Donnerstag, 13. Juni 2013

Irgendwann, wenn Du groß genug bist, fahren Du und ich mal im Heidepark eine schöne Runde Achterbahn. Ich hab das Gefühl, daran könntest Du Spaß haben.

Das Glücksrad dreht sich weiter: gestern beim Hebammentermin lag Würmchens Kopf so ungefähr auf fünf Uhr. Heute taste ich ihn auf acht, gestern früh auf zwei. Wobei zwölf die einzig richtige Richtung wäre. Ok, um nicht zu wirr zu werden: er liegt immer noch in "perfekter" Beckenendlage. Die Wahrscheinlichkeit dafür, ich hab es nachgesehen, liegt so zwischen 3 und 5%. Zusammen mit den Wahrscheinlichkeiten dafür, gleichzeitig verstopfte Eileiter, Endometriose und Myome zu haben und der Wahrscheinlichkeit, mit fast 40, zwei nicht besonders plietschen Kryozellen und beim dreizehnten Versuch schwanger zu werden und zu bleiben, ist Würmchen wohl tatsächlich ein extrem unwahrscheinlicher Sonderfall und damit schon jetzt etwas gaaaanz Besonderes. Heute um halb zwölf haben wir einen Termin im Krankenhaus, dann gucken die sich die Lage noch mal genau an und entscheiden dann, an welchem der nächsten Tage sie ihn drehen. Die Hebamme hat mir Mut gemacht: ich hätte viel, viel Fruchtwasser, da wäre sehr viel Platz für eine Wendung, und in zwanzig Jahren im Job wäre es ihr noch nie vorgekommen, dass eine ihre Patientinnen dann spontan per Notkaiserschnitt hätte entbunden werden müssen. (Mies wäre es allerdings, wenn noch so viel Platz wäre, dass das pfiffige Würmchen sich einfach bei nächster Gelegenheit wieder zurückdreht.) Sie hat mir erklärt, dass die es wirklich meistens gut hinkriegen, vor allem, wenn noch so viel Platz ist, und wenn sie auf Schwierigkeiten stoßen, dann lassen sie es einfach. Würmchen und ich, wir haben also noch ein paar Wochen zusammen. Und dafür bin ich mehr als dankbar, denn hier ist immer noch weder ein Ende noch ein Kinderzimmer abzusehen. Ich weiß auch, dass Babys sich vermutlich nicht an herumliegenden Ziegelsteinen und Mörtelsäcken stören, dass es auch keinen Wert legt auf hübsche Wanddekoration oder saubere Fußleisten und wohl kaum mit dem Finger auf dem Rand seiner Wickelkommode langfahren wird, um zu sehen, ob es staubt. (Tut es, und wie.) Aber für mich ist das wichtig. Mich, mich, mich. Ich will ihn haben, diesen wenigstens halben Tag, in dem ich mich ganz allein mit einer Tasse Tee ins Kinderzimmer setze, die Tür hinter mir zumache, mich in den Ohrensessel setze, mich umsehe, tief durchatme und denke: jetzt kannst Du kommen, Würmchen. Kopf oder Po voran, ganz egal. Dann puste ich auf meinen Tee, rücke vielleicht noch ein Bild gerade, stelle ein paar Blumen aus dem Garten in eine Vase und erzähle Würmchen ein bisschen von seinem zukünftigen Zimmer.

Und wenn es ganz gut läuft, dann habe ich bis dahin auch diese grässliche, unappetitliche, rotäugige Erkältung in die Flucht geschlagen.

Dienstag, 11. Juni 2013

Eiliger, sogar besonders eiliger Aufruf:

Gibt es irgendwo in Hamburg eine Abkürzungsdame, die dank Eizellenspende schwanger ist und bereit wäre, sich morgen um die Mittagszeit kurz darüber zu unterhalten? Meine ORF-Interviewdame ist gerade gegangen, es war ein sehr, sehr nettes Gespräch, ich kann sie als Interviewpartnerin nur jedem wärmstens ans Herz legen! Für ihr mehrteiliges Radio-Kolleg zum Thema Kinderwunsch sucht sie jetzt noch nach genau so einer Dame, was sich in Wien ähnlich schwierig gestaltet wie hier. Sollte hier eine sein, bitte per Kommentar melden, irgendwie kommen wir bestimmt zusammen. 1000000 Dank schon mal im Voraus!

Unseren Tee nehmen wir heute mal im Jahr 2010

Heute nachmittag besucht mich eine nette Dame vom ORF, um sich mit mir über Kinderwunschbehandlungen zu unterhalten. Wäre das wohl spektakulär, wenn ich währenddessen Würmchen auf einer Picknickdecke im Garten zur Welt bringe, Steißlage und alles? (Und wieder mal bin ich aus unzähligen Gründen froh, dass das eine Radio-Reportage wird.) Bis dahin muss ich alles versuchen, um meine Stimme irgendwie auf Normalniveau zu bringen. Die Erkältung, die L. mir vor ein paar Tagen verpasst hat, ist nämlich auf dem Ekligkeits-Siedepunkt. Sonst werde ich schon leider sehr brüchig und leidgeprüft klingen, und genau so soll es sich nicht anhören, wenn es nach mir geht.

Eigentlich sollte sich das Ganze fast anfühlen wie eine Reise im Zeitmaschinchen: Kinderwunschzeit, das war doch letztes Jahr, jedenfalls früher. Aber ich lese mir die Fragen durch, die sie mir schon mal vorab geschickt hat, und es ist alles noch genau so wahr und da wie irgendwann 2010. Wir sind immer noch ein Kinderwunschpaar, nur eben eins, das zur Abwechslung mal Glück hatte. Wie war das, als ich erfahren habe, dass das nichts wird mit "Huch, ich bin schwanger"? Was habe ich zum Thema Loslassen zu sagen? Wieso hat es jetzt geklappt und früher nicht? Wie sind wir mit den Enttäuschungen umgegangen? Wie hat sich mein erster IVF-Zyklus angefühlt, meine erste Spritze? Ich hoffe, die Dame vom ORF wird nicht enttäuscht sein, aber ich musste nicht das Wochenende damit zubringen, alte Tagebücher und den Blog zu durchforsten, denn die Antworten sind alle noch genau so klar wie vor der Schwangerschaft. Das geht fast aus dem Stegreif.

Was mich aber interessieren würde: wie war das bei euch, liebe Abkürzungsdamen, bei denen es auch irgendwann geklappt hat? War das Abkürzungskapitel irgendwann vorbei? Oder ist es immer noch genau so präsent, auch ohne Blog, der das Flämmchen weiter am brennen hält? Wie lange hat es gedauert, bis ihr euch einigermaßen entspannen konntet - jedenfalls bis auf das Niveau, auf dem sich auch "natürlich" Schwangere irgendwann mal gemütlich einrichten? War es euch überhaupt wichtig, das hinter euch zu lassen? Natürlich war ich froh, dass die Angst irgendwann nicht mehr ganz so allgewaltig war, aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wichtig ist es mir - unser Kind ist nach vier Jahren Spritzen und Warteschleifen entstanden, das ist eben so. Und die Angst habe ich vermutlich mindestens genau so stark der Fehlgeburt zu verdanken wie der langen Kinderwunschbehandlung, und Fehlgeburten können ja leider leider auch Nicht-Abkürzungsdamen erleiden.

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich zum ersten regulären Termin bei meiner Ex-Frauenärztin am Tresen stand und mit der Sprechstundenhilfe besprach, warum ich hier bin, und sie mit so klitzekleinem Mäusestimmchen ihre Fragen stellte, dass ich keinen Piep verstanden habe: nach der Kinderwunschbehandlung, in welcher Klinik wir waren, wann genau der Transfer war. Und es war auch egal, dass ich bestimmt dreimal gesagt habe "Wie bitte? Sie können ruhig laut sprechen, das ist mir wirklich überhaupt nicht peinlich", ohne dass es irgendwas genützt hätte.

So. Jetzt backe ich noch einen Rhabarberkuchen und überlege mir, an welchem Ort des Hauses es gerade am wenigsten staubt und kracht, damit wir uns da niederlassen können.

Samstag, 8. Juni 2013

Aus unserer beliebten Reihe "Frauen sind zum Anquatschen, Wegdrängeln und Rumschubsen da".

Ich stehe an der Tankstelle am Ende der Waschstraße im Schatten und warte darauf, dass die Jalousie hochfährt und ich mein Auto wiederbekomme. Ich stehe auf dieser Seite, weil auf der anderen Seite der Scooter-artige Vollproll steht, der gerade versucht hat, mich von meinem Platz wegzudrängeln und mich drei Minuten lang angeschnauzt hat, damit ich ihn vorlasse, was ich aber nicht getan habe. Darauf bin ich ein bisschen stolz (GANZ kleine Schritte machen wir gerade...), aber habe trotzdem keine Lust, mir jetzt weitere zehn Minuten lang sein ungedämpftes "Schwangere Megafotze"-Gemaule durchs offene Autofenster anzuhören. Darum stehe ich hier. Drei Meter neben einem zweiten, älteren Vollproll, der unter lautem Technogedröhne seinen Clio auf Hochglanz poliert. Ich gucke nicht hin. Ich gucke betont weg. Sein Clio interessiert mich offensichtlich nicht.

Ist aber auch egal.

"Der ist jetzt so sauber, da kannste von essen. Hmmmmm."

"Den kannste jetzt ablecken, jaaaaaa. Schlabber-Schlabber."

"Naaaaa, willste gar nicht mal gucken?"

"Mit Liebe muss man das machen. Viiiiiiel Liebe."

"Findste doch auch gut, Liebe, oder?"

An manchen Tagen gefühlt 50% aller Männer, ich wünsche mir inbrünstig, dass euch irgend eine miese, unappetitliche und sehr schmerzhafte Männerkrankheit einfach wegputzt, damit der Rest der Welt endlich Ruhe hat. Oder wenigstens eure miesen Haarprodukte könnten euch ausgehen, ohne dass ihr daran gedacht habt, Nachschub zu kaufen, was dann natürlich die Schuld eurer Frauen, Freundinnen und Mütter wäre.

36. Woche.

Gewicht: 77 Kilo. Wehwehchen: Verstopfung wegen Eisentablette, dafür keine Kreislauf-Zusammenbrüche mehr, woraus ich mal schließe, dass die auch mit Eisenmangel zu tun hatten, und wieder mal die Zähne fletsche, dass meine alte Ärztin danach irgendwie nie geguckt hat, auch wenn ich schon seit dem vierten Monat regelmäßig fast umkippe. Oder auch tatsächlich. Rechtes Knie tut übel weh, aber nur, wenn ich es erstens beuge und mich zweitens daraufstütze, also tue ich das einfach nicht mehr und verschiebe die Behandlung auf hinterher. Andere besondere schwangerschaftsbezogene Vorkommnisse: Würmchen turnt wie ein Weltmeister, so lange es noch geht. Im Moment dreht er sich hin und her wie ein aus dem Ruder gelaufenes Glücksrad. Ob sein Kopf nächste Woche wohl auf Kaiserschnitt, auf normale Geburt oder auf eine Waschmaschine zeigt, werde ich jetzt einfach in Ruhe abwarten. Die Kurzatmigkeit ist besser geworden (angeblich eine der angenehmen Nebenwirkungen, wenn Babys Kopf irgendwann fest im Becken sitzt - als ob), aber diese heftigen Tritte und Herumwurschteleien sind schon gruselig. Ich kann mir noch so sehr vornehmen, jede Aktivität meines Kindes mit Freude, Mutterliebe und Wärme zu begrüßen, im ersten Moment denke ich immer noch jedes Mal "HUAAAAAAARG!". Die Leinengänge (also morgens und abends) mit den Hunden sind jetzt fest in L.s verantwortungsvolle Hände gelegt, aber den Mittagsgang mache ich manchmal noch, wenn mir danach ist, und gerade ist mir danach. Endlich Sonne und grün und warme Winde, es macht Spaß, langsam und gemächlich mit den Hunden am Flüsschen entlangzuwatscheln.

Die Fenster sollten eigentlich am Dienstag, "spätestens Dienstag, plus-minus (Minus. Hm-hm.) zwei Tage" komplett fertig sein. Also fertig wie in fertig, versprochen, kein Bauteil fehlt mehr, alles sieht proper und schön aus, die Handwerker verabschieden sich und kommen auch nicht wieder, es sei denn, wir rufen sie. Leider, leider... Also leider dauert das nun noch mindestens drei Wochen. (Mach acht draus, würde ich sagen.) Aber einer der netteren Fensterboys hat mir nun auch noch mal versprochen, versprochen, hoch und heilig versprochen, dass nächste Woche das Kinderzimmer fertig wird. Und mit etwas Glück sieht es dann so aus, dass wir nicht sofort streichen MÜSSEN. Ich könnte den halben Tag heulen, tue ich aber nicht. Dazu ist das Wetter auch zu schön. Und auf der Sonnenseite steht außerdem auch noch, dass der miese, anzügliche Vorarbeiter inzwischen wohl einen anderen Einsatzort gefunden hat und sein Frettchengesicht hier seit Tagen nicht gezeigt hat. Ansonsten ist es ein bisschen einsam auf der Sonnenseite. Mein Nestbautrieb verkapselt sich gerade irgendwo tief drinnen zu einem Magengeschwür, vermute ich mal, und ich kann mir kaum noch vorstellen, dass wir irgendwann mal nicht mehr ab sieben Uhr mit diesen fremden Männern zusammenleben, die ständig überall herumstapfen und Dreck machen, dass sich irgendwann ein Hauputz mal wieder für mehr als zwanzig Minuten lohnt, dass wir irgendwann unsere Fenster mit richtigen, ernstgemeinten Griffen öffnen und schließen und nicht mehr mit diesem einen gummiüberzogenen Baustellengriff, der immer gerade weg ist, weil man ihn von Fenster zu Fenster mit sich herumschleppen muss, dass unser Haus irgendwann mal wieder uns gehört und dass ich tatsächlich irgendwann solche Sachen machen kann wie Regale einräumen oder Bilder aufhängen. Diese beschissenen Fensterboys haben meine Ferien und mein Kinderzimmer gestohlen, so sieht es nämlich aus.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Erledigungsmarathon: Kilometer 9 bis 14.

1. Die Fenster.
Irgendwie wird alles immer, immer schlimmer, aber weil heute noch die Fenster im Kinderzimmer endgültig fertig werden - samt Regenschiene, Innenfutter und was weiß ich was für Fachbegriffen - kratzt mich das kaum noch. Ommmmmm. Seit gestern sind nicht nur die Fensterboys, sondern auch die Maurer im Haus, nach letzter Zählung sind nun sechs Männer damit beschäftigt, in dem Moment reinzukommen, in dem ich auf dem Klo sitze und mich mit den Nebenwirkungen der Eisentablette herumplage. Seit zwei Tagen werden außerdem jeden Abend die großen Löcher zwischen Wohnzimmer und Straße mit dicken Spanplatten vernagelt, und hätten L. und ich jemals vorgehabt, in unserem Wohnzimmer eine Swingerparty zu feiern, wäre jetzt der perfekte Moment dazu - wären da nicht die Quadratkilometer von Malerfolie, das Geröll usw. Und natürlich mein Neunmonatsbauch, klar. Stündlich gibt es neue schlechte Nachrichten. Eine bisher als grundstabil geltende Mauer ist plötzlich nur noch Brösel. Dämm-Material von 1927 macht ausgerechnet jetzt schlapp. Steine, die vorher zu einer hübschen Zierleiste vermauert waren, passen da plötzlich nicht mehr hin, wo sie gestern noch maßgeschneidert gesessen haben, und jetzt will der Handwerker das entstandene Loch "einfach praktisch mit Blech abdecken" - non? Ich denke nein. Aber das ist alles egal. Denn heute noch, versprochen, heute noch, wird das Kinderzimmer fertig. Zwar droht neue Komplikation, weil L. jetzt plötzlich der Meinung ist, wir bräuchten keinen Maler, er könnte das selbst, aber das warte ich mal in Ruhe ab und raufe mir die Haare, wenn es dazu einen Anlass gibt. Wer hätte gedacht, dass ein Marathon so entspannend sein kann?

2. Ikea.
Es gab das ausgesuchte Bettchen nicht, also haben wir ein anderes genommen, das wir außerdem gleich mitnehmen konnten. So einfach kann es sein! Dazu eine Matratze, die bei Ökotest mit sehr gut getestet wurde, zwei Packungen der weißen Superwaschlappen, ein geringeltes Babybadehandtuch mit Kapuze, zwei Schlafsäcke für Neugeborene, eine Babywanne, ein Matratzenschoner, eine Matratzenauflage, drei winzige Spannbetttücher, KEIN Nestchen (nachdem ich jetzt oft genug gehört habe, bei den ganz kleinen sollte man das lassen), zwei Packungen schöne Spucktücher, zwei Frottee-Dinger zum Abdecken der Wickeltischauflage (die leider ausverkauft war bis August), ein Dreierset Plastekanister zum seitlich Einhängen am Wickeltisch, vier Körbe für die Expedit-Fächer in weiß und eine solarbetriebene Lichterkette für L.s bevorstehenden Geburtstag. Um L.s Nerven zu schonen und weil die Zeit knapp war, hatte ich mir einen Generalstabsmäßigen Schlachtplan gemacht. Ich schwöre, wir waren keine 30 Minuten in dem Laden. Und schon wieder habe ich ein paar Sorgen weniger. Die Wickeltischauflage habe ich jetzt gerade bei amazon bestellt, genau wie eine leichte, gestrickte Babydecke. Gestern habe ich außerdem die vor Ewigkeiten gekaufte antike Wiege aus dem Sauerland zusammengebaut, sehr hübsch ist sie, aber es scheint nicht möglich zu sein, dafür eine passende Matratze zu finden. Macht nichts, habe ich mir überlegt: viel Zeit wird Würmchen darin sowieso nicht verbringen (mit verschiedenen Leihgaben hat er jetzt die Möglichkeit, sich an fünf verschiedenen Orten lang zu machen), viel wiegen wird er auch noch nicht und Rückenprobleme werden noch eine ganze Weile auf sich warten lassen - wir falten einfach eine dicke Wolldecke passend und decken sie mit einer leichten Strickdecke ab, dann hat er es darin wunderbar weich. Bevor wir nun anfangen, Kaltschaum zuzuschneiden - nee.

3. Der Steuerkram.
Ist fertig bis auf eine klitzekleine Kleinigkeit. All die Zettelchen, die in den letzten Jahren mein Portemonnaie zu grotesken Ausmaßen ausgebeult haben, sind säuberlich sortiert und in beschrifteten Umschlägen verstaut, die Handyrechnungen chronologisch abgeheftet. Meine Steuertante wird begeistert sein. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass meine Bank mir meine gesammelten Kreditkartenabrechnungen schickt, dann packe ich den Kram ins Auto und fahre ihn schnell vorbei. Wenn man bedenkt, wie tüchtig und ruhig ich mich fühle, nachdem ich so eine Mistarbeit erledigt habe, sollte ich mich eigentlich darum reißen.

4. Der Erste-Hilfe-Kurs für Babys.
Es gibt einen Anfang Juli in meiner neuen Praxis. Entweder, dann ist Würmchen schon da, dann wird es natürlich schwierig, mich einfach fünf Stunden auszuklinken. Oder ich bin kurz vorm Platzen. Weil der nächste Kurs aber erst Ende September ist, melde ich mich dazu jetzt trotzdem an.

Und jetzt liege ich auf einer Decke im Garten, trinke koffeinfreien Eistee, und ob die Handwerker das bei ihren Fensterarbeiten sehen können und mich für eine stinkfaule Drohne halten, ist mir piepschnurzegal. Und einatmen, ausatmen.

Würmchens Kopf war heute morgen wieder nicht zu tasten, woraus ich freudig geschlossen habe, dass er unten im Becken verstaut war. Jetzt ist er irgendwo da, wo ich sonst meinen Blinddarm vermute. Spannendes Kind habe ich da, oder?

Mittwoch, 5. Juni 2013

Einige Erkenntnisse, diese Schwangerschaft betreffend, in letzter Minute.

Vor vielen Jahren hatten wir mal eine Bekannte (das heißt, wir haben sie immer noch, wir sehen sie nur nie), die war sehr, sehr dünn. Giraffendünn. Also groß und unfassbar grazil. Immer, wenn ich sie so gesehen habe, vor allem von der Seite betrachtet, dachte ich mir: schön schön, aber wo hat sie nur ihre Organe? Wie kann das gehen? Jetzt weiß ich: man kann monatelang einen Großteil seiner lebenswichtigen Organe im Empire-Stil tragen und trotzdem wunderbar leben. Naja, wunderbar ist was anderes, man wird ein bisschen kurzatmig, beim Fußnägelschneiden erleidet man vor Beklemmung fast eine Panikattacke, und letzte Nacht hatte ich das Gefühl, mein Magen wickelt sich gerade um meinen Kehlkopf, aber es geht. Es geht!

Welche Entscheidung man auch immer trifft, die Schwangerschaft, Geburt und Hege und Pflege des Kindes betreffend, immer, wirklich immer wird sich eine Krösa-Maja finden, die einem erzählt, damit würde man das Kind kaputtmachen. (Erinnert ihr euch an Krösa-Maja? Das war die Alte, die bei Michel auf dem Kattult-Hof immer in der Küche herumsaß und von Typhus und Blutvergiftung erzählte. Sie meinte es nur gut!) Das Gute: beim ersten, zweiten und dritten Mal wirft einen das noch aus der Spur und treibt einen in die Arme von Dr. Google. Aber das lässt irgendwann nach, und man entwickelt eine sonnige Gelassenheit. "Serenity now!" hieß das bei Seinfeld.

Mein Bauch hatte lange Zeit Ruhe vor fremden Tätschlern. Aber dann, eines schönen Tages, ging es los und gab aber auch sofort kein Halten mehr. Letzte Woche hat der Schornsteinfeger mir lange und innig seine kohlschwarze Pranke auf das weißgestreifte Mini-Kleid gelegt, das ich gerade als Oberteil trage. "Das bringt Glück", grinste er. (Und das gute Sensitiv-Öko-Color-Waschmittel von Budni hat es auch 1a wieder hingekriegt. Also hatte er wohl Recht.) Vorgestern stand ich beim türkischen Gemüsehändler, als eine Frau in der benachbarten Bierkneipe aufsprang, zu mir gerannt kam, mir dreimal ihren Zeigefinger in den Bauch piekte und schrie: "Daaaaaaa ist ein Junge drin!". Und so geht das jetzt jeden Tag. Und es macht mir weniger aus als gedacht.

Ich bin wohl einfach nicht der Shoppingtyp. Ich bin tatsächlich imstande, einen Babymarkt zu betreten und mit leeren Händen wieder zu verlassen, und das mit gut gedeckter EC-Karte. Ein großes Glück ist allerdings, dass der Berliner Babymarkt in Berlin ist und nicht hier. Da würde ich vermutlich morgens schon auf der Schwelle stehen und aufgeregt mit meinem Portemonnaie winken, wenn sie aufmachen. (Babykorb heißt der Laden und ist in der Bundesallee. Sieht von außen nach gar nichts aus, ist aber von innen mit ganz tollen Sachen vollgestopft, von denen man erst denkt, was ist das denn, um dann zwei Minuten später zu denken, das brauche ich aber unbedingt.)

Eisentabletten sollte man eigentlich immer nachts nehmen. Auf diese Weise verschläft man einfach den schlimmsten Teil des rostige-Zunge-Phänomens. Und der Klotrick funktioniert 1a: heute Nacht hatte ich die Wahl, ob ich das Tablettchen um eins, um zwei oder um vier nehme und habe mich für vier entschieden.


Liebe Damen, außerdem habe ich zu berichten, dass das Würmchen sich gestern Abend mit viel Tamtam gedreht hat. In meinem Bauch war so viel Bewegung, dass man das durch eine dicke Bettdecke und die Tagesdecke darüber gesehen hat. Das Gefühl war irgendwo zwischen ulkig, gruselig, "nochmal bitte!" und nackter Panik. Noch im Schlaf war ich überglücklich, denn dadurch haben wir zumindest mal zwei weitere Wochen gewonnen, könnte ich mir denken, und kommen um die Hauruck-Nummer im Krankenhaus herum.

Dachte ich. Heute morgen war Würmchens Kopf wieder da, wo er die letzten Wochen immer schon war. Es scheint ihm zu gefallen da. Aber wer weiß, vielleicht tut er mir den Gefallen ja nochmal?


Dienstag, 4. Juni 2013

Erledigungsmarathon: Kilometer 1-8.

Das mit der Krankenkasse und dem Mutterschutzgeld ging wider Erwarten easy-popeasy: zwar kam das Ganze kurz ins Stocken, als ich feststellte, dass das einzige im Netz vorhandene Antragsformular schon sehr auf angestellte Bald-Mütter zugeschnitten ist, aber ich habe dann kurzerhand den Papierkram zusammengepackt und bin zur nächstgelegenen Filiale gefahren. Da allerdings ging es noch mal rund: ich war schon am Einparken, als ein Fuchs von einem Rentner mir den Parkplatz wegnehmen wollte. Ungerührt habe ich weitergemacht, was ihn dann dazu brachte, sich mit hochroter Birne und gesträubtem Haarkranz an meinem Fenster aufzubauen und rumzubrüllen. Weiterhin sonnig lächelnd bin ich ausgestiegen und mit einem "Entschuldigung, darf ich mal? Ich hab hier noch zu tun" an ihm vorbeigeschoben. Daraufhin ist er mir nachgelaufen, um mir nachzuweisen, ich hätte im zu dem Parkplatz gehörigen Geschäftsgebäude ja wohl gar nichts zu tun sondern wollte "nur shoppen". Und da habe ich mir inständig gewünscht, er würde jetzt bitte die Polizei rufen. In sich hatte er diesen Impuls auf jeden Fall, das war der Typ, der als Hobby Falschparker aufschreibt und verpetzt. Wäre das schön gewesen! Ich mit glasklarem Krankenkassen-Anliegen und Neunmonatsbauch, er mit nüschte außer offensichtlich erhöhtem Schlaganfallrisiko. Hihihi... hat er aber nicht, zu schade. Und der Antrag war dann auch binnen fünf Minuten ausgefüllt und erledigt.

Im Babymarkt war ich gerade, leider ohne richtig greifbaren Erfolg, denn in meinem Schwangerentran hatte ich vergessen, vorher das Wickeldings auszumessen und nachzusehen, ob unser gebraucht übernommenes Babybay das Original- oder das Maximodell ist. Dafür war nebenan ein dm (zu denen ich eigentlich nie gehe, weil ich gerüchteweise gehört habe, die würden unserem heißgeliebten Budni hier das Wasser abgraben wollen, und auf Budni lasse ich nichts kommen, aber wenn die Blogdamen so gute Tipps geben...), und da habe ich dann eine Packung Ökowindeln für Neugeborene, zwei Schnuller für korrekte Zahnstellung in weiß und blau, eine Tube Windsalbe, eine Schachtel Bio-Stilltee, eine Schachtel Baby-Kleenex und einen biobaumwollenen Strampelsack gekauft. Bei normaler Kleidung bremse ich mich, so gut es geht, denn am 8. Juni kommt L.s Cousine aus London angeflogen, im Gepäck eine Riesenladung Babykleidung. Ihr Junge, der im März geboren wurde, ist von Anfang an so irre gewachsen, dass die erste und zweite bis dritte Größe jetzt schon zu klein sind, das dürfen wir alles erben. Und vor dem 8. Juni wird Würmchen doch wohl hoffentlich nicht kommen? Bitte?

Die Fenstermänner tun, was sie können (tun sie wirklich, ich gucke alle fünf Minuten nach, und wehe, wenn nicht), aber unser altes Haus macht ihnen gerade einen Strich durch die Rechnung. Zwei Erker, die neu befenstert werden sollten, erweisen sich als total marode und müssen jetzt neu gemauert werden, bevor man auf den Schutt jetzt noch neue Fenster setzt. Zum Glück ist das im Erdgeschoss und nicht im Kinderzimmergeschoss, und ich hoffe und bete (und habe das jetzt auch schon so oft zu jedem Beteiligten gesagt, die Platte hat echt einen Sprung), dass das Kinderzimmer davon unbeschadet fertig wird. Achtet nicht auf uns, ist egal, ob wir im Geröll und mit Sperrholzplatten statt Fenstern leben! So lange nur Würmchen ein kleines, friedvolles und intaktes Reich hat. Morgen kommt ein Maurer und sieht sich das Schlamassel an, ich denke mal, ich werde auch zu früher Stunde schon nicht an Wimperntusche und Lippenstift sparen.

Die Rosen habe ich übrigens auch hochgebunden. Ich weiß, ich sollte gerade andere Prioritäten haben, aber erstens ist das mal eine Aufgabe gewesen, die null Muskelkraft erfordert, und zweitens sind die Rosen das einzige, was bei mir wirklich beeindruckend wächst, und inzwischen haben wir fast so etwas wie eine Beziehung - und wenn die Ausleger noch lange auf der Erde herumgelegen hätten, dann hätten sie über kurz oder lang die Hunde abgeknickt, und das hätte mich ehrlich bekümmert.

Ich habe meine Papiere zur Hälfte sortiert, ich gebe zu, zur einfacheren Hälfte, aber immerhin. Extrafleißschweinchen gibt es dafür, dass ich das alles bei strahlendem, wunderschönem Atlantik-Wetter mache, nachdem es hier wochenlang nur geschüttet hatte. Andere gehen ein Eis essen, ich mache die Steuer, da ist doch ein Lob wohl mal angebracht? Heute jedenfalls müsste ich damit fertig werden.

L. selbst hat es zwar vermutlich schon wieder vergessen, aber er hat sich plattquatschen lassen, noch diese Woche mit mir sowohl zu Ikea als auch in die Agentur zu fahren.

Soweit. Das geht doch eigentlich ganz gut voran, oder?

Und dann hab ich noch zu berichten, dass ich seit gestern Eisentabletten schlucke, genauer gesagt ferro sanol duodenal (wieso denke ich immer an "Brat fettlos mit Salano ohne"?) und dass mir das gar nicht gefällt. Aber so gar nicht. Das Rezept war in der Post, weil meine Frauenarztpraxis nach einer Blutuntersuchung einen Eisenmangel festgestellte hat, und gestern habe ich es eingelöst. Die Apothekerin hat mir eingeschärft, dass die Eisenpillchen sowohl auf sehr nüchternen Magen als auch mit großem zeitlichen Abstand zur Schilddrüsentablette genommen werden müssten - tja nun, da habe ich ein Problem, denn ich bin nicht bereit, mir den Wecker auf fünf Uhr früh zu stellen, dann Eisen zu schlucken und vier Stunden später L-Thyroxin, um dann nochmal eine halbe Stunde aufs Frühstück zu warten. Eine Lösung, mit der sie einverstanden war, war dann schließlich, abends um sechs zum letzten Mal zu essen und dann direkt vor dem Schlafen das Eisen zu schlucken. Auch nicht so doll, abends ohne Wein kann schon trostlos sein, aber jetzt auch noch ohne Essen? Zudem ist mir auch im Schlaf richtig schön schlecht geworden von dem Ding, und der rostige Geschmack im Mund macht es auch nicht besser. Aber was solls, ist der Endspurt, und bald ist das vorbei. Heute werde ich mir (natürlich nur aus Rücksicht auf den Eisenmangel) ein-zwei schöne dicke Burger braten.

Montag, 3. Juni 2013

Habt ihr den Knall gehört? Das war der Startschuss zum Erledigungsmarathon.

Inzwischen habe ich einen Termin in meiner Geburtsklinik: am 13. Juni soll ich mich da vorstellen, dann werde ich untersucht. Liegt Würmchen dann immer noch falsch, wird ein zweiter Termin gemacht, vermutlich am 14. oder noch eher am 15. Juni. Dann versuchen sie, ihn von außen zu drehen. Geht das schief, machen sie dann sofort einen Kaiserschnitt. Das heißt, es kann passieren, dass ich heute in zwölf Tagen ein Baby habe.

Yay bzw. Urgs.

Neben aller Freude und Ungeduld heißt das auch, jetzt sollte hier in mancherlei Hinsicht mal Butter bei die Fische.

Ich muss den Handwerkern Tag und Nacht wie die Steuerfahndung im Genick sitzen, damit sie jetzt bloß Gas geben und wenigstens das angehende Kinderzimmer schon mal fertig gestrichen werden kann. Wenigstens das.

Ich muss zu Ikea (wobei ein Großteil der Aufgabe darin besteht, L. mitzuschnacken), ein Kinderbett aussuchen, ein paar Babyhandtücher und Babywaschlappen und solchen niedlichen Killefitt kaufen und außerdem Körbe oder andere Einsätze, die in mein Expedit-Bücherregal passen. Das soll nämlich das Babyzimmerregal werden. Dafür qualifiziert es sich durch genau diese Körbe: die passen haargenau in die Fächer wie Schubladen und sind perfekt, um Strampler, Söckchen, Windeln oder was auch immer man sonst so für Babykrams braucht, darin ordentlich und griffbereit zu verstauen.

Damit Expedit diese verantwortungsvolle Rolle übernehmen kann, müssen aber erst mal die 800 Bücher daraus verschwinden. Dafür muss ich ein Möbeltaxi organisieren, das von meinen Eltern in Süddeutschland nach Hamburg fährt und mir mein uraltes, aber wunderschönes Bücherregal bringt.

Damit ich das Bücherregal aufbauen kann, muss eigentlich auch der klägliche Rest des alten hässlichen Einbaukleiderschranks im zukünftigen Arbeits- und Gästezimmer abgebaut werden. Dann brauchen wir aber einen neuen Kleiderschrank, am besten einen für die Ewigkeit und schön genug, um in unser Schlafzimmer zu dürfen. Um diese Shopping-Dominorallye an dieser Stelle zu unterbrechen, finde ich mich damit ab, einen Großteil meiner Bücher erst mal in alten Umzugskartons im Keller zu verstauen, das Bücherregal zwar herzuschaffen, aber für spätere Verwendung in die Garage zu packen und kurz durchzuatmen. Uff.

Dann brauchen wir noch einiges an Krams, das aber mit einem koordinierten Gang durch den zehn Autominuten entfernten Babysupermarkt zu kriegen sein sollte. Eine Auflage für den Wickelservierwagen, Schlafsäcke für das Würmchen und all sowas. (Mein Gott, sind die teuer! Am Samstag in Berlin, als wir unseren Kinderwagen abgeholt haben, habe ich mal einen Blick auf Preisschilder geworfen. 86 Euro für einen zwar niedlich sternchenbedruckten, aber trotzdem winzigen Schlafsack?!? Von einer Marke, von der zumindest ich als Abkürzungsdame noch nie gehört habe? Schaudernd bin ich weitergegangen und in der Petit Bateau-Abteilung gelandet. "Jetzt mache ich mir mal einen Spaß" dachte ich und habe auch dort auf die Preisschilder für Schlafsäcke geguckt. 65 Euro? Wer hätte das gedacht, dass man bei solchen Sachen mit Petit Bateau noch billig bedient ist?)

Bevor ich wieder irgend eine Frist verbammele, muss ich heute noch mit meiner Bescheinigung über die in sieben Wochen (als ob) bevorstehende Geburt, die gestern in der Post war, zur nächsten Niederlassung der Barmer. Im Netz war ich schon, das könnte lustig werden, denn die Informationen dazu, was genau jetzt mit mir als künstlersozialkassenversicherter selbständiger Barmer-Kundin passiert, gehen extrem auseinander.

Ich muss L. mit in die Stadt schleppen und (möglichst nach Feierabend oder zur Mittagspausenzeit) meiner alten Agentur einen Besuch abstatten. Auf dem Rechner liegen immer noch Dateien, die ich brauche, im Schrank sind immer noch Hamstervorräte an Special K.s, Müesli und dergleichen, und ich würde gerne alles Wichtige in eine Kiste packen, von L. ans Auto buckeln lassen und mitnehmen. Dann kann ich auch das im Kopf mal abschließen und wirklich wissen, dass jetzt Babyzeit ist und nicht die kurze Pause zwischen zwei Jobs.

Ich muss (möglichst bei dieser Gelegenheit) zu C&A und mir wie angewiesen billige riesige fleischfarbene Miederhosen kaufen.

Ich muss zusammen mit L. eine Entscheidung treffen, ob wir das Kinderzimmer rein weiß streichen wollen oder wenigstens eine bunte Wand haben möchten. Oder Tafelfarbe? Bunte Tafelfarbe? Die entsprechende Farbe sollten wir dann möglichst selbst besorgen. Unser Stamm-Malermeister ist ein Vereinskollege von L., der ist zwar sehr nett und hat immer von jetzt auf gleich Zeit, aber er scheint leider - ungünstig in seinem Beruf - farbenblind zu sein. Unsere Haustür z.B. sollte er in einem tiefdunklen Graublau streichen, das ich mit viel Gedöns samt Pantone-Farbcode etc. festgelegt hatte. Jetzt ist sie hell-lavendelfarben. Wollen wir Würmchen nicht in einem orangefarbenen Kinderzimmer aufwachsen lassen, sollten wir ihm da zur Hand gehen.

Ich muss mich zu einem Baby-Erste-Hilfe-Kurs anmelden. Zum Glück bietet meine neue Arztpraxis so was an. Bevor Würmchen da ist (oder notfalls eben in den ersten Wochen, bevor er viel Gelegenheit hat, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen), will ich wissen, was ich tun kann, wenn ihn eine Biene sticht. Oder wenn er sich verbrennt. Oder wenn er blau anläuft. Oder wenn er keine Luft bekommt. Oder... was auch immer.

Ich muss meine Finanzpapiere aus dem letzten Jahr und den letzten Monaten sortieren, abheften und möglichst eigenhändig zu meiner Steuerberaterin fahren. Nicht ganz leicht, wenn das Arbeitszimmer immer noch eine staubige Hölle voller Geröll ist, aber muss ja.

Ich muss die Betten klar machen für den Einfall meiner Familie. Die halten sich bereit und wollen hier anrücken, sobald es losgeht, was ja jetzt - erwähnte ich das schon? - schneller gehen kann als gedacht.

Und das sind nur die Dinge mit direktem oder indirektem Babybezug. Soll ich anfangen von Kletterrosen, die endlich was zum Hochranken brauchen? Von meinem Auto, das immer mehr Aussetzer hat und außerdem nur zwei Türen, so dass ich eigentlich vor dem Baby noch ein neues bräuchte? Von meinem Knie, das mir seit Wochen Ärger macht und mit dem ich eigentlich mal zum Orthopäden wollte? Von Zahnreinigungen, Haus-Großputz und all den kleinen Nestbautriebbefriedigungen wie Kleiderschrank ausmisten, Blümchen auf die Tische, Kekse backen, die ich jetzt wohl nicht mehr hinkriege? Nee nee nee, davon fange ich lieber nicht an.

Sonntag, 2. Juni 2013

Kennt ihr das auch?

Ich wache auf und brauche ein paar Sekunden, um zu wissen, was da nicht stimmt. Kippenkater. Anderthalb Schachteln sind es wohl gewesen. "Aber ich habe die meisten nur bis zur Hälfte geraucht", denke ich. "Und zum Glück, zum Glück hatte ich wenigstens noch genug Verstand, um nur American Spirits in Orange zu rauchen, die Leichtgewichte unter den Fluppen". Irgendwelchen Blödsinn musste ich wohl machen, das war schließlich eine Hochzeit! Eins meiner Mädchen hat geheiratet, es war alles ganz wunderschön, und auch ohne Ströme von Alkohol war dieser Abend emotionaler Ausnahmezustand. Nur so kann ich mir das erklären, dass ich tatsächlich eingeknickt bin und geraucht habe. Und nachdem ich erst eine Zigarette geraucht hatte, war es auch fast schon egal, ob danach noch eine, noch eine und dann noch einige kamen. Gestern Abend dachte ich noch, Sünde ist Sünde, da spielt die Menge jetzt auch keine Rolle mehr. Aber jetzt ist morgen, grauer Morgen danach. Die Schuldgefühle pressen mich für einen Moment tief in die Matratze, wie konnte ich nur? Wie konnte ich nur? Würmchen gibt mir einen Tritt: er ist noch da, mehr Glück als Verstand nennt man das wohl. "Andere Schwangere rauchen fast die ganze Schwangerschaft über" denke ich trotzig. "Noch in den 50ern und 60ern hat da kein Mensch einen Gedanken dran verschwendet." Aber das ganze fadenscheinige Verteidigungsplädoyer nützt nichts, ich fühle mich grauenvoll. Ich bin das Letzte. Jetzt kann höchstens noch Information helfen. Neben mir auf dem Hotelnachttisch liegt mein Handy, ich fange an zu googeln. Zigaretten Ausrutscher Schwangerschaft. Zigaretten letztes Trimester. Zigaretten neunter Monat. Immerhin hatte ich nicht mehr als drei Gläser Wein, das kann doch kaum zählen. Wie immer sagt jeder was anderes. Dass Zigaretten nicht gut sind, darin sind sich alle einig. In den Foren werden die schwachen Damen vielstimmig zur Schnecke gemacht, was treibt sie auch dazu, ausgerechnet auf Urbia um Absolution zu bitten? Einige Quellen sagen auch, böse Sache, aber jetzt eben einfach nicht wieder tun und nicht zu viel drüber nachdenken, das stresst nur, und der innere Stress schadet dem Kind noch weiter, mit Glück geht alles gut. Ich googele und googele, L. neben mir wälzt sich schon ein paar mal hin und her, der Lichtschein meines Displays scheint ihn im Halbschlaf zu blenden. Wieso hat der das eigentlich nicht verhindert? Weil ich durchtrieben genug war, mich zum Rauchen immer irgendwohin zu verziehen, wo er nicht war. Aber er muss es doch gerochen haben? Ich weiß es doch auch nicht. Für mich stinkt mein Atem jetzt noch schrecklich. Ich gehe ins Bad und putze mir so leise wie möglich die Zähne, auch die Zunge wird geschrubbt, auch wenn ich genau weiß, das nützt jetzt nichts, da muss ich durch. Würmchen strampelt noch mal. Ich lege meine Hand auf meinen Bauch und versuche, mich per Gedankenkraft zu entschuldigen: bitte, mein Süßer, kannst du mir das verzeihen? Bitte? Dafür hast du auch einen gut bei mir, versprochen! Und wo ich schon mal wach bin, wühle ich in meinem Waschbeutel nach Schilddrüsentabletten und Schwangerschaftsvitaminen, davon gibt es gleich einen doppelte Dosis heu...

Ich wache auf und liege in meinem Hotelbett. Das Handy liegt neben mir auf dem Nachttisch, L. schläft tief und fest und schnarcht sein diskretes kleines Heuschnupfenschnarchen. Ich habe nicht geraucht. Natürlich habe ich nicht geraucht. Und natürlich habe ich keine drei Gläser Wein getrunken. Ich habe den Abend mit alkoholfreiem Bier, Apfelschorle und Sturzbächen von Wasser verbracht. Aber dieser Traum war raffiniert. So was von mies: alles war so realistisch, das hätte kein Lindenstraßen-Ausstatter besser hingekriegt. Das Hotelzimmer im Traum war unser Hotelzimmer. Mein Schlafanzug war mein Schlafanzug. Sogar die letzte Google-Suche, als ich im Traum mein Handy angemacht habe, um mich schuldfrei zu googeln, war meine echte letzte Google-Suche: ich hatte nach der Hausnummer der Bar geguckt, in der die Hochzeit war. Ich hatte den gleichen Schlafanzug an, und im Hotelzimmer stand sogar der Kinderwagen, den wir gestern abgeholt haben, und genau wie im echten Leben bin ich auf dem Weg ins Bad mit der Hüfte am Getränkehalter hängengeblieben. In der Bar war alles gleich, die kleinen Dekoherzchen, die an Holzstielen zwischen dem Kopfsteinpflaster steckten, das zauberhafte Brautkleid, meine Mädchen um mich herum, die Gespräche, die Musik, alles, alles, alles! Der einzige Unterschied zwischen Traum und Realität war, dass ich im Traum geraucht hatte. Und getrunken. Und um das dann zu begreifen, habe ich fast noch mal zehn Minuten gebraucht heute morgen.

Sowas ist mir ab und zu schon mal passiert, Träume, die so wenig traumhafte Elemente haben, dass es wirklich schwer wird, sie von Realität (oder erinnerter Realität) zu unterscheiden. Aber diese Sorte Traum, diese perfekte Kopie von gestern Abend nur mit einem kleinen Unterschied, die habe ich erst, seit ich schwanger bin. Und immer hat der Traum etwas damit zu tun, dass ich böse war. Sehr böse. Geht das noch mehr schwangeren Damen so?