Montag, 1. Februar 2010

Post zwischen zwei Pischs

Ich liege im Bett und schreibe. Meine Beine und mein Gesicht sind immer noch ganz kalt, weil gerade Lilis erster Pisch des Tages unter meiner Ägide anstand (L. war um fünf schon mal mit ihr draußen, aber das habe ich glatt verpennt. Denn das ist eine der ersten Auswirkungen von Lilis Anwesenheit in unserem Haushalt: früher hätte es gereicht, wenn L. sich im Schlaf umdreht, und ich wäre wach gewesen und für eine Stunde nicht wieder eingeschlafen. Jetzt bin ich durch den strikten Zeitplan unserer Pinkelprinzessin ständig so müde, dass ich einschlafe, sobald mein Kopf das Kissen berührt, und erst wieder aufwache, wenn mich jemand an der Schulter schüttelt oder mir seine pelzige Schnute ins Ohr steckt. Eigentlich eine feine Sache.), aber ich habe Tee, meinen geliebten Rechner, meinen geliebten Hund und meinen geliebten L. mit seinem geliebten Kicker um mich herum, und die Welt kann meinetwegen genau so bleiben, wie sie ist. (Wird sie leider nur für kostbare 30 Minuten, Lili hatte gerade Frühstück, und so in einer halben Stunde stehe ich wieder frierend unten auf der Wiese im Schneematsch.)
Gestern haben eins der Mädchen und ich noch ein Mädchen auf dem Land besucht, wir sind vernünftig über Autobahn und Landstraßen durchs Schneegestöber gekrochen und dann zu dritt durch die Abenddämmerung spaziert. Da standen hübsche Häuschen in großen Gärten, durch die Fenster konnte man Bücherregale und gedeckte Tische sehen. Mit Hund kommt einem Landleben plötzlich gar nicht so schlecht vor.

In meinem Portemonnaie steckt mein neues Pillenrezept, nur für einen Monat. Nachher gehe ich los, löse es ein, und wer weiß? Vielleicht wird das ja meine letzte Pillenpackung für lange, lange Zeit. Denn wenn sie zu Ende ist, dann starten wir den nächsten Kryo-Versuch.

Sonntag, 31. Januar 2010

Die Neue in der Klasse

Hat jemand Verwendung für zwei Welpenbücher? Es scheint fast so, als bräuchten wir unsere nicht mehr. Denn jetzt ist wieder alles anders. Als ich gestern Lilis Lehrerin fragte, was wir denn falsch machen, dass unser Hund nach einer Woche immer noch dann und wann in die Wohnung pischert, erschallte überall um uns herum fröhliches Gelächter. "In meinem Welpenbuch steht, dass das vier bis fünf Tage dauert, und wir machen doch eigentlich alles richtig!" Neues Gelächter. Mit sehr viel Geduld in der Stimme erklärte mir die Lehrerin dann, dass vier bis fünf Wochen die realistischere Schätzung sind. Aha. Auch Sitz machen mit Hand auflegen ist verkehrt. Nicht nachhelfen, der Hund muss es selbst hinkriegen, um zu wissen, was gemeint ist! Stattdessen wird ein Leckerchen von ihrer Schnute Richtung Schwanz geführt, dann setzt sie sich von ganz alleine. Braver Hund. Anfangs dachte ich noch, Mäuschen, wieso hast Du nur von allen Welpen hier am meisten Schnee im Fell? Sie war tobig und auch für den größten Idioten klar als die Neue in der Klasse zu erkennen. Sie zerrte an der Leine, wand sich wie ein Aal und war kaum zu halten. Und eine Stunde später stehe ich fassungslos daneben, wie der Hund wenige Zentimeter von einem Stück Fleischwurst entfernt ruhig dasitzt und die Wurst nicht anrührt, bloß weil ich Nein gesagt habe. Gute Schule ist das. Leider nicht jeden Tag. Zum Abschied hat Lili noch eine Schultüte mit Leckerchen bekommen, und nächsten Samstag kommen wir wieder.

Freitag, 29. Januar 2010

Alles nicht so einfach.

L. hat ein Buch bei 2001 gekauft über Hundeerziehung, und weil es von allen unseren Büchern das freundlichste, netteste war, nämlich ohne "Schutzhundeprüfung", ohne Kopffleisch und ohne "Schussfestigkeit", haben wir uns sofort entschieden, dass dieses Buch nun der Leitfaden unserer Welpenerziehung wird. In diesem Buch steht, wenn der Hund Wasser getrunken hat oder geschlafen hat und aufgewacht ist, muss er nach draußen, Wasser lassen. Wir haben das beide jetzt ca. zehn mal gelesen und uns feste vorgenommen, alles richtig zu machen. Aber es ist alles nicht so einfach. Im Moment sind es draußen zwar mollige ca. zwei Grad unter null, aber das war in den letzten Tagen schon mal anders und wird auch ab morgen wieder anders sein, und all dieses Scheißwetter hat uns nicht davon abgehalten, jeden Tag (und jede Nacht) mehrere Stunden mit Lili draußen zu sein. Ich wache nachts um vier davon auf, dass sie komische knurpsende Geräusche macht, ich springe im Halbschlaf in Kleider und Stiefel, und zwei Minuten später stehen wir auf der Wiese wie ein denkbar zackiger Hunde-Feuerwehrmann, dem nur noch die Stange zum Runterrutschen fehlt. (Ich wär für die Stange. L.?). Nichts. Sie macht nichts. Ich denke mir, Geduld ist der Schlüssel, und stehe nachts um vier eine Stunde lang in der verschneiten Wiese. Wenige hundert Meter entfernt kühlt mein Bett langsam aus, und L. dreht sich noch mal um. Ich stehe, ich spiele, ich streichle, ich gehe auf und ab mit dem Satansbraten im Schlepptau, ich mach Pischi-Geräusche, ich spreche von Springbrunnen und Niagara-Fällen, sie macht nichts. Dann irgendwann denke ich: vielleicht hat das Tier nur schlecht geträumt! Kann ja immerhin sein! Und gehe mit von der Kälte steifen Gelenken nach Hause. Sie springt freudig vorweg. Dann kommen wir in die Wohnung, ich mache sie von der Leine, gebe ihr noch ein paar freundliche Worte mit, woraufhin sie sich lächelnd ins Wohnzimmer verzieht und eine dicke Wurst hinsetzt.

Ich glaube ja (ja. ich glaube fest daran.), dass das ein Zeichen ihrer besonderen Intelligenz ist. Sie hat einfach viel zu viel zu schnüffeln und zu tun da draußen, um sich um ihre Verdauung zu kümmern. Da waren hundert Hunde auf der Wiese, denen sie hinterherschnuffeln muss, sie muss Äste knabbern, Schnee verjagen, sich einen guten Romananfang überlegen. Wer denkt da an Pipi und A-A? Ich habe Verständnis und eine dicke Küchenrolle.

Ehrlich, ihr Mütter da draußen, Baby kann nicht viel schlimmer sein.

Neues Blogbaby

Ok, noch sieht das Baby reichlich beschissen aus, und ich habe auch erst zwei Rezepte gepostet, aber trotzdem kann ich hiermit verkünden, dass es nun noch einen Blog gibt, und zwar einen, der mit Kinderwunsch nicht das ALLERgeringste zu tun hat. Ich habe ihn Café Flora genannt, und wer will, findet ihn unter cafeflora.blogspot.com.

Für eins wäre ich euch allerdings sehr dankbar: tut mir den Gefallen und postet auf dem Fressblog keine Kommentare, die ihn mit diesem Blog in Verbindung bringen. Denn diese Abkürzungssache hier soll doch weiterhin unser Geheimnis bleiben. Ok?

Gestern Abend, beim Abheften meiner Klinikunterlagen

Wir werden jetzt nämlich erwachsen. Mit eigenem Rechner, mit selbständiger Steuernummer, mit Hund und Ehemann und jetzt auch mit Ordner für Steuerkram und Bankkram und Versicherungskram und Eierkram. Jedenfalls hatte ich alle Rechnungen und Rezepte und Verträge und Informationsblätter vor mir liegen, hab sie noch mal gut durchsortiert und festgestellt, dass der Papierstapel nach zwei IVFs und einer Kryo-Übertragung einen Zentimeter dick ist. Dann hab ich Löcher in all die Papiere gestanzt und sie abgeheftet. Nun kommen sie mir nicht mehr jedes Mal zwischen die Finger, wenn ich bloß eine Briefmarke suche oder meine TANs für die Bank. Aber aus irgend einem blöden, sentimentalen Grund hab ich es irgendwie nicht übers Herz gebracht, auch Löcher in die Therapiebögen zu stanzen. Dabei sind die so hundertmal gefaltet, zerknittert und durchgerockt - aber trotzdem haben sie als einzige eine Klarsichthülle spendiert bekommen. Eines Tages, wenn es geklappt hat, bekommen sie vielleicht sogar einen Bilderrahmen. Vorher ist es ganz gut, dass sie aus den Augen sind.

Damit zu den Standards:
Das Tier: Das Tier bekommt nun jeden Tag eine andere Aufgabe, und die braucht es auch dringend. Wie sich zeigt, ist Lili nicht damit ausgelastet, täglich ca. zwei Stunden spazieren zu gehen, jeden Ast auf dem Weg zu zerkauen, jeden Grashalm ausführlich zu beschnüffeln, sich mit jedem Passanten anzufreunden und mit jedem Hund zu spielen, vom Labrador bis zum Pekinesen. Da bleibt immer noch genug Energie übrig, um ein kleines Airedale-Kraftwerk aufzumachen, mit dem man halb Hamburg versorgen könnte. So lange die Technik noch nicht so weit ist, muss ich mir was anderes einfallen lassen. Gut. Heute ist der Tag, an dem sie lernt, nicht mehr an Frauchen zu knuspern. Halbherzig hab ich das auch schon in den letzten Tagen versucht, aber heute wird's ernst. "Gar nicht knuspern?" Nein, kein kleines bisschen. "Auch nicht an der Hand?" Nein. "Am Bein?" Nein. "Haare?" Njet.

Der Plan: Es sind schon eine Menge Striche auf der kleinen Leinwand neben meinem Bett. Jedenfalls mehr als 100/10 geteilt durch 12 Monate. Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich auch nichts anderes erwartet. Wichtig ist auch nicht, dass es mehr sind als am 1.Januar geplant. Viel wichtiger ist, dass es mit Sicherheit nur halb so viele (oder sogar noch weniger) sind wie in einem anderen Januar der letzten zehn Jahre. Vermutlich werde ich die 100 nicht schaffen. Aber noch werfe ich die Flinte nicht ins Korn. Ziel der Sache war, weniger zu trinken, und im Moment trinke und rauche ich wirklich viel weniger. Da sind immer noch Abende mit Mädchen oder Familie oder Kaminfeuer, die ich mir schlecht vorstellen könnte ohne lecker Cremant oder Rotwein. Aber da sind auch ganz viele Abende auf dem Sofa oder vorm Rechner, an denen es früher auch was zu trinken gegeben hätte, kistenweise Feierabendbierchen, die ich jetzt nicht trinke, sondern stattdessen die leckersten Tees, die ich auftreiben kann. Und das geht gut, ich fühle mich besser, kann mich besser konzentrieren und bin auch ein bisschen stolz. (Und soll ich euch mal erzählen, was für leckere Sachen man von den gesparten Alkohol-Kalorien essen kann an, sagen wir mal, einem eiskalten und ungemütlichen Donnerstagabend? Feine Sachen.)

Und dann hab ich noch einen Plan zu vermelden: Ich weiß, ich hatte mal einen Fortsetzungsroman als Blog angekündigt. Den plane ich immer noch, und jetzt, wo ich diesen wunderschönen neuen Rechner habe, bin ich motiviert wie lange nicht mehr. Aber ein anderer Plan hat sich vorgedrängelt: ich will mal all die losen Zettel mit Rezepten, die hier rumfliegen, sammeln und ganz blöd und stumpfig runterschreiben. Das wird nicht schick oder fancy, ich kann leider so tolle Sachen nicht wie die Delicious-Days-Frau (in meiner Blogroll), einfach nur Rezepte und manchmal eine kleine Geschichte dazu. Vermutlich noch nicht mal Fotos, oder Fotos dann nachgereicht, wenn ich das Rezept mal wieder koche. Wie ich den Blog nenne, weiß ich noch nicht, aber ich sag euch Bescheid, vermutlich heute noch.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Rosebud

Als ich elf war, bekam ich zu Weihnachten ein perlmuttfarbenes Mädchenrad mit rotem Lenker und rotem Sattel. Es war von Hercules, hieß "Varena" und war wunderschön. Ich konnte tagelang kaum Luft holen vor Freude und hätte niemals mit einem so großartigen Geschenk gerechnet. Ich war so glücklich, dass ich bei zehn Grad unter null mit dem Rad durch die vollkommen erfrorene Landschaft fahren musste. Dabei fühlte ich mich wie eine Königin beim Ausritt. Das Glück wurde noch nicht mal dadurch getrübt, dass sich später herausstellte, dass das gleiche Fahrrad das Fahrrad von Gabi der Pfote in der TKKG-Kinderserie war, und mich der Junge, in den ich kläglich und völlig umsonst verknallt war, wochenlang damit aufzog, ich hätte mein Rad aus einer Kinderserie, die gut zu finden so ziemlich das uncoolste war, was man als Elfjährige tun konnte. Es war zwar unangenehm, aber egal. So schön war das Rad.
Eines Tages, während ich kurz für meine Mutter Brot holte, guckte sie aus dem Fenster und sah, wie zwei assig aussehende Jungs um die zwanzig mein Fahrrad in einen Kleinbus warfen und damit abhauten. Ich kam mit einem Kastenweißbrot und einem Kommissbrot (ungeschnitten) zurück, es war weg, und ich hab es nie wieder gesehen.

Das Rad gehört trotz des traurigen Endes in die Liste der schönsten Dinge, die ich je besessen habe. Vielleicht nicht auf die Art schön, dass sie ins MOMA aufgenommen würden oder sich sonst irgendwer in Unkosten stürzen würde, um sie zu besitzen, aber für mich so schön, dass ich sie am liebsten als erstes sehen würde, wenn ich morgens aufwache, und das wochenlang. So schön, dass ich am liebsten sogar das Geschenkpapier in Ehren gehalten hätte. "Rosebud"-Gegenstände. (Kennt ihr den Film "Citizen Kane"? Hoffentlich ja? Jedenfalls handelt er vom Aufstieg eines Medienmannes, und am Ende, als er in seinem gewaltigen Palast als alter mächtiger Mann im Sterben liegt, murmelt er als letztes das Wort "Rosebud". Wer oder was ist Rosebud, eine Frau, mit der er mal zusammen war? Ein Schatz? Oder ein Codewort? Es stellt sich heraus, dass Rosebud ein Schlitten war, den er als kleiner Junge hatte. Mein letztes Wort wird zwar vermutlich nicht "Varena" sein, aber ich gebe ehrlich zu, dass ich noch oft an das Fahrrad gedacht habe.)
In die Liste gehören außerdem mein Wellensittich, eine Snoopy-Thermoskanne, die ich zwischen acht und zwölf hatte, mein erstes Taschenmesser, ein Luftkissenschlitten, der viel länger gehalten hat, als es irgendwer für möglich gehalten hätte, eine aufblasbare Riesenschildkröte, meine ersten eigenen Kerzenleuchter, ein paar Fotos und Bilder, ein paar schwarz-weiße Turnstiefelchen aus England, die Skimedaillen, die ich als Kind gewonnen habe, eine Locke von meinem ersten Hund, und im Moment bestimmt die kleine Lili.

Aber dieser Rechner hier, der gehört ganz sicher auch auf die Liste. Ich sitze seit fast zehn Jahren an Macs, und noch nie hat mir einer davon gehört, der nicht gebraucht und oll gewesen wäre. Entweder, sie gehörten meiner Firma, oder die Firma wollte sie nicht mehr haben und hat sie mir für hundert Euro gnädig überlassen, worauf sie bei mir nach ein paar Monaten schrecklichem Gegurke und Gemurkse auch gestorben sind. Dieser hier war neu. Ich bin in den Apple-Laden gegangen, habe gesagt "Ich möchte diesen Rechner da", habe eine Versicherung für ihn abgeschlossen, hatte keine Fragen mehr, wollte auch nicht beraten werden, und dann bin ich mit ihm durch die Kasse gegangen und hab ihn, Zack, einfach bezahlt. Nicht auf Raten und nicht mit irgendwelchen Papieren und Unterschriften. Jetzt gehört er mir. Höchstens L. darf noch dran, der sich aus irgend einem Grund in den Kopf gesetzt hat, jetzt zu lernen, Apps zu programmieren und damit reich zu werden. So lange die Arbeitsteilung ist "Flora überlegt sich, was ein Telefon in einer perfekten Welt alles könnte, und L. schlägt sich mit nerdigen Informatikbüchern rum und sitzt fluchend bis nachts um vier da, um dann festzustellen, dass das eine Scheißidee war", soll mir das Recht sein.

Der Rechner hat mir gerade mitgeteilt, dass es acht Stunden dauern würde, die Musik von meinem alten Rechner auf meinen neuen Rechner zu überspielen. Ja Sakra! Wieso kann ich mich nicht einfach mit einer "buena vista socialdings"-CD und ein bisschen Coldplay zufrieden geben wie andere Leute auch?

HACH JA. GUCKT MAl, jetzt bin ich zum ersten Mal auf die Capslock-Taste gekommen, und ihr wart dabei! Ruhig, Mäuschen, ich klick da nochmal drauf, und alles ist wieder gut, huffhuffhuff. Jedenfalls wollte ich eigentlich schreiben, vielleicht liest das ja eine und findet das albern: da sitze ich hier und kriege immer noch kein Kind, und stattdessen geht es hier nur noch um Rechner und Schlitten und Klamotten und Geld und Jobs. Das war so nicht abgemacht, war denn der Kinderwunsch nur eine Laune?

Nein, war er nicht. Aber das wäre wirklich ein jämmerliches Leben, in dem man nicht mehr normal bescheuert sein darf, nur weil der Unterleib leider nicht ganz normal ist.

Das ist aber auch wirklich ein besonders schöner Rechner. Lili, was meinst du? Findet sie auch.

Dienstag, 26. Januar 2010

Hier liegt eine und träumt im Halbschlaf den großen Konsumtraum

Das Geld von meinem letzten dicken Auftrag ist da, und nun ist der Moment gekommen: morgen hab ich ein paar Stunden hundefrei, dann gehe ich in die Stadt und kaufe mir endlich wieder was zum anziehen, worin ich nicht aussehe wie andere Leute zum Renovieren. Ich weiß, dass das ein derartiges Klischee ist, dieses "ich hab nichts anzuziehen", aber glaubt mir, ich hab wirklich nichts anzuziehen. Abgesehen von ca. acht wirklich schönen (wenn auch ein bisschen exaltierten) Ausgehkleidern, aber weil ich zu den bedauernswerten 99,9% der Bevölkerung gehöre, die sich nicht erst abends um sieben zum ersten Prosecco erheben, brauche ich auch tagsüber Kleider, und die habe ich nicht. Wenn nicht in den letzten Monaten L. ständig Jeans und Pullis ausgemustert hätte, würde es sogar noch erbärmlicher in meinem Kleiderschrank aussehen.

Vielleicht glaubt ihr mir das nicht. Dieses Misstrauen tut mir weh. Ich bitte darum eins der Berliner Mädchen, einen kurzen entsprechenden Kommentar zu hinterlassen, der bezeugt, dass man angesichts meiner Garderobe einfach keine Tränen mehr hat.

Aber viel wichtiger ist, dass ich mir morgen meinen neuen Mac leisten werde. Den ersten neuen Mac meines Lebens. Das ist ein großer Tag. Bisher hatte ich immer nur fünf Jahre alte gebrauchte mit angegilbgrauten Tasten, zwischen denen anderer Leute Schmodder (Krümel, Wimpern, Popel, Staubmäuse, aber die undefinierbaren Sachen waren am ekligsten) steckte. Kein Wunder, dass ich vor solchen ekligen Tastaturen so häufig zum Glas griff.

Diesen Eintrag schreibe ich auf L.s Rechner. Morgen gibt es noch mal unter Lebensgefahr einen letzten Post vom alten Dings. Und dann bricht eine neue Zeit an.

Und bis dahin will ich nur noch schlafen. Ich kann nicht mehr, der Hund allerdings schon. Die Umsiedelung nach Hamburg war ein Kulturschock. Gestern Abend war ich in Sorge, der Hund war angesichts der vielen Autos und Menschen und Hunde völlig von der Rolle und hat sich im Schlaf die halbe Nacht fiepend hin und her geworfen. Aber über Nacht hat sie beschlossen, dass das alles supi ist. Jetzt will sie von jedem Menschen, den wir auf der Straße treffen (und sei es aus 100 Metern Entfernung auf der anderen Straßenseite) geliebt werden. Sie wartet als kleines pelziges Empfangskomitee auf jeden Passanten, wirft sich ihnen entgegen, und wenn sie einfach weitergehen, dann dreht sie vor Kummer durch und will nur noch hinterher, bis das Schicksal ein Einsehen hat und jemand vorbeikommt, der zufällig in unsere Richtung muss. Klar bin ich stärker als sie, aber was ist damit, dass Welpen ihre Umgebung erschnüffeln und erkunden sollen, um ihren Charakter und ihre Intelligenz zu bilden? Ich kann doch so ein kleines Müffi nicht auf dem eiskalten Boden hinter mir herziehen wie eine böse Disney-Stiefmutter! Also nehme ich sie auf den Arm, wo sie versucht, meine Mütze zu fressen. Zum Glück ist meine Mütze wie alle meine Kleidungsstücke, siehe oben, alt und hässlich. Für einen Weg, den ich alleine in fünf Minuten zurücklege, brauchen wir zwanzig. Und zum Thema "Welpen müssen noch nicht so viel raus, zwanzig Minuten am Tag reichen dicke" würde ich gerne Prof. Dr.Lili in die Expertenrunde schicken, das hält sie nämlich für Quatsch. Ich überlege, ob ich sie morgen vor einen Schlitten spanne. Oder vor einen Schneepflug. (Überall im Land stecken die Menschen im Schnee fest, das Streusalz ist knapp, die Räumdienste überfordert. Aber niemand klingelt und fragt einfach mal bei uns freundlich um Hilfe. SOO schlimm kann es also wohl nicht sein!)

Eintrag von einer, die heute früh um sieben bei minus 12 Grad ihrer Nachbarin im Schlafanzug im Garten begegnet ist

Um Missverständnissen vorzubeugen: nein, der Hund bleibt nicht so klein, wenn sie groß ist, wird sie ein Airedale, und wie es aussieht, ein ziemlich riesiger, denn sie hat Pfoten wie ein junger Tiger. Im Moment ist sie allerdings noch ein Rauhhaardackel mit zu großen Füßen.

Und ich glaube immer noch fest daran, dass dieser Hund zu Großem berufen ist. In der ersten Nacht musste ich mit ihr um neun, um zehn, um halb drei, um halb vier, um fünf, um halb sechs und um sieben raus. In der zweiten Nacht um neun, um elf, um fünf, um sechs und um sieben. Und heute, in der dritten Nacht, um zehn, um elf, um viertel vor zwei (das war aber L.s Idee, nicht ihre), um viertel vor sieben (falscher Alarm) und um acht (wir können Haufen und Pischi vermelden. Feiner Hund.) Wenn das so weiter geht, dann habe ich sie in sechs Wochen so weit, dass sie mittags ihren dicken Spaziergang hat, morgens einen mitteldicken Spaziergang, dann um elf noch mal raus muss und mich ansonsten morgens und nachts schlafen lässt. Andere Hunde hat sie auch schon getroffen (liebt sie, sie umarmt sie immer sofort und gibt ihnen ein Küsschen und vergießt bittere Tränen beim Abschied), Autos (Hassliebe, manchen will sie hinterher, vor anderen hat sie Angst), Fahrräder (böse. Böses Fahrrad.) und andere Menschen (Freunde! Überall Freunde!). Ich weiß, dass junge Hunde erst mal ganz behutsam ihre nähere Umgebung kennen lernen sollen, aber so ist das eben in der Stadt, ich hab die Autos, Hunde, Menschen und Fahrräder nicht gerufen, die kommen einfach so. Wir fahren allerdings ganz bald, sobald sie hier wirklich glücklich zuhause ist, zu ihrem Zweitwohnsitz aufs Land, wo wir die ersten beiden Tage waren. Wozu hat der Hund schließlich ein Wochenendhaus?

Jetzt drängt sich natürlich endgültig die Frage auf, wieso? Ist der Hund mein Babyersatz? Habe ich aufgegeben, kann das aber noch nicht zugeben? Ich hab mir auch schon Gedanken gemacht, und ich glaube, ich kann bestimmt nicht behaupten, dass der Hund zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts, rein gar nichts, mit meinem verflixten Kinderwunsch zu tun hat. Natürlich ist es schön, etwas Kleines zum Kümmern zu haben, und auch sonst tut sie ständig Dinge, die man als "Salz in die Wunden streuen" bezeichnen könnte, wenn da Wunden wären. Sie jammert nachts ein bisschen im Schlaf, sie kommt angeschwänzelt und will gestreichelt werden, sie läuft mir überallhin hinterher, sie ist eben auch ein Baby, wenn auch eins mit reichlich viel Haaren auf dem Rücken. Aber ich bin immer noch ihr Frauchen und nicht ihre Mutti, eine Mutti hat sie nämlich schon, ich hab sie gesehen und gestreichelt, sie sah mir nicht ähnlich. Sie kriegt keinen Schnuller und keine Küsschen, und falls ich in den nächsten Jahren sterben sollte, wird sie auch nicht mein Alleinerbe.
Alle, die mich auch außerhalb des Blogs kennen, wissen, dass ich immer schon einen Hund wollte, auch zu Zeiten, als weder L. noch ein Kinderwunsch irgendwo am Horizont auszumachen waren, und auch schon zu Zeiten, als ich dachte, um schwanger zu werden, muss ich nur die Pille mal ein bisschen zu spät nehmen und im falschen Moment zu lässig sein. Manche Wünsche hat man jahrelang, und sie warten bis zu dem Moment, wo sie richtig gebraucht werden, und dann macht man das eben. Ich wollte auch immer schon mal in Italien leben oder in New York, und vielleicht passiert irgendwann irgend etwas, was dafür sorgt, dass ich es eines schönen Tages wirklich tue. Wenn es so weit ist, kann ich mir auch sagen, ach ja, es geht hier nicht um Italien, sondern um diese blöde Sache, die mir gerade passiert ist. Das ist ja nur ein Ausgleich! Dazu würde ich mir dann aber antworten, erstens: was heißt hier "nur", und zweitens: dieses neunmalkluge Psychogedeute ist mir pipikackegal, lass also stecken, Flora.
Jetzt hab ich also einen Hund, und das ist eine feine Sache. Ein Hund war Teil des Traums vom herrlichen Freiberuflerleben, der wahr geworden ist (wer weiß, vielleicht werden die Tage mit Laptop im Park oder das Mini-Büro mit Dachterrasse und einem Kühlschrank voller Rosé ja auch noch wahr?). Ich kann es kaum abwarten, bis sie groß ist und mit mir durch die Heide und den Schwarzwald wandert. Geplant ist eines fernen Tages auch eine Alpenüberquerung. Und am Ende - wenn alles noch besser läuft, als ich es mir jemals vorstellen kann - hat das Tierchen auch noch den "wenn man schon ein Kind adoptiert hat, klappt es plötzlich"-Effekt. Nicht das Wunder der ungespritzten Empfängnis, aber einfach ein bisschen mehr Glück beim nächsten Mal.

Wollen wir den Hund übrigens der Einfachheit halber Lili nennen?

Montag, 25. Januar 2010

Eigentlich fand ich das immer schlimm, wenn Leute sich Bilder von ihren Tieren zeigen, aber dieses Tier ist schließlich anders

So. Hier sehen wir den Hund, während er sich gerade nach einer anregenden Diskussion über die Frage "Ist Pop wirklich tot?" ausruht.



Hier entdeckt der Hund gerade etwas Neues, hat sich aber entschieden, sich mit voreiligen Kommentaren zurückzuhalten.




Hier denkt der Hund voller Trauer über die Frage nach, was das nur für Menschen sind, die einen unschuldigen Welpen zwingen, in so einer Welt aufzuwachsen.

Die kleine Universalgelehrte frisst gerade meine Kleidung

Ruhig, ruhig, nachher fahren wir nach Hause, und dann bekommt ihr Fotos, versprochen.
Ich bin immer noch schockverknallt. Bestimmt sagen das alle Frauchen, aber ich glaube wirklich, sie ist ein Glücksgriff. Wenn ihr Leben eines Tages verfilmt wird (wovon ja fest auszugehen ist),dann müßte in ihrem Kostüm schon einer der intelligentesten Hollywoodstars stecken, um ihrem Charakter und ihren Qualitäten gerecht zu werden. Ich denke da an Jodie Foster, Natalie Portman oder Sharon Stone. Laut vier verschiedenen Welpenbüchern, die sich ausnahmsweise einig sind, muss ein Welpe in den ersten Tagen noch gar nichts können außer vielleicht die ersten Lektionen von "gepinkelt wird draußen". Sie hat ihr letztes Teppichpipi gestern morgen gemacht, kommt auf Zuruf, weiß schon, das sie nicht an Kabel darf und hat sich so gut wie abgewöhnt, meine Haare zu fressen. Und seit heute morgen kann sie mit dem Schwanz wedeln. Und ich stehe nachts um vier auf, um sie rauszulassen, habe die Taschen voller Leckerchen, könnte durchgehend schlafen und kann mir noch nicht mal ansatzweise vorstellen, dass es da draußen Leute gibt, die ihr Wochenende in acht verschiedenen Clubs verbracht haben, aber ohne Welpen. Die spinnen doch! Das geht doch gar nicht!

Müffi, lass mein Halstuch los.