Große Übergänge und Veränderungen im Leben machen mir Angst. Die letzten drei Tage vor dem ersten Jobtag waren ziemlich ekelhaft, aber nichts gegen die Nächte. "Noch drei mal nicht schlafen" dachte ich am Donnerstag, und genau so war es dann auch. In den ollen, klammen Stunden zwischen Mitternacht und Dämmerung liege ich oft wach, da brauche ich gar keinen besonders bombastischen Anlass, aber das war auch für meine Verhältnisse ein Festival der Grüblerei und der unguten Gedanken. Inzwischen kannte ich mich wenigstens gut genug, um zu hoffen, dass ich von diesem Zwölfer eben einmal springen muss und dann - wer weiß? - vielleicht sogar schneller, als man gucken kann, die Leiter wieder hochklettere und noch mal will.
Genau so war es dann nicht gerade, aber trotzdem bin ich nach zwei Tagen vorsichtig optimistisch.
Meine erste Erkenntnis habe ich früher von anderen schon ca. achthundertmal gehört, aber irgendwie nie so richtig geglaubt. Jetzt kann ich das bestätigen: ein Tag in einem netten Innenstadtbüro ist ungefähr ein Viertel so anstrengend wie ein Tag mit einem schlechtgelaunten Baby. Verglichen mit einem gutgelaunten Baby ist er ca. halb so anstrengend. Wie leicht auf einmal alles ist! Wie einfach! Wie viel Zeit man hat! Ich hatte zwar schon zwei Tassen Tee, aber jetzt hätte ich gerne noch eine. Nur zu! Ich gehe einfach in die Küche und mache mir eine. Jetzt ist Mittag. Was hole ich mir denn, einen Salat? Oder ans vegetarische Buffet? Oder einen Burger mit Fritten? Und wer kommt mit? Diese kleine popelige Schüssel Salat, die ich gerade in einer Papiertüte zurück in die Agentur trage, macht mich glücklich. Wieso? Spinnt die jetzt? Denken sich sicher manche Abkürzungsdamen. Ich sage nur, ich wünsche euch viel Glück für den nächsten Versuch, und dann wartet's mal ab. Es ist natürlich nicht alles toll, in Meetings nerven die gleichen Dinge wie vorher, und auch an bisher zwei Arbeitstagen hatte ich eine Menge Momente, in denen ich mir innerlich vor den Kopf geschlagen habe, aber davon abgesehen: das hier ist der leichte Teil meines Lebens. Das kann ich. Ich weiß, wie das geht. Vielleicht hat es auch geholfen, dass ich mit dem Schlimmsten gerechnet habe. Und das Schlimmste ist nicht passiert. Das Zweit- und Drittschlimmste auch nicht.
Fies ist natürlich, wenn man am ersten Tag nach der vierten Tasse Tee zum Telefon greift und mal hören will, wie es zuhause so läuft, und dann brüllt das Baby, und L. ist mit den Nerven auch schon runter. Aber ich habe mich mit Gewalt davon abgehalten, zwanzig Minuten später schon wieder anzurufen (Kann man auch nicht brauchen, mit brüllendem Baby nach dem Handy zu wühlen, so viel habe ich in drei Monaten auch gelernt), und kurz darauf war auch zuhause der Himmel schon wieder blau. Das Kindermädchen ist wider Erwarten tatsächlich aufgetaucht, hat fröhlich seine Arbeit getan und ist wieder gegangen. Am ersten Tag hat das Baby nicht so viel getrunken wie sonst, aber das hat er dann nach meiner Heimkehr im Affenzahn nachgeholt, und heute ging es schon viel besser.
Ist das zu fassen? Ich bin eine arbeitende Mutter.
Heute habe ich ca. 17mal sämtliche Fotos von Kalle auf meinem Handy durchgeguckt. Und von der Ubahn nach Hause bin ich eigentlich mit ausgebreiteten Armen gerannt. Es war unfassbar schön, nach zehn Stunden ohne ihn meinen kleinen Kalle mit den Pustebacken und den blauen Augen in den Arm zu nehmen. Ich hoffe, ich habe ihm im Überschwang keine Rippe gebrochen. Beschwert hat er sich nicht, im Gegenteil, er hat mich fröhlich angekräht. Morgen noch ein Tag, und dann ist der Spuk für diese Woche auch schon wieder vorbei. "Wie kriegt man das denn hin, mit Baby und Arbeit?" hat mich heute eine gefragt. Mit L., der gerade zu Hochform aufläuft. Mit Karlchen, der ein gesundes Grundvertrauen mit auf die Welt gebracht zu haben scheint und seine Ersatzmutter von Anfang an ins Herz geschlossen hat. Mit Chefs, die bereit sind, einiges für mich zu tun, wenn ich etwas für sie tue. Mit einem Kindermädchen, das Kalle gern hat und das auch bereit ist, drei Stunden mit ihm auf dem Arm durchs Esszimmer zu schwoofen und spanische Schlaflieder zu singen. Und davon abgesehen macht man das wie ein Alkoholiker, der aufhören will: immer einen Tag nach dem anderen.
(Verflixt noch eins. Wieso habe ich das Gefühl, diese Euphorie schreit danach, eins auf die Nase zu bekommen? Und morgen wird es schrecklich und der ganze schöne Plan ist wieder im Eimer?)
Was habe ich sonst noch zu berichten?
Niemand soll sagen, ich bin grundsätzlich ignorant und pampig gegenüber gutgemeinten Ratschlägen. Vor einer Weile, als ich über mein Pipiproblem klagte, haben mir Kommentatorinnen geraten, es mit Cantienica zu versuchen. Und tada, ich bin angemeldet in einem Cantienica-Rückbildungskurs, der am Donnerstag beginnt. Davon erzähle ich dann mal. Ich hoffe, es wird nicht gesungen.
Bei der Osteopathin war ich auch, die sollte etwas gegen meine Rückenschmerzen tun. Jeden Tag mehrere Stunden das Baby zum Teil in nicht orthopädisch korrekter Haltung hochzuheben und rumzuschleppen, fordert seinen Tribut. Danach war es erst schlimmer (wie von ihr angekündigt), aber nach zwei Thermacare Wärmepflastern besser.
Donnerstag gehe ich nicht nur zu Cantienica, sondern auch zum ersten Mal wieder in meine Kinderwunschklinik. Davon erzähle ich dann auch, ganz bestimmt.
Unser erster Flugurlaub mit Baby wird jetzt unser erster Flugurlaub ohne Baby. Meine Mutter hat sich angeboten, für die vier Tage Kalle zu hüten, und das Angebot haben wir angenommen, nachdem ich schon erwogen hatte, mir zwanzig Einwegfläschchen ins Hotel liefern zu lassen, um das Vaporisierproblem zu lösen. (Für Abkürzungsdamen: Fläschchen zu spülen, reicht leider nicht. Keimfrei müssen sie sein, das erreicht man, indem man sie minutenlang auskocht oder in einem Dampfbehälter in die Mikrowelle stellt. Das nennt man Vaporisieren. Jetzt gibt es in den meisten Hotelzimmern weder Mikrowellen noch Kochplatten.) Ein bisschen traurig finde ich das, ich hätte Kalle gerne Wien gezeigt. Andererseits erspare ich ihm vermutlich so eine Menge Stress, meine Mutter freut sich wie eine Schneekönigin, er liebt sie auch heiß und innig, und wir können zusammen ins fabelhafte Wiener Theater.
Den Stammtisch möchte ich so bald wie möglich machen, allerdings würde ich gerne den Termin in der Abkürzungsklinik abwarten, um um die heiße Phase der nächsten IVF herumplanen zu können. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es am Ende ein Donnerstag im November wird. Könnten interessierte Hamburger Damen vielleicht schon mal kurz kommentieren, an welchen Donnerstagen es auf keinen Fall klappt bei ihnen? Bei mir ist der 21. raus, denn da werde ich mit etwas mit "erl" am Ende im Bauch im Theater sitzen, während hier meine Eltern die Stellung halten.
spaghetti aglio e olio
vor 1 Woche