Den letzten Post hatte ich schon heute Mittag geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Inzwischen habe ich L. zusammen mit seiner Mutter überredet, einzuknicken. Stolz bin ich nicht darauf, ich weiß auch noch nicht, ob ich mich damit wirklich besser fühle, aber ich fürchte, es gab keinen anderen Weg, endlich so etwas wie Frieden zu haben und damit anfangen zu können, mit dieser ganzen traurigen Geschichte abzuschließen. Meine Argumente waren: ja, lieber L., Du hast mit allem Recht, Recht, Recht. Aber die Frau ist am Ende. Es geht ihr seit Wochen gesundheitlich furchtbar, sie hatte schon vor dem Unfall keine Kraft mehr, jetzt schon gleich gar nicht. Ihre Art mit dem Hund umzugehen ist eine andere als unsere, wir sind eher die Typen für praktische Tierliebe: pünktliche Mahlzeiten, lange Spaziergänge und eine harte Entscheidung, wenn das Tier irgendwann einfach nicht mehr kann und will. Sie dagegen lebt in einer Welt, in der ein besonderes Band zwischen Hund und Mensch besteht (das ich gar nicht abstreiten will), in der man sich in Krisenzeiten gegenseitig "Kraft schickt" und ein toter Hund nicht die Leiche von etwas ist, das man mal sehr lieb hatte, sondern auch unter der Erde auf keinen Fall allein sein darf. Dass der Hund das im Wald bei unserem Wochenendhaus nicht gewesen wäre - ein ganzes Rudel ebenfalls geliebter Jagdhunde ist dort vergraben, auch Lili wird dort in hoffentlich erst sehr vielen Jahren ihren Platz finden, dort war sie sehr glücklich und hat mit Feuereifer nach Wild geschnüffelt, wir kommen oft zu Besuch, und sein altes Frauchen hätte ihn dort trotz Privatgelände mangels Zäunen jederzeit besuchen können - war ihr egal, sie war davon überzeugt, dass sie und der Hund nur dann ihren Frieden finden, wenn er im eigenen Garten bei ihnen zuhause begraben wird. Jeder andere Vorschlag brachte sie nur wieder zum Weinen. Es gibt nun mal verschiedene Arten von Gerechtigkeit: man kann dem Recht geben, der Recht hat. Oder man richtet sich nach dem, für den mit der Entscheidung mehr steht und fällt. Wir hätten auch gerne eine Stelle gehabt, an der wir an sie denken können. Ich hätte ihr auch gerne ein paar Dinge - ihr Lieblingsfell, zernagte Schuhe, ein paar ihrer meistgeliebten Lebensmittel - mitgegeben. Aber im Gegensatz zu ihrem alten Frauchen brechen wir nicht vollkommen zusammen, wenn das alles nicht passiert. Nun sind sie vermutlich noch mittendrin, ein metertiefes (hoffentlich metertiefes, Ratten, Füchse und dergleichen haben wenig Respekt vor dem besonderen Band zwischen Mensch und Exhund) Loch im Garten auszuheben. Und ich sitze hier, hätte jetzt wirklich, wirklich gerne etwas zu trinken und darf nicht.
Heute Nachmittag bin ich in die Klinik gefahren, ich war dort mit ihr und ihrem Freund verabredet. Ich wollte noch Einiges loswerden - vor allem zu dem Thema, dass es vollkommen daneben war, wie sie am Ende mit L. umgegangen sind. Ihm nach all dem vorzuwerfen, ihm ginge es "nur ums Geld", hat ihn zu Recht schrecklich wütend gemacht. Dass er jetzt eingelenkt hat, war sehr großzügig von ihm und alles andere als selbstverständlich. Ich wollte, dass sie das verstehen. Genau so wichtig war mir aber, Momo auch noch mal zu sehen. Bis es so weit war, hat es gedauert. In einer Tierklinik gehen lebende vor toten Tieren, das leuchtet ein. Eine Ärztin musste aber dabei sein, sie hat den Hund an die beiden ausgehändigt, nachdem ich weg war. Ich habe ihr noch mal gesagt, unabhängig von den zahlreichen Vorwürfen der beiden sind L. und ich überzeugt davon, dass sie alles für Momo getan haben, was sie konnten. Dass sie bei ihnen in guten Händen war. Und dass wir wissen, dass sie den Hund auch gern hatten und sehr traurig sind, dass das alte Mädchen es nun doch nicht geschafft hat. Dann durfte ich sie sehen. Sie hatten mich vorgewarnt, dass sie gefroren wäre und kein schöner Anblick. Ich wollte trotzdem und bin froh darüber. Auch gefroren war sie hübsch, sie hatte immer noch den gleichen Gesichtsausdruck wie sonst auch, und ihre Schlappohren schlappten wie eh und je. Anfassen durfte ich sie nicht, auch weil ich schwanger bin. Aber gesprochen habe ich mit ihr. Ich habe mich bei ihr entschuldigt, dass wir nicht besser auf sie aufgepasst haben. Dass wir sie gerne noch lange Jahre bei uns gehabt hätten, dass wir ihr ein schöneres Ende gewünscht hätten, und dass wir hoffen, dass sie bei uns glücklich war. Dann haben die Ärztin und ich noch ein bisschen geweint, und dann bin ich gegangen. Ich habe das deutliche Gefühl, ich brauche keinen Hundegrabstein im eigenen Garten, um jeden Tag an sie zu denken.
spaghetti aglio e olio
vor 1 Woche