Morgen beginnt die dreißigste Woche. Ok, wo finde ich jetzt einen Arzt, der mir schnell, sauber und zuverlässig ein Stück Gummi in die Bauchdecke einsetzt? Ich habe keine Ahnung, was da noch kommen soll. Nicht, dass der Bauch von außen schon so gewaltig aussieht. Aber ich fühle mich (spätestens seit dem Verzehr dieses böhmischen Todespuffers) egal ob hungrig oder vollgegessen immer so, als würde ich gleich platzen. Noch eine Minute, dann ist es so weit. Da geht nichts mehr. Wer hätte gedacht, dass acht Kilo Gewichtszunahme so viel sind? So unfassbar viel? Wenn es wirklich die empfohlenen 13 werden, kann ich am Ende ganz froh über dicke Hand- und Fußgelenke sein, denn jedes Gramm, das ich nicht auch noch unter meine Bauchdecke quetschen muss, ist eine echte Erleichterung. Außerdem habe ich spätestens jetzt den Entschluss gefasst, bei aller Liebe zum Essen niemals richtig dick zu werden. Ich habe schon immer sehr dicke Menschen bis fast zu Tränen bewundert, die sich trotz ihrer riesigen Bäuche zu Sport - und dann auch noch Ausdauersport - aufraffen. Ich gehe durch mein Fitnessstudio, sehe ein Frau von 130 Kilo auf dem Laufband und muss mich schnell abwenden, sonst muss ich weinen. Wie anstrengend das sein muss, wie frustrierend, bestimmt auch wie schmerzhaft, wie dämlich man sich dabei vorkommt und wie viel Mut und Tapferkeit und Todesverachtung dazugehört, es trotzdem zu tun, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Bzw. konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, denn seit Neuestem gehöre auch ich zu denen, die erbleichen bei der Nachricht, dass morgen der Fahrstuhl den ganzen Vormittag ausfällt und das bedeutet, dass ich in den sechsten Stock zu Fuß muss. Noch vor einem halben Jahr war ich stolz darauf, jedes Mal freiwillig die Treppe zu nehmen und die Strecke in unter einer Minute zu schaffen. Vorbei. Auch wenn ich in Wien überglücklich und dankbar dafür war, immer noch viele Stunden jeden Tages mit anstrengendem Großstadt-Gelatsche zubringen zu können, die Hundespaziergänge wuppe und sogar ab und zu meine Gymnastik mache, wird die Aussicht auf Aktivität immer weniger verlockend. Egal, wie nett die geplante Unternehmung ist, ich bin trotzdem sehr froh, wenn sie erst hinter mir liegt. Würde mir jetzt jemand sagen: 'Flora, wir haben uns alle nochmal beraten und nach ärztlicher Konsultation beschlossen, den Rest dieser Schwangerschaft bleibst Du bitte auf dem Sofa liegen. Babyzimmer, Reisen, Job, Hunde, Haushalt - überlass einfach alles uns, mach Dir keine Gedanken! Und welche Sorte Ben&Jerry's können wir Dir vom Supermarkt mitbringen?' dann wäre ich glatt dabei und würde vor Freude in die Hände klatschen. Der Steiß bröckelt, ich schnaufe wie eine Dampflok mit verstopften Ventilen, ich mag nicht mehr, weder können noch müssen. Und dem nächsten Kollegen, der mir irgendwelche Termine für August unterbreiten will, obwohl ich doch mit deutlich sichtbarem Riesenbauch zwölfmal täglich an seinem verglasten Büro vorbeiwatschele, wickele ich sanft mein Stillkissen um den Hals und erwürge ihn.
Habe ich neulich noch meine Ubahn-Mitfahrer so gelobt? Jetzt ist es so weit: eigentlich bin ich inzwischen deutlich sichtbar die, für die man einen der markierten Plätze frei macht. Das ist bisher noch null mal passiert. Jede zweite Fahrt verbringe ich im Stehen, während sich ziemlich gesund aussehende Männer sitzend mit ihrem Smartphone beschäftigen. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht, und die haben alle ein Holzbein. Vielleicht sollte ich auch energischer auf meinem Recht bestehen und bin selbst Schuld. Vielleicht sind das auch einfach rücksichtslose Arschlöcher, denen hoffentlich niemals jemand einen Platz anbietet, wenn sie mal alt und klapprig sind. Oder im achten Monat.
Was ist sonst noch?
Ich hab das dumpfe Gefühl, der Ton hier verschärft sich gerade etwas und wird sich noch weiter verschärfen. Die Frage ist nicht, ob das passiert. Auch bei mir, der bisher die Babywelt von Innen einigermaßen fremd war, ist inzwischen angekommen, dass da draußen einiges los ist, sobald man die bösen Themen (Stillen etc.) anschneidet. Bzw. dass Themen, über die man immer dachte, friedlich nachdenken, schreiben und sprechen zu können, auf einmal böse Themen sind. Die Frage ist nur, wie ich damit umgehe. Denn da das nicht alles Trolle sind, ist der Klassiker unter den Troll-Reaktionen - stoisches Ignorieren - wohl keine Option. Lösche ich in Zukunft die schlimmsten Ausrutscher? Oder hänge ich jede Woche eine Stunde meiner Zeit daran, das alles zu lesen und erst dann zu entscheiden, was ich veröffentliche und was verschwindet und den Gürtel aus Weltraumschrott um diesen Blog anwachsen lassen wird? Auch doof, denn manchmal vergehen drei-vier Tage, an denen ich nicht dazu komme, mich um den Blog zu kümmern (auch das wird sicher nicht besser in Zukunft), und es ist bestimmt frustrierend, einen sorgfältig formulierten Kommentar abzuschicken, und drei Tage später ist er immer noch nicht veröffentlicht. Will ich uns vielen, vielen netten Abkürzungs- und Ex-Abkürzungs- bzw. nicht eigentlich Abkürzungs-, sondern einfach nur zum Glück um den ganzen Abkürzungskram drumrumgekommen Damen so das Leben schwer machen, nur weil da ein paar doofe Ranzschnecken auftauchen, die niemand gerufen hat? Oder schreibe ich nur noch über Dinge, die garantiert niemanden aus dieser Fraktion auf den Plan rufen? Das wäre so sterbenslangweilig, da kann ich es auch lassen.
Mal sehen.
spaghetti aglio e olio
vor 1 Woche