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Mittwoch, 4. November 2015

Noch geht tippen schneller als laufen. Aber demnächst!

Der erste Geburtstag, den wir hier gefeiert haben, war L.s vierzigster. Auf einmal hatten wir ein Haus. Auf einmal hatte L. Geburtstag. Und auf einmal hatte L. ziemlich viele Leute eingeladen, die auch noch alle kommen wollten. Die Küche ist winzig, aber irgendwie haben wir es geschafft, 30 Leute zu bewirten. Morgen feiern wir hier den letzten Geburtstag: Michel wird ein Jahr alt. Wie immer bei Umzügen ging es mir auch diesmal: erst wurde mir klamm bei dem Gedanken. Dann ist dieses Klamme langsam verflogen, und ich habe mich behaglich eingerichtet im Verabschieden. Und dann ging es irgendwann los, und auf einmal konnte ich noch nicht mal mehr sagen, wann hier der letzte Tag war, an dem noch alles normal und in Ordnung war. Jetzt ist hier nichts mehr normal und in Ordnung, die meisten Regale sind halb leer, die Hälfte der Stühle ist weg, fast alle meine Kleider (was nicht so schlimm ist, denn ich trage sowieso 10% meiner Kleider fast jeden Tag und den Rest theoretisch irgendwann demnächst bestimmt), und hätte ich mich nicht aufgeführt wie eine Furie, dann hätte ich auch keine Backform mehr gehabt für Michels Geburtstagskuchen. Jetzt ist das hier wirklich vorbei. Und ich bin sehr traurig und freue mich trotzdem auf das, was als Nächstes kommt. Ich hoffe, ich kann bald mehr dazu schreiben, aber gerade tippe ich hier gegen die Uhr an, denn aufgrund von Verwicklungen, die zu erläutern ich keine Zeit habe gerade, hüstel-hüstel, dreht die Telekom uns das W-Lan irgendwann heute ab. Ja, ich habe genau so gestaunt! Jedenfalls wissen wir noch nicht, wann in der neuen Butze Internet ist, und hier kann es jede Sekunde vorbei damit sein.

Also wieder mal ein Telegramm von mir.
Erstens: die Jungs.
Michel ist seit Montag in der Kita-Eingewöhnung. Für alle noch-nicht-Eltern: Kinder kommen nicht ZACK plötzlich für ein paar Stunden in die Kita, sondern sie werden langsam daran gewöhnt. Am ersten Tag eine Dreiviertelstunde, am zweiten, dritten und vierten Tag auch, und Mama oder Papa sitzen dabei. Dann steigert sich das, bis sie irgendwann so weit sind und die Dinge ihren Lauf nehmen können. Michel macht das toll, viel besser als erwartet. Er krabbelt neugierig los, strahlt die Kinder an und die Spielsachen, würdigt mich keines Blickes und ist sensationell gut gelaunt. Kalle dagegen hat scheinbar ernsthafte Revierverteidigungsprobleme. Wird das? Bestimmt. Hoffe ich jedenfalls und knirsche mit den Zähnen.

Zweitens: der Job.
Ganz ehrlich: ich habe gerade keine Ahnung, wie es weitergehen soll. "Nutze das als Chance! Besinne Dich neu! Du kannst alles machen, was Du willst!" Genau. Ich habe die Hosen gestrichen voll.

Drittens: Mamas Gesundheit.
Ist vielleicht eine kleine Erklärung dafür, warum der Unternehmergeist gerade nicht so richtig in Fahrt kommt. Seit Juni habe ich jetzt diese Schmerzen in der Hüfte. Morgens beim und nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, aber Nachts ist es ein knapper zweiter Platz, und ich kann inzwischen kaum mehr eine Nacht ohne Schmerztablette schlafen. Inzwischen bin ich geröntgt, morgen erfahre ich, was es auf diesen Bildern zu sehen gibt und was das bedeutet. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass mir egal ist, was es ist, Hauptsache, ich kenne endlich seinen Namen. Meine Geduld, noch nie meine starke Seite, ist vollkommen erschöpft. Und nicht nur das, inzwischen führen die Schmerzen auch zu einer massiven Fehlhaltung. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir jetzt alle Schuhe schiefgetreten, und aus ursprünglich nur Hüftschmerzen sind inzwischen auch Knie- und Fußschmerzen geworden. Sapristi! Ich finde wirklich, für Zipperlein bin ich noch zu jung.
Ach ja, und die Blutungen: gerade habe ich zum dritten Mal in dreieinhalb Wochen meine Tage. Aber laut gründlichem Ultraschall ist alles gut. Es gibt ein kleines Myom, aber das ist für mich myommäßig ein Superschnitt, und es kann laut Frauenärztin auch nicht für so viel Blut sorgen. Sie vermutet seelische Ursachen. "Seelische Ursachen!" Ich finde sie nett, darum bin ich ihr nicht direkt ins Gesicht gesprungen, wie ich das sonst in diesem Fall immer tue. Nun habe ich nicht nur Zorn auf meine Hüfte, mein Knie und meinen Fuß, sondern auch auf meine Seele. Es wird ein bisschen einsam hier.

Viertens: der Plan.
Ich habe das noch nie getan: den Blog gemolken. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ok, ich habe ein Buch daraus gemacht, und ab und zu habe ich euch angehauen, ob vielleicht eine Lust hat, ein Interview zu geben, aber davon abgesehen davon - nichts. Jetzt habe ich wieder mal in Sachen Pipiproblem gegoogelt und gegoogelt und bin auf eine Option gestoßen, die zwar vielversprechend klang, die ich mir aber gerade vom Elterngeld nicht leisten kann. Also habe ich den Hersteller dieser Option angeschrieben und ihm von mir und meinem Blog erzählt. Bin ich rot geworden, während ich die Email geschrieben habe? Ich fürchte ja. Aber es hat sich gelohnt, denn jetzt darf ich sein Gerät testen und darüber berichten. Heute macht sich irgendwo im tiefsten Baden-Württemberg ein Päckchen auf den Weg, und ich glaube fest daran, dass es mich ein gutes Stück näher an meine heiß ersehnte erste Runde um den Park bringt.

Samstag, 10. Oktober 2015

Sieh es ein: wir haben eine Neue.

Vor ziemlich vielen Jahren hatte ich mal das deutliche Gefühl, mein damaliger Liebster wollte mit mir Schluss machen. Die Zeichen waren nicht so schwer zu deuten: er meldete sich überhaupt nicht mehr, hatte unter der Woche schrecklich viel im Job und am Wochenende mit unzähligen Umzügen, Familienfeiern usw. zu tun, bei denen ich auch gar nicht gefragt war, leider leider, und wenn er irrtümlich doch mal ans Telefon ging, war er so dermaßen drüber ("HEY!!!!! Wie SCHÖN, dich zu hören! GERADE wollte ich dich anrufen!!!!!!"), dass eigentlich alles klar war. Die Frage war nicht, was mit ihm los war, sondern was ich damit machen sollte. Jeder vernünftige Mensch würde sagen: gerade machen, durchatmen und selbst Schluss machen, wenn diese Wurst dazu nicht imstande ist. Aber ich habe nie behauptet, ein vernünftiger Mensch zu sein, und darum habe ich natürlich einen erbärmlichen Versuch gestartet, ihm zu beweisen, was für ein Fang ich im Grunde genommen bin. Nicht zu offensichtlich (HARR, dachte ich) und auch nicht rangeschmissen (NEIN! Klar. Nein! Auf keinen Fall! Nee Nee!), sondern eher so beiläufig, souverän und lässig. Es hat selbstverständlich nicht funktioniert, aber das tut heute zum Glück nichts mehr zur Sache, denn inzwischen ist nicht nur der Exfreund, sondern auch der Liebeskummer seinetwegen seit vielen, vielen Jahren Geschichte. Trotzdem muss ich in den letzten Tagen öfter mal daran denken, denn mir kommt es so vor, als würde unser Haus gerade das gleiche versuchen. Es merkt was. Es ist sich sogar ziemlich sicher. Aber statt sich damit abzufinden, dass wir demnächst gehen, fährt es noch mal das volle Programm auf. Die goldene Herbstsonne funkelt über dem Garten, die Rosen blühen zum Teil immer noch, das Licht fällt auf genau die richtige Weise so durch die Fenster, dass es wirkt wie schönste Hollywood-Magie, die Leute auf dem Markt und in der Nachbarschaft sind nett wie nie, einen Kitaplatz für Michel haben wir demnächst auch, und vor ein paar Tagen stand unsere nette 93jährige Nachbarin am Gartenzaun und schwärmte davon, was für ein Glück das für sie wäre, unsere zwei Jungs jetzt mit aufwachsen und den Garten erkunden zu sehen, das wäre so ein Geschenk! Ich schluckte. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, es bildet sich weniger Staub in den Ecken, die Räume sind von ganz alleine ideal temperiert, und auch die Fenster wirken plötzlich wie frisch geputzt, wenn sie in Wahrheit genau das Gegenteil sind. Erbärmlich. Es ist einfach nur erbärmlich.

Es ist nämlich so: die Zeit hier geht zu Ende. Wir haben einen Mietvertrag unterschrieben für eine große, schöne Wohnung mitten im städtischen Gewühle, so wie wir es schon so lange wollten. Und während wir bisher immer dachten, wir würden versuchen, eine Wohnung zu kaufen, die dann noch monatelang hergerichtet werden müsste, so dass es auf jeden Fall Frühjahr wird, bevor wir umziehen, geht es jetzt ziemlich schnell. Genauer gesagt, äh, Moment, Mitte November. Also der Monat, der auf diesen hier folgt. Demnächst. Und alle Herbstsonnen, aller Feenstaub in Sonnenstrahlen auf Holzböden und alle Nachbarn der Welt werden daran nichts mehr ändern. Ich weiß, dass das gut für uns ist. L. und ich führen uns jetzt schon auf, als würden wir demnächst unseren zweiten Honeymoon antreten. Und den Kindern habe ich schon davon erzählt, und Kalle freut sich. (Nein, ich bin nicht bescheuert, mir ist schon klar, dass Kalle schon noch das eine oder andere Tränchen deshalb verdrücken wird. Ich übrigens auch.) Zwar werden wir keinen Garten mehr haben, aber in unmittelbarer Nähe mehrere schöne Parks mit Spielplätzen. Die Jungs kriegen endlich zwei Kinderzimmer statt einem Miniraum, der mit Wickelkommode, Kleiderregal und zwei Babybetten knackevoll ist. Dieses Haus hier wird dann wohl noch ein paar Wochen leer, still und einsam hier herumstehen. Aber dann kommt jemand Neues, und der wird hier seine ganz eigenen Abenteuer erleben, wobei seine Abenteuer deutlich weniger mit Handwerkern zu tun haben werden als unsere, und wenn im Mai der Flieder an der Gartenhütte blüht, wird hoffentlich wieder jemand hier sein, der ein paar Zweige abschneidet und auf den Esstisch stellt.

Nu hör aber auf, Flora.

Freitag, 19. September 2014

Der erste, aber bestimmt nicht der letzte Fluchtversuch

Vor ein paar Tagen schickte L. mir eine Nachricht ins Büro. Er hatte bei Immonet eine Wohnung gefunden, zum Verkauf, in Ottensen, sieben Zimmer, über 200 Quadratmeter, Jugendstil, in einer hübschen Straße. Mir wurde klamm. Das will nichts heißen, mir wird immer klamm, wenn dicke Veränderungen anstehen, so bin ich. Das heißt nicht, dass ich mir keine Veränderung wünsche, und ich habe auch gelernt, dass die Klammheit keinen Aufschluss gibt über Segen oder Fluch einer Veränderung. Bei der nächsten Gelegenheit - ich hatte meinen Kram schon ausgedruckt, musste aber noch eine Viertelstunde darauf warten, dass auch die anderen Meetingteilnehmer so weit waren - habe ich mir die Wohnung angesehen. Es gab nur ein Foto vom Badezimmer und eins von der großen Küche, außerdem Fotos aus den Fenstern heraus. Anhand der Aussicht und der Sprossen in den Fenstern konnte man auf google Street View ziemlich gut sehen, um welches Haus es sich handelte. Es war ein sehr schönes Haus. Die Straße ist lang, zwischen Anfang und Ende liegen mehrere Kilometer, wo ein Haus steht, macht eine Menge aus. Dieses Haus hätte nicht besser stehen können. Es war wirklich nur wenige Gehminuten entfernt von schönen Restaurants, einer Eisdiele, einem Park, noch einem Park, die nächste Bushaltestelle einer für mich wichtigen Linie war direkt gegenüber. Die Klammheit fing an, sich zu legen. Ich fand heraus, wie lange ich in diesem Bus sitzen müsste, um z.B. zu einer meiner besten Freundinnen zu kommen, wo der Bus ebenfalls direkt vor der Tür hält. Es waren kaum zwanzig. Ich googelte Bewertungen der Restaurants. Ich sah mir den Grundriss an und verteilte Zimmer. Wohnzimmer, Esszimmer, Arbeitszimmer, Kinderzimmer, Kinderzimmer, Gästezimmer, und das kleine Zimmer mit dem großen Seitenraum als Schlafzimmer mit begehbarem Kleiderschrank für L. und mich. Bis zum Abend hatte ich mir die Fotos ungefähr achtmal angesehen. Es gab außer den vielen Zimmern auch zwei Balkone, eine große Veranda und einen Garten, den man mitbenutzen kann. Was heißt man, wir! Einen großen eigenen Keller und mehrere Kellergemeinschaftsräume gab es auch. Ich erzählte meiner Juniortexterin von der Wohnung, den Mädchen, meinen Eltern. Noch hatten wir sie nicht gesehen, und ich stellte mir alles schon fix und fertig vor. Unser Leben dort, wie schön es wäre, abends mit Kindern und Hund noch mal auf ein Feierabendbierchen an die Strandperle an der Elbe, das Kino um die Ecke, überhaupt alles um die Ecke. Hier sitzen wir in einem Haus, das immer schöner wird und uns immer mehr ans Herz wächst, aber hier ist nichts um die Ecke. Mein wöchentlicher Höhepunkt ist der Bummel mit Baby über den Wochenmarkt. Der Wochenmarkt wird von der höchsten Konzentration mieser Geschäfte in ganz Hamburg gesäumt. Hier gibt es einen Gold-Ankauf-Juwelier, einen miesen China-Imbiss, einen miesen Dönerladen, eine miese Eisdiele, mehrere Läden, deren Konzept mir nie klar geworden ist, unsägliche Kleidung zu unsäglichen Preisen, eine Parfümerie, die Reklametaschen aus Plastik zum Supersommerschlussverkauf für 30 Euro verkaufen will, einen Buchhandlung mit leeren Regalen und einem geistesgestörten Chef und zig “Wir bauen hier für sie um”-Leerstände, die wohl auch für immer leer bleiben werden. Wenn ich in der Stadt in die Ubahn steige und plötzlich feststelle, dass in meiner Nähe Menschen sitzen, die mir unangenehm sind - Leute, die irgend welchen Irrsinn vor sich hinbrabbeln, die sehr betrunken oder aggressiv oder beides sind - dann schließe ich jedes Mal eine kleine Wette mit mir ab, die ich immer gewinne: die fahren bis zur gleichen Haltestelle wie ich. Wie alle Hundebesitzer mache ich manchmal die Bekanntschaft anderer Hundebesitzer, und in diesem Stadtteil läuft das in 50% der Fälle so, dass man spätestens bei der dritten Unterhaltung feststellt, dass der andere leider ein Nazi ist, und dann hab ich den Salat, dass ich jetzt im Park von einem Nazi wie ein alter Freund und Gesinnungsgenosse begrüßt werde. Ottensen dagegen: nicht nur Parks und Feierabendbierchen und Restaurants und Kinos, sondern nette, leicht angeökte Nachbarn, die im Zweifel ihren etwas bullig wirkenden Hund nicht haben, um die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen oder aus der Sehnsucht nach Macht heraus, sondern aus Mitleid, weil sie ihn aus irgend einer Tötungsstation retten wollten. Wie herrlich das wäre, irgendwo zu leben, wo man nicht erst eine längere Bahnfahrt hinter sich bringen muss, um wo zu sein! Wo man gleichzeitig zuhause UND wo sein kann! Ich dachte, sicher wird dieses Haus mir fehlen, aber das wäre es wert. Direkt um die Ecke wäre das Krankenhaus Altona, wohin wir für die nächsten Jahre ständig mit Würmchen II fahren müssen, um seinen Fuß zu therapieren! L. hat dem Besitzer der Wohnung geschrieben, dass wir sie uns sehr gerne mal ansehen würden.
Der Besitzer hat geantwortet, sie wäre schon so gut wie verkauft.
Jetzt fühle ich mich, als wären die Sommerferien abgesagt.

Montag, 27. Mai 2013

Teufel in Glasergestalt

Eigentlich hätte ich diese Woche noch drei Tage gearbeitet - heute, morgen und übermorgen - und dann hätten die großen Babyferien angefangen. In meiner Phantasie hätte ich mir die Arbeit schön aufgeteilt, jeden Tag irgend eine kleine niedliche Sache am Kinderzimmer verändert und die letzten zwei, drei Wochen nur noch jeden Morgen mit meinem koffeinreduzierten Tee und einem sonnigen Lächeln im Ohrensessel platzgenommen, den ich mir schon als Stillsessel reserviert habe, und das Ganze auf mich wirken lassen. So weit meine Phantasie, die dumme Nuss.

Die Wirklichkeit sieht in etwa folgendermaßen aus:
Wir bekommen neue Fenster. Die alten sind... schwierig. Unser Haus wurde 1927 gebaut, damals wurde es mit einer 1a Garnitur hölzerner, weißlackierter Sprossenfenster ausgestattet. Dann zog ca. 1929 die Familie ein, von deren Erben wir das Haus dann gekauft haben. Die haben an diesen Sprossenfenstern genau gar nichts mehr gemacht. Keine Schicht Lack, nichts. Stattdessen haben sie irgendwann als Lärmschutz gegen manche Fenster von innen potthässliche, neue Kunststofffenster gesetzt. Nach getaner Arbeit haben sie sich erstmal eine angezündet und dann 60 Jahre lang nicht wieder mit dem Rauchen aufgehört. Gelüftet wurde höchstens zu hohen Feiertagen. Das Ergebnis: von außen charmant vergammelte, vor allem aber vergammelte schöne alte Holzfenster aus hauchdünnem Glas, nicht mehr zu retten. Von innen durchgegilbte hässliche Kunststoffdinger, abgerissene und um hässliche Fenstergriffe geknotete Rolladengurte, kaputte Fensterbänke oder wahlweise an vielen Fenstern auch gar nichts - Einfachverglasung. Damit kann zwar ganz England und Dänemark scheinbar prima leben, aber wir haben im Winter wirklich gelitten. Es war saukalt, und zwar ausgerechnet in den Räumen, in denen ich es gerne gemütlich warm habe: im Bad und in der Küche, im Flur, der auch gerne ruckzuck die ganze schöne Ofenwärme aus dem doppeltverglasten Wohnzimmer saugte... eigentlich überall. Wenn man beim Duschen nicht mehr seinen Atem als Wolke vorm Gesicht hatte, wusste man, jetzt kommt der Frühling. Es war klar, wir brauchen neue Fenster.

Jetzt sind aber Fenster für mich ein Spezialthema. Ich habe mehrere solcher Spezialthemen, da bin ich extrem eigen und auch leider stur. Ich will meine Spaghetti alle Vongole nicht mit Tomaten. Ich hasse es, wenn irgendwo im Haus Kleingeld herumliegt. Ich könnte nie ein Ei essen, bei dem das Weiße auch nur das kleinste bisschen wabbelig ist. Niemand, wirklich niemand darf meine Füße berühren. Und ich kurbele mich zu von außen betrachtet völlig unmotivierten Wutausbrüchen und Tiraden hoch, wenn schöne alte Häuser mit hässlichen neuen Fenstern verschandelt werden. In unserem Viertel stehen mehrere doppelte Häuser - keine Doppelhäuser, sondern das gleiche Haus zweimal nebeneinander. In fast jedem Fall hat der eine Eigentümer irgendwann in den 80ern aus reinem Geiz oder auch reiner Gemeinheit sprossenlose Kunststofffenster einbauen lassen, das sieht grauenvoll aus. Vor allem, wenn man direkt daneben sieht, wie viel Gesicht das Haus plötzlich bekommt, wenn man Sprossenfenster nimmt. Zu diesem Thema habe ich glaube ich jeden Menschen meiner Umgebung schon zu Tränen gelangweilt, L. immer vorneweg. Es war also einerseits klar, dass wir neue Fenster brauchen. Andererseits war aber auch klar, dass niemand in meiner Nähe jemals wieder seines Lebens froh werden würde, wenn es keine Sprossenfenster aus Holz wären. (Eigentlich, bilde ich mir jedenfalls ein, bin ich kein Snob. Ich zeige nur immer zufällig auf das Paar Schuhe, das am teuersten ist, und zwar, bevor ich das Preisschild gesehen habe. Wie kann so ein Scheusal wie ich einen so netten Mann wie L. gefunden haben? Ich weiß es nicht, fragt ihn. Als wir einem polnischen Gärtner mal von unserem Plan erzählten, die ollen Mistfenster durch neue aus Holz mit Sprosse zu ersetzen, machte er minutenlang nur die Geste, bei der man sich die Hand wie eine Pistole an die Schläfe setzt und abdrückt. Was er wohl damit sagen wollte?)

In Hamburg, wo viele Leute in netten alten Häusern wohnen und genau so sprossig sind wie ich, gibt es mehrere Fensterbauer, die auf genau solche Fenster spezialisiert sind. Die Dinger sind so teuer, dass der Unterschied zwischen den hässlichsten und den schönsten unter diesen Fenstern dann auch nicht mehr groß ins Gewicht fiel, also haben wir die schönsten bestellt. Das war im November. Der Mann von der Fensterfirma vermittelte uns damals den Eindruck, hier hätten wir es mit Profis zu tun, die unsere Wünsche tipptopp und blitzschnell erfüllen würden. Eigentlich könnte man noch vor Weihnachten durch sein. Er vermittelte uns auch den Eindruck, wenn die Fensterfirma hier erst mal mit den Fensterteilen und den tüchtigen Tischlern anrücken würde, dann wäre das ganze in drei, höchstens vier Tagen erledigt. Fenster einzubauen macht zwar heute weniger Dreck als früher, aber trotzdem war klar, wenn die Fenster drin sind, muss auch noch mal ein Maler kommen und z.B. Löcher rausgerissener Rolläden schließen. Egal, wir waren guter Dinge.

Jetzt ist Mai, bald ist Juni. Dann kommt der Juli und damit Würmchen. Die Fensterbauer waren bisher sechs mal hier, heute zum siebten Mal. Ca. 30% der bestellten Fenster sind eingebaut, allerdings noch 0% der dazugehörigen Fensterrahmen und Fensterbänke. Die restlichen Fenster sind noch nicht fertig. Monatelang bekamen wir auf Nachfrage Anrufe und Emails, in denen es ganz so aussah, als würden unsere Fenster im Grunde genommen fertig im Lager warten, nur noch ein- zwei I-Tüfelchen würden fehlen, dann ginge es quasi morgen los. Irgendwann im April ist L. der Kragen geplatzt, und nachdem er dann mit dem Chef gesprochen hatte, musste der kleinlaut einräumen, dass bisher noch nicht mal das Holz für unsere Fenster auf dem Hof wäre und man jetzt aufgrund geänderter EU-Bestimmungen auf anderes Holz ausweichen müsste. (Nervt euch diese ellenlange Geschichte? Ja? Dann könnt ihr euch in etwa vorstellen, wie sie mich erst nervt.) Inzwischen häuft sich Missgeschick auf Missgeschick. Mal wird "die Software umgestellt", dann ist ein Magnet in der Anlage defekt, dann werden Fenster zwar fertig, aber mit schlechter Oberfläche, dann... ach, egal. Jedenfalls werden die Handwerker hier noch ca. zwanzig Mal auflaufen, und ob und wann sie dann fertig sind, weiß kein Mensch. Nie im Leben sitzen wir in einem fertig befensterten und gestrichenen Haus, wenn das Würmchen kommt. Mein ganzer schöner Traum, den ich jetzt seit November träume, von der morgendlichen Tasse Tee und sorgsam gehüteten Würmchenvorfreude im fertigen Kinderzimmer, ist im Arsch. Wir werden hier bis zur letzten Minute über Malerplanen steigen, zweimal täglich vergeblich Staub saugen, und vom Bilder aufhängen oder letzte Deko-Feinheiten justieren kann überhaupt keine Rede sein. Die Fenster der Firma M. sind die schönsten, die allerschönsten, da gibt es keine Frage. Das, was bisher zu sehen ist, ist extrem vielversprechend. Trotzdem verfolgt die Firma M. mich inzwischen in meine Träume. Dazu kommt noch, dass einer der beiden Stammtischler, die hier ein und aus gehen und quasi schon zur Familie gehören, die nervtötende Angewohnheit hat, im Türrahmen zu lehnen, mich grinsend von Kopf bis Fuß anzuglotzen und dann im schmierigsten denkbaren Tonfall Dinge zu sagen wie "Steht ihnen aber gut" oder auch "ich seh ja gerne eine Frau in anderen Umständen". Iiiiiiiiiibääääääääääääähgrrrrrrrrrr. Buhahahaha. Seit gestern Abend steht außerdem der gesammelte von L.s Freund vermachte Kram im Keller, und wir wissen nicht, wohin damit. Ein babybay, ein baby björn, ein Reisebettchen, eine Wickelkommode (so eine Art Servierwagen zum Servieren voller Windeln, nur höher), eine Milchpumpe samt Fläschchen und anderem Zubehör, ein Töpfchen, zwei Windeleimer, eine Wickeltasche, ein Lauflernwagen, eine Wärmelampe und eine Ladung von Reifen aus Styropor, deren Zweck ich bestimmt auch noch herausfinden werde. In jedem Zimmer, das ich auf der Suche nach Ruhe betrete, taucht innerhalb von zwei Minuten einer der Handwerker auf. Überall liegen Kabel und dieses ganze Gerät, und das ist nicht gut, wenn man wie ich seine Füße nicht mehr sehen kann und sich eigentlich angewöhnt hatte, blind zu navigieren. Die Haustür steht fünf Stunden am Tag offen, weil die Handwerker irgendwas raus oder rein tragen, und jedes Mal muss man aufpassen wie ein Luchs, dass die Hunde nicht ausbüchsen. Es staubt, es ist laut, und meine geruhsamen Morgen mit Internet und Tee und Zeitung sind auch perdu, denn die Handwerker kündigen sich zwar immer für halb neun an, klingeln dann aber meist um halb acht und müssen auch gerne als erstes ins Bad. In den letzten Tagen habe ich mich (undgeduscht, klar) zweimal in der Küche, einmal im Esszimmer und zweimal im Keller angezogen. Ich will Ruhe, verdammt. Ich will planen, träumen, meinen Bauch frisch geduscht mit duftenden Ölen einreiben, ich will über kleine Niedlichkeiten nachdenken, und ich will nicht, dass währenddessen irgend ein Fensterhecht in der Tür steht und Anzüglichkeiten von sich gibt.
Leider will ich auch schöne, getischlerte Holzsprossenfenster, also habe ich mir den ganzen Mist selbst zuzuschreiben, was es nur noch schlimmer macht. Harrrrrrrgh. Dumme Flora. Dumme, dumme, dumme, dumme, dumme Flora.

Einziger Lichtblick: Momo hatte keinen weiteren Anfall mehr.



Sonntag, 11. März 2012

Chronik eines ungemütlichen Sonntags

Hund Gassi geführt.
Verstopften Abfluss in der Küche erst über Nacht mit Blumenfreund-Öko-Rohrfrei bearbeitet mit keiner anderen Auswirkung als einem wirklich, wirklich miesen Geruch in der Küche.
Trübe Brühe aus Spüle geschöpft, weggekippt, Schrank unter Spüle ausgeräumt, Rohr aufgeschraubt, Staudamm aus Schweinebraten-Fett entfernt, Rohr gespült, wieder eingesetzt, Schrank wieder eingeräumt, Öko-Rohrfrei für alle Zeiten auf die schwarze Liste gesetzt.
Fußleiste gestrichen.
Ablage im Flur gestrichen.
Aus rätselhaften Gründen gelbes Stück Wand im Wohnzimmer weiß gestrichen.
Beine epiliert.
L.s Arbeitszimmer aufgeräumt.
Wohnzimmer aufgeräumt.
Küche aufgeräumt.
Wintergarten aufgeräumt (Im Winter nutze ich ihn theoretisch als Kühlschrank. Fünf Monate alte Zitronen, Dankeschön)
Hund Gassi geführt.
Ca. 20 alte Pappkartons aus dem Keller getragen, mit Teppichmesser und Seemannsflüchen zerlegt, in den Kofferraum gepackt.
Mich von der Illusion verabschiedet, dass ich die zwei Jahre alten Ausgaben der Zeit, die sich in meinem Arbeitszimmer stapeln, noch lesen werde. Zeitungen ins Auto gepackt.
Leere Flaschen in den Kofferraum gepackt.
Zum Container gefahren, alles entsorgt.
Lichtschalter mit Ohrenstäbchen gesäubert.
Tür des Ofens mit nasser Zeitung (wie vom Ofenmann angewiesen) gesäubert.
Holz gesägt und aus dem Keller geschleppt.
Mit dem Hund um L.s alten Turnschuh gekämpft.
Mein Arbeitszimmer aufgeräumt.
Gefegt, gewischt.
Spülmaschine eingeräumt, angestellt, ausgeräumt.
Tagesdecke gewaschen.
L.s Wäsche gewaschen.
Meine Wäsche gewaschen.
Alles getrocknet, gefaltet und weggeräumt.
Mit Duftkerzen und diesem Manufactum-Räucherpapier gegen Abflussgestank angekämpft.

Und gleich backe ich noch einen Carrot Cake.

In ein paar Stunden kommen eine Fotografin, mit der wir lose befreundet sind, und ein Agenturmann, und die zwei entscheiden dann, ob der Weihnachtsfilm eines Kunden in unserer Hütte gedreht werden soll. Der Kunde, um den es geht, ist eigentlich die Spießigkeit in GmbH-Form, aber orientiert sich - wie der Werbung der letzten zwölf Monate zu entnehmen war - scheinbar gerade um. Ein Teil von mir hofft, dass das klappt, denn für solche Dinge gibt es sehr viel Geld, das wir dann sofort für Handwerker auf den Kopf hauen könnten. Außerdem hat L. einen Riesenspaß daran, und den gönne ich ihm gerne, und die ganze Putzerei an meinem freien Wochenende soll auch nicht umsonst gewesen sein.
Ein anderer Teil von mir weiß nicht so recht... ich war selbst schon bei vielen Werbedrehs dabei und kann sagen, es ist schon was dran an dem Portrait, das "Pappa ante Portas" von solchen Ereignissen zeichnet. Dieser Teil ist sich außerdem ziemlich sicher, dass dieser Kunde sich zwar eines kleinen Teils seiner Spießigkeit entledigen will, aber dass dieser Wille nicht so weit geht, seinen Weihnachtsfilm (Tannenbaum. Kinder mit Krägelchen. Großvater trägt Strickjacke.) in unserer doch stellenweise ziemlich runtergerockten Hütte zu drehen.

Ich werde berichten.

Sonntag, 6. Februar 2011

Zum Glück kann Lili nicht "wie sieht's denn hier aus" sagen

In wenigen Minuten - eigentlich jede Sekunde - kommt die kleine Fellwurst aus ihrem Urlaub zurück. Zehn Tage war sie auf dem Lande und wurde bespielt, behütet, beschnuppert von den anderen Gästen und richtig gründlich durchgespaßt. Jeden Abend schlief sie glücklich und hunde(harr)müde ein. Ich freue mich wie blöde, dass sie gleich wieder da ist, sie hat mir gefehlt, und laut L. hab ich im Schlaf ständig von ihr gesprochen. Gleichzeitig habe ich zwei Sorgen: 1. was, wenn sie wieder tagelang schmollt, weil sie ihre neuen Freunde vermisst, und ich mich wieder zergräme, wir würden dem Hund kein schönes Leben bieten? 2. was, wenn sie all die rohen Holzfußböden im Haus ruiniert? Es ist nämlich so. Während unserer vier Tage Berlin waren Handwerker im Haus, die im Treppenhaus, auf den Absätzen und in meinem Arbeitszimmer den Boden abschleifen und anschließend neu ölen, versiegeln, streichen, was auch immer sollten. In Berlin verging kein Tag, an dem ich nicht mindestens einmal in die Hände geklatscht und auf der Stelle getrampelt habe vor Freude, dass während ich hier gerade klatsche und trampele unser Fußboden piccobello fertig wird.
Dann kamen wir gestern Abend voller Erwartungen zurück, nur um festzustellen, dass zwar alles abgeschliffen ist, aber nichts gestrichen. Eine falsche Bewegung mit der Teetasse, dem Rotweinglas oder der matschigen Hundetatze, und wir haben einen Fleck auf dem Boden, den man nicht wieder wegbekommt. Draußen versinkt die Welt im Matsch, und drinnen habe ich gleich einen Hund, der tagelangen Trubel gewohnt war und mit dem ich eigentlich zur Feier des Tages am liebsten sofort zu einem dreistündigen Spaziergang durchs Moor aufbrechen würde.
Warum tun Handwerker so was? Immer? Die gleichen Handwerker haben vor einem halben Jahr hier die ca. dreifache Fläche in unserer Anwesenheit abgeschliffen und versiegelt und dafür insgesamt fünf Stunden gebraucht. Warum reichen jetzt vier Tage nicht? Wieso kommen wir schon wieder nach Hause, nichts ist fertig, alles ist dreckig, überall liegen Maschinen rum, und eigentlich müsste man einen Bauhelm tragen?
L. hat eine kluge Freundin, die gesagt hat, alles, was mit Handwerkern zu tun hat, dauert immer drei mal so lang wie angekündigt. Da hat sie wohl recht.

Was Lili noch nicht weiß und was ihr auch bitte keine von euch verraten sollte, ist, dass sie diese Woche am Donnerstag morgen fröhlich auf den Tisch der Tierärztin steigen wird und ihn zwei Stunden später im Narkosetran und kastriert wieder verlässt. Ich grusele mich entsetzlich. Der vernünftige Teil von mir weiß, dass das genau das richtige ist und es nun mal sein muss. Mein erster Hund, ein Königspudel, war nicht kastriert, sollte aber (genau wie Lili) keine Jungen bekommen, und sie hat sich die letzten fünf Jahre ihres Lebens mit unzähligen Tumoren und anderen Beschwerden rumplagen müssen. Das soll Lili nicht passieren. Also ist eigentlich alles klar. Aber ich glaube, ich muss euch nicht erklären, warum ich mir trotzdem lieber einen Zehennagel ziehen lassen würde, als meine Hündin kastrieren zu lassen. Ich weiß schon, dass das vorbei geht. Spätestens Montag früh, wenn ich selbst auf den Tisch muss, habe ich wieder andere Sorgen.

Samstag, 18. Dezember 2010

Und schwupps ins Minitief.

Eins Vorweg: der Kackwurst, die jetzt mein Telefon hat und es nicht ins Fundbüro bringt, wünsche ich die myombekränzte Krätze an den Hals. Im Grunde genommen muss ich noch eine Weile tüfteln, bis ich einen Fluch finde, der dem gleichkommt, ein paar Tage vor Weihnachten plötzlich keine einzige Telefonnummer mehr zur Hand zu haben und sich auch noch Sorgen machen, dass jede Sekunde irgendwelcher Scheiß mit meinem Bankkonto passieren könnte oder jemand wüste Beschimpfungen oder, schlimmer noch, schwülstige Liebeserklärungen an alle schickt, von denen ich jemals Emails bekommen habe. Es ist der Hass. Und ja, gesperrt habe ich alles schon, Enantone macht zwar müde, aber nicht blöd. Das Schlimme ist, ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, wo ich es verloren habe: im Taxi nach Hause von der Weihnachtsfeier. Denn beim Abschied hatte ich es in meine Tasche gepackt, und zuhause war es weg. Ich habe auf dem Weg zum Taxi keinen Menschen getroffen, auf dem Weg aus dem Taxi auch nicht, es muss rausgeflutscht sein, als ich im Dunkeln mein Portemonnaie gesucht habe. Der Taxifahrer sagt, er hat nichts gefunden. Das Fundbüro sagt auch, es hat nichts gefunden. Und das mir. Ich hab im Leben schon so einiges in Taxen gefunden, unter anderem mehrere Portemonnaies, von denen eins so voller Geld war, dass der Scheinestapel ungefähr die Dicke eines schmalen Taschenbuchs hatte. Und alles, was ich da jemals gefunden habe, habe ich immer abgegeben. Einmal, als der Taxifahrer zwielichtig aussah, hab ich das Portemonnaie sogar mitgenommen und so lange herumgegoogelt, bis ich die Telefonnummer des Besitzers raushatte. Es sollte fairer zugehen in der Welt. Ich sollte nicht an einem Samstagmorgen vor Weihnachten in die Stadt müssen, um mir bei der Telekom ein paar neunmalkluge Ratschläge und ein fettiges Leihhandy abzuholen.

Ich sollte außerdem nicht jeden Morgen nackt meinem Fliesenleger gegenüberstehen, aber genau so kommt es, ich kann mich anstellen, wie ich will. Unser Bad wird gemacht. Seit Wochen. Bzw. hat L. vor Wochen damit angefangen, die Fliesen abzuschlagen, damit die Handwerkerrechnung hinterher wenigstens nur drei- statt vierseitig wird. Dann waren plötzlich die Fliesen nicht geliefert worden. Dann doch. Dann kam der Klempner nicht. Jetzt läuft es zwar, aber viel langsamer als gedacht. Wir sitzen jetzt also im klirrekalten Dezember in unserem Haus zwischen Eisblumen, und jeder Tag beginnt damit, dass ich mich bei Dunkelheit im Enantone-Tran aus dem Bett schäle und fast heulend vor Müdigkeit in die Küche schwanke, wo ich mich an der Spüle mit einem Waschlappen wasche. Seit neuestem ist auch noch das Wasser kalt. Und immer, wenn ich gerade denke, es kann jetzt wirklich nicht schlimmer kommen, dann geht die Tür auf, und der Fliesenleger will nur mal rasch nach dem Rechten sehen.

Und dann noch viel Arbeit, morgen auch. Und dann noch nur die Hälfte der Geschenke. Und dann noch der neue Stargast in meinem Bauch. Und dann sieht es auch noch bei uns aus wie Sau, von den Handwerkerarbeiten ist alles mit einer drei Milimeter dicken Staubschicht bedeckt. Alle Kekse, die ich im November gebacken hatte, sind längst aufgegessen.

Zwei Lichtblicke gibt es: L. hat gestern heimlich einen Baum gekauft. Unseren ersten in dieser Hütte. Und die liebe Schoko ist schwanger. Das Cadeautje zum Nikolaus hat sich ordentlich festgebissen und lässt ganz bestimmt so schnell nicht wieder los. Kein Wunder, wo sollte sich ein Nikolauskind wohler fühlen als bei einer Schokomutter?

Donnerstag, 21. Oktober 2010

After Work-Tea-Party

Inzwischen weiß ich auch nicht mehr, warum ich nicht sofort Hurra geschrieen und ja gesagt habe, als die mich gefragt haben, ob ich ab sofort - ganz unverbindlich, auf keinen Fall exklusiv und überhaupt ganz nach meinen Regeln - drei Tage in der Woche für einen wirklich netten Laden arbeiten will. So dass von jeder Woche theoretisch vier Tage bleiben, an denen ich treiben kann, was ich will: mich anderswo buchen lassen, Kurzreisen machen, auf dem Rücken liegen und schmollen, mir ein Hobby suchen, vor Kalorien funkelnde Mahlzeiten kochen und essen oder posten. Dank dieser Regelung habe ich gestern Abend um sechs mein festes Soll schon erfüllt und hätte jetzt Wochenende, wenn ich nicht sekündlich mit dem Anruf eines anderen Auftraggebers rechnen würde, der sich heute früh melden wollte, um mich unter einem Haufen Arbeit zu begraben. Aber wir werden sehen, ob das wirklich alles so monströs viel ist.

So sieht's also aus: ich sitze mit nassen Haaren am Esstisch, trinke mein zweites Tässchen Tee des Tages, habe das Telefon in Griffweite und fühle mich ansonsten als rundum freier Mensch. Wenn ich an mir runtersehe, dann sehe ich vor allem meinen roten Wollpulli, unter dem man den Enantone-Ballon nicht mehr sehen kann. Jedenfalls nicht durch den Pulli. Ohne Pulli sehe ich ein kleines gelblich verfärbtes Böllchen, in etwa so, als ob man von einem Tischtennisball das obere Drittel abgeschnitten und mir unter die Haut geschoben hätte. So fühlt sich das auch an. Draufdrücken ist nicht so gut, aber ich muss ja schließlich auch nicht dauernd auf meinen Bauch drücken. Ganz so anschaulich hatte ich mir das Depot bei diesem Depotmedikament nicht vorgestellt: ich dachte nicht, dass ich jetzt eine kleine Kugel neben dem Nabel hätte, von der sich mein Körper jeden Tag ein kleines Stück abknuspert. (Als ich noch klein war, haben mir meine Großeltern mal einen Tiroler Speck aus dem Skiurlaub mitgebracht. Ich war schon damals mehr für sowas zu haben als für Schokolade. Der Speck hing im Vorratskeller, und jeden Tag bin ich da runtergeschlichen und habe mir ein winziges Stückchen abgeschnitten, bis er irgendwann ganz verschwunden war. So in etwa stelle ich mir das mit Enantone jetzt vor. Ob die mich beim nächsten Mal ein bisschen probieren lassen?) Nebenwirkungen: einen Tag lang habe ich fürchterlich geschwitzt, aber das lag vielleicht auch an dem sehr, sehr preiswerten Wollkleid, in dem ich an diesem einen Tag unterwegs war. Seitdem nichts. Enantone: wieder etwas, wovor man keine Angst haben muss.

Oben hämmert und flucht L., der sich daran gemacht hat, schon mal so viel zu unserem Badezimmerumbau beizutragen, wie er nur kann. Der erste Handwerker, der vor zehn Tagen da war, hat selbstbewußt etwas von 35.000 Euro gesagt. Da haben wir herzlich gelacht und nachgedacht, jetzt müssen wir also selbst ran, vor allem L. Seit dem ersten Handwerker waren inzwischen vier andere da, und wieder mal ist zu beobachten, dass IVF nicht der Ausnahmezustand ist, den man nach ein paar Minuten in einem Forum zum Thema erwarten würde. Eigentlich ist so ziemlich alles, was man schon kennt, auch wie IVF. Die Handwerker z.B.: jeder einzelne, den man fragt, sagt, dass all seine Vorgänger Blödsinn erzählt haben und es in Wirklichkeit genau anders gemacht werden muss, wittert aber dafür ein neues Problem, das unbedingt behoben werden muss. Und wenn nicht, dann... Sie werden schon sehen, wie das wird, Duschen ohne Fußboden. Bzw. Wohnen ohne Wände. Bzw. Leben in einer Ruine. Was lernen wir daraus? Wir lassen sie reden, sagen an irgend einer Stelle "Stop!", und der, der dann gerade in unserem Bad steht und unkt, kriegt den Auftrag, woraufhin wir mit Wänden und Fußboden duschen, uns waschen und uns Kuren in die Haare schmieren bis an unser glückliches Ende.

(Ich habe ziemlich gute Laune. Nicht nur, weil für mich ab heute theoretisch Wochenende ist, sondern weil ich die Zeit seit heute wieder mögen darf. Sie hat nämlich auf dem Titel einen richtig vernünftigen Mini-Artikel über PID gebracht, der nicht vom ethisch blasierten Jens Jessen geschrieben ist.)

Und dann das Buch. Tja. Was soll ich sagen: seid nicht traurig, wenn es noch nicht da ist; vielleicht tröstet es euch ja, dass ich auch bisher noch keins in den Fingern hatte und mich ab und zu frage, ob ich das alles nur im Hormonnebel geträumt habe oder es dieses Buch wirklich gibt.

Dienstag, 29. Juni 2010

Gute Zeiten, gute Zeiten

Ich hab ein bisschen Angst davor, vom Haus zu schreiben. Ok, ich hab es ja schon mal getan, und nicht nur einmal, aber gerade bin ich so rundum glücklich hier, kann kaum fassen, wie gut wir es haben, und will nicht klingen wie ein Angeber. In den letzten Wochen war ich manchmal ein bisschen melancholisch, die alte Bude hinter mir zu lassen. Das ist immerhin die Wohnung, in der L. mich gefragt hat, ob wir heiraten. Hier hab ich Striche auf die Küchentafel gemacht für jeden Tag, an dem ich schwanger war. Hier hab ich mir meine Spritzen gesetzt und Pasta gekocht, hier habe ich den Kühlschrank vollgeknallt und mich manchmal auch, hier kannte ich auch im Dunkeln jeden Lichtschalter und jede Steckdose, hier hab ich am Geräusch der Wohnungsschlüssel erkannt, welcher Nachbar gerade nach Hause kommt. Wenn eine so sentimental ist wie ich, dann wird daraus schon mal eine gepflegte kleine Melancholie. Wenn man dann noch alles dazunimmt, was die Stadt ist und hat und kann samt der Mädchen, die darin in Heimtorkelentfernung wohnen, dann kann einem aber auch schon mal anders werden.

Aber jetzt bin ich hier. Jetzt gerade sitze ich im Wintergarten (versteht ihr jetzt, wieso ich Angst hatte, das klingt nach Angeberei? Bin ich froh, dass ich zum Haus keinen Satz mit Wörtern wie "Hubschrauberlandeplatz" oder auch "Spabereich" bilden kann), neben mir steht das Schiebefenster offen, und eine warme Sommerbrise weht mir um die Nase. Vor dem Fenster blühen die niedlichen, kleinen Bauernrosen, die der alte Sack mal irgendwann in einem lichten Moment gepflanzt hat (oder seine japanische Frau). Vögel und Bäume und Bienchen und Libellen tun, was sie so tun. Ich trinke ein Glas eiskalten Vinho Verde, und der Hund hat sich schlafen gelegt, er ist nämlich müde, nachdem ich heute zwei Stunden lang mit ihm durchs Moor spaziert bin. Das Moor darf man sich nicht so vorstellen wie aus "Der Hund von Baskerville", sondern es ist ein heller, freundlicher Wald aus Birken und Kiefern mit vielen kleinen Wegen, die sich hier und da ins Grüne, Moosige schlängeln. Ich gehe mit dem Hund und pflücke Butterblumen. Manchmal ist es ein bisschen so, als wäre ich zurück aufs Land gezogen, wo ich aufgewachsen bin, nur ohne die Lateinstunden von Herrn Schulz, den Rosenkohl meiner Mutter, Zimmer aufräumen, Hausaufgaben, rhythmische Sportgymnastik, den grässlichen Dialekt und die vielen CDU-Wähler. Unser Haus ist rot mit weißen Fenstern (auch das gab es bei uns zuhause nicht), der Garten grün mit weißen Röschen, und das Leben ist ziemlich schön. Hab ich übrigens vom Sonntag erzählt? Als wir Fußball geguckt haben mit zwei kleinen Kindern, von denen eins jedes Mal anfing zu heulen, wenn ein Tor fiel, woraufhin wir nur noch im Flüsterton jubeln durften? Und es hat trotzdem geheult? So war das nämlich.
Nein, das Glück nimmt nicht so weit Überhand, dass ich mich jetzt schon vom Kinderwunsch verabschiede und es doch schöner ohne finde. Ich finde es gerade einfach nur schön. Ein Glück hab ich schon beim ersten Mal die Angst vorm Spritzen verloren, von Leidensdruck, der's "reintreibt", könnte diesmal keine Rede mehr sein.

Gut. Was kann ich schreiben, damit hier nicht der Neid ausbricht?
In Butterblumen wohnen kleine Tierchen. Das merkt man nie beim Pflücken, aber hinterher meistens.
Ich hab mir im idyllischen Moor eine Riesenblase gelaufen, und nun kann ich zum Einkaufen nichts anderes mehr tragen als helltürkisfarbene Crocs.
Im einzigen Café weit und breit wird der Cappuccino mit Sahne gemacht.
Der Hund riecht aus dem Mund.
Und dann hab ich noch Endometriose, verstopfte Eileiter, Zysten, Myome und bin 37. Ich ÄRMSTE!

Samstag, 26. Juni 2010

Damit ist es entschieden: das mit dem Baby klappt dann wohl.

Zwar haben wir schon zwei mal früher hier geschlafen, aber das war eigentlich eher wie campen, und ich habe beschlossen, das zählt nicht. Denn der erste Traum im neuen Haus wird ja bekanntlich wahr. Und ich hab gestern Nacht zwar auch geträumt, dass mein alter Arbeitgeber alle alten Angestellten auszeichnet, und als ich dran bin, sagen sie, ich hätte ja wohl die weltschlechtesten Übersetzungen geschrieben (dabei bin ich keine Übersetzerin), und außerdem wäre mir zu "Team" nur das Wort "Verhängnis" eingefallen, und das würde ja wohl alles sagen. Und das wurde mir dann auch noch mal schriftlich überreicht. Aber während dieser herzerwärmenden Zeremonie hatte ich ein Baby im Arm! Ein Baby! Und zwar meins! Einziges irritierendes Detail: es hatte schwarze Haare.

Und dann muss ich mich noch entschuldigen: ich hatte den Stammtischtermin gestern glatt vergessen. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, dann wäre eh niemand gekommen. Der Stargast aus Holland fiel krankheits- und erholungsbedingt aus, I. konnte auch nicht, Ev ist in Frankreich, und sonst hatte ich auch noch keine begeisterten Vorfreude-Mails oder Kommentare bekommen, in denen jemand unbedingt wissen wollte, wann und wo genau. Ich will also nicht hoffen, dass gestern Abend jemand auf Verdacht an einem Kneipentisch saß und gewartet, gewartet und gewartet hat, das tun wir ja so schon oft genug. Wenn doch, gebe ich beim nächsten Mal einen aus, versprochen!

Mittwoch, 23. Juni 2010

Da hat N aus B völlig Recht.

So ist das eben, wenn man im Hotel plötzlich dieses Jahr kein WLAN mehr hat, weil in jedem einzelnen Hotelzimmer mindestens ein Mensch mit iphone oder Rechner sitzt und das für das schwache kleine Routerchen unten am Empfang zu viel wird. Dann denkt man nämlich, man hätte WLAN, und tippt mühsam auf seinem Telefon seitenlange Texte über seine Erlebnisse, und das dauert so lange, das man schon das Gefühl hat, überhaupt nichts mehr erleben zu können, weil man immer nur darüber berichten muss, und dann will man das ganze am Ende posten, und plötzlich heißt es wieder: Tut uns leid, kein WLAN. Und alles war für die Katz. So ist das eben, wenn einem das nicht ein- oder dreimal passiert, sondern sieben Mal. Und das, wo man doch eigentlich schon Postkarten hasst, weil man immer in dem Gefühl lebt, das ist so ein Brauchtum, das anderen leicht fällt, aber einem selbst klaut das halbe Tage des Urlaubs, weil man dran denken und Briefmarken und die Dinger auch noch einwerfen muss. Das ist dann so, als müsste man plötzlich für Blogposts noch Briefmarken kaufen.
Und wenn man dann wieder nach Hause kommt und vier Tage lang eine riesige Kiste voll Müdigkeit vor sich herschieben muss, weil man eine ganze Nacht verpasst hat, in der nächsten Nacht Geburtstag feiern muss bis früh um sechs, in der Nacht danach gleich gar nicht schlafen kann, weil man einem Tiramisu-Rezept vertraut hat, in das ziemlich viel Pulverkaffee kommt, und dann auch schon die nächste Geburtstagsfeier kommt, und die Tage zwischen diesen Nicht-Nächten auch nicht für ein kleines Nickerchen gut sind, sondern immer nur für schuften, schuften, schuften am Haus. Dann passiert das eben mal, dass man plötzlich zehn Tage lang nicht postet.

Aber gestern Abend hatte ich um acht mein Nachthemd an, um neun lag ich im Bett, und dann hatte ich eine kleine Zeitreise in meine Kindheit, als ich eingeschlafen bin, während draußen noch Sommerlicht und Sommergeräusche (Rasenmäher und so) zu hören waren und von nebenan aus dem Wohnzimmer die Fußballübertragung. Elfeinhalb Stunden später war ich wieder wach, hatte immer noch kein Internet, weder hier noch im Haus, noch in der neuen Hütte, und konnte zwar schreiben, aber nicht posten. Also habe ich heute morgen einen Post vorgeschrieben, und der wird jetzt gepostet im WLAN-Café mit den Rotweinpennern um die Ecke. (Das WLAN-Café ist ein ganz normales Café, in dem es aber WLAN gibt, und die Rotweinpenner scheinen mir auszusterben außer in diesem einen Café hier: das sind Penner, die keinen Schnaps und kein Bier trinken, sondern ein gepflegtes Gläschen Rotwein für drei Euro bevorzugen. Sie sitzen friedlich an ihrem Cafétisch, schwanken zwischendurch mal zum Zeitungsstand, um dann zurück am Tisch auf der dicken weichen FAZ einzuschlafen. Und ich mit meinem Rechner dazwischen fühle mich schon wieder in meine Kindheit versetzt, als es solche Penner noch häufiger gab und mein Opa sie Landstreicher genannt hat.)

Jedenfalls ist inzwischen Folgendes mit Kinderwunschbezug passiert:

Ich habe ein paar Tage lang ein bisschen geblutet und gekrampft, das hat dann aufgehört.

Ich versuche, mich vor allem auf der guten Seite der Ernährungsliste zu bewegen.

Ich versuche auch, die Pillchen immer vor dem Essen zu nehmen und nicht wie bisher auch manchmal danach, weil ich es leider ab und zu verfranse, und zwar, weil ich mich immer noch nicht daran gewöhnt habe, am Tag insgesamt 38 Tabletten und 40 Tropfen zu nehmen.

Ich habe, pfiffig wie ich war, die Kräuterkügelchen in Chinatown besorgt für ein Drittel des Preises, nur damit mein Heilpraktiker mir jetzt gesagt hat, das wäre gut und schön, aber die wären nicht rein genug. Nicht rein genug! Und dabei kann es für uns Kinderwunschlerinnen ja gar nicht blitzblank, frisch und sauber genug zugehen! Also haben wir sie weggeworfen.

Ich hatte meinen zweiten Akupunkturtermin, diesmal wurde an anderen Stellen gestochen, und als die fränkelnde Sprechstundenhilfe nach einer halben Stunde reinkam, um die Nadeln wieder rauszuziehen, hat sie ganz nett und zutraulich gegurrt "Guuud gerrrruuhd?". Nein, ein Laden, in dem sowas passiert, der kann nicht zu esoterisch sein. Außerdem wurde festgestellt, dass ich einen Belag auf der Zunge habe, der da nicht hingehört.

Eine Freundin hat mir erzählt, sie hat geträumt, sie wäre schwanger, und dann hätte sie im Traum ein schlechtes Gewissen meinetwegen gehabt. Buh! Das soll bitte im wirklichen Leben nicht passieren, ja? (Das mit dem schlechten Gewissen meine ich, bezüglich der Schwangerschaft: nur zu!)

Und ich freue mich auf meinen Termin Ende Juli in der neuen Klinik.

Aber worauf ich mich fast noch doller freue, ist in ein paar Tagen endlich, endlich umgezogen zu sein, nicht mehr zwischen Kisten zu leben, in denen immer das Falsche ist, meinen Tee wieder aus meinen Tassen zu trinken statt aus irgendwas, und wieder ein Netz zu haben. Endlich bitte wieder ein Netz. Ich brauche mein Netz.

So. Wochenlanges Schweigen verpflichtet zu seitenlangem Geposte.
Im Haus im Moment der Stand der Dinge folgender:

Die Wände sind hübsch weiß gestrichen, leider der frisch abgeschliffene Boden teilweise versehentlich auch. Verkehrte Welt: Flora, die friedfertige, das Schaf, läuft fluchend durch die Bude und keift "Hier auch! Sauerei! Die sollen nochmal kommen und das saubermachen! Und dafür 4000 Euro, mein Arsch!" während L., der Fuchs, der Handwerkerschreck, dem keiner was vormacht, besänftigt: "Kann doch mal passieren." Genau. Mal. Nicht 200 mal.

Die Küche ist drin, von zwei Monteuren mit dem Gemüt des Dalai Lama aufgebaut. Die waren durch nichts aus der Bahn zu werfen. Unsere Küche ist schief. Nichts ist im rechten Winkel. Die Arbeitsplatte war falsch abgemessen, und dann passte die Spüle erst mal nicht. Der Unterschrank war zu groß und kollidierte mit dem Abflussrohr. Jedenfalls, nachdem das fehlende Abflussrohr, das Ikea nicht mitgeliefert hatte, dann mal drin war. Und dann noch so ungefähr acht andere Katastrophen. Ich zitterte und schwitzte, die Monteure montierten. Jetzt steht die Küche und sieht in meinen Augen rattenscharf aus, das Biest.

Die Lichtschalter sind an der Wand, müssen aber zum Teil wieder runter, weil aus unerfindlichen Gründen die Elektriker zum Teil merkwürdige 80er-Schalter in weiß montiert haben, obwohl wir schwarze Bakelit-Schalter wie aus den 40ern bestellt hatten. Bei den Steckdosen hab ich den Überblick verloren. Manche müssen noch, manche sind zwar montiert, gehen aber noch nicht, andere hängen noch aus der Wand, gehen aber schon.

Ungefähr 80% unserer Möbel, Bücher (wenn man gerade umzieht, erscheint der Kindle plötzlich als richtig dufte Idee), Platten (pfeif auf den Charme knisternder Rillen, in Zukunft mp3s für mich) und anderen Geraffes haben wir schon nach und nach da hingeschleppt und auf den Dachboden oder in den Keller gebuckelt. Der Rest ist zu schwer für mich und L. zusammen, da müssen noch andere Jungs ran. Und die kommen hoffentlich am Freitag. Dann ziehen wir um. Also, so richtig. Das heißt, jetzt bringen wir auch schon unsere Tage mit Handwerkern und Pappkartons und Arbeitshandschuhen und Kabeltrommeln und dem Chinaservice zu, das wird sich auch nach Freitag so schnell nicht ändern, aber wir werden am Freitag Morgen in unserer alten Wohnung aufwachen und am Freitag Abend in unserer neuen Hütte einschlafen, und danach führt kein Weg mehr zurück in die Innenstadtbutze mit dem Dönerladen an der Ecke und dem Kiosk schräg gegenüber, mit meinen Mädchen in Laufentfernung und einem der besten Kinos der Stadt zwei Straßen weiter.

Damit zum Tier. Die kleine Lili war beim Friseur. Sie war während unseres Urlaubs bei meiner Schwiegermutter auf dem Land, also in der besten Hundepension der Welt, und im Service inbegriffen war der Friseurbesuch. Jetzt sieht sie zwar hundeschautauglich, aber damit auch grundbescheuert aus. Vor allem dann, wenn man so dasteht und sie vor einem sitzt und sie plötzlich so klitzeklein wirkt und man ihren platten Kopf und die riesigen Ohren genau vor der Nase hat. Vorher hatte sie einen Kopf wie ein Galloway-Rind, mit breiter und gelockter Stirn. Jetzt hat sie einen Kopf wie ein... weiß auch nicht. Wie irgendwas mit plattem Kopf. Aber sie freut sich schrecklich, die Wolle los zu sein und nicht mehr so zu schwitzen, das wächst alles nach, muss eben scheinbar zweimal jährlich sein, wir gewöhnen uns dran, und ich habe sie so vermisst im Urlaub. Sie sieht nur so sehr ANDERS aus. Kennt jemand diesen Film mit Robin Williams, in dem er tot ist und in einer Art Paradies aus Ölfarben lebt, und irgendwann merkt er, dass sein guter Kumpel Sowieso in Wirklichkeit seine ebenfalls tote Tochter ist? Und er hat sie so vermisst? Nur sieht sie jetzt ganz anders aus? Oder so ähnlich? Jedenfalls ist es natürlich ÜBERHAUPT nicht damit zu vergleichen, seinen Hund nach dem Urlaub wiederzubekommen, und er sieht anders aus. Überhaupt nicht! Aber ein bisschen vielleicht ja doch.

Und dann noch kurz zum Stammtisch. Diesen Samstag hatten wir das ja ins Auge gefasst. Und ich wäre nach wie vor dabei. Wer noch?

Dienstag, 8. Juni 2010

Wie der Trockenkeller mir den Abschied erleichtert

In unserem Haus gibt es einen Trockenkeller. In diesem Trockenkeller hängen grob geschätzt 30 Wäscheleinen. Auf drei dieser Wäscheleinen hatte ich gestern meine Wäsche aufgehängt. Die anderen 27 waren frei. Gerade komme ich in den Keller, um diese Wäsche, die mit mir nach New York fliegen soll, von der Leine zu nehmen. Sie hängt aber nicht mehr auf ihrer Leine. Sie hängt auf einer anderen Leine, und zwar in drei Schichten übereinander, alles ist wild verkrumpelt und klamm und muffig. Ein Teil der Wäsche hängt auch gar nicht mehr auf der Leine, sondern liegt in einem Häufchen auf einem Stuhl. Diese Wäsche ist sogar noch klammer. Und auf der Leine, auf der gerade noch meine Wäsche hing, hängt jetzt andere Wäsche. Diese Wäsche beansprucht ca. 10 der 30 Wäscheleinen für sich. Kurz nachrechnen: selbst, wenn meine Wäsche da auch noch hängen würde, dann wären trotzdem noch 17 Leinen frei. Eine meiner Nachbarinnen hatte das dringende Bedürfnis, auf genau die gleiche Leine wie ich ihre Wäsche zu hängen, und hat umdekoriert. Dazu musste sie meine Unterhosen anfassen, was ihr sicherlich nicht angenehm war, aber nicht halb so unangenehm, wie ich das finde, dass nun irgend eine alte Frau aus dem Haus meine Unterhosen in den Fingern hatte und dass ich jetzt ungefähr dreimal so lang brauchen werde, um das alles zu bügeln, und das, wo ich gerade überhaupt keine Zeit zum Bügeln habe. Ich weiß nicht, ob ich das bisher klar gemacht habe, aber ich neige zu plötzlichen und hilflosen Aggressionen. In dem Moment, in dem ich gerade meine klamme und zerknüllte Wäsche aufgehoben habe, war ich so sauer, dass es mir ein Fest gewesen wäre, die betreffende Nachbarin mit (zum Glück Ballerina-)Fußtritten durch den Wäschekeller zu treiben.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, eine eigene Waschmaschine zu haben in einem Haus, in dem ich Wäsche waschen kann, wann immer mir danach ist. Dienstag Abends? Klar! Sonntag Mittag? Kein Problem! Und wo auch immer ich die Wäsche hinhänge, sie bleibt dort, bis sie trocken ist. Womöglich sogar länger!

Außerdem habe ich zu berichten, dass ich seit drei Tagen üble Regelschmerzen habe, obwohl ich immer noch durchgehend die Pille nehme (die mir der Heilpraktiker gerne ausreden würde, aber bevor ich nicht mit der Klinik gesprochen habe, wird daraus leider nichts. Vermutlich eine Yin-Mangel-Folge: Sturheit.). Auch ein bisschen Blut (altes Blut, wie ich als Blutprofi inzwischen sofort sehe) hat sich gezeigt. Ich habe eine Ibuprofen genommen und die Schmerzen umdefiniert: das ist kein Alarmsignal dafür, dass mir mein Unterleib wieder mal einen Urlaub versauen will (das wäre so ungefähr der fünfte), sondern das bedeutet, dass die vom Heilpraktiker angekündigte Aufmöbelung meiner Fortpflanzungsorgane in vollem Gang ist. Juchhu, Schmerzen! Blut! Das muss nämlich so sein, und nur so kann es besser werden! Genau.

Dienstag, 1. Juni 2010

Wie Ikea unser WLAN getötet hat

Also, das kam nämlich so. Unsere Küche kommt von Ikea. Die haben aber leider keine passende Arbeitsplatte dafür. Darum haben wir die Platte bei Hornbach ("Yippieyayayippieyippieyeah") bestellt. Jetzt rückt der Lieferzeitpunkt näher, aber die Platte ist noch nicht da, und niemand kann uns sagen, wann genau sie da sein wird. Wir brauchen also einen neuen Termin mit den Ikea-Monteuren, denn ohne Arbeitsplatte keine Küche. Der nächste Termin, den Ikea für uns hat und an dem wir zuhause sind, ist so ungefähr in drei Wochen. Und heute morgen wachen wir auf und stellen fest, dass wir irgendwann, in einer Zeit der Unschuld, als wir noch dachten, wir ziehen am ersten Juni um, das Telefon und WLAN zum ersten Juni umgemeldet hatten und nun in einer Bude ohne Netz sitzen, während die Anlage im Haus noch nicht da ist und auch so schnell nicht da sein wird.

So, kleines iPhone. Nun bist du an der Reihe. Und ihr, Abkürzungsdamen, rechnet in nächster Zeit mal nicht mit Wortschwällen auf diesem Kanal.

Ansonsten war das gestern ein reizender Stammtisch! Auch, wenn ich sagen muss, die Damen, die uns versetzt haben, haben besser einen guten Grund. Ich hoffe, alle, die da waren, sind fein nach Hause gekommen und kommen bald wieder!

Donnerstag, 27. Mai 2010

Außerdem frage ich mich noch,

was genau ist eigentlich in dem alten Mann vorgegangen, von dem wir das Haus übernommen haben?
In welcher Geistesverfassung muss man z.B. sein, um folgendes zu tun:
Man hat ein Zimmer, das zwei Türen hat. Eine in den Flur, die andere ins Nachbarzimmer. Eine dieser Türen ist einem aus irgend einem Grunde zu viel. Was tut man? Man hängt die Tür nicht aus. Man mauert sie auch nicht zu. Nein, man reißt den Türrahmen raus, und zwar auf eine Art, dass die Gesteinsbrocken nur so durch die Gegend fliegen, lässt aber die schöne alte Tür stehen. Daraufhin reißt man mit grober Gewalt Klinke, Schloss und Scharniere ab. Jetzt nagelt man von einer Seite her eine Spanplatte auf die Tür, und zwar nicht mit acht wohlgesetzten Nägeln, sondern mit ca. 80 windschiefen Nägeln. Dann verklebt man diese Platte auch noch von außen mit grünem, staubigem Schmuddelstoff. Von Innen setzt man eine noch größere, massivere Holzplatte davor. Diese Platte fixiert man mit Schrauben. Mit riesigen Schrauben. Weil man aber scheinbar entweder nicht dübeln kann oder nicht dübeln will, bohrt man die Schrauben nur wenige Milimeter tief ins Holz, den Rest der Strecke schlägt man sie kreuz und quer mit dem Hammer ein, so dass sie sich auch ja auf keine denkbare Art wieder entfernen lassen. Wenn man das dann Jahre später doch geschafft hat, dann steht man fassungslos vor einer fast hundert Jahre alten Holztür, die aussieht, als wäre sie zwischen die Fronten in Verdun geraten.

So einer war der alten Mann. Ich rechne im Moment mit allem. Ich könnte mir vorstellen, dass wir eines Tages beim Umgraben eine Kiste finden, in der ein Plan zur Beherrschung der Welt mittels Gedankenraketen liegt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass im Keller mehrere Mehrschweinchen eingemauert wurden. Vielleicht liegt auch Gold unter dem Küchenfußboden. (Mit Glück reicht es für eine neue alte Tür. Nachdem wir diese Nägel da rausgezogen haben, habe ich das Gefühl, wir haben ein Anrecht drauf.)