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Freitag, 26. Oktober 2012

Der übliche Heiopei

Nachts kriegt sie kein Auge zu, seit zwei Tagen hat sie üble Schmerzen im unteren Rücken, abends spricht sie mit den Brummern und würde sich danach am liebsten eine knallen, denn der ganze Spuk ist vermutlich in zehn Tagen schon wieder vorbei. Oder in drei Wochen. Oder in zwei Monaten. Sie macht ein bisschen langsamer, verteilt die Gartenarbeit auf zwei Tage und die Einkäufe auf drei Gänge und läuft schon seit Tagen in einer alten Schwangerschaftsbüchs (die aber nicht danach aussieht zum Glück) rum, weil sie Angst hat, die enge Jeans könnte die Brummer vergraulen. Zwar hat sie noch luftgetrocknete Salami und Rohmilchkäse im Kühlschrank, geht aber fest davon aus, die Reste noch essen zu können, bevor sie vergammelt sind. Obwohl sie noch nicht mal positiv getestet hat, schmiedet sie mit ihrem Mann schon Pläne, wie sie in den nächsten Monaten dem ärgsten Job-Psychoterror aus dem Weg gehen können, wie lange das Geld reicht, wenn sie vielleicht gar nicht arbeitet, ob sie dabei nicht durchdrehen wird und wie viel Einfluss darauf es haben könnte, wenn lovefilm demnächst vielleicht ein paar mehr Krimiserien von Nicht-CSI-Prägung als Video on Demand im Angebot hätte.

Die Gute. Das kann ich inzwischen auswendig mitsprechen.

Ich bin heute morgen mit den Hunden spazieren gegangen, zum ersten Mal war es richtig kalt gewesen über Nacht, und während die Hunde durch das Laub raschelten, fremden Kindern die Glitzerbälle klauten und sich in abgeschnittenen Rosenranken verhedderten, habe ich im Herbst geschwelgt. Dieses Wochenende, wenn L. bei seinen Turnieren ist, werde ich backen, aber es ihm nicht verraten, und ich hoffe, ihr haltet ebenfalls dicht. Die Kekse verstecke ich dann am einzigen Ort, den er nicht einfach plündern kann: meinem Auto. Außerdem koche ich Pfefferpotthast, eine Art Gulasch, das will ich schon seit letztem Wochenende in Dortmund, als mir erst meine Oma und dann meine Tante ihr Rezept verraten haben. Zwischendurch gucke ich meine zweihundert alten Zeitschriften auf der Suche nach neuen New York-Tipps durch, die schneide ich dann aus und klebe sie in ein leeres Buch, das ich diesmal mitnehmen will, wenn wir demnächst endlich wieder in unsere Lieblingsstadt fliegen. Ich will Kletterrosen ans Haus pflanzen und zwei eingegangene Hortensien ersetzen, außerdem pflanze ich ein Apfelbäumchen. Dann werde ich noch Laub rechen - meine Allerallerlieblingsarbeit im Garten, auf der wii mit meinem Lego Harry Potter-Spiel herumnerden (wäre ich wohl eine dufte Kumpelmutter? Na?) und - das allerschönste - vor dem Feuer sitzen und Wolf Hall lesen. Wolf Hall und die Fortsetzung Bring up the Bodies haben beide den Booker Preis gewonnen, einen der dollsten Literaturpreise der Welt, und sie haben ihn verdient. Ich bin auf Seite 211 und glücklich verliebt, und das, obwohl ich zwar Kostümfilme liebe, aber mit historischen Romanen noch nie viel anfangen konnte. Die Bücher spielen zur Zeit Heinrichs VIII und sind erzählt aus der Sicht von Thomas Cromwell, der in der Tudor-Fernsehserie als herzloser Ehrgeizling und Strippenzieher wegkam, ganz im Gegensatz zum edlen, integren (und extrem viel besser aussehenden) Thomas More. Hier sieht das anders aus, und ich liege da in meiner Strickjacke und reagiere über Stunden auf alles, was L. zu mir sagt, nur mit "Hm", "Genau" oder auch "Ich nehm noch einen". Ich hoffe sehr, dass unsere Ehe das noch eine Weile aushält, denn Band zwei ist gestern per Post gekommen.

Dienstag, 23. Oktober 2012

second-hand-Kryo

Befruchtung zweiter Hand ist sonderbar. Vielleicht wird mir gerade klar, während ich hier vom Schicksal meiner Abkürzungsfreundin berichte, wie lange das bei mir alles her ist und dass es mir wohl auch gefehlt hat, über Hormongebrumm und -Gesumm zu schreiben statt immer nur über Hunde, Adoption und Jobstress. Jedenfalls: gestern war Transfer, aus drei Tiefkühlbrummern waren ein Sechszeller (ok), ein Vierzeller (ein bisschen sehr bedächtig, aber kann noch kommen, wenn sie zur Abwechslung mal Glück hat) und ein Zweizeller (eigentlich hoffnungslos, aber in den Müll müssen wir ihn nun auch nicht werfen) geworden. Der Transfer ging schwuppdiwupp, alle drei haben ein schönes Plätzchen gefunden, und jetzt heißt es warten bis zum 5.November, wobei der eigentliche Testtag der Samstag davor wäre - ob die kleine Wurst wohl die Finger vom Schwangerschaftstest lassen kann? Eigentlich müsste sie tiefenentspannt sein, ist ja längst nicht das erste Mal, inzwischen ist sie deutlich zweistellig, was Warteschleifen betrifft. Nur, dass es diesmal zum ersten Mal Estradiol und Utrogest statt Crinone gibt und damit jetzt schon fünf Nächte Schlaflosigkeit. Ungefähr die Sorte Schlaflosigkeit, die einen umtreibt, wenn man sich kurz vorm Schlafen noch Hotdog-Wettbewerb-mäßig überfressen hat - samt Völlegefühl, wildem Herumwerfen und Beklemmung. Das noch bis zum fünften November? Zusammen mit diesem hirnverbrannten, ständigen In-sich-hineinhorchen, den Phantom-Einnistungsblutungen, der Phantom-Übelkeit, den Phantom-Gefühlen und der Phantom-Abgeklärtheit? Viel Spaß.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Der Trick mit dem Test

Wenn du nicht sicher bist, ob dein Freund gerade etwas mit einer anderen anfängt, aber gerne Bescheid wüsstest, dann kauf ihm jetzt schon mal ein wahnsinnig schwer zu beschaffendes, teures und einfühlsames Geschenk für seinen Geburtstag in ein paar Wochen. Zwei Tage später wirst du ihn an einer Bushaltestelle engumschlungen mit einer anderen sehen und wissen, was los ist, ob es dir gefällt oder nicht. Wenn dir die Warterei auf den Bus im Schneematsch zu lange dauert, dann krame deine letzte Zigarette raus (jaja, ich weiß, früher jedenfalls, denk an früher, vor dem Hormonterz und bevor wir uns Gedanken um solchen Quatsch wie Alufolie gemacht haben und ab und zu wahr und wahrhaftig eine Zigarette geraucht haben) und zünde sie an, und es wird keine 60 Sekunden dauern, bis er da ist.

Und wenn du findest, Mücke könnte sich nach 60 Stunden hin und her und dann noch mal einem Tag ein bisschen Blut, kein Blut, ein bisschen Blut, kein Blut usw. mal entscheiden und dich nicht bis Donnerstag hinhalten, dann flitze schnell rüber in die Apotheke gegenüber und kauf dir den teuersten Schwangerschaftstest, den sie haben. Schließlich bezahlt mich die Agentur nicht dafür, alle zehn Minuten aufs Klo zu gehen. Und ich bezahle mein Gehirn nicht dafür (wenn ich es bezahlen würde), mich in den Wahnsinn zu treiben.
Fünf Minuten sollte ich eigentlich auf den Test starren und auf einen oder zwei Streifen warten. Nach zwei Minuten kam Mücke mir entgegen. Und jetzt ist wirklich alles klar.

Ich weiß, ich weiß. Diesmal standen die Chancen von Anfang an schlecht. Schlechter Zyklus, schlechte Zellen, dann auch noch nur eine davon - und ich hab so viel, auf das ich mich gerade freuen kann. Ende Mai gehen wir wandern, und ich kann Berge hochklettern, bis meine Knie knacken, und mich oben in der Hütte mit einem Bierchen dafür belohnen, statt lahmarschig in Sonntagsspaziergangstempo im Tal zu bleiben und abends Fenchel-Anis-Kümmeltee zu trinken, bevor ich um neun zu Bett gehe. Dann kommt der Sommerurlaub mit den Mädchen, jeden Abend werde ich komisches Meeresgetier essen können, und ich habe jetzt schon das Klirren der Eiswürfel in meinem Roséglas im Ohr, während ich im Sonnenuntergang auf einem aufblasbaren Dings über den Pool treibe wie die Biene Maja im Abspann. Das weiß ich ja alles, schließlich war das mein Mantra in den letzten Tagen und Wochen. Aber ich merke, dass ein Teil von mir - der abergläubische, irre faselnde Großmutter-Teil - dachte, genau deshalb - weil du gar nicht richtig dran glaubst und überhaupt nicht damit rechnest und es der blödeste Zeitpunkt seit langem wäre - deshalb wird es diesmal klappen.

(Dieser Teil hat in den letzten Tagen klammheimlich mehr und mehr die Macht übernommen und lässt sich jetzt nur schwer zurückdrängen. Vor zwei Tagen hat er mich z.B. dazu gebracht, eine wirklich widerliche Spinne im Bad nicht einzusaugen, den Staubsauger in den Keller zu tragen und die Kellertür gut abzuschließen, sondern das Viech mit einer Tasse und einer Postkarte einzusammeln und mit gesträubtem Nackenhaar auf den Balkon zu tragen, wo ich das Arrangement noch ein paar mal gut durchgeschüttelt habe, um das Biest zu verwirren und von einem Sofortangriff abzuhalten, dann die Tasse weggenommen habe und schreiend ins Haus gerannt bin. Und dazu dachte die wirre Großmutter in mir, jetzt habe ich die Spinne leben gelassen, die ja nicht wissen konnte, dass sie gerade die Dusche eines Phobikers und damit die Todeszone betritt, und im Tausch für dieses haarige, achtbeinige Leben darf ich doch bitte Mücke behalten? Bitte? Und ist es eigentlich in Ordnung, einen achtzeiligen Absatz in Klammern einzufassen?)

Gut, Mücke ist weg. Jetzt muss ich nur noch die Großmutter loswerden.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Tag 6 mit Mücke

Auch wenn Daphne aus der Jagd vorgestern unverletzt entkommen konnte, humpelt jetzt Lili. Welche Sorte Kaninchen ist das eigentlich?

Außerdem ist mir schlecht. Welche Sorte Kryozyklus ist das eigentlich?
Wäre das mein erster, würde ich jetzt fiepig werden oder wahlweise dauernd so erfüllt von geheimem weiblichem Wissen in mich reinschmunzeln, dass L. mit Recht Lust bekäme, mir eine zu scheuern. Es ist aber nicht mein erster, und deshalb weiß ich, dass auch nach tagelanger Übelkeit, komischem Geruchsempfinden, merkwürdigen Anwandlungen von Wärme, Zwicken, Drücken oder Ziehen im Unterbauch, einem Hang, Sachen mit Fliegenpilzmuster zu kaufen und Marienvisionen einfach genau am Stichtag meine Tage kommen können, und das war es dann wieder mit dem weiblichen Geheimwissen.

Ansonsten danke ich euch herzlich dafür, dass ihr bisher davon abseht, mich zu warnen, dass ich durch Laufen, Radfahren und Alufolie das Leben meiner Mücke riskiere, dass meine Ärzte eine Bande von Stümpern sind und dass meine Medikamente die Krätze und Mundgeruch verursachen. Macht weiter so, ist auch nicht mehr lang! Ich weiß, das zehrt alles an euren Nerven, und man weiß ja auch nicht, was wird, aber ihr schafft das!

Noch eine Woche bis zum Bluttest. (Ist hier übrigens noch eine anwesend, deren eine Armbeuge vor lauter Kinderwunsch inzwischen ein bisschen an die Kinder vom Bahnhof Zoo erinnert?)

Mittwoch, 4. Mai 2011

Tag 5 mit Mücke.

Mücke quengelt, und ich kanns ihr nicht verdenken. Mein Bauch rumort und macht Geräusche, für die ich mich eigentlich entschuldigen müsste. Aber für Regelschmerzen bin ich auf jeden Fall zu früh dran. Also bleiben folgende Erklärungen: überfressen, Crinone-Nebenwirkungen, eine zergrübelte und schlafarme Nacht, Stress in der Agentur, vermasselte Besuchslogistik (alter Freund will mich sehen, Agentur will mich aber auch sehen, ich bin genau in der Sorte Schlamassel, das ich durch Kündigung und Selbständigkeit ein für allemal hinter mir lassen wollte), Endometriose feiert ein furioses Comeback, Albträume wegen Lilis Kaninchenepisode.

Das kam so. Ein paar Häuser weiter wohnt eine Familie mit zwei niedlichen kleinen Mädchen. Die haben seit Neuestem Kaninchen, die in einem Drahtstall im Vorgarten leben. Auf jedem Spaziergang kommen wir daran vorbei, und so lange die Tierchen im Stall sind, hat Lili sie im Vorbeigehen ungefähr so interessiert angeguckt wie ich eine Louis Vuitton um 50% reduziert: einen Blick wert, aber bestimmt nichts für mich. Blöd nur, dass das Ställchen kaputt ist und eins der Kaninchen, Daphne, ständig ausbüchst. Nachdem sie jetzt schon dreimal aus dem Nichts direkt vor Lilis Schnauze gesprungen ist, ist ihr Interesse allerdings geweckt. Die Kinder haben letztes Wochenende schon verzweifelt nach Daphne gesucht, und L. und ich haben auch ein paar Büsche und Gärten durchkämmt. Irgendwann war Daphne wieder da, und ich hätte an Stelle der Eltern den Stall schleunigst ausbruchsicher gemacht, bevor das alles in Kaninchenblutbad und Kindertränen endet. Haben sie aber nicht. Man sieht Daphne weiter über Straßen in der ganzen Nachbarschaft flitzen, vor Katzen und Hunden fliehen und ihr puscheliges Leben riskieren. Einmal habe ich geklingelt, um eine Daphne-Sichtung im Nachbargarten zu melden, da meinte die Frau "Ach, die läuft immer weg, und dann kommt sie irgendwann wieder." Gestern abend, als ich mit L. fast im Stehen schlafend nach einem Horrortag einen letzten Gang mit Lili machte, hat sie auf einer ziemlich weit entfernten Wiese einen unangeleinten Moment genutzt, uns frech angeguckt, sich umgedreht und ist blitzschnell zum Kaninchengarten gerannt. Und dann haben L. und ich sie eine halbe Stunde lang unter den superduperhilfreichen Kommentaren der Nachbarn um die Büsche gejagt, während Daphne mal hier, mal da auftauchte und sich gegen alle Rettungsversuche wehrte. Nur in den Fenstern der Kaninchenleute, in deren Vorgarten sich der ganze Rabatz abspielte, tat sich nichts. Eine andere Nachbarin mit Hund sagte heute morgen, sie wüßte, dass die Mutter keinen Bock auf die Kaninchen hätte und darum immer der Stall offenstünde. Lili ist also nur ein missbrauchtes Werkzeug in einem schmutzigen Plan! Der gestern nicht aufging, denn wir haben sie erwischt, bevor sie Daphne erwischt hatte. Trotzdem möchte ich einen neuen Wenn-ich-Kinder-hätte-Vorsatz formulieren: ich werde tun, was ich kann, damit meine Kinder ihre Haustiere nicht zerfleischt im Vorgarten finden. Zumindest werde ich keine teuflischen Intrigen aushecken, DAMIT die Haustiere meiner Kinder zerfleischt werden. So war mir Crinone helfe.

Eine Erklärung gäbe es noch: ich bin schwanger. Aber... nein. Auf diesen Trip lassen wir uns nicht schon wieder ein, gell?

p.s. ich entschuldige mich bei allen Damen, die "Louis Vuitton 50% reduziert" gegoogelt haben und nun versehentlich hier gelandet sind. Diese Enttäuschung! Ich kann es mir lebhaft vorstellen. Aber ich bin sicher, eines Tages wird auch dieser Traum wahr.

Dienstag, 3. Mai 2011

Wir nannten es Mücke.

In einer zugegebenermaßen nicht sehr feierlichen Zeremonie haben wir Pünktchen umgetauft. Nachdem drei sehr wertgeschätzte Damen traurig über Pünktchen waren - also, über den Namen, nicht den Zellhaufen - und sich um ihren Namen beklaut sahen. Nun heißt es Mücke, die sind auch klein. Außerdem war "Sie nannten ihn Mücke" L.s erster Kinofilm, und ich hab auch eine Schwäche für Bud Spencer-Filme, die ich als Kind immer mit Baked Beans aus der Eisenpfanne auf dem Schoß und mit Cowboyhut auf dem Kopf gesehen habe. Gott Strafe Apple für diese Wortersetzungsfunktion, die ich gleich ausschalte. Mücke zwickt übrigens ein bisschen, für Regelschmerzen ist es zu früh. Sollte das der Einnistungsschmerz sein, die Nessie-Sichtung unter den Abkürzungsphänomenen?

Montag, 2. Mai 2011

Tag 3 mit Pünktchen.

Morgens um sechs schlage ich hellwach die Augen auf. So ist das, wenn man statt Feierabendwein Feierabendtee trinkt. Als ich mich in meinen komplizierten Sport-BH schnallen will, rührt sich was zwischen den Kissen. L. murmelt "Willst du wirklich laufen gehen? Ist das gut?" Natürlich knicke ich viel zu leicht ein. Als ob man morgens Knüppel und Mistgabeln bräuchte, um mich vom Joggen abzuhalten. Trotzdem bin ich genervt und werfe den BH in die Ecke. Als ich aus der Dusche komme und mich anziehe, erkläre ich ihm, wieso ich solche Mickereien, "Willst du nicht lieber", "Probier doch mal" und "Aber könntest du nicht stattdessen" nicht hören will. 1., weil mein Arzt gesagt hat, das ist ok, und all die komischen Warnungen und Bedenken immer aus blöden Fruchtbarkeitsbüchern, aus dem Mund von Sprechstundenhilfen oder aus dem schlauen Internet stammen. 2., weil ich inzwischen gefühlt 20 Befruchtungsversuche hinter mir habe, bei denen ich immer alles "richtig" im Sinne von s.o. gemacht habe, und habe ich ein Kind? Also. 3., weil laufen mir guttut, ich mich den ganzen Tag besser fühle und ich außerdem nicht rennen will wie eine Irre, sondern langsam und leicht.
Daraufhin sagt L. (der im Gegensatz zu all den oben genannten Sprechstundenhilfen, Internetforen und Fruchtbarkeitsbüchern ja tatsächlich auch etwas zu bestimmen hat bei diesem Zyklus, schließlich ist es ein gemeinsames Pünktchen), dass das vernünftig klingt und ich doch laufen gehen soll. Aber jetzt bin ich geduscht, angezogen, Lili springt vor Gassi-Vorfreude schon meterhoch, jetzt müssen wir los und es ist zu spät. Vielleicht heute Abend. Falls es nicht später im Büro wird, ich nicht zu fertig bin und nicht sowieso nach Feierabend noch 200 kleine mistige Aufgaben auf mich warten. Und zur Stütze nur ein blöder Kräutertee.

Ach, Pünktchen. Entspannt sein ist schwierig, das wissen wir beide ja längst, eigentlich so ziemlich die anstrengendste Sache der Welt. Denn sie lassen einen einfach nicht. Wenn du erst auf der Welt bist, wie soll das dann erst werden?

Liebe Abkürzungsdamen, an dieser Stelle habe ich eine Bitte. Ich weiß, die werden manche nicht gerne hören und sich vermutlich auch nicht dran halten. Aber loswerden würde ich sie trotzdem gerne.
Die nächsten Tage bis zum 12. oder wenigstens bis zum 9., wenn ich eigentlich fest mit meinen Tagen rechne, sind die Nerven trotz wildester Entspannungsbemühungen sehr angespannt. Bitte tut mir den Gefallen und lasst mich und meinen Bauch in dieser Zeit einfach mal machen. Ich mache sowieso, was ich will, aber wenn ich dann noch hier lese, dass das alles keine gute Idee und sowieso falsch ist, dann gehe ich nachts innerlich die Wände hoch, und das kann nicht gut sein. Dieser Blog ist kein Schrei nach Rat und Warnung aus den Tiefen des Internets, wenn ich Rat und Warnungen und Nervenkrisen wollte, würde ich keinen Blog schreiben, sondern nägelkauend "Einnistung spüren", "Laufen Fehlgeburt" oder "Todesfalle Alufolie" googeln.

Ist der Test-Termin überstanden, dann meinetwegen Feuer frei. Ich weiß, ihr schafft das! Schließlich habe ich die besten Abkürzungsdamen der Welt als Leser.

Sonntag, 1. Mai 2011

Tag 2 mit Pünktchen

Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht sitze ich jetzt auf dem Sofa, warte darauf, dass L. nach seinem Jungsabend gestern aufwacht und vollgeplappert werden will, und plappere stattdessen Euch voll.

Noch elf Tage bis zum Test. Und wenn ich richtig gerechnet habe, noch eine Woche, bis ich im Zweifel meine Tage bekomme. Damit wird ein Test vermutlich kaum noch nötig sein, zumindest, wenn's schief geht.
Einige der Vorsätze für die nächsten Tage - nicht, dass ich mich daran halten würde, aber Vorsätze machen Spaß:

1. Bevor das alles zu einem einzigen Déjà-vu gerät, heißt Würmchen diesmal Pünktchen. Immerhin ist es das kleinste Würm... ünktchen, das ich je an Bord genommen habe. Wird aus Pünktchen irgendwann eine Antonia? Wer weiß? Wir wollen mal lieber noch keine Kissen in Eppendorfer Babyläden für sie besticken lassen, denn mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit wird aus Pünktchen eine Camelia. Wir werden sehen.
2. Ich will tun, was der Doktor gesagt hat, und joggen gehen. (Muss außer mir noch jemand immer ein bisschen schnüffeln, wenn Charlotte im Central Park laufen geht und dabei immer dicker wird?) Und zwar ohne mir nachher das Hirn zu zermartern, ich würde Pünktchen töten.
3. Ich will auch ansonsten keine Fisimatenten machen. Weder an der Käsetheke, noch auf dem Weg zur Arbeit, noch beim Treppensteigen oder beim großzügigen Verwenden von Alufolie und Leitungswasser.
4. Sollte mich jemand per Kommentar informieren, dass ich alles, aber auch alles falsch mache, werde ich lächeln, vom Rechner aufstehen, mir eine schöne Ovomaltine machen und ansonsten in Tat und Gedanken das Thema wechseln.
5. Die Zeit, die ich in den nächsten Wochen nicht mit Weintrinken, dem Zubereiten, Verschlingen und Verdauen halbroher Riesensteaks, Fallschirmspringen und Kickboxen verbringe, will ich darauf verwenden, die Hütte in Ordnung zu bringen (=Nestbautrieb, gell, wir neunmalklugen Befruchtungsprofis) und endlich ein bisschen voranzukommen mit dem neuen Geheimprojekt (=Nesterweiterungstrieb).

Samstag, 30. April 2011

Ich hätte ja schon eher gepostet, aber ich war noch in der Maske, kennt ihr ja

Wieder mal passiert erst tagelang nichts und dann auf einmal viel zu viel. Der Reihe nach (jedenfalls versuche ich das nach Kräften, aber bekanntermaßen soll man sich mit Braten in der Röhre ja nicht übernehmen).

Gestern:
Der Zeitplan in London und in meiner Küche/auf meinem Fernsehsofa steht und funktioniert reibungslos. Ich weihe das Original-Krönungs-Service ein, das L. heimlich für mich in England bestellt hat (nicht das ganze Service, sondern einen Teller und zwei Tassen), indem ich vom Teller Eier, Speck, gegrillte Pilze und Tomaten und Toast mit Marmite, Cheddar und bitterer Orangenmarmelade esse. Anders als Götz George in "Schtonk" trenne ich mich nämlich nicht plötzlich oder werfe mit Sachen, wenn man mir Toast mit bitterer Orangenmarmelade vorsetzt. Dazu gibt es aus den Tassen Earl Grey, und zwischendurch zwei Gläser Pimms mit Eis, Gurken, Erdbeeren, Zitrone und Ginger Ale. Das Hochzeitsservice ist für meinen Geschmack ja fast zu stilvoll, es ist z.B. weit und breit kein Bild der beiden darauf zu sehen, aber wenigstens Goldrand, Herzchen und so. Habe ich wohl Glück, jemanden wie L. zu haben, der sowas für mich kauft und daraus dann auch noch bereitwillig seinen Kaffee trinkt?
Wenn ich ihm auch sagen musste, William hätte ich auch genommen, dieser plötzliche Haarausfall hat mich auf eine spezielle Art gerührt, gegen die ich machtlos bin.
Gegen eins musste ich das alles hinter mir lassen, um mit ungewohnt viel Produkt im Gesicht und im gewünscht sommerlichen Kleid in ein Taxi zu springen. Natürlich hatte ich einen Taxifahrer, der mir die ganze Fahrt über unaufgefordert erzählt hat, das wäre ja wohl alles ein Riesenscheiß, wer so was gucken würde, wäre ein Vollidiot und könnte einem leid tun, zeterzeter blablabla. Ich habe gelächelt und huldvoll aus dem Fenster gewunken, so machen wir das im englischen Königshaus.

Und dann der Termin. Ich kann euch jetzt sagen, das Fernsehen hat Recht, fotografiert werden ist wirklich ein bisschen so wie bei Heidi! Die zauberhafte, sommersprossige Visagistin (die sich mit den Worten vorstellte "Ich bin Haare Make-Up"), beäugte das Ergebnis meiner Schminkbemühungen ein bisschen freundlich-argwöhnisch, woraufhin ich schnell so tat, als wären das nicht 30 Minuten Zunge-im-Mundwinkel-geklemmte Anstrengung gewesen und lässig erlaubte, das gleich alles wieder runterzunehmen. Und dann musste ich zwanzig Minuten lang nach oben gucken, nach unten gucken und wieder nach oben gucken. Die Spaziergänger in Planten und Bloomen, die uns auf der Caféterrasse sitzen sahen, fragten sich vergeblich, woher sie uns denn nun kennen sollen. Nirgendwoher, liebe Spaziergänger! Wir sind genau solche Niemande wie ihr! Wir machen uns heute nur mal hübsch! Einen kleinen Triumph hatte ich aber, als Haare Make-up bereitwillig mein weißes Make-up und meinen Lippenstift benutzte, die sie sehr passend fand. Ha.
Dann ging es ohne Umweg über einen Spiegel auf ein weißes Himmelbettchen, das wie zufällig da rumstand, ich musste meine Wollstrumpfhose ausziehen, damit das im Augustheft nicht so kühl wirkt, und dann habe ich eine halbe Stunde lang alles gemacht, was der unfassbar nette Fotograf mir sagte. Im Nachhinein muss ich sagen, der war fast ZU nett. Denn falls die Wahl auf das Bild fallen sollte, auf dem ich auf dem Bett knie und so im Sitzen nach vorne robbe, als würde ich gleich "groarrrrr" machen und einen Tiger imitieren, das hab ich nur gemacht, weil der so nett war und ich deshalb so entspannt! Im August wird der Fotograf Vater, bitte wünscht ihm und vor allem seiner Frau viel Glück. Nach dem letzten Foto bin ich sofort aufs Klo gerannt, und siehe da, ich sah dank ungewohntem Kajal und ein bisschen smoky aus wie Avril Lavigne, zusammen mit dem Blümchenkleid ergab das so eine Art romantic gothic. Nuja. Wir werden sehen. Das war sicher nicht die Schuld von Haare Make-up, sondern lag daran, dass ich das sonst nicht mache, sondern mir die Wimpern tusche, mir einmal die Puderquaste auf die Nase drücke und los, es sei denn, es ist was. Und darum erkenne ich mich selbst kaum noch, sobald jemand mir mit Kajal kommt. Sogar meine Haare waren mit einem Elektrogerät geglättet worden! Das war wirklich noch nie.


Dann die eigentliche Hauptsache, das Gespräch. Wir waren zu fünft: die Journalistin, Simone, eine Dame aus München, die sich noch nicht so richtig in die Abkürzungswelt begeben will, und eine ehemalige Abkürzungsdame, die schon vorübergehend hingeschmissen hatte, als sie plötzlich simsalabim schwanger wurde und jetzt ein vier Monate altes Kind hat. Die Fragen waren zum Teil von der Sorte, die mich sonst auf die Palme bringen ("Glaubt ihr, dass ihr vielleicht irgendwie unbewusst das Kind gar nicht wollt?") Zum Teil aber auch genau richtig und gut, und am Ende hatten wir alle ziemlich viel von dem gesagt, was es so zu sagen gibt. Genauer gesagt, bin ich gespannt, wie die "Emotion" das alles ohne Sonderheft unterbringen will. Ach so, das machen Zeitschriften gar nicht so? Das wird noch editiert und gekürzt?

Nach fünf Stunden bin ich hochzufrieden nach Hause gefahren, immer noch ein bisschen zu Avril-artig für meinen Geschmack, aber trotzdem mit dem Gefühl, einen Nachmittag unter lauter freundlichen, klugen und lustigen Menschen verbracht zu haben. Und vom Rest werde ich ab sofort nichts mehr verraten, schließlich sollt ihr gefälligst Mitte Juli diese Zeitung kaufen.

Dann noch abends mein traditionelles Abschied-vom-Essen-für-Erwachsene-Dinner mit L. Er kommentierte mein nagelneues Gesicht mit den Worten "Schön, dass Monika Lierhaus wieder das Leben genießt". Harr. Ich hab mich am Riemen gerissen, denn ich wusste ja schon, dass ich höchstens mit einer "okayen" Eizelle rechnen kann und die Wartezeit bis zum nächsten rohen Fisch vermutlich eher zehn Tage als ein Jahr betrifft, da muss man nicht auf Henkersmahlzeit-Modus umschalten. Also hatte ich nur halbrohes Fleisch und Weißwein. Und um elf lag ich im Bett.

Heute:
Um halb eins saß ich auf dem Donnerstühlchen, und die Eierbeauftragte verkündete mir freudestrahlend, es wäre EIN ZWEIZELLER! Als sie mein Gesicht sah, schob sie schnell nach: die Zellen waren nicht wie angekündigt am Mittwoch aufgetaut worden, sondern gestern, und da sind zwei zudem sauber geteilte und auch sonst propere Zellen ok. Wir plauderten noch ein bisschen darüber, was jetzt auf mich zukommt, und es zeigte sich, auch nach gefühlt 12 Versuchen kann einen doch noch einiges überraschen. Mir hatten Sprechstundenhilfen immer gesagt, ich müsste jetzt im Schleichschritt gehen, dürfte nicht mehr Radfahren und müsste spitzen Bemerkungen ausweichen. Ich kann mich sogar noch an ein DinA4-Blatt voller Anweisungen und Verbote erinnern. Der Arzt kam dazu und rollte die Augen. Die beiden heute haben herzlich gelacht darüber und gesagt, wenn ich joggen gehen will, soll ich joggen, die Welt wäre ein bedeutend leererer Platz, wenn das JETZT das Würmchen umbringen würde, und stillhalten und die Hände ringen wäre eher kontraproduktiv. (Außerdem habe ich mir einen Anpfiff eingefangen, weil meine Blase voll war, man könnte ja gar nichts sehen auf dem Ultraschall. Aha. Man lernt nie aus, auch nach unzähligen Versuchen, bei denen volle Blase Pflicht war. Was ja auch nicht weiter wundern kann, angesichts dessen, dass sich die Grundfunktionen des weiblichen Körpers ja alle zwei Monate einmal komplett umkrempeln und neu erfinden). Aus irgend einem Grund war ich sofort bereit, zu glauben und zu beherzigen, was mir heute gesagt wurde. Und morgen gehe ich laufen.

Tag 1 mit Würmchen. Am 12. ist der Test.

Freitag, 29. April 2011

Würmchen im Schneewittchenschlaf

Ich hab versucht, in den letzten Tagen nicht zu viel drüber nachzudenken. Und wie sich zeigt, war das wohl eine ganz gute Idee. Denn von drei Zellen ist noch eine übrig. Aber auch die scheint sich gerade noch so mit einem wackligen Zähnchen an der Hängebrücke festzuklammern, denn morgen früh soll ich noch mal anrufen. Mal sehen, ob sie dann noch da ist. Wenn ja, komme ich um halb eins vorbei und hole sie ab. Wenn nicht, dann nicht.
Auf einmal macht Hochzeit gucken nur noch halb so viel Spaß.

Dienstag, 26. April 2011

Flora A. ist nicht zu fassen

Vor zwei Minuten habe ich mir eine Ampulle Brevactid angemischt und in den Bauch gespritzt. Ab übermorgen schmiere ich wieder mit Crinone herum (jaja, ich weiß, Uterogest ist billiger, aber billiger als "hab ich sowieso noch in Mengen hier rumfliegen" wird es nicht, und Crinone habe ich noch in Mengen hier rumfliegen), und Samstag kommen die Würmchen an Bord, die das Auftauen überlebt haben.
In dem Maße, in dem meine Eizellen abbauen, lerne ich dazu. Beim ersten, zweiten oder dritten Versuch hätte ich noch in dem Moment, in dem der Doktor sagt "Freitag ist Transfer" die Lippen zusammengepresst, "Hmhm" gepiept und hinterher zähneknirschend alles, was mir mal wichtig war, aus meinem Kalenderblatt für Freitag gestrichen. Heute habe ich gesagt "Freitag ist doof, geht auch Samstag?" und siehe da, Samstag geht auch. "Ehrlich? Das hier ist natürlich am Wichtigsten, falls das meine Chancen senkt, kriege ich das Freitag irgendwie hin."
Neinnein, Samstag geht auch.*

Und plötzlich senkte sich eine große, schöne Gelassenheit über mein Fusselhirn. Samstag geht auch! Wenn Freitag doof ist, geht auch Samstag!

Und jetzt muss ich ein Geständnis machen. Heute war ich beim Vertretungsarzt, ein sehr wortkarger Vertreter. Während des kurzen Ultraschalls hätten andere Ärzte (die Anästhesisten z.B., von denen ich neulich erzählt habe) einen Wortschwall loswerden können. "So, das wird jetzt kühl, schön entspannt, hier sehen wir... dort sehen wir... ja... das sieht gut aus..." Er war da anders. Rein mit dem Dings, stocher-stocher, markier-markier, raus mit dem Dings, "So." mit kurzem O. Ich habe das als Aufforderung gewittert, abzusteigen, mich wieder anzuziehen und nach nebenan zu gehen, und außerdem als Einladung, etwas auszuprobieren. Nämlich, ihn nicht zu fragen, ob ich mir noch flink einen Termin beim Chinamann machen soll. Von sich aus hat er nicht davon angefangen, ich auch nicht, und ich habe beschlossen, diesmal versuche ich es noch mal ohne.

Das heißt nicht, dass ich ab bin vom Chinamann! Aber ich gebe diesem Versuch nicht viel Herzblut. Kaputte, tiefgekühlte Zellen? Ich mache alles mit und bin auch bester Dinge, aber ich schmeiße nicht auch noch zwei Akupunkturen hinterher und zwinge meinen Chinamann, am Samstag seine Butze zu öffnen nur für eine, die sowieso noch nicht mit sich einig ist, ob sie überhaupt an eine Medizinform glaubt, an die man scheinbar glauben muss, damit sie funktioniert. Petzt es bitte nicht den Würmchen, meiner Ärztin und dem Internet. Ich wette, das merken die nie!
Ich fühle mich wie ein Meisterdieb. Wie ein Meisterdieb bei gelungener Flucht auf einem antiken Motorrad. Mit ohne Helm.


* der Festplattenrekorder ist längst programmiert. Aber der Termin für die muckelige Sofarunde der Unfruchtbaren steht immer noch nicht fest. Und ich wette, da wäre mein Eiertermin genau reingekracht. Hach, dieser ewige Clash zwischen Eizellen und Karriere!

Dienstag, 23. März 2010

Tag 5 mit Würmchen

Gerade fiel mir ein, dass man ja das gute "Streifenfrei"-Öl von Bellybutton ab dem ersten Monat verwenden soll! Wo hatte ich nur meine Gedanken! Gut, wenn ich jetzt nach der Geburt von Würmchen wabbelig und streifig aussehe wie ein ausgeleiertes Zebra, dann bin nur ich allein dran schuld.

Das Öl steht zusammen mit den anderen Baby-Devotionalien im Arbeitszimmer in einer Ecke, in die ich nie komme. Die Frage ist: selbst, wenn der Test am 30. positiv sein sollte, wie lange warte ich, bis ich das alles wieder hervorhole? Ab wann bin ich außer Gefahr, mich wieder zu früh gefreut zu haben? (Dazu fällt mir diese Szene aus dem Marathon-Mann ein, in der der sadistische Zahnarzt Dustin Hofman Löcher in die Schneidezähne bohrt und ihn ständig anschnarrt "sind sie außer Gefahr? Sind sie außer Gefahr?")

Bauch weiterhin beim Aufwachen irgendwie anders, ein bisschen gespannt und ein bisschen wie Muskelkater. Das legt sich aber dann nach dem ersten Spaziergang über die Hundewiese. Auch, wenn es mit all diesen Würmcheneinträgen den Anschein hat, als wäre das anders, im Kopf kann ich mir meistens noch nicht vorstellen, dass es geklappt haben sollte diesmal. Gestern habe ich den Abend genau neben einer Schwangeren verbracht, die jetzt am Sonntag fällig ist, und für mein Gehirn war klar: die ist schwanger, ich nicht. Zum Glück hat der 30. noch eine zweite Bedeutung, falls der Test negativ sein sollte: das ist der Tag, an dem wir beim Notar sind und den Vertrag für unser Haus unterschreiben. Unser Haus. Und ob wir da einziehen oder nicht, hängt nicht davon ab, was irgendwelche unzuverlässigen Eizellen machen, ob Myome mitspielen und Hormone, und ich muss mir auch nicht einreden, dass mein Bauch irgendwie komisch ist, um rauszufinden, ob das klappt. Das mag ich an Häusern.

Montag, 22. März 2010

Tage 3 und 4 mit Würmchen

Gestern sollte eigentlich der perfekte Tag werden. L. war zu einem Spiel seines merkwürdigen, aber niedlichen Sports gefahren, und es schien völlig klar, dass ich von elf bis zehn sturmfrei haben würde in der Heidehütte. Ich hatte Pläne. Und was für Pläne! Ich wollte unter anderem den ganzen Tag im Schlafanzug bleiben. Ich wollte mir Speckpfannekuchen zum Frühstück braten. Ich wollte vorm Kamin sitzen und Krimis lesen. Ich wollte Musik hören, eine zweistündige Haarkur machen und mir die Fußnägel lackieren. Ich wollte mit anderen Worten diese kleine Vorschau auf das herrliche Leben in meinem eigenen Zimmer, das mich demnächst erwartet, voll auskosten. Und ich lag gut im Rennen. Würmchen und ich haben wieder den Tag in Gummistiefeln und mit Teetasse auf der Wiese begonnen. Es nieselte, gut, aber Lili sprang trotzdem mit dem glücklichsten Hundelächeln der Welt um uns herum, wühlte sich durch nasses Laub, jagte Blättern hinterher, warf sich auf jeden Ast und schnüffelte überall nach dem Kaninchen des bescheuerten Hausmeisters, das der aus Bocklosigkeit einfach ausgesetzt und für tot erklärt hat. Nun irrt es alleine durch den Garten, kapiert nicht, dass es sein Ställchen nicht mehr gibt, und dieser Spacko kann sich nicht vorstellen, dass diesen perfekten Coup irgendwer durchschaut. Sein Plan geht insofern auf, als er jetzt wieder ungestört mit Bier vorm Fernseher sitzen kann und keinen Gedanken mehr an das Schicksal des Tierchens verschwendet, während wir, statt unbeschwert glücklich über die Freiheit von Lili zu sein, ein bisschen ängstlich hinter ihr herlaufen und uns schon mit einem zerfetzten Kaninchen zum Tierarzt rasen sehen - oder ihm mit der Axt den Gnadenstoß geben. Beides nicht schön. Blödmann.

Jedenfalls, der Bauch war wieder irgendwie anders, aber ich habe beschlossen, noch mindestens drei Tage lang nicht darauf zu hören und vor allem L. nicht mit meinen Ahnungen, Hoffnungen und Befürchtungen zu behelligen. (Ihr habt doch sicher alle schon mal diese Legende von dem Mädchen gehört, das nichts ahnt und dann eines Tages auf Toilette denkt, Mann, das ist aber auch eine Verstopfung, die ich da scheinbar hatte, und auf einmal, Rabäh, hat sie ein Baby und versteht die Welt nicht mehr. So in die Richtung wollen wir uns jetzt orientieren. Jedenfalls im richtigen Leben. Das Internet bleibt davon unbeleckt.)

Der Tag ging also so seinen Gang. Um zwei hatte ich die Speckpfannekuchen gegessen, um drei das gebrannte-Mandel-Eis (sehr zu empfehlen), um vier brannte der Kamin, und um zehn nach vier kam L. pfeifend um die Hausecke. Das Spiel hatten sie ruckzuck gewonnen, und nun war er schon wieder da. Ihr müsst mir glauben, dass L. wirklich mein Lieblingsmensch auf der ganzen Welt ist. Er ist der tollste, beste, großartigste und so weiter. Aber dieses eigene Zimmer könnte jetzt wirklich langsam mal kommen. Ich habe große Sehnsucht danach.

Tag vier ist heute. Heute Abend sind wir zu einem dieser feudalen Abende eingeladen, mit dem der ältere Teil von L.s Familie seine Geburtstage feiert. Wir werden bei einem der besten Italiener der Stadt sitzen. Alle werden Ströme von Alkohol trinken, nur ich nicht und die Frau des Cousins, die nun jede Sekunde ihr Kind kriegen müsste. Sie hat ihren Grund für Apfelschorle deutlich sichtbar vorm Bauch. Ich dagegen... ach, was solls. Wenn jemand fragt, erzähle ich es eben. Dass ich mich entschieden habe, nun für immer trocken zu bleiben, weil doch irgendwann mal Schluss sein muss mit dem Teufel Alkohol.

Noch acht Tage bis zum Test. Jeder Tag, an dem kein Blut in meiner Unterhose ist, ist ein guter Tag.

Samstag, 20. März 2010

Tag zwei mit Würmchen

Morgens um halb acht wird der Hund wach, zehn Sekunden später ich. Und zwar davon, dass der Hund das Hosenband meines Schlafanzugs zu fassen kriegt und aus Leibeskräften zieht. In der Heide brauche ich immer ein paar Momente, bis ich weiß, wo ich bin. Und heute brauche ich zusätzlich ein paar Momente, bis ich weiß, was los ist: ich hab Bauchweh. Kein "ich Kriege meine Tage"-Bauchweh, sondern ganz normales. ("Schwangerschaftszeichen, Schwangerschaftszeichen!" versuche ich NICHT zu denken.) Ich tapse die Treppe runter ins Wohnzimmer, wo die Birkenklötze von gestern Abend im Kamin zu einem Häufchen Asche zerfallen sind, und lasse den Hund draußen den ersten Pisch des Tages machen. Dann gehen wir wieder rein, ich koche Tee, und auf zum zweiten, ernster gemeinten Rundgang durch den Garten. Es nieselt, aber es ist warm genug, um es auch im Wind mit kurzem Schlafanzug und Gummistiefeln und einer heißen Tasse Tee gut auszuhalten. Ich stapfe über die matschige Wiese und erwische mich auf einmal dabei, wie ich Würmchen die Welt erkläre. Das ist Wind, das sind Bäume, das ist unser Hund. Und hier sind wir am Wochenende, wenn wir es hinkriegen. Hier hat der Hund heute Nacht eine prächtige Wurst gemacht, die werfe ich naccher noch mit einer Schippe in den Wald, denn Merk dir: wenn man da reintritt, stinkt es, und mit Pech sind die Schuhe hinüber.

So lange Würmchen noch keine Haarfarbe und keinen anderen Namen hat, fühlt es sich fast an, als wäre Würmchen gleich Würmchen. Als wäre das Würmchen vom Sommer nur für eine Weile weg gewesen, hätte im November noch eine Stippvisite eingelegt und wäre jetzt wieder da fürs Erste. Gleichzeitig fühle ich mich, als würde ich das Sommerwürmchen verraten, wenn ich jetzt so einfach zur "ich plus eins"-Tagesordnung übergehe. So stromern wir durch den Garten, der Hund, das Würmchen und ich, ich sammele ein paar trockene Tannenzapfen ein, um heute Abend das Feuer wieder anzumachen. Und als die Tasse leer ist, gehen wir wieder ins Haus.

Donnerstag, 18. März 2010

Verflixt und Reingedrückt

Und nun habe ich über Nacht schon wieder vergessen, ob ich Crinone nun nehmen oder mitbringen soll. Und im IVF-Sekretariat ist noch niemand, der mir da weiterhelfen könnte. Wie verplant kann man sein?

Ich sitze im Bett mit Rechner, versuche mich innerlich einzuschwingen auf ein mütterliches Milieu im Bauch und trinke eine Tasse schwarzen Tee. Die Frage ist, lasse ich den Tee in den nächsten Wochen weg oder nicht? Leben ohne Tee ist ein trauriges Leben, und Fröhlichkeit soll doch auch helfen? Andererseits - Tee, die braune Gefahr für das kleine Leben im Bauch? Wo sind all die Fachbücher, die ich schon wieder an die liebe Ssssss zurückgeschickt habe, wenn ich sie nicht brauche?

Ich glaube, ich hatte schon mal erwähnt, dass mich am Hundehalterdasein einiges an IVF erinnert. Im Laufe der letzten Wochen habe ich auf der Hundewiese folgenden widersprüchlichen Informationen bekommen:
- Airedales können und MÜSSEN von klein auf ordentlich laufen. Ein zweistündiger Spaziergang ist überhaupt kein Thema für Lili.
- Welpen sollen nicht spazierengehen, sondern können nur Gänge von pro Lebensmonat fünf Minuten ab. Das wären für Lili 20 Minuten. Laufen sie mehr, dann wird das Herz zu groß, von anderen fatalen Fehlbildungen ganz zu schweigen. Bloß nicht!!
- Wenn Hunde Stöcke fressen, reinigt das den Magen.
- Wenn Hunde Stöcke fressen, zerfetzt das den Darm.
- Hund sollen sich nicht anknurren, das ist ein Zeichen dafür, dass sie später ihrem Herrn an die Kehle gehen könnten.
- Hunde sollen im Spiel fast alles dürfen, das ist wichtig für ihre Erziehung.
- Hunde brauchen Kalktabletten, egal, wie gut ihr Futter ist.
- Quatsch, in gutem Hundefutter ist alles drin.

Ich könnte jetzt noch ewig so weitermachen, aber ich hab das IVF-Sekretariat anzurufen und mein Körperchen vorzubereiten.
Eins habe ich gerade übrigens definitiv zum letzten Mal getan: unseren pelzigen Brummer die Treppe runtergetragen, um ihre Hüften zu schonen. Inzwischen wiegt sie 15 Kilo. Das ist mit Sicherheit mehr, als die Klinik mir in den nächsten zehn Tagen erlaubt. Und danach werden es vermutlich 18 Kilo sein, das ist mehr, als ich mir erlaube. Entweder, L. ist in Zukunft das Hundetreppentaxi, oder sie geht zu Fuß. ("Kann eine Frau, die so rücksichtslos mit den Hüften ihres Welpen umgeht, ernsthaft Mutter werden dürfen?")

Dienstag, 16. März 2010

Was ärztliche Kunst vermag, haben wir getan, jetzt hilft nur noch posten

Inzwischen bin ich sicher, die Würmchen sind aus ihrer Truhe raus und dümpeln in irgend einer Nährlösung herum. Das heißt, ich hoffe, sie dümpeln nicht nur, sondern sind aktiv. In meiner Phantasie steht wieder mal ein Heer von Weißkitteln um die Petrischale herum und beobachtet jede ihrer Bewegungen. Helle Aufregung im Fortpflanzungskommandozentrum. Jeder ist an seinem Platz, jeder weiß, was er zu tun hat. Die Luft ist zum... nein, vermutlich nicht. Vermutlich sitzt da niemand mehr. Oder wenn doch, dann ist es ein kleiner Laborant oder Zivi (wird man zu sowas als Zivi eingeteilt? Wäre jedenfalls ein angenehmer Job und perfekt für Leute, denen Töten grundsätzlich zuwider ist.), überlegt gerade, ob er sich später lieber was bei Bok oder eine Pizza bestellt, guckt nebenbei ein bisschen Internet und ist sauer, dass der Laborcomputer zu langsam für youtube ist. Lieber Zivi/Laborant, falls du aus Frust über das stotternde youtube ins googeln gerätst und zufällig auf diesen Blog stoßen solltest: die zwei da in der Petrischale vor dir, das sind meine. Rede ihnen doch ein bisschen gut zu. Lies ihnen meinetwegen auch den Sportteil vor, wenn dir nichts anderes einfällt. Aber wehe, du kleckerst Sojasauce in die Schale, wenn du nachher deine Nr.45 mümmelst. Ich wäre dir ewig dankbar (genau wie so vielen anderen), wenn das hier klappt. Und verspreche feierlich schon heute: wenn ich eines Tages mit meinem Kind aus dem Krankenhaus nach Hause darf, dann werde ich als Erstes die Babytragetasche (oder Babydirk oder wie heißt das?) in die Ecke stellen, diesen Rechner anwerfen und im Netz anleiern, dass du, mein Arzt, die Sprechstundenhilfe, die nette Apothekerin von gegenüber, die mir die Hormone verkauft und mich für schlank hält, der Mann von der Krankenkasse und die Damen vom Stammtisch samt der lieben Sssssss alle eine dicke Flasche Champagner geliefert bekommen. Feste daran denken, wenn du mit der Sojasauce hantierst! Und nu lass youtube in Ruhe, das wird doch nichts bei diesem Netz, kümmer dich um meine Würmchen! Du erkennst sie daran, dass sie in ihrer Schale immer auf den Fast Food-Geruch zuschwimmen.

Nachricht an die Würmchen

Liebe Würmchen, ist eigentlich gar kein so großer Unterschied zwischen Würmchen und Sternenkindern, wenn man mal drüber nachdenkt. Eure vielleicht eventuell mit viel Glück angehende Mutti zappelt und rappelt ganz schön, um sich dagegen zu wehren, zu viel ins Träumen und Phantasieren zu geraten, was euch betrifft, und dieses etwas despektierliche "Würmchen" ist ein Teil dieses Selbstschutzprogramms. Eines Tages mache ich mir ernsthaft Gedanken darüber, wie ihr mal heißen sollt, versprochen, aber das wird noch ein Weilchen dauern. (Eigentlich habe ich sogar schon eine ziemlich lange Liste von Namen. Die meisten davon habe ich auch kurz dem Hund anprobiert, aber wenn einer passte, dachte ich jedes Mal: nein, den Namen heben wir mal noch auf. Vielleicht haben wir noch bessere Verwendung dafür. Eines schönen Tages.) Ihr werdet jedenfalls nicht als Würmchen eins und Würmchen zwei durchs Leben gehen müssen, so viel steht fest.

Wie geht es euch heute? Vermutlich letzter Tag in der Truhe, wie aufregend! Meine Mutter hatte die Angewohnheit, mir als Kind, wenn ich ohne sie auf Reisen gegangen bin, kleine Überraschungen in den Koffer zu packen. Ein Buch, ein Päckchen Kaugummis oder eine Toblerone, das war immer ganz toll. Ich verspreche - neben all den anderen Sachen, die ich euch schon versprochen habe - sowas bekommt ihr auch! Jetzt geht es aber nicht nach Amrum oder in die Alpen, sondern nur in eine Petrischale. Und da passt selbst das kleinste Päckchen Kaugummis gar nicht mit rein. Süßigkeiten gibt es also nicht. Stattdessen kann ich leider nicht viel tun, als euch jeden Tag eine Nachricht zu schreiben, bis wir den Test haben. Vielleicht noch ein bisschen länger. Ich weiß, Toblerone wäre euch vermutlich lieber, aber auf die müsst ihr noch ein bisschen warten.

Sonntag, 14. März 2010

Der beiläufigste Countdown aller Zeiten

Beim ersten und zweiten Mal hab ich bei dieser Gelegenheit noch Pläne gemacht, wie viele Mahlzeiten und Abende noch bis zum Transfer übrig sind und wie ich es schaffe, aller Lebensmittel und Getränke, die später verboten sind, wer weiß schon, für wie lange, darauf zu verteilen. Alles, was lecker und gefährlich ist, her damit! Jetzt sitze ich hier und mümmele einen Toast mit Gouda. Langweiliger geht's ja wohl kaum. Gestern gab es keinen Alkohol, vorgestern auch nicht. Noch vor einem Jahr wäre jetzt jeden Abend Rosé auf Eis in Strömen geflossen, und dazu hätte ich irgendwem erzählt (entweder meinen Freunden, L. oder dem geduldigen Internet), dass das Leben doch dufte ist und wir uns verdammtnochmal von dieser Befruchtungssache nicht unterkriegen lassen, wir doch nicht, und ogottogott, am Ende klappt es ja wirklich? Nur noch vier Tage!!!!!! Hallooooo! Bricht hier jetzt irgendwann mal Torschlusspanik aus oder was? Noch gehört mein Körper mir, und ich esse Gouda? Das ist fast wie Socken sortieren und Fenster putzen am letzten Tag der großen Ferien!

Vielleicht liegt es nicht nur am Abnutzungseffekt oder an der gesunkenen Hoffnung, sondern auch daran, dass die große Aufregung sich jetzt anderswo abspielt. L. und ich liegen morgens im Bett und durchwühlen beide eBay nach hübschen Nachttischen, Lampen, antiken Klappsofas und emaillierten Hausnummern. Ich träume von Sommerabenden im Garten, morgendlichen Lili-Spaziergängen durchs Moor oder im Park, Adventsfrühstück im Wintergarten und Vormittagen, die ich an meinem Schreibtisch in meinem eigenen Zimmer verbringe. Mein eigenes Zimmer! Das ist überhaupt fast das Beste daran. Wer ein eigenes Zimmer hat, kann das vielleicht nicht verstehen. Bis vor kurzem - so ungefähr vor zwei Jahren - hatte ich nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern sogar eine eigene Wohnung, das heißt, drei eigene Zimmer, wenn man die Küche mitzählt, was ich, weil ich viel schöne Zeit in ihr verbracht habe, grundsätzlich tue. Ich konnte in diesen eigenen Zimmern in die Regale stellen, was ich wollte, ich konnte in meinem ältesten, von meinem Vater geerbten Schlafanzug durch diese Zimmer schluffen, egal um welche Tageszeit. Ich konnte sie mit Knoblauchgeruch oder Plätzchenduft erfüllen, alles, was ich wollte. Ich konnte Samstags mittags um eins Rotwein trinken. Ich konnte aufräumen oder es bleiben lassen. Ich konnte auf dem Boden sitzen und lesen oder auf dem Klo telefonieren. (Nein, Mädchen, ich habe nicht nebenbei Würste rausgedrückt, während wir telefoniert haben. Keine Angst. Aber ich hätte gekonnt!) Ich konnte mir nackt eine Linsensuppe kochen. Oder im Bademantel die Post sortieren. Vor allem konnte ich die Tür hinter mir zumachen und war allein. Während dieser Zeit habe ich manchmal davon geträumt, wie es wäre, wenn ich nicht mehr allein wäre. Viel Zeit hab ich nicht damit zugebracht, aber es kam vor. Damals war dieser Zustand in meiner Phantasie die reine Freude. Auch, wenn ich versucht habe, mir immer wieder vor Augen zu führen, dass es alleine doch auch nicht schlecht ist. Dann ist das Wunder geschehen, dass ich L. über den Weg gelaufen bin. Und L. ist toll, und ich bin glücklich, dass ich ihn habe, dass wir jetzt zusammen wohnen und uns haben. Das ist wirklich schön. Aber es gibt Momente, in denen würde ich fast alles dafür geben, eine Tür hinter mir zumachen zu können, nur für ein paar Stunden, und allein zu sein. Ihm geht es genau so, das weiß ich. Und ich bin sehr glücklich, dass wir das jetzt bald können. Er kriegt sein Herrenzimmer mit alten dunklen Bücherschränken, einem alten Drehstuhl mit Lederbezug, seinen Füllern, seinen gebundenen Gesamtausgaben, einer Hausbar voller Single Malt und dem, was Männer sonst noch gerne um sich haben, um das Gefühl zu haben, sich erwachsene-Männer-mäßig zu entspannen und wohlzufühlen. Und ich kriege meinen hellen Raum mit meinen lustigen Sachen aus den 50ern, hellen Regalen mit bunten Taschenbüchern, einem Schreibtisch mit meinem weißen Rechner drauf, einem Glas Rosé auf Eis, meiner Musik und Aussicht auf den Park.

Wenn das nicht die perfekte Ablenkung von jedem Countdown der Welt ist, weiß ich auch nicht. Ich könnte in Astronautenmontur in eine Rakete geschnallt sein und würde an dieses Zimmer denken.

Samstag, 13. März 2010

Nächsten Donnerstag: morgens Würmchen, abends Models

Was ist schlimmer: James Blunt zu hören oder fast bis an die Knie in halb gefrorenem Matsch stehen, während man erfährt, wie es weitergeht mit diesem Auftauzyklus? Ich hatte dann doch Matsch. Gestern bin ich mit dem Hund durch den Wald gestapft und habe noch mal in der Klinik angerufen, und jetzt sieht es so aus: ab Montag muss ich morgens Crinone und morgens und abends Estrifam nehmen. Und Donnerstag ist dann der Würmchentermin. Falls es einen Würmchentermin gibt. Und ich hoffe schwer, Abends kommen die Mädchen rum, wir gucken diese ausgelutschte Modelshow und sind zusammen ein bisschen aufgeregt. Mädchen, ich verspreche auch, die ganze Brause ist nur für euch!

Und schon wieder fängt die Blätterei im Kalender an, wenn auch diesmal ein bisschen halbherziger. Sollen die Berliner Mädchen jetzt eher Anfang oder Mitte April zu Besuch kommen? Anfang April habe ich vermutlich gerade den nächsten Negativ-Test hinter mir, das wäre also der perfekte Moment für ein bisschen tröstenden Mädchenterz. Oder wird das wieder so wie letztes Mal, und ich hänge dann gerade wieder irgendwo zwischen vermutlich nicht schwanger und vielleicht ja doch schwanger? Also eher Mitte April. Aber was, wenn wir dann schon die nächste IVF starten? Tja, was? Ich werd's wohl überleben. Und was den Jobplan betrifft, herrscht wieder genau die gleiche Verwirrung wie beim letzten Mal. Damals dachte ich, ich brauche jetzt wieder einen festen Job, was wäre also komplizierter, als jetzt schwanger zu werden? Dann kam ein fetter Monat und ein mittelfetter, der aber ziemlich vielversprechend zu sein schien, und ich dachte, na bitte, läuft ja doch. Und jetzt ist wieder nichts. Das heißt, wieder warten zwei gefrorene Würmchen auf ihren Einsatz, und Vielleicht-Mutti braucht eigentlich vor allem einen Job. (Fast wünsche ich mir, die zwei guten Monate hätte es nicht gegeben, dann hätte ich jetzt vermutlich das Problem nicht.)

Freitag, 12. März 2010

Man kann nicht früh genug anfangen

Zum Thema Musik und gynäkologische Erlebnisse fällt mir noch ein: ich hab mich immer schon darüber gewundert, dass es scheinbar so viele Frauen gibt, die zur Geburt ihres Kindes eine CD oder einen ipod mit Lieblingsmusik mitnehmen. Ich weiß nicht, ich weiß nicht... mal davon abgesehen, dass ich vielleicht nie in die Situation komme, herauszufinden, ob das eine gute Idee ist oder nicht, hätte ich Angst, in Zukunft für alle Ewigkeit meine Lieblingsmusik mit Blut und Schmerzen und grässlichen Geräuschen und totaler Erschöpfung zu assoziieren. Hm.

Andererseits hat diese Mitbringmusik vielleicht den Vorteil, andere Musik zu verhindern, denn zwei verschiedene Musiken werden vermutlich nicht im Kreißsaal laufen, und auf diese Art kann man sich jedenfalls sicher sein, sein Kind nicht zu Elton John, Melissa Etheridge oder den drei Tenören bekommen zu müssen.

Ihr findet das ein bisschen zu früh, mir darüber Gedanken zu machen? Wieso das denn, wo doch Dienstag oder Mittwoch der Tiefkühl-Rückübertragungs-Termin ist? Hallo?