Freitag, 11. September 2009

Die lange, lange Hormondurststrecke

Für alle, denen das noch nicht klar war: nun kommt wieder eine dieser Zeiten, in denen hier wirklich wenig mit IVF-Bezug los sein wird. Nicht nur, dass die Zwangspause noch einige Wochen anhalten wird, sondern diesmal ist es aller Voraussicht nach auch noch kein richtiger IVF-Zyklus, sondern es werden nur ein paar Eizellen aufgetaut und mir eingesetzt, Ende der Geschichte. Ich werde also wenig über Spritzen usw. zu schreiben haben. Vielleicht tut sich ja zur Entschädigung was an der Myomfront, dann kommen doch ein paar weiße Kittel hier vor. (Bin ich übrigens die einzige Frau auf der Welt, die Arztserien HASST? Ich kann das nicht sehen, wie jemand ins Krankenhaus kommt und eigentlich nur ein bisschen Kopfweh hat, und plötzlich BLAMM, Krebs usw. - ich muss dann immer tagelang denken, dass das jemandem passiert, den ich mag. Geh mir weg mit Dr. Dreamy.)

Ich entschuldige mich also, wenn in den nächsten Wochen hier die Einträge mit dem Betreff "normales Leben" überwiegen. Aber wie man so hört, gehören diese Zeiten genau so zu IVF wie die Spritzenzeiten, sind also für eine wirklich authentische IVF-Lebensbeichte unverzichtbar!

Gut.

Vielleicht denkt ihr ja, sie ist aber wirklich geschwätzig, dauernd neue Einträge. Da kann ich nicht widersprechen, denn gerade habe ich wenig zu tun, außer auf Reaktionen auf meine ausgeworfenen Job-Angeln zu warten. Und es wird auch nicht besser dadurch, dass ich vor 20 Jahren mal einen Schreibmaschinenkurs gemacht habe, denn wer schneller tippen kann, kommt auch schriftlich eher ins Schnattern, statt seine Worte immer in Stein zu meißeln und dreimal zu überdenken, was er postet. Aber es ist auch so, dass gerade ständig was passiert, wenn auch leider ohne IVF-Bezug. Heute Nacht z.B. habe ich irgendwas davon geträumt, dass ich einen jungen Hund auf dem Arm hatte, den ich durch eine uralte Stadt tragen musste. Dann kam von irgendwoher eine riesige Felskugel angerollt, wie im Comic. Und das nächste, was ich weiß, war, dass ich mit Sternchen vor den Augen im Bett lag und auf meinem Kopf eine riesige Beule wuchs und L. mich im Arm hielt und berichtete, ich hätte im Schlaf plötzlich erst laut "Nein nein nein" gesagt und wäre dann mit einem gewaltigen Schrei kopfüber aus dem Bett und in die Wand gesprungen. Während in den Wohnungen über und unter uns das Licht anging und die Leute irgend etwas murmelten, vermutlich, ob das eine dieser Situationen wäre, von denen man immer liest und wo Zivilcourage gefragt ist. Dann gingen die Lichter wieder aus und das Gemurmel verstummte.

Aua. Gewalt im Schlafzimmer: meine Wand schlägt mich.

Donnerstag, 10. September 2009

Ein schöner Moment für Leute wie mich mit ihren Dusselsschuldkomplexen

L. hat mit einer Freundin telefoniert, deren Mutter Reiseführer und Gastronomiekritiken schreibt. In Venedig war sie schon über 300 mal. Und sie hat gesagt: in Venedig wird man nur beschissen. Es ist nicht möglich, in Venedig einen Geheimtipp zu finden oder das Restaurant, in das die Venezianer gerne gehen oder irgend etwas in der Art. Das gibt es nicht. Man kann die Suche aufgeben.

Da bin ich aber beruhigt. (Wobei die Vongole in unserer Karaoke-Hafenkneipe um die Ecke nicht schlecht waren. Auch wenn der Wein da nach Uhu roch und ich beim Essen das Gefühl hatte, ich pokere hier gerade um eine Nacht in der Notaufnahme, ging es gut. Aber Vongole zu versauen, ist auch nicht leicht.)

Wir waren nicht zu doof oder zu faul, wir hätten es nicht mehr versuchen sollen, wir haben nicht zu früh aufgegeben. Wir sind nicht Schuld, Venedig ist Schuld.

Auch wenn ich mich ab und zu immer noch frage: wieso waren die so? Die an diesem Campo? Ich stehe wirklich viel in der Küche, wenn man mich lässt. Jedenfalls oft genug, um zu wissen, dass es bestimmt fast genau so viel Arbeit macht, schlechtes Essen zu produzieren wie gutes. Auch nach einem schlechten Essen müssen die Teller abgewaschen werden, die Tischdecken müssen trotzdem gewaschen und gebügelt werden, die Kellner müssen trotzdem ihren Stundenlohn bekommen, sie müssen trotzdem die vollen Teller an die Tische und die leeren wieder in die Küche tragen. Was ist es also, was diese Leute dazu bringt, so abgrundtief mies zu kochen? Hass? Das kann kein Versehen sein, irgendwann, wenn man eine Sache nur lang genug macht, muss man doch etwas lernen dabei!

Ich werde das wohl nie verstehen. Ein gutes Restaurant zu führen in einer Stadt voller schlechter Restaurants, das muss doch eine Freude sein! Menschen zu bedienen, die nach dem Essen fast ein Tränchen im Auge haben und einen mit Trinkgeld überhäufen, und zwar nicht aus Angst, sondern vor Glück! Und jeder davon erzählt doch bestimmt gerne weiter, wie gut er in Venedig bei dir gegessen hat, und wenn es nur aus Protzerei und Weltmannsgetue vor den Freunden zuhause ist. Gibt es eine Mafia, die verhindert, dass Restaurants hier zu gut werden?

Fang bloß nicht mit Werbung an,

Davon kommst du nie wieder los. Kaum habe ich angefangen, euch meine Zigarettenmarke wärmstens ans Herz zu legen, schon juckt es mich in den Fingern, euch davon zu erzählen, wie fabelhaft meine neue, überhaupt nicht klebrige Nivea Sonnenmilch riecht, wie Sommerferien 1980! Man will sofort drei Erdbeerschnüre und zwei weiße Mäuse kaufen, so riecht die! Und das von mir, der Sonnenschutzexpertin: als rotblondem, hellweißem Typ hat mir schon mein Kinderarzt Fotos von Hautkrebs gezeigt und mir eingeschärft, dass DAS passiert, wenn ich mich nicht immer gut eincreme. Mit 12 am Atlantik habe ich mein ganzes Taschengeld für Sonnencreme ausgegeben, die einen höheren Schutzfaktor hat als die meiner Eltern. (Ich kann mich übrigens noch an Zeiten erinnern, da wurde man ausgelacht für Schutzfaktor 8. "Was soll das werden, willst du Atome spalten?" Harrr. Wer lacht heute, ihr faltigen Rochen?) Außerdem würde ich euch gerne was vorschwärmen vom Bio-Rosé aus Griechenland, den mein türkischer Gemüsemann verkauft, und von der guten 8-hour-Creme und den nagelneuen Sandalen, auf denen ich stundenlang ohne eine einzige Blase durch Italien laufen konnte, und von noch hundert anderen Sachen, die mir gerade das Leben versüßen. Aber ich tu es nicht. Denn erstens bin ich zu faul, aufzustehen und nachzusehen, wie genau die Nivea-Creme und der Rosé denn heißen, und zweitens geht es hier doch immerhin um Leiden, noch schlimmer, um weibliches Leiden, und das ist heilig heilig heilig, da wird keine Werbeunterbrechung gemacht.

Es sei denn, ihr wollt unbedingt.

("War früher ja ganz nett, diese Flora, aber ist dann irgendwann viel zu kommerziell geworden. Geht echt gar nicht mehr leider, sorry.")

Flori & Flora

Vor die Wahl gestellt, ob ich lieber ein bloggendes Hascherl sein will oder ein dickes Dampfschiff von einer Frau, die gleichzeitig unfassbar dünnhäutig und dickfellig ist, wäre ich lieber das Dampfschiff.

Seitdem ich mit Hochdruck auf Jobsuche bin, macht auch das Nicht-arbeiten wieder ein bisschen mehr Spaß. Und deshalb war ich gestern innerhalb von drei Tagen zum zweiten Mal im Kino. Hasen, ihr solltet euch Julie & Julia wirklich ansehen. Auch, wenn der Julie-Teil gegen den Julia-Teil ziemlich abstinkt. Aber Meryl Streep legt sich so dermaßen ins Zeug, und sie tut das nur für uns, das sollten wir nicht umsonst sein lassen, weil wir lieber auf dem Sofa liegen und uns leid tun, dass wir immer noch keine Großfamillie haben. (Übrigens gab es wider Erwarten doch eine kinderlos-Stelle im Film. Aber die war ganz, ganz schön.) Die Minuten, in denen sie in ihrem Kochkurs Vollgas gibt und die Männer abhängt, waren die schönsten Minuten, die ich in den letzten 12 Monaten im Kino hatte. Sobald ich die DVD habe, läuft die Stelle als Endlos-Schleife. Vor dem Film lief übrigens die Vorschau auf einen anderen Film mit Meryl Streep, und ich wollte diesen Film sofort sehen, das heißt, erst natürlich Julie & Julia, aber dann im Anschluss bitte gleich den nächsten. Und nach dieser fabelhaften Vorschau klatschte uns die Ankündigung wie eine feuchtwarme Ohrfeige ins Gesicht: "Anfang 2010 im Kino." Wieso nicht gleich "Ende 2015" oder "In einem Land nach unserer Zeit"? Außerdem hat der Film, in dem sehr viel und sehr fabelhaft gegessen wird, mich wieder daran erinnert, dass ich ja auch irgendwann mal eine Mighty Life-Liste geschrieben habe. So eine Liste findet man unter anderem auf dem Mighty Girl-Blog, den ich in meiner Blogrolle habe, und sie schreibt darin, was sie alles im Leben noch getan haben will. Dabei sind so unterschiedliche Sachen wie "mit meinem Sohn campen gehen" und "Kirchenglocken läuten". Jetzt ist es ihr großer Ehrgeiz, einen Punkt nach dem anderen abzuhaken, und das Wunder ist, dass Intel diese Bloggerin inzwischen so ins Herz geschlossen hat, dass sie ihr die Erfüllung ihrer Wünsche sponsern. Gerade hat Intel sie nach Griechenland geflogen, noch ein Traum von ihr. Mies, diese gesichtslosen Industrieriesen.
Wo war ich? Ach ja: auf meiner Mighty Life-Liste steht irgendwo auch, dass ich einmal ein komplettes Menü mit Wein und allen Schikanen in ein Kino schmuggeln will. DAS wäre gestern der perfekte Film dafür gewesen. Wieder eine Chance verpasst.

Ich war aber nicht nur im Kino, sondern auch mittags beim Italiener, wo es Pasta und Weißwein gab, und hatte kurz das Gefühl von dem Leben, das ich mir immer als Freiberuflerin vorgestellt hatte, blauäugig und dumm wie ich damals war. Bei diesem Italiener gab es die Auswahl aus vier verschiedenen Gerichten, und wer etwas trinken wollte, nahm sich ein Glas und bediente sich am Kühlschrank. Bezahlt wird dann irgendwann. Es gab Zeitungen, es gab Hunde, es gab zwei kleine Kinder, die mit noch nicht mal drei Jahren schon fitter beim Spaghettiwickeln waren als ich, und es war ganz fabelhaft. Ich bin wild entschlossen, die Zeit bis zum nächsten Versuch zu genießen.

Und dann war ich noch laufen. Jetzt darf ich ja wieder. Erst wollte ich immer abwechselnd eine Runde gehen und eine Runde rennen, aber dann war es einfach zu schön, um so eine alberne Arschwackel-Walker-Runde einzulegen, und ich habe mich wie ein altes Pferd gefühlt, das endlich wieder laufen darf. Zockel-zockel-zockel, mit dicker roter Birne. Mit jeder Runde wird das Leben ein bisschen normaler. Nun bin ich wohl wirklich wieder da.

Auf den Myom-Post habe ich so viele gute Tipps bekommen, dass ich die nächsten Tage damit verbringen werde, sie einen nach dem anderen abzuklopfen. Irgendwas ist bestimmt dabei, das hilft. Diese Myombrüder mach ich fertig. Danke an alle Hasen, die dabei helfen wollten!

Mittwoch, 9. September 2009

Zwischenstand

Die Angel ist ausgeworfen nach einem Job, jetzt kann ich nur noch hoffen, dass schnell, schnell etwas dabei herauskommt und ich weiß, dass ich ab Oktober unter Dach und Fach bin, denn dann kann ich zur Abwechslung endlich anfangen, diese viele Freizeit zu genießen. Wäre das herrlich! Ich würde lauter Tage am Elbstrand und in der Sauna planen und Abende beim Lieblingsspanier, es wäre wie Ferienspiele für Erwachsene.

Und dann bin ich auch noch froh, dass es gestern Abend bei zwei Gläsern Wein und null Zigaretten geblieben ist. Denn angesichts der letzten Sommertage habe ich auf dem Balkon nach langer Zeit wieder mal ein Spareribs-Fest gefeiert, für mich ist ja nichts schöner als Knochen abnagen, und das endete damit, dass ich mich die halbe Nacht und eigentlich sogar bis jetzt mit einem ekligen Schweinekater rumschlagen musste. Schweinekater geht so: du isst erst eine verbotene Menge Schweinefleisch, und zwei Stunden später wachst du auf und hast das Gefühl, durch deine Adern fließt Schweineschmalz und dein Mund hat sich inwändig mit Schweineborsten überzogen. Buaäääh. Wenn ich mir nun auch noch den Kippenkater und die Kippenschuldgefühle dazu vorstelle, dann platzt mir fast der Kopf. Wir bleiben also erst mal sauber.

Dienstag, 8. September 2009

Die Nachher-Vorher-Show

Diese Fehlgeburt ist wieder mal ein Beweis für meine Eigentlich-Popeigentlich-Theorie. Die Theorie besagt, dass es Ereignisse im Leben gibt, die so sehr als Katastrophe, Trauma oder Riesenglück vorbelastet sind, dass man oft gar nicht mehr genau weiß, wie man sich anders fühlen soll. Man hat diese Dinge schon so oft im Kino gesehen, oder sie sind Freunden passiert, oder man hat in Büchern davon gelesen, und sie sind zu Stereotypen geworden. Genau wie unsere Reaktion darauf. Du bekommst eine Liebeserklärung - Zack, Freude! Jemand stirbt - Zack, Trauer! Du wirst betrogen - Zack, totaler und nicht mehr gutzumachender Vertrauensverlust! Du wirst sitzengelassen - Zack, Tränen! Du verlierst ein Kind - Zack, metertiefes Loch, aus dem du so schnell nicht mehr rauskommst, langes Kauern auf dem Fensterbrett und in den Regen starren, Hände werden in den Ärmeln von Strickjacken vergraben.

Und wenn es nicht so ist, dann denkt man manchmal: eigentlich müsste ich mich jetzt freuen/traurig sein/sauer werden. Meine Theorie besagt: meistens ist man besser dran, wenn man sich sagt: eigentlich, popeigentlich. Oder mit anderen Worten, pfeif auf eigentlich. Man fühlt sich so, wie man sich fühlt.

Damit will ich auf gar keinen Fall andeuten, dass Menschen, die genau das fühlen, was man erwartet, in irgend einer Weise angepasster sind oder einem Klischee aufsitzen. Die Regel, dass man fühlt, was man fühlt, gilt für sie genau so. Überhaupt, hier geht es gar nicht um "Menschen, die..." sondern um "Situationen, in denen...", ich hab auch schon oft genug geschäumt, wenn ich schäumen sollte, und geheult, wenn ich heulen sollte. Man darf nur nie den Fehler machen, einfach blind der Gefühlsetikette zu entsprechen.

Ich wurde schon ein paar mal betrogen im Leben. Das war meistens schlimm, sehr sogar. Manchmal war es auch egal, und weil ich jedes Mal die Gleiche war, war offensichtlich etwas zwischen mir und den jeweiligen Jungs anders. Den Unterschied mitzukriegen, war aber wichtig, und wenn es auch in einem Fall nur dazu führte, dass ich gemerkt habe: mir ist nicht nur egal, mit wem der ins Bett geht, der ganze Typ ist mir inzwischen viel zu egal.

Ich hatte auch schon mal dieses Erlebnis, von dem angeblich ja wir alle träumen: jemand ist furchtbar zu dir, dann machst du Schluss, und er kommt gekrochen. Er kommt sogar monatelang, jahrelang gekrochen. Er, der vorher das eine oder andere Mal laut seine Bedenken geäußert hatte, du wärst vermutlich unter seinem Niveau, ist plötzlich ein Wrack. Aber das war kein Traum, das war ziemlich furchtbar. Und da war es auch egal, dass man sich von sowas eigentlich aus den Schuhen hauen lässt. Eigentlich-popeigentlich.

Jetzt hatte ich eine Fehlgeburt. Das war schlimm und in jeder Hinsicht traurig, schade und wirklich ziemliches Pech. Ich wollte so gerne, dass aus Prilblümchen nicht nur Würmchen wird, sondern irgendwann etwas mit einem Namen, Wackelzähnen und Krusten am Knie. Aber erstens zeigt sich, sobald man erzählt, dass man es verloren hat, dass es dem Rest der Welt auch so geht. Meine Mutter hatte eine, meine Oma hatte eine (wieso erfahre ich das JETZT?), drei meiner Freundinnen hatten eine, und viele von euch hier hatten sogar mehrere. Und ihr habt es alle überlebt und seid immer noch hier. Und zweitens (und noch viel wichtiger) zeigt sich, es geht mir nur so schlecht oder so gut, wie es mir geht. Das klingt wie eine schreckliche Plattheit, aber es tut gut, sich nicht von so einem miesen Ereignis wie einer Fehlgeburt wochenlang diktieren zu lassen, wie man sich zu fühlen hat. Manchmal sitzt man da, starrt auf eine dieser fast schon albern schönen italienischen Kulissen oder auch meinetwegen nur in die Bäume im Hamburger Hinterhof, trinkt ein Glas Wein, und ist sehr glücklich. Oder jemand lässt einen fahren, und man muss lachen. Oder man ist froh, wieder dem Bus hinterhersprinten zu dürfen. Oder man erwischt ihn und findet sich plötzlich neben einem wirklich hässlichen, lauten und blöden Kind wieder, und dem streckt man die Zunge raus und ist froh, nicht mit ihm verwandt zu sein.

Ich bin froh, inzwischen bestimmt schon wieder hundert mal sehr glücklich gewesen zu sein, und zwar nicht trotz Fehlgeburt, sondern völlig unabhängig von der Fehlgeburt. Und inzwischen hatte ich zwar nicht mehr so ein Erweckungs-Erlebnis wie beim Folsäurekauf, aber inzwischen fühlt es sich trotzdem eindeutig nicht mehr wie Nachher an, sondern wie Vorher. Demnächst starten wir einen Versuch, mich künstlich zu befruchten. Mit tiefgefrorenen Eizellen. Schrill, diese Welt! Jemand, der wie ich so sehr auf Weltraumfilme steht und auf alles, was nerdig riecht, ist von sowas natürlich ziemlich angefixt. (Es ist ein bisschen wie diese Anzeigen, die früher immer in Fix&Foxi und Mickey Maus waren: diese Algenmännchen, auf die man nur einen Schluck Wasser gießt, und kurze Zeit später haben sie einen Staat gegründet, tragen Lendenschurze und lutschen Lollis.) Wie das wohl wird? IST das spannend!

Da plaudert man und plaudert man

und dabei habe ich ganz vergessen, zu berichten, dass es vom Würmchenbefund nichts zu berichten gibt. Nichts an Würmchen war so auffällig, dass es in irgend einer Weise eine Erklärung für das wäre, was da passiert ist. Wobei ich nicht weiß (und in dem Moment, also mit meinen Beinen in diesen Stuhldingern und meinem Po auf einer Papierserviette, nie geistesgegenwärtig genug bin, um die richtigen Fragen zu stellen), wonach genau sie gesucht haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei jeder Fehlgeburt ein Screening auf sämtliche gängigen genetischen Defekte macht.
Die Erklärung lautet also wieder mal: Pech gehabt.
Aber weil ich mir noch keine Meinung dazu gebildet hatte, ob mir eine Erklärung lieber wäre als keine Erklärung, hat mich das auch nicht sonderlich aus der Bahn geworfen. Im Gegenteil, ich bilde mir sogar ein, keine Erklärung ist ein besseres Zeichen als eine Erklärung.

Kann sich hier jemand noch an den Film "Smoking-Nonsmoking" erinnern?

Danke, Wilma, das war nötig. Man kriegt es ja manchmal doch ein bisschen mit der Angst zu tun, was das alles mit uns macht.

Eine Frage, die ich mir ab und zu stelle, ist z.B. die, was passiert wäre, wenn ich nie erfahren hätte, dass ich empfängnisbehindert bin. Wenn ich also z.B. eine Weile lang versucht hätte, schwanger zu werden, und es hätte nicht geklappt, dann hätten wir uns entspannt und noch einen dicken Urlaub eingelegt, es hätte immer noch nicht geklappt, und so wären wir fröhlich zusammen auf die 40 zugesteuert und dann irgendwann auf die 45, und wenn die Leute dumme Fragen gestellt hätten, dann hätten wir gesagt, was sollen wir sagen, klappt vielleicht nächsten Monat. Wäre das so schlimm gewesen? Man weiß es nicht, und der Zug ist ja auch abgefahren, denn jetzt ist er nun mal da, der dusselige Kinderwunsch komplett mit einer ganzen Batterie an Kenntnissen, Hoffnungen und Sorgen, die ich so genau eigentlich gar nie haben wollte. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus.

Was hab ich noch zu berichten? Dass ich vorgestern Abend beim Konzert nicht nur drei Bierchen hatte, sondern auch drei Fluppen, die ersten nach der Hochzeit. Und am nächsten Morgen schon wieder aufwachte mit den für mich typischen chemisch bedingten Schuldgefühlen, die in solchen Momenten ungefähr so schwer sind, als hätte ich am Vorabend nicht drei schon ewig bei uns herumliegende Lucky Lights angezündet, sondern drei junge Labradore. Und diese Schuldgefühle habe ich so dermaßen satt, dass ich wieder mal beschlossen habe, dass in Zukunft nicht mehr geraucht wird.

Es werden Wetten entgegengenommen. Wie lange halte ich das durch? Für immer? (Wer darauf ja sagt, muss sich vorstellen, dass ich ihm dieses dreckige Disney-Hexen-Lachen entgegenschleudere.)
Für eine Woche? Bis zum nächsten Mädchenwochenende (in zehn Tagen)?

Die Mädchen werden jetzt schon wieder genervt die Augen rollen, denn beim Rauchen bin ich eine echte Susi und Landplage. Ich schäme mich am nächsten Tag immer schrecklich und leide wie ein Hund, außerdem vertrage ich es einfach nicht gut (wie fast alle Gelegenheitsraucher) und kriege manchmal sogar Migräne danach, das hab ich dann davon. Deshalb (und weil ich so ein Schuld-Typ bin) nehme ich mir dauernd vor und schwöre feierlich, nie wieder zu rauchen. Nie wieder. Und dann kommt der nächste Abend. Oder auch ein Abend in einem Monat. Und dann fange ich an zu quengeln und nach den Packungen der anderen Mädchen zu schielen, und dann wissen sie schon, was die Stunde geschlagen hat. "Und morgen früh können wir uns das Affentheater wieder anhören wegen fünf Kippen."
Rauchen und Klappe halten oder nicht rauchen und Klappe halten und sich im Glanz der eigenen reinen Lungen sonnen. So geht das unter Erwachsenen. Nur die alberne Flora kann das nicht.

Vermutlich werden meine Aufhör-Pläne auch dadurch unterminiert, dass ich schon mal aufgehört hatte, richtig lange, und es war überhaupt nicht schwer, obwohl ich damals bei anderthalb Schachteln pro Tag und mehr war. An einem sonnigen Septembertag saß ich in meiner Lieblingsbar, guckte auf den Marktplatz meiner Studentenstadt, die ich damals schon gründlich satt hatte, und rauchte eine Zigarette, und plötzlich hatte ich die auch satt. Da habe ich sie ausgedrückt, die halb volle Schachtel dem netten Kellner Matthes geschenkt und bin meiner Wege gegangen. Eigentlich ohne den Plan, es für immer zu lassen, aber trotzdem gingen danach vier Jahre ins Land, ohne dass ich auch nur ein mal gezogen hätte. Dann kam ein mieses Jahr, in dem alles schief ging. Kranke Familie, toter Hund, Exfreund entpuppte sich als Psychopath, neuer Freund machte unter miesesten Umständen Schluss. Und da saß ich dann völlig fertig mit einer Freundin an der Alster, die Sonne ging unter, sie zündete sich eine Zigarette an, und ich zündete mir eine Zigarette an. Seitdem hatte ich nie mehr länger als ein paar Monate Ruhe. Wer einmal erlebt hat, wie leicht es sein kann, bildet sich für immer ein, das jederzeit wieder zu können, wenn er nur wirklich will, also nicht jetzt.

Während der Schwangerschaft war es übrigens wieder ein Kinderspiel. Körperlich abhängig bin ich also nicht, sondern einfach nur zu doof.

Übrigens ist die Zigarette-Industrie im Gegensatz dazu überhaupt nicht doof, sie kennt solche Susis wie mich mit ihren Schuldkomplexen genau. Und bevor die Schuld die Oberhand gewinnt und wir es doch schaffen, aufzuhören, hat sie sich American Spirit ausgedacht. Mit Indianer drauf, ohne zusätzliche Schadstoffe drin, und dazu auch noch ziemlich lecker. Und man fühlt sich auch nicht ganz so mies am nächsten Tag. Davon verschmöke ich jetzt also so ca. acht Schachteln im Jahr. Es gibt vermutlich sogar Ärzte, die sagen würden, das ist ok. Nur ich quäle mich damit.

Ihr merkt übrigens, ich bin scheinbar übern Berg. Wenn ich hier keine anderen Sorgen habe als "ich rauche so gern, aber eigentlich sollte ich nicht, aber naja, vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm", dann kann es mir sonst nicht allzu dreckig gehen. Und dann fragen sich manche von euch vielleicht auch noch "Macht sie jetzt ernsthaft in ihrem Unfruchtbarkeits-Blog Werbung für eine Zigarettenmarke? Hallo??"

So eine bin ich dann wohl scheinbar.

War ich. So eine war ich dann wohl mal. Denn nun ist ja wieder mal Schluss. Zum Segen diesen Babyprojektes und zu meinem eigenen Seelenfrieden.
Wir werden sehen.

Und Mädchen, kein Wort. Ich verspreche auch, ich hab diesmal für den Notfall meine eigenen dabei.

Montag, 7. September 2009

Ein Jubiläumswunsch

Ich weiß, ich verlange im Moment ziemlich viel. Arzttermine sollen gut laufen, dann soll das mit dem Job klappen, zur Hochzeit soll die Sonne scheinen, die Spaghetti Vongole sollen ohne Tomaten sein, und ein Baby will ich auch noch. Wie gesagt, eine ganze Menge. Aber trotzdem habe ich noch eine Bitte mehr. Also, falls - nur FALLS das alles mit dem Kind doch nicht klappen sollte und wir als kinderloses Paar enden. Könnten wir dann bitte, bitte davon verschont bleiben, uns eine der folgenden Verhaltensweisen anzugewöhnen, wie ich sie von anderen kinderlosen Paaren kenne?

- uns Hunde zulegen, die zu irgend einer albernen, kleinen und kläffenden Rasse gehören, ihnen Namen wie "Tiffany" geben und für ihre Wehwehchen eine Menge Geld zum Tierarzt tragen, für die man ein afrikanisches Dorf mit einem Krankenhaus, einer Schule, einem Brunnen und einem Golfplatz ausstatten könnte

- wenn unsere Nachbarn Wäsche auf eine Leine im Trockenkeller hängen, die wir im Auge hatten für unsere eigene Wäsche, ihre Wäsche abnehmen, am anderen Ende des Raumes wieder aufhängen und die Leine für unsere eigenen riesigen Unterhosen benutzen, so dass die Nachbarn am nächsten Tag nur staunen können, wer wegen so einer blöden Leine, die sich in nichts von den anderen unterscheidet, fünf Minuten lang mit anderer Leute Unterwäsche hantiert? Mit anderer Leute NASSER Unterwäsche?

- zu Weinkennern werden, die im Lokal alle bis zum Schreien nerven, weil sie immer so mit dem Glas kreisen, Faxen mit dem Wein im Mund machen, Jahrgänge beanstanden und an Korken schnüffeln

- Nachbarskindern mit der Polizei drohen, weil sie auf der Straße Ball spielen

- das Obst im Garten an den Sträuchern vergammeln lassen, aber hysterische Schreianfälle bekommen, wenn ein Nachbarskind sich ein paar Brombeeren klauen will

- ein Grundstück mit Haus drauf an eine Katze vermachen

- Laut atmend hinter der Tür lauern, bis im Treppenhaus niemand mehr ist, und falls der Mensch im Treppenhaus sich den Scherz erlaubt, genau so laut atmend vor der Tür stehenzubleiben, das nicht komisch finden

- 50 Jahrgänge irgend einer Zeitschrift archivieren in dem Zimmer, das mal das Kinderzimmer werden sollte

- vor dem Kauf jedes noch so popligen Gerätes in der Stadtbücherei alle entsprechenden Artikel der Stiftung Warentest dazu lesen (Jetzt im Test: Toaster. Korkenzieher. Reißzwecken.)

Geht das bitte? Ja?

Ein bisschen wie den eigenen Geburtstag vergessen.

Und dann habe ich vor lauter heiraten und fehlgebären völlig übersehen, dass inzwischen über 10.000 Menschen diesen Blog angeklickt haben. Ok, vielleicht nicht 10.000 einzelne Menschen, sondern vielleicht auch nur zehn Menschen jeweils 1000 mal, aber immerhin. Ich weiß noch, wie ich irgendwo bei 600 rumkrebste und mir dachte, wenn der Zähler irgendwann bei 1000 steht, dann mach ich ein Fass auf. Und nun 10.000, und ich merke es noch nicht mal.

Entschuldige, Blog, und entschuldigt, Hasen. Ich werde mir was überlegen, wie das gefeiert wird. Vielleicht mit einem Glas Puffbrause im Park. Vielleicht auch mit Wunderkerzen, oder ich hänge mir all die hübschen Weihnachtsbaumfigürchen an die Ohren, die meine Familie mir zur Hochzeit geschenkt hat. Wir werden sehen.