Mittwoch, 31. Juli 2013

Kalle und der Schlaf

Hasst mich nicht, bittebitte. Aber Kalle schläft. Er bekommt abends so gegen halb zwölf sein letztes Fläschchen, dann lege ich ihn in die Babybay, Sekunden später sind wir beide weggeratzt. Und erst so gegen zwei, halb drei muckst er sich das nächste Mal. Dann wickele ich ihn, stille ihn und gebe ihm noch ein Fläschchen hinterher, worauf er wieder einschläft und mal um sieben, mal um acht aufwacht. Ist es eher sieben, wickele und füttere ich ihn noch mal und lege ihn dann noch mal hin. Und ehrlich, dann schläft er bis zehn! Ich so bis neun, so dass mir genug Zeit bleibt, zu duschen, zu frühstücken, mich anzuziehen und ein paar allernotwendigste Dinge zu tun, bis ich mich zurück ins Bett lege und ihn wachstarre. Ist das zu fassen? Ich weiß, ich weiß. Aber ich habe dafür im Voraus bezahlt mit 40 Jahren Schlafstörung, in denen es kein brüllendes Baby brauchte, damit ich nachts um drei mit rotgeränderten Augen an die Zimmerdecke starre und irgendwann feststelle, dass es ja jetzt auch schon sechs ist und ich mir keine Mühe mehr geben muss, einzuschlafen. Mein Kopf berührt das Kopfkissen, und ich bin weg. So muss sich das für andere Leute anfühlen!

Tagsüber sieht es schon etwas kniffliger aus. Denn gestern hat die Hebamme gesagt, das mit dem Milch abpumpen könnte ich jetzt auch mal lassen, ich sollte ihn einfach öfter stillen und ihm, wenn die Not trotzdem nicht zu lindern ist, auch mal tagsüber ein Fläschchen machen. Und jetzt stille ich ihn irgendwie den ganzen Tag und hoffe, das ist nur vorübergehend. So richtig kommt er trotzdem nicht auf seine Kosten, die Windel ist zwar immer nass, aber nie voll, und er kann ganz schön wild werden dabei, wie ein sehr, sehr wütender und energischer Specht. Lege ich ihn nach dem Trinken hin, schläft er anders als nach einem Fläschchen auch nicht ein. Den Teufel tut er. Er fängt an zu knatschen und würde am liebsten sofort da weitermachen, wo er gerade noch aufgehört hat. "Wieso lässt die blöde Flora ihr Kind denn nicht einfach zu Ende trinken?" Weil das Kind währenddessen einschläft, dann aufhört zu trinken, ich ihn dann aufwecke und neu anlege und er mich nur mit großen Augen anguckt und sein kleines Gesichtchen zu einem höflichen "Nein, Danke" verzieht. Nicht mehr zu pumpen, bedeutet, nicht mehr alle drei Stunden acht klitzekleine Plastikteile spülen und in der Mikrowelle sterilisieren zu müssen, das ist toll. Aber ich hatte es mir beim Pumpen eigentlich immer ganz nett gemacht, den Rechner dazu aufgeklappt und Nigella beim Kochen zugeguckt und dergleichen, und ich habe gerne zugeguckt, wie die Milch fließt und jeden Tag ein bisschen mehr im Becher landet. Jetzt habe ich keine Ahnung, was da rauskommt, aber es reicht nicht, um mein Kind satt und zufrieden genug zum Schlafen zu machen, und für einen ordentlichen Haufen in der Windel reicht es auch nicht. Wird sich das noch einpendeln? Wird es bestimmt, ich weiß. Bis dahin konzentriere ich mich darauf, dass dieses zauberhafteste Kind der Welt immerhin nachts schläft. Nach allem, was man hört, gibt es Eltern, die würden Eintritt dafür bezahlen, so ein Wundertier mal besichtigen zu können.

Und jetzt packen wir ihn in seinen Wagen und schieben mit ihm eine Runde am Flüsschen entlang. Nachher kommen seine Tanten, da will ich ihn vorher noch mal auslüften.

Dienstag, 30. Juli 2013

Kalle und das Trinken.

Das Tolle an Kalle ist ja, dass sein Kopf so unfassbar weich ist. Und seine Nase so glänzend und klein und kompakt und orange. Und dann, dass er so lange Finger hat, mit denen er schon richtig, richtig fest zupacken kann. Und die kleinen Geräusche, die er macht: das kleine Atmen, das kleine Niesen, das kleine Schnaufen, das kleine Schmatzen und das kleine Hecheln, wenn er gerade wieder sein kleines Headbanging auf der Suche nach etwas zu Essen macht. Und sein Geruch, der ist natürlich auch toll, so warm und süß und frisch wie ein gerade gebackener Kuchen, nur noch besser. Und die knallroten Schrumpelfüße. Und wenn er eine Flunsch zieht, dann hat er mich. Ich habe ja leider schon immer eine Schwäche für Männer, die genervt gucken, und da kann er ganz vorne in der ersten Liga mitspielen, mit solchen Größen wie Jimmy Stewart oder Daniel Craig.

Das mit dem Trinken war erst mal nicht ganz so toll.

Phase 1: dauerte ungefähr bis Montag. Aus mir kamen täglich bei allen Bemühungen samt Pumpen, Pumpen mit Baby im Blick, Pumpen mit Ausstreichen etc. und extrem, extrem häufigem Anlegen vielleicht zehn bis zwölf klebrige gelbe Tropfen. Die Hebammen sagten, das wäre normal und würde Kalle reichen so kurz nach der Geburt. Ich war da skeptisch. Draußen herrschten ca. 30 Grad, Kalle nahm fürchterlich viel ab, und sein Blut wurde irgendwann so dick, dass sie ihn bis zu drei mal pieksen mussten für einen simplen Bluttest wegen der Gelbsucht, und dann hatten sie immer noch kein vernünftiges Messergebnis. Trotzdem sagten die Hebammen auf der Station, ich sollte lieber nicht zufüttern.

Phase 2: Die Kinderärztin hatte ein Einsehen, und ich durfte Primergen zufüttern, eine Milch für ganz, ganz neugeborene Babys. Allerdings laut Hebamme nur mit einer Spritze, damit Kalle das Trinken an der Brust nicht verlernt. Primergen fand er toll, die Spritze nicht so. Außerdem dauerte jeder Trinkzyklus jetzt fast zwei Stunden und ging damit in dem Moment zu Ende, in dem der nächste eigentlich beginnen sollte: Stillen. Dann Wickeln. Dann Primergen füttern. Donnern aus der Windelregion, noch mal Wickeln. Abpumpen. Und wieder von vorne. Inzwischen war ich bei ca. 20 klebrigen Tropfen pro Tag angekommen.

Phase 3: Auf der Neugeborenenstation kam er nicht nur in eine Lichtkiste gegen die Gelbsucht, sondern bekam auch eine Infusion gegen das dicke Blut. Mir ging es zwar durch und durch, ihn an diesen Kabeln zu sehen, aber am Ende überwog die Erleichterung, dass ihm geholfen wird und dass das hier nur für einen Tag ist und es ihm danach besser geht. Außerdem erlaubten mir die Hebammen, ihn mit dem Sauger zu füttern: "Wieso, andere Kinder kriegen doch auch Schnuller und werden trotzdem gestillt? Wo ist das Problem?" Und siehe da, er trank wie ein Russe, inzwischen auch normale HA-Pre-Milch, nuckelte zwischendurch beim Stillen kräftig drauflos, die Milch wurde langsam mehr, und ein tiefer Friede kam über mich.

Zuhause machen wir das jetzt so: ich stille ihn, wenn er Hunger hat. Er trinkt auf beiden Seiten ganz ordentlich. Wenn er dabei nachlässt und sich auch nicht ermuntern lässt, neu loszulegen, dann gebe ich ihm die Milch, die ich nach dem letzten Stillen abgepumpt habe. Und hat er dann immer noch Hunger, dann bekommt er noch ein Fläschchen, das ich zubereite, während ich das ganze Pumpengerümpel spüle. Das kommt allerdings nicht oft vor, normalerweise reicht ihm eins mitten am Tag, eins abends so um halb elf und eins nachts um vier.

Es ist nicht zu fassen. Ich stille. Und zwar mein eigenes, selbstgemachtes Baby. Das mit dem weichen Kopf und den feinen, kleinen Geräuschen.

Sonntag, 28. Juli 2013

Kalle und die Geburt

Über etwas zu schreiben, auf das man fast fünf Jahre gewartet hat, ist nicht ganz einfach. (Ganz zu schweigen davon, dass ich in den letzten neun Tagen das Tippen vererlnt zu haben schiene... Mist.) Vielleicht versuche ich es mal damit: einfach der Reihe nach. Aaaalso.

Donnerstag Abend rückte meine Schwiegermutter an. Eigentlich sollte sie Freitag kommen, aber sie wollte gerne jetzt schon hier übernachten und live dabei sein, wenn wir tatsächlich, in echt und in ganz wirklich den Klinikkoffer nehmen, ins Auto steigen und uns daran machen, endlich diesen Enkel zu bekommen, von dem sie schon so lange träumt. Ich muss zugeben, ich habe meine Gastgeberpflichten an diesem Abend ein bisschen vernachlässigt und war um kurz nach zehn im Bett. Glaubt es oder nicht, ich hab sogar ganz gut geschlafen. Um halb sieben piepte der Vogelstimmenwecker, und um viertel vor acht saßen wir im Auto Richtung Krankenhaus. Als wir oben am Kreißsaal ankamen, habe ich fast schon fest damit gerechnet, dass gerade eine Busladung Frauen entbindet und ich den halben Tag im Wartezimmer verbringe, bevor hier irgend etwas passiert, aber nichts da: die Damen hatten schon auf uns gewartet, wir konnten direkt durchgehen zu einem Zimmer mit Liege und Wehenschreiber, und ich bekam meine erste halbe Cytotec. Das Mittel der Wahl, wenn es um Magenprobleme, Abtreibungen oder die Einleitung einer überfälligen Geburt geht. Ich schluckte, in meinem Kopf fiel das Tablettchen mit lautem Gepolter in Richtung Magen, und ich rechnete fest damit, dass jetzt jede Sekunde gewaltige Dinge passieren. In Wahrheit passierte erst mal nichts. Auch auf dem Wehenschreiber tat sich deutlich weniger als noch am Tag zuvor bei meiner Frauenärztin. Da hatte ich Ausschläge von über 70 gehabt, hier brachte ich es mal gerade so auf 20, 21. Und jetzt? Jetzt durften wir zwei Stunden machen, was wir wollen, nur nicht zu weit weggehen, dann wiederkommen, wieder an den Wehenschreiber und falls nötig die zweite Tablette schlucken. Also sind L. und ich losgelaufen, über das glutheiße Klinikgelände, dann verbotenerweise sogar über die Straße und durch den Park. Ein kleiner Zirkus war da, wir haben die Pferdchen gestreichelt, und ich konnte die ganze Zeit nicht fassen, wie wenig hier passiert. In meiner Not habe ich sogar einen riesigen Kaffee getrunken. Immer noch nichts. gegen eins gab es Tablette Nr.2. Und immer noch tat sich nichts. L. ging irgendwann nach Hause, das Handy mit lautestmöglichem Klingelton immer am Mann. Er war sogar noch beim Sport, mit den Hunden spazieren und einkaufen, während ich inzwischen ein anderes CTG-Zimmerchen ganz für mich allein bezogen hatte, schon mal in Jogginghose und T-Shirt geschlüpft war, im Bett lag und mich langweilte. Irgendwann fiel mir wieder ein, dass Sport die Dinge ja auch in Gang bringen soll, und ich beschloss, jetzt erst mal Treppen zu steigen. Nachdem ich die Hintertreppe sechs mal vom fünften Stock ins Erdgeschoss und zurück geklettert war, stellte ich fest, dass ich hier gar nichts zu suchen hatte und dieses Treppenhaus nur für Menschen mit Angestellten-Chip zugänglich und wieder zu verlassen war, und für ca. drei Minuten dachte ich: das wird lustig, wenn es jetzt losgeht und ich hier auf dem Treppenabsatz zwanzig Meter vom Kreißsaal liege und das allein schaffen muss. Dann kam ein Arzt, und wieder war es nichts mit Dramatik. Er hätte sich aber auch ruhig noch Zeit lassen können, denn weiterhin passierte absolut nichts. Die Mädchen kamen vorbei, kurz nachdem ich Tablette Nr.3 geschluckt hatte, und obwohl ich ihnen gerne den Gefallen getan hätte, vor ihren Augen das Fruchtwasser zu verlieren - nichts. Um zehn gab es Tablette Nr.4. Inzwischen waren die Ausschläge, falls man sie so nennen kann, so bei 9, 10 und 11. Und dann bin ich eingeschlafen.

Und nachts dachte ich schon ab und zu im Halbschlaf, Autsch. Der Wehenschreiber sagte auch dazu keinen Piep, während ich mich im Bett krümmte und dachte, das müssen jetzt Wehen sein. Die ziemlich unsympathische ältere Hebamme im Nachtdienst - die einzige Person, mit der ich während der ganzen Tage im Krankenhaus zu tun hatte, von der ich nicht hellauf begeistert war - kam und wies mich zurecht: der Wehenschreiber wäre schließlich nicht dazu da, Schmerzen aufzuzeichnen, sondern Wehen. Ja nun. Was auch immer das war, morgens um sechs hat es mit einem ziemlich starken Ziehen dafür gesorgt, dass die Fruchtblase geplatzt ist. Es gab ein leises Knack-Geräusch, und das Bett war nass. Und dann habe ich geklingelt. Dann habe ich L. angerufen. Der hat meine Freundin B. angerufen. Die Gott sei Dank neue Hebamme kam, fühlte nach und stellte fest, dass der Muttermund jetzt erst einen Zentimeter weit offen wäre. Also lag ich weiter da und hatte ersten Kontakt mit dem, was Geburten wirklich, wirklich merkwürdig macht: man unterhält sich nett mit seinem Mann und seiner Freundin, z.B. über seine Lieblingspizzeria, Urlaubspläne, Freunde, und mitten im Satz hat man plötzlich solche Schmerzen, dass es einem komplett die Luft weghaut und man eine halbe Minute lang nur noch knurren, fauchen und brummen kann, während man entweder jemandem die Finger bricht oder sich an den Möbeln festkrallt. Und dann ist es vorbei, und das Gespräch läuft weiter: "Wo war ich gerade?" als wäre nichts gewesen. Das ist ulkig.
Nach zwei Stunden war der Muttermund bei 6 Zentimetern, die Hebamme sagte den Anästhesisten Bescheid, und wir zogen um in den Kreißsaal. (Übrigens zu meiner großen Freude ein sauberer, heller und nüchterner Krankenhausraum, keine durchgebatikte Walgesang-Höhle.) Die Anästhesisten kamen, ich bekam eine Spritze in den Rücken, um mich für die dickere Nadel zu betäuben, die dickere Nadel kam, alles lief offensichtlich planmäßig - nur hatte sie nicht die allergeringste Wirkung. Der Anästhesist besprühte mich ungefähr achtmal von Kopf bis Fuß mit einer Sprayflasche und wollte wissen, wo es sich kalt anfühlt und wo nicht, und ich konnte ihm leider den Gefallen nicht tun: kalt war es überall. Von Taubheit keine Spur. Ich hätte auf einem Bein durch den Raum hüpfen können. Auf Toilette war ich auch. "Das war noch nie." (Ein Satz, den ich schon von zu vielen Anästhesisten gehört habe.) Dann kamen wieder Wehen, und die waren genau so wie die Wehen davor. Also wurde die erste Nadel gezogen und eine zweite gesetzt. Er tat mir fast schon leid, der arme Anästhesist, und vielleicht auch darum habe ich gesagt "Naja, vielleicht ist es jetzt hier ein halbes Grad kälter als da, ich weiß auch nicht so genau?" Und er zog ab. Daraufhin fühlte die Hebamme noch mal, und zack, waren wir bei zehn Zentimetern. Es war zwölf Uhr Mittags, und zu diesem Zeitpunkt schrieb B. an unsere Freundin, die gerade im Flugzeug in den Urlaub saß, wenn sie um vierzehn Uhr landet, wäre das Kind mit Sicherheit da.

Ganz so lief es dann doch leider nicht. Denn wie sich zeigte, ließ die PDA mir zwar die echten Original-Schmerzen, aber nahm den Wehen einen ziemlichen Teil ihrer Kraft. Die Ausschläge blieben itsy-bitsy, der Kopf wollte und wollte nicht tiefer rutschen, ich fauchte und krümmte mich und schnaufte und plauderte zwischendurch über neue Fernsehserien und die Vorzüge von Thermalspray und was weiß ich was noch alles, wir hatten es nett! Nur kam leider kein Kind in Sicht. Und zwischendurch wurde es schlimm, denn während der ganzen Zeit fiel vier mal der Puls von Würmchen unter einen kritischen Wert, und plötzlich war der Kreißsaal voller Menschen, die alle hektisch herumhantierten und fieberhaft konzentriert ihre Arbeit taten, während ich nicht mehr tun konnte, als tief zu atmen und das beste zu hoffen. Ich weiß nicht, wie ich das alles geschafft hätte ohne L. und B., die weltbesten Geburtsbegleiter. Habe ich schon erzählt, wie ich nur zu zwinkern brauchte und schon ein Glas kaltes Wasser bekam? Und ich habe oft gezwinkert. Habe ich schon erzählt, dass es an diesem Bett nichts zum Festhalten gab und die beiden mir durchgängig die Hand gehalten haben? Während sie gleichzeitig trotzdem zum Kiosk drei Stockwerke tiefer geflitzt sind, um mir Bountys zu kaufen? Wie sie mir gut zugeredet haben, wenn es nötig war, mich abgelenkt haben, wenn es nötig war, und sich ganz ruhig im Hintergrund gehalten haben, wenn es gerade wieder rund ging und bestimmt Anlass zur Panik bestanden hätte? Die besten Geburtsbegleiter waren das. Die allerallerbesten. Das werde ich ihnen nie vergessen.
Es war klar, dass es Würmchen nicht besser ging, je mehr Zeit verstrich. Irgendwann waren wir so weit, dass die Ärztinnen von Kaiserschnitt sprachen und davon, dass wir jetzt noch ein paar Minuten lang alles geben müssten, damit der Kopf tief genug für die Saugglocke rutscht. Zum Glück hatte ich eine Oberärztin am Bett, die wusste, wie man mit mir umspringen muss: nichts mit "Süße" und "Liebes", sondern "So, Zack jetzt, was soll das hier, streng dich gefälligst an, Kopf runter, Mund zu und los!" Und das habe ich dann gemacht. Ich glaube, in meinem ganzen Leben war noch nichts auch nur annähernd so anstrengend. Nie wieder werde ich über einen Bauch-Beine-Po-Kurs schimpfen. (Gut, im Moment kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder einen Bauch-Beine-Po-Kurs zu betreten... aber kommt Zeit...) Dann gab es noch mal einen heißen, heftigen Schmerz, als Ärztin Nr. 2 mir den Po aufschlitzte, weil Würmchen einfach keine Zeit mehr hatte für noch mal Drücken und noch mal Probieren und Abwarten, und dann - während ich noch am Pressen war - hatte ich ihn plötzlich auf dem Bauch liegen. Ganz rot und mit schrumpeligen Händen und Füßen und trotzdem schon ganz fertig und perfekt. Und da lag er dann erstmal. Fast eine Stunde hatten wir zusammen, bevor er gemessen und untersucht wurde. Und habe ich mich gesorgt, dass mein Baby mir erst mal fremd wäre? Hätte ich nicht tun müssen.

Damit zu den trockenen Daten:
Kalle
geboren am 20. Juli 2013 um 18:24 im UKE
3.995 Gramm
55 Zentimeter




Liebe Abkürzungsdamen, vielen vielen Dank für die unendlich vielen Glückwünsche und blaugedrückten Daumen. Ich verspreche, sobald ich hier wieder ein Päuschen habe, berichte ich weiter. Und was es noch alles zu berichten gibt!

Sonntag, 21. Juli 2013

Er ist da.

Es hat ewig gedauert und war ein wilder Ritt. Aber das ist jetzt alles egal. Er ist bei uns und ist kerngesund. Und sobald ich kann schreibe ich und zeige ihn euch. Vielen Dank für all die guten Wünsche, fürs Daumendrücken und dafür, dass ihr da seid.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Woody, Sean und ich sind so weit.



Fast eine Stunde hing ich am Wehenschreiber. Langweilig war es entgegen dem äußeren Anschein trotzdem nicht: da waren Zacken, und zwar diese bestimmte Sorte Zacken. Die Ärztin sagte hinterher, vermutlich geht es heute noch los, heute Nacht. Wenn nicht, dann stehe ich morgen früh um acht vor dem Kreißsaal und fordere laut und energisch irgend ein Einleitungsdings.

Es fühlt sich an, als wäre das Huhn im Ofen und ich hätte gerade die erste Flasche Cremant geöffnet, die Eiswürfel wären auch schon in den Gläsern, und jetzt müssten nur noch endlich die trödeligen Gäste kommen. Eigentlich verlangt diese Stimmungslage danach, schon mal die hohen Hacken anzuziehen und eine zweite Schicht Wimperntusche aufzulegen. Aber ich denke wohl noch mal drüber nach.

Sechs.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich aufgeregt angesichts der Aussicht auf einen Zahnarztbesuch, einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einen mir unbekannten Stadtteil oder eines Friseurtermins. Nicht sehr, aber immerhin ein bisschen. Dass ich morgen vermutlich ein Kind bekommen werde, kommt in dem Teil meines Gehirns, der für Aufregung zuständig und sonst fast durchgängig sehr aktiv ist, aus rätselhaften Gründen nicht an. Gestern stand ich in einer Bäckerei, völlig unterzuckert, und wollte mir eine Tüte Franzbrötchen kaufen. Eins wollte ich sofort essen, eins war für L. gedacht, der Rest sollte in die Tiefkühle und steifgefroren mit ins Krankenhaus. Für die Geburt. MEINE Geburt bzw. Würmchens. Die Bäckereiverkäuferin fragte mich, wann es denn so weit wäre. Ich sagte, ich wäre fünf Tage drüber. Sie sagte, dafür würde ich aber einen extrem entspannten Eindruck machen. Ich sagte, vielleicht wäre ich ja einfach nur blauäugig, das wäre mein erstes. Wie äußert sich Geburtspanik bei anderen Frauen beim Kauf von Franzbrötchen? Stottern sie? Zittern sie? Lassen sie ihr Wechselgeld fallen? Knüllen sie die Tüte zu einem zimtigen Klumpen zusammen, sobald sie sie in den Händen halten? (Franzbrötchen, für alle Nicht-Hamburger, sind große Flatscher aus süßem Teig, durchzogen von einem klebrigen Gemisch aus Zimt, Zucker und Butter. Man isst sie ungefähr so wie eine Haribo-Lakritzschnecke, indem man sie in Streifen zieht. Manchmal gibt es auch welche mit Rosinen, Schokosplittern, Streuseln oder gebrannten Kürbiskernen, wenn Rosinen auch leider auszusterben scheinen, sie gelten zusehends als leicht eklige alte-Leute-Zutat. Franzbrötchen entschädigen mich dafür, dass es in Hamburg so gut wie unmöglich ist, ein Kümmelbrötchen oder ein wirklich gutes Laugenbrötchen zu bekommen.) Die Bäckereiverkäuferin hielt mir zum Abschied einen Teller mit frisch gebackenen Schweinsöhrchen hin und sagte, ich sollte mich bedienen, für das Baby. In diese Bäckerei gehe ich bestimmt bald wieder.

Aber was ist nun wirklich der Grund? Wie zuerst vermutet, Blauäugigkeit? Seit Monaten warte ich darauf, dass die Panik vor der Geburt einsetzt, und bisher tut sich nichts. Weiß ein pfiffiger Teil von mir, dass ich da sowieso durchmuss, Angst hin oder her, und dass ich mir das Gruseln darum genau so gut sparen kann? So viel angewandte Logik traue ich meinem Fusselhirn nicht zu. Baue ich zu sehr auf die PDA, mit der es vielleicht ja gar nichts wird? Ist das hier vielleicht die Bestätigung dafür, dass es manchmal ein Segen ist, nicht zu wissen, was auf einen zukommt? Sind wieder mal Hormone im Spiel? Die Straßen sind voller Frauen mit Kinderwagen, denen ich (bestimmt voreilig und ungerecht) nach einem Blick in ihre Gesichter überhaupt rein gar nichts zutraue. Und die haben das auch geschafft, das beruhigt mich enorm, abgesehen davon, dass es ja nichts zu beruhigen gibt. Bin ich also zu arrogant für Angst? Ist das ein gigantisches Bollwerk meines Bewusstseins gegen eine Angst, die in Wirklichkeit die ganze Zeit knapp unter der Oberfläche lauert und die mich vollkommen um den Verstand bringen würde, wenn ich auch nur den kleinsten Hauch davon schnuppern könnte? Oder habe ich einfach nur Recht und das wird überhaupt nicht schlimm?

(Irgendwo da draußen sitzt eine ganze Bande von euch, reibt sich die Hände und denkt "Wart's nur ab. Du wirst schon sehen." und lacht wie ein Rudel Disney-Hexen. Ich kann euch hören!)

Außerdem bin ich gestern in sfgirlbybays Blog auf einen Bericht der New York Times gestoßen: eine Diashow mit Bildern des Hauses, in dem Mike D. von den Beasty Boys in Brooklyn wohnt. Daraufhin dachte ich drei Dinge: erstens muss ich wieder mehr Beasty Boys hören. Wie wär's, vielleicht ja zur Geburt? Zweitens würde ich da sofort einziehen. Drittens möchte ich gerne beim nächsten New York-Besuch - wer weiß, vermutlich mit Würmchen? - die von Mike D. persönlich designte Tapete kaufen. Hier geht's zur Diashow.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Fünf.

Inzwischen bin ich ganz sicher, dass bis Freitag nichts passieren wird und dass wir dann einleiten werden. Wie lange es danach noch dauert, lasse ich mal auf mich zukommen, immerhin habe ich nicht einen, sondern zwei Geburtsbegleiter dabei, die sich 1a ablösen können: meine Freundin B. und L., die kriegen mich da zusammen schon durch. Und weil ich mir da so sicher bin, spricht für mich auch absolut nichts dagegen, mich heute am traditionellen Mädchentag noch mal in der Stadt zu verabreden. Der Klinikkoffer ist wie immer im Kofferraum, und welchen Ort auch immer wir uns suchen - er wird näher am Krankenhaus sein als unser Haus. Ich bin entspannt. Woher Würmchen diese Unpünktlichkeit hat, wüsste ich allerdings schon gern. Mir hat die spätestens mein erster Hamburger Job ausgetrieben, der war nämlich in einer Agentur mit Prinzipien, und zu diesen Prinzipien zählte, dass alles gefälligst pünktlich zu passieren hat. Ich fand das gut. Wer zu spät ins Meeting kam, stand vor verschlossener Tür und konnte zurück in sein Büro schleichen. Theoretisch zumindest. Praktisch hätte ich mir manchmal gewünscht, es wäre wirklich so gewesen, denn während immer mehr Poser und Macker und Idioten das Ruder an sich gerissen haben, war es auch plötzlich ok, fünfzehn Minuten zu spät zu kommen, einen deutlich sichtbaren Starbucks-Becher in der Hand. Auf dem Papier galt aber immer noch: wer zu spät kommt, zeigt damit nur, dass er die eigene Zeit als wichtiger einschätzt als die anderer Leute. Dass er lieber noch schnell seine Emails liest, den end-witzigen Youtube-Film zu Ende guckt, sich noch einen Kaffee holt oder auf dem Weg zur Ubahn noch ein leckeres Teilchen trotz Schlange beim Bäcker kaufen muss, während die anderen, die sich das alles verkniffen haben oder eben einfach zehn Minuten früher aufgestanden sind, nutzlos und blöde irgendwo sitzen und warten, ist doch piepegal! (Nein, ich gehe nicht davon aus, dass Würmchen bei Starbucks ist. Das habt ihr falsch verstanden. Aber obwohl die Meetingtür immer noch sperrangelweit offen steht, darf ich mich doch fragen, wo verdammt noch mal er bleibt.)

Inzwischen erreichen mich von Zuhause Neuigkeiten, die ... ich weiß auch nicht. Mein erster Freund K. war ein Junge aus dem Nachbardorf, mit dem ich seit der fünften Klasse zur Schule gegangen bin. Sieben Jahre lang waren wir zusammen, und in den letzten zwei Jahren, als es immer mehr kriselte, hat er manchmal davon gesprochen, wir sollten doch Kinder kriegen jetzt bitte. Ich war Anfang 20 und wusste überhaupt nicht, was das jetzt soll, hatte aber den leisen Verdacht, es hatte auch damit zu tun, dass er seit einer Weile vergeblich versuchte, einen Studienplatz für freie Kunst zu bekommen und ein Kind mit zwei Studenten als Eltern der perfekte Grund gewesen wäre, diesen anstrengenden und deprimierenden Kampf erst mal ruhen zu lassen und sich für die nächsten drei bis zwanzig Jahre im kleinen, warmen und staatlich unterstützten Nestchen einzumuckeln. Bestimmt hatte es auch etwas damit zu tun, dass er damals eben Kinder wollte und ich nicht oder damit, dass er mehr an uns hing als ich - jedenfalls kamen Kinder nicht in Frage. Dann war Schluss, und es begann für mich eine zwar extrem unterhaltsame, aber trotzdem katastrophale Zeit in meinem Liebesleben, die sich bis 2006 zog und aus der ich irgendwann mal was machen muss. Er dagegen bekam endlich seinen Studienplatz, und zwar in Wien, da lebt er noch heute. Kunst hat er zwar studiert, aber davon zu leben, ist schwer bis unmöglich. Mein letzter Stand war, dass er sich mit Mini-Jobs über Wasser hält und sich um seine Kunstprojekte nach Feierabend kümmert. Mein letzter Stand war auch, dass er ein Kind bekommen hat: einen sehr dreieckigen Jungen, über den er sich fürchterlich gefreut hat. Jetzt erzählt mir meine Mutter, dass er inzwischen drei Kinder hat. Und ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich immer noch in der Warteschleife von IVF Nr. 7 hängen würde, aber ... das macht so gar nichts von den Sachen mit mir, die man erwarten könnte. Es deprimiert mich nicht. Ich denke auch nicht, wieso er und nicht ich. Oder irgend etwas aus der "Hättste mal"-Schule. Die Nachricht aus dem gleichen Telefonat mit meiner Mutter, dass meine alte Biolehrerin gestorben ist, hat mich viel mehr aus der Bahn geworfen. Die war toll! Eine früher ganz fitte Tennismeisterin, die durch eine Hormonerkrankung plötzlich krankhaft dick wurde und das mit dem lustigsten und schlauesten Humor der Schule aufgefangen hat. (Nicht, dass die Humorstandards an meiner Schule besonders hoch gewesen wären... trotzdem. Eigentlich wurde sie zu einem großen, 150 Kilo wiegenden, rotgesichtigen, schnaufenden, schwitzenden Trotzdem. Und ich kann nicht fassen, dass sie tot sein soll.)
K.s erstes Kind kam übrigens mitten in die erste Kinderwunschzeit und hat mich auch schon nicht so getroffen, wie es laut Kinderwunschklischees zu erwarten gewesen wäre. Vielleicht ist das alles auch schon zu lange her, um noch eine wichtige Rolle in meinem Gefühlshaushalt zu spielen. Oder es liegt daran, dass ich ihn von allen meinen Ex-Freunden am liebsten mag und es ihm wirklich gut gönnen kann. Oder ich bin doch mehr Luxusbienchen, als ich mir selbst zugestehe, und das Szenario, ohne Job in der Großstadt drei Kinder großzuziehen, scheint mir eher erschreckend. Oder es liegt eben doch alles an Würmchen und der neuen Gelassenheit, die er mit sich bringt. Oder...

Oha. L. rührt sich. Ich glaube, ich bin mal so nett und mache ihm einen Capuccino. Mittwoch, Donnerstag, Freitag - es könnte für lange Zeit der vorvorletzte sein.

Dienstag, 16. Juli 2013

Vier drüber.

Ich möchte nicht penetrant werden, aber auch heute muss ich es wieder sagen: jeder Schritt, den ich in dieser neuen Gynäkologischen Praxis mache, sagt mir, dass es genau richtig war, hier zu sein und nicht mehr bei meiner alten Ärztin. Es fing damit an, dass ich mich am Empfang anmeldete und die Sprechstundenhilfe sagte, da bräuchte ich ja wohl keinen Ultraschall, sondern müsste nur Pipi abgeben und ein CTG machen, das würden sie dann einem Arzt zeigen und damit gut. Nachdem irgendwann beides durch war, sollte ich noch mal im Wartezimmer Platz nehmen, und kaum hatte ich die ersten drei Seiten einer Zeitschrift durch, ging die Tür auf, die Vertretungsärztin meiner Ärztin kam rein und bat mich trotz des nach wie vor vollkommen ereignisfreien CTG zum Ultraschall und zur Untersuchung. Mein Blutdruck war ihr auch zu hoch. Und weil sie auf dem Ultraschall außerdem sah, dass Würmchen eine extrem volle Blase hatte, wollte sie mich in einer Stunde noch mal sehen. "Jetzt machen sie einen schönen Spaziergang, holen sich ein Eis und kommen dann wieder." Und genau so habe ich das gemacht, kam auch sofort dran, die Blase war jetzt leer und alles gut. Dank Superultraschall konnte sie außerdem auch direkt sagen, dass zwar das Bläschen voll, aber die Nieren trotzdem in fabelhafter Verfassung waren. Bei meiner alten Ärztin hätte ich a) keinen Ultraschall bekommen, und wenn doch, hätte sie bei der miesen Kartoffelsalatqualität b) nichts von der vollen Blase gesehen, und wenn doch, dann hätte ihr c) ihr Ultraschall keine Möglichkeit geboten, die Nierenfunktion zu überprüfen, woraufhin sie d) sowas gesagt hätte wie "die Blase ist aber reichlich voll. Komisch. Das könnte... aber nee, machen sie sich mal keine Gedanken, wird schon nichts sein." Donnerstag gehe ich noch mal hin, und wenn sich dann noch nichts von alleine tut, dann melden wir mich für Freitag zum Einleiten an. Liebe Damen, ich weiß, ihr meint es nur gut und habt in eurem Fall auch bestimmt mit allem Recht. Aber ich komme aus einer Familie, in der meine Mutter drei Kinder bis zur Fruchtwassertrübung und damit über den gesunden Punkt hinaus ohne die klitzekleinste Wehe mit sich herumschleppen musste. "Das Kind kommt, wenn es fertig ist" mag anderswo stimmen, bei uns wäre das fatal gewesen. Der hohe Blutdruck kommt auch noch dazu. Ich finde, Freitag ist ein guter Tag zum Kinderkriegen. Und diese Praxis ist ein guter Ort zum Schwangersein.

Montag, 15. Juli 2013

Drei drüber.

Alle drei Tage stemme ich meinen schweren Wanst vom Sofa hoch und mache das Haus besuchsfein. Ich fege die Fellmäuse von der Treppe, ich schicke den Saugroboter durch alle Zimmer ohne Teppich, ich mache Dusche und Waschbecken sauber, ich räume den ganzen Mist von den frisch bezogenen Betten für meine Familie, und dann atme ich durch, sehe mich um und kann mich für ca. einen halben Tag entspannen. Bis L. und die Hunde (und ich vermutlich auch) dafür sorgen, dass es wieder abwärts geht. L. beispielsweise stellt bevorzugt Dinge auf das Bett, in dem meine Eltern schlafen sollen. Wäschebottiche, Sporttaschen, aber auch mal einen seit fünf Jahren nicht mehr benutzten Plattenspieler. Das daraufhin dringend fällige Gespräch habe ich schon achtzig mal geführt, Danke für den Tipp, ohne Ergebnisse. Und ich weiß nicht, auf wen ich dann wütender bin: auf L., der meine mit so viel Schweiß und Schnaufen und Mühe hergestellte Ordnung immer wieder zerstört, oder auf Würmchen, das sich einfach weigert, jetzt endlich verdammt noch mal zu kommen, damit ich damit aufhören kann.

Ich fühle mich langsam aber sicher wie eine Simulantin. Ich treffe wildfremde Leute auf der Straße - die Kassiererin aus meinem Stammsupermarkt, Leute aus dem Viertel, deren Hund schon mal an Lilis Po geschnuppert hat, Handwerker, die vor Ewigkeiten mal bei uns waren - und alle fragen immer "Naaaa? Immer noch nicht?" und ich komme mir vor, als würde der Witz langsam alt und als müsste ich demnächst mal aufhören, immer mit diesem Kissen unterm Pulli rumzulaufen. Ist da jetzt ein Baby drin oder nicht?

Die Atemnot ist auch wieder da, und zwar in alter Hochform. Sitzen ist doof. Liegen aber auch. Stehen und Gehen sowieso. Gibt es eine Position, in der man sich jetzt noch wohl fühlt, dann habe ich sie noch nicht gefunden. Eine Badewanne, die jetzt ja helfen soll, haben wir nicht. Schlafen kann ich auch nicht. L. schnarcht außerdem seit ein paar Wochen, nur für den Fall, dass es mir ausnahmsweise mal doch gelingen sollte. Merkt ihr was? Diese Hormongemengelage ist nicht sehr L.-freundlich. Ich bin ohnehin meistens nicht sehr scharf auf menschliche Gesellschaft, jetzt gerade wird es extrem. Und L., der nun mal den ganzen lieben langen Tag da ist, kriegt es ab.

Inzwischen muss ich alle zwei Tage bei einem Arzt erscheinen, egal was. Gestern z.B. habe ich fünf Stunden in meiner Geburtsklinik verbracht nur für ein CTG, so ruhig und langweilig wie das Mittelmeer. Und auch da zeigte sich, dass meine armen Mitmenschen gerade eigentlich gar nichts tun müssen, um mich bis zur Weißglut zu reizen. Gestern waren da außer mir wieder mal nur Paare und Familien, die wollen sich dann unterhalten, denken aber, es wäre rücksichtsvoller, zu flüstern. Fünf Stunden Gespräche vs. fünf Stunden Flüstern - da fällt mir die Entscheidung leicht. Gespräche kann ich sofort ausblenden, aber dieses Gezischel, Geschmatze und Geraschel einer lauten Flüsterunterhaltung macht mich - na? Wahnsinnig. Dann sitze ich da und schäme mich, was ich für eine bin, und wünsche diesen flüsternden händchenhaltenden Harmoniebiestern gleichzeitig die Krätze an den Hals und schäme mich dafür noch mehr. Mit dem Ergebnis, das dann bei der Messung mein Blutdruck an der Oberkante war und ich noch mal eine Stunde liegen musste, bevor sie mich endlich, endlich haben gehen lassen. Und das nächstes Wochenende noch mal? Auf gar keinen Fall.

Ich will nicht mehr. Würmchen, es ist Montag. Ich finde, du könntest gefälligst mal an die Arbeit gehen. Und auch wenn die Ärztin, die meine Ärztin gerade vertritt, das mit den sieben Tagen nicht so eng sieht und sagt, zehn Tage drüber wären auch noch ok: nein, nicht für mich. Freitag ist Schluss. Hörst Du, Würmchen? Freitag.

Sonntag, 14. Juli 2013

14. Juli: auch kein schlechter Geburtstag.

Vor... wartet mal... 25 Jahren waren wir am 14. Juli in Frankreich. Ich war 15, und meine Eltern hatten zusammen mit zwei anderen Familien ein riesiges altes Haus in der Bretagne gemietet. In dem verpennten Fischerdorf war der 14. Juli eine vergleichsweise ruhige Angelegenheit. Das Haus war ein Chaos, es gab eine Art Rittersaal mit Flügeltüren und Kamin, mit Möbelsperrmüll zugestellte Gänge, verschimmelte Wände und Geranientöpfe und Etagenbetten, Antiquitäten und viel Plastik. Außer mir gab es noch zwei andere Teeniemädchen in den Familien, wenn auch nicht ganz so verkorkste wie mich: Sarah und Sonja. Zusammen mit ihnen und weit weg von der grauenvollen Schule fühlte ich mich allerdings ausnahmsweise weniger verkorkst als Zuhause. Fast jeden Abend fabrizierten wir zusammen ein paar Meter Knoblauchbaguette als Beilage zum Essen (was meinen Vater, der Knoblauch persönlich nimmt, in den Wahnsinn getrieben haben muss, aber er hat keinen Piep gesagt). Immer wenn das Wetter schön war (und das war es meistens) aßen wir entweder auf der langen Terrasse vor dem Rittersaal oder gleich unten im verwilderten Garten mit Blick auf das Meer. Ich erinnere mich an Artischocken, gegrillte Langustinos, und daran, dass das der Urlaub war, in dem ich zum ersten Mal gesalzene Butter zusammen mit Nutella und Marmelade aß, und seitdem führt kein Weg zurück. Heute noch müssen meine Mädchen und L. mir fassungslos dabei zusehen, wie ich mein Nutellabrot salze. Zwar war der Küstenort am Meer, aber an einer ziemlich steinigen Küste, deshalb sind wir fast jeden Tag in die Autos gestiegen und an einen der vielen unfassbar schönen Strände in der Nähe gefahren. Das Meer war überall so, wie ich es am liebsten mag: kein knallblauer, ruhiger Tümpel mit aufgereihten Sonnenliegen am Ufer wie das Mittelmeer, sondern wild, eiskalt und mit riesigen Wellen. An den vier-fünf Tagen, an denen es regnete, fuhren wir nach Quimper zum Bummeln, wanderten durch die Wälder, sahen uns alte Städte an, saßen in Creperien herum und verbrachten Stunden in französischen Supermärkten. Das war einer der schönsten Urlaube in meinem an schönen Urlauben nicht gerade armen Leben, und eines Tages möchte ich genau das noch einmal haben: meine Freunde weg vom Mittelmeer an den Atlantik locken, ein großes altes leicht angegammeltes Haus mieten und dort wochenlang hausen. Sommerurlaub, wie er mal gedacht war: nicht nur eine oder zwei kümmerliche Wochen, sondern fast ein ganzer Sommer, in dem man nichts weiter zu tun hat als Schlafen, Lesen, Essen, Schwimmen, braun werden, Sand aus Schuhen schütteln und Schalentiere knacken.

Sollte Würmchen heute kommen - wofür ich sehr wäre, denn es ist ausnahmsweise mal kühl und verregnet, und genau so wie es gutes Laufwetter gibt (das hier ist z.B. welches), gibt es bestimmt auch gutes Geburtswetter, wobei ich davon ausgehe - nachdem ich zwar schon öfter gelaufen bin, aber noch kein Kind habe - dass gutes Laufwetter auch gutes Geburtswetter ist - das sind jetzt reichlich viele Gedankenstriche für einen Satz, aber egal, ich mach weiter - dann habe ich jetzt schon den Plan, mit ihm in den ersten Jahren mal am 14. Juli in Frankreich zu sein und ihm vorzuschwindeln, das ganze Spektakel samt Feuerwerk wäre zu Ehren seines Geburtstages. Wer weiß? Vielleicht kann ich ihn auf diese Weise dazu kriegen, eines Tages etwas mehr Eifer als Mama und Papa im Französischunterricht an den Tag zu legen. (Wobei ich nichts dafür konnte, Schuld war mein grässlicher altjüngferlicher Französischrochen. Aber das ist eine andere Geschichte.) Oder aber ich lege damit früh genug den Grundstein für einen soliden Größenwahn.
Geburtstag haben heute außerdem Gustav Klimt und Ingmar Bergman. Ob die als Kinder von ihren Eltern mit Hilfe des französischen Nationalfeiertages reingelegt wurden, weiß ich nicht.
Frederik steht mit auf unserer Liste. Wenn er heute kommt, vielleicht ja sogar mit c?