Über etwas zu schreiben, auf das man fast fünf Jahre gewartet hat, ist nicht ganz einfach. (Ganz zu schweigen davon, dass ich in den letzten neun Tagen das Tippen vererlnt zu haben schiene... Mist.) Vielleicht versuche ich es mal damit: einfach der Reihe nach. Aaaalso.
Donnerstag Abend rückte meine Schwiegermutter an. Eigentlich sollte sie Freitag kommen, aber sie wollte gerne jetzt schon hier übernachten und live dabei sein, wenn wir tatsächlich, in echt und in ganz wirklich den Klinikkoffer nehmen, ins Auto steigen und uns daran machen, endlich diesen Enkel zu bekommen, von dem sie schon so lange träumt. Ich muss zugeben, ich habe meine Gastgeberpflichten an diesem Abend ein bisschen vernachlässigt und war um kurz nach zehn im Bett. Glaubt es oder nicht, ich hab sogar ganz gut geschlafen. Um halb sieben piepte der Vogelstimmenwecker, und um viertel vor acht saßen wir im Auto Richtung Krankenhaus. Als wir oben am Kreißsaal ankamen, habe ich fast schon fest damit gerechnet, dass gerade eine Busladung Frauen entbindet und ich den halben Tag im Wartezimmer verbringe, bevor hier irgend etwas passiert, aber nichts da: die Damen hatten schon auf uns gewartet, wir konnten direkt durchgehen zu einem Zimmer mit Liege und Wehenschreiber, und ich bekam meine erste halbe Cytotec. Das Mittel der Wahl, wenn es um Magenprobleme, Abtreibungen oder die Einleitung einer überfälligen Geburt geht. Ich schluckte, in meinem Kopf fiel das Tablettchen mit lautem Gepolter in Richtung Magen, und ich rechnete fest damit, dass jetzt jede Sekunde gewaltige Dinge passieren. In Wahrheit passierte erst mal nichts. Auch auf dem Wehenschreiber tat sich deutlich weniger als noch am Tag zuvor bei meiner Frauenärztin. Da hatte ich Ausschläge von über 70 gehabt, hier brachte ich es mal gerade so auf 20, 21. Und jetzt? Jetzt durften wir zwei Stunden machen, was wir wollen, nur nicht zu weit weggehen, dann wiederkommen, wieder an den Wehenschreiber und falls nötig die zweite Tablette schlucken. Also sind L. und ich losgelaufen, über das glutheiße Klinikgelände, dann verbotenerweise sogar über die Straße und durch den Park. Ein kleiner Zirkus war da, wir haben die Pferdchen gestreichelt, und ich konnte die ganze Zeit nicht fassen, wie wenig hier passiert. In meiner Not habe ich sogar einen riesigen Kaffee getrunken. Immer noch nichts. gegen eins gab es Tablette Nr.2. Und immer noch tat sich nichts. L. ging irgendwann nach Hause, das Handy mit lautestmöglichem Klingelton immer am Mann. Er war sogar noch beim Sport, mit den Hunden spazieren und einkaufen, während ich inzwischen ein anderes CTG-Zimmerchen ganz für mich allein bezogen hatte, schon mal in Jogginghose und T-Shirt geschlüpft war, im Bett lag und mich langweilte. Irgendwann fiel mir wieder ein, dass Sport die Dinge ja auch in Gang bringen soll, und ich beschloss, jetzt erst mal Treppen zu steigen. Nachdem ich die Hintertreppe sechs mal vom fünften Stock ins Erdgeschoss und zurück geklettert war, stellte ich fest, dass ich hier gar nichts zu suchen hatte und dieses Treppenhaus nur für Menschen mit Angestellten-Chip zugänglich und wieder zu verlassen war, und für ca. drei Minuten dachte ich: das wird lustig, wenn es jetzt losgeht und ich hier auf dem Treppenabsatz zwanzig Meter vom Kreißsaal liege und das allein schaffen muss. Dann kam ein Arzt, und wieder war es nichts mit Dramatik. Er hätte sich aber auch ruhig noch Zeit lassen können, denn weiterhin passierte absolut nichts. Die Mädchen kamen vorbei, kurz nachdem ich Tablette Nr.3 geschluckt hatte, und obwohl ich ihnen gerne den Gefallen getan hätte, vor ihren Augen das Fruchtwasser zu verlieren - nichts. Um zehn gab es Tablette Nr.4. Inzwischen waren die Ausschläge, falls man sie so nennen kann, so bei 9, 10 und 11. Und dann bin ich eingeschlafen.
Und nachts dachte ich schon ab und zu im Halbschlaf, Autsch. Der Wehenschreiber sagte auch dazu keinen Piep, während ich mich im Bett krümmte und dachte, das müssen jetzt Wehen sein. Die ziemlich unsympathische ältere Hebamme im Nachtdienst - die einzige Person, mit der ich während der ganzen Tage im Krankenhaus zu tun hatte, von der ich nicht hellauf begeistert war - kam und wies mich zurecht: der Wehenschreiber wäre schließlich nicht dazu da, Schmerzen aufzuzeichnen, sondern Wehen. Ja nun. Was auch immer das war, morgens um sechs hat es mit einem ziemlich starken Ziehen dafür gesorgt, dass die Fruchtblase geplatzt ist. Es gab ein leises Knack-Geräusch, und das Bett war nass. Und dann habe ich geklingelt. Dann habe ich L. angerufen. Der hat meine Freundin B. angerufen. Die Gott sei Dank neue Hebamme kam, fühlte nach und stellte fest, dass der Muttermund jetzt erst einen Zentimeter weit offen wäre. Also lag ich weiter da und hatte ersten Kontakt mit dem, was Geburten wirklich, wirklich merkwürdig macht: man unterhält sich nett mit seinem Mann und seiner Freundin, z.B. über seine Lieblingspizzeria, Urlaubspläne, Freunde, und mitten im Satz hat man plötzlich solche Schmerzen, dass es einem komplett die Luft weghaut und man eine halbe Minute lang nur noch knurren, fauchen und brummen kann, während man entweder jemandem die Finger bricht oder sich an den Möbeln festkrallt. Und dann ist es vorbei, und das Gespräch läuft weiter: "Wo war ich gerade?" als wäre nichts gewesen. Das ist ulkig.
Nach zwei Stunden war der Muttermund bei 6 Zentimetern, die Hebamme sagte den Anästhesisten Bescheid, und wir zogen um in den Kreißsaal. (Übrigens zu meiner großen Freude ein sauberer, heller und nüchterner Krankenhausraum, keine durchgebatikte Walgesang-Höhle.) Die Anästhesisten kamen, ich bekam eine Spritze in den Rücken, um mich für die dickere Nadel zu betäuben, die dickere Nadel kam, alles lief offensichtlich planmäßig - nur hatte sie nicht die allergeringste Wirkung. Der Anästhesist besprühte mich ungefähr achtmal von Kopf bis Fuß mit einer Sprayflasche und wollte wissen, wo es sich kalt anfühlt und wo nicht, und ich konnte ihm leider den Gefallen nicht tun: kalt war es überall. Von Taubheit keine Spur. Ich hätte auf einem Bein durch den Raum hüpfen können. Auf Toilette war ich auch. "Das war noch nie." (Ein Satz, den ich schon von zu vielen Anästhesisten gehört habe.) Dann kamen wieder Wehen, und die waren genau so wie die Wehen davor. Also wurde die erste Nadel gezogen und eine zweite gesetzt. Er tat mir fast schon leid, der arme Anästhesist, und vielleicht auch darum habe ich gesagt "Naja, vielleicht ist es jetzt hier ein halbes Grad kälter als da, ich weiß auch nicht so genau?" Und er zog ab. Daraufhin fühlte die Hebamme noch mal, und zack, waren wir bei zehn Zentimetern. Es war zwölf Uhr Mittags, und zu diesem Zeitpunkt schrieb B. an unsere Freundin, die gerade im Flugzeug in den Urlaub saß, wenn sie um vierzehn Uhr landet, wäre das Kind mit Sicherheit da.
Ganz so lief es dann doch leider nicht. Denn wie sich zeigte, ließ die PDA mir zwar die echten Original-Schmerzen, aber nahm den Wehen einen ziemlichen Teil ihrer Kraft. Die Ausschläge blieben itsy-bitsy, der Kopf wollte und wollte nicht tiefer rutschen, ich fauchte und krümmte mich und schnaufte und plauderte zwischendurch über neue Fernsehserien und die Vorzüge von Thermalspray und was weiß ich was noch alles, wir hatten es nett! Nur kam leider kein Kind in Sicht. Und zwischendurch wurde es schlimm, denn während der ganzen Zeit fiel vier mal der Puls von Würmchen unter einen kritischen Wert, und plötzlich war der Kreißsaal voller Menschen, die alle hektisch herumhantierten und fieberhaft konzentriert ihre Arbeit taten, während ich nicht mehr tun konnte, als tief zu atmen und das beste zu hoffen. Ich weiß nicht, wie ich das alles geschafft hätte ohne L. und B., die weltbesten Geburtsbegleiter. Habe ich schon erzählt, wie ich nur zu zwinkern brauchte und schon ein Glas kaltes Wasser bekam? Und ich habe oft gezwinkert. Habe ich schon erzählt, dass es an diesem Bett nichts zum Festhalten gab und die beiden mir durchgängig die Hand gehalten haben? Während sie gleichzeitig trotzdem zum Kiosk drei Stockwerke tiefer geflitzt sind, um mir Bountys zu kaufen? Wie sie mir gut zugeredet haben, wenn es nötig war, mich abgelenkt haben, wenn es nötig war, und sich ganz ruhig im Hintergrund gehalten haben, wenn es gerade wieder rund ging und bestimmt Anlass zur Panik bestanden hätte? Die besten Geburtsbegleiter waren das. Die allerallerbesten. Das werde ich ihnen nie vergessen.
Es war klar, dass es Würmchen nicht besser ging, je mehr Zeit verstrich. Irgendwann waren wir so weit, dass die Ärztinnen von Kaiserschnitt sprachen und davon, dass wir jetzt noch ein paar Minuten lang alles geben müssten, damit der Kopf tief genug für die Saugglocke rutscht. Zum Glück hatte ich eine Oberärztin am Bett, die wusste, wie man mit mir umspringen muss: nichts mit "Süße" und "Liebes", sondern "So, Zack jetzt, was soll das hier, streng dich gefälligst an, Kopf runter, Mund zu und los!" Und das habe ich dann gemacht. Ich glaube, in meinem ganzen Leben war noch nichts auch nur annähernd so anstrengend. Nie wieder werde ich über einen Bauch-Beine-Po-Kurs schimpfen. (Gut, im Moment kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder einen Bauch-Beine-Po-Kurs zu betreten... aber kommt Zeit...) Dann gab es noch mal einen heißen, heftigen Schmerz, als Ärztin Nr. 2 mir den Po aufschlitzte, weil Würmchen einfach keine Zeit mehr hatte für noch mal Drücken und noch mal Probieren und Abwarten, und dann - während ich noch am Pressen war - hatte ich ihn plötzlich auf dem Bauch liegen. Ganz rot und mit schrumpeligen Händen und Füßen und trotzdem schon ganz fertig und perfekt. Und da lag er dann erstmal. Fast eine Stunde hatten wir zusammen, bevor er gemessen und untersucht wurde. Und habe ich mich gesorgt, dass mein Baby mir erst mal fremd wäre? Hätte ich nicht tun müssen.
Damit zu den trockenen Daten:
Kalle
geboren am 20. Juli 2013 um 18:24 im UKE
3.995 Gramm
55 Zentimeter
Liebe Abkürzungsdamen, vielen vielen Dank für die unendlich vielen Glückwünsche und blaugedrückten Daumen. Ich verspreche, sobald ich hier wieder ein Päuschen habe, berichte ich weiter. Und was es noch alles zu berichten gibt!