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Dienstag, 11. August 2015

Ätschikolätschi.

Gerade, als ich dachte, jetzt läuft's. Gerade, als ich mir schon fast ausgerechnet hatte, wie viele Tage noch bis zu Michels Kitastart sind. Gerade, als ich mir sicher war, ab jetzt wird alles, alles gut. Und gerade, als noch nicht mal von den Kindern total zerstörte Nächte etwas gemacht haben, denn ich wusste ja: bald.

Gestern war erster Kitatag nach den Sommerferien, und ich dachte, ich frage mal, nur so zur Sicherheit. Denn dass Michel zu November oder spätestens Dezember einen Platz hat, war keine Frage, das hatte uns die Kitachefin ja versprochen: "Ein Selbstläufer ist das bei Geschwistern", hatte sie gesagt. Mit Michel auf dem Arm habe ich beim Abholen von Kalle kurz angeklopft, nur um mal so zu horchen, wie die Ferien waren und wann wir den Vertrag unterschreiben sollen für Michel. Da sah sie mich mit großen Augen an. "Den habe ich jetzt gerade gar nicht auf dem Zettel, helfen Sie mir auf die Sprünge?" Mit wachsender Panik sagte ich, wir hätten doch besprochen, dass Michel ab November in die Krabbelgruppe kommt. "Aber da hab ich gar keine Anmeldung bekommen!" Aber ich hatte eine abgegeben, ganz ganz sicher, mit Kalles unterschriebenem Vertrag zusammen, damals im Dezember! Sie blätterte kurz in einem Ordner: Nö, da war nichts. "Die Gruppen für November hab ich schon geplant, die fürs Frühjahr auch schon", sagte sie. "Da muss ich noch mal gucken. Irgendwas lassen wir uns einfallen. Aber ich hab hier keine Anmeldung." Mit zugeschnürter Kehle bin ich mit meinen Jungs nach Hause geschoben. Zuhause habe ich L. das Drama geschildert. Der sah mich mit schicksalsergebenem Blick an. Wieso heiratet er auch eine Frau, bei der immer die Papiere verschwinden? Egal, mit wem ich es zu tun habe: Banken, Behörden, Kita - immer bin ich die, die alles abgegeben hat und dann ist es wieder nüschte. Das Ganze riecht auch nach Schlamperei meinerseits: klar bin ich mir immer sicher, dass ich alles richtig gemacht habe, klar sind wieder mal die anderen Schuld. Nur: ich hätte alles darauf geschworen, dass ich Recht hatte! Und jetzt? Wie soll das jetzt werden? Mit Job, mit Kindermädchen, mit überhaupt allem, mit dem ganzen schönen Plan? Um eine andere Kita hatten wir uns nicht gekümmert. "Selbstläufer hat sie gesagt" habe ich gestern ungefähr hundertmal vor mich hingemurmelt. "Selbstläufer." Und in die alte Kita, die Durchfallhölle, können und wollen wir Michel jetzt nicht stecken - nicht nach dem unschönen Ende dort mit Kalle.

Die Nacht war unruhig, Kalle war nach einem schlimmen Traum bei mir im Bett, brabbelte im Schlaf, zog mich an den Haaren und trat mir seine zarten, aber erstaunlich kräftigen Füßchen ins Gesicht. Michel hatte trotz Rekordportion zum Abendessen ständig Hunger. Draußen blitzte es, in meinem Kopf tobte ein ganz eigenes Gewitter. Totale Selbstsicherheit ist nicht meine Stärke, obwohl ich mir doch SO SICHER war, blieb ein kleines Stimmchen, das nängerte: "Ja klar, das Schicksal ist gegen dich. Und wenn der Zettel jetzt doch noch in irgend einer Jacke steckt, Hm? Kann das nicht sein? Wär das nicht typisch, dass du durch deine dämliche Schusselei jetzt doch wieder selbst an allem Schuld bist, Fusselhirnchen?" Irgendwann in dem ganzen Gegrübel fiel mir dann wieder ein, wie das genau gewesen war mit dem Abgeben: ich hatte ein Gespräch mit Kalles Gruppenleiterin gehabt und ihr die Unterlagen zu treuen Händen übergeben. Der Vertrag war ja auch offensichtlich angekommen, aber was war mit der Anmeldung? Die Gruppenleiterin ist schrecklich nett und ein echter Glücksfall für Kalle, die wollte ich jetzt auch nicht beschuldigen, das versemmelt zu haben. Aber irgendwer hatte es versemmelt. Nur wer? ("Du selbst, ganz klar", giftete das Stimmchen.)

Heute morgen kam L. aus der Kita wieder, nachdem er Kalle abgeliefert hatte. Die Chefin hatte ihn zu sich herein gewunken. "Willst du zuerst die gute oder die schlechte Nachricht?" Ich will immer die schlechte zuerst: "Michel hat keinen Kitaplatz. Aber: der Antrag ist aufgetaucht, datiert vom vierten Dezember. Sie hat ihn einfach falsch abgeheftet und übersehen."
Der nächste Platz, der frei wird, gehört Michel. Das ist im Moment ein schwacher Trost, denn aus dieser Kita will keiner wieder weg. Es gibt Eltern, die ziehen ans andere Ende Hamburgs und nehmen jeden Tag eine fast einstündige Anfahrt auf sich, bevor sie wechseln. Wenn wir Pech haben, wird es April. Oder Mai. Oder was weiß ich. Und wie es bis dahin werden soll, weiß ich jetzt auch nicht. Ich kriege ab November kein Elterngeld mehr und muss arbeiten. Muss und will, sonst drehe ich irgendwann durch, und die Chancen, irgendwann wieder in den Job zu kommen, werden auch nicht größer. Machen wir's wieder wie bei Kalle, die Kinderfrau muss häufiger ran, und L. auch? Es geht ja nicht nur um mich und ihn: auch für Michel hätte ich mir das gewünscht, denn Kalle profitiert von dieser Kita mehr, als mit Worten zu beschreiben ist.

Und ich hatte mich so drauf verlassen!

Aber ein bisschen froh bin ich schon, dass der Zettel aufgetaucht ist. Dass mein Fusselhirn einmal nicht Schuld ist. Dass das Stimmchen jetzt gefälligst die Klappe zu halten hat. Und dass wir jetzt in einer Kita sind, in der die Chefin so etwas zugibt. Der windige Chef der alten Kita, von mir immer "das Durchfallwiesel" genannt, hätte das Ding klammheimlich geschreddert und alles abgestritten, bevor er einen Fehler eingeräumt hätte.

Und vielleicht geschieht ja ein Wunder, und wir flutschen doch noch so rein.




Freitag, 20. Februar 2015

Wird. Bestimmt, oder?

Einige Dinge lernt man mit der Zeit. Dazu gehört zum Beispiel, mit einem einzigen zarten Feuchttüchlein eine erstaunliche Menge Dünnschiss zu entfernen. Oder am Geknötter zu erkennen, ob Hunger, Kälte, Weltschmerz, Langeweile oder Müdigkeit das Problem ist. Oder Dinge mit Kind auf dem Arm mit einer Hand zu erledigen, für die man früher drei gebraucht hätte. Oder die Bude abends innerhalb von fünf Minuten zumindest oberflächlich betrachtet wieder so hinzuräumen, dass sich Erwachsene dort wohl fühlen können. (Und sich in trügerischer Sicherheit vor Kinderkram wiegen. Gerade bin ich in die nur schummerig beleuchtete Küche gegangen und habe mich dann mit einer Schüssel Heringssalat in der Hand hingepackt, weil ich auf Kalles Rutscheauto getreten bin, das ich aber ansonsten sehr empfehlen kann. Es ist ein italienisches Auto der Firma Italtrike, und es ist so ungefähr in jeder Hinsicht besser als ein Bobbycar: völlig geräuschlos, mit einem Gummirand zum Schutz von Möbeln, Türrahmen und Elternschienbeinen und extrem wendig. Eine Transportbox für Schätze hat es auch. Der Heringssalat hat sich auf einer Fläche von vier Quadratmetern verteilt.) Andere Dinge dagegen kriege zumindest ich wohl nie hin. Kein schlechtes Gewissen zu haben, egal weswegen. (Kind ausgeschimpft wegen ausgeleerten Müeslis: schlechtes Gewissen wegen Hartherzigkeit und trauriger Kinderaugen. Kind Müesli ausleeren lassen: schlechtes Gewissen wegen Erziehungsfaulheit und Prinzipienlosigkeit. Usw. usf.) Einen ganzen Tag zu überstehen, ohne ein Kind mit dem Namen des anderen anzusprechen. Oder einen ganzen Tag zu überstehen, ohne dass Kalle mindestens einmal mein Telefon in den Fingern hat, von meinem Teller isst oder aus meinem Glas trinkt, oder zwei verschiedene Socken anhat.

L. hat für 2015 einen Jesper-Juul-Abreißkalender gekauft, der uns jeden Tag mit einer anderen Erziehungsweisheit beglückt, und wenn er den Spruch des Tages vorliest, denke ich meistens nur patzig "Wäwäwäwäwä", "Jesper Jesper Polyester" oder etwas ähnlich Unseriöses. Andere verinnerlichen das alles sofort und setzen es auch mit links gleich in die Tat um! Ich aber nicht. Lange Zeit fühlte es sich trotz vollgeschriebenen Mutterpasses, nächtlichen Gebrülls und Milchstaus so an, als würde aus mir nie eine Mutter werden. Ich war so lange keine, vielleicht ja deshalb. Bis ich vor ein paar Tagen zum Einkaufen geschoben bin und zufällig mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe gesehen habe: Frau mit dunkelblauem Parka, enger Jeans, Uggboots, Häkelmütze, Doppelkinderwagen und zackigem Gang. Und da hat es mich wie ein Schlag getroffen: ich bin eine Hamburger Mutti. Bzw. diese Hamburger Mutti, das bin dann wohl ich.

Ok, bevor Michel wieder losbrüllt, schnell die Themen:

Kalles neue Kita
Es ist nicht zu fassen, aber nach anfänglichem Schneckentempo hat Kalle seit gestern offiziell die eigentlich vierwöchige Eingewöhnungsphase hinter sich. Jeden Tag geht er jetzt von neun bis drei in die Kita, und wir sind begeistert. Dort nehmen sie alles, wirklich alles, ganz genau. Die Stärken dieser Kita liegen mit anderen Worten genau an den Stellen, an denen ich meine Schwächen habe. Und das gibt mir das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, jetzt wird alles gut. Michel ruft nach mir, bisher ist es nur so ein diffuses Gemecker, aber gleich könnte mehr draus werden, deshalb im Schweinsgalopp weiter.

Michel
Michel hat seit ein paar Tagen bemerkt, dass er einen großen Bruder hat. Pflanzt sich Kalle vor ihm auf und zeigt ihm, wo seine Ohren, Augen, Mund und Nase sind, dann strahlt Michel ihn hingerissen an. So ein Lächeln habe ich von ihm noch nie bekommen, und Kalle lächelt zurück. Diese Momente können für eine Menge zerbrüllte Nachtruhe entschädigen, auch wenn sie nichts gegen die Augenschatten ausrichten. Ich habe außerdem gestern mal meine Badezimmerkommode aufgeräumt und festgestellt, dass ich noch für 24 Tage Femibion II habe, das stinketeuere Vitamin-Präparat für Schwangerschaft und Stillzeit. Ich habe jetzt mal so vage beschlossen, wenn die Tabletten aufgebraucht sind, stille ich ab. Jetzt sind fast vier Monate um und damit mehr Zeit, als Kalle insgesamt hatte. Es läuft nicht schlecht, aber es reicht immer noch nicht - ohne Fläschchen geht es nicht ganz. Und zwar genieße ich die kleinen Pausen, die Michel und ich zusammen haben können, wenn es irgendwie drin ist, mich mit ihm zum Stillen nach oben ins Bett zu verziehen. Aber diese Pausen sind dünn gesät, und auf dem Sofa oder im Sessel ist es wirklich nicht leicht, weil er erstens so groß ist und zweitens durch die Schiene so steif. Außerdem würde ich gerne irgendwann demnächst mit den ersten Breichen anfangen, und spätestens dann ist Schluss. Ich habe das Gefühl, wir sind so weit, das hinter uns zu lassen. Bevor eine findet, das klänge jetzt so, als hätten wir auch unsere Probleme hinter uns gelassen: haben wir nicht. Er brüllt, ich gähne. Aber auch gähnend sind seit dem letzten Post schon wieder mehrere Tage vergangen, und damit sind wir wieder ein paar Tage näher an dem Moment, an dem er seinen inneren Sonnenschein findet.

Das Pipiproblem
Dazu muss ich noch mal gesondert schreiben. Natürlich ist es als Versuchsaufbau nicht schlau, gleichzeitig die Physio und das eigenmächtige Training mit den Gewichten anzufangen. Da könnte ja jeder kommen, hinterher zu sagen, die Gewichte haben es gewuppt. Aber im Moment habe ich schon das Gefühl, die Gewichte tun mehr für mich als die Physio, und die Gewichte kann ich tatsächlich problemlos in meinen Alltag einbauen. Die Physiotherapie-Stunden laufen über weite Strecken so, dass ich auf einer Liege liege und unter Aufsicht der Expertin den Beckenboden anspanne, was sich gleichzeitig sehr anstrengend und sehr wirkungslos anfühlt - komische Kombination. Dazu muss ich auch nicht fünf Kilometer fahren und die Kinder wegorganisieren, das kann ich auch alleine. Ich habe sie jetzt schon mehrfach gebeten, mir ein paar Übungen beizubringen, die etwas sportlicher sind. Sie sagt, die gibt es nicht. Hm.
Aber zum Glück habe ich ja die Gewichte, und mit denen geht es tatsächlich voran. Mit Gewicht Nr.2 schaffe ich jetzt schon problemlos acht Minuten, wenn ich mich bewege, und zehn oder mehr, wenn ich stillstehe. Für jeden Tag, an dem die Pipibinde trocken bleibt, klebe ich jetzt einen kleinen blauen Punkt in meinen Kalender. Es werden in letzter Zeit immer mehr.

Liebe Damen, ich muss jetzt leider ran hier. A cowboy's work is never done!

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Kalle ist in der Kita. Michel ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Michel:

Michels Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Kalles letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Michel und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Kalle so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Michel eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Michel auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Kalle ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Kalle auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Auf bessere Zeiten.

Halleluja: Michel ist nach einem umtriebigen Vormittag gerade eingeschlafen, L. hat sich mit Lulu zum Spaziergang aufgemacht, und ich muss erst in einer Stunde los, um Kalle aus der Kita zu holen. Himmlische Ruhe, nur durchbrochen vom geschäftigen Klackern meiner Tastatur. Dazu ein Glas Rotwein! Nein, gestrichen, einen Tee. Dann eben Tee.

Gestern nachmittag um drei hatte ich ein Gespräch in der neuen Kita. Dieses Gespräch war nicht das erste: wir hatten schon einen sehr ausführlichen Termin, als wir damals mit Kalle noch im Bauch dort zu Besuch waren. Damals wurden uns die Räume und die Gruppen gezeigt, wir haben über Montessori gesprochen und über das, was wir uns von einer Kita erwarten. Dann hatte ich letzte Woche einen Termin bei der Leiterin der Kita, selbst Mutter von sechs Kindern, darunter keine Zwillinge oder Drillinge. (Was beeindruckend ist, aber mir im Moment die Haare zu Berge stehen lässt.) Und gestern hatte ich noch einen Termin, diesmal mit einer der Kindergärtnerinnen, die Kalles zukünftige Gruppe betreuen. Das Gespräch hat ungefähr eine Stunde gedauert. Es gab eine Menge Papier mit nach Hause, neben dem unterschriebenen Vertrag auch diverse Merkblätter, was die Kinder so brauchen und sollen und woran sonst noch zu denken ist, und einen Fragebogen für die Eingewöhnungszeit. Darin stehen solche Fragen wie z.B.: braucht unser Kind irgend ein Schnuffeltuch oder Stofftier, um zu schlafen? Nimmt es einen Schnuller? Hat es vor irgend etwas Angst? Hat es ein Lieblingswort? Was bedeutet das Lieblingswort? Wie nennt es Mama und Papa und andere wichtige Bezugspersonen? Was isst es gerne, was nicht? Usw. uwf.

In der jetzigen Kita rückte Kalles erster Tag näher und näher, und irgendwann fragten L. und ich uns: gibt es jetzt hier nicht noch mal ein Gespräch? Wann sollen wir denn wo sein? Ist jetzt alles unter Dach und Fach? Müssten wir nicht noch irgend etwas unterschreiben? Haben die überhaupt unsere Kontodaten? (Hatten sie, mussten sie aber dann noch zwei mal haben, und erst Anfang dieser Woche haben sie tatsächlich mal was abgebucht.) Wieso ist hier nicht mehr zu regeln? Irgendwann haben wir dann mal da angerufen, und die Verwirrung wurde nicht geringer, nach dem Motto "Was sind denn das für Fragen? Tja, was soll man dazu sagen? Hm, irgendwie bin ich da nicht zuständig, aber vielleicht ruft sie demnächst jemand zurück..." Letzten Endes haben wir am Freitag vor dem Kitastart erfahren, um wie viel Uhr wir Montags kommen sollen und wie es dann weiter geht. Letzte Woche habe ich aus einer SMS im Gruppenverteiler beiläufig erfahren, dass wir Eltern eigentlich Freitags immer den Beutel mit den Reservekleidern unserer Kinder aus der Garderobe mitnehmen sollen, weil übers Wochenende die Garderobe gründlich gereinigt wird. Auf ähnlichem Weg erfährt man überhaupt alles. Es gab einen Haufen Dinge, die uns die Kindergärtnerinnen irgendwann nach zwei Monaten mal gesagt haben, und das oft mit einem Gesichtsausdruck, dass ich dachte: Holla, da müssen wir ihnen ja echt schon eine Weile auf den Keks gegangen sein. Wir wussten es nur einfach nicht besser.

Spätestens seit gestern weiß ich, dass wir das Richtige tun. Ich hatte fast ein Tränchen im Auge, als sie erzählt hat, sie würden den Kindern nach dem Frühstück die Zähne putzen und sie würden lernen, den Tisch zu decken und abzuräumen. Drei Frauen betreuen zwölf Kinder, da geht so etwas wohl. Meinetwegen könnte Kalle morgen da anfangen. Leider wird es jetzt wohl doch erst Februar, früher kommen wir aus der jetzigen Kita nicht raus. Die übrigens ab morgen erst mal wegen Durchfall komplett geschlossen wird. Danach habe ich die Betreuerin gestern auch gefragt. "Nö", sagte sie. "Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren hier, es kam mal vor, dass mehrere Kinder gleichzeitig krank waren, aber das war dann nach zwei Wochen endgültig durch." Hier schlagen wir uns jetzt seit zwei Monaten mit diesem Mist herum, und alle meterlangen Diskussionen im SMS-Verteiler über Desinfektion ändern nichts daran, es hört einfach nicht auf. Unterdessen wird der Diskussionsstil im Verteiler giftiger und giftiger.

Februar! Ich freu mich auf Februar.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Ich kann mein Glück kaum fassen, Baby 1 ist in der Kita, Baby 2 schläft seit einer Stunde.

Darum gleich noch ein Post, hier hat sich einiges angestaut.

Eigentlich kann ich gut mit Kalles Kita-Damen. (Der Kita-Leiter ist eine andere Geschichte.) Die machen das toll: liebevoll, umsichtig, fröhlich, freundlich und mit viel Einsatz. Aber heute morgen waren sie etwas frostig. Und ehrlich gesagt kann ich sie verstehen.

Gestern hat L. beim Abholen unseren Kita-Platz gekündigt. Denn ab Januar oder Februar, je nachdem, wie schnell uns die Kita aus dem Vertrag lässt, kommt Kalle nun doch in die Montessori-Kita. Letzte Woche kam der Anruf, dass jetzt ein Platz für ihn frei wäre. Ich hatte eine schlaflose Nacht (nicht, dass dazu mit der Stillerei noch ein zusätzlicher Anlass nötig wäre...) - egal, ich hatte eine wohlmöglich noch schlaflosere Nacht als sonst, in der ich darüber nachgegrübelt habe, was wir jetzt tun.

Einerseits ist Kalle jetzt in seiner Kita eingewöhnt, er fühlt sich da wohl, er kennt die Kinder und die Erzieherinnen, die machen das gut, und es gibt wenig zu meckern. Mir mit meiner Harmoniesucht ist sowas außerdem immer unangenehm: zu jemandem, den ich eigentlich mag, hinzugehen und zu sagen, jetzt ist Schluss. Es wäre auf jeden Fall leichter gewesen, ihn einfach da zu lassen, wo er ist.

Andererseits glaube ich an das Montessori-Konzept. Kalle hat seinen eigenen Kopf (genau wie vermutlich jedes andere Kind, nur ein bisschen mehr als manche), er macht gerne sein eigenes Ding - das kann er dort noch besser. Sie gucken sich jedes Kind für sich an und unterstützen es dabei, seine ganz eigenen Vorlieben und Talente besser zu entwickeln. Sie denken sich bei so ziemlich allem etwas, was sie tun uns lassen - das finde ich toll, das wird auch für jede Menge Reibungsfläche mit uns und vor allem mir sorgen, aber trotzdem: an sich bin ich sehr dafür. Die alte Kita bespielt und bespaßt die Kinder, die neue gibt dem Tag und dem Jahr Struktur, Feste und Rituale werden dort viel mehr zelebriert - es ist eine kirchliche Kita, es wird dort richtig Ostern, Weihnachten und St. Martin gefeiert. In der alten Kita singen sie zusammen "In der Weihnachtsbäckerei" und haben einen großen, goldenen Plastikweihnachtsmann vor der Tür, in der neuen malen sie Bilder von Engeln und singen "Tochter Zion", und das wird vielleicht manche wundern, aber ich bin mehr für Tochter Zion, Es ist ein Ros entsprungen und Kommet ihr Hirten. Und endgültig zur neuen Kita schlägt der Zeiger aus, wenn ich mal ein Jahr in die Zukunft denke: als Geschwisterkind kann Michel selbstverständlich dort anfangen, und sie sind darauf eingestellt, dass manche Kinder mehr und andere Förderung und Hilfe brauchen. "Natürlich kann er bei uns Physiotherapie bekommen", sagte die Kindergartenchefin. "Das ist doch klar. Das bekommen bei uns viele Kinder." So viel hätte ich nie erwartet, ich wäre schon glücklich gewesen, wenn sie bereit wären, ihm eines Tages mal zum Mittagsschlaf seine Schiene anzuziehen. Montessori-Kindern wird immer viel zugetraut - ich traue jetzt Kalle einfach mal zu, dass er auch in der neuen Kita Freunde findet und auch die neuen Kita-Frauen gern haben wird. Bestimmt wird es noch eine Weile Tränchen geben, wenn wir morgens mit der Karre an der alten Kita vorbei schieben und die paar Meter weiter in die neue müssen. Mir wird es ja auch leid tun. Mir tut es jetzt schon leid. Aber ich glaube trotzdem, wir machen das Richtige.

Wie sieht es aus, Mütter da draußen? Hat euer Kind mal die Kita gewechselt? Und wie lief das?

Mittwoch, 19. November 2014

Michel, sein Bruder und die Viren.

So ungefähr vorletzte Woche habe ich die unverzeihliche Dummheit begangen, zu Kalles Kindergartentante zu sagen: "Das ist ja wirklich toll, noch vor ein paar Monaten kamen auf einen Tag Kita zwei Tage krank, und jetzt geht Kalle schon seit bestimmt sechs Wochen jeden Tag und ist kerngesund! Ich glaube, wir sind virenmäßig übern Berg."

Mütter kleiner Kinder werden sich an den Kopf fassen. Ich tue es ja auch. Why oh why? Letzte Woche Montag und Dienstag war Kalle wieder in der Kita, fröhlich ging er hin, fröhlich kam er zurück, und wenn das Telefon während des Vormittags klingelte, dann hatte uns der Anrufer immer nur Dinge ohne jeden Dünnschissbezug zu sagen. Wir hatten schon das Zusammenzucken verlernt, das andere Kitaeltern mit jedem Telefonklingeln verbinden. Ha!

In der Nacht zum Mittwoch hat Kalle sich so gegen zwei Uhr im großen Strahl ins elterliche Bett übergeben und brach in Tränen aus. Seitdem ist unser Leben irgendwie so ganz anders, als man sich das Idyll mit zwei kleinen Kindern in der tiefsten Kinderwunschzeit vorgestellt hat. Erst hat Kalle zwei Tage lang gekotzt. Dann kam der Dünnschiss dazu. Alle 60 Minuten war ein komplett neues Outfit fällig, samt neuem Wickelkommodenbezug und am besten noch neuem Nervenkostüm für uns. Dann fing L. an, über Kopf- und Gliederschmerzen und Magenkrämpfe zu klagen, und zog sich ins Bett zurück. Zum Glück war meine Mutter noch da, die seit der Geburt unser rettender Engel war. Dann wachte ich morgens auf mit Durchfall und Erbrechen. Dann hat es auch meine Mutter erwischt, am unverdientesten von uns allen. Es war nicht schön. Es war so unschön, dass ich noch nicht mal drüber schreiben wollte, denn das hätte es irgendwie noch schlimmer gemacht. Meine Mutter schlug sich weiter tapfer durch und sagte, sie würde noch so lange bleiben, bis Kalle wieder in die Kita könnte. Heute morgen war es so weit, gestern Nachmittag ist sie begleitet von unseren Segenswünschen abgefahren. Um viertel nach acht hat L. mit dem seit Samstag Durchfallfreien Kalle im Kinderwagen das Haus in Richtung Kita verlassen. Um viertel nach neun klingelte das Telefon: Kalle hat Durchfall und muss abgeholt werden. Und laut Kitaregeln darf er damit den Rest der Woche auch nicht hin. Wir gehen am Stock. Michel ist zwar als einziger gesund geblieben, aber im Stillen ist jetzt der Wurm. Obwohl es ganz gut lief, hat mein Magen-Darm-Virus eine kleine Krise verursacht, denn wo oben nichts reinkommt, kann vorne auch nichts rauskommen, und wir mussten zufüttern. Jetzt saugt er nicht mehr richtig und ist auch mit den Hütchen nicht so richtig glücklich. Ich weiß schon, was ich zu tun hätte, aber ich bin zu müde. Ich träume von einer Nacht, einer einzigen Nacht, in der ich acht Stunden schlafen kann, ungestört, in einem sauberen, großen, bis auf mich leeren Bett, frisch bezogen, mit einer Flasche Mineralwasser auf dem Nachttisch und meinem Kindle in Griffweite, das Fenster auf Kipp und die Decke bis an die Nasenspitze. Dieser Traum wird sich so schnell nicht erfüllen. Nicht, so lange hier täglich zwei Maschinen randvoll mit vollgeschissener Kinderwäsche laufen. Nicht, so lange wir Kalle alle Nahrungsmittel abschlagen müssen, die er gerne mag. Nicht, so lange er deshalb die Nächte durchjault, weil er nicht versteht, dass seine gewohnte nächtliche Premilch gerade nicht geht. Nicht, wenn wir uns selbst vermutlich gerade die zweite Runde Virenspaß einfangen. Nicht, so lange L. eigentlich mit Hochdruck auf eine anstehende Prüfung lernen müsste. Nicht, so lange die beiden Knirpse nicht gelernt haben, sich nachts selbst ein Brot zu schmieren, wenn sie Hunger haben, oder eben einfach noch ein paar Seiten Harry Potter zu lesen, wenn sie nicht schlafen können. Dann vielleicht. Dann irgendwann.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Es könnte blöder laufen.

Heute bin ich den zweiten Tag im Mutterschutz, und schon weiß ich die Namen von vier anderen Kindern aus Kalles Kitagruppe. Vier heute im Gegensatz zu null am Montag, meinem letzten Arbeitstag vor der Babypause, und das, nachdem heute Kalles dritter Monat in der Kita anbricht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich ein bisschen Angst. Vor dem Loch, in das ich ohne Arbeit fallen würde, vor dem Hausfrauenblues, vor... ach, was weiß ich. Meine Arbeit ist eben doch ein wichtiger Teil von mir. Und natürlich werde ich einige Aspekte davon tatsächlich vermissen. Das Reinbohren zum Beispiel, ein neues Thema auf dem Tisch zu haben und dann erst mal alles zu lesen, was ich dazu in die Finger kriege, die 76 verschiedenen Arten finden, darüber nachzudenken und es weiter zu entwickeln, die Abstimmungen, wenn sie gut laufen - und ich will gar nicht so tun, als wäre es nicht auch nach so vielen Jahren immer noch schön, etwas von mir gedruckt zu sehen, als dicke fette bunte Anzeige in der Gala oder meinetwegen auch in der Couch. Die Mittagspausen werden mir fehlen, die Viertelstunde jeden Tag, in der ich ausschließlich darüber nachdenke, was ich mir heute zu essen hole. Salat? Fischmann? Syrer? Pizza? Vietnamese? Oder die Schweinenummer mit Burger und Fritten? Die anderen Arbeitshasen werden mir fehlen, zum Teil jedenfalls. Die U-Bahnfahrten natürlich, hin und zurück, jeweils 25 Minuten Zeit zum Lesen. Oder für Plants vs. Zombies auf dem Telefon. Oder zum Aus-dem-Fenster-Starren. Ein eigenes Büro, ein Raum, der nur dazu dient, dass ich darin in Ruhe nachdenken kann.

Ein paar Dinge werden mir überhaupt nicht fehlen. Zum Beispiel das Szenario, dass das Kind krank ist und ich dann nicht nur denke "Oje, oje, der arme Schatz" sondern gleichzeitig "Oje, oje, die Präsentation". Wem normaler Jobstress schon zu viel wird, der soll mal Jobstress mit krankes-Kind-Stress obendrauf probieren. Und das Elternpaar, das dann nicht anfängt sich anzuranzen, das möchte ich mal kennen lernen. Wobei, nein, das möchte ich nicht kennen lernen, mit denen hätte ich nichts gemeinsam. Abstimmungen, wenn sie nicht gut laufen, die werden mir auch nicht fehlen. Wohlgemut zur Arbeit fahren und irgendwann gegen elf entdecken, dass ich Scheiße am T-Shirt-Ärmel habe. Abends nach Hause zu kommen und die Wahl zu haben, jetzt entweder meinen Mann, den Hund oder das Kind zu vernachlässigen, denn alle würden am liebsten jetzt sofort dran kommen, nachdem ich ja den ganzen Tag "frei hatte". In der U-Bahn zu sitzen und irgendwie heute nicht so zum Lesen zu kommen, weil mir schon wieder schwarz vor Augen wird, ich keine Luft mehr kriege und dann aussteigen und mich auf dem Bahnsteig hinlegen muss, bis es wieder geht. Acht Stunden in einem mittelmäßigen Bürostuhl, aufgelockert mit Abstimmungen im Konferenzraum auf Stühlen, die dann so richtig unbequem sind, so dass einem der Bürostuhl danach für fünf Minuten vorkommt wie der Himmel, bis er einem dann wieder doch nicht mehr so vorkommt. Ein langer, langer Arbeitstag nach einer kurzen, kurzen Nacht.

Welche Seite am Ende gewinnt, wird sich zeigen, aber bisher hat es den Anschein, ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Ich habe schon vor zwei Wochen eine To-Do-Liste geschrieben, auf der jeder Tag eine kleine Extraaufgabe für mich hat, die vor Würmchen II noch erledigt werden sollte. Nichts davon sollte länger als eine Stunde dauern, aber trotzdem gibt mir das das Gefühl, hier nicht hohl und nutzlos rumzuhängen. Es klingt wie abgeschrieben, aber seit Dienstag morgen, seit die Bahn um 8:32 ohne mich in Richtung Innenstadt abgefahren ist, geht's mir besser. Ich gucke mir die Bäume im Park an, streichle den Hund, habe wieder mal Post-Its in Kochbücher geklebt, ich höre besser zu und kriege mehr mit, und heute morgen hatte ich zum ersten Mal Zeit, neben Kalle in der Kita zu sitzen und zu warten, bis die Tische gedeckt sind. Sonst habe ich ihn in seinen Stuhl gesetzt, den Deckel von seiner Brotdose und der Obstdose abgemacht und war auch im Hui schon wieder weg, heute habe ich ihm alles in Ruhe auf einen Teller gelegt und noch zwei anderen Kindern geholfen, an ihr Frühstück zu kommen, und auf dem Rückweg nach Hause habe ich eine Extraschleife durch den Park gedreht und ein paar Kastanien eingesteckt, die zerkaut der Hund so gerne. Heute Abend treffe ich meine Mädchen, L. sittet das Baby, und ich muss nicht ab sechzehn Uhr hoffen, dass ich bitte pünktlich genug gehen kann, um zuhause noch die kleine Wurst ins Bett zu bringen und mir vielleicht den Stressschweiß vom Körper zu duschen, bevor ich wieder los kann - vor mir liegt einfach ein schöner Herbsttag, gespickt mit zwei-drei Erledigungen, und am Abend endlich mal wieder die Damen mit ihrem Prosecco und ihren Geschichten. Harter Entzug geht anders.


Samstag, 9. August 2014

Ich finde, Füße sind jetzt mal durch.

Liebe Abkürzungsdamen, es gibt bestimmt viele, die meine an Euphorie grenzende gute Laune gestern nach dem Ultraschall nicht nachvollziehen können. Denn der Klumpfuß bleibt ein Klumpfuß, das ist nicht falsch zu verstehen. Der rechte Fuß ist nicht nur nach Innen verdreht, sondern auch in sich nach vorne - würde man nichts unternehmen, dann müsste Ndogo irgendwann auf der querstehenden Außenkante seines rechten Fußes laufen. Und auch der linke scheint nun doch etwas schief zu stehen. Trotzdem bin ich leichten Schrittes und mit einem Lächeln aus der Praxis gewatschelt. Denn sonst scheint wirklich alles, alles in Ordnung zu sein: Hirn, Herz, Rücken, Blutversorgung und Wachstum sahen perfekt aus. Er wiegt jetzt ca. 1100 Gramm, genau richtig. An den Gedanken, mein Kind die ersten Monate seines Lebens in Gips und später zumindest nachts mit einer Schiene zu sehen, habe ich mich längst gewöhnt, mir machte mehr die Sorge Kummer, dahinter oder daneben könnten noch ganz andere, schlimmere Probleme stehen. Und ein zweiseitiges Problem ist auch nicht komplizierter zu therapieren als ein einseitiges - könnte sich sogar als Vorteil erweisen, denn nach einer Klumpfußtherapie ist der betroffene Fuß zwar voll einsatzbereit und hübsch, aber gerne ein-zwei Nummern kleiner als der andere. Ndogo müsste sich ein Leben lang immer zwei Paar Schuhe kaufen. Und ob er die Schiene nun wegen einem oder wegen zwei Füßchen tragen muss, läuft für ihn auf das Gleiche hinaus.

Momo, die alte Fluse, hat wirklich ein großes Loch in diesem Haushalt hinterlassen. Es gab in den letzten Tagen sogar Zeiten, da hatte ich fast das Gefühl, am Ende war sie mir lieber als Lili. So ist das wohl mit Muttis: die Kinder, die am meisten Kummer machen, sind ihnen am liebsten. Oder wie auch immer. Oder ganz anders. Ich komme immer noch nicht darüber weg, dass sie es nicht geschafft hat, nachdem sie so vieles andere geschafft hatte und doch schon fast über den Berg schien. Mit dem etwas unschönen Ausklang mit den Ex-Frauchen habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, Leute gehen eben unterschiedlich mit Trauer um. Ich bin mehr für mich traurig, und sie brauchen eben ihre kleine Klagemauer im eigenen Garten (oder wie auch immer sie das jetzt gemacht haben). Ein bisschen gefuchst hat mich letztes Wochenende, dass die Tränen in dem Moment abgestellt waren, in dem sie ihren Willen durchgesetzt hatten - aber das kann natürlich auch echte Erleichterung gewesen sein. Und nachdem L. noch ein-zwei Tage gehadert hatte, hat er nun auch einen Schlussstrich gezogen. (So weit man nach einer Woche einen Schlussstrich ziehen kann. Ich zum Beispiel gehe immer noch einen anderen Weg, wenn ich mit Lili unterwegs bin und am Horizont ein bekannter Hundebesitzer auftaucht. Ich will nicht davon erzählen müssen. Ich habe es auch noch nicht übers Herz gebracht, ihr altes Fell und das Körbchen wegzuräumen. Vielleicht übernimmt Lili sie ja. Und wenn ich die extra für die Kranke gekochte Hühnersuppe jetzt auftaue und an Lili verfüttere, muss ich rausgehen, wenn sie frisst. Aber ich fange langsam wieder damit an, Brot und Butter weniger als einen Meter weit von der Kante zu deponieren. Irgendwann stelle ich dann Kuchen vermutlich auch nicht mehr auf den Schrank.)

Seit Montag geht Huckleberry außerdem in die Kita. Er macht das ganz toll, und das sage ich nicht nur, weil ich natürlich so ziemlich alles dufte finde, was mein Goldjunge tut und lässt. Einer von uns war Montag bis Donnerstag immer in der Nähe, aber nötig wäre es nicht gewesen: er robbt seiner Wege, guckt sich neugierig und aufmerksam um und knüpft erste Kontakte zu anderen Kindern. Am Freitag haben sie mich weg geschickt, ich habe ihn um zehn gebracht, und statt wie geplant bis elf zu bleiben und dann mit ihm zusammen zu gehen, bin ich verschwunden, und er hat mit den anderen Kindern zu Mittag gegessen. Um zwölf habe ich ihn dann abgeholt. Er hat gestrahlt und mich umarmt, aber bis ich wieder aufgetaucht bin, war er ganz fröhlich und hat den Eintopf in jede Ritze seines Körpers geschmiert. Ab nächster Woche bringe ich ihn morgens auf dem Weg zur Arbeit hin, sein Frühstück in einer Box, und L. holt ihn dann um zwölf. Seine Karre darf zum Glück dort bleiben, das spart mir einiges an Rennerei am frühen Morgen. Ein neues Kapitel hat angefangen, und ich find's gut. L. findet's auch gut. Und Huckleberry scheinbar erst recht.