Freitag, 20. September 2013

Zwei Monate

Heute wird Ernst Stavro zwei Monate alt, und nicht zu viel über ihn zu schreiben, ist mir selten so schwer gefallen. Als ich vor ein paar Tagen Fotos an meine Familie geschickt habe, hat meine Schwester geschrieben, er wäre jetzt kein Neugeborenes mehr, sondern ein richtiges Baby, und da hat sie wie eigentlich immer Recht. Jeder Tag fängt damit an, dass er mich aus der Babybay anstrahlt, und nach dem Essen bocke ich ihn gerne mit angezogenen Beinen auf meinen Oberschenkeln auf und unterhalte mich mit ihm. Guu? Bogaa! Ange? Ernst Stavro, das sehe ich doch ganz genau so!

Ich weiß, dass ihr auf Fotos mit Maske wartet, aber das Problem mit der Maske ist, dass ich die anlässlich meines Personalgesprächs in der Innenstadt besorgen wollte, und dieses Personalgespräch - ja, also, dieses Personalgespräch, das ich mir eigentlich für Juni gewünscht hatte und das mir auch versprochen worden war, das hat immer noch nicht stattgefunden. Ja! Ich hab genau so gestaunt! Diesen Montag ist es nun aber fest vereinbart, danach schiebe ich mit ihm zu Fahnen Fleck, wo wir uns mit Masken eindecken, und sollte es diesmal wieder nicht stattfinden, dann habe ich vielleicht gar keinen Bedarf mehr an einem Personalgespräch. (Hier rumort gerade Einiges, was meine berufliche Lebensplanung betrifft. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich auch mit 40 noch fragen, was sie mal werden wollen, wenn sie groß sind.)

Gerade habe ich ihn noch mal kurz gestillt, dabei ist er eingeschlafen, und die Gelegenheit nutze ich für einen Post. Sollte ich gleich von oben Geknötter hören, wird er ziemlich abrupt enden. Das mit dem Stillen ist übrigens gerade von einem Reizthema zu einem extrem Haut- und Magenfreundlichen Schmeichelthema geworden. Die Milch wird nicht mehr, aber auch nicht weniger, und wann immer mir und ihm danach ist, lege ich ihn an. Er trinkt dann, obwohl ich die Medelasauger ziemlich schnell nach dem Abgang der Hebamme eingemottet habe, denn auch, wenn er die Technik schnell raushatte, da Milch rauszukriegen, dauert es doch länger, und die Hälfte der Flasche wird immer kalt. Außerdem lag das Plastik nicht so schön in der Hand wie das schwere Glas der Nukflaschen. Und was soll ich sagen? Beim Stillen ist seine Saugetechnik 1a. Er holt sich also, was er kriegen kann, und schläft dann ganz ruhig und friedlich ein. Nicht für lange, nie für lange, außer nachts: immer nur so zwanzig Minuten. So bin ich ziemlich schnell (für meine Verhältnisse) darauf gekommen, dass ich ihn auch zur Beruhigung anlege, wenn gar nichts anderes mehr hilft, und es ist die Wundermethode geworden, wenn ich mitten am Tag mal 20 Minuten für was auch immer brauche, die er absolut nicht im Stubenwagen zubringen will. Fast schade, dass demnächst damit Schluss sein wird, wenn der Hormonzirkus wieder los geht - wobei ich das Gespräch mit meiner Ärztin am 24. mal abwarten werde. Ich weiß nämlich noch nicht, ob es daran scheitern wird, dass mir dann einfach die Milch wegbleibt, oder ob die Medikamente in die Milch gehen und für Ernst Stavro schädlich sind. Ersteres wäre viel einfacher, denn dann kann er immer noch nuckeln und kuscheln. Aber spätestens zur Periode am Start des Zyklus wird sie wohl verschwinden. Dann heißt es Tschüss, Muttermilch!

Hallo, Rotwein. (Ich habe eine Nachbarin, die kann hellsehen. Ich kann das manchmal auch! Ich sehe jetzt schon ganz deutlich einige Kommentare vor mir, die meine nahe Zukunft für mich bereithält!)

Zwei Monate nach der Geburt reiße ich mich also am Riemen, nicht zu viel über ihn zu schreiben. Bleibt die Frage, was sich in dieser Zeit bei mir getan hat?
Die Kugel ist weg. Die Kugel ist sogar mehr als weg. Ich fand es fast ein bisschen schade, dass nach der Geburt so schnell keine Ahnung mehr blieb von der dicken Babykugel, sondern als größtes Souvenir nur der verflixte Dammschnitt. Die Linea Nigra ist noch da, in kräftigem senfgelb, das auf weißer Haut nicht sehr schick aussieht. Auch ein paar erweiterte Äderchen sind mir am Bauch geblieben, die verblassen aber auch jetzt schon und verschwinden im Bikini (zum Glück fand ich immer schon Bikinis wie in den 50ern mit viel Stoff schöner, die entsprechen auch mehr meinem ziemlich tobigen Schwimm- und Plansch-Stil). Und mein Bauchnabel sieht etwas verwohnt aus. Aber der Bauch ist weg und hat sogar noch drei Kilo mitgenommen, so dass ich jetzt weniger wiege als vor der Schwangerschaft. Ich weiß, beim Stillen darf man keine Diät machen, weil sonst der ganze Müll meines 40jährigen Lebens als Gierschlund seinen Weg in die Milch findet, und ich schwöre, ich habe keine gemacht. Das ist einfach so passiert. Was dagegen nicht mehr passiert ist: ich bin sehr glücklich, nicht mehr in die Hose gemacht zu haben. Und weil ich die Pilates-mit-Baby-DVD nur zweimal durchgeturnt habe, weiß ich nicht, ob es daran liegt oder ob die freestyle-Kegelübungen endlich angeschlagen haben. (Ihr kennt das, oder? Samantha macht sie nebenbei, während sie einen Martini trinkt. Man sitzt so da, sieht ganz entspannt aus und tut dabei sekundenlang so, als müsste man Pipi anhalten. Das wiederholt man, so lange man Lust hat. So lange man das jeden Tag macht, wirkt es angeblich.)

Oha, oben regt sich was. Ernst Stavro hat gehustet. Jetzt quengelt er. Bis später, liebe Damen!

Montag, 16. September 2013

FAQ, Teil 1

"Wieso steckst du den Kleinen nicht ins Tragetuch oder die Manduca, wenn er brüllt?"

Ein toller Tipp, wenn's funktioniert. Was es an manchen Tagen tut. Am Samstag habe ich z.B. einen Pflaumenkuchen gebacken, bei dem ich mit Erich in der Manduca in aller Seelenruhe zwei Kilo Zwetschgen erst halbieren und entkernen konnte und dann auf dem Mandel-Rührteig drapieren. Wenn es klappt, denke ich jedes Mal, das mache ich jetzt immer so. Immer! Bis ich ihn dann das nächste Mal vorschnalle und er schon beim Anblick der Manduca in markerschütterndes Gebrüll ausbricht, das auch nicht abflaut, wenn ich ihn dann an Ort und Stelle habe und ein paar Runden mit ihm um den Esszimmertisch gedreht habe. Fünf Minuten gebe ich uns. Brüllt er dann immer noch, betrachte ich den Versuch als gescheitert, befreie ihn aus seiner Not und freue mich auf den nächsten Versuch in ein paar Stunden. Aber dann! Ich hab mit der Manduca schon Wäsche gewaschen und getrocknet (Bügeln traue ich mich allerdings als Grobmotorikerin nicht, mit dem heißen Bügeleisen in der Nähe des Kindes klingt nach keiner guten Idee... davon abgesehen, dass ich mich schon als Streberin fühle, mit Baby Kuchen zu backen, bügeln klingt nach Superhausfrauoverdrive), den Hund spazieren geführt, mir ein Ei gebraten oder abgewaschen. Ich hoffe und bete, dass er irgendwann immer mitspielt, wenn er zum Kängurubaby werden soll.


"Wie läuft das, wenn Du demnächst wieder arbeitest?"

Ich hatte um drei Monate Ruhe nach der Geburt gebeten, die mein wichtigster Auftraggeber mir zähneknirschend gewährt hat. Die sind Ende Oktober um. Ich habe vor, zu meinem Wort zu stehen, auch wenn ich im Moment noch keine Ahnung habe, wie das werden soll und mir bei der Vorstellung auch nicht wenig graust. Wir haben schon vereinbart, dass ich einen Großteil der Arbeit zu Hause tun kann. Das ist einerseits ein Segen, andererseits kann es auch zum Fluch werden, denn ich weiß noch nicht, ob L. und Erich so ohne Weiteres und in letzter Konsequenz verstehen, dass ich zwar am Esstisch sitze und in meinen Rechner hacke, aber eigentlich nicht da bin und jetzt gerade nicht gut Vorsingen, Baby schunkeln und Fläschchen geben kann. Deshalb habe ich mir jetzt überlegt, mich schleunigst auf die Suche nach jemandem zu machen, der zumindest vier bis fünf Stunden an den Arbeitstagen das Babysitten übernimmt. Hat jemand einen Tipp? Bzw., noch besser, eine Telefonnummer für mich?


"Wann geht es wieder los mit der Kinderwunschbehandlung?"

Heute habe ich in der Klinik angerufen. Meine Kinderwunschärztin ist ziemlich heißbegehrt (verständlicher- und berechtigterweise!) und fährt in ihren wohlverdienten Urlaub, so dass ich jetzt erst am 24. Oktober einen Termin bei ihr habe. Aber dann geht es wieder los mit Sprays, Spritzen und Schmiere. Bleiben Sie dran! Allerdings haben L. und ich jetzt besprochen, dass wir uns und dem Hormonfasching ab dann ein Jahr geben. Nicht auf den Tag, aber so in etwa. (Sollten am 24. Oktober 2014 noch zwei kleine, nicht besonders vielversprechende Tiefkühlembryonen auf Eis liegen, dann kommen sie zum Einsatz, das ist klar. Aber 2016 wird uns niemand mehr mit dicken Tüten und um 1000 Euro ärmer die Apotheke verlassen sehen, begleitet von den Segenswünschen und tiefen Verbeugungen der Belegschaft.)



"Was ist eigentlich mit L.?"

Das hier ist mein Blog, nicht L.s, deshalb kommt er hier nur zu besonderen Anlässen vor, denn er hält sein Privatleben lieber aus dem Internet fern. Sogar bei facebook hat er sich abgemeldet! Dass er hier kaum vorkommt, liegt also eher daran, dass ich seinen Wunsch respektiere als daran, dass er sich aus Erichs Versorgung komplett raushält und auf der faulen Haut liegt.

Sonntag, 15. September 2013

Wie Pfannkuchenmix, nur anders

Meine Küchengöttin Nigella hat in einem ihrer neueren Kochbücher ein Rezept für Pfannkuchenmix. Sie mischt Mehl, Backpulver und ein bisschen Zucker und muss dann, wenn die Zeit für Pfannkuchen - in ihrem Leben ist das Sonntag Morgen - kommt, nur noch Eier, Milch und ein bisschen geschmolzene Butter dazu rühren. "Nur noch"? Vielleicht kommt der Moment ja noch, wenn Wolfgang und sein Pfannkuchenhunger wachsen. Aber momentan finde ich noch, von der ansonsten fünfminütigen Zubereitungszeit von Pfannkuchenteig zwei Minuten abzuzwacken, ist den Aufwand nicht wert und schon gar nicht den Platz, den eine weitere Aufbewahrungsbüchse neben meinem Herd schlucken würde. (Ganz zu schweigen davon, dass ich ein Teil mehr regelmäßig von Bolognesespritzern und anderer Küchenschmiere reinigen müsste.) Nigella schwört jedoch darauf: morgens, wenn sie eigentlich nicht in der Verfassung für 50er-Jahre-Supermutti-Showeinlagen ist (und frische Pfannkuchen zum Frühstück riechen definitiv danach), macht der schon fertige Pfannkuchenmix und das Gefühl, schon ein Stück des Weges hinter sich zu haben, den entscheidenden Unterschied zwischen Pfannkuchen für die Kleinen und Ich-glaub-es-hackt.
Pfannkuchenabkürzungsmix gibt es in meiner Küche also noch nicht. Aber in Bezug auf so ziemlich alles andere habe ich das Prinzip inzwischen mit Haut und Haaren geschluckt. Wolfgang ratzt zwar nachts wie ein sehr müder Engel, aber tagsüber ist es so gut wie unmöglich, ihn zu mehr als zehn Minuten Schlaf am Stück bzw. zehn Minuten friedlich und zufrieden im Wagen liegen am Stück zu bewegen. In diesen zehn Minuten spielt sich der Rest meines Lebens ab. Sobald sich seine blauen Augen schließen, bin ich schon auf dem Weg in ein anderes Stockwerk, um an einem vorbereiteten und beiseite gestellten Projekt weiter zu werkeln. Kuchen backe ich so wie Nigella Pfannekuchen: ich wiege Zucker und Mehl und gemahlene Mandeln ab, stelle die Butter in Stückchen auch schon mal am Vorabend raus oder fette die Form acht Stunden, bevor ich den Teig einfüllen kann. Denn ich weiß genau, es gibt nicht die allergeringste Chance, tagsüber 25 Minuten am Stück zu haben, um es einfach in einem Rutsch zu tun - dreimal zehn Minuten sind aber drin. Das kann auch gründlich schief gehen, gestern z.B. hatte ich die Butter vorher vergessen und sie dann in den vorheizenden Ofen gestellt, damit sie weich wird. Ja nun. Zum Glück (und zu L.s ewigem Ärger) kann ich keinen Supermarkt ohne mindestens zwei Stück Butter verlassen, ich wusste immer, es kommt der Tag, wo ich das Extrastück brauche, und gestern war er da! Na? Na? (L. sagt, das ist auf 40 Jahre gerechnet eine wirklich miese Rechthabe-Quote.) Dieser Post hat bisher drei Zehn-Minuten-Einsätze gefordert, mal sehen, wie viele es noch werden. Eigentlich funktioniert das alles ganz gut, nur dass die zehn Minuten manchmal keine zehn Minuten sind und das Gedächtnis einer wenn auch nur teilstillenden Mutter leider dazu neigt, angefangene und jäh unterbrochene Dinge einfach komplett zu vergessen. Dann kommt es vor, dass ich zwei Stunden später zu meiner bereits mit Zahnpastaschaum umhüllten Zahnbürste zurückkehre. Oder nach zwei Stunden einen schicken Steinkohleauflauf aus dem Ofen ziehe. Oder erst gegen zweiundzwanzig Uhr merke, dass ich heute nur links Mascara getragen habe. Oder - Tierfreunde wegsehen - irgendwann aus dem Fenster gucke und sehe, dass ich den Hund draußen vor dem Haus angeleint hatte, um schnell nach drinnen zu witschen und Wolfgängchen in seinen Wagen zu legen und rauszuschieben, um dann mit den beiden eine Runde durch die Schrebergärten zu schieben, und das brave Tier sitzt da die ganze Zeit und denkt sich vermutlich seinen Teil. War noch was? Hier sind gerade wieder zehn Minuten um.

Samstag, 14. September 2013

Laternenumsturz

Ich habe ziemlich feste Vorstellungen davon, wie manche Dinge zu sein haben und wie nicht. Ein Laternenumzug z.B. ist so ein Ding. Für mich muss ein Laternenumzug am Martinstag stattfinden, also im tiefsten November. Dunkel muss es sein und kalt. Er sollte nicht nur durch Wohnviertel führen, sondern durch den Wald, über die Landstraße oder über breitere Spazierwege. Ein Reiter sollte dabei sein, auf einem gemütlichen Pferd, das sich von den Kindern streicheln lässt und ab und zu schnaubt. Außerdem und noch wichtiger: ein Bläserchor sollte mitlaufen und Martinslieder spielen, vielleicht auch schon ein paar Weihnachtslieder, denn bald ist Advent. Zwar wird es immer einige ängstliche Eltern geben, die ihren Kindern nur elektrische Kerzen erlauben, aber es sollte auch einige Glückspilze geben, die in ihrer Laterne eine echte Kerze haben und deshalb andächtig und höllisch aufpassen müssen, damit sie nicht Feuer fängt. (Passiert das doch, ist es auch kein Drama: sie kann im Gras am Wegesrand friedlich in Flammen aufgehen, und das Kind passt nächstes Jahr, falls überhaupt möglich, eben NOCH besser auf.) Überhaupt, die Laternen: es sollten natürlich Monde und Sterne dabei sein, aber auch ein paar selbstgebastelte aus Camembertschachteln, Pappmaché oder Wachspapier. Und der ganze schöne Umzug sollte an einem Platz enden, an dem ein paar Feuerwehrmänner schon ein großes Feuer entfacht haben. Dort sollte es dann für die Eltern Glühwein geben und für die Kinder Kinderpunsch, und außerdem für jeden einen Stutenkerl aus Rosinenbrötchenteig mit einer Tonpfeife im Mund. So würde also ein Umzug aussehen, wäre ich Herrscherin der Welt und alleinige Bestimmerin über alles. Darauf kann ich in Hamburg lange warten. Gerade ist ein Umzug an unserem Haus vorbeigezogen. Es ist nicht nur nicht annähernd November, es ist noch nicht mal dunkel! Vorweg kam kein Pferd, sondern ein Feuerwehrauto. (Damit sind Spazierwege schon mal raus aus der Wegplanung.) Dass in Hamburg Laternenumzüge nicht von stimmungsvollen Bläsern, sondern von einem Spielmannszug mit Glockenspiel und Pfeifen begleitet werden wie ein Faschingsumzug, regt mich jedes Jahr wieder auf. Weit und breit war keine echte Kerze zu sehen. Ich könnte mir sogar vorstellen, man hätte in dieser Stadt Schwierigkeiten, eine Laternenhalterung zu kaufen, die für eine echte Kerze gedacht ist. Und obwohl ich natürlich nicht mitgelaufen bin, bin ich sicher, dieser Unmzug endet nicht an einem Feuer, sondern an einer Kreuzung vor dem Einkaufszentrum. Trist ist das. Ganz trist. Und trotzdem war ich hinter meinem Fenster ganz fiebrig vor Vorfreude, in einem Jahr mit Günther im Kinderwagen mitzuschieben. (Wird einer aus der Hundertschaft Feuerwehrmänner, die diesen brandgefährlichen Umzug absichern, uns mit dem Schlauch über die Straße pusten, wenn wir eine echte Kerze einschmuggeln?) Das kleine Kerlchen hat diese Eigenschaft, meinen So-und-nicht-anders-Panzer zu knacken. Was kommt als Nächstes? Muscheln mit Tomaten? Fritten mit Ketchup statt Mayo? Kinderlieder im Auto?

Dienstag, 10. September 2013

Einige weitere Beobachtungen einer ehemaligen Abkürzungsdame in ungeordneter Reihenfolge.

1. Diese komischen schrägen Dinger, die an der Öffnung der Pre-Milch-Packung angebracht sind, die sind dazu da, den Löffel daran abzustreifen und damit zu einem gestrichenen Löffel wie verlangt zu machen. Man braucht also kein Messer oben auf die Packung zu legen, von dem dann den ganzen Tag Milchpulver in die Küche rieselt und sich in jede Ritze (unter die Kante des Herdes, in den alten Bierkrug, in dem ich die Messer aufbewahre, auf die Bratkartoffeln daneben) klebt. Schön, dass ich das schon nach sechs Wochen gemerkt habe.

2. Anfangs war es für mein Selbstwertgefühl ein brutaler Tiefschlag, plötzlich auf Mutterschutzgeld angewiesen zu sein, statt tüchtig in die Welt hinauszuziehen und es gefälligst selbst zu verdienen. Aber das legt sich. Ziemlich schnell sogar.

3. Man darf als junge Mutter so viel und so heftig über seine Kinder meckern, wie man nur mag. Hauptsache ist scheinbar, das Gemecker endet in Dur. Also nach dem Schema: "Manchmal könnte ich die Kleinen umbringen, mein Leben erscheint mir wie ein dampfender Misthaufen, ich hab mich noch nie so angeschmiert und einsam und wertlos gefühlt, Kinder zu kriegen, war die größte Scheißidee meines Lebens, gestern habe ich Kai-Jonas laut angeschrieen: "Was willst du denn, du Arschloch?", dass die Wände gewackelt haben, aber wenn ich in Kai-Jonas' blaue Augen sehe und er mich anstrahlt, dann weiß ich genau, das ist es alles mehr als wert." So sind die Regeln, egal, ob man eine Babykolumne schreibt oder einen Blog. Was passiert, wenn man dagegen verstößt, weiß ich nicht, denn meines Wissens hat noch nie jemand dagegen verstoßen.

4. Musik hilft zumindest bei Norbert wie nichts anderes. Wenn nichts mehr hilft, auch nicht Trockenstillen, dann hilft Vorsingen. Ob das jetzt ein Zeichen ist, dass er besonders musikalisch oder besonders unmusikalisch ist? Das kann nur die Zeit zeigen.

5. Essen kochen geht ab und zu. Dann allerdings nicht Essen essen. Ich habe die Wahl, entweder zu kochen und dann hilflos dabei zuzusehen, wie sich erst eine Haut auf dem Teller bildet und dann irgendwann die erste Fliege darauf landet, eine der frustrierendsten Erfahrungen an dem an Frustrationen nicht gerade armen Tag als Mutter eines Säuglings. Oder mir etwas zu bestellen und es dann irgendwann auch tatsächlich zu essen (wenn auch nicht notwendigerweise an dem Tag, an dem es geliefert wird). Backen dagegen ist ok: viele Kuchen sind innerhalb von 15 Minuten im Ofen, und wann ich sie dann esse, bleibt mir überlassen. Und gibt es ein besseres Gegenmittel gegen tiefste Verzweiflung gepaart mit Müdigkeit und Unterzuckerung als ein mit der Hand in den Mund geschaufeltes Stück Kuchen?

6. Ergänzend zu 5: ein sicheres Mittel, mir den Abend zu versauen, ist, etwas richtig Schickes und Teures zu kochen, das auf den Punkt gegart und gegessen werden muss (Steak. Ein schönes, dickes Steak aus Biofleisch. Dazu, wenn es richtig lustig werden soll, selbst auf dem Wasserbad aufgeschlagene Sauce Bearnaise. Hihihihi! Das war komisch), und dann noch eine noch nie gesehene DVD einzuschieben. Ein brüllendes Kind kann noch deutlich mehr Verzweiflung verursachen, wenn man über seine Schulter hinweg zwei Stunden lang auf das DVD-Menü und das erkaltende Steak in einer Pfütze aus Saucenpudding starrt.

7. Mein Bauch ist wieder einigermaßen flach, ich renne die Treppen hoch und runter, und vom Drei-Nummern-zu-enger-Tanga-Gefühl im Schritt ist nur ein zu-großer-und-zu-trockener-Tampon-Gefühl geblieben. Aber gestern habe ich mir zwei mal in die Hose gemacht. Einmal musste ich niesen und war nicht darauf vorbereitet (vorbereitet heißt: ich stehe aufrecht, ich überkreuze die Füße und spanne jeden Muskel unterhalb des Zwerchfells an) und einmal bin ich schnell fünf Schritte gerannt, um noch bei grün über die Fußgängerampel zu kommen. Es war nicht viel, eine Slipeinlage wäre damit fertig geworden (nur, dass ich leider keine an hatte). Ich weiß, dass das eine Gelegenheit ist, zu der Ratgeber und Zeitschriftenautorinnen gewöhnlich sagen "Dein Körper hat unglaubliches geleistet, gib ihm Zeit, das ist ganz normal, das geht fast allen Frauen so nach der Geburt". Mein Kopf weiß das, Danke. Aber solches Zureden hilft gegen die grenzenlose Scham ungefähr genau so gut wie es helfen würde, mir zu erzählen, der weibliche Körper wäre etwas ganz Natürliches und kein Grund, rot zu werden, wenn ich gleichzeitig gezwungen wäre, nackt vor einer Bande vierzehnjähriger Monster auf und ab zu flanieren.

8. Zum Glück hatte ich mir schon vor einem Weilchen eine DVD bestellt, die Rückbildungs-Pilates mit Baby verspricht. Nuja. Die ersten zehn Minuten des Programms soll das Baby auf einer Krabbeldecke mit Bauklötzen spielen. Dann sieht man, wie es um die beiden Vorturnerinnen herumkrabbelt und sich an einer imposanten Buddha-Statue auf die Füße zieht. Das Baby, an dem das Programm demonstriert wird, ist bestimmt ein Jahr alt und wunderbar imstande, sich selbst zu beschäftigen, während seine sportlich durchtrainierte Mutter, die sicherlich keinerlei Bedarf mehr für Rückbildung hat, schnell ein paar Übungen macht. Ob diese DVD also mein kleines Pipi-Problem in den Griff kriegen wird, weiß ich noch nicht. Ich gebe ihr aber noch die eine oder andere Chance. Gestern habe ich außerdem L. in den eindringlichsten Tönen von meinem Problem erzählt und ihn gebeten, alle zwei Tage für 40 Minuten Norbert zu halten, während ich gegen den Verfall ankämpfe. "Ja", sagte er. "Oder du legst ihn so lange in den Stubenwagen."

Freitag, 6. September 2013

Schöner, schöner Mist.

Die Oma kommt nicht wegen schlechter Laune, mit der sie uns nicht anstecken will. Läuft. Ich versuche es trotzdem, dann eben häppchenweise. Wie durch ein Wunder scheint Baby nämlich heute weniger quengelig und mamasüchtig zu sein als noch gestern, vorgestern und vorvorgestern. Also los, so lange dieses gespenstische Phänomen anhält.

Ich habe nachgedacht. Würmchen ist irgendwie keine schöne Bezeichnung für dieses ausgezeichnete Baby. Zumal er ja irgendwann auch wachsen wird. Und zumal ich immer noch keine Zeit gefunden habe, seinen echten Namen aus dem Blog zu entfernen. Also einfach wieder dahin zurückzukehren, kommt aber leider auch nicht in Frage, denn irgendwann (vielleicht sogar noch heute?) will ich das schon noch durchziehen. Anonym soll er aber auch bleiben, und ein möglicher Spitzname soll nicht zu viel Macht bekommen, denn sonst nennen wir ihn irgendwann selbst nur noch so, und wozu hat er so einen hübsch spitznamentauglichen echten Namen? Ich werde darum ab heute ausprobieren, ihn einfach jeden Tag anders zu nennen. Immer bei einem Jungsnamen, der garantiert sowas von nicht seiner ist. Heute ist dieser Name Jürgen. Hallo, Jürgen! Jürgen liegt auf dem Sofa, spielt mit seinen Händen und freut sich genau wie ich, dass er auf der Welt ist.

Oha. Jetzt freut er sich nicht mehr. Kurze Unterbrechung also und gleich Themenwechsel.

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, nach dem Französischen Nervensägen-Buch kein anderes Ratgeberbuch mehr zu kaufen. Jetzt kommt unwahrscheinlicherweise Ratgebermuffel L. mit "Oje, ich wachse" vom Hundespaziergang zurück, es lag auf dem Grabbeltisch der Buchhandlung für drei Euro. Ich bin jetzt ca. auf Seite 90 und habe das Gefühl, große Teile des restlichen Buches kann ich jetzt schon vorhersagen: das Kind wächst und entwickelt sich in Schüben. Schübe bringen es voran, sind aber auch anstrengend und beunruhigend. Während der Schübe ist das Kind darum quengelig und braucht vor allem viel, viel Körperkontakt. Vor allem (so läuft es scheinbar mit Kindern...) mit Mama. Das bin dann wohl ich. Dazu sagen dann verschiedene Damen, die alle so gleich klingen, dass ich befürchte, die Autoren haben sie sich ausgedacht, Dinge wie "ich komme zu nichts mehr. Immer ist er auf meinem Arm. Das Gebrüll! Ich werde bald wahnsinnig. Gestern habe ich ihn deshalb ganz schön zackig auf den Wickeltisch gelegt. Da bin ich vor mir selbst erschrocken." Bevor jetzt einige schon wieder zu einem gepfefferten Kommentar ansetzen, ich will das Buch gar nicht zerreißen! (Dazu ist es auch zu dick.) Es wiederholt sich nur sehr viel, aber manche Wahrheiten kann man ja nicht oft genug wiederholen. Es kann gut sein mit den Schüben, kann sogar sehr gut sein, dass Jürgen gerade einen hatte. (Nachdem er eine Woche zu spät dran ist, müssen wir vom Timing der Schübe immer eine Woche abrechnen, das käme sogar hin.) Dann verdanken ich und meine Gorilla-langen Arme die letzten Tage diesem Schub. Jürgen schlug morgens um halb acht die Augen auf und fing an zu brüllen. Gut, dachte ich, er wird wohl Hunger haben? Kaum war der letzte Schluck Fläschchen unten, brüllte er weiter. Das einzige, was half, war entweder trockenstillen oder getragen, besungen und betanzt werden, und selbst so gab es Grund genug zum Weinen. Kommt mir jetzt nicht mit der Manduca, so schlau war ich auch, er war nicht gut zu sprechen auf die Manduca oder auf das Tragetuch. So ging es den ganzen Tag bis Abends um halb zehn. Dann allerdings hat er nach den Anstrengungen des Tages so richtig herrlich geschlafen wie ein Büroarbeiter in den Ferien auf dem Bauernhof: mindestens bis morgens um halb fünf. Wenn ich etwas aus dem Wiederholungsbuch gezogen habe, dann die tröstende Erkenntnis, dass so etwas nicht so bleibt und dass es nicht meine Schuld ist (verkorkste Bindung, nicht gestillt, da haben wir die Bescherung). Und das ist doch schon eine Menge. Aber nun ist trotzdem Schluss mit Ratgebern. Hörst du das, L.? Falls Du wieder mal hier rein liest?

Dann hab ich noch zu berichten, dass die liebe Blogkollegin Schoko NL zu Besuch war. Und obwohl ich eigentlich diese amerikanische TV-Sitte nervtötend finde, immer aus allem irgend eine Lehre zu ziehen, habe ich trotzdem genau wie aus dem Wiederholungsbuch auch daraus etwas gelernt: dass es ganz schön schön ist, zwei Kinder zu haben, die im Alter dicht beieinander sind, die sich gern haben und zusammen Quatsch machen und ein ganzes Haus mit Gequieke und Gekicher füllen können. Ich hatte Schokokuchen gebacken (welchen auch sonst?), mich schrecklich gefreut und hoffe jetzt, dass das nächste Treffen nicht wieder erst in vier Jahren stattfindet. Hat jemand Erfahrung damit, wie kinderfreundlich Amsterdam als Reiseziel ist? Ich könnte mir vorstellen, sehr? Und ich glaube, ich werde nicht mehr so sehr lange warten mit dem Anruf bei meiner Kinderwunschärztin.

Tatsächlich planen wir die erste Flugreise mit Jürgen in eine Stadt, die ich als praktisch kinderfrei in Erinnerung habe: nach Wien. In den letzten Jahren war ich bestimmt vier, fünf Mal in Wien, und ich kann mich nicht daran erinnern, Menschen mit Kinderwagen oder Tragegeräten in Restaurants oder Kaffeehäusern gesehen zu haben. Anders als z.B. in Kopenhagen, wo man als Abkürzungsdame vor lauter Kinderwagen ganz rote Augen bekommt, scheinen viele Wiener ihre Kinder zuhause aufzubewahren. Oder vielleicht hatte ich damals noch kein Auge dafür? Tragischerweise ist uns auch erst nach dem Buchen klar geworden, dass unsere Lieblings-Wien-Unternehmungen alle mit Baby nicht funktionieren. Weder werde ich stundenlang mit ihm bei Prückl sitzen können (es wird mit viel Freude geraucht) noch im Akademietheater. Also werden L. und ich uns abwechseln, einer schiebt mit ihm den Ring entlang und durch die Parks oder lümmelt sich bei schlechtem Wetter im schicken Hotelzimmer oder im Museum, der andere nutzt die Zeit, um sich mit dem schönen Wiener Essen und der schönen Wiener Kultur druckzubetanken. Liebe Damen aus Österreich, hat vielleicht für diese Reise eine einen Tipp?

So viel erst mal von mir und Jürgen.








Donnerstag, 5. September 2013

Mama kommt gleich wieder. Baaaaald, gaaaanz baaaald.

Keine Angst, niemand hat mich vergrätzt. Ich bin noch hier. Ich bin nur gerade nicht Herrin über meine Zeit. Oder meine Arme. Oder geschweige denn meine zehn Finger. Und im ein-Finger-System mit sechs Kilo Gewicht am Hals, das dazu auch noch schwer beleidigt ist, sobald es auch nur den kleinsten Verlust an Aufmerksamkeit registriert, schreibe ich nicht so besonders flott und auch nicht besonders gern. Ich verspreche aber, ich melde mich bald, ganz bald. Denn die nächsten Tage wird eine sehr hingebungsvolle Oma immer in unserer Nähe sein. Und sobald die mit Würmchen auf den Armen glücklich und stolz davonschwebt, werde ich kurz durchatmen, den Rechner aufklappen und schreiben, dass es nur so knattert. Ich freu mich schon sehr darauf.

Dienstag, 27. August 2013

Und ausatmen.

Zwar hat Würmchen die Medela-Sauger geknackt, aber die Medela-Sauger offensichtlich nicht Würmchen. Ich erkläre hiermit die große Stillsaga, das vermutlich langweiligste Blogdrama aller Zeiten, für beendet. Ab jetzt pumpe ich ab und gebe Fläschchen. Und wenn das Pumpen irgendwann auch nicht mehr läuft, dann eben nur noch Fläschchen. Erstaunlicherweise läuft es aber wie nie: heute morgen z.B. kamen sagenhafte 140 ml aus mir raus, und das ohne größere Umstände. Nicht mehr zu stillen, tut mir offensichtlich gut. Die Hebamme hat es mit Fassung getragen, sie ist ja auch schon ein großes Mädchen.

Was bedeutet, ihr werdet hier so schnell nicht wieder seitenlange Abhandlungen über Muttermilch lesen müssen, es sei denn, es passiert etwas wirklich Atemberaubendes an dieser Front. (Was das sein könnte? Keine Ahnung. Muttermilch läuft nachts aus, findet ihren Weg zum Schalter meiner Nachttischlampe und löst einen Zimmerbrand aus? Muttermilch leuchtet plötzlich im Dunkeln? Muttermilch kommt aus meinen Ohren? Muttermilch im Gefrierfach findet durch einen grauenvollen Irrtum ihren Weg in einen Nachtisch für einen bunten Abend, und meine Freunde sprechen nie wieder ein Wort mit mir? Ich eröffne nach japanischem Vorbild eine Eisdiele, in der es aus Muttermilch hergestelltes Eis gibt, und werde schamlos reich? Wir werden sehen.)

Würmchen jedenfalls ist ebenfalls so entspannt wie nie nach der Geburt. Im Moment schläft er im Zimmer nebenan in seinem Bettchen, und ich habe ihn sogar wach (wenn auch mit etwas glasigem Blick) dort abgelegt. Lächeln kann er jetzt auch, Teufelskerl! Wie gerne würde ich euch ein Foto davon zeigen! Geht aber nicht, das hatten wir ja besprochen. Es sei denn, ich kaufe demnächst eine kleine Zorro-Maske bei Fahnen Fleck? Die Idee halte ich mal fest. (Die haben da auch niedliche Fliegenpilz-, Äffchen- und Panda-Masken.)

Inzwischen habe ich etwas getan, was ich eigentlich nicht mehr tun wollte: ich habe gegoogelt. Ich wollte rausfinden, wie schnell nach einer Geburt man sich der nächsten IVF zuwenden kann, ob sich das mit Muttermilch (ZACK, da ist sie doch schon wieder! Muss an diesen Bockshornklee-Kapseln liegen, Muttermilch überall) verträgt usw., und statt wie ein vernünftiger Mensch meine Kinderwunschärztin anzurufen, habe ich gegoogelt. Dabei bin ich natürlich nicht auf die Information gestoßen, die ich gesucht habe, sondern auf diesen Artikel aus dem Freitag, in dem eine Hamburger Ärztin interviewt wird zum Thema, was eigentlich aus IVF-Kindern wird, wie sie sich entwickeln, was die Eltern anders machen und erleben usw. Ich habe das mit großen Augen gelesen und war ausnahmsweise mal eher angetan von einem Zeitungsartikel zu dem Thema. Auch wenn ich mich hinterher gefragt habe: was bin ich denn für eine? Denn ein Ergebnis der Studie war, dass wir IVF-Mütter viel ängstlicher sind, unseren Kindern weniger zumuten können und wollen als andere Mütter, Schwierigkeiten haben, loszulassen, und mehr kontrollieren wollen. Und dann sitze ich hier: gestern Abend war ich mit meiner Schwiegermutter im Kino, L. blieb zurück mit Würmchen und zwei Muttermilchfläschchen im Kühlschrank. Während ich auf meinem Bett sitze und diesen Post tippe, liegt Würmchen nebenan in seinem Bettchen und ratzt - mit offener Tür, ok, aber nebenan. Und während dieses Rätzchens war ich schon im Keller, im Garten und kurz vor dem Haus an der Mülltonne. Ohne mir deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen! Im Kino gestern habe ich ihn schwer vermisst und mich öfter dabei erwischt, dass ich an ihn und sein rosiges, glänzendes Näschen denke statt vollkommen gebannt von der Handlung zu sein, aber mein Fazit war: da muss ich durch, es geht ihm gut (wie mir L. per SMS versichert hat), und Freiheit ist etwas Tolles, auch wenn sie manchmal ein bisschen weh tut. Und nun habe ich auch noch abgestillt? Wenn auch abgestillt light, mit Muttermilch per Fläschchen? Aus der Art geschlagen, scheinbar.


Samstag, 24. August 2013

Lagebericht von der Milchbar.

Von Sonnenaufgang bis abends bekommt Würmchen nur Medela-Fläschchen. Nach dem Stillen, versteht sich. Und er lernt schnell. Am ersten Fläschchen hatte er noch fast eine Stunde zu knacken. Das zweite ging schon schneller, das dritte noch schneller. Inzwischen trinkt er von den 170 ml PRE-Milch ca. 100 und braucht dafür so ungefähr zwanzig Minuten. Danach mag er nicht mehr, und ich stelle es weg. Dass das allerdings irgend etwas in Bezug auf das Stillen verbessert hätte, kann ich bisher nicht sagen. Er dockt tadellos an und trinkt dann auch, aber eben leider nur für ca. drei Minuten, dann gibt es das alte Programm: durchbiegen, kreischen, brüllen, hauen, kratzen, den Kopf mit viel Schwung zurückwerfen. Vielleicht schmecke ich doof? Milch ist dann jedenfalls noch da. Ich bin ratlos. Das letzte Fläschchen abends und das mitten in der Nacht haben allerdings immer noch die guten alten Nuk-Sauger, und ich kann bisher nicht beobachten, dass ihn das irgendwie beim Trinken an den Medela-Saugern irritiert.

Jetzt mache ich weiter mit der tagsüber-Medela-nachts-Nuk-Kombination. Zwischendurch pumpe ich auch mal ab, so oft ich den Nerv habe, die Pumpe zusammenzubauen und anschließend zu spülen und zu sterilisieren. Die Milch wandert dann ins Fläschchen oder in die Tiefkühle für Gelegenheiten wie vorgestern abend. Ich habe nämlich - oh Wunder, erster Erfolg des Still-Ultimatums - ausnahmsweise auch mal wieder etwas anderes zu berichten: Zweimal hatte ich Würmchen schon mit zum Mädchenabend bei einer meiner Freundinnen zuhause. Das ging gut! Zwar war der Abend für mich dann gegen zehn beendet, weil er einfach nicht mehr wollte und zu knötterig war (und weil ich dann so müde war, dass ich langsam Angst vor Sekundenschlaf auf der Heimfahrt bekommen habe). Aber die Tanten haben sich rührend um ihn gekümmert, und ich habe die Chance genutzt, mal wieder beide Hände zum Essen frei zu haben. Und vorgestern hatten wir Hochzeitstag, und zum ersten Mal haben wir ihn bei seiner Oma gelassen, die ihn für zwei Stunden gebabysittet hat. Ich habe ihn ihr gestillt, gefüttert und gewickelt übergeben, im Fläschchenwärmer stand eine Flasche Muttermilch für alle Fälle, für Oma hatte ich Tomate Mozzarella und Obstquark und ihr Lieblingsbierchen vorbereitet, und L. und ich sind in der Nicht-Familienkutsche schick Fisch essen gefahren. Zwei Stunden später waren wir wieder zuhause, und es hatte keine Katastrophe gegeben. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht.

Sonntag, 18. August 2013

Knöpfchen wechsel Dich.

Ich glaube fest daran, jetzt das Wundermittel für eine harmonische, ausgeschlafene und entspannte Mutter-Baby-Beziehung entdeckt zu haben. Es ist... Trommelwirbel: die Fön-App. Damit lässt sich auch das aufgebrachteste Kind Ruck-zuck beruhi... ach, nee. Wartet mal. Also noch mal Trommelwirbel. Es ist: erst zehn Minuten rumtragen und vorsingen, dann noch zehn Minuten auf dem Sofa sitzen und abwarten, dann vorsichtig auf die Seite in die Wiege legen. Klappt garantiert immer, wieso bin ich da nicht früher drauf geko... Mist. Nee. Jetzt doch nicht. Also noch mal Trommelwirbel für... Pucken! Pucken. Ich hätte das nie für möglich gehalten, aber diese mit niedlichen Tieren bedruckte Baby-Zwangsjacke, die mir eine Freundin mit vielsagendem Zwinkern vermacht hat, schafft es tatsächlich, aus einem zappelnden, brüllenden und krebsroten Baby ein schlafendes, rosiges, wonniges Dickerchen zu machen. Und aus einer triefäugigen, den Tränen nahen Mutter jedenfalls auch etwas Besseres. Bis dann irgendwann...

Es ist zum Durchdrehen. Täglich denke ich, jetzt endlich den Knopf gefunden zu haben. Und es funktioniert! Und ich bin selig und erzähle mit meiner Riesenklappe natürlich allen, wie super das alles klappt und wie glücklich wir sind und dass von jetzt an alles, wirklich alles gut wird. Der Zauber hält dann ungefähr 24 Stunden an, dann verliert der Trick jegliche Wirkung. Es ist wie eine Karte beim Monopoly, die man nur einmal ausspielen kann. Vorletzte Nacht war z.B. die Nacht des Puckwunders. Um sieben habe ich ihn gepuckt, und ich glaube, ich habe ihm dann gegen zwölf und noch mal gegen halb fünf was zu Trinken gegeben, woraufhin er bis halb elf geschlafen hat. Ich hätte ihn zur Feier des Tages gerne auf eine Runde Martinis im ganz großen Stil eingeladen, aber mach was. Schon in der nächsten Nacht war es, als wäre das alles nie passiert, und der Pucksack, den ich voller Vorfreude um ihn gewickelt hatte (nach einem Tag, den er gefühlt ausschließlich auf meinen erlahmenden Armen verbracht hat bzw. zur Abwechslung auch mal im Tuch, jedenfalls aber nicht schlafend im Bettchen) wurde nur mit Protestgebrüll aufgenommen. Gut, dachte ich, das legt sich, er muss sich erst erinnern, wie gut ihm das gestern getan hat, und setzte zu einer weiteren Runde tanzen und singen mit ihm an. Er wollte oder konnte sich aber leider nicht erinnern. Heute Abend kriegt der Pucksack bestimmt noch eine Chance (bevor er dann übermorgen wieder rausgewachsen ist aus dem Ding), aber bis dahin frage ich mich: gibt es den Knopf, oder ist das eine Fata Morgana, um müde Eltern zu quälen und um den Verstand zu bringen? Trage ich mein Kind vielleicht doch mal bei meiner Osteopathin vorbei? So ganz ohne war die Geburt ja nicht, vielleicht hängt ihm die noch nach? Oder muss ich leider damit leben, dass mein Baby und ich die nächsten Monate jeden Abend "Versteck den Knopf" spielen werden? Ich würde ja alles durchprobieren, aber in meinem schlauen Baby-Ratgeber steht, dass man damit das Kind erst Recht um den Schlaf bringt, wenn man zu abendlicher Stunde einen Trick nach dem anderen an ihm versucht wie ein aus dem Konzept geratener Magier, der zu Recht spürt, dass er sein Publikum verliert.

Also gut. Was wir jetzt schon machen:
Wir versuchen, nachts langweiliger zu sein als tagsüber. Nicht großartig auf das Kind einsummen oder einreden, keine lustigen Spielchen.
Wir legen ihn immer über die Seite ab, nie PLOPP! auf den Rücken.
Wir unterhalten ihn tagsüber. Und wie! In ein paar Monaten habe ich Arme wie Madonna, wenn das so weitergeht. So dass er abends eigentlich müde sein müsste.
Wir schieben täglich mit ihm an der frischen Luft spazieren. Zusätzlich gehe ich gerne mal mit ihm ein Ründchen durch den Garten. Denn Tageslicht und Geschuckel im Freien soll ja auch für einen gesunden Schlaf sorgen.
Wir achten darauf, dass er keinen Strampler trägt, der ihm zu klein wird.
Wir wechseln nachts nur noch die Windel, wenn die Windel sich regelrecht aufdrängt.
Nachts gibt es nur Schummerlicht.

Und dann das Schlafen tagsüber. Das ist noch mal ein ganz eigener Post.