Dienstag, 22. Oktober 2013

Leicht verrissener Köpper.

Große Übergänge und Veränderungen im Leben machen mir Angst. Die letzten drei Tage vor dem ersten Jobtag waren ziemlich ekelhaft, aber nichts gegen die Nächte. "Noch drei mal nicht schlafen" dachte ich am Donnerstag, und genau so war es dann auch. In den ollen, klammen Stunden zwischen Mitternacht und Dämmerung liege ich oft wach, da brauche ich gar keinen besonders bombastischen Anlass, aber das war auch für meine Verhältnisse ein Festival der Grüblerei und der unguten Gedanken. Inzwischen kannte ich mich wenigstens gut genug, um zu hoffen, dass ich von diesem Zwölfer eben einmal springen muss und dann - wer weiß? - vielleicht sogar schneller, als man gucken kann, die Leiter wieder hochklettere und noch mal will.

Genau so war es dann nicht gerade, aber trotzdem bin ich nach zwei Tagen vorsichtig optimistisch.

Meine erste Erkenntnis habe ich früher von anderen schon ca. achthundertmal gehört, aber irgendwie nie so richtig geglaubt. Jetzt kann ich das bestätigen: ein Tag in einem netten Innenstadtbüro ist ungefähr ein Viertel so anstrengend wie ein Tag mit einem schlechtgelaunten Baby. Verglichen mit einem gutgelaunten Baby ist er ca. halb so anstrengend. Wie leicht auf einmal alles ist! Wie einfach! Wie viel Zeit man hat! Ich hatte zwar schon zwei Tassen Tee, aber jetzt hätte ich gerne noch eine. Nur zu! Ich gehe einfach in die Küche und mache mir eine. Jetzt ist Mittag. Was hole ich mir denn, einen Salat? Oder ans vegetarische Buffet? Oder einen Burger mit Fritten? Und wer kommt mit? Diese kleine popelige Schüssel Salat, die ich gerade in einer Papiertüte zurück in die Agentur trage, macht mich glücklich. Wieso? Spinnt die jetzt? Denken sich sicher manche Abkürzungsdamen. Ich sage nur, ich wünsche euch viel Glück für den nächsten Versuch, und dann wartet's mal ab. Es ist natürlich nicht alles toll, in Meetings nerven die gleichen Dinge wie vorher, und auch an bisher zwei Arbeitstagen hatte ich eine Menge Momente, in denen ich mir innerlich vor den Kopf geschlagen habe, aber davon abgesehen: das hier ist der leichte Teil meines Lebens. Das kann ich. Ich weiß, wie das geht. Vielleicht hat es auch geholfen, dass ich mit dem Schlimmsten gerechnet habe. Und das Schlimmste ist nicht passiert. Das Zweit- und Drittschlimmste auch nicht.

Fies ist natürlich, wenn man am ersten Tag nach der vierten Tasse Tee zum Telefon greift und mal hören will, wie es zuhause so läuft, und dann brüllt das Baby, und L. ist mit den Nerven auch schon runter. Aber ich habe mich mit Gewalt davon abgehalten, zwanzig Minuten später schon wieder anzurufen (Kann man auch nicht brauchen, mit brüllendem Baby nach dem Handy zu wühlen, so viel habe ich in drei Monaten auch gelernt), und kurz darauf war auch zuhause der Himmel schon wieder blau. Das Kindermädchen ist wider Erwarten tatsächlich aufgetaucht, hat fröhlich seine Arbeit getan und ist wieder gegangen. Am ersten Tag hat das Baby nicht so viel getrunken wie sonst, aber das hat er dann nach meiner Heimkehr im Affenzahn nachgeholt, und heute ging es schon viel besser.

Ist das zu fassen? Ich bin eine arbeitende Mutter.

Heute habe ich ca. 17mal sämtliche Fotos von Kalle auf meinem Handy durchgeguckt. Und von der Ubahn nach Hause bin ich eigentlich mit ausgebreiteten Armen gerannt. Es war unfassbar schön, nach zehn Stunden ohne ihn meinen kleinen Kalle mit den Pustebacken und den blauen Augen in den Arm zu nehmen. Ich hoffe, ich habe ihm im Überschwang keine Rippe gebrochen. Beschwert hat er sich nicht, im Gegenteil, er hat mich fröhlich angekräht. Morgen noch ein Tag, und dann ist der Spuk für diese Woche auch schon wieder vorbei. "Wie kriegt man das denn hin, mit Baby und Arbeit?" hat mich heute eine gefragt. Mit L., der gerade zu Hochform aufläuft. Mit Karlchen, der ein gesundes Grundvertrauen mit auf die Welt gebracht zu haben scheint und seine Ersatzmutter von Anfang an ins Herz geschlossen hat. Mit Chefs, die bereit sind, einiges für mich zu tun, wenn ich etwas für sie tue. Mit einem Kindermädchen, das Kalle gern hat und das auch bereit ist, drei Stunden mit ihm auf dem Arm durchs Esszimmer zu schwoofen und spanische Schlaflieder zu singen. Und davon abgesehen macht man das wie ein Alkoholiker, der aufhören will: immer einen Tag nach dem anderen.

(Verflixt noch eins. Wieso habe ich das Gefühl, diese Euphorie schreit danach, eins auf die Nase zu bekommen? Und morgen wird es schrecklich und der ganze schöne Plan ist wieder im Eimer?)

Was habe ich sonst noch zu berichten?

Niemand soll sagen, ich bin grundsätzlich ignorant und pampig gegenüber gutgemeinten Ratschlägen. Vor einer Weile, als ich über mein Pipiproblem klagte, haben mir Kommentatorinnen geraten, es mit Cantienica zu versuchen. Und tada, ich bin angemeldet in einem Cantienica-Rückbildungskurs, der am Donnerstag beginnt. Davon erzähle ich dann mal. Ich hoffe, es wird nicht gesungen.

Bei der Osteopathin war ich auch, die sollte etwas gegen meine Rückenschmerzen tun. Jeden Tag mehrere Stunden das Baby zum Teil in nicht orthopädisch korrekter Haltung hochzuheben und rumzuschleppen, fordert seinen Tribut. Danach war es erst schlimmer (wie von ihr angekündigt), aber nach zwei Thermacare Wärmepflastern besser.

Donnerstag gehe ich nicht nur zu Cantienica, sondern auch zum ersten Mal wieder in meine Kinderwunschklinik. Davon erzähle ich dann auch, ganz bestimmt.

Unser erster Flugurlaub mit Baby wird jetzt unser erster Flugurlaub ohne Baby. Meine Mutter hat sich angeboten, für die vier Tage Kalle zu hüten, und das Angebot haben wir angenommen, nachdem ich schon erwogen hatte, mir zwanzig Einwegfläschchen ins Hotel liefern zu lassen, um das Vaporisierproblem zu lösen. (Für Abkürzungsdamen: Fläschchen zu spülen, reicht leider nicht. Keimfrei müssen sie sein, das erreicht man, indem man sie minutenlang auskocht oder in einem Dampfbehälter in die Mikrowelle stellt. Das nennt man Vaporisieren. Jetzt gibt es in den meisten Hotelzimmern weder Mikrowellen noch Kochplatten.) Ein bisschen traurig finde ich das, ich hätte Kalle gerne Wien gezeigt. Andererseits erspare ich ihm vermutlich so eine Menge Stress, meine Mutter freut sich wie eine Schneekönigin, er liebt sie auch heiß und innig, und wir können zusammen ins fabelhafte Wiener Theater.

Den Stammtisch möchte ich so bald wie möglich machen, allerdings würde ich gerne den Termin in der Abkürzungsklinik abwarten, um um die heiße Phase der nächsten IVF herumplanen zu können. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es am Ende ein Donnerstag im November wird. Könnten interessierte Hamburger Damen vielleicht schon mal kurz kommentieren, an welchen Donnerstagen es auf keinen Fall klappt bei ihnen? Bei mir ist der 21. raus, denn da werde ich mit etwas mit "erl" am Ende im Bauch im Theater sitzen, während hier meine Eltern die Stellung halten.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Friendly Fire: p.s.

Wieso überhaupt so viel an anderen herumgekrittelt und reingegrätscht wird, ist natürlich auch eine interessante Frage. Aber die Frage, die mich gerade viel mehr beschäftigt, ist folgende: Wenn man schon so dermaßen vom ehrenhaften Anliegen umgetrieben wird, dass es bitte allen Babies so gut gehen soll wie den eigenen, dann gibt es doch so viel lohnendere Gelegenheiten sich einzubringen, als den Feldzug gegen andere gutwillige und ambitionierte Mütter, die eben ein-zwei Dinge ein bisschen anders anpacken als man selbst, ob im Internet, in der Krabbelgruppe oder auf dem Spielplatz. Meine Lieblingsbloggerin dooce (die ihr in meiner Blogroll findet) engagiert sich z.B. bei "Every Mother Counts", einem Projekt, das dafür kämpft, dass schwangere Frauen in Afrika nicht mehr mit Wehen teilweise 50 Kilometer zu Fuß zur nächsten Behelfsklinik laufen müssen, nur um dort dann wegen Überlastung wieder weggeschickt zu werden und ihr Kind allein irgendwo im Staub zu bekommen. Ich bin sicher, eine Stunde am Rechner, nachdem das eigene Kind glücklich, warm, satt und behütet eingeschlafen ist, fördert Dutzende von tollen Initiativen zutage, die es wert sind, diese Energie und die Leidenschaft für das Kindeswohl dort einzubringen.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Friendly Fire.

Jetzt bin ich schon seit fast drei Monaten Mutter und vorher eine Ewigkeit erst noch nicht schwanger und dann schwanger gewesen, und ich verstehe es immer noch nicht.

Da sind auf der einen Seite die Mütter, die sich Mühe geben. Die alles richtig machen wollen, nach besten Kräften, die ihr Kind so gut lieben und groß ziehen wollen, wie es nur geht. Die Testergebnisse googeln, bevor sie einen Schnuller kaufen, die sich für Kurse anmelden und Strampler aus Biowolle kaufen, nicht aus Sorge um die Schafe, sondern aus Sorge um ihr Baby.

Und dann sind da auf der anderen Seite manche, die einen Freund haben, der das Kind verprügelt, und sie tun und sagen nichts. Die, denen ihre Kinder schlichtweg egal sind. Die ihrem Zweijährigen eine schallern, weil sie jetzt gerade ihre Soap gucken wollen und keine Lust auf sein Gebrüll haben. Die schwanger Kette rauchen. Die sich vernünftige Babynahrung nicht leisten wollen und stattdessen dann einfach Milchpulver nehmen. Die, die ab und zu einen Moment haben, in dem sie denken "Ach, das Würmchen. Wie es ihm wohl geht?" und dann ein Tränchen zerdrücken und zehn Minuten später trotzdem so weiter machen.

Und gäbe es noch eine dritte Seite, wären da vielleicht die, die keine Wahl haben. Die irgendwie allein mit drei Kindern und ohne Mann klar kommen müssen und eben arbeiten und das Kind bei der Nachbarin lassen, auch wenn sie manchmal das Gefühl haben, mit der stimmt irgendwas nicht. Die manchmal die Tür zumachen und das Kind brüllen lassen, weil es einfach nicht mehr geht. Die kein Geld haben für einen neuen Kindersitz, wenn das Kind aus dem alten rausgewachsen ist, oder die erst gar keinen Kindersitz haben. Die... ach, ihr wisst, was ich meine.

Was mir nicht in den Kopf will ist, warum Gruppe 1 - die Glücklichen, die ihre Kinder wollen und lieben und gleichzeitig die Möglichkeit haben, alles für sie zu tun, die also genau da sind, wo sie sein wollen und eigentlich einfach nur zufrieden sein müssten - sich ständig ankläffen und rumschikanieren muss. Wieso sich die Frauen, die grundsätzlich überhaupt nie Alkohol trinken, im Forum auf die arme Seele stürzen, die auf einer Hochzeit zwei Glas Sekt getrunken hat, als sie noch nicht wusste, dass sie schwanger ist. Warum engagierte Online-Scharmützel geführt werden über die richtige Art, ein Kind voll zu stillen. Warum ich auf einmal eine ganz Miese und total daneben bin, weil ich nach drei Monaten wieder arbeite - auch deshalb, weil ich sonst einen extrem familienfreundlichen Job aufgeben würde, um mir dann nach einem Jahr Elternzeit einen extrem familienunfreundlichen suchen zu müssen. Wobei, ich kann das ab. Andere trifft es bestimmt härter. Ich frage mich eben nur...

Es wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben.

Aufholpost

Es ist ein bisschen so, wie wenn man einen ganz alten und sehr guten Freund hat, den man viel zu selten sieht und mit dem man einmal im Monat telefonieren sollte. Und dann verbammelt man es und denkt fast täglich: den muss ich unbedingt anrufen, am besten heute. Und man verbammelt es aber immer noch, und irgendwann hat man erstens ein schlechtes Gewissen und zweitens inzwischen so viel zu erzählen, dass es mit einem üblichen 30-Minuten-Telefonat nicht mehr zu schaffen ist, und plötzlich ist ein halbes Jahr vergangen und man hat nicht telefoniert. Liebe Abkürzungsdamen, es tut mir sehr leid, dass ich in letzter Zeit so postfaul bin, aber irgendwie kommt das so. Ich stehe auf, füttere das Baby, und plötzlich kommen die Nachrichten und der Tag ist vorbei und ich bin völlig kaputt und zu nicht mehr imstande, als vielleicht noch einen Krimi zu gucken. Das hier muss also wieder mal ein Sammelpost werden.

Die Suche nach der Kinderfrau ist immer noch in vollem Schwung. Bisher hatten wir sechs Damen hier sitzen, vier letzten Donnerstag und zwei gestern. Wenn man bedenkt, dass ich heute in sechs Tagen wieder am Schreibtisch sitze, ist das sowas von haarscharf, aber so ist das wohl mit mir, ich komme auch immer am liebsten in dem Moment auf den Bahnsteig, wenn der Zug einfährt, statt da noch zehn Minuten rumzustehen. Zwei mehr hatte ich zwar eingeladen, aber die eine musste wegen eines Notfalls in einer anderen Familie abspringen, die andere kriegte es nicht hin vorbeizukommen, weil ihr ständig ihre Gesundheit querschoss. Blieben also sechs. Davon waren es zwei auf gar keinen Fall, die eine war so unsicher und gebeutelt, dass sie noch nicht mal Speedy in die Augen gucken konnte, geschweige denn uns, und die andere - die andere war offensichtlich wahnsinnig, und weil dieses Auswahlverfahren zeitlich mit den ersten Folgen von "Hannibal" zusammenfällt, wird die mich noch die eine oder andere Nacht um den Schlaf bringen. Puh. Dann waren da noch eine, die zwar perfekt war - herzlich, erfahren, zupackend und sofort mit einem tollen Draht zu Speedy, aber die wollte statt der 15 Wochenstunden, die wir sie brauchen, lieber 25 arbeiten. Wieso sie sich dann überhaupt vorgestellt hat und uns mit sich als perfektem Babysitter vor der Nase herumwedeln musste, um unsere Standards zu ruinieren und uns dann zu eröffnen, dass wir sie uns nicht leisten können, weiß der Himmel. Die also auch leider nicht. Dann gab es noch eine ältere, sehr spröde Dame mit einem ganzen Stapel hervorragender Zeugnisse. Bei der dachten wir, wenn die im Haus ist, werden wir automatisch grader sitzen und nicht so krümeln, was ja bestimmt kein Fehler ist. Wir dachten aber auch, die fängt an und sagt uns nach zwei Wochen, dass ihr das alles hier zu chaotisch ist und die Hunde sie überfordern, und dann geht die Suche wieder von vorne los, nur dass bei dieser Runde alle Damen rausfallen, denen wir im ersten Anlauf abgesagt haben, weil sie jetzt beleidigt sind. Und dann waren noch zwei sehr nette Mädchen da, von denen es bei einer leider nichts werden wird, weil sie sich eigentlich um einen Ausbildungsplatz bewirbt, den sie, wenn es irgend eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, auch bekommen wird, und dann hat sie demnächst wieder keine Zeit für uns. Blieben übrig: nettes Mädchen Nr.2 und die spröde alte Dame. Die spröde alte Dame haben wir zuerst angerufen, und sie hat uns abgesagt, weil Speedy auf ihrem Arm so gebrüllt hatte - das wertete sie als schlechtes Vorzeichen. Es nützte auch nichts, dass wir ihr gesagt haben, sie soll das bitte auf keinen Fall persönlich nehmen, es würde sich bestimmt bald bessern - sie wollte nicht. Und jetzt warten wir gespannt wie Flitzebogen auf den Rückruf von nettem Mädchen Nr.2. Wird sie es? Und wenn nicht, was dann? Muss Mama am Ende ihren ramponierten Körper verkaufen, um der Supernanny 25 Stunden die Woche zu zahlen? Wir werden sehen.

Speedy macht sich inzwischen ganz großartig. Wir haben tatsächlich ein Baby, das die ganze Nacht friedlich schlafend neben mir im Babybay liegt und schläft. Eine Weile lang ist er immer um fünf Uhr aufgewacht und hatte Hunger. Jetzt wache ich um fünf auf, starre ihn an und kann nicht fassen, dass er a) tatsächlich dort liegt und ruhig atmet und b) jetzt vermutlich noch zwei oder drei Stunden weiterratzen wird. Tagsüber ist er entsprechend ausgeschlafen, hellwach und möchte eigentlich den ganzen Tag herumgetragen werden. Wobei er seit ein paar Tagen auf mal zwanzig Minuten alleine in seinem Wagen liegt und hingerissen mit dem über ihm baumelnden Plüsch-Schaf spielt. Lege ich ihn auf meine Knie und lächele ihn an, dann grinst er zurück und erzählt mir einen. Seine Lieblingswörter bisher: Anke, Gaugin, Gogol, Gruhuhu, Ruhe und Girls. Wobei sogar ich zugeben muss, dass Gruhuhu eigentlich kein Wort ist. Am schönsten ist es, wenn Speedy meine Nase sieht, strahlend den Mund aufreißt und anfängt, daran zu saugen. Oder, wenn er knötterig wird und ich mich mit ihm für eine halbe Stunde ins Bett lege, damit er ein bisschen trinken kann. Dann schläft er nämlich nach drei Minuten ein, und ich liege für ein Weilchen mit meinem schlafenden Baby im Arm da und kann gleichzeitig ein paar Seiten lesen. Oder, wenn er seinen Eisbären-Anzug anhat, den L. ihm von seiner ersten Soloreise mitgebracht hat, und wir ihn durch den Herbstwald schieben. Oder, wenn er mich reitet wie ein zahmes Pony: ich habe ihn auf dem Arm, und er faucht und fuchtelt so lange, bis ich da hingelaufen bin, wo er mich haben will und wo er irgend etwas Interessantes entdeckt hat. Eigentlich ist fast alles am schönsten. Und jetzt muss ich schon wieder aufhören, denn offensichtlich findet Speedy gerade etwas nicht so schön. Sprechen wir bald mal wieder? Tun wir, ganz bestimmt.

Freitag, 4. Oktober 2013

Das Ende der Pyjamaparty

Ich weiß noch nicht, wie lange die Ruhe aus dem Stubenwagen anhält. Deshalb das Wichtigste zuerst: Ich würde Euch wirklich, wirklich gerne mal wieder bei einem Stammtisch treffen. Letztes Mal waren wir frühstücken, das war sehr nett. Aber wie wäre es mal wieder mit einem Abend? Mit Wein und fettigem Essen?

Seit Neuestem bin ich Mama. Das kommt vielen nicht wie eine Neuigkeit vor, aber für mich ist es eine. Ich bin Mama wie in "Die Mama geht nur schnell die Wäsche anwerfen und ist gleich wieder da." oder in "Pupsi, nicht weinen, die Mama kommt schon." Wie konnte das passieren? Gerade war ich noch ich wie in "Ich lese gerade Zeitung" oder in "Danke, ich nehme lieber roten", jetzt bin ich Mama.

Noch zweieinhalb Wochen, und die Mama geht wieder arbeiten. Ich weiß noch nicht, wie ich mich dabei fühlen soll. Nein, das stimmt nicht, ich weiß genau, wie ich mich dabei fühle: grauenvoll. Im Moment kommt mir wenig verlockender vor als ein Jahr zuhause mit meinem Kind und den Hunden und viel Zeit und Vormittagen im Schlafanzug. Ach, Schlafanzug: ich weiß nicht, wie das kommt, aber bevor ich auch nur meine Zähne geputzt habe, ist es elf. Wie ich demnächst, sehr demnächst sogar, um neun in kundentauglichen Klamotten an meinem Schreibtisch ca. acht Kilometer von hier sitzen soll, ist mir ein Rätsel. Und habe ich das tatsächlich geschafft, dann fühle ich mich vermutlich hundeelend. Ich will hier sein und mit dem Finger das Profil meines Babys entlangfahren. Im Moment sage ich mir zwei Dinge, um mich davon abzuhalten, das Ganze abzublasen:

Erstens. Ich glaube, dass es gut für mich sein wird, hier mal rauszukommen. An etwas Anderes zu denken, mich an etwas Anderem aufzureiben, mit Leuten zu sprechen, die sich nicht für Stillen vs. nicht Stillen interessieren. Etwas zu tun, was ich gut kann, und dafür gut bezahlt zu werden. Vielleicht sogar etwas zu lernen? Und dann nach Hause zu kommen und mich auf Zeit mit Rainer Maria zu freuen.

Zweitens. Zwar wird es anstrengend sein und kompliziert und auch oft furchtbar. Aber lasse ich diesen Job jetzt sausen, ist er weg. Wenn das Jahr dann vorbei ist, müsste ich mich wieder auf den Markt für freie Texter werfen. Und die werden naturgemäß dann gebucht, wenn Not am Mann ist: wenn eine Präsentation bevorsteht und alle schon viel zu spät dran sind, wenn sich die Arbeit seit Wochen stapelt und niemand da ist, der sie erledigt, wenn ein Kunde kurz vor dem Absprung ist. Und das macht aus jedem gebuchten Tag einen Arbeitstag von neun bis Mitternacht oder später. Und das kann ich erst recht nicht mehr. Das will ich auch nicht mehr.

Und drittens, falls erstens und zweitens nicht reichen, sind es nur drei Tage in der Woche.

Und ich weiß, dass ich eigentlich nicht zu viel über Rainer Maria schreiben wollte. Aber heute war der Tag, an dem er einen kleinen, geerbten Teddy gesehen, ihn angestrahlt und mit ihm gesprochen hat und ihn dann mit beiden Händen gegriffen und zu sich herangezogen hat.
Der Teddy hatte übrigens einen Schlafanzug an.



Mittwoch, 25. September 2013

Ich mach hier nur meinen verdammten Job, Mister.

Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet. Ich hätte gedacht, mein dickster Auftraggeber hustet mir was, wenn ich ihm mit meinen Vorstellungen von Tagessatz-Erhöhung komme. Ich dachte, der denkt sich: die kommt als Mutter zurück, leistet vor lauter Baby-Entzug und unvorhergesehenen Zwischenfällen von Krankheit bis verschollenem Kindermädchen in Zukunft nur noch ungefähr zwei Drittel von dem, was sie vor der Schwangerschaft gebracht hat, will größtenteils zuhause arbeiten, und jetzt will sie mehr Geld? Pah!

Genau das wollte sie. Denn aus meiner Sicht stellte sich das so dar: ich gehe wieder arbeiten, auch deshalb, weil wir das so abgesprochen hatten und ich mein Wort halten wollte. Ich weiß jetzt schon, ich werde mich streckenweise schäbig fühlen dabei. Ich werde mich als Werberin außerdem öfter als bisher schwer tun, einen echten, wirklichen und lebendigen Sinn in dem zu sehen, was wir da so austüfteln. Ich werde vermutlich täglich einen Krach mit L. haben, wessen Termine nun wichtiger sind, wer sich nach wem zu richten hat, wer wohin zu spät kommt und wessen Schuld das ist usw.. Und weil ich zur Verhinderung schlimmeren Übels wenigstens vier Stunden am Tag eine Kinderfrau oder einen Kindermann bezahlen will, würde ich also die gleiche Arbeit wie bisher tun, nur mit einem riesigen ranzigen Sahnehäubchen aus Stress und Streit und Schuldgefühlen obendrauf, und dank Kinderfrau (oder Mann, jaja) für ca. 500 Euro netto weniger? Auch Pah!

Mit gezücktem Klappmesser wollte ich nicht ins Gespräch gehen, deshalb habe ich nicht gesagt: wenn ihr das nicht macht, dann gehe ich in Elternzeit, und ihr könnt sehen, wer in Zukunft meine Arbeit tut. Ich hätte ihnen angeboten, noch vier Wochen zu arbeiten, damit sie nicht ganz nackig dastehen, und dann wäre ich weg gewesen. Jetzt bin ich ganz froh, dass ich das nicht gesagt habe, denn nach kurzer Bedenkzeit haben sie mich angerufen und mir gesagt, dass sie mir die Erhöhung zahlen. Gerne sogar! Haben sie gesagt.

Und jetzt sieht der Plan so aus: am 21. Oktober gehe ich wieder arbeiten. Wie bisher dreimal die Woche, Montag, Dienstag und Mittwoch, es sei denn, ich oder die Agentur hat einen triftigen Grund, einen der Tage zu verschieben. Vormittags übernimmt L. Thorsten. Wobei ich ihn sicher auch mal auf dem Schoß und auf dem Arm haben werde, eine Windel wechsele oder was auch immer. In dieser Zeit werde ich vor allem nachdenken und versuchen, mir etwas einfallen zu lassen. Dabei wird das beim iphone eingebaute Diktiergerät wohl mein bester Freund werden. Und nachmittags kommt die Kinderfrau, und dann kann ich bei Bedarf in die Agentur fahren. Oder ich bleibe auch dann zuhause, hacke konzentriert die Einfälle vom Vormittag in den Rechner oder denke mir neue aus, und abends geht eine schöne dicke Erntemail an die Agentur. Sollte meine Anwesenheit auch mal vormittags wichtig sein, muss entweder L. ganz ran, oder ich frage die Kinderfrau, ob sie vormittags statt nachmittags kann. Dazu könnte ich mir vielleicht noch eine zweite Dame in der Hinterhand anlachen, die wenig zu tun hat und ein bisschen flexibler ist. Der Plan klingt einleuchtend, denkt mein Kopf. Der Plan klingt wie das Ticket in den Wahnsinn und die Ehekrise, denkt mein Bauch. Aber erst mal werde ich das so versuchen. Und denke ich nach zwei Wochen, das geht nicht, das ist alles Unfug und mir bricht das Herz dabei, und graut mir ab Samstag vor Montag, dann werde ich der Agentur freundlich sagen, dass ich mich da wohl gewaltig überschätzt habe, dass es alles hinten und vorne nicht hinhaut und dass sie sich jetzt doch jemand anderen suchen müssen. Und dann gehe ich eben doch in Elternzeit. Und einen ganz anderen Plan habe ich sowieso noch in der Hinterhand, aber an dem will ich in jedem Fall dranbleiben, egal ob mit oder ohne Agentur.

Sonntag, 22. September 2013

Laufen lassen.

Rechter Fuß, linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß, und jetzt immer so weiter. Eigentlich ist nicht zu erklären, dass Laufen mich so rührt. Tut es aber. Mein Lauf-Playlist besteht zu großen Teilen aus Liedern, die ich mir sonst nur im Vollrausch anhöre ("I need a hero" von Bonnie Tyler ist nur eins davon). Laufen erfüllt mich mit dem, was andere Menschen empfinden, wenn ihr Land die Fußball-WM gewinnt. Als ich schwanger war und nicht gelaufen bin, habe ich manchmal Tränen in die Augen bekommen, wenn mir und meinem Bauch laufende Frauen begegneten. Es gab mal einen Werbespot von Nike, da war das Jahr 2000 da, und am 1. Januar lief ein verkaterter Mann durch das völlig verwüstete San Francisco, während Bomben über den Himmel zischten und Autos brannten und überall das Chaos regierte, das dieser Bug angerichtet hatte, der dann doch nicht kam. Den fand ich toll. Natürlich habe ich die Nike+-Lauf-App auf der ersten Seite meines Telefons, und natürlich speichere ich jeden Lauf, und natürlich träume ich davon, eines Tages mal einen Marathon mitzulaufen. Jeder noch so alberne Meilenstein, den die App mir bescheinigt, macht mich glücklich. ("Der erste Lauf an einem Dienstag! Wow!")

Ich war einfach zu müde, die Schwangerschaft war zu wackelig, ich war zu ängstlich, und wenn einen schon eine Treppe fast umkippen lässt, muss man über das Laufen wohl nicht erst nachdenken. Aber jetzt, dachte ich, geht es wieder los. Nach zwei Monaten und nachdem ich wieder beim alten Gewicht bin, sollte es gehen. Und das Laufprogramm, mit dem ich letztes Jahr gelaufen war, fängt so langsam an - fünfzehn Minuten, immer eine Minute gehen und eine Minute langsam laufen -

ich dachte wirklich, das kann ich. Und ich war ganz gerührt bei der Aussicht darauf. Und ich hatte extra mein Telefon ganz aufgeladen. Und ich hatte mir schon morgens die Laufsachen rausgelegt. Und L. schon ungefähr fünfmal gefragt, ob er nachher den Kleinen mal für zwanzig Minuten nehmen kann, ich will nämlich laufen gehen, hab ich das schon erzählt?

Und dann war ich im Park, Abendsonne und milde Brise und sonntägliche Spaziergänger, und ich... ich...

Ok, raus damit. Ich hab mir wieder in die Hose gemacht. In jeder Lauf-Phase ging etwas rein. Flottes Gehen war ok, aber Laufen nicht. Und ich konnte den Beckenboden anspannen, wie ich wollte, es nützte nichts. Meine Beine wollten unbedingt, mein Unterbauch nicht. Ich hatte keinerlei, wirklich nicht das kleinste bisschen Kontrolle darüber. Ich bin weiter gelaufen, war ja nur eine Viertelstunde. Aber ich war wirklich, wirklich am Ende. Zuhause angekommen, bin ich direkt durchgegangen ins Bad, um zu duschen und mich umzuziehen. Ich weiß noch nicht (googeln zu diesem Thema ist schwerer als gedacht), ob weiterlaufen hilft. Dass es etwas für meinen Kreislauf und meine Beinmuskeln tut, ist klar, aber leiere ich beim Laufen den Beckenboden am Ende weiter aus? Hilft Training auf dem Crosstrainer? Wieso dachte ich eigentlich, ich komme davon? Und ist das nicht alles völlig egal, wo sich doch mein größter Wunsch erfüllt hat? Nein, ist es nicht.
Ich bitte sonst nicht so oft um Rat, ich weiß, aber hatte hier vielleicht eine andere Ex-Abkürzungsdame das gleiche Problem und kann mir irgend einen Tipp geben? Oder mir sagen, dass sich das Problem irgendwann demnächst von allein erledigt?

Reine Logik, lieber Watson.

Beim vorletzten Besuch der Hebamme erklärte sie mir, dass Werner ruhig mal knöttern und motzen darf, wenn ich ihn hinlege. So lange er nicht wirklich weint oder brüllt, gehört das bei vielen Babys dazu, wenn man sie hinlegt. Ich sollte ihm zwei-drei Minuten geben, um sich zu beruhigen und einzuschlafen. Beschwert er sich dann immer noch, dann kann ich ihn wieder aus dem Stubenwagen nehmen.

Beim letzten Besuch fünf Tage später kam sie genau in dem Moment, in dem ich ihn abgelegt hatte. Ich habe ihn vorher singend und schunkelnd durchs Zimmer gewiegt, der Strampler saß einwandfrei, die Windel war frisch, und ein großes warmes Fläschchen hatte er auch gerade bekommen. Dann legte ich ihn in seinen Stubenwagen. Er knötterte, ein eindeutig eher motziges als trauriges, ängstliches oder sonstwie notleidendes Geräusch. Ich machte ein paar Schritte um die Ecke, setzte mich in einen Sessel und sagte: "Also. Die Medela-Sauger, muss ich sagen, machen leider..."

"Wieso machst du das?" unterbrach sie mich.

"Was, das weggehen?"

"Ja. So kann er dich ja nicht mehr sehen."

Weil sich Mütter erster Kinder bei so ziemlich allem irgendwas denken, war ich nicht unvorbereitet auf diese Frage und hatte sofort eine Antwort:
Weil es - auch, wenn es nur für zwei Minuten ist - eine kleine Frustration für Werner ist, wenn er motzt und nicht sofort jemand herbei eilt, um alles wieder gut zu machen. Weil es mit Sicherheit noch viel, viel frustrierender für ihn ist, wenn die Person, die normalerweise auf jedes seiner Bedürfnisse reagiert, direkt daneben steht und keinen Finger rührt, um ihm zu helfen. Und weil ich auf ihn nicht nur beruhigend wirke, sondern eben auch Unterhaltungswert für ihn habe - und er sich eher beruhigt, wenn er auch wirklich Ruhe hat und nicht gucken muss, was die schusselige Tante mit den Locken und der Milch jetzt schon wieder macht. Für mich klang das sehr logisch und einleuchtend.

"Naja", sagte die Hebamme.
"Aber wenn er dich sieht, ist die Situation für ihn an sich schon gleich viel beruhigender. Er will dich in der Nähe haben, dann ist alles gut, und er kann einschlafen. Und auch, wenn du nur dastehst und ihn nicht hoch nimmst, ist deine Anwesenheit doch für ihn auch die Reaktion auf sein Gemecker. Und das heißt, es ist schon fast so, als hättest du ihn hoch genommen."

Aha. Auch das klingt irgendwie logisch. Und jetzt?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hatte noch nie vor Werners Geburt mit so vielen genau gegensätzlichen Aussagen zu tun, was ich tun und lassen soll, die alle für sich betrachtet total einleuchtend klingen. Und das mir. Wo ich meine Welt (im Gegensatz zu meiner Küche oder meinem Schreibtisch) so gern hübsch ordentlich in richtig und falsch sortiert habe.

Freitag, 20. September 2013

Zwei Monate, Teil 3: was ist jetzt anders?

Vor zehn Minuten habe ich ihm eine halbe Flasche gegeben und ihn schlafen gelegt, und wunderbarerweise schläft er jetzt tatsächlich, obwohl es noch nicht zehn ist. (Dass Ernst Stavro Mamas mangelndes Schlaftalent geerbt hat, habe ich glaube ich schon mal geschrieben?)

So lange ich also aus dem Stubenwagen nur leises Schnäufeln höre statt lautes Gebrüll, dachte ich, schreibe ich noch mal kurz auf, was eigentlich anders ist, seitdem er bei uns ist.

1. Nachdem ich ein paar Jahre unter Vollstress in einer Werbeagentur gearbeitet hatte, kam ein Gedanke immer wieder: wie wahnsinnig viel effektiver, schneller und erfolgreicher ich hätte studieren können, wenn ich nur erst gearbeitet und mich dann an der Uni eingeschrieben hätte. in schwachen Momenten hätte ich heulen können beim Gedanken daran, wie vollgepackt mir zu Unizeiten ein Tag vorkam, an dem ich drei Seminare hatte und dann noch in die Unibibliothek musste. Wie mich ein 45minütiges Referat vier Wochen lang umtrieb (davon vielleicht fünf Stunden tatsächlich aktiv). Wie superduperfix das alles gegangen wäre, hätte ich eine Ahnung gehabt, wie arbeiten wirklich geht. In echt, für Erwachsene. Hätte, hätte, Herrentoilette. Dieses Gefühl ist jetzt wieder da, es bezieht sich auf den Haushalt. Fast kein Tag vergeht, an dem ich mir nicht mindestens einmal einbilde, eine freie Stunde täglich würde reichen, um das Haus immer auf Hochglanz zu halten. Mit jahreszeitlicher Deko! Und Kuchen! Und Schnittblumen! Das ist eine meiner neuen Lieblingsphantasien. (Wir wissen alle, dass das nicht passieren würde. Eine freie Stunde mehr am Tag würde einfach so verschwinden, ohne irgendwie sichtbares Resultat, und ich bin und bleibe einfach keine Musterhausfrau, egal wie viele freie Stunden der Tag für mich bereit hält.)

2. Wäscheberge hin, Abwasch her, ich hab mich noch nie so wohl und zuhause so zuhause gefühlt. Liegt das nur an dem niedlichen kleinen Mama-Magnet in dem Stubenwagen? Oder daran, dass sich das Zuhause jetzt mehr wie ein Zuhause anfühlt? Ist es nur die Gewohnheit, weil ich jetzt eben fast immer hier bin? Der kleine schnörchelt, und ich denke, das ist unser Haus. Das ist meine Familie. Hier gehöre ich hin. Und jetzt klinge ich schon wie ein Heimatfilm.

3. Mit meiner Mutter habe ich mich noch nie so gut verstanden wie jetzt. Und ich glaube, es liegt noch nicht mal nur daran, dass ich jetzt "weiß, was sie mitgemacht hat" oder dergleichen. Da ist noch was anderes. Was, weiß ich noch nicht, aber ich sage Bescheid, wenn ich der Sache näher gekommen bin.

4. Über die Hausarbeit hatte ich ja schon geschrieben. Aber noch nicht darüber, dass sie jetzt - ähnlich wie früher in Prüfungsbüffelphasen - manchmal fast verlockend ist. Natürlich ist es toll, mit meinem eigenen Baby zu der gerade per Post angekommenen Christiane&Frederik-CD "Der Cowboy Jim aus Texas" singend durchs Wohnzimmer zu tanzen. Aber es macht plötzlich auch Spaß, ihn kurz L. in die Arme zu legen und in den Keller zu rennen, um Wäsche zu waschen.

5. Singen ist auf einmal nicht mehr peinlich. Genau wie Selbstgespräche (die irgendwie nicht als Selbstgespräche zählen, wenn ich dabei einen Kinderwagen schiebe). Oder Flecken auf dem Pulli. Oder... meine Schamgrenze wurde vermutlich in dem Moment ein für allemal ausradiert, als ich breitbeinig und unten ohne mit einer verrutschten Sauerstoffmaske im knallroten Gesicht auf einem dreckigen Kreißsaalbett kniete und brüllte "da kommt Stuhl! Ich weiß genau, da kommt Stuhl!" trotz der gegenteiligen Beteuerungen der Ärztinnen. Gestern habe ich einfach so einem anderen Menschen an die Nase gegriffen und liebevoll einen Popel entfernt. (Keine Angst, es war Ernst Stavros Popel. Aber der Tag wird kommen, da greife ich reflexhaft der Bäckerin oder dem Postboten an die Nase.)

6. Ich denke ziemlich viel darüber nach, was aus mir und meinem Leben werden soll. Und je länger ich das tue, desto klarer wird mir, dass ich nicht in fünf Jahren noch witzige Broschüren und pfiffige Anzeigen für irgendwelche Produkte schreiben will, die ich manchmal mag, manchmal nicht und bei denen ich manchmal heimlich denke, je weniger davon verkauft wird, desto besser. (Nicht, dass das jemals dazu geführt hat, dass ich mir keine Mühe gegeben hätte... ) Ich weiß, wir Werber haben alle diese Momente, und dann geht der Moment vorbei und wir machen doch weiter. Mal sehen, was aus meinem Rappel wird.



Zwei Monate, Teil 2

... uuuuuund jetzt hat er wieder aufgehört, da bin ich wieder. Denn eigentlich war ich noch nicht fertig. Zum zweimonatigsten Geburtstags seines Säuglings fängt man sich schnell den Ruf ein, ziemlich oberflächlich zu sein, wenn einem dazu nicht mehr einfällt, als nebulös von joblichen Plänen zu faseln und mit seinem (völlig unverdienten) Gewichtsverlust anzugeben.

Denn es gibt noch eine Menge mehr zu erzählen.

War da was? Ein leises Knöttern? Nein, da war nichts.
Das ist z.B. so etwas. Ich hätte nie gedacht, dass ich - Konzentrationsversagerin seit jeher - mich den ganzen langen Tag und den Abend (und genau genommen auch die ganze Nacht) immer zumindest mit der Hälfte meines Gehirns auf genau eine Sache konzentrieren können würde. Auf mögliches Gequäke, auf dieses milchige Rasseln, das laut Hebamme und Kinderarzt so viele Babys nach dem Essen haben, und bei dem ich ganz genau zuhören muss, ob es nicht jetzt gerade umgeschlagen ist in Verschlucken? Husten? Möglichen Erstickungstod? Nein? Egal, was ich tue, immer ist ein Teil - mal kleiner, mal größer - bei Ernst Stavro. Und es fühlt sich noch nicht mal an wie etwas Anstrengendes. Im Gegenteil: Anstrengend wird es schnell, wenn ich das gerade nicht kann.

Wobei: auch das geht. Ich weiß, als Mustermutti ist man verpflichtet zu sagen, dass man körperlich nicht imstande ist, auch nur einen Abend, und sei es auch in einem fabelhaften Restaurant vor einem Teller mit fabelhaftem Essen und mit L. oder den Mädchen als Gegenüber, getrennt von seinem Kind zu verbringen. Doch, bisher geht das. Es tut nur weh, wegzugehen. Und dann zwischendurch immer mal wieder für ein paar Minuten. Und dann muss ich mir innerlich kurz in den Hintern treten und zu mir sagen: diese Momente sind selten genug. Genieß sie gefälligst. Und wenn du das nicht kannst, dann tu so, als könntest du, und früher oder später hast du selbst dich überzeugt und kannst. Wir verabreden jetzt einfach folgendes: wenn du bei Ernst Stavro bist, dann bist du bei Ernst Stavro und gehörst ihm. Und wenn du nicht bei ihm bist, wenn du mal Ausgang hast, dann bist du eben anderswo und genießt es gefälligst. Denn mit einer Mutti, die zehn Kilometer von ihrem Kind entfernt in einem Restaurant sitzt und nur daran denkt, wie es ihm wohl gerade geht und ob er das überleben wird, wenn seine liebevolle und extrem erfahrene Oma ihn betüdelt, ist niemandem gedient.

Genau. Und irgendwann wird diese Botschaft auch in den entlegenen Urviech-Regionen meines Gehirns ankommen.

Ist eigentlich sonst schon mal jemandem aufgefallen, dass sich mit einem Baby jeder Zustand so anfühlt wie für immer? Er brüllt seit zehn Minuten, und ich fühle mich, als wäre ich diesem schrecklichen, nervenzerfetzenden Geräusch jetzt seit Monaten ausgesetzt. Er lacht mich an, und ich denke: was für ein kleiner Sonnenschein, wenn das mal nicht das fröhlichste Baby der Welt ist? Er schläft, und ich lümmele mich aufs Sofa und denke, ist doch ganz entspannt mit Kind, was haben die nur alle? Er will getragen werden, und ich erzähle einer Freundin am Telefon, dass ich ihn wirklich den ganzen, den ganzen Tag herumtragen muss, und in diesem Moment glaube ich das sogar selbst, denn es fühlt sich so an. Alles, wirklich alles fühlt sich so an, als wäre es immer so. Ist das nur mein Fusselhirn? Oder könnt ihr das bestätigen, liebe Ex-Abkürzungsdamen da draußen?

Aber jetzt. Knöttern, eindeutig.
Also schön, bis später. Das Geburtstagskind ruft, und Geburtstagskinder soll man nicht warten lassen.