Samstag, 26. September 2026

Folgendes ist passiert. Und dann Folgendes.

Letzte Woche stand ich mit meiner inzwischen neunjährigen Tochter am Bahnhof Altona, sie hatte Fußball gespielt, und wir waren durchgefroren und fertig auf dem Weg nach Hause. Da saß da plötzlich eine zunächst fremde Frau mit einer Tochter in Fußball-Sachen, die mich anlächelte, und dann stellten wir plötzlich fest, dass wir uns kennen. Sie war eine von denen, die damals - vor 14 Jahren oder so - bei dem Stammtisch in der Gloria Bar dabeigewesen waren, bei dem wir voll wie die Tümpelkrähen unser Schicksal erst verflucht und dann ausgelacht haben, und kurz danach waren mehrere von uns schwanger, auch wenn der weitere Verlauf dieses Abends mit Sicherheit nichts dazu beigetragen hat; über den wollen wir lieber schweigen. Wir haben dann den selben Bus genommen mit unseren zwei Töchtern, uns erzählt, wie es uns geht, und dann hat sie gesagt, sie würde sich so freuen, wenn ich doch noch mal was schreiben würde. Wieso eigentlich nicht? Weil alle Menschen, über die ich schreiben könnte, vermutlich etwas dagegen hätten, und zwar mit Recht - das ist ja alles klar, aber dann sagte sie: ja, vielleicht aber doch was anderes. Wir haben uns verabschiedet, ich habe auf dem Rest der Fahrt meiner Tochter erklärt, wer das war, und dann waren wir zuhause, und es waren Fußballsocken und Fußballhosen zu waschen, essen zu kochen, Kinder von Bildschirmen loszueisen, und dann wollte Holly, der Hund, auch noch raus. Aber trotzdem hatte ich diese Busfahrt noch lange im Kopf.

Es ist nämlich so: Mit 53 klingen Geschichten von Dingen, die man eines Tages mal tun will, nach und nach immer unglaubwürdiger. Man kann nicht mit 70 sagen, dass man eines Tages mal ein Buch schreiben will. Ich bin immer begeistert, wenn ich von jemandem höre, der genau das tut und damit durch kommt, genau so, wie ich jedes Mal Autoren google, die dafür bekannt sind, dass ihr Autorenleben eigentlich erst ihr zweites oder drittes Leben nach Quatschberuf und Ehe und Kindern war, und dann in mich zusammenfalle, wenn das erste Buch erschienen ist, als sie 38 waren. Ich würde gerne, und ich rede auch ständig davon, und alle, denen ich das erzähle, sagen dann: das wäre toll, aber es ist auch schwer mit den Kindern und dem Job und der Trennung, wann sollst Du denn das noch machen? Aber schön wäre es natürlich. Im Moment habe ich zwei angefangene Buch-Embryonen hier herumspuken, eins für Kinder, eins für Erwachsene. Ich wärme mich an der schönen Vorstellung, dass die irgendwann mal fertig wären und ich irgendwie vom Schreiben leben könnte. Und die Wärme verflüchtigt sich sofort, wenn ich mir in die Augen sehe und gestehe, wie wenig auch in den letzten vier Wochen wieder passiert ist. Ja, es ist viel und ich habe wenig Zeit, aber trotzdem habe ich es im letzten Jahr geschafft, die komplette Game of Thrones-Serie, Succession und zu großen Teilen auch 30 Rock noch mal zu sehen. Wie lange dauert das alles zusammen, zwei Wochen? Zwei Wochen, in denen ich offensichtlich weder waschen, bügeln, kochen, einkaufen, staubsaugen noch arbeiten musste. Ich bin zu faul, ich bin zu müde, ich bin zu mutlos, und ich habe Angst, dass ich irgendwann ein Exposé oder sogar ein Buch zusammen habe, und dann ist es einfach nur Meh und keiner will es lesen, und dann muss ich damit leben, dass ich es eben einfach nicht in mir habe. (Zwischendurch habe ich hier groß ein Projekt angekündigt: ich hatte mir überlegt, eine neue Seite namens Shy Pride zu machen, in der es darum geht, wie es sich so lebt mit einer Riesenpackung Schüchternheit, um die man nicht gebeten hat und mit der man auch nicht einverstanden ist. Ich wollte bloggen und Bücher empfehlen und Gäste interviewen. Ich hatte sogar schon die Domain gekauft, das war glaube ich an dem Tag, an dem ich dazu hier gebloggt habe. Aber dann - dann wurde mir klar, dass die Drinnies schon etwas Ähnliches viel besser machen, als ich das jemals könnte, und dann habe ich es einfach wieder gelassen. So ist das mit uns Werbern: wir haben eine Idee, die erst mal leuchtet und funkelt, und wir sind selbst ganz verliebt in diese Idee, und dann denken wir noch mal ein paar Tage lang drüber nach, und dann legt sich das Funkeln auch wieder.) (Manchmal legt es sich aber auch nicht.)

Und dann ist vorgestern noch etwas passiert: ich saß zuhause am Küchentisch und arbeitete an einem tollen Job für die Berliner Niederlassung unserer Agentur. Ich war bester Dinge und kam gut voran, als ich plötzlich im Chat eine Einladung in ein sehr spontanes Meeting bekam. Und in diesem Meeting wurde mir von zwei Menschen, denen das sichtlich nicht leicht fiel, gekündigt. Viele mussten in den letzten Monaten schon gehen, und vermutlich werden auch viele noch gehen, ich bin nicht allein. Die Agentur will dabei helfen, mich anderswo unterzubringen. Vielleicht geht ja was? Schon am Dienstag habe ich dazu ein Gespräch. Ich habe ein halbes Jahr Kündigungsfrist, wenn es wirklich nichts werden würde mit einem neuen Job, dann wäre ich erst im April ohne Arbeit und ohne ein Gehalt, das ich wirklich brauche, denn obwohl es kein schlechtes Gehalt ist, ist mein Leben mit den Kindern finanziell sehr auf Kante genäht und funktioniert nicht ohne Budgetbuch. Mehrere Freundinnen haben schon telefoniert und Leute angefunkt, und in meinen scheintoten LinkeIn-Account kommt auch seit gestern plötzlich Leben, weil ich zwei Jahre alte Freundschaftsanfragen endlich mal gnädig akzeptiere und selbst ein paar rausschicke, so schwer mir das auch fällt wie alles andere, was auch nur entfernt mit Klinkenputzen zu tun hat.

Gerade habe ich die Kinder und den Hund zur Tür rausgeschoben, die gehen ab heute bis Donnerstag zu Papa. Endlich Zeit für mich, mich auszuheulen, zu schlafen (Nachts klappt das gerade nicht so), mich mit Freundinnen zu treffen und mir zu überlegen, was ich jetzt eigentlich will. (Klar könnte ich auch endlich mal wieder die Gilmore Girls anfangen, der Herbst ist die Zeit dafür, zwölf Staffeln waren das glaube ich? Zwölf Staffeln in Stars Hollow, und dann vielleicht als Kontrastprogramm Handmaid's Tale direkt hinterher, Popcorn essen und mit vollem Mund 'Lasst Rory in Ruhe!' rufen).

Mit 14 (15?) habe ich einmal einen Job verloren, wobei ich noch nicht mal offiziell rausgeschmissen wurde, ich bin nach einem Fiasko einfach nicht mehr hingegangen. Darüber habe ich glaube ich hier schon mal irgendwann geschrieben. Es hatte damit zu tun, dass ich fluchend in einer Terrakotta-Vase festsaß und die Musik, mit der der Laden in 30-Minuten-Endlosschleife beschallt wurde, von einer London Symphony Orchestra-Version der größten Hits von Simon and Garfunkel gegen eine der psychedelischeren, frühen Platten von Pink Floyd ausgetauscht hatte. Kiffermusik! Tiergeräusche! Schrille Schreie! Es war wohl einfach an der Zeit für diesen Job.

Jetzt bin ich 53, seit 25 Jahren in meinem Job, und obwohl die Werbung dafür berühmt ist, dass immer alle irgendwo rausfliegen, ist mir das noch nie passiert. Erst mal habe ich Angst, und ich schäme mich. Wieso schämen? Es ist mir peinlich. Ich komme aus einer Familie, in der die Arbeit einen großen Teil des Wertes einer Person ausmacht. Ich fühle mich gescheitert, halbseiden, windig, doof. Ich bin noch nicht wütend. Ich habe seit bestimmt zwei Jahren ständig die Hosen voll gehabt, weil ich immer Angst hatte, dass es mich gleich erwischt. Dann hat es immer andere erwischt, aber zu jedem Monatsende dachte ein Teil von mir: Fuck Fuck Fuck, wenn das nur gut geht. Vor ein paar Wochen hatte ich ein Personalgespräch, aus dem ich wie aus Wolken rausgegangen bin, und darum war dieser September seit Ewigkeiten der erste Monat, in dem mir ab dem 20. nicht langsam die Muffen kamen. Tja. Und jetzt? Die sexieste Variante wäre, das Buch zu schreiben, und es wird gut, und es verkauft sich, und dann bin ich Schriftstellerin. Frauenzeitschriften (und andere Zeitschriften auch) lieben diese Story, Leute verlieren ihren Job, Buhu, Tränen, Angst, und dann gründen sie etwas oder finden ihre innere große Begabung oder verwirklichen ihren alten Wolkenkuckuckstraum, und alles wird toll, und die Kündigung entpuppt sich als das Beste, was ihnen jemals passiert ist. Andere Möglichkeiten wären: ich komme in einer anderen, mehr oder weniger tollen Agentur unter. Ich behalte den Spaß an meinem Beruf, oder ich verliere ihn, oder in der neuen Agentur komme ich so easy-popeasy durch, dass ich ohne Weiteres dort arbeiten und mir trotzdem einreden kann, ich würde bestimmt demnächst nebenbei doch noch das Buch schreiben. Oder ich finde nichts Neues, und ich schreibe trotzdem kein Buch, und das war es dann. (Diese Geschichte mögen Frauen- und andere Zeitschriften eher nicht so gern.)

Das ist also passiert. Und wenn es zu sonst nichts führt: ich sitze nach vielen Jahren mal wieder im Schlafanzug im Bett, es regnet, ich trinke Kaffee, ich schreibe einen Blogpost, und irgendwie habe ich sogar Spaß dabei, obwohl es um etwas Mieses (Fehlgeburt, Pustebauch, Eierstockzysten oder Kündigung) geht.