Donnerstag, 8. Juli 2010

Eine einzigartige Erfolgsstory geht zu Ende.

Wir erinnern uns: in den letzten Monaten hatte ich eine finanzielle Dürrephase zu durchleben. Und mit der finanziellen Dürre kommt die Dürre im Kleiderschrank. Irgendwann war es so weit, dass ich nur noch vollgekackte Turnschuhe hatte oder High Heels. Nichts dazwischen. Da war noch ein paar senffarbene, sehr bequeme nur-so-mittel-High Heels, aber von denen hatte Lili vorne die Troddeln abgenagt, so dass ich damit auch nicht mehr glänzen konnte. Dann kam der letzte Job und irgendwann auch das Geld dafür. Nicht so viel wie erhofft, aber immerhin. Für einen kleinen Teil dieses Geldes habe ich mir letzte Woche Donnerstag ein paar Ballerinas gekauft. Ich saß im Schuhgeschäft zwischen ca. 15 Paar Ballerinas, alle niedlich, alle nicht zu teuer, und habe ausprobiert, bei welchen man nicht zu viel von meinem langen Zehenansatz sieht und welche die bequemsten sind. Es gab ein Paar, das beiden Bedürfnissen gerecht wurde. Sie waren dunkelpuderrosa. Ich habe sie bezahlt und mit nach Hause genommen. Und Samstag zum Spiel habe ich sie eingeweiht. Mit den neuen Schuhen an den Füßen bin ich vom Haus zur UBahn gelaufen (fünf Minuten) und dann von der UBahn zu der Kneipe, in der wir zusammen das Spiel sehen wollten (noch mal fünf Minuten). In diesen zehn Minuten haben die leichten, bequemen, weichen Mädchenballerinas es geschafft, mir zwei fünf Millimeter tiefe Wunden in die Fersen zu graben, zwei meiner Zehen komplett zu enthäuten und den linken Ballen dazu. Ruckediku, Ruckediku, Blut ist im Schuh. Fragt mich nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Oder doch, fragt mich meinetwegen: ich bin barfuß gelaufen. Ich bin barfuß gelaufen nach einem Fußballspiel, und zwar quer über eine Public-Viewing-Fläche. Wie durch ein Wunder bin ich in nichts getreten. Wobei, bei näherer Überlegung, vielleicht bin ich auch in etwas getreten, aber der Schmerz an den Hacken, den Zehen und dem Ballen hat alles übertönt. Die einzigen Schuhe, die ich im Moment schmerzfrei tragen kann, sind die helltürkisfarbenen Crocs, die ich eigentlich mal für meine Schwiegermutter gekauft hatte. Ich meine körperlich schmerzfrei, innerlich leide ich natürlich wie ein Hund mit den Plastedingern an den Füßen.
Auch heute noch, fünf Tage nach dem Stapellauf der Ballerinas, gehe ich morgens den ersten Gang des Tages unter kleinen Schmerzensschreien die Treppe runter in die Küche. Denn über Nacht heilen die offenen Wunden an meinen Hacken immer leicht zu, und wenn ich dann eine Treppe laufe, dann reißt das wieder auf. Autsch, autsch, autsch.
Muss ich noch erwähnen, dass ich morgen früh zum Flughafen fahre, weil ich mit den Mädchen nach Paris fliege? Zu einem herrlichen Tussenwochenende? In die eleganteste Stadt der Welt? Meine verunstalteten Füße, die Crocs und ich? Denn die Ballerinas (die ich eigentlich für Paris gekauft hatte - der HOHN!) haben dafür gesorgt, dass sich all meine anderen Schuhe nun leider in Steh- und Sitzschuhe verwandelt haben. Und wir haben schon vor, uns in Paris zu Fuß vorwärtszubewegen.

Wie soll ich meine Gefühle angesichts dieses Wochenendes meinen Füßen gegenüber beschreiben? Gut, da sind die Schmerzen. Aber ich bin auch gekränkt, enttäuscht, wahnsinnig sauer. Was soll das? Noch nie in meinem Leben war ich gezwungen, Plastikschlappen zu tragen, warum denn jetzt?

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Gerade sitze ich in meinem Arbeitszimmer und hacke in die Tasten wie irre, weil das Buch doch fertig werden muss. Neben mir liegt Lili und knurpst an irgendwas herum. Und als ich mich kurz strecke und vom Bildschirm hochgucke, sehe ich auch, woran sie rumknurpst. Lili hat eben ungefähr ein Viertel von einem meiner nagelneuen Blutballerinas gefressen. Und nein, das geht nicht als Peeptoe durch. Jetzt liegen die Ballerinas im Müll. Irgendwie haben sie das wohl auch verdient. Nur liegen ein paar Zentimeter tiefer im gleichen Mülleimer, nur durch ein bisschen Kaffeesatz und einen Joghurtbecher davon getrennt, meine alten Ballerinas, die schönen, weichen, leichten Blochs, die mir noch nie eine Blase gemacht haben, die in jede Tasche passen für alle Fälle, und in denen ich drei Jahre lang wie auf Wolken durch Städte gelatscht bin. In einen der Blochs hat Lili vorne ein Loch gebissen, durch das zwei meiner Zehen geguckt haben. Ich konnte mich trotzdem nicht davon trennen. Bis heute morgen, als ich sie mit einem Seufzer in den Müll geworfen habe, weil ich dachte, ich hab ja jetzt neue.

Futsch ist Futsch.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Yinchen läuft zur Hochform auf.

Es gab dann Tabouleh (weil Beilage und Salat in einem), Knoblauch-Hühnchenflügel (weil vier Stunden vorher im Kühlschrank und dann nur noch im Ofen) und Crumble (weil Streusel in der Tiefkühltruhe, Beerenmischung aus dem Supermarkt minus einzeln rausgepulte Erdbeeren, die ich tiefgekühlt und wieder aufgetaut nicht ertrage) mit gekauftem Eis. Ich war eine Stunde in der Küche und eine Stunde Einkaufen. Und ich bin ohne Kopfgezucke eingeschlafen. Sollte DAS nun der erste Erfolg meiner Yin-Steigerungs-Behandlung sein?

Wenn eine Behandlungsmethode DAS hinkriegt, dass ich nicht mehr grübele und mich quäle, dann sollte so etwas wie ein Baby ja wohl pipieinfach sein.

Dienstag, 6. Juli 2010

ZACK! Arbeitsbienchen

In der letzten Staffel Stromberg sind so grauenhafte Dinge gesagt und getan worden, dass ich zwar unbedingt hinsehen wollte, aber nicht immer konnte. Es war nicht zum Aushalten! Und dann lief das auch noch kurz nach meinem Ausstieg aus meiner alten Firma, das heißt, ich war übersäht mit offenen Wunden wie ein Heiligenbild, und ich zuckte und ächzte mich durch die Folgen, weil fast alles, was da furchtbar war, so ähnlich auch schon mir passiert war oder Menschen, die ich kenne. Nicht ganz genau so und nicht genau so schlimm, aber irgendwie doch.

Um so merkwürdiger fühlt sich das an, jetzt Sehnsucht nach Büro zu haben. Nach einem Ort, in den man morgens aufbricht und den man abends hinter sich lässt und der den einzigen Zweck hat, dort zu arbeiten. Andere Menschen (wie z.B. L.) rufen einen da schon mal an. Dann freue ich mich, dass L. an mich gedacht hat, bin vielleicht kurz genervt, dass L. nicht weiß, wo sich sein eigener Kreuzschraubenzieher befindet, und lege nach drei Minuten auf, um zurück an meine Arbeit zu gehen. In meinem Büro klemmten zeitweise so viele Kippen zwischen Fenster und Rahmen, dass man das Fenster nicht mehr richtig schließen konnte. Außerdem konnte es schon mal passieren, dass Kippen in meinem Kaffee landeten. Der Kaffee war ein ganz eigenes Kapitel, im Grunde konnte ihm eine Kippe nicht viel anhaben. Auf meinem Tisch stand ein Telefon, und die dazugehörige Nummer hatten einige Kollegen, an die ich noch heute mit Zähnefletschen denke, an Kunden weitergegeben. An KUNDEN! Es kam also vor, dass das Telefon klingelte, und ein KUNDE! war dran und wollte irgend was, was mich gar nichts anging und auch nicht interessierte. Meistens waren die Lieblingsstifte aus oder weg oder gerade frisch bestellt. Vor den Fenstern der Firma versammelten sich im Sommer Hamburgs schlechteste Straßenmusiker. Der Fahrstuhl blieb oft stecken. Hach, wie ich das vermisse.

Denn jetzt sitze ich zwar hier in meiner herrlichen Bude im Grünen, aber niemand kapiert so recht, dass ich arbeite. Wie auch? Arbeit sieht bei mir so aus, dass ich in meinem Lieblingssessel sitze, den Rechner auf den Knien und Stöpsel im Ohr. Arbeiten sieht bei mir also aus wie Bloggen, Musik hören, Youtube gucken, Shoppen oder Emails schreiben. Das kapiert bisher weder L. noch der Hund. Einer von beiden kommt ständig an und stupst mich mit der Nase an oder zieht mit den Zähnen an meiner Hose. L. weiß immer noch nicht, wo sein Kreuzschraubenzieher ist, aber jetzt wird von mir mehr erwartet als ein kurz geknurrtes "Weißichdonnich". Jetzt soll ich sofort mitten im Satz den Rechner beiseite legen und suchen helfen. Und auf der Suche stößt L. noch auf drei von mir noch nicht geöffnete Briefe und will wissen, wieso ich meine Post nicht öffne. "Weil ich weiß, was da drin steht, die muss ich nicht öffnen. Das ist die Bestätigung für den Nachsendeantrag und zwei uralte Kreditkartenabrechnungen." Und dann geht's los. Wieso habe ich keine Ordnung in meinen Sachen? Weiß ich denn nicht, dass man Kreditkartenabrechnungen lesen muss? Dann müssen wir uns erst mal streiten, dann wieder vertragen, und dann irgendwann darf ich zurück in meinen Sessel zu meinem Rechner. Wo war ich gerade?

Montag, 5. Juli 2010

Kirmes in Sibirien

L. hat Freunde zum Essen eingeladen, die kommen morgen Abend. "Ich habe gesagt, wir die Getränke, ihr das Fleisch zum Grillen. Und wir machen nichts Großes. Aber dein Ehrgeiz* wird dich bestimmt packen, hmmm?"

Ja, genau, Schnuckelpups. Wie du mich so kennst, geht es nun nicht unter zwei Salaten, einer Beilage und einem Nachtisch ab. Das heißt, ich werde morgen anderthalb Stunden einkaufen, anderthalb Stunden in der Küche stehen (mindestens) und hinterher eine Stunde wieder aufräumen. Macht zusammen dreieinhalb Stunden. Dreieinhalb Stunden, in denen ich nicht arbeiten kann. Morgens um zehn bin ich zur Akupunktur. Da werde ich zehn Minuten warten und dann dreißig Minuten Nadelkissen spielen. Dazu kommt ein Hinweg von 40 Minuten und ein Rückweg von 40 Minuten. Auch das macht zwei Stunden. Nun sind es schon fünfeinhalb Stunden, in denen ich morgen nicht arbeiten kann. Und dann kommt der Besuch und bleibt hoffentlich lange, denn ich mag den Besuch sehr und freue mich auch schon, dass er kommt. Aber eigentlich war ich doch verknackt zu vier Wochen Arbeitslager - nein?

Dann ist das noch der Hund. Unser fröhliches Hundekind! Airedales sind eine Rasse, die viel Bewegung und Anregung braucht. Es ist nicht zu fassen, wie viel Energie in diesem schlaksigen Teddy steckt! Man müsste im Grunde stundenlang mit ihr durch den Wald rennen. Im Moment gehe ich erst mal auf Verdacht durch die Kleingartensiedlung, wo sie ständig in den Bach rein- und wieder rausspringen kann und dabei nicht Gefahr läuft, unter ein Auto zu rennen, und hoffe, dass wir einen Hund treffen, der lieber spielt, als einen angenagten Gummiball so stolz durch die Gegend zu tragen wie andere eine It-Bag. (Ganz zu schweigen von Hunden, die sich sowieso für alles zu fein sind. Püh!) Wenn wir so einen spielenden Hund treffen, und das auf beiden Spaziergängen, dann kann ich sie morgen schon mit anderthalb Stunden Gassi glücklich machen. Wenn nicht, habe ich trotzdem nur anderthalb Stunden für sie und damit ein schlechtes Gewissen. Merkt ihr was? Das sind nun schon sieben Stunden, in denen ich morgen nicht arbeiten kann. Und Abends wird gegrillt, juchhu, Feierabend!

Man könnte wahnsinnig werden.

Also gut. Ein Salat. Zum Nachtisch Eis. Und zwar gekauftes, meinetwegen mit heißen Himbeeren. Und als Beilage Baguette und ein paar ölige Schweinereien vom Türken. Das beschließe ich hiermit, und wenn ich morgen aufwache, dann steht dieser Entschluss hoffentlich noch.

Gut. Morgen wird ein Tag des Kampfes: ein Meter Kochbücher, aus denen überall Post-Its quellen, die Rezepte markieren, die ich schon immer unbedingt mal machen wollte an dem Sommerabend, an dem uns nette Leute besuchen kommen. Dagegen ein Laptop mit unnachahmlich vorwurfsvollem Blick. Koch-Ehrgeiz gegen Buch-Ehrgeiz. Und am Ende KANN ich nur mit schlechtem Gewissen einschlafen bzw. nicht einschlafen.

Na, wie haben wir das gemacht, L., meine Klatsche und ich?


*"Ehrgeiz" ist übrigens das falsche Wort in dem Zusammenhang. Es ist eher so, als hätte L. spontan entschieden, für morgen zwei niedliche Reitponys zu mieten, auf denen wir den ganzen Tag Spaß haben können. Oder als hätte er für Morgen als Überraschung eine Ruderpartie mit Picknick geplant. Mit anderen Worten, über Essen zu phantasieren, Einkaufszettel zu schreiben, Essen zu kaufen und dann zu kochen macht mir Spaß (ganz zu schweigen davon, es mit Besuch zusammen zu essen.) Aber genau die Sorte Spaß sollte man gerade von mir fernhalten wie den Schlüssel zum Weinkeller vom Alkoholiker.

Sonntag, 4. Juli 2010

Vom Blog zum Buch: Erste Erkenntnisse.

Hach, hätte ich das mal vorher gewusst, dass ein Buch ARBEIT macht, dann hätte ich mich selbstverständlich nicht drauf eingelassen! Nun haben wir den Salat.

Noch nie zuvor kam mir jedes noch so poplige Detail meiner Umgebung so dermaßen verlockend, irre interessant und aufmerksamkeitsheischend vor. Der Garten ruft "Komm, Flora! Schnippel an meinen Zweigen rum! Mäh meinen Rasen! Fahr vorher noch in vier verschiedene Baumärkte und guck dir Rasenmäher an! Oder beleg einen Kurs an der Volkshochschule im Mähen mit der Sense, Hm?" Die nagelneue und dementsprechend ziemlich saubere Komposttonne ruft "Flörchen! Erheb dich, nimm einen Schwamm und wiener mich blitzblank!" Das Garagentor will gestrichen werden. Die Bücher wollen gelesen werden. Die DVDs wollen geguckt werden. Das Sofa will plattgesessen werden. All die letzten Monate hab ich ihn meisterhaft ignoriert, aber jetzt fällt es mir unglaublich schwer, an dem Stapel vergilbter, ungelesener Zeit-Ausgaben vorbeizugehen. Alles, was sich außerhalb meines kleinen Was-weiß-ich-wieviel-Zoll-Laptopbildschirms abspielt, ist interessanter als das, was ich eigentlich so dringend tun muss. Nämlich weitermachen und sogar fertig werden mit dem Buch.

Der letzte Monat bis zur Abgabe läuft. Angst vor dem weißen Blatt Papier muss ich nicht haben, denn ich hab ja per Blog schon ca. zweitausend Blatt Papier vollgewurstet. Aber ich hab mir fest vorgenommen, dass das Buch nicht einfach nur aus ein paar Posts bestehen soll, die ich am Abend des 31. Juli nach einem Kneipenbummel kurz auswähle und an den Verlag schicke, plus natürlich den gründlich recherchierten und fachkundig aufbereiteten Informationen, die meine Co-Autorin dazu beisteuert. Ich will ja, dass auch die noch was Neues zu Lesen haben, die das hier schon immer getan haben. Ich will außerdem noch eine ganze Menge anderer Dinge. Ich will am Ende stolz sein können. Und ich will, dass das Buch mir auch in zwei Jahren noch gefällt. Ich will, ich will, ich will. Leider vergeht gerade mehr Zeit mit wollen als mit tun. Wenn man mal von dem ganzen Getue absieht, dass sich im Moment im Garten, in der Küche, an der Komposttonne usw. abspielt. Da bin ich aktiv, aber holla! Man sieht mich zweimal täglich auf den Balkon treten und Wäsche aufhängen oder abnehmen. Ich gehe mit Lili los und finde ganz neue Wege, es ist ja sa-gen-haft, wo man hier überall langspazieren kann. Stundenlang! Durch herrlichste Natur! Dann komme ich nach Hause, und da steht immer noch der Rechner und guckt mich ungefähr so an wie früher manchmal meine Mutter. Ich bin kurz davor, ihn zu fragen, ob irgendwas ist? Hast du was?

Na gut. Damit zu den ersten Erkenntnissen, die ich im Lauf dieser Blog-zum-Buch-Werdung gewonnen habe.

1. Das mit der Anonymität, das hast du dir mal so gedacht. Aber dann kommt es anders. Überleg dir also gut, ob diese kleine patzige Bemerkung über deine Tante, die Sticheleien gegen ehemalige Arbeitgeber und die Müffelei über die Familie wirklich sein müssen. Geh noch mal in dich und frage dich: ist dieses Verhältnis nicht in Wahrheit vor allem von Liebe und Verständnis geprägt? Alles andere sind nur kleine Turbulenzen, mehr harmlos und amüsant als schlimm? Könntest du das nicht alles in diesem Sinne umformulieren? Tu das und schlafe weiter gut. Oder werde erwachsen und lass es. Aber dann wird hinterher auch nicht gejammert, gell? (Ihr habt es hier mit einer Bloggerin zu tun, die sich schon schlaflos wälzt, wenn ihr einfällt, dass sie mal geschrieben hat, sie fände das doof, dass ihr Vater Adoptionen doof findet. Revolutionäre sind aus anderem Holz geschnitzt.)

2. Du denkst, die Ablenkung lauert vor allem in dem Moment, wo du von deinem Bildschirm hochguckst und siehst, dass du von einer bunten, sprühenden und lebendigen Welt umgeben bist, voller Möglichkeiten, Chancen und Fernbedienungen. Aber wenn Du einen Blog zum Buch machst, dann heißt das automatisch, dass du viel Zeit im Internet verbringst - nämlich mit deinem Blog. Das Internet war dein Freund, es hat dich einen Blog schreiben lassen, und jetzt wird ein Buch draus, yippieh - wenn du jetzt dafür kämpfst, dass das Internet dir diesen Traum nicht einfach wieder kaputt macht, indem es dich von der Arbeit abhält.

3. Du musst essen und schlafen und mit dem Hund gehen. Das ist unbestritten. Aber wenn du alles genau so machst wie bisher, nur dass noch das Buch dazukommt, musst du irgend etwas aus deinem Leben streichen. Ich bin bisher noch nicht drauf gekommen, was das sein könnte. Ich würde z.B. gerne Handarbeit aus meinem Leben streichen, aber die hatte darin bisher auch keinen Platz. Oder die regelmäßigen Bleaching-Termine, die ich nie hatte. Oder Schuhe putzen. Ich sage Bescheid, wenn mir etwas eingefallen ist.

4. Arbeiten im Park ist ein Mythos. Ameisen drohen, unter deinen Tasten zu verschwinden, die Sonne brennt auf den Bildschirm, du kannst nichts sehen, Idioten mit Fußbällen treffen dich entweder dauernd oder geben dir das Gefühl, gleich getroffen zu werden, und dann schläfst du plötzlich ein. Setz dich zuhause an den Schreibtisch, tu, was zu tun ist, und dann geh in den Park.

5. Wer auch immer behauptet hat, grüner Tee wäre das Wachmachgetränk der Stunde für alle, die sich konzentrieren und spät noch arbeiten wollen, der lügt oder hat andere Vorstellungen von Konzentration als ich. Meine Vorstellung schließt z.B. Angstschweiß, Panikanfälle und Herzrasen aus.

6. Überlasse es nicht deinem Co-Autoren, dich zu peitschen und zur Arbeit zu treiben. Dein Co-Autor ist nett, deshalb hast du dich ja entschieden, das hier mit ihm zu machen. Der wird dich weder peitschen noch treiben. Das musst du ganz alleine tun.

7. Drei Monate sind nicht lang. Drei Monate sind ein Witz von einer Frist, weil du zwei Monate davon mit andere Quatsch verbringen wirst, immer sanft geplagt von kleinen Gewissensbissen, die aber nie schmerzhaft genug werden, um sich ernsthaft dranzusetzen.

Damit weiter. Und ihr, Wäschekorb, Kommode, Kühlschrank und Bücherkarton, haltet die Klappe.

Samstag, 3. Juli 2010

Läuft.

Ihr denkt, das haben die Jungs toll gemacht. Haben sie auch, ganz bestimmt! Aber eigentlich, ganz eigentlich, haben wir das meiner Freundin Birthe zu verdanken. Denn jedes Mal, wenn Birthe aufs Klo geht, dann gibt's ein Tor. Und ich hab das genau beobachtet, wie sie heute selbstlos Liter um Liter Wasser in sich reingeschüttet hat. Und dann steht sie auf und verschwindet, und Rums...

Freitag, 2. Juli 2010

Höchste Zeit.

Einerseits finde ich, es könnte mal wieder losgehen. Es ist schon eine ziemliche Weile her, dass ich mir Spritzen in den Bauch gegeben habe, genauer gesagt war das letzten Sommer. Alles, was danach kam, waren Pleiten, Kryos und Kryo-Pleiten.

Andererseits habe ich es gerade so gut. Hatte ich das Haus erwähnt? Und den Hund? Und dass Sommer ist, habt ihr vermutlich inzwischen auch mitbekommen, oder? Ich mag meine Abende auf der Veranda, die Spaziergänge mit Lili, meine Arbeit, meine Freunde und überhaupt alles, was gerade passiert. Nächstes Wochenende wird ein Mädchenwochenende, und dann vergeht eine knappe Woche bis zu einer ganzen Mädchenwoche. Wir fahren zusammen ins Heidehäuschen. Die Finca oder das Wellness-Hotel möchte ich sehen, das gegen solche Herrlichkeit anstinken kann: Den ganzen Tag lang Mädchengeschnatter, Mädchenmusik, und wer hat Lust, sich die Fußnägel mit Glitzernagellack zu lackieren?
Haltet mich nicht für eine Kinderwunsch-Abtrünnige. Aber ein paar Wochen will ich davon noch. Noch ein bisschen WM, Schwimmen, kalten Wein, vielleicht auch das eine oder andere Flüppchen (ganz heimlich, damit die chinesischen Pillchen nichts davon merken), viel Mädchen und mir am Haus Blasen an die Finger schuften mit L. Und dann wird es auch wirklich wieder höchste Zeit.

(Beruhige dich mal wieder. Das dauert schon noch lange genug. Du wirst vermutlich noch mehr babyfreie Sommer, Schufterei mit und ohne L. und Mädchenherrlichkeit bekommen, als Dir lieb ist.)

Donnerstag, 1. Juli 2010

Eine ungeordnete Liste der Dinge, die ich in den letzten Wochen ANGEBLICH im Schlaf gesagt habe

1. Das Baby, das Baby.
2. Die Tiere sind versorgt.
3. Komm, kleine Ziege! Sei eine Giraffe!
4. Hmmmm, Rippchen.
5. Am liebsten Kartoffeln.
6. Mein Fahrrad fährt von alleine, wohin ich will.

Also, man kann nicht behaupten, dass der Kinderwunsch gerade über Gebühr viel Platz beansprucht in meinem Unterbewusstsein. Gut so, immer schön bewusst bleiben und raus damit! Nur hier nichts verstecken!

Damit auch schon genug für heute. Ich kriege Besuch in meinem grünen Traumhüttchen. Und Besuch im echten Leben geht vor Besuch im Internet, das versteht ihr hoffentlich?

Dienstag, 29. Juni 2010

Gute Zeiten, gute Zeiten

Ich hab ein bisschen Angst davor, vom Haus zu schreiben. Ok, ich hab es ja schon mal getan, und nicht nur einmal, aber gerade bin ich so rundum glücklich hier, kann kaum fassen, wie gut wir es haben, und will nicht klingen wie ein Angeber. In den letzten Wochen war ich manchmal ein bisschen melancholisch, die alte Bude hinter mir zu lassen. Das ist immerhin die Wohnung, in der L. mich gefragt hat, ob wir heiraten. Hier hab ich Striche auf die Küchentafel gemacht für jeden Tag, an dem ich schwanger war. Hier hab ich mir meine Spritzen gesetzt und Pasta gekocht, hier habe ich den Kühlschrank vollgeknallt und mich manchmal auch, hier kannte ich auch im Dunkeln jeden Lichtschalter und jede Steckdose, hier hab ich am Geräusch der Wohnungsschlüssel erkannt, welcher Nachbar gerade nach Hause kommt. Wenn eine so sentimental ist wie ich, dann wird daraus schon mal eine gepflegte kleine Melancholie. Wenn man dann noch alles dazunimmt, was die Stadt ist und hat und kann samt der Mädchen, die darin in Heimtorkelentfernung wohnen, dann kann einem aber auch schon mal anders werden.

Aber jetzt bin ich hier. Jetzt gerade sitze ich im Wintergarten (versteht ihr jetzt, wieso ich Angst hatte, das klingt nach Angeberei? Bin ich froh, dass ich zum Haus keinen Satz mit Wörtern wie "Hubschrauberlandeplatz" oder auch "Spabereich" bilden kann), neben mir steht das Schiebefenster offen, und eine warme Sommerbrise weht mir um die Nase. Vor dem Fenster blühen die niedlichen, kleinen Bauernrosen, die der alte Sack mal irgendwann in einem lichten Moment gepflanzt hat (oder seine japanische Frau). Vögel und Bäume und Bienchen und Libellen tun, was sie so tun. Ich trinke ein Glas eiskalten Vinho Verde, und der Hund hat sich schlafen gelegt, er ist nämlich müde, nachdem ich heute zwei Stunden lang mit ihm durchs Moor spaziert bin. Das Moor darf man sich nicht so vorstellen wie aus "Der Hund von Baskerville", sondern es ist ein heller, freundlicher Wald aus Birken und Kiefern mit vielen kleinen Wegen, die sich hier und da ins Grüne, Moosige schlängeln. Ich gehe mit dem Hund und pflücke Butterblumen. Manchmal ist es ein bisschen so, als wäre ich zurück aufs Land gezogen, wo ich aufgewachsen bin, nur ohne die Lateinstunden von Herrn Schulz, den Rosenkohl meiner Mutter, Zimmer aufräumen, Hausaufgaben, rhythmische Sportgymnastik, den grässlichen Dialekt und die vielen CDU-Wähler. Unser Haus ist rot mit weißen Fenstern (auch das gab es bei uns zuhause nicht), der Garten grün mit weißen Röschen, und das Leben ist ziemlich schön. Hab ich übrigens vom Sonntag erzählt? Als wir Fußball geguckt haben mit zwei kleinen Kindern, von denen eins jedes Mal anfing zu heulen, wenn ein Tor fiel, woraufhin wir nur noch im Flüsterton jubeln durften? Und es hat trotzdem geheult? So war das nämlich.
Nein, das Glück nimmt nicht so weit Überhand, dass ich mich jetzt schon vom Kinderwunsch verabschiede und es doch schöner ohne finde. Ich finde es gerade einfach nur schön. Ein Glück hab ich schon beim ersten Mal die Angst vorm Spritzen verloren, von Leidensdruck, der's "reintreibt", könnte diesmal keine Rede mehr sein.

Gut. Was kann ich schreiben, damit hier nicht der Neid ausbricht?
In Butterblumen wohnen kleine Tierchen. Das merkt man nie beim Pflücken, aber hinterher meistens.
Ich hab mir im idyllischen Moor eine Riesenblase gelaufen, und nun kann ich zum Einkaufen nichts anderes mehr tragen als helltürkisfarbene Crocs.
Im einzigen Café weit und breit wird der Cappuccino mit Sahne gemacht.
Der Hund riecht aus dem Mund.
Und dann hab ich noch Endometriose, verstopfte Eileiter, Zysten, Myome und bin 37. Ich ÄRMSTE!

Ach, Hundekind.

Ich glaube, das war irgendwann im Oktober, und ich war gerade dabei, irgendwas mit Knochen drin zu kochen. Und auch viele, viele Jahre, nachdem unser alter Familienhund tot ist, habe ich immer noch den Reflex, einen Knochen nicht in den Müll zu werfen, sondern mit meiner verlockendsten Stimme "Leckerlecker" zu rufen und den Knochen auf den Boden fallen zu lassen, wo er nie aufschlagen wird, weil inzwischen längst der Hund da ist und ihn Volley auffängt. Jedenfalls stand ich im Oktober am Herd und hatte wieder den Knochenimpuls, und da wusste ich auf einmal, dass ich wieder einen Hund haben will. Nicht als Ersatzkind! Auf gar keinen Fall! Schließlich ist das schlimmste kinderloseste Paar, das mir einfällt, meine Tante und mein Onkel, die ihre Dackel notfalls auch vergoldet hätten. Das waren Ersatzkinder, die wollte ich also nicht.

Aber ein Hund tröstet so schön. Er freut sich halbtot, wenn man nach Hause kommt. Er ist weich und warm und immer da. Er treibt uns bei jedem Wetter nach draußen, so dass es jedenfalls nicht an Frischluftmangel liegen kann, wenn wir zwischendrin mal schlapp und melancholisch sind. Und die Wahrheit ist, wenn ich schwanger geblieben wäre und im März ein Baby bekommen hätte, dann hätten wir den Teufel getan und uns im Januar Lili geholt. Obwohl ich finde, kleine Kinder und Hunde passen fabelhaft zusammen, wäre mir das zu viel gewesen. Ich hätte es nicht geschafft, täglich zwei-drei Stunden mit dem Hund durch die Natur zu laufen, sondern höchstens kleine Pinkelgänge, und dann hätten meine Schuldgefühle mich Tag und Nacht fertig gemacht und mich aus großen runden Hundeaugen traurig angestarrt. Wir haben also den Hund nicht als Kind, aber irgendwie doch auch ein bisschen, weil wir kein Kind haben. Und wenn ein Kind kommt, dann ist der Hund aus dem Gröbsten raus, mir ist der Spaziergang durch Lilis neue Wald-Hood in Fleisch und Blut übergegangen, und alles passt perfekt zusammen. Und dann ist da noch diese Sache mit den Hundebesitzern. Obwohl ich mir SICHER bin, dass wir Lili nicht wie ein Ersatzkind behandeln, halten andere Hundebesitzer das ganz anders. Wobei, falsch: für die ist der Hund Kind, Beruf und Religion noch gleich mit. Anfangs habe ich mich immer gefreut, wenn sich von Weitem im Park ein Mensch mit Hund nähert. Inzwischen denke ich: Hund, wie schön, aber Mensch, uäääch. Von 100 Hundebesitzern haben nämlich 70 eine Mission. Du denkst, sie führen den Hund aus. Dabei verbreiten sie eigentlich die frohe Botschaft von der Rohfütterung. Wusstet ihr, dass ein Hund nicht älter als sechs Jahre wird, wenn man ihm nicht täglich eine frische Matschepampe aus rohem Pansen, frisch zermahlenen Knochen, Distelöl und Sellerie zu fressen gibt? NOCH kann ich darauf antworten, dass meine Knochenmühle leider noch im Umzugskarton ist, aber ewig wird mich das auch nicht retten. Andere Hundebesitzer sind nicht nur FÜR Rohfütterung, sondern führen auch einen Feldzug gegen industriell zubereitetes Hundefutter. Das sind nämlich Verbrecher. Man öffnet eine Hundefutterdose, sieht Aspik und denkt "das ist aber viel Fleisch". Falsch, ganz falsch! Das Aspik, also der Glibber, kommt daher, dass im Hundefutter Autoreifen sind. Da staunt ihr, ich hab auch gestaunt! Dann gibt es noch die verschiedenen Hundeschulen. Im Grunde machen alle was falsch. Und du musst dann sehen, wie du mit der Todesmaschine, die da herangezogen wird, fertig wirst. Meine alte Hundschule war im Volkspark, also weit weg. Dazu konnten weder in meiner alten noch in meiner neuen Gegend die Hundebesitzer viel sagen, gut für mich. Trotzdem schwante mir manchmal Übles. Waaas, die Hunde spielen da zusammen? Ganz falsch. Waaaas, die arbeiten da noch mit Belohnung und Bestrafung? Oh Gott, wo soll man anfangen?

So trainiert mich Lili nicht nur darauf, dass ich jeden Tag mindestens drei mal in die Stiefel steige, die Jacke anziehe und da raus gehe und endlich zurück im Haus Sockenzerren, Verstecken und Wettrennen spiele, auch wenn mir gerade eigentlich mehr nach Lungern, Posten, Schlafen, Kochen oder Sterben wäre, sondern ganz nebenbei für die Zeiten, wenn ich irgendwann mal auf einer Spielplatzbank sitze, nichts Böses denke und gerade die Zeitung entfalten will, da nähert sich von weitem eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Dank Lili werde ich mich nicht zu früh freuen, sondern erst mal denken "Kinder, wie schön, aber Mutter, naja."