Samstag, 13. Juli 2013

In extrem gemischter Gesellschaft

Geburtstagskinder heute: Gaius Julius Caesar, der Gründer des Ku Klux Klans, Günther Jauch und Harrison Ford. Und wer weiß, vielleicht ja auch Würmchen? Der Tag ist noch jung, jung genug jedenfalls, um ihm im Bademantel entgegenzutreten. Auch gestern Abend dachte ich wieder, jetzt aber bestimmt gleich. Denn der Bauch wird immer noch dicker und strammer, und neben der Angst, auf den letzten Zentimetern noch Schwangerschaftsstreifen zu bekommen, bringt das auch mit sich, dass jede klitzekleine Unvorsichtigkeit, jedes Hüsterchen, jedes zu hastige Umdrehen im Bett ziemlich ungerechte Schmerzen mit sich bringen kann, und am Stichtag kommt man da schon mal ins Spekulieren. Die Nacht war allerdings dann ganz geruhsam, und das ist in diesem Fall ein Glück, denn gestern hatte L. noch mal richtig Ausgang. Er war eingeladen auf einer Party, deren Gastgeber sympathischerweise entschieden hatte, dass er an diesem Abend weder Freundinnen noch Verlobte oder Ehefrauen, Mütter oder Schwestern sehen will, sondern nur seine Jungs. Es war ein rauschendes Fest, vermutlich hätte L. sein Telefon sowieso nicht gehört, und das meiner Mädchen, das sich gewünscht hat, unbedingt dabei zu sein bei dieser Geburt, hätte seinen Wunsch aber so was von erfüllt bekommen.
Jetzt ist L. wieder da, liegt leicht verkatert oben im Bett und schläft noch ein Stündchen oder zwei, und ist vermutlich fast ein bisschen enttäuscht, immer noch nicht Vater zu sein. Und wenn Würmchen sich heute nicht auf den Weg macht, ist heute frei. Erst morgen muss ich wieder zum Arzt, und zwar ohne Termin in meine Geburtsklinik, was im besten Fall zwei und im schlimmsten Fall acht Stunden dauern wird. Zum Trost habe ich mir jetzt schon vorgenommen, mir im Anschluss die beste Pizza der Stadt zu bestellen, die es direkt um die Ecke gibt. Der gute alte Glückscheesie in neuer, verbesserter Form! Ich muss schließlich bei Kräften bleiben, hier steht eine Geburt ins Haus. (Wenn ich es nur oft genug schreibe, passiert es vielleicht ja wirklich.)

Freitag, 12. Juli 2013

Stunde Null.

Huaaaaaah! Wer hätte gedacht, dass die totale Abwesenheit irgendwelcher Vorkommnisse so spannend sein kann. Ab und zu ziept und zwiebelt es, mal unten rechts, mal oben links. Dann wieder nichts, aber auch gar nichts. Gestern war der ca. fünfte Tag, an dem ich abends noch zu L. gesagt habe, jetzt KÖNNTE es aber nicht mehr lange dauern. Ich bin ins Bett gegangen und habe mir zum Einschlafen gewünscht, dass es wenigstens nicht vor drei Uhr früh losgeht, so dass ich noch ein paar Stunden Schlaf unter die Mütze kriege. Und dann wache ich um halb sieben auf, immer noch mit Passagier, und habe mein Eisentablettchen verpennt. Meine Mutter weiß es zum Glück aus dreifacher Erfahrung besser, aber Geschwister und Schwiegermutter haben schon die ersten "Naaaaa? Wollte nur mal so hören..."-Anrufe und -SMS geschickt. Ich sag Bescheid! Ganz bestimmt! Sollte das jetzt aber einreißen, bekommt der nächste, der fragt, zur Antwort "Ja also, seit drei Tagen ist er da, wir sind jetzt auch wieder zuhause, fahren jetzt aber erst mal für ein paar Tage weg, war ganz schön spannend, aber das erzähle ich dann irgendwann mal in Ruhe, wir sehen uns ja bestimmt irgendwann die nächsten Monate. Tschüssi, Akku alle!"

Es stellt sich nämlich heraus, dass wir doch warten müssen wie andere Leute auch. Die Untersuchung gestern hat gezeigt, dass die Plazenta jetzt sensationelle 1,1 cm von der kritischen Stelle entfernt liegt und damit 1 Milimeter über Soll, und damit ist der geplante Kaiserschnitt für heute vom Tisch, wir warten jetzt einfach, bis es losgeht. Das gestern zu erfahren, hat fast vier Stunden Hockerei mit zu enger Hose im Wartezimmer meiner Geburtsklinik erfordert, aber sollte das das Ticket zur Chance aufs zweite Kind sein, dann meinetwegen. Kind 1 bleibt, wo es ist, wiegt inzwischen 3.490 Gramm, hat immer noch schön viel Fruchtwasser in fabelhafter Qualität und hat gestern auf dem Ultraschall gekaut und dabei gelächelt. Äußerlich konnte ich ihn immer noch weder L. noch mir zuordnen (und finde diese 3D-Bilder auch eher gruselig als irgend etwas Anderes), aber charakterlich scheint er also nach mir zu kommen. Ab jetzt werde ich da alle zwei Tage antanzen müssen. Und ich lerne dazu. Ich weiß inzwischen, welcher Parkautomat in der Krankenhaustiefgarage unbedingt zu meiden ist und welche Parkplätze man lieber nicht ansteuern sollte, wenn man nicht einer Panikattacke nahe mit seinem Bauch zwischen Auto und Wand eingequetscht sein will. Ich kenne die Damen am Empfang und weiß, Dame A nickt mir zwar aufmunternd zu, aber trotzdem warte ich lieber, bis Dame B von ihrem Rechner aufsieht, denn wenn ich jetzt Dame A erzähle, was ich hier will, stehe ich in zehn Minuten noch hier und wedele mit meinem Mutterpass. Ich habe immer selbst was zu lesen dabei, weil die vermutlich schwer verkeimten Krankenhauszeitschriften immer fest in der Hand der unzähligen Kleinkinder sind, die andere Frauen samt dem Rest ihrer Familie scheinbar zu jedem Arztbesuch mitschleppen müssen. Aus dem gleichen Grund habe ich auch immer selbst eine Wasserflasche dabei, denn den Wasserspender in der Ecke machen die kleinen Engelchen plitschi-platsch ratzeputz leer. Wer hätte gedacht, dass aus mir noch ein Schwangerschaftsprofi wird?

Und jetzt muss ich los. Ich habe einen Termin mit einem Wehenschreiber und einem Ultraschall am anderen Ende der Stadt.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Bevor ihr fragt: immer noch nicht.

Eigentlich hätte ich Hunger auf Chili. Oder auf eine größere Menge Kochkäse mit Musik (worunter man da, wo ich herkomme, eingelegte rohe Zwiebeln versteht) auf Brot. Oder auf geschmorte grüne Bohnen mit Rosmarin. Oder auf Huhn mit viel, viel Knoblauch. Aber gibt man solchen Wünschen nach, wenn man vielleicht heute noch eine Rotte fremder und unschuldiger Menschen zwingt, stundenlang zwischen seinen Beinen zu verharren? Eher nicht. Stattdessen habe ich mit dem Basteln angefangen, ich klebe mir jetzt nämlich ein Buch mit lauter Tipps rund um Babys und Kinder und Kindergeburtstage und Kinderzimmer und Hilfe in allen kinderbezogenen Notsituationen, die man sich nur vorstellen kann. Was das betrifft, war meine erste Brigitte Mom schon mal ziemlich ergiebig. Der Tipp, Kindern, die Glas verschluckt haben, Apfelmus mit zerrupften Taschentüchern zu essen zu geben, ist genau so darin gelandet wie die Schummelwaffeln aus fertigem Brownie-Teig. Selbst wenn ich da nie wieder reingucken sollte, gibt es mir doch das Gefühl, irgendwie besser vorbereitet zu sein.

Heute Abend treffen wir uns schon wieder "zum vielleicht letzten Mal", die Mädchen und ich unter freiem Himmel, und langsam wird es albern mit diesen acht letzten Malen. Meinetwegen kann Würmchen jetzt kommen. Heute z.B.! Wäre zwar schade um den netten Abend und die Pizza, die ich mir gerade schon ausmale, aber einmal muss es ja sein, und das Wetter ist sowieso nicht zum Durchdrehen, wir haben wieder mal einen Handwerker im Haus, diesmal den Maler, der Klinikkoffer steht neben der Haustür, und ein paar Bilder habe ich auch im Würmchenzimmer aufgestellt. Ich habe mir sagen lassen und glaube das auch, dass Kinder so gut wie jeden Gegenstand in ihrer Umgebung mit gleichem Interesse betrachten, deshalb habe ich statt zwei Kinderbildern ein Technicolor-Foto von Sean Connery in Badehosen und ein schwarzweiß-Bild von Woody Allen an seinem Bett aufgestellt. Das Kind braucht schließlich männliche Vorbilder! Von seinem Bett aus hat es außerdem eine prima Aussicht auf die Zweige der alten Eiche und der Buchen vor seinem Fenster, die sich im Wind wiegen. Das wird er auch mögen. Ansonsten ist das Zimmer noch ein bisschen kahl, aber ich dachte, das ist im Zweifel besser als eine völlig überladene Explosion von Niedlichkeiten. Ich warte erst mal ab, was er so für einer ist und was er mag, bevor ich jeden Quadratzentimeter durchdekoriere.

Zur Verkürzung der Wartezeit habe ich außerdem gerade Gossip Girl wiederentdeckt. Irgendwann vor ein paar Jahren hatte ich damit mal angefangen und es dann völlig vergessen, jetzt gibt es auf lovefilm die ersten vier Staffeln online. Ihr findet, das ist aber nicht der passende Zeitvertreib für eine 40jährige, der gerade so gewaltige, daseinserschütternde Umwälzungen bevorstehen? Eine Serie über reiche, verwöhnte und intrigante Teenies in New York, die ständig Champagnerparties feiern und sich SMSen schicken und in jeder neuen Einstellung beweisen, dass man richtig viel Geld für Kleidung ausgeben und trotzdem einfach nur albern aussehen kann? Tja, was soll ich sagen. Es macht mir aber nun mal Spaß. Und während die vierte Staffel Downton Abbey auf sich warten lässt und George R.R. Martin sich offensichtlich nach wie vor lieber auf Sci-Fi-Conventions rumtreibt und Fast Food frisst zur großen Sorge aller, die sich Gedanken um seinen Blutdruck machen, anstatt endlich den sechsten Band von Game of Thrones zu schreiben, werde ich damit wohl weitermachen, bis Würmchen dem einen Riegel vorschiebt.

Dienstag, 9. Juli 2013

Elf Fragezeichen

Was, wenn wir noch nicht sofort wissen, wie Würmchen heißen soll, und daraufhin wird er im Krankenhaus vertauscht, und wir bekommen das grauenvolle Kind eines grässlichen, dämlichen, schlecht riechenden Paares, während die unser Würmchen mit nach Hause nehmen dürfen? Und wir sehen ihn nie wieder?

Was, wenn er eines Tages eine Freundin mit angeklebten Nägeln hat, die den ganzen Tag mit offenem Mund Kaugummi kaut?

Was, wenn er einen dieser Freunde hat, die immer sagen, sie hätten nichts getrunken, während sie in Wirklichkeit bumsvoll sind? Und er glaubt ihm und steigt zu ihm ins Auto?

Was, wenn er eines Nachts mit seinen Jungs am Baggersee ist, und alle springen von dem alten rostigen Kran, und er denkt, er muss das jetzt auch machen?

Was, wenn wir nur einmal, nur ein einziges Mal, vergessen, das Fenster zuzumachen oder die Balkontür, nur ein einziges Mal den Topf auf der vorderen Herdplatte stehen lassen oder das Messer neben der Spüle liegen lassen, und dieses eine Mal reicht schon?

Was, wenn ich mir diese ganze Schwangerschaft nur eingebildet habe, und am Freitag holen sie aus meinem Bauch das größte Myom aller Zeiten?

Was, wenn sich jetzt gerade auf irgend einem Klettergerüst oder in einem Kaninchenbau oder an einem Softeisstand die Todesbakterie gemütlich niederlässt, die sich dort vermehren und ihn eines Tages erwischen wird?

Was, wenn heute Abend seine zukünftige Kindergärtnerin den Typen kennenlernt, wegen dem sie in den nächsten Monaten ein massives Drogenproblem entwickeln wird? Ohne dass irgendwer, geschweige denn ihr Arbeitgeber, irgend etwas davon mitbekommt?

Was, wenn in dem wuscheligen Fell unserer Hunde zwei Killermaschinen stecken, die nur auf eine passende Gelegenheit warten?

Was, wenn ich das Baby bekomme, der Himmel ist babyblau, die Sonne lacht, alles ist gut, und dann überfährt mich im Stilltran ein Bus, und L. muss mit allem allein fertig werden?

Was, wenn wir wirklich, wirklich, aber wirklich miserable Eltern abgeben?

Man braucht wirklich nicht viel Phantasie, um kurz vor der Geburt die fieseste Sorte davon zu entwickeln. Brrrrrrrrr.





Montag, 8. Juli 2013

Einmal Fritten, drei Erdbeerschnüre und zwei weiße Mäuse später

Jeden Morgen koche ich mir eine Kanne Würmchentee, der geht so: zwei Teelöffel normalen losen Earl Grey, zwei Teebeutel koffeinfreien Teekanne Schwarztee Klassik. Auf diese Weise wird der koffeinfreie Tee noch bis nächste Woche Dienstag reichen, dann ist noch ein Beutel übrig für einen Nachmittagstee, und das war es dann. Würmchen, Lieber, ich habe nicht vor, danach neuen zu kaufen. Du weißt also, was Du zu tun hast: spätestens nächste Woche Dienstag rechne ich mit Dir.

Gestern war ich mit den Mädchen im Freibad, das erste (und vermutlich leider auch letzte) Mal diesen Sommer. Zu diesem Zweck habe ich mir einen halben Schwangerschaftstankini gekauft, und auch das war vermutlich ein letztes Mal für diese Schwangerschaft, denn noch mehr Schwangerschaftskleidungsstücke werde ich jetzt nicht mehr kaufen. Der Tankini ging aber, denn er war der letzte seiner Art, die Hose dazu war weg und nirgendwo zu finden, er hatte noch nicht mal mehr ein Preisschild, und ich habe ihn für den Gnadenpreis von fünf Euro bekommen. Den Still-BH, dessentwegen ich eigentlich da war, habe ich dann doch lieber hängen lassen, denn als ich da so in der Kabine stand in diesem Baumwollenen Riesendings, habe ich mir überlegt, dass ich die Größe vermutlich erst nach dem Milcheinschuss richtig kenne. Die ersten zwei-drei Tage wird es also ohne hundertprozentig passende und funktionale Unterwäsche gehen müssen. Am Ende werde ich im Nachthemd stillen! Und auch das wird irgendwie gehen, da bin ich ganz, ganz sicher. (Ganz davon abgesehen, dass ein kleiner Teil von mir immer noch denkt, vielleicht klappt die Stillerei eh nicht, es kommt einfach nichts raus, und dann sitze ich da mit drei Exemplaren dieser unschmooven Unterwäsche.)
Das Freibad hat übrigens alle Erwartungen erfüllt, die ich an es hatte: alles voller Schwimmbadprolls samt Haaren und Ketten, das Quieken und der Chlorgeruch, ich hatte von den Mädchen neidisch beäugt eine Schale Schwimmbadpommes (immer die besten) und im Wasser war es genau so, wie man es uns Kugelbäuchen immer verspricht: Schwerelosigkeit, kühler Kopf und tiefer Friede. Ich hatte sogar meinen Privatbademeister, der am Beckenrand auf und ab ging und nur mich im Auge hatte, damit mir auch ja nichts zustößt und niemand auf mich draufspringt. (Vielleicht, ganz vielleicht hat er aber auch darauf gelauert, dass das plötzlich losgeht und er mir dann zack-zack eine Rechnung schreiben kann für einmal Poolreinigung und Neubefüllung komplett.) Allen Damen im Endstadium der Schwangerschaft kann ich das nur wärmstens empfehlen. Ich hatte zwei Zeitschriftenpremieren mit: die "Brigitte Mom" und die "Fräulein", und während die Fräulein mir nach kurzer Zeit zu anstrengend, bemüht, dämlich und langweilig wurde (und wieso schreiben die alles falsch? Haben die da niemanden, der sich darum kümmert, dass sich Gina Rowlands eigentlich Gena Rowlands schreibt usw.? Peinlich ist das. Ganz peinlich.), war die Brigitte Mom gar nicht so schlecht. Wenn ich auch die haarsträubenden anonymen Geständnisse der Mütter, die überall im Heft zu finden sind, gar nicht sooo haarsträubend und eher niedlich fand. ("Das Lieblings-T-Shirt meiner Tochter ist so hässlich, also sage ich immer, festhalten jetzt, dass es in der Wäsche ist, wenn sie es anziehen will, hihihi.") Aber vermutlich zählt auch hier der Gedanke: selbst wir Brigitte-Mom-Leserinnen sind nicht perfekt! So sanft, schmerzlos und schleichend gleitet man von einer Zielgruppe in die nächste. (Hörst Du, Würmchen? Gleiten. Sanft, schmerzlos und schleichend ist vielleicht Dein Stichwort?)

Und dann habe ich noch eine Produktwarnung auszusprechen: sicher habt ihr auch die Fernsehwerbung für diese Nivea Milk gesehen, mit der man sich unter der Dusche eincremt, und gedacht, das klingt ja praktisch und wie die Lösung für das vor allem sommerliche Problem, dass man gerade frisch geduscht ist und absolut keine Lust hat, sich schon wieder mit irgend einer Klebeschmiere einzucremen. Vielleicht denkt ihr sogar drüber nach, sie zu kaufen. Tut es nicht! Ich hab es getan. Erstens ist das Eincremen unter der Dusche mindestens so widerlich wie das Eincremen nach dem Abtrocknen. Zweitens hängt der Kleister sich, obwohl nicht spürbar, doch an die Hände. Wenn man sich dann nach dem Duschen das Gesicht eincremt, stellt man zu seiner Überraschung fest, dass man fünf Minuten später im Gesicht schwitzt wie ein Schweinchen nach drei Saunagängen. Und mit Kontaktlinsen gibt es Probleme, die ihr euch noch gar nicht vorstellen könnt oder wollt. Es nützt auch nichts, sich direkt nach dem Duschen noch mal extra die Hände zu waschen. Bäh! Zum Glück war das ein billiger Fehlkauf. Ende der Produktwarnung.

Sonntag, 7. Juli 2013

Bereitschaftsdienst.

Ich weiß noch, mitten im Winter (also vermutlich irgendwann so um den zehnten April herum) hatte ich mal geschrieben, beim Blick nach draußen könnte ich mir gar nicht vorstellen, jetzt schon im siebten Monat zu sein. Denn jetzt wäre ja Winter, und das Baby käme erst im Sommer, und da wäre noch ein Frühling dazwischen, der noch längst nicht in Sicht war. Jetzt ist Sommer, da gibt es kein Missverständnis mehr. Ich habe mir gestern endlich neue Flipflops gekauft, die Kirschen kosten vier Euro das Kilo, abends muss ich die Hortensien und den Rasen gießen, und jeden Tag esse ich mindestens ein Kilo von diesen tollen platten Mini-Nektarinen, die mir letztes Jahr noch gar nicht aufgefallen waren. Heute gehen die Mädchen und ich ins Schwimmbad, und da wollen wir mal sehen, ob es zu einer Wassergeburt im ganz großen Stil kommt. Alle winzigen Spannbettlaken (Babybay, Bett, Stubenwagen) sind gewaschen und an Ort und Stelle, die Strampler ordentlich nach Größe und Wetter in verschiedene Körbe sortiert, die Folie im Windeleimer ist geknotet und bereit für die erste volle Windel, sogar die Gebrauchsanweisung fürs Haus für meine Familie habe ich schon geschrieben. Jetzt muss sie nur noch ausgedruckt werden. Und wenn ich das noch schaffe, backe ich noch eine Dose Nussecken für sie und verstecke sie vor L., damit sich meine Eltern und Geschwister stärken können nach ihren Besuchen beim Enkelkind bzw. Neffen. (Bin ich die einzige, die immer gleich an die Ducks denkt, wenn von Neffen die Rede ist?) Äußerlich, also äußerlich ist also alles sowas von bereit. Ein paar Bilder könnte ich noch aufhängen. Das mach ich dann wohl heute. Innerlich ist eine andere Sache. Innerlich ist komisch.

Jeden Morgen beim Aufstehen tut es erst mal weh. Der Kleine drückt mir mit seiner (wenn man L. und mich als Maßstab nehmen kann) sicher beachtlichen Riesenrübe auf den Steiß und auf das Becken. Der erste Weg aufs Klo geht also nicht ohne Ächzen und Stöhnen ab. Sitze ich dann erst mal, begrüße ich ihn natürlich angemessen und bedanke mich bei ihm, dass ich eine weitere Nacht im eigenen Bett schlafen durfte, statt auf Gummibällen kauernd ungerechterweise meine Kinderwunschärztin zu verwünschen. Ich weiß nicht, wie es anderen Damen geht, aber abgesehen vom Drama spricht mich an einer nächtlichen Geburt wenig an. Morgens aufwachen, in Ruhe frühstücken und duschen und anziehen und dann irgendwann - das wäre schön. Aber wenn ich ausnahmsweise so etwas wie ein Gefühl dafür entwickelt hätte, dann würde ich sagen, vor Freitag wird das nichts. Auch wenn ich jetzt über vier Jahre Zeit hatte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich morgen Abend ein Baby haben könnte. Oder Mittwoch. Vielleicht habe ich deshalb auch nächste Woche wieder jede Menge vor. Vielleicht plane ich deshalb untypischerweise immer noch nicht meine erste Mahlzeit nach dem Ende der Schwangerschaftsregeln. Und vielleicht schiebe ich deshalb immer noch pfeifend meine Kugel durch Parkanlagen, Einkaufszentren und Freibäder, denn dass es JETZT und HIER losgeht, kann ja nicht sein. (Nein, liebe Damen, vorgesorgt habe ich natürlich, der Klinikkoffer ist immer im Auto und der Mutterpass griffbereit in der Tasche, und ich gehe an keinen dieser Orte ohne Telefon.) Ganz vielleicht habe ich sogar deshalb immer noch keine Angst - außer der schon besprochenen vor einem mir fremden Kind und der, es könnte ihm irgend etwas fehlen. Bin ich einfach zu blöd, zu weltfremd und zu unbeleckt für Angst? Oder ist das jetzt endlich mal meine Art, angemessen dankbar zu sein? Yay, Geburtsschmerzen?

Donnerstag, 4. Juli 2013

Stille. Tiefe, wohltuende Stille. Und damit höchste Zeit für etwas Geschnatter.

Heute ist der erste Tag nach sieben Wochen, an dem keine Handwerker kommen. Gestern hatten sie schon mal angetäuscht: der Vorarbeiter hat sich vorgestern mit der Ansage verabschiedet, morgen (also gestern) kämen sie erst mittags. Mit dem Ergebnis, dass L. und ich noch selig schlummernd und eingeknäuelt im Bett lagen, als es um halb acht klingelte und vier Handwerker samt ihren Lärmerzeugungsgeräten vor der Tür standen. Natürlich mussten sie als erstes ins Bad. Richtig fertig ist das hier noch nicht - wir haben noch keine echten Griffe an den Fenstern, zum Teil werden die Fensterbänke von kleinen Gummischnipseln in Position gehalten, sie haben die Austauschgriffe für die Balkontüren versehentlich mitgenommen, so dass meine Balkonpflanzen vertrocknen, wenn nicht wenigstens einmal täglich Regen runterkommt, und gestrichen werden muss das auch noch mal alles - aber die Sägerei, Nagelei und Hämmerei ist wohl erst mal überstanden. Und damit der Staub. Gestern habe ich das Gästezimmer gästefein gemacht in der Hoffnung, dass L. sich davon abhalten lässt, wieder all seine Sporttaschen und Dreckwäsche und Bügelwäsche und überhaupt darauf aufzuhäufen, und jetzt sitze ich zum ersten Mal seit Wochen am Esstisch mit Tee und Rechner ohne die Gesellschaft fremder Herren in Latzhosen um mich herum. Schöne Sache!

Nachdem es jetzt ja jede Sekunde vorbei sein kann mit erstens diesem ruhigen Zustand und zweitens dieser Schwangerschaft, habe ich mir überlegt, noch mal zusammenzuschreiben, was mir aufgefallen ist. Gelesen und gehört habe ich eine ganze Menge (wenn auch vermutlich nicht ganz so viel wie manche andere), einiges davon hat gestimmt, anderes war zumindest für meinen Fall Kokolores.

Für mich nicht wahr war:
Wasser in den Beinen und den Händen und überhaupt. Ich kann mir dafür noch nicht mal auf die Schulter klopfen, so gern ich das auch täte, denn eigentlich habe ich alles falsch gemacht: ich habe weiter trotz zu hohem Blutdruck (der allerdings durch Medikamente im Zaum gehalten wird) viel Salz gegessen, einfach weil mir Essen mit zu wenig Salz nicht schmeckt und ich sofort in die finsterste Stimmung gerate, wenn mir das Essen nicht schmeckt. Ich habe außerdem irgendwann im sechsten Monat aufgehört mit der Schwangerschaftsgymnastik und mir gesagt, dass Hundespaziergänge und Haushalt und Gänge zu Edeka und zurück reichen müssen. Ich hatte wohl einfach wieder mal Glück. Und dabei kenne ich gertenschlanke, große und sportliche Damen, die die letzten Monate ihrer Schwangerschaft vorübergehend (zum Glück. Immer vorübergehend.) zu gewaltigen Hüpfburgen aufgeschwollen sind. Bitte hasst mich nicht. Und wenn doch, dann kann ich euch jetzt schon versprechen, dass ihr entschädigt und auf eure Kosten kommen werdet, wenn ich vergeblich und halbherzig gegen den Schwangerschaftsspeck ankämpfen werde. Ich hab das Gejammer und Gequengel jetzt schon im Ohr.

Glück gehabt habe ich wohl auch bei ein paar anderen Schwangerschaftssymptomen: kein Streifen weit und breit, nur eine schwache linea nigra oberhalb des Bauchnabels (heißt die dann überhaupt auch linea nigra?) seit dem fünften Monat. Keine Haare an den Innenseiten der Oberschenkel und am Oberkörper. Keine seltsamen Sonnenflecken im Gesicht (vielleicht auch deshalb, weil ich zwischen April und Oktober das Haus nicht unter LSF 50 verlasse). Keine Krampfadern, keine Fußschmerzen und kein Sodbrennen. (Ich glaube inzwischen, ich werde irgendwann begraben, ohne je zu erfahren, wie sich Sodbrennen anfühlt. Vor ein paar Jahren hatte ich mal die Aufgabe, mir eine Kampagne für ein Mittel gegen Sodbrennen auszudenken. Das war schwierig, weil ich die einzige auf dem Job war, die nicht wusste, wie das ist.) Na, hasst ihr mich jetzt? Ich kenne das ja schon aus der Kinderwunschzeit, unerwünschte Nebenwirkungen lassen mich oft in Frieden. Weite Teile des "What to expect"-Buches konnte ich einfach überblättern, weil mir all die Fragen ("Was sind das für komische Dingsbumse auf meinen Beinen... wieso muss ich mich immer noch ständig übergeben... wann hört das auf mit XY an meinen Ohren...") überhaupt nichts sagten.

Jede Schwangerschaft kostet einen Zahn: obwohl ich ein bisschen schlampig damit war, meine Calcium-Tabletten regelmäßig zu nehmen, und obwohl meine Fingernägel sich zeitweilig in Blätterteig verwandelt hatten, haben meine Zähne scheinbar keinen Schaden genommen. Mein Zahnarzt ist jedenfalls ganz zufrieden. Und das, obwohl ich während der Schwangerschaft deutlich mehr Bock auf Süßigkeiten hatte als jemals zuvor und dem auch nachgegeben habe.

Der Ehemann wird plötzlich zum Hausdiener, Masseur, Kuscheltier und Experten für Gynäkologie und Geburtshilfe: L. bleibt L., schwanger oder nicht. Weder hat er es sich zur Aufgabe gemacht, meine Ernährung zu überwachen und mich zum Mittagsschlaf zuzudecken, noch hat er sich in die Grundtechniken der Nackenmassage eingefuchst. Weil mir ersteres sehr Recht war, habe ich gerne auf letzteres verzichtet. Zumal sich das mit den Rückenschmerzen in erträglichen Dimensionen gehalten hat, sobald ich einmal von meinem Schreibtischstuhl weg war. Er ist einfach nicht der Typ dafür, und das ist völlig in Ordnung für mich. Eigentlich hätte ich mir das auch denken können, denn schon während der Kinderwunschzeit war er keiner von denen, die zu jeder Blutentnahme und zu jedem Zysten-Ultraschall mit müssen. Er freut sich, aber die ganz dicke Freude kommt eben dann, wenn das Kind da ist. Und bis dahin lässt er mich machen. Und es geht uns gut dabei.

Plötzlich sind Babys das Tollste und Wichtigste auf der Welt! Mein Verhältnis zu Babys im Allgemeinen hat sich nicht verändert. Ich bin ein bisschen neugieriger geworden und habe z.B. während der Kinderwagenentscheidungszeit mehr geguckt, was andere Mütter so durch die Welt schieben. Davon abgesehen freue ich mich auf meins und bringe den Babys anderer Mütter zwar Freundlichkeit und Wohlwollen, aber nicht diesen Enthusiasmus entgegen, den andere Schwangere wohl an den Tag legen. Vielleicht ändert sich das ja, wenn Würmchen erst richtig da ist. Ich höre sehr gerne zu, wenn sie von ihren Babys und der Geburt und den ersten Wochen erzählen, man weiß nie, was man noch lernen kann. Aber es ist immer noch so, dass mich die Begegnung mit einem Hundewelpen auf der Straße in größeres Entzücken versetzt als die Begegnung mit einem Baby. Was erst los wäre, wenn man in Hamburg mit jungen Giraffen, Elefanten oder Braunbären spazieren gehen würde! Seit ein paar Tagen hat lovefilm, das Filmleihportal meines Vertrauens, den Kinofilm "Babys" im Online-Angebot, das heißt, ich könnte ihn mir jetzt sofort angucken. Fällt mir nicht im Traum ein. Als er damals im Kino kam, war ich noch mitten in der Kinderwunschzeit mit ungewissem Ausgang, aber auch sonst hätte ich trotz begeisterter Kritiken niemals ein Ticket gekauft. Jetzt müsste ich doch die perfekte Zielgruppe sein. Bin ich aber irgendwie... nicht.

Gelüste. Einmal musste es unbedingt Toast Hawaii sein, auf den ich sonst gar nicht kann, und ich hatte öfter mal Lust auf Süßes, das mich sonst nicht interessiert. Aber davon abgesehen war es in der Schwangerschaft eher weniger wild als davor. Ich hatte schon unschwangere Zeiten, da musste ich in zwei Wochen sechs mal Spareribs zum Abendbrot haben. Oder habe mich tagelang nur von eingelegten Heringen, Hühnerfrikassee, scharfer Vietnamesischer Suppe oder Bohnensalat mit Schafskäse ernährt. Demgegenüber war ich während der Schwangerschaft manchmal regelrecht ratlos, worauf ich eigentlich gerade Hunger habe. Nur Chinesisch ging durchgehend gar nicht.


Für mich wahr war:
Arbeit wird irgendwann richtig, richtig schwer und anstrengend und zur Quelle einer Mini-Depression spätestens ab Sonntag Nachmittag. Ich konnte nicht mehr. Ich hätte mehr von mir erwartet, aber ich konnte nicht mehr. Und das schlug sich so vehement körperlich nieder, dass ich sogar schon kurz davor bin, bei mir an ein psychosomatisches Phänomen zu denken. Wie kann das sein, dass ich auf dem Weg zur Arbeit oder aus der Mittagspause zurück an den Schreibtisch regelmäßig umgekippt bin und das schlagartig vorbei war, sobald ich da raus war? (Gut, das hing vielleicht auch damit zusammen, dass ich gleichzeitig die Eisentabletten bekommen habe.) Ich hätte mich eher als eine von denen gesehen, die eines Tages im Meeting einen Blasensprung bekommen. Das war sowas von nicht so, und es hat mein Bild von mir und meinem Job und dem Zusammenspiel zwischen beiden ziemlich verändert.

Die Gefühlsachterbahn: Wer diesen Blog nicht Post für Post, sondern mehrere Posts hintereinander weg liest, wird sich in den letzten Monaten öfter mal an den Kopf gepackt und sich gefragt haben "Ja wie denn nun?". Manchmal reichte eine Stunde und null äußerer Anstoß, um von buddhahafter Ruhe zu grässlichen Vorahnungen und totaler Verzweiflung zu geraten. Richtig schlimm war das, so lange ich versucht habe, mir das zu verbieten und mich dagegen zu wehren. Dann kam nämlich zu all dem Haschmich auch noch die Angst, jetzt völlig durchzudrehen. Irgendwann habe ich eingesehen, dass das nun mal gerade so ist und auch noch eine Weile so bleiben wird, und da war es dann schon viel besser. Eigentlich wie während der 13 IVF-Warteschleifen. Richtig, fast genau so.

Der Kokon: der hatte viele Gesichter. Zum Beispiel, dass ich mich vor jeder Abendveranstaltung, egal wie sehr ich mich darauf gefreut hatte und egal wie viel Spaß ich dann doch noch da hatte, fast körperlich zwingen und aus dem Haus treten musste, um nicht in letzter Sekunde doch auf dem Sofa zu bleiben. Kam auch nur das kleinste äußere Hindernis dazu (Auto springt nicht an...) war es vorbei. Ich bin wochenweise komplett verspießert. Mein Traum von einem schönen Abend war irgendwann: um acht im Schlafanzug, dann mit einem Kräutertee ins Bett und im Internet eine alte Folge von Inspektor Barnaby angucken. Das war doch nicht ich! Doch, war ich offensichtlich doch. Auch die Freude, die ich plötzlich an solchen Aufgaben wie Wäsche sortieren und Rosen düngen hatte, das war auch nicht ich. Und entsprechend das tiefempfundene Grauen angesichts des Chaos, das die Handwerker hier wochenlang reingebracht haben.

Die Mütter-Konnegge: Mein erster Freund damals hatte ein Motorrad, und wenn ich hintendrauf saß, habe ich gesehen, Motorradfahrer grüßen sich, wenn sie sich zufällig begegnen. Schwangere tun das auch. Schwangere und Mütter sehr kleiner Kinder. Es ist manchmal nur ein Lächeln oder eine kleine schüchterne "Yay!"-Grimasse, aber sie tun es. Auf Parties fand ich mich immer öfter mit den Müttern oder den Schwangeren auf einem Sofa, und es war unfassbar, wie viel es da zu besprechen gab. Ich bin froh, dass das so von alleine passiert und ich nicht gegen meine Natur plötzlich in eine dieser fürchterlichen Gruppen muss. Was mich allerdings manchmal ein bisschen wundert: im echten Leben funktioniert es doch auch ganz gut, wieso geht es im Internet so oft schief und wird so schnell feindselig? Aber darauf haben schon ganz andere keine Antwort gefunden.

Kommt Zeit, kommt Babyklamotte: die zeitweilige Panik irgendwann zwischen siebtem und achtem Monat angesichts nicht vorhandener Ausstattung fürs Baby hätte ich mir sparen können. Wie Wichtelmännchen haben sich nach und nach Freunde und Familienmitglieder gefunden, die uns mit dem ganzen Kram förmlich zugeschüttet haben. Inzwischen sitze ich hier mit beispielsweise 50 Sommerstramplern in der Größe für Neugeborene, die Würmchen vermutlich gar nicht alle tragen können wird, bevor er eine Größe weiter ist. Außerdem haben die Wichtel uns einen Stubenwagen, ein Babybay, zwei Windeleimer samt sechs Ersatzfolienkassetten, eine ganze Batterie von Muttermilchfläschchen, eine Handpumpe, eine Wickelkommode, ca. 120 weitere winzigkleine Kleidungsstücke, einen Schiebewagen von Ikea, ein Tragetuch und einen Babybjörn, ein Töpfchen und diverse geruchsdichte Boxen rund ums Wickeln vor die Tür gelegt. Den Kindersitz habe ich im Netz bestellt, und zwar war der Wunschsitz auf der ersten Seite erst nach sieben Wochen lieferbar, aber schon die nächste Seite hatte ihn zum gleichen Preis sofort auf Lager. Den Wagen haben wir einfach so, wie er da stand, mitgenommen, auch hier deshalb null Lieferzeit. (Übrigens habe ich einen Tipp: im Baby one an der Alsterkrugchaussee steht seit Monaten ein von mir zeitweilig heftig umschlichener Bugaboo Chamäleon in der todschicken Ausführung dunkelblauer Korb - rote Räder. Er kostet nur 750 Euro. Will den denn wirklich niemand haben?) Was auch immer die bevorzugte Lieblingssorge während der Schwangerschaft ist, die Anschaffung von Babykram muss euch nicht um den Schlaf bringen. (Dufte, wie schlau und entspannt ich hinterher daherschwafeln kann, oder?)

Die Esoterik-Lawine: die ist leider, leider wahr für mich. Gut, meine Toleranzschwelle sitzt da auch sehr niedrig, aber es war in meinem Fall tatsächlich so, dass der Rest der Welt denkt, weil man schwanger ist, steht man plötzlich auf all den Kram. Ihr wisst schon, auf welchen Kram. Den, den ich nicht so mag. Ich hatte auch irgendwann keine Lust mehr, mich jedes Mal auf eine Diskussion einzulassen, sondern habe nur noch leer geguckt, bin an meinen "inneren Ort" gegangen (gute Vorübung für die Geburt, habe ich mir sagen lassen) und still für mich gedacht "Meschugge. Vollkommen drei-Sterne-meschugge. Einfach Lächeln, dann geht es hoffentlich schnell vorbei."

Dienstag, 2. Juli 2013

40. Woche: The look of Heuschnupfen is on your face.

Heute ist Dienstag, seit Freitag bin ich in der 40. Woche und damit ein bisschen spät dran. Meine Entschuldigung ist ausnahmsweise nicht mein Bauch, sondern meine Augen: irgendwas stimmt da nicht. Mindestens zwei Stunden am Tag kann ich kaum gucken, dicke Tränen kullern mir übers verschwollene Gesicht, und das, obwohl es für die Heulerei nicht den kleinsten Anlass gibt. Am schlimmsten ist es, wenn ich mit den Hunden und bei offenem Fenster Auto gefahren bin. Heuschnupfen hat mich wohl endlich auch eingeholt, nachdem ich jetzt fast 40 Jahre so unberechtigt stolz darauf war, tränenfrei durch Heuschober, Frühlingswiesen und Birkenwälder toben zu können. Schöner Mist. Das bringt auch mit sich, dass jeder Tag nur in etwa drei Stunden für mich bereithält, in denen ich schmerz- und schlierenfrei auf einen Bildschirm egal welcher Art gucken kann. Das treibt einem die pünktliche Bloggerei ein bisschen aus.

So sieht das in etwa aus, jedenfalls in guten Momenten:


Diese Abkürzungsdame scheint kurz vorm Platzen zu stehen. Außerdem fällt vielleicht der einen oder anderen auf, dass ich in letzter Zeit scheinbar fast immer das Gleiche anhabe. Das trügt nicht, bei lauen 17 Grad in Hamburg variiere ich meine zwei Schwangerschaftsjeans derzeit mit drei geringelten Schwangerschaftsoberteilen durch, dann kommt die nächste Wäsche. Die vielen geräumigen Kleidchen liegen auf Bügelhalde, so lange hier noch täglich dank der Handwerker ein Sandsturm durchs Haus fegt, hab ich andere Sorgen. Dieses Oberteil ist übrigens streng genommen gar kein Schwangerschaftsoberteil, sondern ein knapp bauchnabelbedeckendes Minikleid von American Apparel. Und ich hoffe sehr, es eines Tages auch wieder so tragen zu können. Was dieses Thema betrifft, habe ich mich letzte Woche mal vorsichtig eingegoogelt zum Thema Laufen nach der Geburt und nach zehn Minuten schaudernd beschlossen, dass ich dazu erstens meine Frauenärztin und zweitens einen Sportarzt fragen werde und auf beide höre, auf sonst niemanden.

Inzwischen arbeiten wir ganz gemächlich die To-Do-Liste ab. Gestern haben wir baby bay auf die richtige Höhe eingestellt, außerdem wurden zwei passende Spannbettlaken geliefert. Dann kam noch ein Päckchen von L.s Cousine mit ihrem alten Moby Tragetuch an, und ich habe geübt, mir das umzubinden. Mit Bauch nicht so richtig überzeugend, aber ohne wird das schon. Auch wenn ich sagen muss, Krawatte binden ist ein Witz dagegen.

Was jetzt noch zu tun bleibt:
- Betten und Gästezimmer herrichten für den Einfall meiner Familie
- dazu dringend notwendig: doch noch bügeln, um Platz zu schaffen (im Moment türmen sich Wäscheberge im Schlafzimmer meiner Eltern)
- Gebrauchsanweisung für das Haus schreiben und ausdrucken, damit sie von Kaffeemaschine bis Trockner klarkommen
- Vielleicht sogar noch eine Dose Nussecken backen und vor L. verstecken

Und dann kommt wirklich nur noch Klickerkram wie Bilder im Kinderzimmer aufhängen, vielleicht nochmal zu IKEA für ein paar weitere Körbe ins Regal und einige wüste Streits mit L., damit das Gästezimmer nach der anstehenden Hauruck-Aktion gefälligst bis zur Geburt im gästefähigen Zustand bleibt.

Und sonst?
Jetzt habe ich so oft gehört und gelesen, am Ende könnte man einfach nicht mehr. Mir geht's jetzt besser als vor vier Wochen. Ich bekomme mehr Luft, ich fühle mich nicht ganz so unförmig (vermutlich einfach Gewöhnungssache), ich kann besser schlafen und ich fühle mich nicht den ganzen Tag so voll und uffjedunsen. Wenn es nur danach ginge, könnte das meinetwegen gerne noch vier bis sechs Wochen so weitergehen. Wie viel Zeit ich dann hätte! Allerdings werde ich langsam auch ungeduldiger und ungeduldiger. Und ich liege auf der Lauer. Jedes nächtliche Zwicken könnte das Zeichen zum Startschuss sein. Heute nacht habe ich mein Date mit der Eisentablette verpennt und sie erst um sechs geschluckt, daraufhin war mir schlecht. Und was sagt mein Schwangerschaftsbuch: Übelkeit, ein gängiges Zeichen, dass es losgeht. Bisher geht hier gar nichts los, und die Übelkeit hat sich jetzt auch gelegt. Dafür könnte ich mir jetzt einbilden, wenn ich mich ganz ganz doll darauf konzentriere, dass sich so etwas anbahnt wie eine leichte Blasenentzündung. Oder ist es etwa DAS? Ich habe mir sagen lassen, dass eine Geburt sich nicht besonders subtil ankündigt, also werde ich diesen Vorzeichen-Haschmich wohl einfach über mich ergehen lassen und mir immer wieder sagen, dass ich es schon merken werde. Ganz bestimmt.

Sonntag, 30. Juni 2013

Und das, obwohl bisher niemand auf die Idee gekommen ist, ich könnte irgend etwas mit Brooke Shields gemeinsam haben, vielleicht abgesehen davon, dass wir beide keine großen Fans von Tom Cruise sind.

Hab ich gesagt, ich habe überhaupt keine Angst vor der Geburt? Ganz so stimmt das nicht. Ich habe keine Angst davor, dass es losgeht, während ich gerade am entferntesten Punkt des Hundespaziergangs bin und dass ich dann hilflos im Wald liege, denn meistens ist L. dabei und immer mein Telefon. Ich habe auch keine Angst, dass die Schmerzen überhaupt nicht auszuhalten sind, denn das haben schon ganz andere hingekriegt. Ich habe keine Angst vor schrecklichen Kunstfehlern, denn komischerweise haben vier Jahre Kinderwunschbehandlung mein grundsätzliches Vertrauen in die Ärzteschaft nicht erschüttern können. Außerdem habe ich "meine" Ärztin im Krankenhaus schon kennen gelernt (vorausgesetzt, sie ist da, wenn es losgeht) und die ist von der besten Sorte: patent, plietsch und mit wenig Neigung zum großen Drama. Ich glaube fest, wir schaffen das, Würmchen und ich.

Was mir Angst macht, ist etwas anderes. Vier Jahre - nein, inzwischen sind es schon fast fünf - habe ich auf den Moment hingefiebert, hingehofft, hingespritzt und hingezittert, in dem ich mein eigenes, von mir selbst ausgetragenees Kind in die Arme gelegt bekomme. Jetzt ist er fast da. Und meine größte Angst ist: was, wenn es nicht so ist, wie ich denke? Was, wenn es mir z.B. so geht wie Brooke Shields und vielen anderen Frauen, die plötzlich feststellen, dass sie das schreiende Würmchen auf dem Bauch liegen haben und es tut sich - NICHTS, aber auch garnichts? Was, wenn mir dieses kleine, schrumpelige, rotblaue Ding völlig fremd ist und auch erst mal bleibt? Was, wenn ich mein Kind sehe und in diesem Moment nur denken kann, was soll ich denn damit? Versteht mich nicht falsch, ich wünsche mir seit so langer Zeit nichts anderes so sehr wie dieses Kind. Und so ist das immer noch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit ihm spreche, ihm sein Zimmer zeige, mit ihm durchs Haus laufe und ihm die Hunde erkläre. Ich tue fast nichts im Haus (abgesehen von den ca. 28 Klogängen täglich), bei dem ich mir nicht vorstelle, wie das wird, wenn wir das erst zusammen machen. Ich schiebe durch Edeka und denke, demnächst habe ich hier die Kinderkarre dabei. Ich gehe in den Keller und mache die Wäsche an und sage mir, dass das demnächst auch einhändig klappen wird, mit Würmchen auf der Hüfte. Ich glasiere einen Schoko-Nuss-Kuchen für den Besuch meiner Schwiegermutter heute und stelle mir vor, wie wir demnächst zu zweit im Teig manschen. Aber ich bin mir sicher, auch Brooke Shields hat sich auf ihr Kind gefreut und war bester Dinge. Vielleicht ist es albern, dass angesichts einer immer noch windschief sitzenden Plazenta und angesichts der bevorstehenden ersten Geburt meines Lebens mit 40 Jahren DAS meine größte Sorge ist. Aber albern oder nicht, so ist es. Das und die Angst, dass irgend etwas mit Würmchen nicht in Ordnung ist. Denn vielleicht kann ich es immer noch nicht ganz glauben, dass ausgerechnet ich so ein Glück haben soll. Da draußen wimmelt es von Abkürzungsdamen, die das bestimmt alle viel besser gemacht haben als ich. Die brav und ohne Lästerei seit Jahren zum TCM-Onkel gehen, die ihre Ernährung komplett umgestellt haben, obwohl sie genau so verfressen sind wie ich, die sich die Behandlung vom Mund absparen mussten und die jedem Tipp zur Erhöhung der Fruchtbarkeit gefolgt sind, und sei er ihnen noch so rammdösig vorgekommen. Die seit Jahren nicht mehr die Nacht zum Tag gemacht haben, sich aus dem Raum entfernen, wenn jemand eine Zigarette ansteckt (und damit meine ich nicht, dass sie zum Rauchen nach draußen gegangen sind), die ihre Wände sicherheitshalber mit dreimal so teurer Biofarbe gestrichen haben, die schon gar nicht mehr wissen, wie Kaffee riecht. Und dann komme ich. Da kann doch was nicht stimmen. Irgend einen Knüller muss doch die Welt für mich in der Hinterhand haben. Irgend einen kleinen, fiesen Haken.

Würmchen, für Dich ist der Fall jetzt schon klar: der Haken ist, deine Mutter hat einen gewaltigen Knall.

Freitag, 28. Juni 2013

Szenario 1 bis 4.

Nach dem Termin heute in der Geburtsklinik stellt sich die Lage folgendermaßen dar: die Plazenta sitzt neun Milimeter vom Muttermund entfernt. Der Grenzwert ist eigentlich ein Centimeter, da fehlt also ein Milimeterchen. Ich habe jetzt einen Termin für einen geplanten Kaiserschnitt am 12.7., und am 11.7. muss ich sowieso hin zur Narkosebesprechung. Bei dieser Gelegenheit wird noch mal ein Ultraschall gemacht, um nachzusehen, ob sich daran noch was getan hat.

Szenario 1:
Am 11. ist alles beim Alten, die Plazenta sitzt immer noch zu dicht am Muttermund. Dann machen wir am 12. einen Kaiserschnitt. 12. Juli, schönes Geburtsdatum, finde ich! Dafür habe ich dann ein Jahr verordnete Zwangspause in Sachen Kinderwunsch. Das würde zwar einerseits mit ziemlicher Sicherheit bedeuten, dass es das war mit dem Kindersegen. Andererseits ist das vielleicht gar nicht so schlecht für meine hormonzerfressene Seele, mal eine Weile lang nicht darüber nachzudenken und einige Entscheidungen weniger zu treffen zu haben.

Szenario 2:
Am 11. sehen wir, dass die Plazenta sich weiter nach oben gezogen hat. Dann sagen wir den Termin am 12. ab und warten, was passiert. Und wer weiß, vielleicht macht es sich ja schon am 13. von alleine auf den Weg.

Szenario 3:
Es geht los, und zwar schon vor dem Termin am 11.
Dann sollten L. und ich zusehen, dass wir uns gleich aufmachen - also nichts mehr mit noch mal schlafen legen, Nudeln kochen, duschen und all dem anderen, was man aufgeregten Erstgebärenden so rät, sondern los. Wir versuchen es dann erst mal "normal". Die Chance, dass es dabei dann zu Blutungen kommt, liegt bei 30% gegenüber 15% bei einer günstiger liegenden Plazenta. Ich habe also ziemlich reelle Chancen, Würmchen auf herkömmlichem Weg in die Welt zu pressen.

Szenario 4:
Wir versuchen es auf herkömmlichem Weg, und ich bekomme Blutungen. Passiert das, bedeutet das auch nicht sofort Tod und Verderben für mich, sondern eben einfach, dass wir dann einen schnellen Kaiserschnitt machen und ich evtl. Blutkonserven brauche. Dazu kann es natürlich auch kommen, wenn wir den Kaiserschnitt am 12. absagen und es danach spontan oder eingeleitet versuchen.

Ich habe keine Ahnung, woher die nun wieder kommt. Aber hier macht sich gerade so eine große, schöne Ruhe breit. Vielleicht bekomme ich mein Kind per Kaiserschnitt. Vielleicht auch nicht. Ich lasse mich überraschen. Der Klinikkoffer ist gepackt, die Handwerker haben sich ins Wochenende verabschiedet, der Fensterboss hat unsere Standpauke mit angemessener Demut über sich ergehen lassen, wird uns beim Preis entgegen kommen und schickt ab Montag drei Leute mehr, das Wetter ist eh zu mies, um draußen in irgend einer Form aktiv zu werden. Die Berge von Stramplern von L.s Cousine sind nun zum zweiten Mal gewaschen, getrocknet und sortiert, und weil sie im ersten Stock nun fertig sind, zumindest innen, werden sie auch erst wieder von ihrem neuen Eigentümer verdreckt. Ich weiß nicht, warum ich keine Angst habe, aber habe ich nicht. Meine einzige Sorge ist, ob an Würmchen alles dran ist, ob es ihm gut geht und ob es tatsächlich so wird, ihn im Arm zu halten, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Der Rest wird sich finden. Und jetzt koche ich mir noch einen schönen Schoko-Yogitee, der scheint mir an dieser für mich völlig untypischen Gemütsruhe nicht ganz unschuldig zu sein.