Letztes Wochenende lag ich krank und schniefig im Bett. Der Kopf brummte zu sehr für ernstzunehmende Lektüre, genau genommen für jede Lektüre. Also habe ich mir ein paar Filme im Netz geliehen, die mir für Kino nicht gut genug gewesen waren. Einer davon war "Eat pray love". Wenn eine sagt, ich bin ungerecht, mich so über einen Film aufzuregen, den ich nur zu einem Drittel gesehen habe, hat sie Recht. Trotzdem soll man in seinem Blog ja ehrlich sein, und ich habe mich fürchterlich aufgeregt. Der Film hat mir mehr Schweiß auf die Stirn getrieben als die ca. vier Liter kochendheißer Salbeitee, die ich dazu getrunken habe.
Ich muss ein bisschen weiter ausholen, glaube ich. Hat eine von euch auch so gerne die Gilmore Girls gesehen? Alleinerziehende Mutter lebt mit blitzgescheiter Tochter in einer idyllischen amerikanischen Kleinstadt, und das Maschinengewehrmundwerk der beiden wird nur von ihrem Appetit übertroffen. In jeder Folge gibt es eine Junk-Food-Orgie aus Käsebällchen, Cookies, Eis, Pizza und M&Ms zuhause auf der Couch. Außerdem gehen sie noch zu Luke, dem charmant-granteligen Cafébesitzer. Luke macht sich Sorgen und möchte, dass die zwei ab und zu auch mal so etwas Gesundes wie Carrot Cake oder Caesar's Salad essen. Aber keine Chance! Unter einem Cheeseburger mit Fritten und doppelt Bacon tun sie's nicht. Außerdem trinken sie literweise Kaffee, und auch das macht Luke Sorgen. Offensichtlich völlig unnötig, denn Mutter wie Tochter passen locker in Größe 36 und wirken auch sonst rundum fidel. Ha! Nette Mädchen können das nämlich: Jeden Tag von Pizza, Cheesies, Speck und Kaffee leben und abends noch zum dreigängigen Menü mit Wein zu den versnobten Eltern und trotzdem dünn sein. Wie herrlich sympathisch, dass sie sich keinerlei Gedanken machen um ihre Figur, pffff!
Vor ein paar Jahren habe ich mal ein Interview gelesen mit der Schauspielerin, die Mutter Gilmore spielt. Sie wurde gefragt, ob das nicht ein Problem sei, dass sie während der Dreharbeiten ständig literweise schwarzen Kaffee trinken und tonnenweise Cheeseburger essen muss. Sie sagte (so weit ich mich erinnere), dass die meisten Einstellungen zum Glück schnell abgedreht wären und sie darum an einem halben Drehtag nur zwei-drei mal in einen Cheeseburger beißen müsste, und dass außerdem der Kaffee in Wirklichkeit koffeinfreie Cola light wäre.
Oh Gott. Was tue ich mir hier wieder an? Ich schreibe vollkommen uninformiert und blauäugig über ein so wichtiges Thema wie Essverhalten, und hinterher, wenn die giftigen Kommentare kommen, will ich es wieder nicht gewesen sein. Aber wartet mal, meine Kommentare landen doch jetzt auf einer Email-Adresse, die ich nicht mehr zwangsabfragen muss? Und ich kann mir den Shitstorm ruhig dann zu Gemüte führen, wenn es mir so gut geht, dass mir NICHTS etwas ausmachen kann? Also weiter.
Im Großen und Ganzen wissen wir ja alle, wie es geht. Wir wissen, welches Essen dick macht und welches nicht, wir wissen gleichzeitig, was wir essen wollen und was nicht, und wir wissen im Groben, was wir tun und lassen müssen, wenn wir eine bestimmte Kleidergröße für wichtig halten. Manche von uns essen vernünftig und treiben Sport und passen in Kleidergrößen um die 38, andere (zu denen gehöre ich) essen entweder gerade oder denken an die nächste Mahlzeit, und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich auf etwas richtig Lust habe, dann möchte ich auch gerne viel davon. Diese irre erwachsene "lieber gut, und dafür wenig"-Philosophie wird bei mir nie wirklich einschlagen. Und wir passen dann eben in Größe 40, 42 oder auch 46 oder mehr. Ich bin ganz sicher - und das schreibe ich nicht, um den unvermeidlichen Shitstorm wenigstens aus einer Richtung einzudämmen - man kann in jeder dieser Kleidergrößen fabelhaft aussehen. Ich weiß auch, außer unserem Ess- und Bewegungsverhalten gibt es da noch merkwürdige Drüsen-Kapriolen, Hormone, die gefühllosen Gene oder einfach nur Launen der Natur, die dann Menschen produzieren, die tatsächlich fressen können wie die Gilmores und trotzdem in Größen passen wie die Gilmores. Oder eben umgekehrt. Aber im Großen und Ganzen ist es das. Es nervt mich genau wie jede andere, dass die Unterhaltungsindustrie offensichtlich der Meinung ist, man könnte uns Frauen mit Größen über 36 nicht zumuten. Aber noch viel, viel mehr nervt mich, dass sie uns jetzt plötzlich Frauen mit Größe 36 als Vielfraße vorschummeln wollen, die sich von keinem Diätzwang der Welt kirre machen lassen. In "Eat, Pray, Love" hat Julia Roberts einen lebensverändernden, spirituellen Durchbruch, als sie einen Teller Pasta ißt. Tja, so ist das: das erste Mal vergisst du nie. Ein paar Tage später sitzt sie mit einer neuen Freundin in Neapel und isst Pizza, und die Freundin will nicht so recht reinhauen. Julia fragt, was denn los ist? Hach, die Freundin hat so zugenommen, sie hat jetzt sogar einen... einen... man mag es gar nicht aussprechen. "Rettungsring?" ermuntert sie Julia. Huhuhahaha, großer Frauensolimoment. Dann erklärt ihr Julia (nicht, dass hier ein Missverständnis entsteht: ich liebe die wunderschöne und fabelhafte Julia Roberts, sie war der Grund, warum ich mir den Film geliehen habe), dass man die Pflicht hat, wenn man in Neapel ist und die weltbeste Pizza vor sich hat, sie sich reinzupfeifen. Und was solls: gleich kaufen wir eine größere Jeans! Ein paar Szenen später liegt Julia auf dem Rücken in einer Umkleidekabine und versucht, in die Jeans zu kommen, mit vereinten Kräften schaffen sie es (wieder Frauensolimoment, jetzt sollen wir im Kino klatschen). Nicht das klitzekleinste Fettwürstchen quillt über den Rand der Jeans, die immer noch mit Sicherheit nicht größer als Jeansgröße 28 ist - aber hej, was solls? Lebensfreude ist nun mal wichtiger als irgend ein Schönheitsideal.
Also gut, ich weiß, dass ich mich aufgeregt habe. Warum, weiß ich immer noch nicht so genau. Ich weiß nur, es hat etwas damit zu tun, dass es inzwischen nicht mehr damit getan ist, dass Filme uns erzählen, nur Frauen mit Größe 36 wären schön. Jetzt erzählen sie uns, Frauen mit Größe 36 wären die, die drauf pfeifen, dünn zu sein, und lieber das Leben in vollen Zügen genießen. "Meine Jeans bringt mich um". Hm-Hmmmmm.
Meine Damen, dieser Post wurde geschrieben in einer viel, viel, viel zu engen Jeans im Sitzen auf unserem neuen Balkon. Gott segne diesen fabelhaften Balkon und verdamme diese Jeans.