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Mittwoch, 5. April 2017

Jedenfalls:

Und das kam so. Am 20. März bin ich morgens aufgewacht, ins Bad geschlufft und... nee. Irgendwie wird das hier zu eklig. Lasst mich also einfach nur schreiben, dass etwas passierte, was mir das deutliche Gefühl gab, innerhalb der nächsten 24 Stunden wäre es so weit. Was genau, bleibt mein kleines Geheimnis. Kommt schon, auch Blogger wollen ab und zu noch etwas für sich behalten! Also. Zwar hatte ich seit inzwischen 14 Tagen fast jeden Tag zu L. gesagt, nun würde es aber bald los gehen, aber an diesem Tag habe ich ihm gesagt, jetzt wäre ich wirklich, wirklich sicher. An diesem Tag hatte ich noch einen Kontrolltermin bei meiner Frauenärztin, die aber noch nicht aus dem Häuschen war - vielleicht würde es heute losgehen, vielleicht auch in einer Woche, wer weiß? Aber ich trug an diesem Tag meinen dicken Bauch mit dem Flair einer diesmal wirklich ernst gemeinten Abschiedstournee durch Hamburg und musterte ihn vor dem Schlafen gehen noch mal fast wehmütig und ausführlich im Spiegel - immerhin war ich diesmal wirklich sicher, zum letzten Mal so dick zu sein (es sei denn, meine Fresssucht gewinnt doch noch die Oberhand).

Dann war es Nacht, neben mir schlief Kalle tief und fest, und im Flur stand stumm und trotzdem plötzlich sehr präsent die Kliniktasche.

Gegen elf fing es an zu zwiebeln. Ich holte mein Telefon aus der Küche, aktivierte die Stoppuhr und wartete. Die ersten drei Wehen waren jeweils ungefähr fünfzehn Minuten auseinander. Dann kamen zwei Wehen, die waren zwölf Minuten auseinander. Ich weckte L. und schlich ins Bad, um noch ein letztes Mal zu duschen. Unter der Dusche - nichts. Nach der Dusche - nichts. Als die nächste Wehe kam, war die letzte fast 26 Minuten her. Na toll, dachte ich - Übungswehen. Jetzt ziehe ich meinen Schlafanzug wieder an und gehe schön zurück ins Bett. Die nächste Wehe kam fünf Minuten nach der letzten und heftiger als alle vorhergehenden zusammen. Da habe ich beschlossen, meinen bekloppten Körper der Medizin zu vermachen, mich dann doch schnell wieder angezogen und ein Taxi gerufen. L. hat noch versucht, seine Mutter aus dem Bett zu holen, die aber schon tief und fest schlief. Also habe ich den treuen Dufflecoat mit dem gesprengten untersten Knopf noch einmal angezogen, meine Kliniktasche gepackt und bin in mein Taxi gestiegen. Der Taxifahrer war entgegen der in Filmen verbreiteten Geburt-im-Taxi-Romantik überhaupt nicht angetan davon, eine kurz vor der Niederkunft stehende Frau zu fahren, ihn gruselte es gewaltig (mich auch, da hatte ich also vollstes Verständnis für). Entsprechend ließ er mich irgendwo auf dem Klinikgelände raus. Inzwischen waren die Wehenabstände bei drei Minuten, und bis ich im Kreißsaal ankam, hatte ich noch vier davon gehabt. Trotzdem zeichnete das CTG erst mal gar nichts auf, und ich hatte schon Angst, ich müsste wieder gehen - aber die Hebamme guckte sicherheitshalber nach, und da war ich bei acht Zentimetern. (Damen, die noch in der Abkürzungsphase sind - das ist viel.) Es war zu spät für eine PDA, ich schlüpfte in eins dieser pastellfarbenen Größe-58-Kliniknachthemden, und wir gingen unter Fauchen und Brummen in den Kreißsaal. Wie sich herausstellte, war es nicht nur zu spät für eine PDA, sondern auch für Lachgas, auf das ich mich schon so gefreut hatte - das Gerät muss nämlich eine geraume Zeit vorglühen, und auch dafür war nun leider keine Zeit mehr. Also versuchten wir, es mir auf andere Art nett zu machen - im Stehen am geknoteten Tuch, auf dem Gummiball und im Laufen. Ich will hier niemandem Angst machen, aber so richtig gemütlich wurde es nicht dabei, und am Ende war ich den Zirkus auch leid und wollte zurück auf die Liege. Inzwischen hatte ich zwar Wehen, die das CTG auch aufzeichnete, aber die hatten irgendwie keine Kraft - also presste ich einfach "trocken", wann immer mir danach war. Mir war leider nicht sehr danach, denn Geburtsschmerzen haben diese scheußliche Art, einen aus dem eigenen Körper vertreiben zu wollen - so geht es jedenfalls mir jedes Mal. (Habe ich gerade "Jedes Mal" geschrieben? Habe ich.) Ich weiß genau, ich müsste mich richtig reinhängen - als müsste man sich einen rostigen Nagel erst durch den ganzen Fuß jagen, um ihn wieder loszuwerden. Aber etwas Kräftiges in mir sträubt sich dagegen und wäre am liebsten ganz weit weg. Gegen diesen Fluchttrieb anzugehen, fordert aber schon so ziemlich alles, was ich habe - und mich dann noch dazu zu kriegen, den Mund zuzulassen, alle verbliebenen Kräfte zu sammeln und nach unten zu pressen, ist nicht leicht. Die Hebamme wollte mich irgendwann zusätzlich motivieren, indem sie mich dazu brachte, mit der Hand den Kopf des Kindes zu berühren - und damit bekam die ganze Szene jetzt noch eine Alien-artige, wirklich wirklich WIRKLICH fiese Dimension, in der noch einmal alles kulminierte, was mir die letzten sieben Monate lang fremd, merkwürdig und surreal vorgekommen war.
Und dann war sie da. Und jetzt ist alles gut. Seit diesem Moment - am 21.3. im 2:14 im Kreißsaal 3 des UKE eigentlich fast ununterbrochen. Obwohl inzwischen Schlaflosigkeit, Eifersüchteleien unter den Brüdern und dergleichen mehr Einzug gehalten haben - ist trotzdem alles gut. Ein feines Mädchen haben wir da. Hätte ich das mal gewusst!

Andererseits hätte ich es vermutlich einfach nicht geglaubt.

Donnerstag, 13. November 2014

Wir spielen "Ich packe meinen Koffer" mit Schlafentzug.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, und ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, und jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal. Jetzt kommt das Stillen dazu. Nach den Krankenhausregeln soll ich alle zwei Stunden stillen.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal. Jetzt kommt das Stillen dazu. Nach den Krankenhausregeln soll ich alle zwei Stunden stillen, und einmal Stillen beinhaltet folgende Programmpunkte: Baby ausziehen, wickeln. Mich obenrum freimachen. Mit bis auf die Windel nacktem Baby zurück ins Bett, anlegen auf möglichst beiden Seiten, jeweils zehn Minuten saugen lassen (Andockzeit nicht mitgerechnet), dann Baby auf den nackten Bauch legen und kuscheln. Baby wieder anziehen, dabei falls nötig nochmal wickeln. Baby schlafen legen. Hups, zwei Stunden sind um, wieder von vorne.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal. Jetzt kommt das Stillen dazu. Nach den Krankenhausregeln soll ich alle zwei Stunden stillen, und einmal Stillen beinhaltet folgende Programmpunkte: Baby ausziehen, wickeln. Mich obenrum freimachen. Mit bis auf die Windel nacktem Baby zurück ins Bett, anlegen auf möglichst beiden Seiten, jeweils zehn Minuten saugen lassen (Andockzeit nicht mitgerechnet), dann Baby auf den nackten Bauch legen und kuscheln. Baby wieder anziehen, dabei falls nötig nochmal wickeln. Baby schlafen legen. Hups, zwei Stunden sind um, wieder von vorne. Und das Tag und Nacht.

Ich finde, man kann erst abschätzen, was für große Stücke ich auf das UKE halte, wenn ich jetzt schreibe, dass ich mich da trotzdem unfassbar gut aufgehoben gefühlt habe. Und dass es mir auch diesmal wieder ein bisschen schwer gefallen ist, meinen Klinikkoffer wieder einzupacken, mein Baby in den Kindersitz zu packen und nach Hause zu fahren. Es war das erste Nest für uns, ein zwar nicht sehr ruhiges, aber dafür sicheres und geborgenes Nest, und das haben wir jetzt verlassen. Ein wirklich, wirklich toller Laden zum Kinderkriegen.

Montag, 10. November 2014

Und zwar kam das so.

Kennt ihr das, wenn man nachts aufwacht, irgend etwas stimmt nicht, und man ist so im Tran und möchte so unbedingt weiter schlafen, dass man ca. zwei Stunden braucht, bis man versteht, dass man aufs Klo muss?
So ungefähr war das am Dienstag. Wie jeden Abend seit zwei Wochen war ich mit dem Stoßgebet schlafen gegangen, bitte auch diese Nacht wieder nicht ins Krankenhaus fahren zu müssen, sondern in Ruhe schlafen zu dürfen, denn ich. bin. so. müde. So schrecklich müde, schon seit so vielen Wochen.
Irgendwann nachts, es muss so um eins gewesen sein, bin ich wach geworden. Irgendwas war komisch. Ein Ziehen im Bauch. Erst mal war ich auf Toilette, direkt danach musste ich mich an der Badezimmerwand festhalten, so zwiebelte das. Trotzdem fühlte es sich anders an als die Wehen letztes Mal, in unserer Familie kommt kein Kind zum Termin, schon gar nicht davor, DAS konnte es also nicht sein, und ich wollte den Traum vom Ausschlafen noch nicht so einfach aufgeben. Also habe ich als Vollnerd erst mal eine Wehen-App runtergeladen. (Haut ihr euch schon vor die Köpfe? Es kommt noch besser.) Jedes Mal, wenn es los ging oder aufhörte, musste ich auf eine Taste drücken. Die App sagte, die Wehen kämen alle acht Minuten. Ich dachte "WENN es Wehen wären, dann kämen sie alle acht Minuten, sind ja aber keine. Können ja keine sein." Die Minuten vergingen, ich fauchte und krümmte mich ein bisschen, Kalle schlief inzwischen nebenan bei Papa. Dann dachte ich, nun kann ich ja auch, wo ich schon mal wach bin, vielleicht noch ein paar Sachen zusammen packen. Für demnächst in zwei Wochen, wenn es los geht. Ist gerade so schön ruhig hier. Also packte ich ein bisschen und bediente weiter die App und kniete zwischendurch im Vierfüßlerstand und atmete expressiv, aber die Hirnregion, die sonst dafür zuständig ist, mich zwei Stunden mit voller Blase im Bett zu halten, war schwer aktiv. Die App sagte, die Wehen kommen alle vier Minuten. Also googelte ich vorsichtshalber mal, ab welchen Abständen man beim zweiten Kind ins Krankenhaus soll. Google sagte, bei fünfzehn Minuten. Die App piepte dazwischen, wir wären jetzt bei drei Minuten. Und da habe ich es dann eingesehen, L. geweckt, das Kind angezogen und einen Müllsack gesucht, auf den ich mich für die Fahrt setzen kann.

Die Fahrt ins UKE dauerte achtzehn Minuten, in dieser Zeit hatte ich fünf Wehen, bei jeder fing Kalle an zu brüllen. L. wollte wissen, wo man hier vorfahren kann, wenn die Frau ein Kind kriegt, und ich hatte es immer noch nicht kapiert. "Ach was", sagte ich. "Fahr in die Tiefgarage." Und so sind wir dann durchs ganze große UKE gelaufen: L. mit Kalle in der Karre, ich, mein Koffer und meine Tasche. Alle paar Schritte habe ich die Wand umarmt. "Geht ohne mich weiter, dann könnt ihr es schaffen" ist der Satz, der einem dazu in den Sinn kommt, aber leider gerade hier so gar nicht passt. Irgendwann waren wir dann oben im fünften Stock vor dem Kreißsaal. Eine Hebamme nahm mich mit nach nebenan und guckte sich den Muttermund an. Bis zu diesem Zeitpunkt war meine größte Sorge immer noch, die könnten mich wieder nach Hause schicken. Hätte ich mir keine Gedanken machen müssen: der Muttermund war bei locker acht Zentimetern. "Wie toll, dann gehen wir direkt in den Kreißsaal!" sagte die Hebamme. "Und dann hätte ich gerne noch eine PDA" sagte ich. Die Hebamme sah mich mit diesem "Ach, Schätzelein"-Blick an, den nur Frauen in Medizinberufen richtig gut hinkriegen, nahm mich bei der Hand und ging schon mal los. "Weißt du was? Die schenken wir uns einfach" sagte sie in diesem Ton, bei dem ich sofort dachte, genau, ist sicher besser so. Wir haben den Kreißsaal um Viertel vor drei betreten. Ich habe noch schnell meinen Koffer aufgemacht und meinen Jogginganzug gegen ein heiß waschbares Nachthemd ausgetauscht, dann ging es richtig los. L. rief inzwischen meine Freundin und Geburtshelferin B. an, die sich im Affenzahn fertig machte und ins Taxi warf. Und inzwischen bekam ich ein bisschen Paracetamol und presste schon mal vor. L. und Kalle warteten auf dem Gang, ich war mit Hebamme und einem Arzt gut betreut und sowieso diesmal nicht so zum Plauschen aufgelegt. Vier mal war der Kopf schon halb draußen, vier mal flutschte er einfach wieder zurück, als die Wehe vorbei war. Und ich hatte das spukige Gefühl, unbedingt weg zu wollen aus diesem schmerzenden und gekrümmten Körper in diesem neonbeleuchteten Raum nachts um drei und nicht zu können. Was sollte das überhaupt alles, ich war doch noch gar nicht dran? Und eigentlich wollte ich doch schlafen? Um 3:56 betrat B. den Kreißsaal. Und um 3:58 war Michel da. Kind einer Mutter, die scheinbar gar nichts mitkriegt.

Und ja, das fühlte sich alles genau so hopplahopp und überrumpelig an, wie es jetzt da steht. Ich könnte es auch alles noch wilder beschreiben. Dass ich gerissen bin, und nicht zu knapp z.B. oder dass es sich ohne PDA genau so angefühlt hat wie letztes Mal mit zwei PDAs. Aber das alles ist sowieso ein einziger Nebel. Von dem Moment an um kurz nach eins, als ich zuhause aufgewacht bin, bis zu dem Moment, wo ich den Kleinen zum ersten Mal auf dem Bauch liegen hatte, ist alles verschwommen und seltsam und irgendwie anders als abgesprochen und erwartet. Vor allem aber ist es diesmal fast egal. Damit will ich nicht sagen, dass ich jetzt auch finde, Mütter würden die Schmerzen und die Angst einfach vergessen, wenn es vorbei wäre - bestimmt nicht, ich erinnere mich ganz gut. Es war nur, als würde die Zeit anders laufen. Oder als hätte ich das geträumt. Oder als wäre es jemand anderem passiert. Oder als hätte ich unter dem Einfluss einer exotischen und nicht besonders empfehlenswerten Droge gestanden. Bis Michel dann da war. Und da war alles gut. Denn natürlich hatte die Hebamme Unrecht und es geht ihm bis auf die krummen Füßchen so gut, wie es ihm nur gehen kann. Er ist ein federleichter, rosiger kleiner Junge mit langen Armen, einer Stupsnase, erstaunlich viel Frisur (mehr als Kalle heute hat) und blauen Augen, die ziemlich ernst gucken. Und jetzt muss ich auch schon wieder Schluss machen mit Posten, denn der federleichte haarige Junge hat Hunger. Aber dazu (zum Thema Stillen) hoffentlich sehr demnächst mehr. Dann auch mit Foto. Liebe Abkürzungsdamen, vielen, vielen Dank für die Glückwünsche! Genau so einen wünsche ich euch auch, und zwar allen.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Ob in Altona oder nicht, sagt euch gleich das Licht

Nu ist Schluss. Ob das Kind abgesehen von den Füßen ganz gesund ist oder nicht, ob es mit dem Kopf oder dem Po oder seinen exzentrischen Füßen nach unten liegt, ob es kommt, während L. am anderen Ende des Landes irgendein Quatschturnier spielt oder nicht, ob wir mit zwei Babies fertig werden oder nicht, das weiß ich alles noch nicht und werde es erst in ein paar Wochen wissen. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich es doch im UKE bekomme, egal ob quer oder längs. Heute habe ich mehrere Stunden in der Anmeldung zugebracht, unter Anteilnahme von fünf zwölfjährigen Medizinstudenten wurde noch ein Ultraschall gemacht, wieder bei der gleichen reizenden Oberärztin wie letztes Mal - "Wir kennen uns doch! Von Ihnen erzähle ich ganz oft, das ist die, bei der die Plazenta so doof lag und die einfach den Kaiserschnitttermin hat sausen lassen und die Knie so lange zusammen gelassen hat, bis die Plazenta richtig lag, und dann ging es los. Und dann war der Muttermund 400 Minuten lang ganz offen, bis das Kind kam!" - und jetzt, endlich, nach so vielen Wochen, habe ich das Gefühl, alles wird gut. Jetzt kann es kommen, egal ob mit dem Po oder dem Kopf voran. Wobei im Moment der Kopf unten liegt, aber das ändert sich nach wie vor zum Teil mehrmals täglich. Heute während des Ultraschalls z.B.: Start - Kind liegt mit Kopf rechts unten, also von vorne betrachtet auf acht Uhr. Zehn Minuten später - Kind liegt auf sechs Uhr, schön tief im Becken. Noch mal zehn Minuten später - fünf Uhr, ein gutes Stück weiter oben. Dann konnte man noch sehen, dass es durch Mund und Nase fleißig Atemübungen macht, was, wie mir versichert wurde, ein gutes Zeichen ist.

Ich kann mir nicht helfen, ich mag dieses Krankenhaus. Tut mir leid, liebe Kommentatorin von neulich, Altona muss nun jemand anderes austesten, ich bin mir übrigens sicher, die hätten das auch ganz toll gemacht, vielleicht hätte ich danach nie wieder einen Fuß ins UKE gesetzt - es war wohl so ein irrationales Mädchending. Inzwischen haben mir so viele Leute, die es wissen müssen, gesagt, dass ich mein Kind kriegen kann, wo ich will und dass wir die Behandlung unabhängig davon in Altona machen können wie nix - es braucht immer etwas länger, bis ich solche Dinge wirklich glaube, aber inzwischen ist die Botschaft angekommen. Und jetzt sehe ich natürlich Vorteile, wohin ich schaue. Dass wir nachts 15 Minuten dorthin brauchen und tagsüber höchstens 25. Dass meine Geburtshelferfreundin B. vom letzten Mal sich da schon auskennt und nur vor ihrer Tür in den Bus steigen muss, um hinzukommen. Dass auch ein Krankenwagenpersonal, mit dem ich vielleicht zu tun kriegen würde, kein Problem damit hätte, mich dorthin zu fahren statt ins wirklich allernächst gelegene Krankenhaus, in das ich ums Verrecken nicht will. Dass ich dort jetzt schon mehrere Ärztinnen und Hebammen kenne und mag. Dass ich den Weg dorthin ja nicht nur einmal machen muss, sondern, wenn Würmchen wie erwartet (und wie alle Würmchen seit Menschengedenken in dieser Familie) wieder zu spät kommt, alle zwei Tage. Dass sie dort perfekt vorbereitet sind auf jedes, wirklich jedes Problem, das unter der Geburt auftauchen könnte, und dass die Antwort auf all diese Probleme nicht unbedingt Kaiserschnitt und damit Endometriosesupergau heißt.

Liebe Abkürzungsdamen, das ist natürlich jetzt nicht sehr abwechslungsreich, manche wird ein Gähnen kaum unterdrücken können, wenn auch die zweite Geburt im UKE ist, aber - tut mir leid - Spannung steht auf meiner Geburtsprioritätenliste ziemlich weit unten. Nu isses eben so.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Im Bett mit den Cazalets

Bei Manufactum gab es doch immer dieses von Trappisten gebraute Bier - Mönche, die ein Schweigegelübde abgelegt haben. Dieses Bier war abgesehen davon nicht besonders bemerkenswert. Und welchen Unterschied soll es machen, ob man beim Brauen ein Schwätzchen hält oder nicht? In den letzten zehn Tagen hättet ihr bei mir Trappistennudelauflauf, Trappistenschinkenbrot, Trappistenhühnchen und Trappistenkartoffeln mit Trappistenquark bekommen können, und das hat alles genau so geschmeckt wie immer. Einen Unterschied gab es aber schon: wenn ich nicht so viel zu erzählen habe, komme ich mehr zum Denken, und ich habe mir gedacht, während mein Sohn Hühnchen und Gurkensalat gegessen hat, dass ich gerne eine Idee nachmachen würde: die Idee von "Dinner - a love story"-Autorin Jenny Rosenstrach, ein Fresstagebuch zu führen. Also habe ich mir bei amazon ein hübsch in braunes Leder gebundenes Blanko-Buch bestellt, in das ich jeden Tag eintragen werde, was es zum Abendessen gab. Erstens, weil ich genau wie sie finde, diese eine echte Familienmahlzeit ist wichtig. Zweitens, weil es mich motivieren soll, wieder etwas abenteuerlustiger in der Küche zu werden. Drittens als schöne Erinnerung. Viertens, um den Überblick zu behalten, was wie ankam - die Desaster und die Volltreffer. Fünftens, weil das eine Sorte Tagebuch wird, die ich nicht eines Tages schamrot im Öfchen verbrenne. Sechstens, weil ich diesen ziemlich pompösen Hang zu Familientraditionen habe, und das könnte doch eine werden.

Siebtens, weil es mich davon ablenkt, dass mich diesmal die Aussicht auf die Geburt ziemlich nervös macht. Letztes Mal war ich doch so ruhig! Aber da wusste ich auch noch nicht, was auf mich zukommt. Diesmal weiß ich es nicht nur, ich habe auch (Dank der Klinik-Hebamme, an dieser Stelle noch mal ein herzlicher Gruß) deutlich mehr Schiss, dass etwas mit meinem Kind nicht in Ordnung sein könnte - abgesehen von den Füßchen. Und es dreht sich immer noch wie ein Brummkreisel. Mal liegt es quer, mal längs - so weit ich das beurteilen kann. Welche Rolle das spielen soll? Naja - ich würde wegen meiner Endometriose auch diesmal sehr gerne um einen Kaiserschnitt und die darauf folgenden neuen Verwachsungen drumherumkommen (die nicht passieren müssen, aber sehr gut passieren können, und ich habe keine Lust darauf, dass dieser Mist mir demnächst außer den Eileitern und Eierstöcken auch noch den Darm, die Blase und was noch alles abschnürt). Laut meiner Gynäkologin ist aber das UKE dann für mich die bessere Adresse, sollte das Baby immer noch quer liegen, wenn es so weit ist. Denn erstens machen sie in Altona bei Querlage wohl grundsätzlich einen Kaiserschnitt, und zweitens versuchen sie bei an der Bauchwand liegender Plazenta in diesem Fall auch keine äußere Wendung. Im UKE schon, und dort gibt es drei Oberärztinnen, die alle viel Erfahrung darin haben, querliegende Kinder vaginal zu entbinden, und von denen hat immer eine Dienst. Habe ich gesagt, ich weiß, was auf mich zukommt? Stimmt eigentlich nicht, ich habe nicht die geringste Ahnung, so lange dieses Baby nicht endlich mal eine Entscheidung trifft.
Jetzt habe ich also eine Überweisung für's UKE in der Tasche, aber keine Ahnung, was ich damit machen soll, denn das Kind ändert fast im Tagesrhythmus seine Meinung und seine Lage. Liegt es längs, ist Altona die erste Wahl. Liegt es quer, UKE. Eigentlich sollte das doch jetzt mal durch sein? Das Zappeln und Drehen (und das in die Blase treten)? Würde ich auf jede Drehung reagieren, dann hätte ich die letzten zehn Tage ausschließlich im Wartebereich dieser zwei fabelhaften Krankenhäuser verbracht, statt mich hier wie angeordnet auszukurieren. Was meine Stimme betrifft, hat der Arzt zu Inhalieren und Geduld geraten, und obwohl Geduld nicht meine starke Seite ist, wird es langsam. In den letzten 24 Stunden habe ich mich weg vom Hobbytrappisten hin in Richtung Dusty Springfield entwickelt. Inzwischen habe ich eine Theorie: ich bin in dem Moment wieder gesund, wenn ich mit der Cazalet-Saga durch bin. Fünf Bände gibt es, ich bin jetzt mit Band vier halb durch. Davon hatte ich schon erzählt, oder? Diese Bücher sind meine Lieblingsbuchentdeckung seit Game of Thrones, was jetzt einen völlig falschen Eindruck erweckt, denn sie sind auf vollkommen andere Art großartig. Erzählt wird die Geschichte einer großen Familie, der Cazalets. Band 1 beginnt zwei Jahre vor dem zweiten Weltkrieg, inzwischen ist der Krieg vorbei, die meisten der Kinder sind erwachsen, und obwohl es bestimmt zwölf Hauptfiguren und zwanzig Nebenfiguren gibt, habe ich inzwischen fast alle davon richtig gern. Wenn das so weiter geht, werde ich eines Tages sogar noch mein Herz für Raymond, Nora oder Neville entdecken. Ab und zu muss ich an Downton Abbey denken, obwohl die Cazalets nicht annähernd so reich sind wie die Crawleys - die aber fast den gleichen Effekt hatten: irgendwann mochte ich sogar O'Brien, Edith sowieso, und wenn der spröde Dorfdoktor und Cousin Isobel nicht irgendwann heiraten, werde ich das sehr, sehr persönlich nehmen. Und jetzt muss die Blogtante die Plapperbude schließen und weiterlesen, ich will schließlich irgendwann wieder gesund sein.

Dienstag, 14. Oktober 2014

P**p

Die Kita kann nichts dafür. Die Kita konnte was für verschiedene Dünnschiss-Episoden, aber hierfür nicht. Das hier sind alles Spätfolgen der sehr schönen Familienhochzeit auf Sylt, auf der L, Würmchen, der Hund und ich Anfang September waren. Zwei schicksalhafte Tage, die zwei sehr nette Menschen bis an ihr Lebensende zusammengeschweißt haben, und uns und einen Haufen Viren scheinbar annähernd genau so lang. Das Kind der Braut war krank, und direkt nach der Hochzeit erwischte es erst die älteren Gäste. Meine Schwiegermutter lag vier Wochen lang flach. Würmchen hatte zehn Tage zu kämpfen, mit Bindehautentzündung, Erkältung und Magen-Darm. L. ist immer noch nicht wieder richtig bei Stimme. Ich hatte erst Magen Darm (das war so Mitte September und fiel schön mitten in den Endspurt am Arbeitsplatz, aber mach was), dann war ich erkältet, dann hatte ich tagelang solche Rückenschmerzen, dass ich schon anfing mit einer Frühgeburt zu liebäugeln, denn eine PDA erschien fast als einzige Möglichkeit, mal ein paar Stunden den Höllenqualen zu entwischen. (Falls sie diesmal wirkt. Tut sie doch, oder? Versprochen?) Nach den Rückenschmerzen war ein Tag Ruhe, himmlische, schmerzfreie Ruhe. Dann fing der Husten an. Und seit drei Tagen habe ich keine Stimme. Überhaupt keine. Gestern hat Würmchen mich (aus Liebe, klar) gebissen, und statt eines Schreies kam nur so eine Art betontes Ausatmen aus meinem Mund. Sollte das Baby kommen, bevor die Stimme wieder da ist, dann wird das eine Geburt, von der Tom Cruise begeistert wäre: kein Mucks aus dem Kreißsaal. Es ist alles nicht so schön. Nicht umsonst handeln so viele Albträume davon, dass man schreien oder sprechen will, aber es kommt kein Ton. So wie es jetzt ist, könnte ich mir noch nicht mal einen Krankenwagen rufen, wenn ich allein zuhause bin und es losgeht. Oder geht das per SMS? Und erinnert sich noch eine außer mir an diesen Technicolor-Spielfilm mit der traumarisierten Frau, die keine Stimme hatte, und am Ende war sie irgendwie dem Mörder in die Falle gegangen, und es brannte (oder so ähnlich), und sie musste per Telefon Hilfe holen, und konnte nicht, und am anderen Ende wollten sie schon auflegen, und dann hat sie irgendwann ganz schwach krächzen können "Hallo... hier... ist... Helen". Wie sie sich wohl geschlagen hätte mit "Hallo, hier ist Flora Albarelli, ich wohne in der Sowiesostraße irgendwas, ich kriege jetzt ein Kind, die Fruchtblase ist geplatzt, bitte schicken Sie mir einen Krankenwagen. Ach ja, und ich bin allein mit meinem Baby, das muss also mit ins Krankenhaus. Ich muss jetzt liegen, darum lasse ich die Haustür angelehnt. Supi, Danke, freu ich mich!" Nein, nein, nein. So kann das nicht bleiben.
Heute und morgen ist Würmchen noch ganztägig umsorgt: morgens Kita, nachmittags hilft das Kindermädchen. Und ich kampferhole mich. Ich liege im Bett, so warm eingemummelt, wie ich es mit den noch passenden Klamotten irgendwie hinkriege, juckender dicker Schal und alles, zugedeckt bis unter die Nase, ich trinke täglich drei Liter Salbei-Thymian-Tee, den ich hasse, und zwischendurch heiße Zitronen. Ich inhaliere und reibe mich mit Bronchoforton ein und lüfte und lese und schlafe, ich esse Hühnersuppe und lasse das mit dem Sprechen jetzt einfach, L. und ich schreiben uns SMSen und kleine Zettelchen. Die To-Do-Liste bis zur Geburt wird lang und länger, ich will mich um mein Kind kümmern und winzige Strampler in neue Körbchen legen, mit L. gebrauchte Geschwisterwagen besichtigen und mich mit Würmchens neuem Kindersitz auseinandersetzen, nicht hier liegen und schwitzen. Inzwischen bin ich bei Band III der Cazalet-Saga und werde für immer den Geruch von Kampfer und Menthol in der Nase haben, wenn ich diese Bücher aufschlage.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Würmchen II und ich stehen jedenfalls auf der Gästeliste.

Seit gestern sind wir im AK Altona angemeldet. Wieso erst seit gestern? Mir kam das auch knapp vor, aber das war nun mal der Anmeldungstermin, den sie mir im Juli gegeben haben. Meine Gefühle dazu sind, wie eigentlich zu fast allem, gemischt. Als ich gestern zurück zum Auto gegangen bin, hatte ich einen Anfall von Heimweh nach dem UKE. Aber nun ist es eben so.

Altonas Vorteile:
Dort sitzen die Klumpfußspezis, auch wenn ich gestern informiert wurde, die eigentliche Behandlung würde erst beginnen, nachdem wir schon wieder zuhause wären. Woraufhin ich sofort dachte "Was mache ich dann hier?". Aber auch vor Beginn der Behandlung werden die Spezis hoffentlich den Fuß schon mal ansehen und einen Plan machen. Wehe, wenn nicht.
Ist man erst mal von der Autobahn runter, braucht man noch zwei Minuten bis ins Parkhaus.
Man hört über dieses Krankenhaus nur Gutes.

Altonas Nachteile:
Das UKE ist seit dem 20.Juli 2013 Träger der Flora-Vertrauensmedaille in Gold. Die muss Altona sich erst mal verdienen.
Ich weiß, damit stehe ich ziemlich alleine da, gerade wenn es um Schwangerschaft und Geburten geht, aber ich MAG große Krankenhäuser. Mit vielen verwirrend angeordneten Stationen, Hunderten von Ärzten und ganz viel Gewühl. Und das gestern wirkte doch ziemlich lütt.
Mein Frauenarzt gestern sah gut aus. Da kann ich ja so gar nicht drauf. Schon gar nicht, wenn wir uns demnächst wiedersehen und ich die mit dem krebsroten Kopf bin, die blutend, brüllend und stinkend und mit Sauerstoffmaske überm Gesicht in den Seilen hängt. Mein Typ Frauenarzt ist erstens eine Frau und zweitens von der energischen, zupackenden und raubeinigen Sorte. Genau die Sorte wie im UKE. Ach, UKE. Wieso hast du keine Klumpfußspezis? Wir könnten so glücklich zusammen werden, Du und ich.
Zwar ist es von der Autobahn aus nicht weit. Aber bis wir erst mal an der Ausfahrt sind, haben wir einen ziemlich weiten Weg über einen Autobahnabschnitt, der unter normalen Umständen wegen des Elbtunnels schon mies ist. Jetzt sind da überall Baustellen, man kann also im alleräußersten Notfall noch nicht mal hupend und mit Warnblinkanlage über den Standstreifen dran vorbeifahren. Außerdem ist das für alle weit, nicht nur für uns. Auch der Besuch hat es ungefähr fünfmal so weit wie vorher. Und meine Familie kennt sich da schon mal gleich gar nicht aus.
Altona ist ganz stolz auf sein Storchennest, die Familienzimmer, die eigentlich mehr sind wie ein Hotel. Bei Würmchen I dachte ich noch, das wär's. Jetzt will ich das gar nicht mehr, mich mit L. für drei Tage da einigeln. Erstens ist L. nicht der Typ dafür, zweitens ich auch nicht, drittens haben wir Würmchen I und einen Hund, wo sollen die denn bleiben? Dieser Altona-Vorteil ist mir also völlig egal. Nee Nee Nee, Altona, so nicht.
Im UKE hat die Geburtsanmeldung zwar gleich dreimal so lange gedauert wie das gestern, aber dafür wurde auch direkt ein Ultraschall gemacht, der Muttermund überprüft usw. Gestern - nichts. Ich werde mich bis Freitag gedulden müssen, um zu erfahren, ob das Kind tatsächlich noch quer liegt und ob sonst alles in Ordnung ist. Auch sonst hätte ich die Hälfte von allem, was ich gestern von der ersten Geburt zu berichten hatte, auch der Wand erzählen können. Irgendwie scheinen die zu denken "Red du nur, Patientendings, wir machen dann schon."

Und tadaaaa: Einmal gemischte Gefühle bitte für die Dame!

Außerdem habe ich zu erzählen, dass ich ein ganz tolles neues Buch entdeckt habe: The light years von Elizabeth Jane Howard. Das Beste daran ist, dass es das erste einer Reihe von Fünfen ist, die ich jetzt alle noch vor mir habe. Es geht um eine englische Familie, die sich jeden Sommer im Haus der Eltern trifft. Klingt langweilig und nach Rosamunde Pilcher, ist es aber nicht. Ich habe lange nicht mehr mitten in der Nacht drei Stunden am Stück auf der winzigen Kindle-App meines Telefons gelesen, ohne aufhören zu können, aber genau so war es die letzten drei Nächte.

Und von Würmchen I gibt es auch Neues: er macht Anstalten, mit dem Löffel zu essen, er sagt inzwischen "Äsch" für Fläschchen, "Üss" für Tschüs, Mama und Papa für Mama und Papa, "Mma" für Oma, "Ham" für haben, macht die Tiergeräusche von Hunden, Schlangen, Löwen, Hähnen, Elefanten und Pferden nach und hat neulich versucht, eine Lampe in Betrieb zu nehmen. Nachdem der Schalter nichts ausrichtete, hat er den Stecker genommen und wollte ihn in die Steckdose stecken. Er guckt sich gerne mit mir zusammen Kochbücher an und macht bei fast jedem Foto "Hmmmmm!" dann grinst er mich an und klatscht in die Hände. Er spielt gerne fangen, und wenn ich gaaaaanz laaaaangsam hinter ihm her krabbele und ihn verfolge, dann bricht die reine Hysterie aus. Er lässt sich gerne an einer ausgemusterten Hundeleine auf dem Bobbycar durch den Garten ziehen, liebt seine Bilderbücher (gestern hat er leider eins mit unter die Dusche geschmuggelt) und hat gerade eine Leidenschaft für auf-zu, an-aus, auf-ab und da-weg. Er wird tatsächlich groß, der Kleine. Nur nachts, wenn er neben mir liegt in seinem Schlafsack, mit seinen hellen Bäckchen und den Fäusten und den Locken im Genick, dann ist er ein Baby.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Sechs.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich aufgeregt angesichts der Aussicht auf einen Zahnarztbesuch, einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einen mir unbekannten Stadtteil oder eines Friseurtermins. Nicht sehr, aber immerhin ein bisschen. Dass ich morgen vermutlich ein Kind bekommen werde, kommt in dem Teil meines Gehirns, der für Aufregung zuständig und sonst fast durchgängig sehr aktiv ist, aus rätselhaften Gründen nicht an. Gestern stand ich in einer Bäckerei, völlig unterzuckert, und wollte mir eine Tüte Franzbrötchen kaufen. Eins wollte ich sofort essen, eins war für L. gedacht, der Rest sollte in die Tiefkühle und steifgefroren mit ins Krankenhaus. Für die Geburt. MEINE Geburt bzw. Würmchens. Die Bäckereiverkäuferin fragte mich, wann es denn so weit wäre. Ich sagte, ich wäre fünf Tage drüber. Sie sagte, dafür würde ich aber einen extrem entspannten Eindruck machen. Ich sagte, vielleicht wäre ich ja einfach nur blauäugig, das wäre mein erstes. Wie äußert sich Geburtspanik bei anderen Frauen beim Kauf von Franzbrötchen? Stottern sie? Zittern sie? Lassen sie ihr Wechselgeld fallen? Knüllen sie die Tüte zu einem zimtigen Klumpen zusammen, sobald sie sie in den Händen halten? (Franzbrötchen, für alle Nicht-Hamburger, sind große Flatscher aus süßem Teig, durchzogen von einem klebrigen Gemisch aus Zimt, Zucker und Butter. Man isst sie ungefähr so wie eine Haribo-Lakritzschnecke, indem man sie in Streifen zieht. Manchmal gibt es auch welche mit Rosinen, Schokosplittern, Streuseln oder gebrannten Kürbiskernen, wenn Rosinen auch leider auszusterben scheinen, sie gelten zusehends als leicht eklige alte-Leute-Zutat. Franzbrötchen entschädigen mich dafür, dass es in Hamburg so gut wie unmöglich ist, ein Kümmelbrötchen oder ein wirklich gutes Laugenbrötchen zu bekommen.) Die Bäckereiverkäuferin hielt mir zum Abschied einen Teller mit frisch gebackenen Schweinsöhrchen hin und sagte, ich sollte mich bedienen, für das Baby. In diese Bäckerei gehe ich bestimmt bald wieder.

Aber was ist nun wirklich der Grund? Wie zuerst vermutet, Blauäugigkeit? Seit Monaten warte ich darauf, dass die Panik vor der Geburt einsetzt, und bisher tut sich nichts. Weiß ein pfiffiger Teil von mir, dass ich da sowieso durchmuss, Angst hin oder her, und dass ich mir das Gruseln darum genau so gut sparen kann? So viel angewandte Logik traue ich meinem Fusselhirn nicht zu. Baue ich zu sehr auf die PDA, mit der es vielleicht ja gar nichts wird? Ist das hier vielleicht die Bestätigung dafür, dass es manchmal ein Segen ist, nicht zu wissen, was auf einen zukommt? Sind wieder mal Hormone im Spiel? Die Straßen sind voller Frauen mit Kinderwagen, denen ich (bestimmt voreilig und ungerecht) nach einem Blick in ihre Gesichter überhaupt rein gar nichts zutraue. Und die haben das auch geschafft, das beruhigt mich enorm, abgesehen davon, dass es ja nichts zu beruhigen gibt. Bin ich also zu arrogant für Angst? Ist das ein gigantisches Bollwerk meines Bewusstseins gegen eine Angst, die in Wirklichkeit die ganze Zeit knapp unter der Oberfläche lauert und die mich vollkommen um den Verstand bringen würde, wenn ich auch nur den kleinsten Hauch davon schnuppern könnte? Oder habe ich einfach nur Recht und das wird überhaupt nicht schlimm?

(Irgendwo da draußen sitzt eine ganze Bande von euch, reibt sich die Hände und denkt "Wart's nur ab. Du wirst schon sehen." und lacht wie ein Rudel Disney-Hexen. Ich kann euch hören!)

Außerdem bin ich gestern in sfgirlbybays Blog auf einen Bericht der New York Times gestoßen: eine Diashow mit Bildern des Hauses, in dem Mike D. von den Beasty Boys in Brooklyn wohnt. Daraufhin dachte ich drei Dinge: erstens muss ich wieder mehr Beasty Boys hören. Wie wär's, vielleicht ja zur Geburt? Zweitens würde ich da sofort einziehen. Drittens möchte ich gerne beim nächsten New York-Besuch - wer weiß, vermutlich mit Würmchen? - die von Mike D. persönlich designte Tapete kaufen. Hier geht's zur Diashow.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Fünf.

Inzwischen bin ich ganz sicher, dass bis Freitag nichts passieren wird und dass wir dann einleiten werden. Wie lange es danach noch dauert, lasse ich mal auf mich zukommen, immerhin habe ich nicht einen, sondern zwei Geburtsbegleiter dabei, die sich 1a ablösen können: meine Freundin B. und L., die kriegen mich da zusammen schon durch. Und weil ich mir da so sicher bin, spricht für mich auch absolut nichts dagegen, mich heute am traditionellen Mädchentag noch mal in der Stadt zu verabreden. Der Klinikkoffer ist wie immer im Kofferraum, und welchen Ort auch immer wir uns suchen - er wird näher am Krankenhaus sein als unser Haus. Ich bin entspannt. Woher Würmchen diese Unpünktlichkeit hat, wüsste ich allerdings schon gern. Mir hat die spätestens mein erster Hamburger Job ausgetrieben, der war nämlich in einer Agentur mit Prinzipien, und zu diesen Prinzipien zählte, dass alles gefälligst pünktlich zu passieren hat. Ich fand das gut. Wer zu spät ins Meeting kam, stand vor verschlossener Tür und konnte zurück in sein Büro schleichen. Theoretisch zumindest. Praktisch hätte ich mir manchmal gewünscht, es wäre wirklich so gewesen, denn während immer mehr Poser und Macker und Idioten das Ruder an sich gerissen haben, war es auch plötzlich ok, fünfzehn Minuten zu spät zu kommen, einen deutlich sichtbaren Starbucks-Becher in der Hand. Auf dem Papier galt aber immer noch: wer zu spät kommt, zeigt damit nur, dass er die eigene Zeit als wichtiger einschätzt als die anderer Leute. Dass er lieber noch schnell seine Emails liest, den end-witzigen Youtube-Film zu Ende guckt, sich noch einen Kaffee holt oder auf dem Weg zur Ubahn noch ein leckeres Teilchen trotz Schlange beim Bäcker kaufen muss, während die anderen, die sich das alles verkniffen haben oder eben einfach zehn Minuten früher aufgestanden sind, nutzlos und blöde irgendwo sitzen und warten, ist doch piepegal! (Nein, ich gehe nicht davon aus, dass Würmchen bei Starbucks ist. Das habt ihr falsch verstanden. Aber obwohl die Meetingtür immer noch sperrangelweit offen steht, darf ich mich doch fragen, wo verdammt noch mal er bleibt.)

Inzwischen erreichen mich von Zuhause Neuigkeiten, die ... ich weiß auch nicht. Mein erster Freund K. war ein Junge aus dem Nachbardorf, mit dem ich seit der fünften Klasse zur Schule gegangen bin. Sieben Jahre lang waren wir zusammen, und in den letzten zwei Jahren, als es immer mehr kriselte, hat er manchmal davon gesprochen, wir sollten doch Kinder kriegen jetzt bitte. Ich war Anfang 20 und wusste überhaupt nicht, was das jetzt soll, hatte aber den leisen Verdacht, es hatte auch damit zu tun, dass er seit einer Weile vergeblich versuchte, einen Studienplatz für freie Kunst zu bekommen und ein Kind mit zwei Studenten als Eltern der perfekte Grund gewesen wäre, diesen anstrengenden und deprimierenden Kampf erst mal ruhen zu lassen und sich für die nächsten drei bis zwanzig Jahre im kleinen, warmen und staatlich unterstützten Nestchen einzumuckeln. Bestimmt hatte es auch etwas damit zu tun, dass er damals eben Kinder wollte und ich nicht oder damit, dass er mehr an uns hing als ich - jedenfalls kamen Kinder nicht in Frage. Dann war Schluss, und es begann für mich eine zwar extrem unterhaltsame, aber trotzdem katastrophale Zeit in meinem Liebesleben, die sich bis 2006 zog und aus der ich irgendwann mal was machen muss. Er dagegen bekam endlich seinen Studienplatz, und zwar in Wien, da lebt er noch heute. Kunst hat er zwar studiert, aber davon zu leben, ist schwer bis unmöglich. Mein letzter Stand war, dass er sich mit Mini-Jobs über Wasser hält und sich um seine Kunstprojekte nach Feierabend kümmert. Mein letzter Stand war auch, dass er ein Kind bekommen hat: einen sehr dreieckigen Jungen, über den er sich fürchterlich gefreut hat. Jetzt erzählt mir meine Mutter, dass er inzwischen drei Kinder hat. Und ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich immer noch in der Warteschleife von IVF Nr. 7 hängen würde, aber ... das macht so gar nichts von den Sachen mit mir, die man erwarten könnte. Es deprimiert mich nicht. Ich denke auch nicht, wieso er und nicht ich. Oder irgend etwas aus der "Hättste mal"-Schule. Die Nachricht aus dem gleichen Telefonat mit meiner Mutter, dass meine alte Biolehrerin gestorben ist, hat mich viel mehr aus der Bahn geworfen. Die war toll! Eine früher ganz fitte Tennismeisterin, die durch eine Hormonerkrankung plötzlich krankhaft dick wurde und das mit dem lustigsten und schlauesten Humor der Schule aufgefangen hat. (Nicht, dass die Humorstandards an meiner Schule besonders hoch gewesen wären... trotzdem. Eigentlich wurde sie zu einem großen, 150 Kilo wiegenden, rotgesichtigen, schnaufenden, schwitzenden Trotzdem. Und ich kann nicht fassen, dass sie tot sein soll.)
K.s erstes Kind kam übrigens mitten in die erste Kinderwunschzeit und hat mich auch schon nicht so getroffen, wie es laut Kinderwunschklischees zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht ist das alles auch schon zu lange her, um noch eine wichtige Rolle in meinem Gefühlshaushalt zu spielen. Oder es liegt daran, dass ich ihn von allen meinen Ex-Freunden am liebsten mag und es ihm wirklich gut gönnen kann. Oder ich bin doch mehr Luxusbienchen, als ich mir selbst zugestehe, und das Szenario, ohne Job in der Großstadt drei Kinder großzuziehen, scheint mir eher erschreckend. Oder es liegt eben doch alles an Würmchen und der neuen Gelassenheit, die er mit sich bringt. Oder...

Oha. L. rührt sich. Ich glaube, ich bin mal so nett und mache ihm einen Capuccino. Mittwoch, Donnerstag, Freitag - es könnte für lange Zeit der vorvorletzte sein.

Dienstag, 16. Juli 2013

Vier drüber.

Ich möchte nicht penetrant werden, aber auch heute muss ich es wieder sagen: jeder Schritt, den ich in dieser neuen Gynäkologischen Praxis mache, sagt mir, dass es genau richtig war, hier zu sein und nicht mehr bei meiner alten Ärztin. Es fing damit an, dass ich mich am Empfang anmeldete und die Sprechstundenhilfe sagte, da bräuchte ich ja wohl keinen Ultraschall, sondern müsste nur Pipi abgeben und ein CTG machen, das würden sie dann einem Arzt zeigen und damit gut. Nachdem irgendwann beides durch war, sollte ich noch mal im Wartezimmer Platz nehmen, und kaum hatte ich die ersten drei Seiten einer Zeitschrift durch, ging die Tür auf, die Vertretungsärztin meiner Ärztin kam rein und bat mich trotz des nach wie vor vollkommen ereignisfreien CTG zum Ultraschall und zur Untersuchung. Mein Blutdruck war ihr auch zu hoch. Und weil sie auf dem Ultraschall außerdem sah, dass Würmchen eine extrem volle Blase hatte, wollte sie mich in einer Stunde noch mal sehen. "Jetzt machen sie einen schönen Spaziergang, holen sich ein Eis und kommen dann wieder." Und genau so habe ich das gemacht, kam auch sofort dran, die Blase war jetzt leer und alles gut. Dank Superultraschall konnte sie außerdem auch direkt sagen, dass zwar das Bläschen voll, aber die Nieren trotzdem in fabelhafter Verfassung waren. Bei meiner alten Ärztin hätte ich a) keinen Ultraschall bekommen, und wenn doch, hätte sie bei der miesen Kartoffelsalatqualität b) nichts von der vollen Blase gesehen, und wenn doch, dann hätte ihr c) ihr Ultraschall keine Möglichkeit geboten, die Nierenfunktion zu überprüfen, woraufhin sie d) sowas gesagt hätte wie "die Blase ist aber reichlich voll. Komisch. Das könnte... aber nee, machen sie sich mal keine Gedanken, wird schon nichts sein." Donnerstag gehe ich noch mal hin, und wenn sich dann noch nichts von alleine tut, dann melden wir mich für Freitag zum Einleiten an. Liebe Damen, ich weiß, ihr meint es nur gut und habt in eurem Fall auch bestimmt mit allem Recht. Aber ich komme aus einer Familie, in der meine Mutter drei Kinder bis zur Fruchtwassertrübung und damit über den gesunden Punkt hinaus ohne die klitzekleinste Wehe mit sich herumschleppen musste. "Das Kind kommt, wenn es fertig ist" mag anderswo stimmen, bei uns wäre das fatal gewesen. Der hohe Blutdruck kommt auch noch dazu. Ich finde, Freitag ist ein guter Tag zum Kinderkriegen. Und diese Praxis ist ein guter Ort zum Schwangersein.

Montag, 15. Juli 2013

Drei drüber.

Alle drei Tage stemme ich meinen schweren Wanst vom Sofa hoch und mache das Haus besuchsfein. Ich fege die Fellmäuse von der Treppe, ich schicke den Saugroboter durch alle Zimmer ohne Teppich, ich mache Dusche und Waschbecken sauber, ich räume den ganzen Mist von den frisch bezogenen Betten für meine Familie, und dann atme ich durch, sehe mich um und kann mich für ca. einen halben Tag entspannen. Bis L. und die Hunde (und ich vermutlich auch) dafür sorgen, dass es wieder abwärts geht. L. beispielsweise stellt bevorzugt Dinge auf das Bett, in dem meine Eltern schlafen sollen. Wäschebottiche, Sporttaschen, aber auch mal einen seit fünf Jahren nicht mehr benutzten Plattenspieler. Das daraufhin dringend fällige Gespräch habe ich schon achtzig mal geführt, Danke für den Tipp, ohne Ergebnisse. Und ich weiß nicht, auf wen ich dann wütender bin: auf L., der meine mit so viel Schweiß und Schnaufen und Mühe hergestellte Ordnung immer wieder zerstört, oder auf Würmchen, das sich einfach weigert, jetzt endlich verdammt noch mal zu kommen, damit ich damit aufhören kann.

Ich fühle mich langsam aber sicher wie eine Simulantin. Ich treffe wildfremde Leute auf der Straße - die Kassiererin aus meinem Stammsupermarkt, Leute aus dem Viertel, deren Hund schon mal an Lilis Po geschnuppert hat, Handwerker, die vor Ewigkeiten mal bei uns waren - und alle fragen immer "Naaaa? Immer noch nicht?" und ich komme mir vor, als würde der Witz langsam alt und als müsste ich demnächst mal aufhören, immer mit diesem Kissen unterm Pulli rumzulaufen. Ist da jetzt ein Baby drin oder nicht?

Die Atemnot ist auch wieder da, und zwar in alter Hochform. Sitzen ist doof. Liegen aber auch. Stehen und Gehen sowieso. Gibt es eine Position, in der man sich jetzt noch wohl fühlt, dann habe ich sie noch nicht gefunden. Eine Badewanne, die jetzt ja helfen soll, haben wir nicht. Schlafen kann ich auch nicht. L. schnarcht außerdem seit ein paar Wochen, nur für den Fall, dass es mir ausnahmsweise mal doch gelingen sollte. Merkt ihr was? Diese Hormongemengelage ist nicht sehr L.-freundlich. Ich bin ohnehin meistens nicht sehr scharf auf menschliche Gesellschaft, jetzt gerade wird es extrem. Und L., der nun mal den ganzen lieben langen Tag da ist, kriegt es ab.

Inzwischen muss ich alle zwei Tage bei einem Arzt erscheinen, egal was. Gestern z.B. habe ich fünf Stunden in meiner Geburtsklinik verbracht nur für ein CTG, so ruhig und langweilig wie das Mittelmeer. Und auch da zeigte sich, dass meine armen Mitmenschen gerade eigentlich gar nichts tun müssen, um mich bis zur Weißglut zu reizen. Gestern waren da außer mir wieder mal nur Paare und Familien, die wollen sich dann unterhalten, denken aber, es wäre rücksichtsvoller, zu flüstern. Fünf Stunden Gespräche vs. fünf Stunden Flüstern - da fällt mir die Entscheidung leicht. Gespräche kann ich sofort ausblenden, aber dieses Gezischel, Geschmatze und Geraschel einer lauten Flüsterunterhaltung macht mich - na? Wahnsinnig. Dann sitze ich da und schäme mich, was ich für eine bin, und wünsche diesen flüsternden händchenhaltenden Harmoniebiestern gleichzeitig die Krätze an den Hals und schäme mich dafür noch mehr. Mit dem Ergebnis, das dann bei der Messung mein Blutdruck an der Oberkante war und ich noch mal eine Stunde liegen musste, bevor sie mich endlich, endlich haben gehen lassen. Und das nächstes Wochenende noch mal? Auf gar keinen Fall.

Ich will nicht mehr. Würmchen, es ist Montag. Ich finde, du könntest gefälligst mal an die Arbeit gehen. Und auch wenn die Ärztin, die meine Ärztin gerade vertritt, das mit den sieben Tagen nicht so eng sieht und sagt, zehn Tage drüber wären auch noch ok: nein, nicht für mich. Freitag ist Schluss. Hörst Du, Würmchen? Freitag.

Sonntag, 7. Juli 2013

Bereitschaftsdienst.

Ich weiß noch, mitten im Winter (also vermutlich irgendwann so um den zehnten April herum) hatte ich mal geschrieben, beim Blick nach draußen könnte ich mir gar nicht vorstellen, jetzt schon im siebten Monat zu sein. Denn jetzt wäre ja Winter, und das Baby käme erst im Sommer, und da wäre noch ein Frühling dazwischen, der noch längst nicht in Sicht war. Jetzt ist Sommer, da gibt es kein Missverständnis mehr. Ich habe mir gestern endlich neue Flipflops gekauft, die Kirschen kosten vier Euro das Kilo, abends muss ich die Hortensien und den Rasen gießen, und jeden Tag esse ich mindestens ein Kilo von diesen tollen platten Mini-Nektarinen, die mir letztes Jahr noch gar nicht aufgefallen waren. Heute gehen die Mädchen und ich ins Schwimmbad, und da wollen wir mal sehen, ob es zu einer Wassergeburt im ganz großen Stil kommt. Alle winzigen Spannbettlaken (Babybay, Bett, Stubenwagen) sind gewaschen und an Ort und Stelle, die Strampler ordentlich nach Größe und Wetter in verschiedene Körbe sortiert, die Folie im Windeleimer ist geknotet und bereit für die erste volle Windel, sogar die Gebrauchsanweisung fürs Haus für meine Familie habe ich schon geschrieben. Jetzt muss sie nur noch ausgedruckt werden. Und wenn ich das noch schaffe, backe ich noch eine Dose Nussecken für sie und verstecke sie vor L., damit sich meine Eltern und Geschwister stärken können nach ihren Besuchen beim Enkelkind bzw. Neffen. (Bin ich die einzige, die immer gleich an die Ducks denkt, wenn von Neffen die Rede ist?) Äußerlich, also äußerlich ist also alles sowas von bereit. Ein paar Bilder könnte ich noch aufhängen. Das mach ich dann wohl heute. Innerlich ist eine andere Sache. Innerlich ist komisch.

Jeden Morgen beim Aufstehen tut es erst mal weh. Der Kleine drückt mir mit seiner (wenn man L. und mich als Maßstab nehmen kann) sicher beachtlichen Riesenrübe auf den Steiß und auf das Becken. Der erste Weg aufs Klo geht also nicht ohne Ächzen und Stöhnen ab. Sitze ich dann erst mal, begrüße ich ihn natürlich angemessen und bedanke mich bei ihm, dass ich eine weitere Nacht im eigenen Bett schlafen durfte, statt auf Gummibällen kauernd ungerechterweise meine Kinderwunschärztin zu verwünschen. Ich weiß nicht, wie es anderen Damen geht, aber abgesehen vom Drama spricht mich an einer nächtlichen Geburt wenig an. Morgens aufwachen, in Ruhe frühstücken und duschen und anziehen und dann irgendwann - das wäre schön. Aber wenn ich ausnahmsweise so etwas wie ein Gefühl dafür entwickelt hätte, dann würde ich sagen, vor Freitag wird das nichts. Auch wenn ich jetzt über vier Jahre Zeit hatte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich morgen Abend ein Baby haben könnte. Oder Mittwoch. Vielleicht habe ich deshalb auch nächste Woche wieder jede Menge vor. Vielleicht plane ich deshalb untypischerweise immer noch nicht meine erste Mahlzeit nach dem Ende der Schwangerschaftsregeln. Und vielleicht schiebe ich deshalb immer noch pfeifend meine Kugel durch Parkanlagen, Einkaufszentren und Freibäder, denn dass es JETZT und HIER losgeht, kann ja nicht sein. (Nein, liebe Damen, vorgesorgt habe ich natürlich, der Klinikkoffer ist immer im Auto und der Mutterpass griffbereit in der Tasche, und ich gehe an keinen dieser Orte ohne Telefon.) Ganz vielleicht habe ich sogar deshalb immer noch keine Angst - außer der schon besprochenen vor einem mir fremden Kind und der, es könnte ihm irgend etwas fehlen. Bin ich einfach zu blöd, zu weltfremd und zu unbeleckt für Angst? Oder ist das jetzt endlich mal meine Art, angemessen dankbar zu sein? Yay, Geburtsschmerzen?

Dienstag, 2. Juli 2013

40. Woche: The look of Heuschnupfen is on your face.

Heute ist Dienstag, seit Freitag bin ich in der 40. Woche und damit ein bisschen spät dran. Meine Entschuldigung ist ausnahmsweise nicht mein Bauch, sondern meine Augen: irgendwas stimmt da nicht. Mindestens zwei Stunden am Tag kann ich kaum gucken, dicke Tränen kullern mir übers verschwollene Gesicht, und das, obwohl es für die Heulerei nicht den kleinsten Anlass gibt. Am schlimmsten ist es, wenn ich mit den Hunden und bei offenem Fenster Auto gefahren bin. Heuschnupfen hat mich wohl endlich auch eingeholt, nachdem ich jetzt fast 40 Jahre so unberechtigt stolz darauf war, tränenfrei durch Heuschober, Frühlingswiesen und Birkenwälder toben zu können. Schöner Mist. Das bringt auch mit sich, dass jeder Tag nur in etwa drei Stunden für mich bereithält, in denen ich schmerz- und schlierenfrei auf einen Bildschirm egal welcher Art gucken kann. Das treibt einem die pünktliche Bloggerei ein bisschen aus.

So sieht das in etwa aus, jedenfalls in guten Momenten:


Diese Abkürzungsdame scheint kurz vorm Platzen zu stehen. Außerdem fällt vielleicht der einen oder anderen auf, dass ich in letzter Zeit scheinbar fast immer das Gleiche anhabe. Das trügt nicht, bei lauen 17 Grad in Hamburg variiere ich meine zwei Schwangerschaftsjeans derzeit mit drei geringelten Schwangerschaftsoberteilen durch, dann kommt die nächste Wäsche. Die vielen geräumigen Kleidchen liegen auf Bügelhalde, so lange hier noch täglich dank der Handwerker ein Sandsturm durchs Haus fegt, hab ich andere Sorgen. Dieses Oberteil ist übrigens streng genommen gar kein Schwangerschaftsoberteil, sondern ein knapp bauchnabelbedeckendes Minikleid von American Apparel. Und ich hoffe sehr, es eines Tages auch wieder so tragen zu können. Was dieses Thema betrifft, habe ich mich letzte Woche mal vorsichtig eingegoogelt zum Thema Laufen nach der Geburt und nach zehn Minuten schaudernd beschlossen, dass ich dazu erstens meine Frauenärztin und zweitens einen Sportarzt fragen werde und auf beide höre, auf sonst niemanden.

Inzwischen arbeiten wir ganz gemächlich die To-Do-Liste ab. Gestern haben wir baby bay auf die richtige Höhe eingestellt, außerdem wurden zwei passende Spannbettlaken geliefert. Dann kam noch ein Päckchen von L.s Cousine mit ihrem alten Moby Tragetuch an, und ich habe geübt, mir das umzubinden. Mit Bauch nicht so richtig überzeugend, aber ohne wird das schon. Auch wenn ich sagen muss, Krawatte binden ist ein Witz dagegen.

Was jetzt noch zu tun bleibt:
- Betten und Gästezimmer herrichten für den Einfall meiner Familie
- dazu dringend notwendig: doch noch bügeln, um Platz zu schaffen (im Moment türmen sich Wäscheberge im Schlafzimmer meiner Eltern)
- Gebrauchsanweisung für das Haus schreiben und ausdrucken, damit sie von Kaffeemaschine bis Trockner klarkommen
- Vielleicht sogar noch eine Dose Nussecken backen und vor L. verstecken

Und dann kommt wirklich nur noch Klickerkram wie Bilder im Kinderzimmer aufhängen, vielleicht nochmal zu IKEA für ein paar weitere Körbe ins Regal und einige wüste Streits mit L., damit das Gästezimmer nach der anstehenden Hauruck-Aktion gefälligst bis zur Geburt im gästefähigen Zustand bleibt.

Und sonst?
Jetzt habe ich so oft gehört und gelesen, am Ende könnte man einfach nicht mehr. Mir geht's jetzt besser als vor vier Wochen. Ich bekomme mehr Luft, ich fühle mich nicht ganz so unförmig (vermutlich einfach Gewöhnungssache), ich kann besser schlafen und ich fühle mich nicht den ganzen Tag so voll und uffjedunsen. Wenn es nur danach ginge, könnte das meinetwegen gerne noch vier bis sechs Wochen so weitergehen. Wie viel Zeit ich dann hätte! Allerdings werde ich langsam auch ungeduldiger und ungeduldiger. Und ich liege auf der Lauer. Jedes nächtliche Zwicken könnte das Zeichen zum Startschuss sein. Heute nacht habe ich mein Date mit der Eisentablette verpennt und sie erst um sechs geschluckt, daraufhin war mir schlecht. Und was sagt mein Schwangerschaftsbuch: Übelkeit, ein gängiges Zeichen, dass es losgeht. Bisher geht hier gar nichts los, und die Übelkeit hat sich jetzt auch gelegt. Dafür könnte ich mir jetzt einbilden, wenn ich mich ganz ganz doll darauf konzentriere, dass sich so etwas anbahnt wie eine leichte Blasenentzündung. Oder ist es etwa DAS? Ich habe mir sagen lassen, dass eine Geburt sich nicht besonders subtil ankündigt, also werde ich diesen Vorzeichen-Haschmich wohl einfach über mich ergehen lassen und mir immer wieder sagen, dass ich es schon merken werde. Ganz bestimmt.

Freitag, 28. Juni 2013

Szenario 1 bis 4.

Nach dem Termin heute in der Geburtsklinik stellt sich die Lage folgendermaßen dar: die Plazenta sitzt neun Milimeter vom Muttermund entfernt. Der Grenzwert ist eigentlich ein Centimeter, da fehlt also ein Milimeterchen. Ich habe jetzt einen Termin für einen geplanten Kaiserschnitt am 12.7., und am 11.7. muss ich sowieso hin zur Narkosebesprechung. Bei dieser Gelegenheit wird noch mal ein Ultraschall gemacht, um nachzusehen, ob sich daran noch was getan hat.

Szenario 1:
Am 11. ist alles beim Alten, die Plazenta sitzt immer noch zu dicht am Muttermund. Dann machen wir am 12. einen Kaiserschnitt. 12. Juli, schönes Geburtsdatum, finde ich! Dafür habe ich dann ein Jahr verordnete Zwangspause in Sachen Kinderwunsch. Das würde zwar einerseits mit ziemlicher Sicherheit bedeuten, dass es das war mit dem Kindersegen. Andererseits ist das vielleicht gar nicht so schlecht für meine hormonzerfressene Seele, mal eine Weile lang nicht darüber nachzudenken und einige Entscheidungen weniger zu treffen zu haben.

Szenario 2:
Am 11. sehen wir, dass die Plazenta sich weiter nach oben gezogen hat. Dann sagen wir den Termin am 12. ab und warten, was passiert. Und wer weiß, vielleicht macht es sich ja schon am 13. von alleine auf den Weg.

Szenario 3:
Es geht los, und zwar schon vor dem Termin am 11.
Dann sollten L. und ich zusehen, dass wir uns gleich aufmachen - also nichts mehr mit noch mal schlafen legen, Nudeln kochen, duschen und all dem anderen, was man aufgeregten Erstgebärenden so rät, sondern los. Wir versuchen es dann erst mal "normal". Die Chance, dass es dabei dann zu Blutungen kommt, liegt bei 30% gegenüber 15% bei einer günstiger liegenden Plazenta. Ich habe also ziemlich reelle Chancen, Würmchen auf herkömmlichem Weg in die Welt zu pressen.

Szenario 4:
Wir versuchen es auf herkömmlichem Weg, und ich bekomme Blutungen. Passiert das, bedeutet das auch nicht sofort Tod und Verderben für mich, sondern eben einfach, dass wir dann einen schnellen Kaiserschnitt machen und ich evtl. Blutkonserven brauche. Dazu kann es natürlich auch kommen, wenn wir den Kaiserschnitt am 12. absagen und es danach spontan oder eingeleitet versuchen.

Ich habe keine Ahnung, woher die nun wieder kommt. Aber hier macht sich gerade so eine große, schöne Ruhe breit. Vielleicht bekomme ich mein Kind per Kaiserschnitt. Vielleicht auch nicht. Ich lasse mich überraschen. Der Klinikkoffer ist gepackt, die Handwerker haben sich ins Wochenende verabschiedet, der Fensterboss hat unsere Standpauke mit angemessener Demut über sich ergehen lassen, wird uns beim Preis entgegen kommen und schickt ab Montag drei Leute mehr, das Wetter ist eh zu mies, um draußen in irgend einer Form aktiv zu werden. Die Berge von Stramplern von L.s Cousine sind nun zum zweiten Mal gewaschen, getrocknet und sortiert, und weil sie im ersten Stock nun fertig sind, zumindest innen, werden sie auch erst wieder von ihrem neuen Eigentümer verdreckt. Ich weiß nicht, warum ich keine Angst habe, aber habe ich nicht. Meine einzige Sorge ist, ob an Würmchen alles dran ist, ob es ihm gut geht und ob es tatsächlich so wird, ihn im Arm zu halten, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Der Rest wird sich finden. Und jetzt koche ich mir noch einen schönen Schoko-Yogitee, der scheint mir an dieser für mich völlig untypischen Gemütsruhe nicht ganz unschuldig zu sein.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Sogar die verdammte Tastatur ist eingestaubt. Und der Rechner war zugeklappt. Zugeklappt!

Würmchen wiegt jetzt 3.200 Gramm und kann laut Ärztin jederzeit kommen, auch wenn sie noch kein konkretes Anzeichen entdecken konnte, dass es in den nächsten zehn Minuten losgeht. Der Wehenschreiber war unauffällig, er zappelt immer noch kräftig, und die Senkwehen können zwar alles mögliche gewesen sein, aber eben keine Senkwehen, denn der Kopf sitzt immer noch nicht fest im Becken. Was bedeutet, wenn es losgeht und die Fruchtblase platzt, muss ich im Liegen und damit im Krankenwagen ins Krankenhaus. Morgen fahre ich aber erst mal in meiner eigenen schäbbigen Schüssel und sitzend da hin, denn dann habe ich einen weiteren Termin, bei dem festgestellt werden soll, wie tief genau die Plazenta nun sitzt und was das heißt. Meine Ärztin war nicht begeistert von ihrer Lage, hat sich noch mit einem Kollegen besprochen und ist zu der Ansicht gelangt, dass das die Füchse aus der Geburtshilfe besser beurteilen können. Den nächsten regulären Arzttermin habe ich am Stichtag, das heißt am 12.7., und ab da muss ich alle zwei Tage kommen, es sei denn, Würmchen bequemt sich. Ich war außerdem begeistert zu hören, dass in meiner neuen Praxis längstens sieben Tage über Termin gewartet wird, dann schicken sie einen ins Krankenhaus zur Einleitung. Die Vorstellung, fast zwei Wochen auf glühendem Klinikkoffer zu sitzen, fand ich noch nie verlockend. Auch wenn hier immer noch... aber das ist eine andere Geschichte.

Ich wundere mich inzwischen, dass man nicht öfter in der Zeitung liest von Menschen, die sich von hinten an Handwerker heranschleichen und sie mit Bademantelgürteln, Bratpfannen oder Flaschen zur Strecke bringen. Ich neige nicht zu körperlicher Gewalt, aber der Impuls ist inzwischen da. "In einer Woche schaffen wir es wohl nicht" hatte der beflissene Projektleiter damals im Dezember zu uns gesagt. "Aber in zwei auf JEDEN Fall." Jetzt sind die Fensterfüchse die sechste Woche hier, und ein Ende ist nicht abzusehen. Gestern kamen plötzlich statt der inzwischen schon vertrauten anderen Vögel ein ca. zwölfjähriger Gehilfe und ein mir noch fremder Mann, die uns vorgestellt wurden als Mitarbeiter einer ganz anderen Tischlerfirma. Unsere Fensterfüchse sind inzwischen auf einer anderen Baustelle verplant, die beiden sind der Ersatz. Sie haben noch nie mit unserer Fensterfirma gearbeitet und umgekehrt. Wäre ich auch selbst drauf gekommen, nachdem sie den ganzen Tag das Haus in Lärm und Staub gehüllt haben und trotzdem nicht mehr als sechs einfache, angeschrägte Bretter an zwei Fenster montiert haben. Morgens hatte ich ihnen noch gesagt (die Putzarie von gestern noch in den Neunmonatsknochen), sie sollten bitte, bitte darauf achten, den Tag über alle Türen hinter sich zuzumachen, damit der Staub nicht in jedes einzelne Zimmer und in jede Ritze quillt. Ergebnis war, dass alles offen stand. Sogar das Kinderzimmer, und in dem hatten sie noch nicht mal zu tun. So dass ich jetzt noch mal die ca. achtzig Strampler und winzigkkleinen Babyschühchen usw., die uns L.s Cousine geschickt hat, waschen, trocknen, falten und anhand ausgebleichter Größenschildchen sortieren muss. Das wird zusätzlich erschwert dadurch, dass der Weg zur Waschmaschine inzwischen völlig verbaut ist mit riesigen Handwerkergeräten, die in unserem Keller zwischengelagert werden. Inzwischen betrachte ich die Aussicht auf die Geburt als willkommene Chance, mal ein paar Stunden ohne Handwerker zu verbringen. Ich hoffe jedenfalls, der Kreißsaal wird nicht gerade neu gekachelt, während ich da liege.
Morgen kommt der Chef der Fensterfirma persönlich hierher, und dann werde ich ihm mal was erzählen. Ein einziges Mal während dieser Monate will ich die Schwangerenkarte voll ausspielen, und er bekommt sie morgen links und rechts um die Ohren. Seit meiner Schulzeit hatte ich nicht mehr sechs Wochen am Stück frei, verdammt. Ich hatte mich seit Dezember auf den Mutterschutz gefreut. Diese Zeit sollte dazu da sein, sich zu sammeln, zu schonen, noch ein paar letzte schöne Dinge in Freiheit zu genießen und sich behaglich auf das Baby zu freuen. Ich dachte, ich verbringe diese Zeit mit einer Gala auf der Couch. Oder mit L. in der Heide. Oder mit meinen Mädchen rippchenessend beim Portugiesen. Stattdessen verbringe ich diese Zeit damit, von fremden Männern auf dem Klo überrascht zu werden, fast täglich um halb sieben aufstehen zu müssen und einen niemals endenden Kampf gegen den Staub zu führen. Und das ist einzig und allein die Schuld dieser beschissenen Fensterfirma. Da kann einem schon mal der Bademantelgürtel ausrutschen, oder?

Außerdem habe ich noch einen Tipp für ein gesundes Sommergetränk: Neulich hatte ich vergessen, dass ich mir einen ganzen Topf Yogi Chai Tee Schoko gekocht hatte. Den losen, nicht den aus Beuteln. Man streut zwei Teelöffel in einen Topf voll Wasser und lässt das alles 10-15 Minuten kochen, woraufhin ein großartiger Duft das ganze Haus durchzieht. Der Topf stand jedenfalls am nächsten Morgen immer noch da. So geht das Getränk: man rührt eine individuelle Menge Honig in den Tee (geht besser, wenn er noch etwas warm ist), nimmt sich ein großes Glas mit Eiswürfeln, füllt es durch ein Teesieb zu zwei Dritteln mit dem zart gesüßten, abgekühlten Yogitee und gießt das Ganze mit kalter Milch auf. Ich trinke davon im Moment ca. zwei Liter am Tag. (Nein, unbekannte und sicher wohlmeinende Kommentatorin, Yogi Chai ist ein reiner Gewürztee und koffeinfrei. Frei, sage ich!)

Samstag, 22. Juni 2013

Liebes Würmchen,

Seit gestern bist du kein Frühchen mehr, herzlichen Glückwunsch! Heute morgen bin ich aufgewacht und habe beschlossen, darauf zu pfeifen, dass unter den Fensterbänken in deinem Kinderzimmer immer noch der Putz bröckelt und Löcher klaffen, und beschlossen, zu putzen, egal ob da noch mal der Maler durchmuss oder nicht. Ich muss noch ein paar Leitz-Ordner mit albernem Steuerkram auf den Dachboden schaffen und dort verstauen, das Regal von einem halben Kilo Staub befreien und Deinen Vater dazu kriegen, es an die vorgesehene Wand zu rücken, dann ist der Rest ein Kinderspiel. Ich glaube nicht, dass Dich Ordnung schon besonders interessiert, und Du wirst lachen: mir geht es eigentlich mit 40 Jahren immer noch genau so, aber das hier ist anders. Zu wissen, dass Du hier bald einziehen sollst, weckt in mir eine große Sehnsucht, mit dem großen Straußenfederstaubwisch, einer Flasche duftendem Öko-Reinigungsspray und riesigen Mengen Seifenwasser anzurücken. Und wenn ich eins in den letzten 40 Jahren gelernt habe, dann ist das, diese seltenen Launen zu nutzen, bevor sie wieder in den Tiefen meines Fusselhirns verschwinden.

Gestern abend war ich zum vermutlich achten Mal auf meiner "letzten Party" vor Dir, es fühlt sich langsam an wie Howard Carpendales Abschiedstournee, immer gibt es doch noch einen Abend, an dem alle trinken außer mir und ich mich gegen Mitternacht stillvergnügt in mein Auto setze und uns nach Hause ins Bettchen fahre. Und wieder mal haben bestimmt fünfzehn Menschen den Bauch mit Dir drin angefasst und uns viel Glück gewünscht. Die netten Frauen bei Edeka an der Kasse wünschen mir Glück, der Polizist, der auf dem Heimweg wissen will, ob ich was getrunken habe, wünscht mir Glück, Familie und Freunde sowieso, der Schornsteinfeger, der Klempner, die Nachbarn, die Tierärztin, alle wünschen uns Glück, und langsam habe ich wirklich das Gefühl, das könnte klappen mit uns beiden. Es könnte tatsächlich passieren, dass ich Dich demnächst, sehr demnächst sogar, gesund und rund und rosig im Arm halte. Anderen ist es doch auch passiert, wieso also nicht mir? Und ich bin sogar so optimistisch, dass ich anfange, Pläne zu machen. Ich mache Pläne, wie wir zwei zusammen zum Babyschwimmen gehen. Wer weiß, vielleicht lernst Du da Deinen besten Freund für's Leben kennen? Ich mache Pläne, mit Dir und den Hunden zwei Stunden lang durchs winterliche Moor zu schieben. Ich mache Pläne für Wochenenden in der Heide, an denen wir auf einer Decke unter Kiefern liegen und zugucken, wie die Zweige sich im Wind wiegen. Ich mache Pläne für Fahrten über den Markt, auf denen wir schönes frisches Gemüse kaufen, und dann schieben wir nach Hause, und dann mantsche ich daraus unter Deiner Aufsicht Deinen ersten Brei. Im Moment - noch ohne Schlafentzug, ohne schmerzenden Dammriss, ohne Stillprobleme und ohne erste Erkältungssorgen - freue ich mich auf alles. Auf jede vollgekackte Windel, auf winzige Wäsche, die auf dem Balkon im Wind flattert, auf mucksches Geknötter, auf Spaziergänge durch Hagel und Hitze und überhaupt. Du wirst schon wieder lachen, was Deine Mutter für eine bescheuerte, verplante Vollidiotin ist, aber ich freu mich sogar auf die Geburt.

Dieses Wochenende wird das Kinderzimmer ein Kinderzimmer, basta. Und ab Montag darfst Du gerne vorbeikommen. Ich bin zuhause.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Siri, pack doch bitte meinen Klinikkoffer zu Ende, wisch hier einmal feucht durch, und wenn Du schon dabei bist, dann krieg auch bitte gleich mein Kind für mich. Ja?

Bücher sortiert in die, die ich in den nächsten Monaten unbedingt lesen muss, und die, die auch für ein halbes Jahr verschwinden können: Haken dran.
Bücher entsprechend in den Keller geschafft oder im Schlafzimmer verstaut: Haken dran.
So dass Würmchens angehendes Kinderzimmerregal jetzt leer ist: Haken dran.
Schreibtisch ausgeräumt, so dass ihn heute Abend L. und mein Bruder aus dem Kinderzimmer auf den Dachboden wuchten können: Haken dran.
Klinikkoffer von extrem lässiger Ledertasche, die aber leider nur das Fassungsvermögen eines kleinen Schuhkartons hat, in uncoolen, aber praktischeren Rollkoffer umgepackt und im Zuge dessen gleich um mehrere wichtige Dinge ergänzt: Haken dran.
Spucktücher, die ich während der Erkältung nachts als Halstücher benutzt habe, damit nicht mein ganzes Bett mit braunem Tigerbalm verschmiert wird, in die Kochwäsche gesteckt: Haken dran. (Wehe, das geht nicht raus und ich muss neue kaufen.)
Bett für meinen Bruder klargemacht: Haken dran.
Restliche Belege für Mittagspausen etc. für 2013 für die Steuer sortiert: Haken dran.
Noch ausstehende Kreditkartenabrechnungen organisiert, gesichtet, Steuer-relevante Posten markiert und erklärt und abgeheftet: Haken dran.

Ich finde, mehr kann man von einer Dame im neunten Monat an einem Tag mit 34° nicht erwarten.

Noch offen auf der To-Do-Liste sind:
- neuer Bezug für Baby-Bay
- Bezug für Kinderwagenmatratze
- Maxi-Cosy
- Tragedings für Frischgeschlüpfte Babies

Das machen wir morgen, eine willkommene Entschuldigung, für ein-zwei Stündchen vor den Handwerkern in den Babymarkt zu fliehen.

Und dann muss noch das Paket aus England ankommen, in dem L.s Cousinchen uns ihre rausgewachsenen Baby-Sachen schickt. Die muss ich dann auch noch mal waschen und trocknen und falten.

Dann müssen die Handwerker endlich, endlich verschwinden.

Dann bauen wir noch das IKEA-Bett auf, bzw. aus bitterer Erfahrung mache ich das lieber alleine, das endet sonst mit Scheidung und alleinerziehend und all dem, IKEA können wir nicht so gut zu zweit.

Dann sollten wir noch Rollos oder licht-dichte Gardinen im Schlafzimmer und im Kinderzimmer befestigen, denn man hört ja, dass Babies in abgedunkelten Räumen besser schlafen. (Klitzekleine Schlafbrillen wären doch toll. Wobei ich mir sicher bin, irgend eine Schlaubiene hat schon wieder herausgefunden, dass die quasi direkt zum plötzlichen Kindstod führen.) Oder warten wir mit der Verdunkelung lieber, bis wir festgestellt haben, dass unser Würmchen tatsächlich nur im Dunkeln schläft? Vielleicht ja auch so.

Dann muss ich noch einmal alles putzen und feucht abwischen, durchlüften, und dann könnte es tatsächlich den Moment geben, in dem ich noch ein paar Bilder aufhänge im Kinderzimmer und wir dann auch mal fertig sind.

Laut Schwangerschafts-Apps, denen ich gestern doch mal wieder einen Höflichkeitsbesuch abgestattet habe, sind es noch 23 Tage. Warum also die plötzliche Hektik? Weil ich das dumpfe Gefühl habe, so lange dauert es nicht mehr. Mein Bauch macht komische Dinge. Und mit komisch meine ich, manchmal tut das ganz schön weh. Sind das jetzt Senkwehen? Braxton-Hicks-Kontraktionen? Ich hatte gedacht, die wären schmerzlos. Wenn das Wikipedias Vorstellung von Schmerzlos ist, dann rate ich Wikipedia dringend, es mal selbst zu versuchen. Oder ist wieder mal die blöde Endometriose Schuld, dass das so zwiebelt? Es ist jedenfalls beruhigend zu wissen, dass in einem Eppendorfer Klinik-Medikamentenlager die Zutaten für eine feine PDA warten, auf denen mein Name steht. Manchen hier wird nämlich langsam ein bisschen mulmig. Zum Beispiel dann, wenn sie auf einem zwei-Kilometer-Hundespaziergang dreimal Pause machen müssen. Oder wenn sie sich nach einer ca. 20 Gramm wiegenden Socke bücken und plötzlich das Gefühl haben, sie kommen nie wieder hoch, sondern kriegen gleich ihr Kind direkt hier unten im Waschkeller. Oder wenn sie morgens ein bisschen länger schlafen, daraufhin die Blase noch ein bisschen voller ist als sonst und das im Ergebnis dafür sorgt, dass sie es nur an der Hüfte im rechten Winkel nach vorne geknickt noch aufs Klo schaffen. Und dabei macht Würmchen bisher nur Spaß.

Oder?

Donnerstag, 13. Juni 2013

Oder Krake. Wie wär's mit einer schönen Runde in der Krake?

Das war einer der schnellsten Arzttermine meines Lebens. Nach der Geburtsanmeldung im gleichen Krankenhaus, bei der ich schon fast am Stuhl festgewachsen bin, hatte ich mit dem schlimmsten gerechnet, aber heute war ich noch nicht mal fertig mit dem Ausfüllen des Aufklärungsbogens "Äußere Wendung", da wurde ich schon aufgerufen. Drei Minuten später lag ich mit einem Haufen Glibber auf dem Bauch auf der Liege, und der Arzt sagte nur: "Nö. Kopf unten. Alles gut." Ja, gut - da habe ich mir den Glibber wieder abgewischt, meine Garderobe in Ordnung gebracht und bin wieder gegangen. Mit das dramatischste an diesem Krankenhausbesuch war der Parkplatz in der Tiefgarage. Eigentlich hätte ich meine kleine Prollkarre einfetten müssen, um da reinzukommen. Oder entsprechend mich, um aus der Karre zu kommen. Die paar Sekunden, die ich mit dem Bauch zwischen Wand und Tür feststeckte - puh! Aber vielleicht hätte man dabeisein müssen.

Die Plazenta ist weder unangenehm noch angenehm aufgefallen, sollte sie noch blöd liegen, wird meine Ärztin das wohl bei einem der nächsten Besuche feststellen. Aber zu arg kann es eigentlich nicht sein, sonst hätte man das heute wohl gesehen. "Tja, dann wünsche ich mal eine schöne Geburt" hat der Arzt noch gesagt, bevor Würmchen und ich wieder in die Tiefgarage gegangen sind, uns von Kopf bis Fuß mit Olivenöl eingefettet haben und über den Beifahrersitz zurück hinters Steuer geflutscht sind. Und wenn er sich jetzt noch mal dreht, dann drehen wir ihn eben nächste Woche.

Damit sind wir bereit für den Klassiker: das Warten. Das nächtliche Aufschrecken, falscher Alarm. Dann irgendwann richtiger Alarm, Hugh Grant verliert die Nerven, nachts um vier unter Gebrüll ins Krankenhaus, die fast überfahrene Polizeikontrolle, die nervenzerfetzend ruhigen Damen an der Rezeption im Krankenhaus, die acht Kilometer, die L. auf dem Krankenhausflur zurücklegen wird... hach...
und jetzt? Kauf ich mir doch eins dieser Bücher über Hypnobirthing?

Irgendwann, wenn Du groß genug bist, fahren Du und ich mal im Heidepark eine schöne Runde Achterbahn. Ich hab das Gefühl, daran könntest Du Spaß haben.

Das Glücksrad dreht sich weiter: gestern beim Hebammentermin lag Würmchens Kopf so ungefähr auf fünf Uhr. Heute taste ich ihn auf acht, gestern früh auf zwei. Wobei zwölf die einzig richtige Richtung wäre. Ok, um nicht zu wirr zu werden: er liegt immer noch in "perfekter" Beckenendlage. Die Wahrscheinlichkeit dafür, ich hab es nachgesehen, liegt so zwischen 3 und 5%. Zusammen mit den Wahrscheinlichkeiten dafür, gleichzeitig verstopfte Eileiter, Endometriose und Myome zu haben und der Wahrscheinlichkeit, mit fast 40, zwei nicht besonders plietschen Kryozellen und beim dreizehnten Versuch schwanger zu werden und zu bleiben, ist Würmchen wohl tatsächlich ein extrem unwahrscheinlicher Sonderfall und damit schon jetzt etwas gaaaanz Besonderes. Heute um halb zwölf haben wir einen Termin im Krankenhaus, dann gucken die sich die Lage noch mal genau an und entscheiden dann, an welchem der nächsten Tage sie ihn drehen. Die Hebamme hat mir Mut gemacht: ich hätte viel, viel Fruchtwasser, da wäre sehr viel Platz für eine Wendung, und in zwanzig Jahren im Job wäre es ihr noch nie vorgekommen, dass eine ihre Patientinnen dann spontan per Notkaiserschnitt hätte entbunden werden müssen. (Mies wäre es allerdings, wenn noch so viel Platz wäre, dass das pfiffige Würmchen sich einfach bei nächster Gelegenheit wieder zurückdreht.) Sie hat mir erklärt, dass die es wirklich meistens gut hinkriegen, vor allem, wenn noch so viel Platz ist, und wenn sie auf Schwierigkeiten stoßen, dann lassen sie es einfach. Würmchen und ich, wir haben also noch ein paar Wochen zusammen. Und dafür bin ich mehr als dankbar, denn hier ist immer noch weder ein Ende noch ein Kinderzimmer abzusehen. Ich weiß auch, dass Babys sich vermutlich nicht an herumliegenden Ziegelsteinen und Mörtelsäcken stören, dass es auch keinen Wert legt auf hübsche Wanddekoration oder saubere Fußleisten und wohl kaum mit dem Finger auf dem Rand seiner Wickelkommode langfahren wird, um zu sehen, ob es staubt. (Tut es, und wie.) Aber für mich ist das wichtig. Mich, mich, mich. Ich will ihn haben, diesen wenigstens halben Tag, in dem ich mich ganz allein mit einer Tasse Tee ins Kinderzimmer setze, die Tür hinter mir zumache, mich in den Ohrensessel setze, mich umsehe, tief durchatme und denke: jetzt kannst Du kommen, Würmchen. Kopf oder Po voran, ganz egal. Dann puste ich auf meinen Tee, rücke vielleicht noch ein Bild gerade, stelle ein paar Blumen aus dem Garten in eine Vase und erzähle Würmchen ein bisschen von seinem zukünftigen Zimmer.

Und wenn es ganz gut läuft, dann habe ich bis dahin auch diese grässliche, unappetitliche, rotäugige Erkältung in die Flucht geschlagen.

Mittwoch, 29. Mai 2013

2.500 Gramm Überraschungsei

Neue Erkenntnisse nach dem Arzttermin heute:

1. Nicht wirklich neu, aber trotzdem eine schöne Erkenntnis: es war genau richtig, zu wechseln, und zwar hierher. Auch heute hat sich meine Ärztin wieder unfassbar viel Zeit genommen, sogar so viel Zeit, dass ich der Hebamme, bei der ich direkt anschließend zur Vorsorge erscheinen sollte, kurz die Hand zur Begrüßung und zum Abschied gegeben habe, denn es gab überhaupt nichts mehr für sie zu tun, das hatte alles die Ärztin schon erledigt. Hätte ich doch nur früher gewusst, dass es auch so laufen kann.

2. Ich dachte immer, das hat irgendwas mit Studien zu tun, die die Schädlichkeit feuchten Toilettenpapiers belegen. Seit bestimmt zwanzig Jahren frage ich mich, wieso Frauenärzte auf der Toilette immer nur normales Klopapier liegen haben. Es gibt Tage, da duscht man morgens um halb acht, hat dann einen langen Arbeitstag und abends um halb sechs einen Arzttermin. Ich wollte mich immer so frisch gewaschen wie möglich fühlen, wenn ich auf den Stuhl steige, und ich dachte, das müsste doch auch im Interesse der Ärzte sein. Eine Weile lang hatte ich eine Reisepackung feuchte Tücher in der Handtasche für solche Gelegenheiten, aber ich brauchte sie zu selten, und sie sind immer vertrocknet. Heute habe ich gesehen, doch, es gibt auch Patientinnentoiletten, die mit wirklich allem ausgestattet sind, um sich frisch geduscht zu fühlen, bis auf eine Dusche.

3. Ndogo wiegt 2.500 Gramm. Das ist genau so viel wie er jetzt, sechs Wochen vor der Ziellinie, wiegen soll.

4. Die Plazenta hat sich ein bisschen zur Seite geschoben, aber noch nicht genug. Was nicht ist, kann noch werden, aber wir stellen uns schon mal vorsichtig darauf ein, dass es ein Kaiserschnitt werden könnte.

5. Ndogo hat zwar sehr brav zugenommen, aber sich immer noch nicht gedreht. Wusste ich es doch. Wie geht es jetzt weiter? Ich mache einen Termin in dem Krankenhaus, in dem ich ihn zur Welt bringen will. So in ca. drei Wochen gehe ich da hin, die versuchen, ihn von außen zu drehen, und sollte das in irgend einer Form schief gehen, können sie sofort einen Kaiserschnitt machen. Klappt es, muss nur noch die Plazenta mitspielen, und es könnte doch noch was werden mit der ganzen "Pressen, Pressen"-Folklore.

Ich könnte in drei Wochen hier liegen und statt meinem Rechner ein Baby auf dem Bauch liegen haben. Es ist nicht zu fassen.