Montag, 12. Oktober 2009

"Wie immer?" "Wie immer."

Inzwischen fühle ich mich als Stammgast. Und morgen steh ich mal wieder am Tresen. Meine Fruchtbarkeitsklinik ist inzwischen der Ort, den ich außer meiner eigenen Wohnung am häufigsten betrete. Morgen wieder mal zum Blut abnehmen, und inzwischen sind wir eingespielt. Ich weiß im Wartezimmer blind, welche Zeitschriften in welchem Regal liegen, und den Damen am Empfang muss ich nicht mehr sagen, wie ich heiße. Ich muss auch der Arzthelferin, die mir das Blut abnimmt, nicht mehr sagen, dass sie mir hinterher bitte kein Pflaster draufkleben soll, nein, auch kein weißes, weil ich von Pflastern Ausschlag kriege - der von braunen Pflastern bleibt drei Wochen und ist knallrot und juckt, und der von weißen Pflastern bleibt zehn Tage, ist rosa und juckt. Das wissen die längst. "Sie drücken dann schön kräftig und lange, nüch?" "Jaja, ich drücke." Das ist morgen grob geschätzt meine fünfzehnte Blutabnahme seit dem Schwangerschaftstest damals, wir haben das jetzt alle drauf. Ja, auch ich kann meinen Part: ich weiß, wann ich die Faust ballen muss und wann ich sie öffnen muss, ich muss mich auch morgens nicht in letzter Sekunde noch mal umziehen, weil ich aus Versehen ein enges Hemd unter einem Kleidchen angezogen habe, so dass ich, um den Arm frei zu machen, Kleid und Hemd ausziehen müsste. Und hinterher, wenn ich in der Klinik fertig bin, dann gehe ich mit meinem Stück Zellstoff an den Arm gepresst zu McDonalds und bestelle meinen Glücks-Cheeseburger. Und ich hab fast das Gefühl, auch die Spanierin, die da morgens immer fast allein ist, kennt mich schon und greift automatisch das Richtige, wenn da wieder die Kompressenfrau reinkommt und morgens um zehn einen Cheeseburger will. Vermutlich denkt sie: aha, war wohl wieder spät und lustig gestern. Dabei war es heute früh und nicht so lustig.

Das Schöne an der Gewöhnung ist aber nicht nur, dass das alles wie am Schnürchen klappt. Sondern, dass ich mich auch morgen vermutlich kaum noch aufregen werde, wenn ich laut Blutwert immer noch schwanger bin. Aus irgend einem Grund ist das bei mir so, was soll's? Ewiges Rätsel weiblicher Körper. Und wenn nun eine schreibt, Schuld wäre der Cheeseburger, dann gebe ich eine Studie in Auftrag, die den positiven Nutzen von Cheeseburgern als Unterstützern von Schwangerschaften nachweist, und dann werde ich mit Ruhm und Ehre überhäuft und McDonalds baut mir ein Denkmal.

Nein, das Aufregende an morgen ist nicht der Test, sondern dass ich danach zu Phase drei des geheimen Superprojektes übergehe. Genauer gesagt, steige ich direkt aus der Praxis in einen Zug Richtung Süden und komme eine kleine Weile nicht wieder. Bevor ihr fragt: nein, das Projekt hat nichts damit zu tun, mal wieder richtig braun zu werden oder mir einen alten reichen Sack in einem Badeort anzulachen, und schon gar nichts damit, die sagenumwobenen Super-Kinderwunsch-Kliniken in den europäischen Nachbarländern durchzuprobieren. Und posten werde ich trotzdem, jedenfalls hoffe ich das.

Samstag, 10. Oktober 2009

Endlich ein Job!

Wenn auch nur ein klitzekleiner: Tine bittet mich um einen Post, in dem steht, wie genau ich entschlacke.

Also. Entschlackung ist für Leute, die schon mal gefastet haben, ja ein Riesending. Innere Reinigung, neuer Anfang, weg mit all den lustigen Nächten auf dem Kiez und all den Fluppen, so jedenfalls fühlt es sich an bzw. das ist das, was man sich immer wieder vorbetet, wenn es nervt.

Gerade läuft es eine Nummer kleiner, also ohne Einläufe, Nahrungsverweigerung und Schwächeanfälle. Ich nehme im Moment morgens und abends je einen Esslöffel Weleda Birken-Aktiv-Kur in Wasser, außerdem Sauerkrautsaft in rauen Mengen (den trinke ich aber gern, ich steh auf alles, was salzig ist - mein Traum wäre eine Sardellen-Entschlackungs-Kur), und dazu einen Fastentee. Und ich versuche, weniger zu trinken und weniger Quatsch zu essen. Was genau unter Quatsch zu verstehen ist, wissen wir, glaube ich, alle ganz gut. Erst ist überhaupt nichts passiert. (Wobei, überhaupt nichts... wenn man Entschlackung vom Fasten her kennt, dann erwartet man natürlich bombastische Dinge.) Dann, drei Tage später, kam ich einen Nachmittag und einen Abend lang nicht mehr runter vom Klo. Und jetzt ist alles wieder wie gehabt. Ansonsten keine Pickel, keine schlechte Laune, keine Kopfschmerzen, kein Mundgeruch (jedenfalls, so weit ich das beurteilen kann).

Ich hab keine Ahnung, ob das nun die Wahrscheinlichkeit beim nächsten Versuch irgendwie nach oben drückt. Ich hoffe das Beste. Und ich hoffe, ich bin damit aus dem Schneider und habe ein Ass im Ärmel, wenn jemand aus dem Esoterik-Lager mich fragt, ob ich denn schon mal Ghee-Einläufe, Heupackungen oder Fruchtbarkeitstänze probiert hätte.

Einer dieser Tage

Heute ist so ein Tag, an dem man denken könnte, alles ist vollkommen normal. Wenn ich nicht direkt neben meinem Rechner einen 20 cm hohen Bücherstapel zum Thema Kinderwunsch liegen hätte. Und wenn ich nicht jedes Mal, wenn ich meine Sockenschublade öffne, dort auf die alten Spritzen und Medikamentenpackungen stoßen würde, die ich aus sentimentalen Gründen (oder meinetwegen auch aus fortgeschrittener Matschhirnigkeit) aufgehoben habe. (Ihr denkt, ich hab den Plan aufgegeben, eines Tages all die Pillenpackungen und Nasensprays und Spritzenpens in Kunstharz zu gießen wie Damien Hirst und daraus den geschmacklosesten Beweis für Mutterliebe weltweit zu machen, der je ein Kinderzimmer verunziert hat? Falsch gedacht! Vielleicht komme ich aber auch wieder runter, schmeiße den Mist weg und mache nur vorher ein Foto davon.) Und wenn nicht die Birkentinktur wäre, die ich jeden Morgen und Abend schlucke. Und wenn ich nicht schon wieder in meinem Kalender einen Ultraschall-Termin stehen hätte, der sich aber vermutlich sowieso erledigt hat, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass wir weitermachen können, so lange ich nach jedem Gang zum Altpapiercontainer Blut in der Hose habe. (Und selbst wenn das alles vollkommen harmlos ist, würde ich diesmal gerne eine blutfreie Schwangerschaft erleben; es ist einfach besser für den Schlaf und den Teint. Man wird leider so schreckhaft.)

Jedenfalls ist heute so ein Tag, wie ich ihn tausendmal erlebt habe in der Zeit vor dem Kinderwunsch, sogar vor L., eigentlich schon immer. Draußen schüttet es, was aber herrlich ist, weil eine 1a Entschuldigung dafür, den ganzen Tag herumzuschluffen, ein bisschen was zu kochen, möglichst etwas, was man mit Löffeln essen kann, während man mit einer Schale auf dem Schoß in Wolldecken gemummelt auf dem Sofa kauert. Nachher werfe ich vielleicht noch eine Kostümfilm-DVD ein und bügele dazu, oder ich lass das mit dem Bügeln und gucke nur. Zwischendurch ein bisschen Gefrickel am Rechner, nur für das gute Gefühl, wieder ein paar Häkchen an die To Do-Liste machen zu können, aber bloß kein Stress. Unten läuft die Waschmaschine, draußen tropft die Regenrinne, der Duft von Kartoffelsuppe zieht durch die Bude, und wer weiß? Jetzt, wo L. Fußball gucken gegangen ist, wäre vielleicht der richtige Moment für eine dieser Haarkuren, die eine Stunde einwirken müssen. Die Welt ist schwer in Ordnung heute, so wie sie ist.

Und gleichzeitig mache ich mir Gedanken um ein Thema, um das ich mir eigentlich sehr ungern Gedanken mache: das Thema, wie das eigentlich kommt mit dem Kinderwunsch. Dass wir ein Kind wollen, ist nun wirklich nichts Neues. Aber manchmal, heute zum Beispiel, denke ich mir schon ganz leise: ein Kind wäre schön, ein Kind wäre unsere große Sehnsucht, und wenn es mehr als eins wird, wir wollen ja nicht unbescheiden sein, dann wäre das Glück perfekt. Aber es gab mal eine Zeit - vielleicht noch so vor zwei Jahren - da habe ich oft gesagt (und dabei noch nicht mal gelogen), wenn es nicht klappt, dann wäre das zwar sehr schade, aber unser Leben ist trotzdem schön. Keine Angst, ich denke heute auch noch nicht, dass mein Leben ohne Kind eine Katastrophe ist. Aber wie immer, wenn man etwas tut, um ein Ziel zu erreichen, wird das Ziel dadurch automatisch wichtiger. Das fängt schon damit an, dass man als Schulkind über eine Vier in einer Arbeit, für die man gelernt hat, trauriger ist als über eine Vier, bei der man am Tag vor der Arbeit im Schwimmbad war. Oder damit, dass ich immer schon wütender war, wenn mir ein Fahrrad geklaut wurde, für das ich die ganzen Ferien lang gejobt hatte (Popos im Altersheim abgewischt, um genau zu sein), als wenn mir die alte Hollandgurke geklaut wurde. Und das lag bestimmt nicht nur am unterschiedlichen Geldwert der Räder, sondern daran, dass ich für das eine verdammt viel getan hatte und für das andere so gut wie nichts. Für dieses Kind habe ich in den letzten Monaten eine Menge getan. Und je mehr man tut, desto härter wird es, all das, was man schon getan hat, in den Wind zu schießen und es gut sein zu lassen. Nein, ich bin bestimmt nicht kurz davor, aufzugeben - noch lange nicht! Aber wenn ich mich heute mal zurücklehne, den Bügelkorb ignoriere und gründlich nachdenke mit möglichst klarem Kopf, dann weiß ich genau, wenn ich noch zwei Jahre IVF hinter mir haben werde, dann werde ich erst recht nicht aufgeben - auch, wenn es vielleicht besser wäre. Ich werde mich, je länger das dauert, um so mehr festbeißen. Das ist jedenfalls nüchtern betrachtet die wahrscheinlichste Aussicht. Vielleicht meinen blöde Journalisten ja das, wenn sie schreiben, wir wären eine Bande verbissener Biester, die es einfach übers Knie brechen wollen. Ich glaube nicht, dass es so einfach ist. Aber wenn man lang genug an der Eisenstange geruckelt und gezerrt hat, dann wäre es doch schön, wenn sie auch endlich, endlich brechen würde (ob überm Knie oder sonstwo).

Stampfi und ich

Es würde mich auch gar nicht wundern, wenn Stampfi mich sofort als ihre Mutter akzeptiert. Erstens habe ich einen riesigen, furchtbar stabilen Kopf, den so schnell nichts knackt. Zweitens bin ich genau wie Nashörner extrem kurzsichtig. Wenn ich panisch und ohne Kontaktlinsen durch die Savanne rennen würde, dann könnte dabei auch leicht ein Wildhüter unter die Hufe kommen. Und drittens mokiert sich L. ständig darüber, dass ich so laut gehe. Wenn ich abends nach Hause komme, dann öffnet er mir gerne schon die Tür, wenn ich noch zwei Stockwerke entfernt bin, wegen des Jurassic-Park-Effekts in seiner Kaffeetasse.
Je länger ich drüber nachdenke, desto besser klingt der Plan. Hallo Münster, was sagt ihr dazu?

Freitag, 9. Oktober 2009

Ich würde ja, wenn ihr mich lassen würdet

Ich würde mich z.B. mit Kusshand anbieten, das kleine Nashorn aus Münster aufzuziehen. Ich kann mir zwar seinen Namen nicht merken, aber ich würde es so lange eben Stampfi nennen, wie den Elefanten bei den Simpsons. Stampfi könnte in der Besucherritze schlafen, und vermutlich gäbe es keinen Earl Grey zum Frühstück, aber irgendwie wären wir sicher trotzdem eine glückliche Familie. Würden die Labradore im piekfeinen Park aber Augen machen, wenn Stampfi angedonnert käme! Es könnte meine alten Halstücher auftragen, wie diese Punkhunde. Später, wenn Stampfi größer wird, würden wir uns einen Pickup kaufen, so dass es überall mit hin kann. Wobei ich bisher in der Hamburger UBahn noch keine Schilder gesehen habe, dass Nashörner verboten sind, ihr etwa? Noch lieber hätte ich natürlich ein Kind oder vier. Aber gleich danach kommt Stampfi. ("Nu dreht sie durch. Das liegt sicher an der Entschlackung. Bring der Frau doch bitte jemand einen Hot Dog und einen gewaltigen Martini.")

Die Entschlackung, ach ja, die Entschlackung. Erst ist nichts passiert. Und nun - Ästheten weiterklicken und schnell an etwas sehr, sehr Schönes denken, z.B. an ein Nashorn mit einem seidenen Halstuch in einer Blumenwiese - kommen aus mir echte Nashornflatscher raus. Und zwar im 30Minuten-Takt. Wenn das keine Schlacken sind, dann weiß ich es nicht. Und wo das drin war, sollte ein Kind wachsen? Also, nicht direkt, aber nebenan? Was hab ich mir bloß dabei gedacht? Das ist, um eine Kommentatorin zu zitieren, einfach nur noch traurig.

Soll und Ist

Soll:
Der Tag beginnt morgens um acht, wenn sich eins meiner vier niedlichen Kinderchen in seinem Schlafanzug auf nackten Sohlen taps-taps-taps ins Schlafzimmer geschlichen hat und sich zwischen uns kuschelt. Wie niedlich! Und so kalte Füßchen! Aus Richtung der Küche hört man leises Gekicher und Gescharre, denn die Geschwisterchen wollen es sich nicht nehmen lassen, Mama zum Aufstehen mit einer Tasse Tee und einem Frühstücksei zu überraschen. Seufzend drehe ich mich um und sauge tief den Geruch frisch gewaschener Kinderhaare ein: hoffentlich lassen die kleinen Rackerchen das Ei nicht wieder zu lange kochen? Und hier kommt auch schon die kleine Prozession mit meiner traditionellen Im-Bett-Teetasse. Hm, köstlich, niemand macht so leckeren Earl Grey wie meine Kinder! Nach der ersten Tasse heißt es nun aber endgültig raus aus den Federn, mein Job wartet. Also duschen, Haare waschen, anziehen. Zum Glück keine große Sache, denn in meiner Firma haben alle einen derartigen Respekt vor meiner Leistung und meiner beeindruckenden Persönlichkeit, dass Schminken oder Schickmachen völlig unnötig ist. Ich könnte auch im Baströckchen da auflaufen, und trotzdem würden mir alle zuhören. Für Baströckchen ist es aber ein bisschen zu kalt, über Nacht ist der erste Schnee gefallen, und die Welt draußen glitzert magisch und weiß. In meinen ollen Stiefeln und der Jacke meiner Oma geht es also aufs Fahrrad, Schnee knirscht unter den Reifen, wie durch Zauberei habe ich jeden Radweg und jede Straße für mich. In der Firma angekommen heißt es erst mal die Mails mit den neuesten Erfolgsmeldungen lesen, dazwischen die wie immer zum totlachen lustigen Mails meiner Mädchen. Hihi, und wie süß, hier kommt schon das erste Handyfoto des Tages von L: die Kinder in ihren Pudelmützen, bereit zum ersten Schneetag des Jahres! Jetzt muss ich doch kurz seufzen. Wer da dabei sein könnte! Und noch vor vier Jahren war daran nicht zu denken, ich war voll in meiner IVF-Mühle gefangen und habe mich kaum getraut, ernsthaft zu hoffen, dass das was wird - nur nicht zu sehr enttäuscht werden, war damals das oberste Ziel! Und nun sieh sich jemand diese prächtige Familie an! Mein attraktiver und warmherziger Assistent steht in der Tür und hat das Foto auch gesehen, als er mir meinen Kaffee (jetzt ja wieder eimerweise erlaubt) hinstellt. "Ach, Flora" sagt er. "Die letzten Wochen waren hart. Wir haben geschuftet wie die Tiere - aber jetzt, wo alles unter Dach und Fach ist, willst du nicht einen Tag frei nehmen? Niemand hätte es mehr verdient als du! Ab in den Schnee mit deinen Kindern, oder? Ich halte hier die Stellung!" Ich starre ihn überrascht an: einen Tag ohne meinen inspirierenden, aufregenden und erfüllenden Job? Aber wieso eigentlich nicht? Im Nu bin ich auf dem Heimweg und komme gerade rechtzeitig in der gleichzeitig zentral und ruhig gelegenen Wohnung an, um den Abmarsch der Pudelmützenbande nicht zu verpassen. Und so geht das immer weiter, Kinderlachen, Niedlichkeiten bis zum Abwinken, Abends lesen wir "Die kleine Raupe Nimmersatt" vor, irgendwann kommt dann noch ein Hund dazu, der 20 Jahre alt wird und immer gut riecht, und das schlimmste Ereignis des Jahres ist, wenn eins der Kinder die Läuse aus dem Kindergarten mitbringt. Wenn Sorgen, dann nur niedliche Sorgen. So jedenfalls sieht der Soll-Zustand aus.

Ist:
Keine Kinder. Kein Hund. Kein Job. Keine Erfolgs-Emails. Keine Antwort vom Don. Der nächste Zyklus vermutlich weiter weg als gedacht. Erfolgswahrscheinlichkeit laut Tabelle zum Heulen gering. Grrrrrrr.

Schnittmenge zwischen Soll und Ist:
Ich habe L., ein Fahrrad, eine Pudelmütze, mein altes "Die kleine Raupe Nimmersatt", und Earl Grey hatte ich heute morgen auch. Es könnte also schlimmer sein.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

"Was will sie eigentlich?"

Gerade lese ich den letzten Eintrag noch mal und stelle selbst fest, dass das ein ziemliches Kuddelmuddel ist. Aber hier geht es zu wie beim Skat, was liegt, liegt. Deshalb noch mal die Erklärung dafür, wieso ich einerseits jeden Tag mit einem Esslöffel Birkendings beginne und beende und andererseits schimpfe, das wäre vielleicht alles unbewiesener Hokuspokus.

Es ärgert mich einfach manchmal maßlos, dass wir als Betroffene in dieser relativ hilflosen Position sind. Wir sind in einer Notlage, die uns seelisch ganz schön durch die Mangel dreht und mitnimmt. Und natürlich sind wir heiß auf alles mögliche, was uns helfen könnte, und haben ständig Angst, das falsche zu tun. Wir haben aber zum größten Teil nicht die Zeit, das Hintergrundwissen und die Möglichkeit, nachzuprüfen, ob das alles so stimmt, was man uns in bester Absicht rät. Egal, ob das nun Freunde, Zeitungsartikel, Ratgeberbücher oder irgendwelche Forenmitglieder tun. Wir wollen weder aufs falsche Pferd setzen noch das richtige Pferd entwischen lassen. Und dann kommt der Moment, in dem ich mir sage: Was solls, schaden wird es hoffentlich nicht. Und das ist ein Moment, in dem ich mich über mich selbst ärgere, denn der führt mir wieder vor Augen, wie hilflos ich bin. Und das ist ein Zustand, in dem ich sehr ungern bin.

Ich weiß auch nicht, warum ich mich nicht entspannen kann, einige Tipps annehmen und umsetzen und andere einfach lächelnd ignorieren und mich ansonsten voller Vertrauen in die Hände der alles entscheidenden Wahrscheinlichkeitstabelle geben. Aber ich arbeite darauf hin, versprochen.

(Vermutlich würde es hier aber weniger Kraut-und-Rübig zugehen, wenn mir blogger nur einen Eintrag täglich erlauben würde und ich nicht jeden Hirnpups sofort in den Äther schicken könnte. Und vermutlich würde es auch helfen, wenn ich nicht gerade sowieso den ganzen Tag lang unter Hochspannung stünde, weil der Dusselsdon nicht anruft und ich hier langsam den Lagerkoller bekomme.)

Beweise, wir brauchen Beweise

Es lässt mir ja doch keine Ruhe. Diese ganze wabernde Wolke, die das gesunde Leben ausmacht. Es tut mir leid, aber manchmal kommt in mir doch die Tochter eines Naturwissenschaftlers durch. Und die will Beweise, Studien mit einer dicken fetten Versuchspersonenzahl und eindeutigen Ergebnissen. Und da tut sich vieles schwer, was in dieser Wolke lebt. Ich habe auch das Gefühl, wenn es um das geht, was gesund ist, dann schreiben die Leute gerne voneinander ab und plappern nach, was sie aufgeschnappt haben. Neulich habe ich z.B. in einem der besseren Würmchenbücher gelesen: es ist ein Ammenmärchen, dass viele Paare, sobald sie sich von ihrem Kinderwunsch verabschiedet haben, plötzlich wider jede Hoffnung doch noch Kinder bekommen. Es gibt diese Fälle, ja, aber die haben auch einen derartigen Sensations- und Neuigkeitswert, dass sie über jedes Maß hinaus weitererzählt und verbreitet werden, bis es plötzlich so klingt, als würde das dauernd so passieren - ständig! Ich will gar nicht wissen, was solche Gerüchte mit Menschen machen, die sich entschlossen haben, es nun gut sein zu lassen, und die dann kein Kind mehr bekommen (vielleicht sogar in der leisen Hoffnung, auch ihnen würde so ein erwartetes unerwartetes Wunder passieren).

Oder Gemüse. Vor einer Weile las ich, dass es inzwischen zahlreiche Studien dazu gibt, wie Gemüse sich gegen das Gefressen-Werden schützt. Das tun ja viele Lebewesen in der freien Wildbahn gerne, manche rennen weg, andere beißen oder tarnen sich. Gemüse sieht da alt aus. Aber halt: es gibt eine Menge Gemüse, die roh angeblich toxische Substanzen enthalten. Und das sind nicht nur Brechbohnen, sondern auch andere Sorten, die gerne in gemischten Salaten landen und die man eigentlich nur selten essen sollte - oder nur gekocht. Ich habe das damals zum ersten Mal gehört und war erschrocken. Denn wenn das wahr ist, was ja immerhin sein kann, dann wird es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich auch diese Nachricht ausreichend verbreitet hat und nicht als Quatsch abgetan wird, denn wir alle wissen ja: rohes Gemüse ist gesund, je mehr davon, desto besser, und natürlich tut es auch der Fruchtbarkeit nur Gutes.

Fasten ist noch so eine Sache. Ich hab es selbst schon gemacht und mich hinterher toll gefühlt. Ich habe es auch schon gemacht und mich furchtbar gefühlt. Inzwischen habe ich gelesen, dass viele Ärzte sagen, sowas wie Schlacke gibt es gar nicht, Entschlacken ist also Quatsch.

Nun bin ich kein Arzt, und obwohl ich selten im Leben so viel Zeit hatte wie jetzt, habe ich diese Zeit doch schon wieder vollgeknallt mit tausend Erledigungen. Deshalb habe ich nicht genug Zeit, um mir all diese Studien mal anzusehen und zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Aber ich muss sagen: die Leichtigkeit, mit der viele Dinge in diesem diffusen Wissensfeld einfach mal so hingeschrieben und behauptet werden, die macht mir manchmal Angst. Die macht mir sogar im Moment mindestens genau so viel Angst wie Spritzen und Hormone. Ich finde, man sollte es genau wissen: egal, ob es um Tomaten, Loslassen, Yoga, Entschlackung oder Koffein geht.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin kein verbohrter Redneck, der einfach nicht einsehen will, dass er auf einiges verzichten muss, um ein Kind zu bekommen. Ich will es eben nur ein bisschen genauer wissen. (Und wenn jetzt jemand schreibt: so funktioniert nun mal Wissenschaft, der eine sagt dies, der andere das, finde dich damit ab - dann hat er vermutlich auch schon wieder Recht, Recht, Recht.)

Ich verstehe, dass es auch so etwas wie Intuition gibt, die keine Zahlen braucht. Ich verstehe, dass "sich besser fühlen" ein Wert an sich ist, egal, ob ich mich nun aus objektiv messbaren Gründen wohler fühle oder einfach nur so, weil ich denke, das Richtige zu tun. Und so kann es gut sein, dass die Weleda Birken-Entschlackungs-Kur am Ende doch noch was für mich tut, was sie auf dem Papier eigentlich gar nicht kann. Ich mache also weiter.
Aber es tut mir leid, wenn ich einigen von Euch mit dieser ewigen Leier langsam auf den Geist gehe, ich werde auch damit weitermachen, mich parallel in schönster Blog-Persönlichkeitsspaltung aufzuregen darüber, dass ich manchmal den Eindruck nicht loswerde, da tanzen gerade Gesundheit und Esoterik ein lustiges Tänzchen. (Mich aufzuregen, ist gerade meine bevorzugte Gemütshaltung. Ich bin kaum aufgestanden, ZACK, schon finde ich irgendwas, worüber ich mich aufregen kann. Und der Don hat immer noch nicht geschrieben, aber inzwischen weiß ich wenigstens aus sicherer Quelle, wieso, und es hat nichts mit mir zu tun.)

Seid nicht zu streng mit mir:
Auch Atheisten zünden ab und zu im Urlaub eine Kerze in der Kirche an.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Was soll denn die Nummer mit dem Sauerkrautsaft?

Wie, und jetzt plötzlich doch Entschlackung und Produkte von Weleda? Und das, wo ich erst so geschimpft habe?

Naja. Die Wahrheit ist, man kann nicht tagelang diese Bücher lesen, ohne dass was hängen bleibt. Nein, ich werde bestimmt nicht komplett auf Weizen und Fleisch verzichten, auch wenn Frau Prof. Gerhard sich das wünscht. Ich werde auch nicht meine Möbel umstellen, und ich werde auch nicht in Zukunft morgens statt schwarzem Tee "Brennesselkaffee" (wer auch immer sich den ausgedacht hat, dem wünsche ich mindestens eine danebengegangene angeblich farbneutrale Henna-Kur an den Hals) trinken. Aber ein bisschen kann ich ja mal tun, und nachdem ich noch vor ein paar Tagen über eine Fastenwoche nachgedacht habe, obwohl ich das eigentlich nie wieder tun wollte, sind Entschlackungstee, gesundes Essen, viel Gemüse und genug Schlaf vielleicht ja doch nicht zu viel verlangt. Ich mag es nur eben nicht, wenn man mir etwas wegnehmen will, woran ich hänge.

Der erste Nebeneffekt ist, dass ich schon jetzt - nachdem das Programm gerade mal seit 24 Stunden läuft und ich bisher weder vom Fleisch noch vom Alkohol oder vom Weizen losgekommen bin - in einer Wolke aus Selbstgefälligkeit durch die Straßen laufe. Ich sehe Leute in Autos vorbeifahren und denke "Jaja, das ist eine feine Kiste, aber sieh mich an, ich gehe zu Fuß! Und zwar bis in die Stadt! Und wenn ich dort fertig bin, dann laufe ich wieder zurück!" und ich sehe Kinder, die gerade ihr ganzes Taschengeld bei McDonalds gelassen habe, und denke mir "Schön schön, einen Glücks-Cheesie gibt es aus alter Tradition auch für mich wie nach jedem Klinikbesuch, aber ich entschlacke auch mit Birkenessenzen, die von Menschen geerntet und verarbeitet werden, deren Fernseher eine Bildschirmdiagonale von unter 50 cm hat! Ich darf das also!" Es fühlt sich gut an, in dieser Wolke unterwegs zu sein.

Die ersten Mauern sind also gefallen auf dem Weg, mich dazu zu kriegen, loszulassen, mich zu öffnen, ein feinerer Mensch zu werden oder sonstwas und am Ende allein schon aus Karma-Gerechtigkeit oder wasweißich schwanger zu werden. Aber ein paar Mauern werden niemals fallen. Niemals.

Inzwischen habe ich zum Beispiel eingesehen, dass es in meinem Leben manchmal Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre gibt, in denen ich nicht rauche. Trotzdem werde ich leider niemals wieder ein echter Nichtraucher werden, also ein Nie-wieder-Raucher. Mit Alkohol verhält es sich ähnlich. Ich weiß, dass ich zu viel trinke, jedenfalls nach medizinischen Richtlinien. Das heißt nicht, dass ich nicht manchmal mehrere Tage hintereinander meine Abende mit einer schönen Kanne Ingwertee verbringe und dabei überhaupt nichts vermisse. Ich konnte auch, wie die schwangeren Wochen gezeigt haben, 1a auskommen mit alkoholfreiem Hefeweizen. Aber ganz ohne, ohne dass ich schwanger oder vielleicht schwanger bin, nur um sicher zu sein, dass es diesmal auch ganz wirklich klappt - nein. Das wird nichts. Und das würde auch dafür sorgen, dass ich hinterher ernstlich beleidigt und noch viel enttäuschter bin, wenn es nicht klappt.
Koffein scheint auch ein Riesending zu sein, zumindest, wenn der Autor des Würmchenbuches aus den USA kommt. Aber es tut mir leid, es ist eins meiner liebsten Rituale, morgens eine Kanne schwarzen Tee zu kochen und mich im Schlafanzug an den Rechner zu setzen. Wenn ich das dann auch noch im Bett tun kann, dann ist das Glück perfekt. Und Glück soll doch auch wichtig sein?

Nur falls ihr euch fragt: der Don hat noch nicht geantwortet. Dieser Artikel erfüllt einzig und allein den Zweck, die Zeit zu überbrücken, bis die nächste Stunde voll ist und ich wieder in meine Mailbox gucken darf.

Und das HCG ist auch noch nicht unten. Verflixt. Noch mal da hin also. Die DS wird sich freuen: 8000 Schritte hat der einfache Weg.

Enttäuschende Entschlackungsergebnisse

Da pumpt man sich voll bis zum Kragen mit Entschlackungswundermitteln, und was passiert? Nichts. Überhaupt nichts. Woran liegt das denn nun wieder? Zu wenig Schlacke? Zu viel Schlacke? So viel Schlacke, dass das noch Wochen und Monate dauern kann, bis ich eines Tages gerade mal wieder gar nichts denke, und plötzlich fällt ein riesiger, rauchender Klumpen Schlacke aus mir raus?

Na gut, man muss vermutlich Geduld haben. Ich mache also weiter. Und gleich mache ich mich auf den Weg in die Klinik (zu Fuß, Danke, kleine DS) zum nächsten Bluttest. Ich hoffe, das war es dann erst mal und auch mein Blut hält mich nicht mehr für schwanger. Und wenn ich wiederkomme (wieder zu Fuß, heute nähern wir uns den 20.000 Schritten), dann gucke ich in meine Mailbox, ob der Don geantwortet hat. Nicht früher. (Nein, danke, ihr müsst mich nicht daran erinnern, dass ich den nächsten Liter Sauerkrautsaft erst nach meiner Rückkehr trinke.)