders an, und wenn ich ihn trage, kann er auf meiner Hüfte sitzen und guckt sich wissbegierig um. Lege ich ihn auf den Boden, dann dreht er sich fast sofort auf den Bauch, zieht die Beine an, Hintern in die Höhe, und dann fängt er an, vor und zurück zu schunkeln. Nach ein paar Sekunden fängt er an zu meckern, weil das zwei Meter entfernte Spielzeug immer noch nicht näher gekommen ist, aber diesen Trick hat er bestimmt bald raus. Selbst L., der sonst nicht zu seinen frenetischsten Cheerleadern gehört, glaubt daran, dass er früher laufen können wird als Kalle. Er lächelt und hat schon so etwas wie Vorlieben: wenn es mich überkommt und ich ihm zwanzig Knallküsschen aufs Gesicht drücke, dann guckt er mich nachsichtig lächelnd an, als wäre das ein echt lahmer Scherz, aber irgendwie immer noch ok. Er liegt gerne auf seiner Wickelkommode und verehrt die Wärmelampe, die zwar nicht mehr nötig wäre, aber ihm zuliebe mache ich sie trotzdem noch an. Er liebt es, Papier zu vernichten, und inzwischen kann ich nicht mehr essen, während ich ihn auf dem Arm habe, denn er wirft sich mit seiner ganzen ziemlich beträchtlichen Kraft in Richtung des Tellers. Man muss nicht Freud sein, um drauf zu kommen, dass das wohl heißt, er hätte jetzt langsam gerne etwas anderes als Premilch - aber blöderweise verträgt er die Versuche, seinen Speiseplan zu bereichern, bisher nicht besonders gut. Fruchtgläschen waren alle eine Katastrophe, Gemüsegläschen gehen ein bisschen besser. Babyratgeber sprechen immer davon, man sollte seinem Kind Brotrinden zum Lutschen geben, auch um einer Glutenunverträglichkeit vorzubeugen - aber ehrlich, dazu bin ich zu ängstlich. Bekommt er meinen Finger zu fassen, dann erlebe ich täglich mehrmals hautnah, wie viel Kraft so eine kleine Wurst im Kiefer hat. Der kriegt doch ohne weiteres eine Brotrinde klein, und dann? (Das übrigens aus den gleichen Ratgebern, die sonst vor eine Nummer zu großen Schlafsäcken, Kuscheltieren oder Todes-Kunststoff in Kinderwagen warnen...) Vielleicht lerne ich zur Abwechslung mal rechtzeitig dazu, vergesse die Gläschen und gehe direkt zu vorsichtig Selbstgekochtem über. Irgendwo in meinem Vorratsschrank müssen noch die Vorräte an italienischer Babypasta sein, die ich für Kalle mal angelegt hatte, bevor mir irgendwann klar wurde, dass der einfach essen will, was wir essen, und bis dahin gerne bei Milch bleibt.
Wir bewegen uns also langsam raus aus dem Baby- hinein ins Jungsterritorium. Zumindest tagsüber, nachts ist immer noch alles ungefähr so wie damals auf der Neugeborenenstation, nur dass nicht alle drei Stunden gewickelt wird. Er brüllt, ich schmeichle und beruhige und versuche, mich langweilig und neutral zu verhalten, ich mache Fläschchen und trage sie morgens so gut wie unangerührt wieder nach unten in die Küche, ich massiere seinen Bauch mit Kümmelsalbe und fluche, ich googele auf dem Telefon nachts um drei nach Babyschlaftipps und würde den neunmalklugen Ratgebern abwechselnd gerne den Hals umdrehen* und das sofort ausprobieren, manchmal auch beides gleichzeitig. Und wenn ich doch mal träume, träume ich von besseren Zeiten, wenn auch viel zu kurz. Und trotzdem - keiner weiß warum - bilde ich mir immer noch jeden Tag ein, heute wäre die Nacht, in der er zum ersten Mal nur einmal aufwacht. Heute kriegt Mutti sechs Stunden, vielleicht sogar mehr! Heute ist der Tag, an dem wir das Tal der Augenringe hinter uns lassen. Und statt sich abzunutzen, wird diese Hoffnung jeden Tag ein bisschen stärker. Vielleicht ist das das sicherste Zeichen, dass mein Baby langsam groß wird. Wie ich mich darauf freue! (Wisst ihr noch, die endlosen Posts über das Stilldrama mit Kalle? Wie glücklich wäre ich, mal wieder über was anderes schreiben zu können als über Nachtruhe.)

* jemand hat vor ein paar Wochen zu mir gesagt, ich sollte mich nicht so anstellen, das wüsste man doch vorher, dass Babys zu Schlafentzug führen. Kann sein, aber bitte stellt euch mal folgendes vor: beim nächsten Marathon lauern wir so ungefähr bei Kilometer 32 auf jemanden, dem man ansieht, dass er gerade gegen die innere Wand rennt. Nichts geht mehr, alles tut weh, und jetzt kommen wir, schwingen uns über die Absperrung, traben locker ein paar Meter nebenher und sagen ihm, wir wüssten gar nicht, was er hat, das wüsste man doch vorher, dass so ein Marathon anstrengend wird. Ich glaube, mancher wäre erstaunt, wie viel Kraft für eine entsprechende Reaktion doch noch in dem Wrack steckt.





Montag, 6. April 2015

And now for something completely different

Wer zwei kleine Kinder unter zwei Jahren hat, der sehnt sich nach Dingen, die sich einfach erledigen und abhaken lassen und funktionieren. Davon gibt es gerade nicht viele in meinem Leben. Also habe ich künstlich nachgeholfen und mir die 100-Rezepte-in-einem-Jahr-Sache ausgedacht. Ich wollte bis Silvester hundert mal nach Rezept kochen. Es müssen keine neuen Rezepte sein, auch keine aufwendigen, nur eins ist Bedingung: ich muss nachschlagen müssen, wie das geht, und es dann eben machen.
Heute ist der sechste April, und bisher stehen auf der Liste:

Gefüllte Paprikaschoten (Rezept: Mama) in zwei Versionen: mit Hack für Kalle und mich, mit Reis und Schafskäse für L.
Mexican Chocolate Icebox Cookies (Dinner: a love story)
“Persischer Auflauf” nach vagen Ideen von L., nachgeschlagen bei chefkoch.de
Blutorangen-Kardamom-Sorbet (A Change of Appetite)
Tomaten-Curry (Nigella Kitchen)
Kokos-Reis (Nigella Kitchen)
Zitronen-Risotto (allerdings mit Hirse), Nigella Bites
Gebackener Fenchel (Claudia Roden, Food of Italy)
Apfelnusskuchen (Food of Italy)
Popcorn Cookies (Smitten Kitchen)
Schweineschulter-Ragù (Dinner - a love story)
Linsen-Bolognese (eat - nigel slater)
Marmorkuchen (dr oetker, Backen macht Freude)
Fisch in Bierteig (Gordon Ramsay, great british pub food)
Indischer Dhal (Natural Basics)
Lauch in weißer Sauce (Nigella Kitchen)
Salt and Pepper wings (Nigella: Feast)
Orange Granita (Food of Italy) mit Bitterorangen
Damp lemon and almond cake (Nigella, How to be a Domestic Goddess)
Marcella Hazan’s Pork braised in milk (Dinner, a love story)
Risi e bisi (Nigella: Forever Summer)
Gebackener Schafskäse in der Folie (Delicious days)
Green Bean and Lemon Casserole (Nigella, Feast)
Überbackener Blumenkohl (What Katie ate at the Weekend)

Das sind 23 Rezepte in etwas mehr als einem Vierteljahr. Das heißt, ich bin noch hinter dem Soll zurück, aber ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen unter Druck. Und auch, wenn längst nicht jedes dieser Rezepte mit vielen Sternchen verziert wurde und auf die Liste der Sachen gewandert ist, die ich unbedingt bald wieder essen will, hat doch jedes eine ordentliche Dosis Selbstzufriedenheit mit sich gebracht, die ich gerade an anderer Stelle schmerzlich vermisse und dringend brauchen kann. (Falls es eine interessiert: unbedingt mindestens einmal im Monat essen will ich das Ragù von der Schweineschulter, das zehn Minuten Arbeit macht, die ganze Bude mit einem himmlischen Duft erfüllt, köstlich auf Pasta schmeckt, von Kalle geliebt wird und sich 1a einfrieren lässt. Außerdem Risi e Bisi, die grünen Bohnen mit Zitrone, das Zitronen-Hirse-Risotto, die Salt-and-Pepper-Wings, und spätestens zu Weihnachten mache ich die Mexiko-Kekse wieder. Nicht so angetan war ich z.B. von den Popcornkeksen, ein Rezept, das ich schon seit zwei Jahren umkreise, und in dem das Popcorn nur gestört hat, und was "What Katie ate" betrifft - ein Kochbuch, dass ich mir von meinen Eltern gewünscht und bekommen habe und das so hübsch aussieht - schwant mir gerade, dass es außer diesem hübschen Aussehen nicht so viel zu bieten hat. Aber wir werden sehen, die Rippchen z.B. probiere ich noch aus, genau wie ein paar der Backrezepte.) Ich weiß, es klingt nach Hausfrauenoverkill, sich mit zwei Würmchen auch noch ein Projekt zu suchen, aber mir hilft es. Denn nichts, was mit Kindern zu tun hat, lässt sich so gut planen und dann (oft innerhalb von gerade mal zehn Minuten) einfach machen. Ganz davon abgesehen, dass mit vollem Bauch fast alles besser geht.

Morgen um zwölf ist unser Termin mit Michel in Altona. Drei Monate sind um. Drei Monate mit mindestens 23 Stunden Schiene am Tag. Wenn ich anderen davon erzählt habe, ist mir neulich aufgefallen, habe ich es oft so erzählt, als wäre das alles toootal unkompliziert und einfach gewesen. Der Snowboard-Satz fiel z.B. oft. "Dann hat er zwei kleine Sandalen an, die werden beide fest in die Schiene eingeklickt, und dann steht er da wie auf einem kleinen Snowboard." Snowboard: da denkt doch keiner an Probleme, Behinderung, Arztbesuche und Kummer - saucooles Kind, als Baby schon auf dem Snowboard! Warum ich das immer und immer wieder so gemacht habe, kriege ich eines Tages auch noch heraus, es muss wohl irgendwie geholfen haben. Und Hilfe war nötig, es war nämlich alles andere als unkompliziert und einfach. Wenn ich die Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe, waren da oft merkwürdige Falten und Stellen am Fuß, und auch, wenn die Ärztin uns beruhigt hat, nachdem ich ihr das immer wieder als Foto gemailt habe - wer immer mit der Tube Bepanthen in der Hand jede kleine Rötung am Po verarztet und beim ersten Husten das Fieberthermometer sucht, den lässt das erst Recht nicht kalt. Die Hauptursache für das Scheitern der Klumpfuß-Behandlung sind inkonsequente und zu nachgiebige Eltern, das habe ich mir so oft vorgebetet. Egal, wie er gebrüllt hat, egal, wie mies die Nacht gerade war, gerade wenn er brüllte, haben wir die Schiene nicht ausgezogen. Denn auch ein drei Monate altes Baby ist schon schlau genug, um zu kapieren: ich brülle lang genug, dann bin ich das Ding los, also brülle ich mal. Und keine Unbequemlichkeit jetzt kann so schlimm sein, wie eines Tages mit schiefen Füßen durchs Leben schlurfen zu müssen. Also hat er gebrüllt, und wir haben die Zähne zusammengebissen. Mit dem Ding hat Tragen in der Manduca oder im Tuch nicht funktioniert, und in seinen wirklich großzügig geschnittenen Kinderwagen hat er damit auch kaum gepasst. Ich weiß, dass wir froh sein können, in einem Land mit so toller medizinischer Versorgung zu leben und dass es großartig ist, wie viel man heute tun kann - ganz ohne OP. Wenn ich mir die Bilder ansehe von seinen Füßen, die wir nach der Geburt gemacht haben, ist es nicht zu fassen, dass sie fünf Monate später so aussehen - bis auf die leichten Verformungen durch die Schuhe völlig normal. Wir sollten die Schiene also täglich loben und preisen und ein Foto von ihr in unseren Brieftaschen herumtragen. Aber trotzdem bin ich gottfroh, wenn wir morgen die erlösende Nachricht bekommen, dass er das Ding ab sofort nur noch 14 Stunden täglich tragen muss - also nur noch nachts und zum Mittagsschlaf. (Mittagsschlaf, Michel. Das wird was ganz Neues für Dich! Ist das spannend! Oder?)

Kalle kann inzwischen Ostereier suchen, finden und essen. Tatsächlich ist für mich gestern eins dieser Phantasiebilder wahr geworden, die mich als Abkürzungsdame immer mal gefoltert, mal bei Laune gehalten haben, und es war genau so, wie ich immer dachte. Wir sind durch den sonnigen Garten gelaufen, der zum Wochenendhaus von L.s Mutter gehört, wo wir jedes Jahr an Ostern sind. Ich hatte morgens im Schlafanzug Eier versteckt, und jetzt waren wir zu dritt unterwegs, Kalle mit einem kleinen Körbchen. Er hat sie alle gefunden, in sein Körbchen gelegt, auf das er nur zweimal gefallen ist, ohne größeren Schaden anzurichten, er hatte riesige Augen und ganz rote Wangen, und am Ende hat er den Inhalt seines Körbchens unaufgefordert mit uns allen geteilt. Ich konnte nur denken, und ich habe wirklich nicht mehr dran geglaubt, nur noch ein bisschen zum Spaß, dass das eines Tages mal passiert. Ist es aber.

Neues aus seinem Vokabular:
Alabala (Luftballon)
Dau (Michel)
Altsch (Saft)
Paltsch (Salz)
A-A (Giraffe)
Außerdem Lampe, Lachs, Anziehen, Tiger, Bär, Pipi, Milch, Ei, Hase und Nase.

Die Nächte sind gerade so grauenhaft, dass ich gar nicht anfangen will, ausführlich davon zu schreiben, denn wenn ich davon anfangen würde, hätte ich mich ruckzuck in eine Situation hineinmanövriert, in der ich mich ein Jahr lang nur noch entschuldigen und dankbar zeigen muss, damit das Internet mir das verzeiht. (Stellt euch bitte mal vor, man dürfte nicht über seinen Job meckern, ohne sofort hinterherzuschieben, dass man weiß, wie viel Glück man hat, überhaupt einen Job zu haben. Dass man weiß, wie viele einen Job verdient hätten, aber keinen haben. Dass man seinen Job liebt. Dass man überhaupt insgesamt eigentlich nicht meckern will, es ist nur so, dass... es wäre zum Durchdrehen.) Letzte Nacht hat Michel nur zweimal dazwischengefunkt, während ich mit meiner Schwiegermutter "Notorious" im Fernsehen gesehen habe. Um zehn bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Dann war er bis eins wach und ungnädig, wollte trinken, aber weder bei mir noch aus der Flasche, hat gekratzt, gezwickt, geknatscht und mich an den Haaren gezogen und mit seinen beschienten Füßen grün und blau getreten. Dann hat er geschlafen bis halb drei, bis fünf wieder Terror, dann Schlaf bis halb sieben, wieder eine halbe Stunde, diesmal ist Kalle aufgewacht und wollte zu mir ins Bett, und dann sind beide wie durch ein Wunder noch mal bis neun eingeschlafen. Seit halb eins konnte ich nur noch auf die erste Tasse Tee des Tages hinfiebern. Aber die hat dann auch wirklich geholfen.

Aber trotzdem: auch wenn äußerlich nichts, aber auch gar nichts besser wird: die Katastrophenstimmung ist dahin. Ich liege nachts da, so müde, dass ich nur noch schreien will, und denke: noch ein Jahr, dann habe ich zwei Kinder, die beide mit mir sprechen können, wenigstens ein bisschen. Die ich nachts in ihr Bett nebenan lege, die bestimmt auch mal nachts was wollen, aber die ansonsten verstehen, wenn ich abends zu ihnen sage: gute Nacht, schlaf gut, morgen wird ein schöner Tag.

Und das geht schnell, hoffentlich. Morgen wird ein gutes Jahr.

Freitag, 20. Februar 2015

Wird. Bestimmt, oder?

Einige Dinge lernt man mit der Zeit. Dazu gehört zum Beispiel, mit einem einzigen zarten Feuchttüchlein eine erstaunliche Menge Dünnschiss zu entfernen. Oder am Geknötter zu erkennen, ob Hunger, Kälte, Weltschmerz, Langeweile oder Müdigkeit das Problem ist. Oder Dinge mit Kind auf dem Arm mit einer Hand zu erledigen, für die man früher drei gebraucht hätte. Oder die Bude abends innerhalb von fünf Minuten zumindest oberflächlich betrachtet wieder so hinzuräumen, dass sich Erwachsene dort wohl fühlen können. (Und sich in trügerischer Sicherheit vor Kinderkram wiegen. Gerade bin ich in die nur schummerig beleuchtete Küche gegangen und habe mich dann mit einer Schüssel Heringssalat in der Hand hingepackt, weil ich auf Kalles Rutscheauto getreten bin, das ich aber ansonsten sehr empfehlen kann. Es ist ein italienisches Auto der Firma Italtrike, und es ist so ungefähr in jeder Hinsicht besser als ein Bobbycar: völlig geräuschlos, mit einem Gummirand zum Schutz von Möbeln, Türrahmen und Elternschienbeinen und extrem wendig. Eine Transportbox für Schätze hat es auch. Der Heringssalat hat sich auf einer Fläche von vier Quadratmetern verteilt.) Andere Dinge dagegen kriege zumindest ich wohl nie hin. Kein schlechtes Gewissen zu haben, egal weswegen. (Kind ausgeschimpft wegen ausgeleerten Müeslis: schlechtes Gewissen wegen Hartherzigkeit und trauriger Kinderaugen. Kind Müesli ausleeren lassen: schlechtes Gewissen wegen Erziehungsfaulheit und Prinzipienlosigkeit. Usw. usf.) Einen ganzen Tag zu überstehen, ohne ein Kind mit dem Namen des anderen anzusprechen. Oder einen ganzen Tag zu überstehen, ohne dass Kalle mindestens einmal mein Telefon in den Fingern hat, von meinem Teller isst oder aus meinem Glas trinkt, oder zwei verschiedene Socken anhat.

L. hat für 2015 einen Jesper-Juul-Abreißkalender gekauft, der uns jeden Tag mit einer anderen Erziehungsweisheit beglückt, und wenn er den Spruch des Tages vorliest, denke ich meistens nur patzig "Wäwäwäwäwä", "Jesper Jesper Polyester" oder etwas ähnlich Unseriöses. Andere verinnerlichen das alles sofort und setzen es auch mit links gleich in die Tat um! Ich aber nicht. Lange Zeit fühlte es sich trotz vollgeschriebenen Mutterpasses, nächtlichen Gebrülls und Milchstaus so an, als würde aus mir nie eine Mutter werden. Ich war so lange keine, vielleicht ja deshalb. Bis ich vor ein paar Tagen zum Einkaufen geschoben bin und zufällig mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe gesehen habe: Frau mit dunkelblauem Parka, enger Jeans, Uggboots, Häkelmütze, Doppelkinderwagen und zackigem Gang. Und da hat es mich wie ein Schlag getroffen: ich bin eine Hamburger Mutti. Bzw. diese Hamburger Mutti, das bin dann wohl ich.

Ok, bevor Michel wieder losbrüllt, schnell die Themen:

Kalles neue Kita
Es ist nicht zu fassen, aber nach anfänglichem Schneckentempo hat Kalle seit gestern offiziell die eigentlich vierwöchige Eingewöhnungsphase hinter sich. Jeden Tag geht er jetzt von neun bis drei in die Kita, und wir sind begeistert. Dort nehmen sie alles, wirklich alles, ganz genau. Die Stärken dieser Kita liegen mit anderen Worten genau an den Stellen, an denen ich meine Schwächen habe. Und das gibt mir das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, jetzt wird alles gut. Michel ruft nach mir, bisher ist es nur so ein diffuses Gemecker, aber gleich könnte mehr draus werden, deshalb im Schweinsgalopp weiter.

Michel
Michel hat seit ein paar Tagen bemerkt, dass er einen großen Bruder hat. Pflanzt sich Kalle vor ihm auf und zeigt ihm, wo seine Ohren, Augen, Mund und Nase sind, dann strahlt Michel ihn hingerissen an. So ein Lächeln habe ich von ihm noch nie bekommen, und Kalle lächelt zurück. Diese Momente können für eine Menge zerbrüllte Nachtruhe entschädigen, auch wenn sie nichts gegen die Augenschatten ausrichten. Ich habe außerdem gestern mal meine Badezimmerkommode aufgeräumt und festgestellt, dass ich noch für 24 Tage Femibion II habe, das stinketeuere Vitamin-Präparat für Schwangerschaft und Stillzeit. Ich habe jetzt mal so vage beschlossen, wenn die Tabletten aufgebraucht sind, stille ich ab. Jetzt sind fast vier Monate um und damit mehr Zeit, als Kalle insgesamt hatte. Es läuft nicht schlecht, aber es reicht immer noch nicht - ohne Fläschchen geht es nicht ganz. Und zwar genieße ich die kleinen Pausen, die Michel und ich zusammen haben können, wenn es irgendwie drin ist, mich mit ihm zum Stillen nach oben ins Bett zu verziehen. Aber diese Pausen sind dünn gesät, und auf dem Sofa oder im Sessel ist es wirklich nicht leicht, weil er erstens so groß ist und zweitens durch die Schiene so steif. Außerdem würde ich gerne irgendwann demnächst mit den ersten Breichen anfangen, und spätestens dann ist Schluss. Ich habe das Gefühl, wir sind so weit, das hinter uns zu lassen. Bevor eine findet, das klänge jetzt so, als hätten wir auch unsere Probleme hinter uns gelassen: haben wir nicht. Er brüllt, ich gähne. Aber auch gähnend sind seit dem letzten Post schon wieder mehrere Tage vergangen, und damit sind wir wieder ein paar Tage näher an dem Moment, an dem er seinen inneren Sonnenschein findet.

Das Pipiproblem
Dazu muss ich noch mal gesondert schreiben. Natürlich ist es als Versuchsaufbau nicht schlau, gleichzeitig die Physio und das eigenmächtige Training mit den Gewichten anzufangen. Da könnte ja jeder kommen, hinterher zu sagen, die Gewichte haben es gewuppt. Aber im Moment habe ich schon das Gefühl, die Gewichte tun mehr für mich als die Physio, und die Gewichte kann ich tatsächlich problemlos in meinen Alltag einbauen. Die Physiotherapie-Stunden laufen über weite Strecken so, dass ich auf einer Liege liege und unter Aufsicht der Expertin den Beckenboden anspanne, was sich gleichzeitig sehr anstrengend und sehr wirkungslos anfühlt - komische Kombination. Dazu muss ich auch nicht fünf Kilometer fahren und die Kinder wegorganisieren, das kann ich auch alleine. Ich habe sie jetzt schon mehrfach gebeten, mir ein paar Übungen beizubringen, die etwas sportlicher sind. Sie sagt, die gibt es nicht. Hm.
Aber zum Glück habe ich ja die Gewichte, und mit denen geht es tatsächlich voran. Mit Gewicht Nr.2 schaffe ich jetzt schon problemlos acht Minuten, wenn ich mich bewege, und zehn oder mehr, wenn ich stillstehe. Für jeden Tag, an dem die Pipibinde trocken bleibt, klebe ich jetzt einen kleinen blauen Punkt in meinen Kalender. Es werden in letzter Zeit immer mehr.

Liebe Damen, ich muss jetzt leider ran hier. A cowboy's work is never done!

Samstag, 10. Januar 2015

Probleme eins bis neun in ungeordneter Reihenfolge.

Problem Nr.1:
Aus irgend einem Grund führt die Schiene dazu, dass Michel keine Fläschchen mehr will, sondern nur noch gestillt werden. Leider kapiert meine Milchproduktion das nicht so schnell, wie sie sollte, so dass er ständig Hunger hat. Allerdings ist der Hunger nicht so groß, dass er nicht jedes Mal auf meine einwandfrei zubereiteten und temperierten Fläschchen reagiert, als wollte ich ihm kochende Batteriesäure füttern.

Problem Nr.2:
Er mag die Schiene einfach nicht. Und zu Anfang nehme ich sie und die Schühchen noch öfter mal ab, um zu kontrollieren, ob sich Druckstellen oder sogar Blasen gebildet haben. Immer nur für eine Minute, aber jedes Mal, wenn ich danach das ganze Gerät wieder an ihm festschnalle, sprengt das Gebrüll meine Trommelfelle.

Problem Nr.3:
Nach dem Gips sieht der rechte Fuß wirklich merkwürdig aus, auch wenn mir versichert wurde, das wäre alles im Rahmen und würde sich von selbst geben. Zum Beispiel hängt der kleinste Zeh jetzt nicht neben, sondern unter dem zweitkleinsten. Mich macht das nervös. Dienstag sind wir wieder da, dann muss ich darüber noch mal sprechen.

Problem Nr.4:
Nervös macht mich auch sonst noch so Einiges. Z.B. auch, dass seine Füße eben noch nicht in der Lage sind, unten und hinten am Schuh anzuliegen. Laut Internet sollen sie das, aber es geht eben nicht. Wollte ich, dass die Füße an der Ferse und der Sohle am Schuh anliegen, dann müsste ich sie ihm brechen. Der Gipsmann hat gesagt, das kommt noch, mich macht es trotzdem kirre. Nach dem Termin am Dienstag ist vorgesehen, dass wir drei Monate lang nicht wiederkommen mit ihm. Ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll, ohne dass wir durchdrehen - vor allem nach der Erfahrung mit vier Wochen Gips und "Wird schon werden, ist bisher immer gut gegangen" von dieser Woche. Wie fest ist bei diesen Sandalen zu fest? Wie locker ist zu locker? Was heißt hier "Wird schon", wann wird es schon? Woran sehe ich, ob es jetzt wird? Wann ist es zu spät? Woran unterscheide ich harmlose von gefährlichen Druckstellen? Und immer so weiter.

Problem Nr.5:
Ich weiß, man sollte immer einen Tag nach dem anderen sehen. Aber im Moment türmt sich diese ganze Behandlung als Riesenberg vor meinem inneren Auge auf. Das waren jetzt seit Mittwoch noch nicht mal ganz drei Tage - und er soll die Schiene ein Jahr lang rund um die Uhr und danach noch vermutlich bis zu seinem fünften Geburtstag zwölf Stunden pro Tag tragen. Im Moment denke ich nur: ach du Scheiße.

Problem Nr.6:
Die Nächte. Die Nächte sind einfach ein Albtraum, seit die Schiene dran ist. Am Abend, nachdem er sie bekommen hat, war ich bei einer Freundin mit ihm. Ich habe ihn im Maxicosi aus dem Auto in ihre Wohnung getragen, in das leicht abgedunkelte Nebenzimmer gestellt, und wenn die Damen ihn nicht unbedingt hätten besichtigen wollen, hätte ich ihn da für die kompletten zweieinhalb Stunden des Besuchs auch lassen können, so fest und friedlich hat er geschlafen. Ich war schon voller Optimismus. "Seht ihr, das war der Gips! Der Gips hat ihn so geärgert! Jetzt wird alles gut! Hach, endlich wieder schlafen!" Seitdem habe ich in keiner Nacht mehr als zwei Stunden bekommen. Wie er das macht - wo er doch angeblich zwanzig Stunden pro Tag braucht - ist mir ein Rätsel. Eigentlich schläft er gerade nur in zwei Situationen: während des Stillens (was früher in Ordnung gewesen wäre, aber jetzt nie lange vorhält, weil er, wenn wir beide auf der Seite liegen, nach kürzester Zeit wegen der Schiene in sich verdreht umkippt und so nicht liegen bleiben kann) oder wenn ich ihn im dunklen Zimmer herumtrage. Die magische 48-Stunden-Grenze nach dem ersten Anlegen der Schiene war gestern nachmittag und hat ihn völlig unbeeindruckt gelassen.

Problem Nr.7:
Kalle findet die Schiene extrem interessant. Wie toll, der kleine Bruder hat jetzt einen praktischen Griff! Mann.

Problem Nr.8:
Weil Michel jetzt noch mehr Aufmerksamkeit braucht, wird Kalle langsam eifersüchtig. Ich kann's verstehen, viel dagegen tun kann ich leider nicht außer besonders lieb und aufmerksam mit ihm sein, mich noch mehr zum Hirschen machen und jede freie Sekunde, die nicht von Michel beansprucht wird, jetzt in Kalle stecken. Ich weiß, das ist doof und ein typisches Frauending, aber die Schuldgefühle machen mich fertig. Ich kann jetzt wirklich keinen Schritt mehr machen, ohne entweder zu denken "der arme, arme Michel, ich Miststück" oder "der arme, arme Kalle, ich Miststück". In meiner Vorstellung, die vor allem nachts zwischen eins und sechs sehr aktiv ist, steuert das ganze unweigerlich auf das Szenario von zwei sich abgrundtief hassenden Brüdern zu. Ich weiß, mehr kann ich nicht tun, und das ist Mumpitz, aber sagt mir das doch noch mal nächste Nacht so um halb vier.

Problem Nr.9:
Ausgerechnet diesen Zeitpunkt sucht sich mein Rücken, um mich im Stich zu lassen.

Auf der positiven Seite kann ich berichten, dass ich heute noch nicht einmal geschrien oder geheult habe, dass jetzt in diesem Moment beide Brüder gleichzeitig eingeschlafen sind, dass sich bisher noch keine Druckstelle an den Füßen gebildet hat, dass Kalle durchfallfrei ist und dass mir auch heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist. Das ist doch was!

Samstag, 13. Dezember 2014

Wer hat sich das mit den zwei Armen eigentlich ausgedacht?

Es gibt Tage, da wäre ich gerne ein Krake.

Heute zum Beispiel. Oder gestern. Vorgestern auch. Und morgen vermutlich. Eigentlich gerade jeden Tag.

Zwischen meinen Kindern gibt es gerade keine Schnittmenge. Die Dinge, die sie wollen und brauchen, schließen sich gegenseitig aus. Habe ich Michel auf dem Arm und stille ihn, taucht binnen Sekunden Kalle an der Sessellehne auf und will jetzt sofort eine Nane (sein Wort für Bananen, aber auch für jedes andere Obst, das ihm schmeckt). Habe ich es geschafft, mit Kind in Position aufzustehen, zum Obstteller zu gehen, eine Banane einhändig zu öffnen und ihm ein Stück davon in die Hand zu drücken, ist er trotzdem nach fünf Sekunden wieder da, die Banane an einem Stück im Mund: "Isch. Isch isch isch isch ischischischischisch." Isch ist ein Fläschchen, eins mit Traubensaftschorle. Das kriege ich mit einer Hand definitiv nicht hin. Und zwar hat Michel einen kräftigen Sog, aber loslassen kann ich ihn trotzdem nicht mit gutem Gewissen. Also sage ich "Nein." oder "Später." Oder "Gleich."
Eine halbe Minute später muss ich das Baby trotzdem in seine Wiege legen, denn jetzt ist Kalle über einen Stuhl auf den Esstisch gestiegen und nimmt sich den Adventskranz vor. Am Adventskranz befestigt sind vier dicke rote Kerzen, jede mit Hilfe eines großen Eisennagels, den ich heißgemacht und umgedreht in das Wachs eingeschmolzen habe. Aus dem Kerzenende gucken fünf Zentimeter Nagel. Damit soll Kalle lieber nicht spielen.
Das alles wäre halb so wild, ich kann Kalle schließlich auch mal für ein paar Minuten stillen in seinen komfortablen und sicheren Laufstall tun. Problem ist nur, dass Michel schwer erkältet ist und gerade so ziemlich den ganzen Tag lang trinken und im Arm gehalten werden will. Kaum berührt sein Köpfchen die Matratze des Stubenwagens, brüllt er die Hütte zusammen. So dass es jetzt eben leider so ist: mache ich Michel glücklich, mache ich Kalle unglücklich. Mache ich Kalle glücklich, mache ich Michel unglücklich. Und wir erinnern uns, wie harmoniesüchtig speziell diese Ex-Abkürzungsdame ist. Ich drehe am Rad. Wann macht endlich diese Kita wieder auf, so dass ich wenigstens den halben Tag lang voll auf die Bedürfnisse von Kind II eingehen kann, von meinen eigenen mal ganz zu schweigen? Wird Kalle sich daran erinnern, wenn er mal größer ist? Vergiften diese Tage gerade die Beziehung zwischen den Brüdern für immer? Wie viele Unterbrechungen verträgt ein Stilldurchgang, bis einem Baby Magengeschwüre wachsen? Werde ich mir jemals wieder die Nägel lackieren, mehr Gin Tonic trinken, als gut für mich ist, und am nächsten Morgen ausschlafen? Wieso treibt mich das alles so um, während L. weiter seelenruhig sein Leben lebt?
Der einzige Moment, in dem Frieden herrscht, ist im Moment der, wenn ich abends mit beiden Babys im Bett liege und beide gerade eingeschlafen sind. Nicht für lange, nie für lange, zwar schläft Kalle durch, aber Michel ist auch dank Erkältung in spätestens zwanzig Minuten wieder voll da, darum genieße ich diesen Moment im sanften Schummerlicht der Hasenlampe auf dem Nachttisch auch nach Kräften. Dieses Bild, zwei schlafende Babys, bei dieser warmen Beleuchtung wie aus Marzipan geformt, beide in meinem Arm, und Kalle lächelt sogar im Schlaf: das präge ich mir ganz tief ein und trage es den ganzen Tag im Kopf wie ein Schutzamulett. Und darum freue ich mich jetzt schon morgens um sieben auf den Moment, wenn wir wieder schlafen gehen. (Sich aufs Ins-Bett-gehen freuen: das ist übrigens ein ziemlich zuverlässiges Anzeichen einer Depression, sagt man.)

Ach was. Meine Belohnung kommt. Ganz bestimmt! Und zwar bald. Spätestens in einem Jahr, wenn die zwei zusammen spielen, Adventskränze zerpflücken, beide in ihren Hochstühlchen sitzen und das gleiche Abendessen wollen, dann, dann wird es bestimmt ganz entspannt und fröhlich und harmonisch und lustig.

Yay!

Oder?

Montag, 1. Dezember 2014

Schlute Zeiten, Gechte Zeiten. Erster Teil.

Kurz nachrechnen und voller Stolz feststellen, dass ich jetzt seit vier Tagen keine Premilch zugefüttert habe. Alles selbstgekocht! Und das Baby lebt! Und wächst! Und nimmt zu! Und macht sich in die Hose! Man kann es riechen.

Eine Stunde später entnervt eine Flasche Premilch anrühren, weil er trinkt und trinkt und trotzdem mit meinen Bordmitteln nicht glücklich zu machen ist.

Stillen mit dem strahlenden Kalle daneben, der erst dem Kleinen über den Kopf streichelt und dann immer noch strahlend dazu übergeht, ihn kräftig in den Kopf zu kneifen, an seinen Haaren zu ziehen und sich mit vollem Gewicht an seinen Kragen zu hängen. Was mache ich dann? Ich sage nein. Ich sage nein und setze den mütterlichen Donnerblick auf, der laut dem französische-Nervensägen-Buch so wirksam sein soll. Ich sage, wenn du es jetzt nicht lässt, kommst du in den Stall (dabei kurz bedenkend, dass der Laufstall ja eigentlich nicht zur Strafkolonie werden soll), er zwickt weiter, und ich lege Michel kurz ab und trage Kalle ohne weitere Diskussion in den Stall, wo er brüllt. Und brüllt. Und brüllt.

Innerhalb von drei Wochen die Virenstämme Noro, Rota und Entero hier durchzuwinken und fünf Minuten nach der Abreise von Entero die ersten zarten Krümel an Kalles Wimpern zu entdecken, ein zuverlässiges Zeichen, dass er sich jetzt gerade meine Bindehautentzündung fängt und nächste Woche wohl wieder zuhause sein wird. Vermutlich durchgängig.

Kalles leuchtende Augen, wenn ich die erste Kerze am Adventskranz entzünde, und ihn hingerissen an einem Stück Berliner Brot nagen zu sehen - die stahlharten Kekse, die schon meine Oma gebacken hat, und die hoffentlich auch in hundert Jahren noch in dieser Familie untrennbar zu Weihnachten gehören. (Wer hätte gedacht, dass man sich mit einem so harten Keks so vollschmieren kann?)

Mich trotz Doppel-IVF-Erfolg immer noch bis zur Weißglut über die Firma Ferrero und ihre gedankenlose bis hinterfotzige "Was wäre Weihnachten ohne Kinder?"-Kampagne aufzuregen.

Die heißersehnte erste Tasse Tee des Tages nach einer völlig zerbrüllten Nacht jetzt zum achten Mal in die Mikrowelle zu stellen, vielleicht klappt es ja diesmal, sie wenigstens lauwarm zu trinken?

Mit L. die Sorte Streit zu führen, bei dem man sonst immer dachte, wenn ein Paar sich im Großraumabteil oder am Nachbartisch SO streitet, "Ach bitte, tut doch der Welt und vor allem euch den Gefallen und trennt euch, ist sicher besser so". Und zwar vor den Ohren der Kinder.

L. dabei zu sehen, wie er Flugzeug mit Kalle spielt oder Fußball guckt mit dem schlafenden Michel auf dem Bauch.

Einen offiziell aussehenden Brief zu öffnen und verblüfft festzustellen, dass Michel jetzt immerhin schon eine Steuernummer hat. Gut zu wissen, oder?

Siebzehn noch in Zellophan verpackte DVDs, die ich noch vor Kurzem unbedingt haben musste und jetzt vermutlich erst dann angucken kann, wenn man DVD-Player nur noch auf ebay bekommt unter Stichworten wie "Vintage! BOHO! Kate Moss!"

Jedes Mal, wenn Pläne für irgend etwas Spannendes oder Lustiges in der Zukunft gemacht werden, als erstes zu denken "Das schaff ich nicht. Das schaff ich nie. Wie soll das gehen? Das geht nicht. Nicht mit zwei Babies."

Die drei Meter lange Textstrecke im Kita-Verteiler zu folgendem Thema: die Kita kriegt den Durchfall nicht in den Griff. Jetzt soll im Foyer in anderthalb Metern Höhe ein Pumpspender stehen, mit dem sich bitte alle Eltern beim Kommen und Gehen die Hände desinfizieren. Aber was, wenn das Desinfektionsmittel in die Augen der Kinder spritzt? Ist es nicht schädlich, wenn man mit chemisch desinfizierten Händen kurze Zeit später sein Baby berührt? Ruiniert das Sagrotan unser Immunsystem? Sind die von der Kita verwendeten Reinigungsmittel nun zu scharf oder zu schwach? Gibt es da nichts Homöopathisches?

Und dabei zu denken, wir können uns hier alle einen Wolf desinfizieren und SMSen, so lange unter all diesen Kita-Eltern nur ein Paar ist, das es einfach nicht raffen kann oder nicht raffen will und weiterhin dem Kleinen noch fünf Minuten vor Aufbruch die durchgesuppte und zum Himmel stinkende Windel wechselt, ein wenig Raumspray versprüht, ihn trotzdem in die Kita bringt und sich schnellstmöglich mit abgeschaltetem Handy entfernt.

Die knallroten Blutergüsse in Michels Augen, die noch von der Geburt stammten und die seit ein paar Tagen verschwunden sind. So dass er jetzt einen ganz klaren, wachen Blick hat. Und Wimpern wachsen ihm jetzt auch.

Das Kunststück zu schaffen, mit zwei Kindern im Arm abends im Bett zu liegen, alle drei satt, gewaschen und in sauberen Pyjamas, und dann zu hören, dass beide friedlich und ruhig atmen und schlafen. Endlich.

Mich dann nach einer Weile wieder nach unten zu schleichen und noch schnell das Legotrümmerfeld vom Tag zu beseitigen. Die dreckigen Lätzchen in die Wäsche zu tun, die Fläschchen zu spülen und in das Dampfdings zu stellen, den Spinat vom Tisch zu wischen und das Hochstühlchen gleich mit zu kärchern, die Bauklötze in den Bauklotzsack zu tun, die Plüschtiere in die Plüschtierschublade, und dann sieht es hier fast aus wie bei normalen Menschen.

Mit dem riesigen Geschwisterwagen durch einen Supermarkt zu schieben und von einer fremden alten Dame mit Grabesmiene angesprochen zu werden: "Na, das ist ja eine Doppelbelastung. Sie Arme, Arme, Arme. Herrje."

Zu sehen, wie Kalle zehn Minuten lang hingerissen mit einem bunten Herbstblatt spielt.

Diesen Dienstag schon den vierten Gips an Michels Bein zu bekommen und zu sehen, wie gerade sein Füßchen jetzt schon aussieht. Wenn wir nicht die Erinnerungsfotos hätten, würden wir es in ein paar Wochen selbst nicht mehr glauben, wie krumm das alles mal war.

Kalles erste Schritte. Neben der blauen Truhe ist er aufgestanden und bis zu L. auf dem Sofa gelaufen. Zwei Meter fünfzig! Einfach so, nachdem wir es seit Monaten mit allen Tricks vergeblich versuchen. Und ich habe es noch nicht mal gesehen, weil ich nebenan gesessen und Michel gestillt habe.

Mittwoch, 19. November 2014

Michel, sein Bruder und die Viren.

So ungefähr vorletzte Woche habe ich die unverzeihliche Dummheit begangen, zu Kalles Kindergartentante zu sagen: "Das ist ja wirklich toll, noch vor ein paar Monaten kamen auf einen Tag Kita zwei Tage krank, und jetzt geht Kalle schon seit bestimmt sechs Wochen jeden Tag und ist kerngesund! Ich glaube, wir sind virenmäßig übern Berg."

Mütter kleiner Kinder werden sich an den Kopf fassen. Ich tue es ja auch. Why oh why? Letzte Woche Montag und Dienstag war Kalle wieder in der Kita, fröhlich ging er hin, fröhlich kam er zurück, und wenn das Telefon während des Vormittags klingelte, dann hatte uns der Anrufer immer nur Dinge ohne jeden Dünnschissbezug zu sagen. Wir hatten schon das Zusammenzucken verlernt, das andere Kitaeltern mit jedem Telefonklingeln verbinden. Ha!

In der Nacht zum Mittwoch hat Kalle sich so gegen zwei Uhr im großen Strahl ins elterliche Bett übergeben und brach in Tränen aus. Seitdem ist unser Leben irgendwie so ganz anders, als man sich das Idyll mit zwei kleinen Kindern in der tiefsten Kinderwunschzeit vorgestellt hat. Erst hat Kalle zwei Tage lang gekotzt. Dann kam der Dünnschiss dazu. Alle 60 Minuten war ein komplett neues Outfit fällig, samt neuem Wickelkommodenbezug und am besten noch neuem Nervenkostüm für uns. Dann fing L. an, über Kopf- und Gliederschmerzen und Magenkrämpfe zu klagen, und zog sich ins Bett zurück. Zum Glück war meine Mutter noch da, die seit der Geburt unser rettender Engel war. Dann wachte ich morgens auf mit Durchfall und Erbrechen. Dann hat es auch meine Mutter erwischt, am unverdientesten von uns allen. Es war nicht schön. Es war so unschön, dass ich noch nicht mal drüber schreiben wollte, denn das hätte es irgendwie noch schlimmer gemacht. Meine Mutter schlug sich weiter tapfer durch und sagte, sie würde noch so lange bleiben, bis Kalle wieder in die Kita könnte. Heute morgen war es so weit, gestern Nachmittag ist sie begleitet von unseren Segenswünschen abgefahren. Um viertel nach acht hat L. mit dem seit Samstag Durchfallfreien Kalle im Kinderwagen das Haus in Richtung Kita verlassen. Um viertel nach neun klingelte das Telefon: Kalle hat Durchfall und muss abgeholt werden. Und laut Kitaregeln darf er damit den Rest der Woche auch nicht hin. Wir gehen am Stock. Michel ist zwar als einziger gesund geblieben, aber im Stillen ist jetzt der Wurm. Obwohl es ganz gut lief, hat mein Magen-Darm-Virus eine kleine Krise verursacht, denn wo oben nichts reinkommt, kann vorne auch nichts rauskommen, und wir mussten zufüttern. Jetzt saugt er nicht mehr richtig und ist auch mit den Hütchen nicht so richtig glücklich. Ich weiß schon, was ich zu tun hätte, aber ich bin zu müde. Ich träume von einer Nacht, einer einzigen Nacht, in der ich acht Stunden schlafen kann, ungestört, in einem sauberen, großen, bis auf mich leeren Bett, frisch bezogen, mit einer Flasche Mineralwasser auf dem Nachttisch und meinem Kindle in Griffweite, das Fenster auf Kipp und die Decke bis an die Nasenspitze. Dieser Traum wird sich so schnell nicht erfüllen. Nicht, so lange hier täglich zwei Maschinen randvoll mit vollgeschissener Kinderwäsche laufen. Nicht, so lange wir Kalle alle Nahrungsmittel abschlagen müssen, die er gerne mag. Nicht, so lange er deshalb die Nächte durchjault, weil er nicht versteht, dass seine gewohnte nächtliche Premilch gerade nicht geht. Nicht, wenn wir uns selbst vermutlich gerade die zweite Runde Virenspaß einfangen. Nicht, so lange L. eigentlich mit Hochdruck auf eine anstehende Prüfung lernen müsste. Nicht, so lange die beiden Knirpse nicht gelernt haben, sich nachts selbst ein Brot zu schmieren, wenn sie Hunger haben, oder eben einfach noch ein paar Seiten Harry Potter zu lesen, wenn sie nicht schlafen können. Dann vielleicht. Dann irgendwann.

Dienstag, 18. November 2014

Michel und sein Bruder.

Vor dreizehn Tagen ist Kalles Mutter mitten in der Nacht aus dem Bett gestiegen und hat angefangen, in regelmäßigen Abständen zu stöhnen und herumzubrüllen. Dann musste Kalle auch aus dem warmen Bett, sich anziehen, mit seinen Eltern ins Auto steigen und in ein riesiges Gebäude fahren, in dem sie durch endlos lange Gänge gelaufen sind. Immer noch mit der brüllenden und fauchenden Mama. Dann ist Mama in ein Zimmer verschwunden, und Kalle durfte nicht mit. Und als er eine Weile später doch rein durfte, war Mama (die in letzter Zeit ganz schön zugelegt hatte, wenn wir mal ehrlich sind) plötzlich weniger dick, dafür ziemlich kaputt, und auf ihrem Bauch lag ein schrumpeliges kleines Wesen, das aus vollem Hals brüllte. Das Schrumpelwesen ist seitdem nicht wieder weggegangen, und Mama hat jetzt viel weniger Zeit. Ist sie mal im gleichen Zimmer, hat sie meistens Schrumpi auf dem Arm und lächelt ihn sonnig an. Schrumpi benutzt aber nicht nur die gleiche Mama wie Kalle, sondern auch die gleiche Wickelkommode, das gleiche Bett, den gleichen Papa, die gleiche Oma und manchmal das gleiche Fläschchen (auch, wenn das jetzt angeblich aufhören soll).

Da kann man schon mal etwas schmallippig werden, finde ich.

Zum Glück sieht Kalle das wohl anders. Kommt Michel in Sicht, dann robbt er strahlend auf ihn zu, streicht ihm zart über den Kopf und sagt "Ei". Grinse ich ihn daraufhin wohlwollend an, macht er das noch ein paar mal, und erst nach einer halben Minute (oder so) zieht er ihn mal vorsichtig am Ohr oder am Strampler. Das darf er nicht, ich sage "Nein", und dann lässt er es. Davon abgesehen scheint er bemerkenswert wenig Fusselhirn geerbt zu haben. Er kriegt jetzt einen kleinen Bruder, das ist doch toll! Jemanden zum gernhaben, der später mal mit ihm spielen kann! Das scheint ihm wirklich ziemlich klar zu sein. Doll. Und ich dachte... aber was ich denke und was passiert, sind ja schon seit langem zwei Paar nicht kompatible Schuhe.

Bleibt das jetzt so? Vermutlich nicht. Aber so lange es so bleibt, genießen wir es wie einen unverhofften gleichzeitigen Mittagsschlaf oder zwei Stunden ungestörte Nachtruhe.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Würmchen II und ich stehen jedenfalls auf der Gästeliste.

Seit gestern sind wir im AK Altona angemeldet. Wieso erst seit gestern? Mir kam das auch knapp vor, aber das war nun mal der Anmeldungstermin, den sie mir im Juli gegeben haben. Meine Gefühle dazu sind, wie eigentlich zu fast allem, gemischt. Als ich gestern zurück zum Auto gegangen bin, hatte ich einen Anfall von Heimweh nach dem UKE. Aber nun ist es eben so.

Altonas Vorteile:
Dort sitzen die Klumpfußspezis, auch wenn ich gestern informiert wurde, die eigentliche Behandlung würde erst beginnen, nachdem wir schon wieder zuhause wären. Woraufhin ich sofort dachte "Was mache ich dann hier?". Aber auch vor Beginn der Behandlung werden die Spezis hoffentlich den Fuß schon mal ansehen und einen Plan machen. Wehe, wenn nicht.
Ist man erst mal von der Autobahn runter, braucht man noch zwei Minuten bis ins Parkhaus.
Man hört über dieses Krankenhaus nur Gutes.

Altonas Nachteile:
Das UKE ist seit dem 20.Juli 2013 Träger der Flora-Vertrauensmedaille in Gold. Die muss Altona sich erst mal verdienen.
Ich weiß, damit stehe ich ziemlich alleine da, gerade wenn es um Schwangerschaft und Geburten geht, aber ich MAG große Krankenhäuser. Mit vielen verwirrend angeordneten Stationen, Hunderten von Ärzten und ganz viel Gewühl. Und das gestern wirkte doch ziemlich lütt.
Mein Frauenarzt gestern sah gut aus. Da kann ich ja so gar nicht drauf. Schon gar nicht, wenn wir uns demnächst wiedersehen und ich die mit dem krebsroten Kopf bin, die blutend, brüllend und stinkend und mit Sauerstoffmaske überm Gesicht in den Seilen hängt. Mein Typ Frauenarzt ist erstens eine Frau und zweitens von der energischen, zupackenden und raubeinigen Sorte. Genau die Sorte wie im UKE. Ach, UKE. Wieso hast du keine Klumpfußspezis? Wir könnten so glücklich zusammen werden, Du und ich.
Zwar ist es von der Autobahn aus nicht weit. Aber bis wir erst mal an der Ausfahrt sind, haben wir einen ziemlich weiten Weg über einen Autobahnabschnitt, der unter normalen Umständen wegen des Elbtunnels schon mies ist. Jetzt sind da überall Baustellen, man kann also im alleräußersten Notfall noch nicht mal hupend und mit Warnblinkanlage über den Standstreifen dran vorbeifahren. Außerdem ist das für alle weit, nicht nur für uns. Auch der Besuch hat es ungefähr fünfmal so weit wie vorher. Und meine Familie kennt sich da schon mal gleich gar nicht aus.
Altona ist ganz stolz auf sein Storchennest, die Familienzimmer, die eigentlich mehr sind wie ein Hotel. Bei Würmchen I dachte ich noch, das wär's. Jetzt will ich das gar nicht mehr, mich mit L. für drei Tage da einigeln. Erstens ist L. nicht der Typ dafür, zweitens ich auch nicht, drittens haben wir Würmchen I und einen Hund, wo sollen die denn bleiben? Dieser Altona-Vorteil ist mir also völlig egal. Nee Nee Nee, Altona, so nicht.
Im UKE hat die Geburtsanmeldung zwar gleich dreimal so lange gedauert wie das gestern, aber dafür wurde auch direkt ein Ultraschall gemacht, der Muttermund überprüft usw. Gestern - nichts. Ich werde mich bis Freitag gedulden müssen, um zu erfahren, ob das Kind tatsächlich noch quer liegt und ob sonst alles in Ordnung ist. Auch sonst hätte ich die Hälfte von allem, was ich gestern von der ersten Geburt zu berichten hatte, auch der Wand erzählen können. Irgendwie scheinen die zu denken "Red du nur, Patientendings, wir machen dann schon."

Und tadaaaa: Einmal gemischte Gefühle bitte für die Dame!

Außerdem habe ich zu erzählen, dass ich ein ganz tolles neues Buch entdeckt habe: The light years von Elizabeth Jane Howard. Das Beste daran ist, dass es das erste einer Reihe von Fünfen ist, die ich jetzt alle noch vor mir habe. Es geht um eine englische Familie, die sich jeden Sommer im Haus der Eltern trifft. Klingt langweilig und nach Rosamunde Pilcher, ist es aber nicht. Ich habe lange nicht mehr mitten in der Nacht drei Stunden am Stück auf der winzigen Kindle-App meines Telefons gelesen, ohne aufhören zu können, aber genau so war es die letzten drei Nächte.

Und von Würmchen I gibt es auch Neues: er macht Anstalten, mit dem Löffel zu essen, er sagt inzwischen "Äsch" für Fläschchen, "Üss" für Tschüs, Mama und Papa für Mama und Papa, "Mma" für Oma, "Ham" für haben, macht die Tiergeräusche von Hunden, Schlangen, Löwen, Hähnen, Elefanten und Pferden nach und hat neulich versucht, eine Lampe in Betrieb zu nehmen. Nachdem der Schalter nichts ausrichtete, hat er den Stecker genommen und wollte ihn in die Steckdose stecken. Er guckt sich gerne mit mir zusammen Kochbücher an und macht bei fast jedem Foto "Hmmmmm!" dann grinst er mich an und klatscht in die Hände. Er spielt gerne fangen, und wenn ich gaaaaanz laaaaangsam hinter ihm her krabbele und ihn verfolge, dann bricht die reine Hysterie aus. Er lässt sich gerne an einer ausgemusterten Hundeleine auf dem Bobbycar durch den Garten ziehen, liebt seine Bilderbücher (gestern hat er leider eins mit unter die Dusche geschmuggelt) und hat gerade eine Leidenschaft für auf-zu, an-aus, auf-ab und da-weg. Er wird tatsächlich groß, der Kleine. Nur nachts, wenn er neben mir liegt in seinem Schlafsack, mit seinen hellen Bäckchen und den Fäusten und den Locken im Genick, dann ist er ein Baby.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Außerdem.

Als ich noch frisch und doof in Hamburg war, habe ich erstaunlich lange gebraucht, um den Gebrauch von "Außerdem" hier zu verstehen. Man steht im Laden, kauft irgendwas, und die Verkäuferin sagt "Außerdem." mit Punkt dahinter. Wochenlang dachte ich, die erzählt gerade ihrer Kollegin irgendwas, meine Bestellung hat sie dabei unterbrochen, und jetzt will sie noch etwas ergänzen. Erst nachdem mich viele Verkäuferinnen lange und eindringlich anstarrten, nachdem sie "Außerdem." gesagt hatten und nie eine Anstalten machte, nach dem "Außerdem." noch weiterzusprechen, dämmerte mir langsam, dass "Außerdem." in Hamburg heißt "Darf's sonst noch was sein?"

Heute fehlt mir wieder mal die Energie für einen Post, der sich entweder auf ein Thema konzentriert oder die Themen irgendwie sinnvoll verknüpft. Also wird es ein Außerdem-Post.

Außerdem. Mein Sohn bekommt tatsächlich Zähne. Das heißt, er bekommt sie nicht theoretisch und als Erklärung für nächtliches Gebrüll oder Verstimmung (wie seit Monaten, und dann passiert wieder doch nichts), sondern kleine, scharfe Kanten ragen aus seinem Zahnfleisch. Die unteren beiden Schneidezähne hat er jetzt seit bestimmt zwei Monaten, vielleicht sind es auch vier? Und dann kam einfach nichts mehr. Ich dachte schon, das bleibt so. Und das, wo er so scharf ist auf normales Menschenessen! Man kann in unserem Haus nichts mehr in den Mund stecken, ohne dass er aufgeregt fauchend angekrabbelt kommt und etwas abhaben will. Dabei geben wir uns große Mühe, ihn nicht durch unsere Vorurteile, was Babys mögen und was nicht, um die ganz großen Geschmackserlebnisse zu bringen. Er liebt z.B. alkoholfreies Bier, das während dieser Schwangerschaft bei uns in Strömen fließt. Er liebt außerdem Muscheln, Knoblauch, Chili, Schinken, stinkigen Käse und Kirschen. Vorgestern hat er hingerissen an einem Stück roher Zwiebel gelutscht. Da kommen die neuen Zähnchen gerade richtig. Ich gebe mir Mühe, ihn von Salz, Frittiertem und potentiell Salmonellenverseuchtem fernzuhalten, und Honig darf er auch nicht, aber ich lasse ihn ansonsten machen. Er macht das sehr gut, und im Zweifel ist die Menge ja immer nur winzig - sollte mir jetzt eine eifrige Blogdame erklären, dass Zwiebeln aber gar nicht gut für die Verdauung blablabla, dann kann sie sich das sparen, denn er nimmt davon ein vielleicht zwei Zentimeter langes Stückchen zu sich. Gäste müssen sich erst dran gewöhnen, dass sie auf dem Sofa sitzen und einen Teller auf dem Schoß haben und binnen Sekunden ein kleines rundes Gesicht mit großen blauen Augen über dem Tellerrand auftaucht und kurz danach eine dicke kleine Hand nach ihrem Essen greift.

Außerdem. Leider habe ich nur wenig Begabung für Naturwissenschaften, darum kann ich es nicht selbst machen. Aber kann bitte irgendwer eine Pille erfinden, die wie Sonnencreme wirkt? Ich meine nicht so etwas wie Beta-Carotin, sondern echten Sonnenschutz in LSF 20 bis 50. Jeden Morgen würde ich eine Kapsel schlucken und mir ansonsten keine Gedanken mehr machen. Natürlich wäre der Schutz wasserfest. Inzwischen sind die Sonnencremes zum Glück nicht mehr ganz so klebrig wie noch vor drei Jahren, aber trotzdem finde ich es im Sommer schrecklich, nach einer durchgeschwitzten Nacht endlich frisch geduscht zu sein und dann nach einer halben Minute Sauberkeit und Frische schon wieder diese Schlonze auf mich draufschmieren zu müssen. Ich wäre bereit, für so eine Pille fünf Euro pro Tagesdosis zu zahlen. Ach ja, und Schwangerschaftsverträglich sollte sie auch sein.

Außerdem. Diese Schwangerschaft ist gerade gruselig unspektakulär, alles ist wie unschwanger, nur mit Bauch. Ich habe im Moment weder Kreislauf-Haschmichs noch Launen oder extreme Müdigkeit (die über das hinausgeht, was man erwarten kann, wenn das Baby gerade Zähne kriegt und man sowieso eine Schlafstörung hat). Tritte oder dieses berühmte Flattern von Schmetterlingsflügeln sind auch noch nicht zu bemerken. Freitag ist endlich, endlich der nächste Arzttermin, und ich bin etwas bammelig. Was, wenn der ganze Spuk schon wieder vorbei ist? Zugenommen habe ich bisher knapp vier Kilo (auch wenn es im Spiegel nach wie vor aussieht wie acht), und nächste Woche beginnt der sechste Monat; das ist nicht die Welt, und glaubt mir, am Essen soll es nicht scheitern. Das einzige abgesehen vom Bauch, das mein Körper gerade anders macht als sonst, ist der Pony. Dieser Pony ist allerdings ein Knaller. Anfangs dachte ich, da wachsen Haare nach, die das Baby mir ausgerissen hat. Aber so viele Haare waren es nie, und das Ausreißen hat er längst wieder aufgegeben. Trotzdem sprießt mir am Haaransatz ein ungefähr einen Zentimeter breiter Streifen aus putzigen kleinen Löckchen. Meine Stirn ist jetzt halb so hoch wie vorher. Ich sehe aus wie ein Hobbit. Mit Haarklämmerchen wegstecken geht nicht, Stylingprodukte machen alles nur schlimmer. Das Schlimmste ist, dass man denken könnte, das wäre Absicht und ich würde versuchen, den Look dieser auf Porzellan gemalten Schäferinnen zu imitieren, aber leider erfolglos. Moderne Großstadtdame mit Job und Ideen geht anders.

Außerdem. Die Dame von Merck hat mir geschrieben, dass inzwischen mehrere Videos von unserem Chat-Abenteuer online sind, und mich gebeten, sie hier zu veröffentlichen. Das tue ich jetzt nicht so gerne, denn ich sehe mich selbst nur sehr ungern im Film. (Ich habe es schon als Kind kaum ertragen, meine Stimme auf Cassette zu hören. Also.) Wer es gerne sehen will, kann es googeln: Merck Serono Expertenchat Kinderwunsch, ich bin sicher, so kommt man mit zwei Klicks ans Ziel. Viel Spaß dabei!

Außerdem. Ich habe zwei neue Lieblingsprodukte. Der Eve Lom Reiniger bekommt eine 1. Natürlich ist es ein bisschen unfair, während einer Schwangerschaft ein neues Kosmetikprodukt zu adoptieren und dann darüber zu schreiben, denn am Ende ist die Wirkung der Hormone vermutlich viel schwerwiegender als die Wirkung irgendwelcher Cremes und Seifen, aber ich war lange nicht mehr so angetan von einer neuen Kosmetik. Jeden Abend streiche ich mir eine winzige Menge davon ins Gesicht, lasse heißes Wasser ins Waschbecken, mache das mitgelieferte Musselintuch nass und drücke es mir dreimal für ein paar Sekunden ins Gesicht, dann reibe ich das alles ab und lege das Tuch noch mal kalt auf die Haut. Anschließend Thermalspray und Creme, fertig. Morgens verwende ich gar kein Reinigungsprodukt mehr, sondern nur noch Wasser. Ich finde, meine Rötungen sind viel schwächer geworden, und meine Haut scheint auch sonst sehr einverstanden damit zu sein. Außerdem habe ich zum ersten Mal die Steamcream ausprobiert. Sie soll angeblich von einem Ableger von "Lush" produziert werden, auf die ich nicht besonders stehe, ich halte Kosmetikläden nicht aus, die so penetrant nach Kinderkaugummi riechen. Die Steamcream kommt in einer Dose aus Metall, die immer wieder anders bedruckt wird. Sie ist vegan (nicht, dass mir das jemals wichtig gewesen wäre...), kommt ohne Tierversuche aus (was mir allerdings schon wesentlich wichtiger ist), duftet nach Lavendel und ist irgendwie mit Hilfe von Dampf hergestellt, daher der Name, so dass sie ohne bestimmte Binde-Chemikalien auskommt, die scheinbar in anderen Cremes sind und ohne die alles noch viel toller ist. Wie auch immer. Darüberhinaus kostet sie (im Gegensatz zum Eve Lom Reiniger, der eine echte Investition ist) ungefähr die Hälfte meiner bisherigen Nachtcreme, die von Roche Posay war und damit auch schon kein Luxusprodukt. Man kann sie unter anderem bei amazon bestellen. Ich werde es auf jeden Fall wieder tun, ich mag den Geruch, und sie tut ihren Job wirklich sehr gut: ich hab das Gefühl, meine Haut kriegt alles, was sie braucht, speckt nicht, pickelt nicht und fühlt sich gut an. Nachdem die duften Schwangerschaftshaare aber weiter auf sich warten lassen, bin ich dankbar für jeden Tipp für eine wirklich gute Spülung für trockenes, lockiges Haar. Frizz-Ease, Pantene, Nivea und Balea habe ich durch, meine Haare auch.

Außerdem. L. startet ein neues Ernährungsexperiment, er hat sich ein Buch über vegane Ernährung gekauft, und ich versuche, nicht am Rad zu drehen. Die Anti-Kohlenhydrate-Zeit war eine harte Probe für mich, dass er kein Schweinefleisch mehr isst, habe ich inzwischen ziemlich gut in meine Kocherei eingebaut, und eigentlich lief es gerade gut zwischen L., meinem Herd und mir. Und jetzt das... ächz. Zum Glück habe ich von Anfang an klar gemacht, dass er selbst ran muss, wenn er vegan essen will. Das ist nicht meine Welt und wird es auch niemals sein. In meiner Welt ist Essen und Kochen eine niemals versiegende Quelle von Spaß, Vorfreude, Trost, Abenteuer und Entspannung, und ich werde den Teufel tun, mir irgend etwas davon selbst und ohne Not zu vermiesen. Ich werde berichten.

Außerdem. Freitag erfahre ich nicht nur, ob Würmchen II gesund ist, sondern hoffentlich auch endlich, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Und diesmal ist die Ungeduld wirklich reine Neugier. Ich freue mich dämlich über zwei kleine Jungs mit ihren Jungsritualen und ihren Jungsbefindlichkeiten, aber genau so dämlich freue ich mich über einen Jungen und seine kleine Schwester. (Wenn es eins gibt, was ich fast noch niedlicher und rührender finde als kleine Jungs, dann sind es kleine Mädchen, die ein bisschen wie kleine Jungs sind. Die Sorte Mädchen mit Gummistiefeln, die gerne Frösche fangen und auf Bäume klettern.) Ich finde, langsam wird es Zeit, dass wir erfahren, was es wird. Mein Bauch kommt schon eine halbe Sekunde vor mir ins Zimmer, jetzt müsste man es doch langsam mal sehen?

Außerdem. Rund um den Expertenchat klang ein paar mal an, ich wäre ja jetzt ein gutes Beispiel dafür, dass es auch nach X Fehlversuchen noch klappen kann. "Dranbleiben lohnt sich, oder? Haha!" Ich weiß nicht. Manchmal lache ich dann mit und murmele irgend etwas Zustimmendes, aber eigentlich sehe ich das eher kritisch. Natürlich hat es bei uns geklappt, und zwar sogar mit Glück demnächst ein zweites Mal. Insofern: ja, für uns hat sich dranbleiben gelohnt. Daraus aber eine allgemeine Verhaltens-Supertipp-Regel zu machen - eher nicht. Es hätte auch nicht klappen können. Wir hatten Glück. Genau so gut hätten wir Pech haben können. Wir sind auch deshalb dran geblieben, weil für uns dranbleiben verhältnismäßig leicht war. Ich hatte immer wenig Nebenwirkungen, weniger jedenfalls als viele andere, und habe unter den Behandlungen auch deshalb weniger gelitten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die IVFs unsere Beziehung an ihre äußersten Grenzen führen. Und - ganz schnöde, aber darum nicht unwichtig - wir konnten es bezahlen, ohne uns komplett zu ruinieren.

Was mich zum letzten Außerdem für heute bringt: Außerdem. Beim Chat hatte ich zum ersten Mal ernsthaft Kontakt mit dem Themenfeld "finanzielle Unterstützung für IVF-Patienten, die über das hinausgeht, was die Krankenkassen zu bieten bereit sind." Auf das Thema war ich gespannt, ich dachte sogar schon - ist ja spannend und toll, am Ende werden Paare, die es sich wirklich nicht leisten können, staatlich so weit unterstützt, dass es dann eben doch geht? Denn es kann ja nicht sein, dass die Erfüllung des Kinderwunsches wirklich am Gehalt scheitert? Was ich erfahren habe, war dann relativ ernüchternd: so viel passiert da nicht. Einen kleinen Teil des Eigenanteils übernimmt der Staat unter Umständen, dann ist Schluss. Und ich frage mich: wieso gibt es dafür noch keine Stiftung? Eine Stiftung, die Geld sammelt, um wirklich armen, ungewollt kinderlosen Paaren unter die Arme zu greifen? Meinetwegen auch gebunden an eindeutige Diagnosen und individuelle Erfolgsprognosen und was weiß ich was, aber das wäre doch toll? Man könnte außerdem übrig gebliebene Medikamente sammeln und dort einsetzen, wo sie gebraucht werden, man könnte Ärzte einbinden, man könnte eine Menge tun gegen den Ruf von Reproduktionsmedizin, eine Krücke für alternde, reiche Karriereziegen zu sein, und man könnte vielleicht am Ende stolz darauf sein, jedes Jahr ein bisschen was dazu beigetragen zu haben, dass ein paar glückliche Eltern ihr Wunschkind in den Armen halten. Wenn das nichts ist? Oder gibt es das schon? Dann, wie einer meiner Chefs sagt, lege ich mich auch wieder hin.