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Sonntag, 26. Oktober 2014

Mach aus.

Fast drei Monate ist Momo jetzt tot. Sie liegt bei der Tochter ihres alten Frauchens im Garten, die hat ihr bestimmt ein schönes Grab gemacht - wer weiß, vielleicht sogar mit einem kleinen Stein oder einer Hundefigur? Genau weiß ich es nicht, denn ich war noch nicht da. Als wir uns zuletzt gesehen haben, damals in der Klinik, hat sie noch zu mir gesagt, ich sollte doch mal vorbeikommen. Aber ich habe auch gesagt, ich würde meine Fotoarchive noch mal durchwühlen nach allem, was ich von ihr finden kann, und ihr die Fotos schicken, und auch das habe ich noch nicht gemacht. Ich hoffe, ich komme bis Weihnachten dazu, das auch tatsächlich zu tun und vielleicht sogar ein kleines Album zu machen - genau wie alle vorangegangenen Fotokollektionen in doppelter Ausführung, einmal für die Mutter, einmal für die Tochter. Andererseits, da war doch was... mal sehen.

Inzwischen ist das Leben ohne die alte Fluse ziemlich eingespielt. Direkt nach ihrem Tod kam z.B. Würmchen in die Kita, und für die Kita müssen wir ihm morgens ein Frühstück fertig machen - ein Brot und Obst. Während ich ihn anziehe, wartet dieses Frühstück in eine Brotdose verpackt im Korb seines Kinderwagens auf den Abmarsch. Würde Momo noch leben, wäre das nicht möglich. Sie würde sich im Zweifel durch eine Brotdose einfach durchfressen. Oder sie würde die Dose samt Inhalt verschlucken. Oder sie würde sie aus der Karre holen, in irgend einen Winkel schleifen und dort alles ausprobieren, was ihr einfällt (das wäre vermutlich eine Menge), um an den Inhalt ranzukommen. Es wäre jedenfalls nicht möglich, die Dose in die Karre zu tun und zehn Minuten später mit Kind und Dose und Frühstück das Haus zu verlassen. Ich bin froh, mir den Dosenstress morgens zu ersparen, aber es packt mich doch auch eine leise Wehmut, wenn ich sehe, wie lammfromm unser (auch verfressener, keine Frage) Hund Lili neben der Kinderkarre sitzt und im Zweifel die Dose eher noch bewacht als ausräumt.
Butter, Käse, überhaupt so ziemlich jedes Lebensmittel darf jetzt wieder in Randnähe auf Tischen und Küchenflächen liegen. Niemand holt ein halbrohes Steak aus der glühendheißen Pfanne. Backe ich einen Kuchen und renne kurz in den Keller, um die Backform zu holen, dann komme ich wieder, und niemand hängt mit der Nase in der Rührschüssel der Küchenmaschine und leckt sie aus, während der Quirl sich noch aufgeregt dreht. Niemand beißt mir die Handgelenke grün und blau, weil er gestreichelt werden möchte. Niemand haucht mich mit diesem Todesatem an, der nur entsteht, wenn ein Hund im Hochsommer durch Gebüsche streift und jede Spur Bierschiss frisst, die er finden kann. Niemand springt mir mit messerscharfen Nightmare-on-Elm-Street-Krallen in den Rücken oder in den Bauch und zerschlitzt dabei Seidenhemden, Strickjacken und nicht zuletzt meine schwangerschaftsbedingt sowieso schon strapazierte Haut.

Als ich frisch schwanger war, haben sowohl mein Vater als auch ein Freund von uns (der eine großer Hundeliebhaber, der andere nicht) zu uns gesagt: jetzt, wo noch ein Baby käme, würden wir ja wohl selbstverständlich unseren Pflegehund wieder abgeben? Das ginge doch nicht, mit zwei Hunden und zwei Babies? Das könnte kein Mensch erwarten? Wir waren perplex. Momo jetzt wieder abzugeben, kam uns ähnlich undenkbar vor, wie das erste Kind abzugeben, um mehr Zeit für das zweite zu haben. Naja, nicht ganz, aber es stand außerhalb jeder Diskussion. Natürlich würde das rummelig werden. Natürlich würden wir alle ordentlich zu tun haben. Natürlich würde es hier und da klemmen. (Das Auto z.B. - ein Auto, in dem zwei Kindersitze, ein Doppelkinderwagen, zwei Erwachsene, zwei Babies und zwei Hunde plus ihr ganzer Krempel für ein verlängertes Wochenende, ganz zu schweigen von einem Urlaub Platz haben, muss man erst mal finden. Und bezahlen. Und finden.) Aber das würden wir ja wohl hinkriegen?
Dann kamen dieser Kacktag im Juli, die dusseligen Putzleute und der silberne, viel zu schnelle Van, und jetzt ist es eben doch so: zwei Kinder, nur noch ein Hund. Unser Auto werden wir erst mal behalten, wir überlegen, einen dieser Dachsärge zu besorgen, in den dann die Karre und einiges Gepäck passt. Außerdem habe ich mir überlegt, dass für den Preis eines echten Vans - den wir ja nur bräuchten, bis die Kinder nicht mehr in der Karre sitzen - eine Menge Bahntickets und Taxifahrten drin sind, wenn wir also wirklich mal z.B. übers Wochenende in die Heide wollen mit der ganzen Bande, dann laden wir eben das Auto voll bis unters Dach, und Mutti fährt mit Würmchen I feudal im Taxi hinterher. Oder im Auto meiner Schwiegermutter. Oder wie auch immer. Ich schmiere morgens das Kitabrot und verschwende keinen zweiten Gedanken daran, wo ich es am sichersten aufbewahren kann. Und wenn alle Stricke reißen, dann werde ich auch jetzt im neunten Monat noch mal für eine kurze Strecke mit Kinderkarre und einem Hund an der Leine fertig.

Selten hat mich etwas, was so praktisch war, so rundum deprimiert.

Freitag, 15. August 2014

Nun doch.

Ich war eigentlich vollkommen überzeugt. "Diesmal nicht" habe ich allen erzählt. "Danke, kein Bedarf." Diesmal wollte ich es ohne Hebamme schaffen. Aber der entgeisterte Gesichtsausdruck meiner Frauenärztin hat an mir genagt. "Das hier wird anders", sagte sie. "Es wird nicht ganz leicht, das mit dem Gips hinzukriegen. Und man braucht vielleicht manchmal noch ein zweites Paar Augen, die beurteilen können, ob das nun noch normal wund ist oder schon behandlungsbedürftig wund." Trotzdem habe ich mich noch eine Weile lang gesträubt, denn meine letzte Hebamme hat keinen besonders tollen Eindruck hinterlassen - ganz davon abgesehen dass ich dachte, Kind Nr. 2 hat ja in Kind Nr. 1 schon einen 1a Elternkurs, wir können das jetzt.

Jetzt habe ich doch eine. Das heißt, ich habe sogar zwei, und weil eine davon noch mindestens eine Woche im Urlaub ist, kann ich mir noch ein paar Tage überlegen, ob ich sie wirklich beide hier antanzen lassen will zum Kennenlernen.

Hebamme 1: ist dem Foto und dem online-Lebenslauf nach zu urteilen mindestens Mitte 50, hat viel Erfahrung in Krankenhäusern, hat zusammen mit anderen Hebammen eine eigene Form der Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik entwickelt, von der es auch eine "Power"-Variante gibt, was manche vielleicht lächerlich finden, aber was mich erst mal stark für sie einnimmt. Sie arbeitet mit einer Hebammenpraxis zusammen, die nicht weit von hier liegt, dort bietet sie Kurse in dieser Gymnastik an, man kann dort aber auch Erste-Hilfe-Kurse für Babys etc. machen. Zum Thema Klumpfuß sagte sie "Ja, das ist doch kein Problem. Da machen Sie sich mal keine Gedanken." Ich find's gut, dass sie älter ist. Ich finde es auch gut, dass sie keine Anti-Krankenhaus-Hebamme ist. Und auf die Power-Rückbildung bin ich jetzt schon gespannt.

Hebamme 2: Ist ungefähr 40, arbeitet mit einer anderen Hebamme zusammen, in dieser Praxis gibt es auch Kurse, wenn auch keinen mit "Power" im Namen. Am Telefon hat sie mir erzählt, sie hätte in den letzten zwei Jahren fünf Babys mit Klumpfuß betreut, das kann sie also, ich würde aber mit diesem Problem vermutlich Schwierigkeiten haben, eine Hebamme zu finden. Zum Glück ist sie ja da. Ich fand sie am Telefon sehr sympathisch, aber nicht sehr angetan war ich davon, dass sie das drei mal betont hat: Klumpfuß nimmt sie gerne, andere dagegen... schwierig. Damit hat sie dem Ganzen (und sich selbst) unnötigerweise gleich wieder so eine Schwere mitgegeben, die hoffentlich gar nicht nötig ist. Sie ist die, die im Urlaub ist. Ich glaube fast, ich sage ihr ab.

Was sonst noch?

Huck hat sich das Norovirus eingefangen. Jedenfalls sagt das die Kindergärtnerin und sein Arzt. Von Wikipedias Beschreibung abweichend, ist er abgesehen von der Scheißerei aber quietschfidel. Das führte dazu, dass ich diese Woche nicht die ersehnten zwei freien Vormittage am Donnerstag und Freitag hatte, denn in der Kita durfte er nicht bleiben. Die zweite Woche erst, und jetzt das. Ich hoffe, es geht nicht so weiter. Ich hoffe auch, ich werde hier nicht demnächst Hassreden schwingen auf unverantwortliche Kita-Eltern, die ständig allen ihre Mistviren mitgeben, weil sie einfach keinen Bock (oder keine Chance wegen gnadenloser Chefs) haben, ihre kranken Kinder zu Hause zu behalten.

An Momo denke ich ständig, besonders jeden Tag zwei mal um halb zehn. Da hat sie immer ihre Epilepsie-Tablette bekommen. Nächste Woche gehe ich auf dem Heimweg mal bei ihrer alten Tierärztin vorbei und bringe ihr die restlichen Luminal und die Diazepam-Zäpfchen für Epilepsie-Notfälle; in unserem Stadtviertel gibt es mit Sicherheit einige bitterarme Leute mit epileptischem Hund, die sich darüber freuen. Der Vorrat reicht noch mindestens für drei Monate. Wieder mal glaube ich, an diesem L. ist mehr dran, als das menschliche Auge auf den ersten Blick sieht: Als ich die Tabletten irgendwann Ende Juni gekauft habe, wie immer gleich im Großgebinde für fast ein halbes Jahr, hat er in den Tagen danach ungefähr achtmal gesagt "Aber jetzt muss sie auch noch eine Weile leben, damit wir sie noch aufbrauchen können." Wieso? Keine Ahnung. Sie hat weder gekränkelt, noch war sie mit ihren neuneinhalb Jahren mit einer Pfote im Grab, und obwohl ich jedes Mal so eine Klinikmenge bestelle, hat er noch nie so etwas gesagt. Er bleibt mir ein Rätsel.

Außerdem möchte ich euch um etwas bitten. Wie sich an meinem Sieben-Monats-Bauch und dem kleinen Noro-Ndogo oben im Bettchen zeigt, scheint es ja zu wirken, wenn ihr Daumen drückt. Könntet ihr vielleicht noch mal? Es geht um Drillinge, die zu früh gekommen sind. Eine davon ist jetzt schon in Schwierigkeiten. Aber alle drei kämpfen, und ich will nicht, dass dieser Kampf umsonst ist. Also drückt, liebe Damen, drückt! Ich verspreche auch, ich drücke bei Gelegenheit zurück.

Samstag, 9. August 2014

Ich finde, Füße sind jetzt mal durch.

Liebe Abkürzungsdamen, es gibt bestimmt viele, die meine an Euphorie grenzende gute Laune gestern nach dem Ultraschall nicht nachvollziehen können. Denn der Klumpfuß bleibt ein Klumpfuß, das ist nicht falsch zu verstehen. Der rechte Fuß ist nicht nur nach Innen verdreht, sondern auch in sich nach vorne - würde man nichts unternehmen, dann müsste Ndogo irgendwann auf der querstehenden Außenkante seines rechten Fußes laufen. Und auch der linke scheint nun doch etwas schief zu stehen. Trotzdem bin ich leichten Schrittes und mit einem Lächeln aus der Praxis gewatschelt. Denn sonst scheint wirklich alles, alles in Ordnung zu sein: Hirn, Herz, Rücken, Blutversorgung und Wachstum sahen perfekt aus. Er wiegt jetzt ca. 1100 Gramm, genau richtig. An den Gedanken, mein Kind die ersten Monate seines Lebens in Gips und später zumindest nachts mit einer Schiene zu sehen, habe ich mich längst gewöhnt, mir machte mehr die Sorge Kummer, dahinter oder daneben könnten noch ganz andere, schlimmere Probleme stehen. Und ein zweiseitiges Problem ist auch nicht komplizierter zu therapieren als ein einseitiges - könnte sich sogar als Vorteil erweisen, denn nach einer Klumpfußtherapie ist der betroffene Fuß zwar voll einsatzbereit und hübsch, aber gerne ein-zwei Nummern kleiner als der andere. Ndogo müsste sich ein Leben lang immer zwei Paar Schuhe kaufen. Und ob er die Schiene nun wegen einem oder wegen zwei Füßchen tragen muss, läuft für ihn auf das Gleiche hinaus.

Momo, die alte Fluse, hat wirklich ein großes Loch in diesem Haushalt hinterlassen. Es gab in den letzten Tagen sogar Zeiten, da hatte ich fast das Gefühl, am Ende war sie mir lieber als Lili. So ist das wohl mit Muttis: die Kinder, die am meisten Kummer machen, sind ihnen am liebsten. Oder wie auch immer. Oder ganz anders. Ich komme immer noch nicht darüber weg, dass sie es nicht geschafft hat, nachdem sie so vieles andere geschafft hatte und doch schon fast über den Berg schien. Mit dem etwas unschönen Ausklang mit den Ex-Frauchen habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, Leute gehen eben unterschiedlich mit Trauer um. Ich bin mehr für mich traurig, und sie brauchen eben ihre kleine Klagemauer im eigenen Garten (oder wie auch immer sie das jetzt gemacht haben). Ein bisschen gefuchst hat mich letztes Wochenende, dass die Tränen in dem Moment abgestellt waren, in dem sie ihren Willen durchgesetzt hatten - aber das kann natürlich auch echte Erleichterung gewesen sein. Und nachdem L. noch ein-zwei Tage gehadert hatte, hat er nun auch einen Schlussstrich gezogen. (So weit man nach einer Woche einen Schlussstrich ziehen kann. Ich zum Beispiel gehe immer noch einen anderen Weg, wenn ich mit Lili unterwegs bin und am Horizont ein bekannter Hundebesitzer auftaucht. Ich will nicht davon erzählen müssen. Ich habe es auch noch nicht übers Herz gebracht, ihr altes Fell und das Körbchen wegzuräumen. Vielleicht übernimmt Lili sie ja. Und wenn ich die extra für die Kranke gekochte Hühnersuppe jetzt auftaue und an Lili verfüttere, muss ich rausgehen, wenn sie frisst. Aber ich fange langsam wieder damit an, Brot und Butter weniger als einen Meter weit von der Kante zu deponieren. Irgendwann stelle ich dann Kuchen vermutlich auch nicht mehr auf den Schrank.)

Seit Montag geht Huckleberry außerdem in die Kita. Er macht das ganz toll, und das sage ich nicht nur, weil ich natürlich so ziemlich alles dufte finde, was mein Goldjunge tut und lässt. Einer von uns war Montag bis Donnerstag immer in der Nähe, aber nötig wäre es nicht gewesen: er robbt seiner Wege, guckt sich neugierig und aufmerksam um und knüpft erste Kontakte zu anderen Kindern. Am Freitag haben sie mich weg geschickt, ich habe ihn um zehn gebracht, und statt wie geplant bis elf zu bleiben und dann mit ihm zusammen zu gehen, bin ich verschwunden, und er hat mit den anderen Kindern zu Mittag gegessen. Um zwölf habe ich ihn dann abgeholt. Er hat gestrahlt und mich umarmt, aber bis ich wieder aufgetaucht bin, war er ganz fröhlich und hat den Eintopf in jede Ritze seines Körpers geschmiert. Ab nächster Woche bringe ich ihn morgens auf dem Weg zur Arbeit hin, sein Frühstück in einer Box, und L. holt ihn dann um zwölf. Seine Karre darf zum Glück dort bleiben, das spart mir einiges an Rennerei am frühen Morgen. Ein neues Kapitel hat angefangen, und ich find's gut. L. findet's auch gut. Und Huckleberry scheinbar erst recht.

Montag, 4. August 2014

Momos linker Fuß. Letzter Teil. Vermutlich jedenfalls.

Den letzten Post hatte ich schon heute Mittag geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Inzwischen habe ich L. zusammen mit seiner Mutter überredet, einzuknicken. Stolz bin ich nicht darauf, ich weiß auch noch nicht, ob ich mich damit wirklich besser fühle, aber ich fürchte, es gab keinen anderen Weg, endlich so etwas wie Frieden zu haben und damit anfangen zu können, mit dieser ganzen traurigen Geschichte abzuschließen. Meine Argumente waren: ja, lieber L., Du hast mit allem Recht, Recht, Recht. Aber die Frau ist am Ende. Es geht ihr seit Wochen gesundheitlich furchtbar, sie hatte schon vor dem Unfall keine Kraft mehr, jetzt schon gleich gar nicht. Ihre Art mit dem Hund umzugehen ist eine andere als unsere, wir sind eher die Typen für praktische Tierliebe: pünktliche Mahlzeiten, lange Spaziergänge und eine harte Entscheidung, wenn das Tier irgendwann einfach nicht mehr kann und will. Sie dagegen lebt in einer Welt, in der ein besonderes Band zwischen Hund und Mensch besteht (das ich gar nicht abstreiten will), in der man sich in Krisenzeiten gegenseitig "Kraft schickt" und ein toter Hund nicht die Leiche von etwas ist, das man mal sehr lieb hatte, sondern auch unter der Erde auf keinen Fall allein sein darf. Dass der Hund das im Wald bei unserem Wochenendhaus nicht gewesen wäre - ein ganzes Rudel ebenfalls geliebter Jagdhunde ist dort vergraben, auch Lili wird dort in hoffentlich erst sehr vielen Jahren ihren Platz finden, dort war sie sehr glücklich und hat mit Feuereifer nach Wild geschnüffelt, wir kommen oft zu Besuch, und sein altes Frauchen hätte ihn dort trotz Privatgelände mangels Zäunen jederzeit besuchen können - war ihr egal, sie war davon überzeugt, dass sie und der Hund nur dann ihren Frieden finden, wenn er im eigenen Garten bei ihnen zuhause begraben wird. Jeder andere Vorschlag brachte sie nur wieder zum Weinen. Es gibt nun mal verschiedene Arten von Gerechtigkeit: man kann dem Recht geben, der Recht hat. Oder man richtet sich nach dem, für den mit der Entscheidung mehr steht und fällt. Wir hätten auch gerne eine Stelle gehabt, an der wir an sie denken können. Ich hätte ihr auch gerne ein paar Dinge - ihr Lieblingsfell, zernagte Schuhe, ein paar ihrer meistgeliebten Lebensmittel - mitgegeben. Aber im Gegensatz zu ihrem alten Frauchen brechen wir nicht vollkommen zusammen, wenn das alles nicht passiert. Nun sind sie vermutlich noch mittendrin, ein metertiefes (hoffentlich metertiefes, Ratten, Füchse und dergleichen haben wenig Respekt vor dem besonderen Band zwischen Mensch und Exhund) Loch im Garten auszuheben. Und ich sitze hier, hätte jetzt wirklich, wirklich gerne etwas zu trinken und darf nicht.

Heute Nachmittag bin ich in die Klinik gefahren, ich war dort mit ihr und ihrem Freund verabredet. Ich wollte noch Einiges loswerden - vor allem zu dem Thema, dass es vollkommen daneben war, wie sie am Ende mit L. umgegangen sind. Ihm nach all dem vorzuwerfen, ihm ginge es "nur ums Geld", hat ihn zu Recht schrecklich wütend gemacht. Dass er jetzt eingelenkt hat, war sehr großzügig von ihm und alles andere als selbstverständlich. Ich wollte, dass sie das verstehen. Genau so wichtig war mir aber, Momo auch noch mal zu sehen. Bis es so weit war, hat es gedauert. In einer Tierklinik gehen lebende vor toten Tieren, das leuchtet ein. Eine Ärztin musste aber dabei sein, sie hat den Hund an die beiden ausgehändigt, nachdem ich weg war. Ich habe ihr noch mal gesagt, unabhängig von den zahlreichen Vorwürfen der beiden sind L. und ich überzeugt davon, dass sie alles für Momo getan haben, was sie konnten. Dass sie bei ihnen in guten Händen war. Und dass wir wissen, dass sie den Hund auch gern hatten und sehr traurig sind, dass das alte Mädchen es nun doch nicht geschafft hat. Dann durfte ich sie sehen. Sie hatten mich vorgewarnt, dass sie gefroren wäre und kein schöner Anblick. Ich wollte trotzdem und bin froh darüber. Auch gefroren war sie hübsch, sie hatte immer noch den gleichen Gesichtsausdruck wie sonst auch, und ihre Schlappohren schlappten wie eh und je. Anfassen durfte ich sie nicht, auch weil ich schwanger bin. Aber gesprochen habe ich mit ihr. Ich habe mich bei ihr entschuldigt, dass wir nicht besser auf sie aufgepasst haben. Dass wir sie gerne noch lange Jahre bei uns gehabt hätten, dass wir ihr ein schöneres Ende gewünscht hätten, und dass wir hoffen, dass sie bei uns glücklich war. Dann haben die Ärztin und ich noch ein bisschen geweint, und dann bin ich gegangen. Ich habe das deutliche Gefühl, ich brauche keinen Hundegrabstein im eigenen Garten, um jeden Tag an sie zu denken.

Momos linker Fuß. Und meine rechte und linke Fusselhirnhälfte.

Am Samstag musste Momo eingeschläfert werden. Es ging nicht anders, sie war ganz schwach, fast zu schwach zum Atmen. Sie hatte hohes Fieber, eine Blutvergiftung, die Leber hat versagt. Und das, obwohl die Wunde inzwischen so gut wie zugewachsen war. Niemand weiß so genau, wo es herkommt. Hatte sie doch noch irgendwo einen Verletzung bei dem Unfall erlitten, die bei den Untersuchungen nicht gefunden worden war? War die anstrengende Wundheilung einfach zu viel für ihren Hundekörper? Haben die Ärzte etwas falsch gemacht? Hat sie die Medikamente nicht mehr vertragen? Als ich mich am Tag meines Abflugs von ihr verabschiedet habe, war sie so putzmunter, ich konnte kaum fassen, wie gut sie sich erholt hatte. Sie humpelte grinsend durch den Garten, bellte die Eichhörnchen aus, fraß alles, was man ihr vorsetzte oder nicht, nicht für sie bestimmte Einkäufe inklusive. Sie klaute schon wieder Essen! Sie schnurrte behaglich, wenn man sie an den Ohren kraulte. Dann hat ihr altes Frauchen sie für ein paar Tage zu sich geholt, und es ging ihr plötzlich wieder schlechter. Jetzt ist sie tot. Ich war nicht dabei, wir konnten nicht mehr warten, ich bin erst Sonntag gegen Abend wieder hier gelandet. Und auch damit ist die traurige Geschichte noch nicht zu Ende, denn nun streiten wir uns mit dem alten Frauchen darum, wo sie begraben werden soll. Es ist wirklich eine Farce, und ich stehe mitten zwischen den Fronten. L. hat mit allem, was er dazu sagt, völlig Recht. Ja, wir waren ihre neuen Herrchen und Frauchen, ja, wir möchten sie auch in der Nähe haben, ja, wir haben sämtliche Klinikrechnungen und Futter und Zeckenmittel und überhaupt alles für sie bezahlt und uns jahraus jahrein um sie gekümmert - und das zählt jetzt alles nicht? Trotzdem habe ich auch Mitleid mit dem alten Frauchen, die gerade deutlich über den Rand eines Nervenzusammenbruchs hinaus ist und die bei den täglich drei Telefonaten so sehr weint, dass ich kaum verstehen kann, was sie sagt. Dieses Mitleid und die Solidarität mit L., der in den letzten Wochen in Sachen Momo zu Hochform aufgelaufen ist und das alles ohne mich durchstehen musste und durchgestanden hat, zerreiben mich hier gerade zu einem Haufen trauriger Matsche. Ich kann einfach nicht mehr, die letzten fünf-sechs Urlaubstage standen schon nur noch im Zeichen dieser Hundekrise, und ich bin gespannt auf die Telefonrechnung für die zerheulten Gespräche, die ich noch vom Flughafen Palma aus mit L. und dem Frauchen geführt habe. Ich will L. jetzt nicht hängen lassen, vor allem, weil er Recht hat. Trotzdem kann ich auch nicht so hart sein, wie ich sein müsste, um ihm wirklich die Stange zu halten. Da hat er ein ganz schönes Weichei geheiratet. Dazwischen fehlt mir Momo immer wieder so schrecklich, ich breche beim Anblick von Gebüschen, in denen sie gerne gestöbert hat, von zernagten Schuhen, von ihrem öddeligen Ikea-Schaffell oder ihrem Senioren-Hundefutter in Tränen aus. Ich komme nach Hause, wappne mich für einen Moment gegen den fälligen Angriff der Monsterkralle, dann fällt es mir wieder ein, und ich heule schon wieder. So schnell wird das wohl auch nicht besser werden.
Inzwischen ist hier eigentlich gar keine Zeit zum Trauern und Streiten und Vermitteln. Ndogo hatte heute seinen ersten Kita-Tag. Eine Stunde waren wir da und haben ihm zugesehen, wie er unternehmungslustig sein neues Reich erkundet. Morgen muss ich wieder arbeiten. Freitag haben wir die nächste große und wichtige Untersuchung wegen Würmchen. Und dazwischen ist auch noch der andere Hund, mein Kind, das sich gerade wieder an Mama und Papa gewöhnt, das Haus, die Wäsche, der ganze Kram. Ich weiß genau, irgendwann - vielleicht in drei Wochen, vielleicht auch erst in drei Monaten - wird es einen Tag geben, wo ich beim Gedanken an Momo nicht anfange zu weinen, sondern einfach nur trocken traurig bin. Ich wollte, der wäre schon da. Und ich wollte, harmoniesüchtig wie ich bin, es gäbe irgendwie einen Weg, die Sache jetzt zu Ende zu bringen, mit dem alle leben können. Aber es sieht schlecht aus.

So ist das also, wenn man einen Pflegehund hat. Liebe Abkürzungsdamen da draußen, die den Mut gefasst haben, es mit einem Pflegekind zu versuchen: Hut ab. Ich habe wirklich den allergrößten Respekt vor euch. Ich glaube nicht, dass ich mir auch nur ansatzweise vorstellen kann, wie viel Tapferkeit, unbeirrbaren Optimismus und Konfliktfähigkeit man dazu braucht.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 4.

Ich habe das Gefühl, mit zwei erfolgreichen IVFs über 40 und einer Auferstehung ist das Budget an Wundern für diese kleine Familie langsam erschöpft. Nachdem Momo tagelang zwischen Leben und Tod hing, nichts mehr zu sich genommen hat und in der Klinik am Tropf hing, während ihre Stoffwechselsysteme incl. Blutbildung langsam zu versagen begannen, habe ich gestern vormittag vom Schreibtisch aus da angerufen, auf das Schlimmste gefasst und die Taschentücher griffbereit. Nur um zu erfahren, dass es Grund für vorsichtigen Optimismus gibt. Der Unfall ist fast zwei Wochen her, und gestern war zum ersten Mal so etwas wie ein Heilungsprozess an der riesigen Wunde zu sehen. Auch die Blutwerte, die nach Lilis Blutspende zwar anstiegen, aber dann stagnierten, entwickeln sich langsam in die richtige Richtung. "Das heißt nicht, dass der Hund vom Eis ist", warnte mich die Tierärztin. "Aber es ist doch besser als nichts, und vielleicht wird es ja doch noch." In der Klinik waren jedenfalls alle sehr erleichtert, sie haben den kleinen Flohzirkus inzwischen alle ins Herz geschlossen (das hat sie drauf, schon immer, und selbst wenn nichts mehr geht: Leute betören kann sie) und fiebern mit, ob sie es packt. Heute ist sie zum ersten Mal wieder auf eigenen Pfoten in den Garten der Klinik geschwankt, um dort ihre Toilette zu verrichten. Sie frisst inzwischen wieder normales Hundefutter und muss nicht mit Würstchen, Huhn und Katzenwelpenfutter bezirzt werden. Die Blutwerte steigen weiter an. Und die Wunde muss ab heute erst mal nur noch alle 24 Stunden verbunden und begutachtet werden.
Morgen früh sollen wir noch mal dort anrufen, und wenn sie bis dahin so weiter macht, dann dürfen wir sie morgen nach Hause holen und fahren sie dann einmal täglich in die Klinik.
Ich würde wirklich viel dafür geben, noch mal mit ihr frühmorgens über die Wiese zu stromern. (Und tatsächlich werde ich auch viel dafür geben. Die Tierarztrechnung wird ein Knaller werden.)

Liebe Damen, weiter vielen Dank für's Wünschen und Hoffen! Vielleicht hilft es ja doch?

Übrigens scheine ich inzwischen in der Wutphase der Katastrophen-Verarbeitung angekommen zu sein. Gestern kam es fast zu einer Schlägerei, als ich eine vorbeikachelnde getunte Prollschleuder vor unserem Haus angeschrien habe. Die Schleuder bremste (Geschwindigkeitsbedingt ca. 100 Meter zu weit, musste dann eben zurücksetzen) und die zwei zwölfjährigen Insassen wollten wissen, was das denn sollte. Also habe ich ihnen gesagt, was das soll. Daraufhin sind sie ausgestiegen. War mir egal, Wut ist ein schöner Mutmacher. Ein kleiner, ziemlich dummer Teil von mir dachte sogar "Schlag doch. Ich schlag zurück." So weit kam es dann doch nicht, aber ich wurde lustigerweise als Hurensohn bezeichnet und mit einer Anzeige bedroht. Sollte die tatsächlich kommen, freue ich mich drauf. Momo! Für dich! Und ein bisschen auch für mich.

Sonntag, 13. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 3.

Sie hat ein paar wirklich schreckliche Angewohnheiten. Eine davon ist, sich in Parks in die Büsche zu drücken und menschliche Scheiße zu fressen, vorzugsweise die von extrem betrunkenen Menschen (was sich für sie gut trifft, denn die sind es häufig, die im Sommer in Parks ins Gebüsch kacken). Eine andere ist es, zur Begrüßung wie bescheuert und minutenlang heulend und schreiend an mir hochzuspringen. Das wäre an sich nicht so wild, nur habe ich gerade einen großen Bauch mit einem Baby drin, an dem möglichst niemand hochspringen soll. Und sie hat andere Krallen als Lili, ihre sind irgendwie scharfkantiger geformt, ein bisschen wie diese Dinger, die man für Linolschnitt verwendet und mit denen ich mir schon in der Schule die übelsten Verletzungen zufügen konnte. Obwohl ihr letzter Sprung an mir hoch schon zehn Tage her ist, habe ich immer noch eine grünliche Strieme am Rücken davon. Bald wird sie verschwunden sein, und neue kommen wohl nicht mehr dazu.

Die traurige Wahrheit ist, sie stirbt. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Es kam mal vor, dass sie ein paar Schritte auf ihren drei Beinen schwankte. Manchmal wirkte sie auch regelrecht fröhlich. Schmerzen hat sie nicht, sie ist bis unter die schwarze Lakritznase mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Aber dann ist sie wieder apathisch, atmet schwer und kann selbst im Sitzen ihre Beine nicht kontrollieren, so dass sie unter ängstlichem Quieken in den Spagat rutscht. Vorletzte Nacht habe ich auf ein paar Decken neben ihr gelegen und sie gekrault, während sie so geröchelt hat, dass ich dachte, das war es jetzt. Sie frisst und trinkt nicht, oder doch fast nicht. Ab und zu gelingt es uns, ein paar Löffel Quark oder ein bisschen selbstgekochte Hühnersuppe in sie hineinzuzwingen, aber es reicht bei weitem nicht, um so einen großen Hund durchzubringen. Ihr Urin ist dunkelorange. Gestern Morgen war ich mit ihr in der Tierklinik, sie haben ihr den Verband gewechselt, die Wunde versorgt (an der sich auch nichts tut, jedenfalls nichts zum Guten, was mit bloßem Auge zu erkennen wäre) und ihr Blut abgenommen. Nachmittags riefen sie an, sie wäre völlig dehydriert, und wir haben sie zurück in die Klinik gebracht, damit sie an den Tropf kommt. Ein paar Stunden später, so um zehn, kam der nächste Anruf. Jetzt ist ihr Blut viel zu dünn, es geht ihr sehr schlecht, und sie haben gefragt, ob Lili ihr vielleicht Blut spenden könnte. Also sind wir mit Lili und Würmchen in die Tierklinik gefahren, wo sie ihr einen großen Beutel Blut aus dem Hals gezapft haben und damit zu Momo gegangen sind. Wir konnten wieder nicht zu ihr, damit sie nicht denkt, sie darf nach Hause. Vielleicht will sie einfach nicht mehr leben und nimmt deshalb als verfressenster Hund der Welt plötzlich nichts mehr zu sich. Vielleicht haben die in der Klinik auch Unrecht gehabt, sie hat doch eine innere Verletzung (daher auch der orangefarbene Urin vielleicht?), und an der stirbt sie jetzt eben langsam und unaufhaltsam, so dass wir uns und ihr die ganze Bein-OP hätten ersparen können. Vielleicht bin ich auch zu pessimistisch, und in ein paar Wochen ist sie wieder auf dem Damm. Ich weiß nur, wenn sie stirbt, dann hätte ich ihr das anders gewünscht. Ihr altes Frauchen erreichen wir nicht, sie hatte schon immer Probleme mit ihrem Handy, und gerade sprechen wir ihr eine dringende Nachricht nach der anderen auf die Box, und sie meldet sich nicht. Ihr ganz altes Frauchen - die eigentliche Besitzerin - wurde bisher von ihrer Tochter geschont, sie wollte mit der ganzen Wahrheit warten, bis es Momo wieder besser geht. Sie denkt, dass Momo einen Unfall hatte, sich das Bein gebrochen hat und sich jetzt prächtig erholt. Es kann sein, dass wir heute Abend (wieder auf eine Mailbox) erzählen müssen, dass sie vor zwei Stunden gestorben ist. Ich bin heute morgen aufgestanden, habe ich den Nieselregen geguckt und gedacht, das hier wird der Tag, an dem Momo stirbt.

L. will nachher dem Putzpaar kündigen, er ist schon lange genervt, und jetzt sagt er, er will sie nicht mehr hier sehen, für ihn hat mit ihnen das ganze Elend angefangen. Ich kann ihn gut verstehen. Ich bin noch einfach nur traurig und fertig bis in die Knochen, aber irgendwo dahinter lauert schon eine große Wut: auf das dämliche Auto, das viel zu schnell durch ein Wohngebiet gefahren ist wie all die anderen Schlaufüchse, die jeden Tag hier vorbeifahren, durch eine Straße, in der sie nichts verloren haben, um zehn Sekunden zu sparen. Auf das Putzpaar, das einfach die Tür offen stehen und den Hund an sich vorbeirennen lässt. Vor allem auf ihn, der ständig rauchen muss und auch bei dieser Gelegenheit wieder zwischen Tür und Angel herumstand, um seine Fluppe zu Ende zu rauchen.

Bis das passiert ist, war sie so fit. Jeden Morgen ist sie wie ein kleiner Springbock mit mir über die Wiese gehüpft, immer auf der Suche nach einem schönen Bierschiss. Sie hat es geliebt, Lili zu piesacken, sie konnte stundenlang in ihr Genick beißen und sie so durch den Garten führen, und Lili hat sich das von ihr gutmütig gefallen gelassen, obwohl sie viel stärker ist. Sie hat gerne Taschen durchwühlt, und kein Kuchen war vor ihr sicher. Ich habe oft geflucht, wenn sie mich morgens geweckt hat, indem sie fröhlich hechelnd an meiner Seite des Bettes hochgesprungen ist und mir eine ihrer Krallen ins Gesicht gehauen hat. Sie war so gut wie unerziehbar, wenn man sie nur leicht im Nacken gepackt hat oder mal die Stimme erhoben, ist sofort die Welt untergegangen, aber nichts davon ist jemals kleben geblieben, dazu war sie vermutlich schon ein bisschen zu alt, als sie zu uns kam. Sie hat ihre Epilepsie weggesteckt wie eine Große, und mit den Tabletten hatte sie keine Anfälle mehr. Sie hätte bestimmt noch drei, vier gute Jahre bei uns gehabt, voller Spaziergänge, erbeuteter Kuchenstücke, Ohrenkraulen, Spielen und meinetwegen auch den einen oder anderen Bierschiss. Jetzt liegt sie in einer Klinik in einem hässlichen Industriegebiet und leidet. Wenn sie wirklich stirbt, holen wir sie nach Hause.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 2.

Die ersten zehn Minuten waren ein Schock. Ich hatte mir Sorgen gemacht, das Wiedersehen würde Momo so sehr aufregen, dass sie sich etwas tut. Die Sorge hätte ich mir sparen können. Sie war ganz teilnahmslos, wie unter Drogen (obwohl sie keine Schmerzmittel mehr bekommt), ein Hundezombie. Gefressen hat sie wohl auch nicht viel in den letzten Tagen - und das bei einem Hund, vor dem man Kuchen, Brot und überhaupt so ziemlich alles gar nicht hoch und weit weg genug von der Kante in Sicherheit bringen kann. (Ich kann schon nicht mehr aufzählen, wie oft sie sich an frisch gebackenen Kuchen bedient hat, die über einen Meter von der Tischkante entfernt standen oder auf fast 1,50 hohen Heizkörpern. Zuletzt habe ich solche Sachen auf Kleiderschränke gestellt. Sogar mir macht sie in puncto Verfressenheit noch etwas vor.)

Wir haben geschluckt und uns daran gemacht, ihr die Heimkehr zu versüßen. Ich habe nach Anweisung ihres alten Frauchens Reis mit Broccoli und einer Spur Hühnerbrühe gekocht, das hat sie gefressen. Ich gebe ihr Wasser mit einem Schuss frischer Milch für den Geschmack, das trinkt sie dann - sie drohte schon zu vertrocknen, frisches kühles Wasser interessiert sie leider noch nicht. L. trägt sie nach draußen, wo sie ihre Geschäfte macht. Tagsüber schläft sie meistens, nachts dagegen eher nicht: L. und ich haben uns abgelöst, die erste Hälfte der Nacht hat er auf ein paar Kissen auf dem Wohnzimmerfußboden neben ihrem Schlafsofa zugebracht und ihr die gesunde Pfote gehalten, die zweite Hälfte war ich dran. (Nächste Nacht tragen wir eine Matratze runter, drei Sofakissen taugen nicht als Bett für Damen im sechsten Monat oder zwei-Meter-Männer.) Manchmal weint sie, sie scheint immer noch nicht richtig zu wissen, wo und wer sie ist. Aber ganz allmählich nimmt sie wieder mehr Anteil. Sie guckt Lili hinterher, wenn die einem Ball nachflitzt, sie versucht, mir hinterher zu humpeln, wenn ich in ein anderes Zimmer gehe, sie ist schon alleine aufs Sofa gestiegen und einmal selbständig in die Küche geschwankt, um dort ein bisschen zu trinken, und gestern Abend hat sie sogar wieder geschnurrt, als ich sie am Ohr gekrault habe - ihre Hundeglücksstelle. Wir müssen viel Geduld haben und ihr helfen, wo wir können. Jeden Tag fährt L. sie zweimal in die Klinik, dort wird dann der Verband geöffnet und die Ruine gewaschen, von abgestorbenem Gewebe gesäubert und neu verbunden. Mit Glück, viel Sorgfalt und Hygiene breitet sich dieser Zerfall nicht auch auf das Gewebe aus, das eigentlich zu retten ist - sollte das passieren, muss der größte Teil des Beinchens abgenommen werden, frisch mit Stahl verschraubte Knochen hin oder her. Aber vielleicht bleibt es dabei, dass sie nur eine von vier Zehen verliert und der Rest wieder heilt. So oder so wird das alles noch Wochen dauern. Kein Wunder, wenn einem Menschen - um einiges größer und stabiler gebaut - so ein Riesenauto über den Fuß fahren würde, würde er vermutlich ein halbes Jahr mit Reha verbringen, wenn nicht mehr.

Montag, 7. Juli 2014

Kurzer Bericht von der Krankenstation

Die ersten Tage und die Operation hat sie überstanden. Sie hing fast 48 Stunden am Tropf und bekommt immer noch starke Schmerzmittel. Wie durch ein Wunder ist links und rechts von ihrem Beinchen wirklich nichts beschädigt worden, das ist nicht zu fassen. Keine Rippe geprellt, keine Gehirnerschütterung, keine Wunde, kein Bruch, nichts. Kein Haar gekrümmt. Dafür hat das Bein wirklich um so mehr abbekommen. Jetzt liegt sie immer noch in der Tierklinik, denn die Wundheilung ist sehr schwierig und muss überwacht werden, zweimal täglich muss ein Tierarzt den Verband wechseln und die Wunde reinigen, und so lange das so ist, muss sie leider dort bleiben. Wir dürfen nicht zu ihr, denn das würde sie zu sehr aufregen, und erfahrungsgemäß denken Hunde dann, sie dürften jetzt mit nach Hause. Jetzt gerade ist Ruhe, regelmäßige Kontrolle und Hygiene aber wichtiger als eine kuschelige, vertraute Umgebung, also müssen wir da durch. Wir telefonieren jeden Tag mit der Klinik, sie macht sich ganz gut. Zwar unternimmt sie noch keine Anstalten, auf drei Beinen viel zu laufen, aber das ist eben so - sie ist einigermaßen gebügelt nach diesem Schock, und sie war noch nie so todesverachtend, was eigene Schmerzen angeht, wie Lili. (Lili ist imstande, eine Woche lang mit einer Scherbe in der Pfote herumzulaufen, bevor irgendwer etwas davon merkt.) Ein paar mal am Tag trägt eine Praktikantin sie raus in den Klinikgarten, da ist sie wohl gerne und die Luft und das Gras tun ihr sichtlich gut. Sie macht auch ihre Geschäfte bei dieser Gelegenheit - dazu muss sie stehen können, das geht also wohl. Freitag hieß es mal, heute dürfte sie nach Hause, aber jetzt dauert es wohl doch noch ein bisschen. Was aber ehrlich gesagt auch gerade leichter zu machen ist für uns, denn das Kindermädchen ist diese Woche nicht da, ich kann mir nicht frei nehmen, und der arme L. hat auch keine acht Arme: auf das Baby aufpassen und mit dem Hund spazieren gehen ist eine Sache, aber den anderen Hund währenddessen keine Minute aus den Augen zu lassen, damit sie keinen Quatsch mit dem Verband anstellt, eine andere. Ich hätte mir also die Arbeit mit nach Hause nehmen müssen, was erfahrungsgemäß schwierig ist und regelmäßig zu dicken Nervenkrisen bei allen Familienmitgliedern, besonders aber bei mir führt. Jetzt bleibt sie vielleicht noch bis Donnerstag dort, sie fehlt uns zwar schrecklich, aber danach habe ich das ganze lange Wochenende und alle Zeit der Welt, sie zu hegen und zu pflegen und notfalls eigenhändig gesund zu kraulen. Außer Lebensgefahr ist sie jetzt wohl, aber noch steht die Gefahr im Raum, dass sie das Beinchen verlieren könnte.

Liebe Abkürzungsdamen, bitte drückt der alten Töle weiter die Daumen, dass das Gewebe weder abstirbt noch sich entzündet, dass sie irgend einen Weg findet, mit dieser Verletzung umzugehen und dass es vielleicht ja doch wieder wird. Vielen Dank für die lieben Kommentare und Wünsche, auch in Momos Namen!

Freitag, 4. Juli 2014

Ohne Glück geht's nicht.

Egal, ob wir vorsichtig mit leichter Schnittmenge zur Paranoia sind. Egal, ob wir schon drei Wochen vor Geburt alle Steckdosen und Treppen sichern. Egal, ob die Messer in unserer Küche in einer Höhe untergebracht sind, die mich fast zwingt, auf eine Trittleiter zu steigen, wenn ich Kartoffeln schälen will. Egal, ob wir alle Vorsorgeuntersuchungen sowohl für Würmchen im Bauch als auch für Würmchen danach machen, die Vitamine schlucken und ihm täglich gewaschenes, in erstickungssichere Würfelchen geschnittenes Obst reichen. Egal, ob wir mit viel Mühe den besten Kinderarzt, Kindersitz und Kindergarten suchen. Egal, ob wir ihn niemals aus den Augen lassen und immer eine Hand auf seinem Bauch haben, wenn er auf der Wickelkommode liegt und wir gleichzeitig nach einem frischen Strampler kramen. Wenn wir kein Glück haben, kann trotzdem etwas Schreckliches passieren, und zwar ganz leicht. Alle Vorsicht der Welt bewahrt uns nicht davor, zur falschen Zeit am falschen Ort zu entdecken, dass unser Kind eine Allergie gegen Bienenstiche, Erdbeeren oder Erdnüsse hat. Oder vor betrunkenen Autofahrern. Oder vor Krankheiten, Stürzen mit Baby auf dem Arm die Treppe runter oder vor dem, was auch im besten Kindergarten der Welt passieren kann. Das wissen vermutlich alle Eltern, aber als IVF-Mutter macht man sich noch ein paar mehr (und ein paar Jahre länger) Gedanken um Glück und Pech und was eine kleine Verschiebung der Balance alles bewirken kann. Kein Wunder, ohne Glück hätten wir ihn gar nicht erst bekommen. Wir wissen, dass wir Glückspilze sind, gewaltige Glückspilze. Bisher jedenfalls.


Gestern ist unser Pflegehund Momo über die Straße gerannt und überfahren worden. Das Putzpärchen kam gerade an, ich war draußen am Auto und dabei, Würmchen in seinen Kindersitz zu schnallen. Als nächstes wollte ich den Kinderwagen holen und verstauen, dann die Hunde angeleint in den Kofferraum hüpfen lassen. Das hatte sich dann erledigt. Denn an den Putzleuten vorbei kam plötzlich Momo über das Vorgartenbeet gerannt. Ich war drei Meter weg, wusste genau, was gleich passiert, und konnte nichts tun, auch wenn ich geschrien habe wie am Spieß. Da kam der fröhliche Hund, da kam der dicke Van, schneller als erlaubt, und auf der anderen Straßenseite die alte Dame mit dem kleinen weißen Pudel, dem Momo gerne guten Tag gesagt hätte. Er gab einen Schlag, einen schrecklichen Hundeschrei, dann kam sie blutüberströmt und hinkend zurück. Ihr linkes Vorderbein ist nur noch ein Haufen blutiges Fell, Matsch und Knochensplitter. Ich habe geschrien und das Kind an mich gepresst, und das bestimmt zwanzig Minuten lang. L. war zum Glück etwas geistesgegenwärtiger, hat sie gepackt, in den Kofferraum gelegt und ist mit ihr zur zum Glück nur zwei Minuten entfernten Tierärztin gefahren. Die hat sie versorgt, die Wunde verbunden, und weiter ging es in die Tierklinik, die auch nicht weit weg ist. Dort bekam sie erst mal einen Tropf gegen den Schmerz und den großen Blutverlust. Seitdem leben wir im Rhythmus der Anrufe in der Klinik. Etwas Neues gibt es heute nachmittag. Heute Abend. Morgen früh um acht. Gegen vier. Gerade kam der Anruf: das Bein ist operiert, und wie durch ein Wunder haben sie es einigermaßen zusammenflicken können, und wenn sie so ein zähes kleines Luder ist wie gehofft, wächst es vielleicht sogar zusammen, stirbt nicht ab und wird irgendwie wieder. Wie durch ein noch größeres Wunder ist ihr rund um das Bein überhaupt nichts passiert. Man könnte sagen, so ein Pech, dass ausgerechnet an diesem Tag die Putzleute zehn Minuten zu spät gekommen sind. Sonst wäre ich nicht gerade draußen gewesen, und Momo hätte keinen Anlass gehabt, überhaupt an den beiden vorbei zu wollen. (Wo ich hingehe, geht sie auch hin. So hat sie das bisher immer gehalten, und steht was im Weg, springt sie drüber oder geht mittendurch.) Dass die beiden nicht aufgepasst haben, obwohl sie wissen, dass wir Hunde haben, die sich zur Begrüßung immer an der Tür herumdrängeln, und dass man vorsichtig sein muss. Dass ausgerechnet in diesem Moment dieser verdammte Van da fuhr, wo fünf Minuten vorher und nachher kein einziges Auto unterwegs war. Dass er zu schnell war. Dass ausgerechnet jetzt der Pudel da langging. Dass auf unserer Straßenseite so viele Autos parkten wegen einem Fußballspiel um die Ecke, und dass der Fahrer sie deshalb nicht kommen sehen konnte. Das war wirklich alles Pech. Aber gleichzeitig ist es nicht zu fassen, dass dieser kleine, weiche, nur von einer lockigen Fellschicht geschützte Hund mit diesem Riesenblechmonster zusammenstößt und sich dabei nur das Bein verletzt, statt sofort mausetot zu sein. Dass wir so dicht bei einem Tierarzt wohnen - eine Viertelstunde später, und sie hätte zu viel Blut verloren. Dass das nicht Sonntagmittag passiert ist, sondern Donnerstag Vormittag. Dass die Verletzungen zwar schrecklich waren, aber trotzdem zu reparieren, und dass es Hoffnung gibt, dass sie weiter auf vier eigenen Pfoten durch die Parks und Flusstäler stromern kann.
Diese zehn Sekunden - der Hund kommt aus der Tür, rennt unter das Auto, schreit und klappt blutüberströmt auf dem Gehweg zusammen - werde ich niemals vergessen. Falls überhaupt möglich, werde ich von heute an noch dichter hinter Würmchen stehen, wenn er eine Treppe herunterkrabbelt. Ich werde niemals nur mal kurz etwas nebenan holen, wenn er allein mit irgend etwas ist, was ihm im übelsten Fall schaden könnte. Ich werde noch dankbarer sein für unser Idiotenglück. Und ich werde mich noch weniger darauf verlassen.

Die Frau mit dem Pudel ist übrigens noch nicht mal stehen geblieben. Nicht, dass sie irgend eine Schuld daran hatte - aber ich hätte nicht gedacht, dass es auf diesem Planeten auch nur einen Hundebesitzer gibt, dem es egal ist, ob vor seiner Nase ein anderer Hund überfahren wird. Falsch gedacht.

Freitag, 8. Februar 2013

Der Hund ist krank, und sie redet vom Essen

Gestern noch zwei Schreckmomente: zweimal bin ich aus der hintersten Ecke des Hauses durch wilde Kratz- und Scharrgeräusche angelockt dazugekommen, als die arme Maus einen Anfall hatte. Wir waren noch mal beim Tierarzt, diesmal bei ihrer regulären Tierärztin, und es könnte sein, dass ein Herzproblem die Ursache ist. Außerdem habe ich festgestellt, wenn ich das Tier ganz fest im Arm halte und beruhigend auf sie einrede, verletzt sie sich nicht so leicht und der Anfall geht schneller vorbei. Wir zerfließen vor Mitleid für unsere arme, müffelnde, wollige alte Momo. Auch L., zurück aus Wien und sonst eher Lilis Herrchen, hält sie ständig im Arm und kann kaum die Finger von ihr lassen. Jetzt stehen Termine beim Spezialisten an, ich berichte dann mal.

Ansonsten habe ich zu berichten: ab heute bin ich in der neunzehnten Woche. Damit noch zwei Wochen entfernt von der zweiten Hälfte dieser Schwangerschaft, was zwar einerseits unfassbar, andererseits aber auch ein bisschen geschummelt ist, denn die ersten vier Wochen, die vor dem Test, kann man doch eigentlich kaum dazurechnen. Andererseits habe ich in den ersten Monaten so viel Nerven und Angst und Schlafverlust angehäuft, dass das vielleicht die fehlenden vier Wochen irgendwie ausgleicht. Ich spüre immer noch nichts bzw. ab und zu mal ein Zwicken hier und ein Blubbern da, aber was das zu bedeuten hat, weiß der Himmel. Yoga gestern habe ich übrigens doch wieder schwänzen müssen, gerade muss immer jemand bei Momo sein, und L. hatte Training, so dass ich vor dem Fernseher geturnt habe, bis mich ein weiterer Anfall da weggeholt hat. Als großen Verlust habe ich das aber nicht empfunden, nun um meine Singstunde gekommen zu sein.

Und meine Vorsätze laufen bisher gar nicht so schlecht: zwei mal war ich im Kino, und bisher habe ich neun neue Rezepte ausprobiert. Beim Kochen wollte ich eigentlich schon weiter sein, aber es ist nun mal tiefster Winter, und je kälter und grauer das Wetter, desto unermesslicher wird meine Sehnsucht nach Essen, das ich schon kenne. Nach Sauerbraten, Sauerkraut, Kartoffelsuppe... bei solchem Wetter habe ich einfach weniger Lust, mit Zitronengras und Grand Marnier und Koriander zu experimentieren. Außerdem kann ich gerade nur die Energie für ein warmes Essen am Tag aufbringen, das sollte sitzen. Sobald der Frühling kommt, wird das besser. Und was könnte an so einem asphaltfarbenen Wochenende schöner sein als zu wissen, dass in der Küche ein riesiger Topf Sauerkraut mit Bratwurst und Kartoffelbrei wartet? Mir fällt jedenfalls nichts ein. (Sauerkraut, hab ich mir sagen lassen, ist außerdem in der Stillzeit - von der ich noch nicht weiß, ob ich eine haben werde - verboten wegen Kinderpupsen und Rabäh. Also ran da.)

Donnerstag, 7. Februar 2013

Aber happy

Eins der düstersten Kapitel meiner ohnehin schon nur schummerig beleuchteten Teenie-Zeit spielte sich so ungefähr 1987 ab. Sowieso kein gutes Jahr, um Teenie zu sein: meine Schule war eine Popper-Diktatur, ich hatte eine Sportbrille und musste mich mit zwei Hosen - eine grüner Breitcord, die andere kariert mit Bundfalten - durch das Schuljahr retten, auf dem Rücken als eine der letzten aus meiner Klasse allen Ernstes einen Ranzen (man trug damals Aktenkoffer aus Blech mit sich rum, auf denen Frauen mit Glitzerlippen Coke tranken). Denkt euch einen Vollbart dazu, und ich wäre ein Hipster gewesen, so war ich nur ein ziemlich trauriges und hässliches armes Würstchen. In irgend einer Regenpause wurden vor dem Chemiesaal ein paar Jungs - nein, nennen wir sie ruhig kleine Soziopathen - aus der sechsten Klasse auf mich aufmerksam, und von der Sekunde an war mein Leben die Hölle. Sie lauerten mir täglich auf, nahmen mir die Mütze oder die Brille oder den Schirm ab und schubsten mich rum. Ich war so doof und wehrte mich, aber auch mit zwei Jahren Vorsprung kann ein stinkwütendes Mädchen wenig ausrichten gegen eine Bande aus sechs kleinen Scheusalen. Es gab auch Zuschauer, die das aber alles wohl ziemlich dufte fanden. Die kaltherzigen 80er! Ich war dabei und kann sagen, alles, was man über sie hört, stimmt. Es war kein Wunder, dass die Biester mit der Zeit immer mutiger und brutaler wurden. Irgendwann kam ich nach Hause und hatte dreckige und zerrissene Klamotten, und meine Mutter glaubte mir das mit den 12jährigen aus der Hölle nicht. Hätte es damals schon ipods gegeben, hätte ich gut daran getan, meinen hübsch zuhause zu lassen. Ich kann mich noch besonders gut an einen der Jungs erinnern, nicht nur, weil er der Anführer war, sondern auch, weil er mich Jahre später mal auf der Tanzfläche eines Clubs nach Leibeskräften anbaggerte, woraufhin ich wenigstens den Abglanz einer späten Rache bekam, und nicht zuletzt deshalb, weil er völlig sinnlos ständig zu mir sagte "Epilepi, aber happy! Epilepi, aber happy!" So war das.

Ok, um endlich zu Potte zu kommen: unser Pflegehund, die liebe alte fusselhirnige und fusselfellige Momo, ist Epileptikerin. Dass ich das ausgerechnet rausfinde, wenn L. für ein paar Tage in Wien ist, wundert mich irgendwie gar nicht, euch? Gestern Abend jedenfalls, als ich gerade in der Küche dabei war, Zwiebeln zu schnibbeln für das Risotto, das ich für die Mädchen machen wollte (wir wollten uns vorm Ofen zusammenrotten und den Bachelor angucken), scharrte sie plötzlich wie wild unter dem Küchenschrank. "Klar, ein Käfer, hoffentlich ist er schlau und versteckt sich", dachte ich noch, da fiel sie auch schon mit verdrehten Augen und nach Luft schnappend einfach um und ruderte wie wild mit allen vier Beinen. Ich habe ihr als erstes in den Hals gegriffen, um zu gucken, ob sie irgend etwas verschluckt hat, was ihr jetzt die Luft abschnürt, Vielfraß, die sie ist. Da war nichts, sie keuchte und ruderte weiter erbärmlich und hatte inzwischen auch eine Pfütze und ein Häufchen auf dem Küchenfußboden gemacht, was sonst nicht ihre Art ist. Dann riss sie sich los und warf sich erst kopfüber in mein Topf- und Pfannenregal, dass die Topfdeckel nur so flogen, dann raste sie ins Wohnzimmer und versuchte, die Zimmerecke hinter dem Barwagen hochzuklettern, woraufhin sie das Schuhregal im Flur umriss und L.s Ablage an seinem Schreibtisch verwüstete, und an diesem Punkt habe ich sie endlich eingefangen und von da an noch fünf Minuten fest im Arm gehalten, bis es vorbei war. Und die ganze Zeit dachte ich, das arme Tier hat Gift gefressen, nur wann und wo? Hamburg ist voller mieser, mieser Häufchen Dreck, die in Parkanlagen präparierte Würstchen und Fleischbällchen auslegen und denen ich allesamt das schlimmste Schicksal an den Hals wünsche, das denkbar ist. Aber ich hatte den Hund seit zwei Tagen eigentlich nur mit Leine ausgeführt, da hätte nichts passieren können. Trotzdem war ich mir sicher, das war es jetzt, und die kleine Maus geht drauf. Bis sie dann irgendwann wieder auf wackeligen Beinchen stand und ängstlich vor mir von einem Zimmer ins nächste geflohen ist. Da habe ich den Tierärztlichen Notdienst angerufen, eine Adresse und eine Telefonnummer in Uhlenhorst bekommen, das zitternde Tier ins Auto gepackt, den Mädchen abgesagt und bin da hingefahren. Und schon unterwegs dachte ich: wenn das mal kein epileptischer Anfall war. Und genau das scheint es gewesen zu sein. Wenn das jetzt nicht häufiger vorkommt, müssen wir gar nichts machen, außer sie gut beobachten und im Zweifelsfall aufpassen, dass sie sich nicht verletzt. Werden es mehr, muss sie Tabletten haben. Und auf dem Rückweg dachte ich: willkommen in der Welt, in der etwas Kleines und ziemlich Verletzliches komplett von Dir abhängig ist, in der von jetzt auf gleich Abendplanung für den Arsch ist, und in der auf einmal nichts anderes mehr wichtig ist, als dass es diesem anderen Wesen wieder gut geht, denn vorher wird es Dir auch nicht wieder gut gehen.

Heute morgen sind die Hunde wie zwei Disney-Rehe über die verschneite Wiese gehüpft, ihre Welt ist wieder in Ordnung. Meine zwar auch, aber auf irgend eine merkwürdige Weise ist sie trotzdem anders als gestern.

In meinem Bauch bewegt sich immer noch nichts, was eindeutig identifizierbar wäre. Aber seitdem ich beschlossen habe, nicht mehr entspannt sein zu müssen, kann ich damit umgehen. Es soll Damen geben, die vor Woche 22 nichts gespürt haben, habe ich mir sagen lassen. Und dieses ganze "also ich hab es schon in der zwölften Woche gespürt, ätschbätsch" ist vermutlich eine besonders frühe Form vom Mein-Kind-kann-das-längst-Battle. "Also, meine Eizelle hat sich innerhalb von drei Tagen 16mal geteilt! Ha!" Oder auch wahlweise eine Form von ausgeprägter Schwangerschaftsblähung. Nein, wir wollen nicht giftig werden: also, andere spüren was, ich spüre nichts.

Was war noch? Heute Abend gehe ich wieder zum Yoga. Ich überlege mir noch, ob das das letzte Mal wird. Und ich habe eine Produktempfehlung: Girls. Ich hatte lange nicht mehr so viel Ehrfurcht vor jemandem wie jetzt vor Lena Dunham, die die Serie mit 26 geschrieben, an HBO verkauft und dann gleich noch Regie geführt und die Hauptrolle gespielt hat. Und selbst, wenn sie 56 wäre und ein alter Hase, hätte ich trotzdem Ehrfurcht, denn das ist wirklich ganz, ganz toll. So toll, dass ich ab und zu sogar den Bildschirm anfasse, um einer der Figuren über den Kopf zu streicheln. (Den könnte ich auch mal wieder saubermachen, den Bildschirm.)

Dienstag, 10. Juli 2012

Wir üben noch

Bevor das hier Stunk gibt: ja, ich weiß, dass Hunde nicht mit Kindern zu vergleichen sind. In keiner Weise! Es ist nur so, dass mich meine Erlebnisse mit Hunden (Mehrzahl, ja) ab und zu an das erinnern, was ich mir mit Kindern so vorstelle, befürchte oder hoffe. Gerade versuchen wir, ein Kind zu adoptieren. Und während wir noch dabei sind (da steht auch noch ein Bericht aus, zu dem ich bestimmt morgen oder übermorgen komme, bitte habt Geduld, sobald es hier mal um was Ernstes geht, schreibt sich das manchmal nicht einfach so zwischendurch weg), adoptieren wir - wenigstens ein bisschen - einen Hund.

Von Momo hatte ich ja schon erzählt. Es gab Gespräche und Kennenlernen und Besuche und noch mehr Gespräche, und jetzt ist sie erst mal bei uns, es sei denn, sie ist gerade bei ihrer angestammten Familie. Als wir Momo kennengelernt haben, war schon von ihren Lipomen die Rede. Das sind gutartige Tumore im Fettgewebe, die hatte sie kurz vorm Schwanz, und "Fetttumor" klingt zwar widerlich, aber in Wahrheit waren das einfach nur zwei feste Beulen im Fell mit dem Durchmesser eines Tischtennisballs. Zurück aus der Heide bemerkten wir am Montag Morgen, dass einer der Tennisbälle süppschte. Das Fell drumherum war wie mit Schneckenschleim (isst hier eigentlich gerade jemand während des Lesens? Dann würde ich eins von beidem lassen, es kommt noch schlimmer) verkleistert. Weil der Hund sonst ganz munter war, haben wir bis heute gewartet mit dem Tierarztbesuch. Heute war L. dran, ich saß sicher im Büro. Dann kam irgendwann der Anruf: nix Lipom, das sind Atherome, auch Grützbeutel (hab ich zu viel versprochen?) genannt - so etwas wie ein riesiger Pickel, nur noch viel entzündlicher und auch nicht ganz ungefährlich. Die offene Beule ist jetzt rasiert, wurde gereinigt, mit Salbe versorgt, Momo muss alle 12 Stunden eine in eine Wurstscheibe gewickelte Tablette bekommen, und Salbe müssen wir auch weiter draufschmieren. Das wirklich schlimme, schreckliche aber, das mich an Kinder erinnert, ist das: mehrmals täglich müssen wir uns die Hände waschen, am besten auch in Einweghandschuhe schlüpfen und das Ding ausdrücken. Seit L. mir das heute mittag erzählt hatte, konnte ich an nichts anderes mehr denken als an das Grauen, nach Hause zu kommen und einen gigantischen Hundepickel ausdrücken zu müssen. Dann war ich zuhause und habe es hinter mich gebracht: Einweghandschuhe habe ich zu Hunderten (ich nehm die zum Kochen, wenn es z.B. eine Chili zu entkernen gibt) (Oh Gott, nun kann ich nie wieder Chilis entkernen, ohne an den Grützbeutel zu denken) (Tja, Pech, ihr jetzt vermutlich auch nicht mehr, tut mir leid). Mir zittern immer noch die Hände ein bisschen, aber was soll's? Liebe macht es möglich, und wenn es auch die gerade erst frisch aufkeimende Liebe zu einem mir vor drei Wochen noch fremden Hund ist. Ich denke daran, wie ich als Kind nach den Windpocken ein paar Furunkel als Souvenir davongetragen hatte, und meine Mutter musste mit mir in der leeren Badewanne sitzen und sie verarzten, während mein brüllender Bruder danebenstand. Ich denke an meine alte Teampartnerin, die morgens bleich aus dem Haus schwankte und erzählte, sie hätte die ganze Nacht damit zugebracht, Rotz aus der Nase ihres schwer erkälteten Säuglings zu saugen. Solche Sachen passieren, wenn man die Verantwortung für ein ansonsten hilfloses Wesen übernimmt. Sie sind nicht schön, sie können einem auch noch Jahre später die schönste Mahlzeit versauen (zumindest, wenn man wie ich ein Talent dafür hat, sich immer an das Falsche zu erinnern), aber sie gehören dazu.

Und wieder mal habe ich ungerechtfertigterweise das Gefühl, mein Leben ist ein Adoptions-Assessment-Center. (Und wer muss es ausbaden? Das Tierchen.)

Montag, 25. Juni 2012

Die Tiere sind unruhig

Wie lange ist das jetzt her, neun Tage? Warum, weiß ich auch nicht. Mich überfällt gerade so eine große, wattige Müdigkeit, sobald ich eine Tastatur unter den Fingern spüre. Könnte kompliziert werden in Job, wenn es dabei bleiben sollte. Ansonsten muss ich darauf hoffen, dass die Spracherkennungstechnologie weiter voranschreitet, sonst ist es bald Essig mit den schönen Überweisungen für selbstgebastelte Texte. Chrrr-püüü.

Inzwischen habe ich ein paar Dinge wiederentdeckt, die mir viel Spaß machen. Zum Beispiel, mehrere Abende hintereinander keinen Alkohol zu trinken und bei Eistee mit Zitrone mit einem schönen Buch auf der Couch zu sitzen. Oder den Spaß daran, die Hütte voll mit Menschen zu haben, sie zu bekochen und jede Sekunde davon zu genießen. Den Spaß am Bügeln. Doch, ehrlich! Ich habe wohl gerade eine häusliche Phase, die muss ich nutzen. Ich stapele frisch gewaschene und in der Sommerbrise auf dem Balkon getrocknete Handtücher auf Kante im Schrank, und dann schneide ich mir einen Apfel klein und lese noch ein paar Seiten. Ich versuche gerade, meinem Tag jedes kleine Fitzelchen Ruhe, Ordnung und Entspannung auszusaugen. Nötig ist es. Denn seit gestern Mittag haben wir einen Stargast: Momo ist jetzt Lilis Pflegeschwester. Ein siebenjähriges Airedale-Mädchen mit wolligem Fell und zehn Kilo weniger Muckis auf den Rippen als unser Borstenviech. Außerdem deutlich schüchterner, und Lili, die sonst so zauberhaft zu jedem Hund auf der Wiese ist (für Pinscher macht sie sich klein, damit sie keine Angst vor ihr haben, mit Labradoodeln donnert sie durchs Unterholz, dass die Erde bebt) zeigt sich plötzlich von ihrer zickigen Seite. Momo, das ist jetzt schon klar, ist erstens eher auf Frauen fixiert und braucht zweitens viele Streicheleinheiten gegen das Heimweh. Alle paar Sekunden steht sie vor mir und möchte an den weichen Ohren gekrault werden. Kaum fange ich damit an, bohrt Lili schon ihren Dickschädel zwischen meinen Knien hindurch und will auch. Gestern hat Momo einen zaghaften Versuch unternommen, zu mir auf die Couch zu steigen, da war Lili auch schon zur Stelle und hat es irgendwie geschafft, mit behaglichem Seufzen unser dreisitziges Sofa komplett auszufüllen. Sie führt sich auf wie eine Reisegruppe im All-inclusive-Urlaub, auf allem liegt ihr Handtuch. Mein Sofa, mein Wasser, mein Stock, mein Stück Fußboden, mein Park, mein Frauchen. Vor allem mein Frauchen. Momo kann kein Tröpfchen Pipi auf die Wiese machen, ohne dass Lili sofort die doppelte Menge an die gleiche Stelle setzt. Und wir sind hin- und hergerissen: einerseits soll Lili wissen, dass Momo ihr nichts von ihrem Revier und ihrem Status wegnimmt, andererseits kann man sie für ihr bulliges Benehmen auch nicht ständig belohnen. Gerade sind wir zu dem Entschluss gekommen, die zwei das unter sich ausmachen zu lassen, jedenfalls, bis Lili zu hart rangeht (was sie normalerweise nicht tut, sie verlässt sich sonst eher auf ihre Ausstrahlung als auf ihre Zähne) und ansonsten zu beiden Hunden ruhig, freundlich und bestimmt zu sein. Mal sehen, wie lange der Entschluss steht.

Und dann war da noch der Stammtisch. Eigentlich gerne sofort, aber meine Geschwister wollen zu Besuche kommen, wissen aber noch nicht, wann. Abkürzungsdamen, können wir noch zwei-drei Tage warten, bevor wir anfangen, einen Termin zu machen? Ich wäre ja aus lieber Gewohnheit wieder für die Gloria Bar. Ich bin dann die mit dem guten Buch und dem Kräutertee, gell?

Donnerstag, 24. Mai 2012

Ex-Ausbrecherkönigin Lili

Der Garten ist riesig und voller Gelegenheiten für Lili, Spaß zu haben. Da sind Löcher zu graben, Stöcke zu zerkauen, alte Tennisbälle von hier nach da zu schleppen, zu vergessen und dann als nette Überraschung wiederzufinden... falls sie gerade keine Lust hat, meine frisch angepflanzten tränenden Herzen und Hortensien zu bewundern. Trotzdem reicht es nicht. Es reicht irgendwie nie, verflixt noch eins! Da tut man und macht...
Kurz nach unserem Einkauf haben wir angefangen, uns nach einem Zaun umzugucken. Der Zaun, den ich wollte, hätte so viel gekostet wie anderer Leute Eigentumswohnung: ein getischlerter weißer Holzzaun mit dicken quadratischen Pfosten. Ein Zaun wie aus einer Astrid Lindgren-Verfilmung. So ist das leider: obwohl ich mir immer einbilde, kein Snob zu sein, zeige ich auf einer Seite voller Handtaschen, Schuhe oder auch auf der Speisekarte meistens auf das, was am teuersten ist. Sollte man nicht meinen, wenn man mich so in meiner Jogginghose und meinen drei Jahre alten vergilbten Ballerinas die Straße entlangschluffen sieht, ist aber trotzdem so. Also sind wir zu Obi gefahren und haben da einen Holzzaun in ca. 800 Einzelteilen gekauft. Der hat dann immer noch fast 2000 Euro gekostet, so riesig ist der Garten nämlich, ich hab nicht gelogen! Die folgenden drei Monate haben wir uns jede freie Minute damit versaut, den Zaun aufzubauen. So wichtig unsere enge Freundschaft auch für L.s und meine Beziehung ist, beim Aufbauen von IKEA oder sogar Zäunen endet sie. Ich bilde mir ein, wir sind nur deshalb an einer Scheidung vorbeigeschrammt, weil ich so dickfellig und gutmütig bin. Und handwerklich geschickt natürlich! Klar. Jetzt steht der Zaun schon eine ganze Weile, und Lili respektiert ihn auch im großen und ganzen. (Man muss nur ein Wurstscheibchen in die Hand nehmen und den Arm so hoch strecken, wie es geht, und dann noch auf einen Stuhl steigen, dann sieht man ganz klar, dass ein 1,20 hoher Holzzaun eigentlich eher sowas wie ein optischer Raumtrenner für sie ist.) Wir haben sie also öfter mal einfach in den Garten gelassen - nicht statt Spaziergang, sondern außerdem. Wir sitzen also mit Freunden im Wintergarten und reden, und der Hund bewundert meine Hortensien.

Und dann ist sie weg.

Das vorletzte Mal, als das passiert ist, war sie an einem Tag weg, an dem L. zum Fußball war. Ich hab den Garten durchsucht, es hat eine ganze Weile gedauert. Dann das Haus, den Keller, alles. Sie war weg. Dann bin ich (in Jogginghosen, Ballerinazombies und mit irrem Blick) zwei Stunden lang überallhin in der Umgebung gelaufen, wo sie hätte sein können. Sie war und blieb weg. Ich hab ihren Namen gebrüllt, bis ich heiser war. Im Ofen war ein Kuchen, den ich nach zehn Minuten abgedreht hatte und der mit Sicherheit jetzt nichts mehr werden würde, nachdem ich fast eine Stunde in der Küche gestanden hatte. Ich bin durch die Straßen gelaufen, vorbei an Gärten, in denen mitleidige Nachbarn den Rasen sprengten oder ihre Hortensien bewunderten, und keiner hatte sie gesehen. Nach zwei Stunden, in denen ein grauenvoller Film immer wieder in meinem Kopf abgelaufen war, kam ich zurück in meinen Garten und hatte eine rettende Idee:

"Lili! Laut!"

Das gute Tier. Kein Wunder, dass wir sie manchmal Kommissar Lili nennen. "WUFF!" Gar nicht so weit weg. Genauer gesagt im Garten einer Frau, deren Grundstück an eins grenzt, das an unseres grenzt. Mit einem Puls von 180 rannte ich um den Block. Niemand schien zuhause zu sein, aber die Gartentür war offen. Und im Garten war Lili und bewunderte die Kaninchen in ihrem Käfig. Ganz friedlich, kein Blutbad (auch wenn ich nicht dafür die Hand ins Feuer legen wollen würde, was ohne Käfig passiert wäre) und froh, mich zu sehen. Also habe ich ihre Leine ins Halsband gehakt und wollte los. Aber da zeigte sich plötzlich doch noch eine Frau in der Haustür.
"Sie wollten jetzt einfach so gehen, oder?"
"Oh, Hallo. Wir sind Nachbarn. Tut mir leid, mein Hund war in ihrem Garten."
"Das weiß ich. Seit zwei Stunden. Die hat mit Sicherheit einen Haufen gemacht."
"Äh... ich hab keinen gesehen, aber ich kann noch mal nachsehen."
"Sie wollten jetzt einfach so abhauen."
"Abhauen würde ich das nicht nennen... ich hab meinen Hund geholt, und jetzt wollte ich mit ihm nach Hause gehen. Wieso haben sie denn nicht aufgemacht, als ich geklingelt habe?"
"Die Kaninchen leben aber noch?"
"Ja, die leben noch. Sagen Sie mal... jetzt laufe ich hier seit zwei Stunden halb irre vor Angst durch das Viertel und brülle den Namen meines Hundes. An Ihrem Haus bin ich ungefähr achtmal vorbeigekommen. Wenn Sie sich seit zwei Stunden über den Hund aufregen, hätten Sie doch auch mal den Kopf zum Fenster rausstecken und mir Bescheid sagen können, oder?"
"Unverschämtheit. Der Hund ist jetzt seit zwei Stunden in meinem Garten."

So kommen wir nicht weiter.

Aber gerade gab es trotzdem einen Durchbruch: Lili war draußen und fühlte sich zu Unrecht unbeobachtet. Ich hab auf der Lauer gelegen. Im Schutz der Hortensien bin ich ihr hinterhergeschlichen. Und jetzt steht fest: sie benutzt L.s Schutzwall gegen ausbrechende Hunde, um über den Zaun zu klettern.

Das war's, Mäuschen. Auch ich finde, dass "Shawshank Redemption" ein großartiger Film ist, aber nu ist Schluss.

Freitag, 9. März 2012

Die manische Flora

Am 20. März um 15 Uhr freuen wir uns auf das erste LIVE-Treffen mit der Adoptionsbehörde. Wird es auch das letzte sein? Werde ich zehn Minuten oder nur fünf brauchen, um uns für alle Zeiten auf die schwarze Liste zu setzen? Wird mein Fusselhirn übernehmen, wo mein Bauch ausnahmsweise nichts mehr gegen meine Familienplanung ausrichten kann? Ich bin gespannt.

Aber bis dahin, liebe Abkürzungsdamen, ist noch viel zu tun. Ich befinde mich in einem Rausch der Aktivität. Gestern bin ich erst zum ziemlich weit entfernten Autohändler gerast, habe die TÜV-Papiere und den anderen Kram abgeholt, bin zur Zulassungsstelle gefahren, habe dort zwei Stunden intensiv gewartet, bin dann mit den Schildern zurück zum Autohändler gerast und hatte gegen drei endlich, endlich mein Auto vor der Hütte stehen. Und was für ein Auto! Es ist perfekt. Das heißt, sobald ich nachher mit feuchten Tüchern und Q-Tipps einmal da durch bin und die letzten Reste von Zigarrenasche und Kleister aus den Ritzen entfernt habe. Ein Navi habe ich schon gekauft, bei einem Autoradio war ich unschlüssig. Es ist zwar eins drin, aber es klebt wie Fanta und hat nur einen Cassettenrekorder. Aber dann habe ich beschlossen, meiner uralten, seit zehn Jahren nicht mehr angefassten Cassettensammlung eine letzte Saison zu spendieren, und eine halbe Stunde später war ich auf dem Weg zu Obi (Verbandskasten, Warndreieck, Feuerlöscherchen, Schwamm und Abschleppseil) und habe laut zu Doris Day gesungen. (Ich bin ein schlechter Radiohörer. Es kann passieren, dass mich das Radio mal positiv überrascht für ca. zehn Minuten. Aber ich halte Musik, die ich nicht leiden kann, überhaupt nicht aus - null Toleranz. Ich habe schon halb volle Einkaufswägen in Geschäften stehen lassen und bin gegangen, weil plötzlich "A groovy kind of love" kam oder "Wind of change"). Zurück von Obi war ich mit Lili beim Tierarzt und habe ihr die Polypen aus den Augen kratzen lassen. War das widerlich? Ging es mir durch und durch, ihren Kopf dabei wie einen Schraubstock festzuhalten, damit sie nicht ständig wegzuckt, während ein Skalpell nur Milimeter von ihrem Auge entfernt zugange ist? Hat sie mir das aber überhaupt nicht übel genommen und war schon zehn Sekunden nach der Mini-OP schon wieder schwanzwedelnd in Leckerchen-Laune? Ja, ja und ja.
Heute kümmere ich mich um den Maler, der die Baustelle hinter dem Ex-Kamin in Ordnung bringen soll, lasse endlich meine Brille machen, und wenn mir trotz aller Anstrengung nichts anderes einfällt, wo Doris Day und ich mit dem Auto hinfahren können, dann backe ich Kekse und koche Hühnerfrikassee im großen Stil.

Und zwischen all dem warte ich auf dieses gewisse "Plopp, Autsch" mit dem sich die Zyste löst. Denn überraschenderweise hat meine Blutprobe die Wahrheit gesagt: an Zyklustag 22 habe ich meine Tage bekommen. Das hatte ich auch noch nie: hoffen auf die Schmerzen. Oder hat eine der anwesenden Abkürzungsdamen schon mal eine Zyste mit der Periode loswerden können und vielleicht zu berichten, dass das dann nicht so ein spektakuläres Erlebnis sein muss? Ich habe jedenfalls vor, in den nächsten Tagen ein bisschen nachzuhelfen, indem ich Frühjahrsputz mache und den Garten umgrabe. Nur schade, dass man dazu kein Auto braucht.

Uuuuund - und damit reicht es dann auch mal mit diesem Getippe am frühen Morgen - ich wollte noch mal an den Stammtisch kommenden Mittwoch erinnern. Ein paar versprengte Zusagen habe ich ja schon. Wer noch? Jetzt kommt schon! Oder soll ich noch mal einen anderen Termin vorschlagen?

Sonntag, 19. Februar 2012

Brav, ganz brav. Feiner Hund.

Gerade in der Bahn, ich hab meine Schwester am Bahnhof abgeliefert, nachdem wir mit Lili an der Elbe spazieren waren. Der Hund ist völlig durch, Sand macht sie immer wahnsinnig, und es ist schon ein paar mal vorgekommen, dass sie wie irre auf einen Spielplatz voller Kinder gerast ist und dann zwei Minuten lang wie ein besoffener Springbock durch die Sandkiste tobt, während die Kinder teils begeistert, teils panisch sind und die Kindergärtnerinnen zum Glück nicht bewaffnet, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls war sie zwei Stunden lang am Strand unterwegs, hat sich ein paar Mal fast ins Treibeis geworfen, um Frauchen eine Ente zu fangen, das gute Tier, und nach einem langen gemütlichen Geschwisterwochenende sitzen wir beide ein bisschen kaputt in der Bahn. Da setzt sich eine vielleicht zwanzigjährige Mutter mit ihrem einjährigen Töchterchen zu uns, und das Kind hat einen Lolli und ganz klebrige Hände, und sie will den Hund streicheln. Und die Mutter ist so zauberhaft mit dem Kind, es kann sich schon selbst mit einem feuchten Tuch das Gesicht abputzen, und sie erklärt ihm liebevoll, aber bestimmt, was mit einem Hund geht und was nicht. Und dann zwickt das kleine Mädchen Lili in die dicke schwarze Nase, zieht ganz vorsichtig an ihren Ohren, und meine borstige müde Hummel sitzt lammfromm vor ihr und leckt ihr ein bisschen Lollikleister von den Fingern, und das Mädchen kräht vor Glück, und die Mutter bleibt ganz entspannt, obwohl ihr Baby gerade seine Seesternbabyhände in den Mund eines fremden Hundes mit riesigen Zähnen schiebt, der ohne weiteres imstande ist, einen fünf Zentimeter dicken Ast einfach durchzubeißen. Je nach Beschaffenheit des Astes natürlich. Und ich bin ganz stolz auf meinen braven Hund, und ich hoffe sehr, dass sie ihre Qualitäten irgendwann auch bei einem weniger fremden Kind zum Einsatz bringen kann, und dass wir darauf nicht mehr zu lange warten müssen. Und dann fange ich tatsächlich in der Ubahn an zu heulen, aber nur ein bisschen, ist auch gleich wieder gut. Hat auch niemand gesehen. Außer Lili, die hört auf, dem Kind die Finger zu lecken, und leckt stattdessen Frauchens Hände. Hapüh.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Kinderlosigkeit ist auch bei Hunden kein Spaß

Kurz vor Weihnachten war ich mit Lili eines Abends zum letzten Gang unterwegs, als wir auf der Wiese einem Mann aus dem Viertel begegneten, der mit einer kleinen Digitalkamera Fotos von seinem Hund machte. Es war zwar stockdunkel und die Wiese war eine eisige, matschige Kraterlandschaft, aber die Fotos sollten hübsch werden: der Hund sollte sitzen und bleiben, also still halten. Lili, grundsätzlich begeistert, andere Hunde zu treffen, störte das Shooting. Der Mann wurde aber nicht böse, sondern ließ nur resigniert die Schultern hängen. "Es geht nicht mehr. Zu Weihnachten müssen wir ihn einschläfern lassen." Ich brummte etwas Teilnahmsvolles und streichelte dem todgeweihten Hund über den dicken Kopf. Das war alles zu schrecklich. Jeder, der schon mal ein Haustier verloren hat, weiß, dass es schlimmer zwar grundsätzlich immer geht, aber dass nichts anderes auf genau diese Art schlimm ist.
"Als wir Nola einschläfern lassen mussten und die Ärztin mit der Spritze reinkam, hat sie sogar noch mit dem Schwanz gewedelt" hat meine Schwiegermutter heute erzählt, und wir haben nur genickt. Dazu muss man gar nichts weiter sagen, so sind sie. Ich bin heute noch froh und dankbar, dass ich nicht mit erleben musste, wie unser Königspudel Grobi erst nach einem Schlaganfall wochenlang vor sich hinvegetierte und dann im Kreis der ganzen Familie minus Flora eingeschläfert werden musste. Ich saß damals in Hamburg mit ganz eigenen Sorgen, mein Freund hatte mich im astreinen Soap-Opera-Stil sitzenlassen, während mein Exfreund im astreinen Akte-X-Stil durchdrehte. Dieses Sahnehäubchen blieb mir also erspart.

Gerade eben, als ich zum ersten Mal seit dem frisch geschliffenen Fußboden am Schreibtisch meines neuen Arbeitszimmers saß und nach draußen auf die Wiese guckte, lief gerade der Mann vorbei. Er rauchte und trottete ein bisschen träge einem zotteligen, quirligen Welpen hinterher, der kreuz und quer durch den Matsch fegte. Ich dachte, gut, dass er sich wieder einen Hund geholt hat. Man kann gar nichts dagegen tun, von einem Welpen getröstet zu werden, und wenn man noch so trauern will.

Vor ein paar Tagen habe ich im Magazin der Süddeutschen gelesen, wie erstaunlich das ist, dass Menschen ihr Hundchen immer lieben. Man fährt in einen Ort, in dem man nie vorher war und auch vermutlich später nie wieder sein wird, steht in einem Schuppen vor der schier unmöglichen Aufgabe, sich einen von zehn Welpen auszusuchen, tut es dann trotzdem, nimmt das Tier ein paar Wochen später mit nach Hause, und 48 Stunden später ist man verknallt. Es ist wie das unwahrscheinliche Happy End einer arrangierten Hochzeit. Aber für mich ist das fast noch erstaunlichere Wunder, dass es umgekehrt auch funktioniert: unser Hund liebt uns. Wenn jetzt jemand mit der Futtergeschichte kommt und mir erzählen will, Lili wäre eine kleine Chappie-Nutte, dann lasse ich ihn einfach stehen. Wir sind die Leute, die damals vor ungefähr einem Jahr in ihrem Schuppen standen, noch kurz zwischen ihr und ihrer kleineren, zarteren Schwester geschwankt haben (sie war ein Riesenbrummer, der erste Welpe, der rauskam, immer die erste an der Zitze und am Futternapf) und dann doch unbedingt sie haben wollten. Wir sind die mit dem viel zu kleinen Auto, wo sie sich immer zwischen die Füße quetschen muss, die deren Kleider sie manchmal fressen darf und manchmal nicht, was ja wohl kein Mensch verstehen kann, und die, die ständig anderes Futter kaufen, obwohl in allen schlauen Hundebüchern steht, dass Hunde immer das Gleiche fressen wollen. Und all das ist genau so egal wie unsere Frisuren, unser Gewicht, unser Einkommen, ob wir unsere Schuhe putzen und ob wir in den richtigen Läden verkehren (in denen wir sowieso seit Lili viel, viel weniger verkehren, egal ob richtig oder falsch). Dieses Tier wurde durch reinen Zufall und die Nachhilfe einer ebay-Kleinanzeige in unseren Haushalt verpflanzt, und sie tut so, als wäre das alles ein Naturgesetz und in jeder Hinsicht richtig.

Was sie bisher nicht ahnte, ist, dass sie ihr Hundeherz an zwei Monster gehängt hat.

Wir haben uns heute morgen den Wecker auf sieben Uhr gestellt, dann haben wir geduscht und uns angezogen, und dann sind wir mit der nichts ahnenden Lili zu Fuß zum Tierarzt gegangen. Sie bekam eine Beruhigungsspritze, die scheinbar weh tat, ist uns prompt in die Arme gesprungen, dort langsam ein bisschen dösig geworden, dann auf den Boden gerutscht, wir haben sie zusammen auf den Tisch getragen, sie hat nach ca. neun Anläufen einen Zugang in die Vene an der rechten Vorderpfote bekommen, dann eine Narkose, und dann mussten wir mit ansehen, wie der völlig bewusstlose und sonst so energiegeladene Hund nach nebenan getragen wurde, und die Tür ging zu. Und als wir sie zwei Stunden später wieder in Empfang genommen haben, war sie kastriert.
Richtig: Ich habe heute meinen Hund kastrieren lassen. Natürlich ist das alles in ihrem Interesse. Hündinnen, die keine Jungen bekommen, bekommen fast immer später Krebs. (Bei Grobi war das auch so, leider.) Sie werden alle paar Monate für drei Wochen heiß, dürfen dann nicht ohne Leine laufen, und je älter sie werden, desto öfter und länger sind sie heiß. Angenommen, Lili hätte doch Junge bekommen, dann wären wir die Kleinen - meistens sind es so um die zehn - vermutlich nur schwer an nette Hundeeltern losgeworden, denn weder Lili hat Papiere, noch hätte die irgend einer ihrer Welpen, und leider ist das für viele Leute sehr wichtig. Es hätte damit geendet, dass wir irgendwann hätten einsehen müssen, dass wir nicht sieben Hunde haben können, und ein paar davon hätten wir ins Tierheim geben müssen. Ins Tierheim! Das wäre nicht gegangen. Es wäre alles ein fürchterliches Elend gewesen. Für alle beteiligten war das gut so heute, auch für Lili, die jetzt beste Aussichten auf ein langes, krebsfreies und leinenloses Leben hat. Trotzdem fühle ich mich wie... Kinderwunschfrauen, denen der ganz normale Psychowirbel irgendwie zu langweilig und farblos erscheint, sind herzlich eingeladen, sich einen Welpen zu kaufen und ihn ein Jahr später kastrieren zu lassen. Das zwiebelt.

Ach je. Und jetzt kommt sie an und legt ihren Kopf mit dem "Kragen" (einem steifen Trichter aus Plastik um ihren Hals, der dazu da ist, sie davon abzuhalten, sich die Fäden schon mal selbst zu ziehen, was sie natürlich nicht weiß und auch nicht verstehen wird, so lange sie das Ding nun tragen muss - zehn Tage!) auf meinen Schoß. Ich bin ein Monster.

Sonntag, 6. Februar 2011

Zum Glück kann Lili nicht "wie sieht's denn hier aus" sagen

In wenigen Minuten - eigentlich jede Sekunde - kommt die kleine Fellwurst aus ihrem Urlaub zurück. Zehn Tage war sie auf dem Lande und wurde bespielt, behütet, beschnuppert von den anderen Gästen und richtig gründlich durchgespaßt. Jeden Abend schlief sie glücklich und hunde(harr)müde ein. Ich freue mich wie blöde, dass sie gleich wieder da ist, sie hat mir gefehlt, und laut L. hab ich im Schlaf ständig von ihr gesprochen. Gleichzeitig habe ich zwei Sorgen: 1. was, wenn sie wieder tagelang schmollt, weil sie ihre neuen Freunde vermisst, und ich mich wieder zergräme, wir würden dem Hund kein schönes Leben bieten? 2. was, wenn sie all die rohen Holzfußböden im Haus ruiniert? Es ist nämlich so. Während unserer vier Tage Berlin waren Handwerker im Haus, die im Treppenhaus, auf den Absätzen und in meinem Arbeitszimmer den Boden abschleifen und anschließend neu ölen, versiegeln, streichen, was auch immer sollten. In Berlin verging kein Tag, an dem ich nicht mindestens einmal in die Hände geklatscht und auf der Stelle getrampelt habe vor Freude, dass während ich hier gerade klatsche und trampele unser Fußboden piccobello fertig wird.
Dann kamen wir gestern Abend voller Erwartungen zurück, nur um festzustellen, dass zwar alles abgeschliffen ist, aber nichts gestrichen. Eine falsche Bewegung mit der Teetasse, dem Rotweinglas oder der matschigen Hundetatze, und wir haben einen Fleck auf dem Boden, den man nicht wieder wegbekommt. Draußen versinkt die Welt im Matsch, und drinnen habe ich gleich einen Hund, der tagelangen Trubel gewohnt war und mit dem ich eigentlich zur Feier des Tages am liebsten sofort zu einem dreistündigen Spaziergang durchs Moor aufbrechen würde.
Warum tun Handwerker so was? Immer? Die gleichen Handwerker haben vor einem halben Jahr hier die ca. dreifache Fläche in unserer Anwesenheit abgeschliffen und versiegelt und dafür insgesamt fünf Stunden gebraucht. Warum reichen jetzt vier Tage nicht? Wieso kommen wir schon wieder nach Hause, nichts ist fertig, alles ist dreckig, überall liegen Maschinen rum, und eigentlich müsste man einen Bauhelm tragen?
L. hat eine kluge Freundin, die gesagt hat, alles, was mit Handwerkern zu tun hat, dauert immer drei mal so lang wie angekündigt. Da hat sie wohl recht.

Was Lili noch nicht weiß und was ihr auch bitte keine von euch verraten sollte, ist, dass sie diese Woche am Donnerstag morgen fröhlich auf den Tisch der Tierärztin steigen wird und ihn zwei Stunden später im Narkosetran und kastriert wieder verlässt. Ich grusele mich entsetzlich. Der vernünftige Teil von mir weiß, dass das genau das richtige ist und es nun mal sein muss. Mein erster Hund, ein Königspudel, war nicht kastriert, sollte aber (genau wie Lili) keine Jungen bekommen, und sie hat sich die letzten fünf Jahre ihres Lebens mit unzähligen Tumoren und anderen Beschwerden rumplagen müssen. Das soll Lili nicht passieren. Also ist eigentlich alles klar. Aber ich glaube, ich muss euch nicht erklären, warum ich mir trotzdem lieber einen Zehennagel ziehen lassen würde, als meine Hündin kastrieren zu lassen. Ich weiß schon, dass das vorbei geht. Spätestens Montag früh, wenn ich selbst auf den Tisch muss, habe ich wieder andere Sorgen.

Sonntag, 16. Januar 2011

Nachrichten aus dem Hundesportverein

Während L. am anderen Ende der Stadt seinen Gegnern die Plastebälle um die Ohren haut, hängen Lili und ich hier in den Seilen. Lili hatte nämlich gestern den ersten Übernachtungsbesuch ihres Lebens zu Gast. Püppi ist beruflich Labrador, sechs Monate alt und besteht nur aus Zähnen und Schwanzwedeln. Und weil unsere kleine Fellfee mit ihren 14 Monaten auch noch ziemlich welpig ist, haben die zwei von gestern Abend bis Mitternacht und heute früh ab sieben getobt. Zwischendurch waren sie so wild, dass ihre Konturen verschwommen sind. Jetzt sind die zwei dicke (und müde) Freundinnen, und ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass Labradore die verfressensten Tiere der Welt sind. Wenn Püppi frisst, dann ist das so, als würde sie kurz den Napf mitsamt Futter in den Mund nehmen, das Futter runterschlucken und den Napf wieder ausspucken. Als ich erschrocken Lilis Futter in Sicherheit bringen wollte, damit der kleine Gast sich nicht den Magen verdirbt, ist sie fast aus dem Stand auf den Küchentisch gesprungen und hat sich den Rest auch noch geholt. Kein Wunder, dass Labradore leicht zu erziehen sind, man muss wirklich nur ein schäbiges, trockenes Stück Hundefutter in der Hand halten, und schon lesen sie einem jeden Wunsch von den Lippen ab. Demgegenüber gab es mit Lili schon Momente, in denen ich ihr mit einer Scheibe Serrano-Schinken in der Hand hinterhergerannt bin, ohne dass sie Anstalten gemacht hat, gefälligst zu tun, was Frauchen will.

Mann, war das niedlich. Und anstrengend. Und niedlich. Und anstrengend. Und niedlich.

Ansonsten habe ich endlich mal wieder Kinderwunschnews: ich habe einen OP-Termin für meine Kontroll-Bauchspiegelung, bei der hoffentlich herauskommt, dass das mit der Endometriose und den Myomen nicht so wild ist diesmal und ich schon mal mit dme Gedanken spielen kann, im Herbst eine Babykugel durch die Gegend zu schieben. Am 14. Februar bin ich dran, wodurch L. und ich zum Glück den Valentinstagsfeierlichkeiten entgehen, und der außerdem ein Glückstag ist, weil eine sehr liebe (und sehr willensstarke) Freundin an einem Valentinstag vor vielen Jahren von heute auf morgen und tatsächlich für immer und ohne Ausnahme mit dem Rauchen aufgehört hat. Von zwei Schachteln pro Tag runter auf null. Der 14. Februar ist also in meiner Welt ein guter Tag für Ereignisse mit Gesundheitsbezug.
Und diese Woche Dienstag ist mir zum ersten Mal etwas passiert, wovor ich immer Angst hatte, was sich aber (wie fast alle Kinderwunschbezogenen Angstthemen bisher) dann doch als halb so wild entpuppt hat: ich bin beim Enantone spritzen auf Blut gestoßen. Ich hab alles so gemacht wie immer, aber statt des winzigen Blutströpfchens, das sonst manchmal aus dem Löchlein quillt, hat es diesmal geblutet und geblutet. Aber jetzt ist alles wie immer: dicker braunblauer Fleck, darunter ein Knubbel, in dem sich das Enantone-Depot für die nächsten Wochen befindet. Wenn ich draufdrücke, tut es weh, also drücke ich einfach nicht drauf.