Samstag, 19. März 2011

Tag 2 der Fastenwoche, oder: nichts kann, alles muss.

Morgens wacht man auf und weiß schon bevor man die Augen geöffnet hat, heute ist irgendwas. Irgendwas Gutes. Dieses Gefühl, das Kinder bis zum Alter von ca. neun Jahren am 24. Dezember haben. Ich habe ca. dreißig Sekunden gebraucht, bis ich wusste: ich hab den ersten Fastentag überstanden ohne nennenswerte Einbrüche, was Motivation, Wohlbefinden und Laune betrifft, und wenn ich jetzt kurz einen innerlichen Check meiner wichtigsten Organe mache, dann scheint alles in Ordnung zu sein. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindelgefühl, kein Hunger, alles scheint bestens zu sein. Zwei Minuten später stehe ich auf dem Balkon und atme ein und aus, rudere dazu mit den Armen, berühre ein paar mal meine Zehen und erkläre damit den Fastenprogrammpunkt "Luftbad" für erledigt. Ich ziehe mich an, nehme das Tier an die Leine, und wir ziehen los. Vor dem Aufbruch packe ich mir sogar noch einen dicken Klumpen Geflügelfleischwurst in die Tasche, die ich auf dem Spaziergang neidlos an Lili verfüttere, wenn sie brav ist (also sitzt, kommt, wartet, nicht wieder am Herrchen ihres Lieblingsschäferhundes auf der ganzen Welt hochspringt und bleibt, wo ich sie absetze). Unterwegs habe ich einiges zu tun. Ich muss mich an frischen Knospen erfreuen, dem Gesang der Vögel lauschen, weiter ein- und ausatmen mit Betonung, "die Seele baumeln lassen" und sonst noch so einiges, das die Fastenbuchautoren von mir erwarten. Gut, gut, mache ich ja, und es ist auch alles halb so wild, weil ich mich sowieso schon ziemlich wohl fühle, wenn ich mit Hund und Gummistiefeln durch den Matsch laufen kann. Außerdem freue ich mich darauf, gleich zu duschen, mich abzubürsten und einzuölen mit dem guten Hauschka Arnika-Öl und mich im Bademantel mit Fastentee ins Bett zu kuscheln, um dort in aller Ruhe zu posten, zu googeln, zu mailen und so entspannt wie nix gegen mindestens vier Fastenbuchautorengebote zu verstoßen.
Aber auch L. reibt sich schon voller Vorfreude die Hände, und als ich endlich nach Hause komme, geht es los. Den ganzen Tag sind wir so dermaßen aktiv, dass es nur so kracht. Wie roden Bäume und tragen die Klötze ins Haus für einen Winter in drei Jahren. Wir reißen den widerlichen alten Laminatboden von den verkrusteten Dielen auf dem Boden und schneiden ihn klein genug, um in Kisten zu passen. Dann fahren wir die Kisten zum Recyclinghof. Ich fege das Haus, gehe einkaufen (Zitronen zum Auslutschen gegen Übersäuerung für mich, Hundefutter für Lili, und ca. drei Kilo Lebensmittel für den verfressenen L.), spaziere noch zwei mal ausführlich mit dem Hund und darf die ganze Zeit nichts essen. Nichts. Es gibt einen kleinen Löffel Honig am Vormittag und wieder die unnachahmliche Fastensuppe, abends auch 100 ml Saft mit viel Wasser verdünnt, aber das war es. L. indessen isst im Lauf des Tages acht Scheiben Toast mit Käse, ein ganzes Schlemmerfilet mit irgendwas tomatigem drauf, einen Topf Dinkelnudeln mit Ketchup und fünf Scheiben Vollkornbrot mit irgendwas, was ich gar nicht erst wissen will. Dann macht er sich zum Feierabend noch drei große fränkische Bierchen auf. Was soll er machen, Gartenarbeit macht hungrig? Ich protestiere zischendurch immer mal wieder, dass ich jetzt aber meinen Leberwickel (so eine Art nasse Wärmflasche) machen muss, dass ich jetzt Tee trinken und hohlwangig aus dem Fenster gucken oder meine Vorräte streicheln muss, aber L. will davon nichts hören und peitscht weiter ein. Und das erstaunliche ist, es geht. Ein paar mal fühle ich mich ein bisschen wie in zu dünner Luft, aber davon abgesehen überstehe ich den Tag ziemlich gut. Vermutlich besser, als wenn ich rumgesessen und aus dem Fenster gestarrt hätte. Einziger Tiefpunkt: L. und ich misten die Bücher vom Dachboden aus, und ich stoße dabei auf die vier Bände "Schwäbische Küche", "Österreichische Küche", "Tapas" und "Dr. Oetker Schulbackbuch". Ich sitze auf der staubigen Treppe habe so etwas wie eine Vision. Was hab ich nur getrieben, als ich noch essen durfte? Wie habe ich nur meine Zeit verschleudert? Wie konnte ich mich jemals mit einer Schüssel Smacks aufs Sofa setzen, wenn ich stattdessen Mutzenmandeln hätte backen können? Warum hab ich jemals Schlemmerfilet gegessen, wo ich doch genau so gut Kärntner Kaasnudeln oder auch mal selbstgemachte Spinatspätzle hätte machen können? All die Kuchen, die ich noch nie gebacken hab, und all die großartigen Rezepte, die schon vor zweihundert Jahren die Leute nicht nur satt, sondern auch noch glücklich gemacht haben... oje, ich war wirklich kurz vorm Heulen vor Rührung über all das gute Essen, das fürs Erste ungekocht bleiben muss. (Ja, ihr erinnert euch richtig, ich bin die, die schon mal bei der Miracoli-Werbung in Tränen ausgebrochen ist.)
Ach je. Man soll ja gute Vorsätze fassen während der Fastenwoche. Hier sind einige:
1. Ich will wieder mehr kochen. Das ist im neuen Haus ein bisschen eingeschlafen, weil ich so viel anderes zu tun hatte. Aber ich will mich wieder am Wochenende mit meinen Kochbüchern auf die Couch legen und jede Woche mindestens ein neues Rezept ausprobieren.
2. Ich will wieder mehr Vollkornbrot kaufen. (Vollkornnudeln oder Vollkornkuchen dagegen: niemals.)
3. Ich will Obstbäume im Garten pflanzen, außerdem Johannisbeersträucher und Heidelbeeren und Himbeeren im Wäldchen. Ich will mich um sie kümmern und versuchen, sie jedenfalls nicht absichtlich zu vernichten.
4. Ich will mindestens einmal pro Monat ins Theater gehen.
5. Ich will keine einzige intouch kaufen, bevor ich nicht meinen Zeitungsstapel aufgelesen habe.

Und Abends schaffe ich es noch nicht mal, lange genug für Pastewka wachzubleiben.

Tag 1 der Fastenwoche, oder meine Toilette hat 2.756 winzige blaue Fliesen.

Ich bin im Grunde ja selbst Schuld, warum kaufe ich überhaupt solche Bücher? Einmal fix durchgeblättert in der Buchhandlung, dann hätte klar sein müssen, dass auch dieses Fastenbuch wieder so ein Fastenbuch ist. So eins, in dem einfach behauptet wird, die Fastensuppe sei "köstlich" und man würde sie "genießen", während in Wahrheit die Fastensuppe schmeckt wie Spülbrühe und ich sie mir nur zur Hälfte reinzwängen kann, bis ich aufgebe und zur viel leckereren Alternative greife: ein bisschen Biogemüsesaft mit heißem Wasser aufgegossen. Ja, ihr habt richtig gelesen, diese läpprige, unattraktive Schüssel voll halbtransparenter Langeweile ist immer noch ungefähr fünfmal so gut wie die köstliche Fastensuppe, für die ich dazu auch noch mit Gemüse hantieren, es kleinschneiden und eine halbe Stunde kochen muss, nur um dann das Gemüse wegzuwerfen und das ungesalzene Kochwasser zu essen. Entschuldigung, zu genießen. Und auch in diesem Fastenbuch ist wieder dauernd die Rede von "unserer hektischen Zeit" und der "Rastlosigkeit", den bösen bösen elektronischen Geräten und davon, dass Rotwein eine ungesunde Angewohnheit ist. Liebe Fastenbuchautoren, wieder mal überschreitet ihr in einer Tour euren Kompetenzbereich. Wie lebe ich fünf Tage ohne Nahrung und mache daraus eine Erfahrung, die möglichst gewinnbringend für Geist und Körper ist? Wie schaffe ich das selbst als verfressendster Mensch der Welt, ohne durchzudrehen oder jemanden zu ermorden? Wo sind die Klippen und Untiefen, und wie umschiffe ich sie am besten? Womit muss ich während dieser Zeit rechnen, wie gehe ich damit um? DAS sind eure Hoheitsbereiche. Aus dem Rest meines Lebens lasst bitte, bitte eure Finger, es ist nämlich so: ich MAG meine elektronischen Geräte, und in unserer hektischen Zeit fühle ich mich auch ganz wohl.

Aber sonst ist noch alles gut. Wenige Minuten nach dem Ende des ersten Fastenposts begann es im Bauch verheißungsvoll zu gluckern, ich nahm mir eine Zeitung (nicht gut, s. "hektische Zeit") und verzog mich auf die Toilette, wo die Dinge ihren Lauf nahmen. Laut Fastenbuch soll man sich für ungefähr drei Stunden nicht zu weit von einer Toilette entfernen, weil man so lange so gut wie keine Kontrolle darüber hat, wann (empfindsame Gemüter erst einen Absatz später weiterlesen bitte) braunes, müffelndes Wasser in dicken Schwällen aus einem herausschießt.

Die erste Stunde habe ich mit der Zeitung zugebrahcht, die zweite mit einer anderen Zeitung auf dem Sofa fünf große Schritte vom Klo entfernt, die dritte wieder mit leicht verlängerter Leine einen Stock tiefer im Esszimmer. (Nicht um zu Essen, harr.) Dann dachte ich, nun ist es aber auch mal gut. Woraufhin ich noch zu mindestens fünf Zeitpunkten, zum letzten Mal abends um zehn, plötzlich mit vermutlich sehr bescheuertem Gesichtsausdruck mit Lili auf der Wiese, am anderen Ende des Gartens oder auf dem Dachboden stand und dann in hastigem Krebsgang es gerade noch schaffte. Ich habe an diesem ersten Tag schätzungsweise drei Stunden auf dem Klo zugebraucht. Und damit kann ich allen nur raten, die es mir nachmachen wollen: Auch, wenn das Fastenbuch sagt, das geht bei richtiger Organisation, lasst es bloß nicht drauf ankommen. Geht am ersten Fastentag nicht arbeiten.

Donnerstag, 17. März 2011

Hab ich gesagt, der Bauch ist blöd? War nicht so gemeint. Guter Bauch.

Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, mich mit meinem Körper anzulegen, jetzt ist der Zeitpunkt für Harmoniiiiiiiiiiie.
Denn gerade, als ich mit Lili auf der Wiese stand, klingelte plötzlich mein Telefon, meine Ärztin war dran, und es ist scheinbar kein Problem, die Stimulation doch noch eine Woche nach hinten zu schieben. Warum? Wieso vorher nicht? Ich weiß es nicht, aber ich bin froh, und sie wünscht mir viel Spaß beim Fasten. Das ist doch großartig! Genau so großartig wie die Aussicht auf ein Cousinchentreffen genau wie geplant und einen Geburtstag zwar mit Gonal, aber noch ohne Ovitrelle.

Schade nur, dass ich gestern auf dem Heimweg aus der Agentur noch für ca. 40 Euro leckeren Frühstückskram für die nächsten Tage eingekauft habe und sich nun der gefräßige L. mit meinen Räucherforellen, meinem Appenzeller, meinem San-Daniele-Schinken und meiner englischen Marmelade mästen wird. Und schade, dass ich gestern Abend auf der Couch noch zwei Glas Rotwein hatte, das ist eigentlich am Entlastungstag nicht vorgesehen - aber gestern wusste ich ja nicht, dass es ein Entlastungstag ist. Gut dagegen, dass ich gestern den ganzen Tag keinen Fitzel Fleisch oder Fisch zu mir genommen habe, das soll angeblich schlimmer sein als Alkohol. Und sowieso könnte mich nichts, was ich gestern getan hätte, davon abhalten, jetzt das zu tun, was ich tue:

Ich liege im Bett, den Rechner auf den Knien und neben mir das Dicke-Damen-Gedeck. Ein großes Bierglas voll in lauwarmem Wasser aufgelösten FX Passage-Salzes (die nur fast genauso widerliche Schwester von Glaubersalz), einen weißen, von Mönchen hergestellten Krug mit starkem Pfefferminztee und ein Schälchen Zitronenschnitze, um gegen den FX-Geschmack anzukämpfen. Ein Drittel habe ich schon geschluckt, der Rest folgt innerhalb der nächsten zwanzig Minuten. (Beim ersten und zweiten Mal habe ich es noch runtergeschüttet wie einen Cocktail aus dem Dschungelcamp, aber wenn man Pech hat, kommt es dann sofort wieder hoch.) In den nächsten Tagen werde ich versuchen, eine zu sein, die ich sonst nicht bin. Ich werde mich mit hölzernen Bürsten bürsten, mich kalt abduschen, Teetassen mit beiden Händen halten und dabei hohlwangig aus dem Fenster gucken, auf meine Atmung achten, mich an irgendwelchen Leistungen der Natur erfreuen statt an einem schönen Teller Pasta mit Trüffelöl, und auf diese Weise in einer Woche glücklicher, ausgeglichener, gesünder und vor allem viel, viel dünner aus diesem esoterischen Tunnel kommen. Ich find's spannend. Wenn es euch anders geht, dann schaltet euch nächsten Mittwoch wieder zu, wenn ich das alles hinter mir habe und einen Tag vor meiner ersten Gonal stehe.

Dienstag, 15. März 2011

Ein Bauch sieht rot.

Inzwischen würde es mich kaum noch wundern, wenn eines Tages wirklich zwei-drei Kinder aus meinem Bauch quellen, sie wären nicht die erste Überraschung, die er für mich ausbrütet. Vermutlich in dem Moment, in dem ich beschlossen habe, ohne Blagen zurechtzukommen und einen 1a Plan für den Rest meines Lebens gerade in trockenen Tüchern habe. Ha.
Eigentlich sollte ich nächste Woche Freitag anfangen, Gonal zu spritzen. Vielleicht sogar noch ein bisschen später. Ich habe immer wieder meinen Kalender durchgeblättert (seit ich Freiberuflerin bin, habe ich eine plötzlich so einen gruseligen, analfixierten Spaß daran, Termine einzutragen und nachzuschlagen; es ist so eine Art Selbsttäuschungsmanöver, um mich davon abzulenken, dass ich sonst immer noch genau so chaotisch und unordentlich bin, als hätte ich einen Stab von Assistenten, die hinter mir herräumen und alles in Ordnung bringen, was ich verbammele) und nachgezählt, wie lange noch bis zur Punktion und bis zur Rückübertragung, und wie fein das alles auf meine Pläne in den nächsten Wochen abgestimmt ist. Da waren die Termine, schön sauber in der Mitte zwischen Geburtstagsparty, Familientreffen (das wir seit inzwischen zwei Jahren planen, verschieben, neu planen und wieder verschieben) und verschiedenen Präsentationen im Job. Alles war gut, alles war ordentlich.
Gestern morgen bin ich aufgestanden und hatte meine Tage. Erst nur ein bisschen, inzwischen blute ich wie ein Schwein und krümme mich wie ein Shrimp. Ich habe meine Klinik angerufen und um Rückruf gebeten, eigentlich sollte das nicht sein, wozu spritze ich mir denn Enantone in den Bauch wie eine Große?
Heute nachmittag kam der Rückruf, und jetzt fangen wir übermorgen an zu spritzen. Ich hatte noch keinen Termin beim Chinamann, ich hab andere Sachen vor, zum Beispiel meine blöde Fastenwoche (never ending sto-hory, ahaha, ahaha, ahaha), die ich jetzt vergessen kann, denn Fasten als Vorbereitung auf IVF: wunderbar, aber Fasten während Stimulation, eher nicht. Alles ist futsch. Zwar werde ich zu meiner Geburtstagsparty noch keinen Braten in der Röhre haben, aber trotzdem werde ich in meinen Aktivitäten von einem Medizinballbauch voller Eisprünge etwas gebremst sein. Das Familientreffen, das meine Cousinen mit Mettbrötchenessen, Altbiertrinken und Radfahren im Münsterland liebevoll, feinfühlig und treffsicher auf meine Bedürfnisse zugeschnitten hatten, wird natürlich genau so stattfinden, nur dass ich weder beim Mettbrötchenessen noch beim Altbier oder beim Radfahren dabei sein werde, denn bis dahin werden die Würmchen drin sein. Verdammte Axt. Und zusätzlich zu all dem darf ich mich nun auf Jobstress mit Hormonstress obendrauf freuen.

Hab ich mal geschrieben, dass diese ganze IVF eigentlich gut zu machen ist? Das war Blödsinn. Ich will Mettbrötchen.

Samstag, 12. März 2011

Japaner unter den Opfern

Ich will gar nicht viel schreiben, ich muss Nachrichten gucken und nachdenken und traurig sein. Aber eine Sache treibt mich um: was soll das eigentlich immer mit den "Deutschen unter den Opfern"? Man könnte ja denken, dann müssen sich die Zuschauer/Leser, die jemanden kennen, der gerade in Japan ist, keine Sorgen machen. Ich glaube aber, damit hat es nur zu einem klitzekleinen Teil zu tun, und meistens erfahren Angehörige und Freunde ohnehin nicht aus dem Fernsehen, dass jemand, der ihnen wichtig ist, nun tot ist. Und ich fürchte, es hat unfassbarerweise etwas zu tun mit "Ja dann? Traurig, klar, aber doch nicht GANZ so schlimm wie befürchtet."

Ich stelle mir vor, ich stehe in Tokio in einer Bar und starre auf einen CNN-Bildschirm, auf dem zu sehen ist, wie halb Deutschland ertrinkt, verbrennt, zerquetscht und verstrahlt wird. Und die Moderatorin verkündet uns, dass Gott sei Dank keine Japaner unter den Opfern sind.

Donnerstag, 10. März 2011

Der erste Schritt auf den Abgrund zu, auf dessen Grund ich besoffen, dick und gleichzeitig magersüchtig in der intouch bin

Jemand will ein Interview von meiner Coautorin Simone und mir. Unser erstes! Zum Glück muss ich nirgendwo hinfahren, um mich zu blamieren, sondern darf zuhause geschützt an meinem Rechner sitzen und mir gründlich überlegen, was ich auf die Fragen antworte.

Bei näherer Überlegung hätte ich das vielleicht nicht verraten sollen, denn dann hätte ich, falls das alles sehr peinlich wird oder jemandem in den falschen Hals gerät, immer noch behaupten können, dass man in der enorm adrenalingeschwängerten (Harrrrr) Interviewsituation schnell mal was sagt, was sich hinterher als blöd oder missverständlich erweist. Zu spät, schon ist es aus mir herausgeplatzt, und das, obwohl ich diesen Post nicht vor laufendem Diktiergerät zusammenstammele, sondern zuhause im Schutz meines Arbeitszimmers schreibe!

Eieieiei. Ich seh schwarz für dieses Interview und möchte an dieser Stelle der Dame von der Presse schon mal ans Herz legen, sich ein paar nette und ungefährlichere Alternativthemen zu überlegen, falls ich es vergeige. Hier ein paar Vorschläge:
- die ersten Enten des Jahres, die unter Polizeischutz die Straße überqueren.
- irgendwas mit dem Fluch der Inkas, Pharaonen oder des Bermudadreiecks.
- ein Bericht über eine Hundertjährige.
- was ist eigentlich aus Octomum geworden?
- Mallorca. Ahnt man ja nicht, was sich da alles im Hinterland verbirgt, im Grunde eine TOTAL schöne Insel!
- etwas mit den Ochsenknecht-Blagen, Krischan-Sindbad oder wie heißt der eine? Ach nein, das hat Max Goldt sich ausgedacht.
- die Ananas-Diät.

Dienstag, 8. März 2011

Und falls das mit dem Baby nichts wird: mein Traumhotel.

Immer, wenn L. und ich durch irgend eine Hauptstadt latschen (was bisher unsere einzige Art ist, Urlaub zu machen, vielleicht kommen ja irgendwann noch Nordseeurlaube oder mal eine gemietete Hütte dazu, aber bis dahin:), dann kommen wir jedes Mal früher oder später beim latschen und schwadronieren darauf, wie ein Hotel aussähe, das wir aufmachen würden.

Einige Dinge, die es in unserem Hotel nicht gäbe.
Ich habe in meinem Leben noch nie auf Qype oder sonstwo Leute vor Hotels oder Restaurants gewarnt. Ich beschwere mich auch nicht beim Manager. Ich lächle freundlich, gehe und komme nie wieder, und wenn mich jemand fragt, ob man da hinfahren soll, dann sage ich nein. Einerseits ist das so, weil ich feige und konfliktscheu bin, andererseits deshalb, weil die Dinge, die mich stören, ganz oft mit Problemen zu tun haben, bei denen man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Für ein Verständnis dessen, was Leute brauchen, um sich wohl zu fühlen, das sich grundlegend von meinem unterscheidet.

Also gut.
In meinem Hotel gäbe es keinen lackierten Beton. Nicht als Boden, nicht als Sitzbank und schon gar nicht als Kopfstütze. Wer will an seinem ersten Urlaubstag aufwachen und seinen Kopf auf Beton kuscheln? Ich nicht. Ich finde das nicht schick, das ist bloß so ein billiger Trick phantasieloser Innenarchitekten, so wie bei denen, die alles weiß machen, nur schlimmer. Vermutlich sollen die Landeier merken, dass sie jetzt in der Stadt sind, und weich ist spießig. Aber bevor ich geduscht habe, bin ich gerne spießig. Ich lese gerne eine altmodische Zeitung, trinke schwarzen Tee mit Milch und höre Musik, die ich schon kenne.

In meinem Hotel gäbe es außerdem nicht zu viel Corporate Identity. Es ist völlig in Ordnung, wenn das Hotellogo oder der Hotelname auf dem Geschirr und auf den Handtüchern ist. Aber es ist nicht ok, wenn die Angestellten angezogen sein müssen wie Promoter aus der Fußgängerzone.

Es gäbe kein kompliziertes Beleuchtungssystem, das man nur ausschalten kann, indem man die Schlüsselkarte aus dem Schlüsselkartendings zieht.

Bei näherem Nachdenken gäbe es auch keine Schlüsselkarte, ich bin bestimmt schon zehnmal im Leben mitten in der Nacht mit wunden Füßen runter an die Rezeption gelaufen, weil die blöde Karte nicht funktioniert hat. Was ist so falsch an Schlüsseln?

Es gäbe keine Zimmermädchen, die ein Zimmer schon vor elf dreimal betreten haben, egal, ob man "Nein" oder "Besetzt" oder "Draußen bleiben" ruft.

Es gäbe keine Lichtschranke in der Minibar, die behauptet, ich hätte ein Snickers gegessen, wenn ich in Wahrheit nur ein Snickers angeguckt habe.

Es gäbe keinen Schnickschnack wie Schuhputzsets, Conditioner, Fußdeo, Klappzahnbürsten usw. Es gäbe allerdings die Möglichkeit, solche Sachen an der Rezeption zu bekommen, wenn ich sie vergessen haben sollte.

Es gäbe keinen Radiowecker, keine Ipod-Docking-Station, keinen DVD-Player, keinen Toaster und kein Bügeleisen. Es gäbe aber einen Fön, und zwar einen, der auch kalt kann.

Einige andere Dinge, die es in meinem Hotel gäbe.

Zur Begrüßung eine Flasche guten Prosecco rosé, die niemand bezahlen müsste. Meinetwegen (L. hat ja auch was mitzureden) würde ich den Preis sowieso mit in die Übernachtung einrichten. Es wäre einfach sensationell nett, man würde sich willkommen fühlen, wenn man nicht 20 Euro für etwas bezahlen müsste, was, wie jeder weiß, im Einkauf nur fünf Euro kostet. Und ich würde in das Prosecco-Hotel immer wieder fahren, in das 20-Euro-Hotel wohl nicht.

Nachdem ein Hotel vor allem eine Möglichkeit ist, in der Fremde zu schlafen, würde ich dafür sorgen, dass die Leute schlafen können. Ich würde ihnen die Möglichkeit geben, das Zimmer komplett zu verdunkeln, sie könnten die Temperatur im Zimmer selbst bestimmen, und ich würde niemals jemanden zum Saubermachen vorbeischicken, bevor es mittag ist.

Es gäbe Abends ein schönes, unkompliziertes Essen an einem langen Tisch, im Sommer draußen, für alle, die sich am Morgen dafür anmelden, plus für vielleicht fünf Leute, die es sich spontan noch überlegen. (Ich gebe es zu, das ist nur eine Ausrede dafür, endlich täglich Sophia-Loren-artig mit einer Schürze und unordentlicher Frisur am Herd zu stehen und in einem riesigen Pastatopf zu rühren, während im Radio eine Arie läuft.) Am Wochenende würde ich Kuchen backen, den es zum Frühstück gibt.

A propos: es würde Frühstück bis Mittag geben. Wer will im Urlaub um halb neun aufstehen, um wenigstens noch die letzten verschrumpelten Käsescheiben und das doofe Brot abzukriegen? Und zum Frühstück gäbe es ordentliche Zeitungen. Und es gäbe Pfannekuchen.

Es gäbe frische Blümchen auf dem Zimmer, einen Apfel auf dem Kopfkissen und Wasser umsonst. Eine Flasche Wasser kostet niemals mehr als 70 Cent, angenommen, die Gäste würden ihre Tage in meinem Hotel damit verbringen, so viel Wasser in sich reinzuquetschen, wie es nur geht, wie teuer könnte das werden?

Es gäbe genug Kleiderbügel. (Warum sind das immer nur fünf? Warum? Sind die so teuer? Werden die immer geklaut?)

Es gäbe eine Möglichkeit, den Koffer so verschwinden zu lassen, dass man ihn nicht sieht. Wer will denn die ganze Zeit auf einen Koffer und damit auf die Heimreise starren, wenn er im Urlaub ist?

Es gäbe Fotos von früheren Hotelgästen in den Zimmern, wenn die früheren Hotelgäste das wollten.

Es gäbe Wärmflaschen, und es gäbe Kaffee und Tee morgens auf dem Zimmer, angeliefert in kleinen Thermoskannen, die vor der Tür stehen würden, und die Zimmermädchen würden dazu kleine Briefchen unter der Tür durchschieben.

Es gäbe einen Schuhputzservice, für den man seine Schuhe einfach nur vor die Tür stellen müsste.

Es gäbe einen Hund, den man sich leihen könnte, um durch die Stadt bummeln zu können und dabei von den Touristen für einen Einheimischen gehalten zu werden.

Es gäbe Fahrräder, die man sich kostenlos leihen könnte.

Es gäbe ein kleines Häuschen auf dem Dach, in dem die Sauna wäre.

Es gäbe einen Kamin im Frühstücksraum. Der übrigens nicht nur ein Frühstücksraum wäre, sondern auch ein Abends-Weintrink-Raum.

Es gäbe jeden Freitag und Samstag eine kleine, aber feine Party für Freunde des Hauses, Gäste und Freunde der Gäste.


Ein Glück träume ich diesen Traum mit L.
Allein wäre ich pleite, bevor ich auch nur eröffnet hätte.

Aufgeregt? Come on.

Nach der natürlichen Ordnung eines Befruchtungsblogs gehört hierhin jetzt eine entnervte Schilderung, wie übel mich die Enantone vom letzten Freitag erwischt hat. Hat sie nämlich. Die Nebenwirkungen, die sich kurz vor der Bauchspiegelung langsam verzogen haben, sind von heute auf morgen wieder da. Unabhängig von den sicherlich vollauf gerechtfertigten Versprechen auf meinen drei Shampooflaschen habe ich gerade Haare wie eine Badekappe. Außerdem eine ganze Latte an Zipperlein von Kopf bis Fuß. Es juckt und zwickt überall, und wie immer hat sich pünktlich in dem Moment, in dem ich mir überlege, morgen den Tag mit einem flotten Trab um den Park zu beginnen, ein Körperteil entschieden, dagegen zu sein: ohne erkennbaren Anlass (außer der Enantone) tut mein linker Fuß ungefähr so weh, als hätte eine Dame mit dem Absatz drei Stunden auf ihm draufgestanden.

Ich hab aber keine Lust auf langweiliges Hormongejammer, ich höre mich ja schon an wie mein eigenes Wechseljahreskränzchen.

Stattdessen freue ich mich lieber auf ein paar nette Dinge, die in nächster Zeit anstehen: die Mädchen haben sich angekündigt, um mit mir meinen Geburtstag in der neuen Hütte zu feiern. Nachdem ich seit fast zehn Jahren Belle & Sebastian-Fan bin, gehe ich demnächst zu meinem ersten Belle & Sebastian-Konzert. Ich habe ein neues großartiges Buch gefunden, es ist von Edward St.Aubyn, und jeden Tag kann ich es kaum abwarten, bis ich endlich in meinem Pölterchen im Bett liege und darin lesen kann. (Außerdem ist es mein Methadon-Programm, um mich von den elenden Tudors-DVDs wegzubringen. Teufelszeug ist das.) Ab übermorgen faste ich, was an sich kein Grund zur Vorfreude ist, vor allem, wenn man dazu diese grässlichen, klebrigen Bücher voller mieser Gedichte und Kalendersprüche lesen muss, die einem dauernd in sein Leben reinquatschen wollen - ich will einfach nur ein paar Tage entgiften, ein bisschen dünner werden, mich wieder konzentrieren lernen und mich hinterher wieder mehr über ein Äpfelchen, ein Steakchen und ein Weinchen freuen als jetzt, kapiert das niemand? - aber worauf ich mich freue, ist, dass mir wieder ein paar mehr Hosen passen. Ich freue mich auf die Belohnungsshoppingrunde, bei der ich hoffentlich nicht so übermütig werde, mir tatsächlich Kleidung in Größe 36 zu kaufen in der irrigen Annahme, dass die mir ab sofort ja passt. Ich freue mich darauf, dass die Enantone nachlässt, auf die erste Gonal, auf die zweite und dritte, auf die alte Magie des Wartens auf den Schwangerschaftstest, auf Namen für sowas von ungelegte Eierchen ausdenken, auf vielleicht schwanger sein, auf den Frühling und den Sommer, auf eine Zeit, wenn ich mit zwei Wollpullis durchs Haus laufe und nicht trotzdem friere (Mädchen, versteht die Botschaft: zu meinem Geburtstag könnt ihr gerne im kleinen Pinken erscheinen, aber nehmt euch auch ein hübsches Strickjäckchen und ein paar Fäustlinge mit, gell?), ich freu mich auf die Rippchen, die ich mir gleich als Henkersmahlzeit vor dem Entlastungstag morgen (erlaubt sind Knäcke, Rohkost, Tristesse) reinschieben werde, sobald es von unten nach Grill riecht, ich freu mich auf die Folge GNTM, die ich letzte Woche nicht gucken konnte und mir gleich im Netz ansehe, ich freu mich auf einen Wanderurlaub im Schwarzwald und einen Mädchenurlaub am Pool, der heute in 120 Tagen beginnt, schwanger oder nicht.

Ich fange an zu glauben, ohne den Enantone-bedingten Stimmungsknick (auf der Heimfahrt aus Franken am Sonntag war ich kurz vor einem Schlaganfall, nur weil die nette Schaffnerin alle zwanzig Sekunden irgendwas durchgesagt hat und mir in meine Tudors reingequatscht hat, ich habe meinen Rechner so fest umklammert vor Zorn, dass ich einen Krampf im Unterarm und gewaltige Angst vor mir selbst bekommen habe) wäre ich gerade nicht auszuhalten.

Mittwoch, 2. März 2011

Ein bisschen wie ein Galeerensklave, der sich nach Feierabend gerne auf dem Rudergerät entspannt

Ich bin wohl wirklich bescheuert, an einem Tag, an dem ich in den 60ern drei Farbbänder durchgeknuspert hätte, abends noch einen Post zu schreiben. Und Anlass habe ich auch keinen, ich bin nur gerade wieder fertig geworden mit einem Auftrag und hab morgen den Vormittag frei. Ich habe heute ein amazon-Paket bekommen, in dem mein erstes Buch von Edward St Aubyn ist und eine DVD-Box mit Staffeln 1 bis 3 der Tudors, auf dem Herd steht von L. gekochte Hühnersuppe, und auf mich wartet eigentlich eine warme Dusche, mein Schlafanzug, ein Glas Rotwein und noch zwei Stunden ungestörter Glotzgenuss auf dem Rechner, während L. sich unten in Jungsgesellschaft das Spiel ansieht. Und dazu habe ich auch noch gerade erfahren, dass der andere Auftrag - der, wegen dem ich die ganze Zeit nichts gehört habe und Muffen hatte - heute präsentiert wurde, gut ankam und jetzt erst mal Ruhe herrscht über das ganze Wochenende, das ich ja, wie ich schon erzählt habe, in Franken verbringe von morgen abend an. Ich bin heilfroh, mich entspannen zu können, weil ich nicht mehr die brave fränkische Hotelwirtin wegen WLAN nerven muss und zu nichts komme, weil ich dauernd Emails abfragen und beantworten muss.

Wie gesagt, ich müsste mich entspannen. Wenn mir nicht genau das gerade ein bisschen schwer fallen würde.
Diese Fastenwoche ist wirklich überfällig, glaubt es mir. Ich habe schon lange nicht mehr so viel gegessen und hatte so wenig Spaß daran, war so unruhig und gleichzeitig so müde und hab mich so rundum ungesund gefühlt.

Dienstag, 1. März 2011

Es gibt eine Menge Dinge außer Babys, auf die es sich zu hoffen lohnt

Letzte Woche habe ich von Montag bis Mittwoch in einer Agentur gearbeitet, und von Donnerstag bis Sonntag habe ich mein neues Arbeitszimmer eingeweiht, dass es nur so kracht. Ich habe wirklich geschuftet. Noch nicht mal den verdammten Tatort am Sonntag Abend habe ich geguckt, und ich war so dermaßen am Rechner festgeklebt, dass ich sogar, während ich mir ein tiefgekühltes Fischfilet in der Pfanne gebraten habe, zwischendurch - zwischen erstem und zweitem Wenden - für ca. 90 Sekunden noch mal hochgerannt bin und etwas getippt habe. Sonntag Nacht hatte ich das Ergebnis fertig, ein 28seitiges Skript für eine Webseite - also ein Dokument, knallvollgeschrieben mit all den fabelhaften Dingen, die auf dieser Webseite vor sich gehen, wenn man sie besucht. Ich habe das Dokument in eine Email gepackt, an meine Kunden geschickt und den Rechner zugeklappt. Seit diesem Moment habe ich nichts gehört, keinen Piep. Nicht mal "Danke, ist angekommen, wir gucken es uns in Ruhe an und melden uns." Und obwohl ich mir selbst ständig einrede, ich wäre völlig entspannt, bin ich es nicht. Ein sehr, sehr großer Teil von mir denkt nicht besonders heimlich, dass die sich deshalb nicht melden, weil sie immer noch nicht wissen, wo sie anfangen sollen mit dem Gemecker und den Beschimpfungen. Ich hoffe inständig darauf, dass ich eines Tages mal jemand sein werde, der in solchen Situationen wirklich zumindest mit der absoluten Mehrheit seiner Hirnzellen denkt "Das wird schon ok so sein, du kannst das schließlich, und wenn die das nicht mögen, dann sind die eben selber doof."

Und dann bin ich wieder erschrocken, festzustellen, dass ich mich gerade dem Alter mit Riesenschritten nähere, in dem es wirklich schwierig wird, Kinder zu kriegen - selbst, wenn man keinen so bunten Unterleib hat wie ich. Und trotzdem immer noch so kindisch, unsicher, dauerverlegen, schüchtern und rundum pubertär bin. Was ist denn mit den anderen Erwachsenen los? Tun die nur so? Es ist ja ganz schön, sich jünger zu fühlen, als man ist, aber 13? Bitte.