Montag, 21. September 2015

Früher war alles früher.

Es gab damals mindestens fünf Bücherreihen für Mädchen, die von den Abenteuern eines Mädchens mit einem Spitznamen handelten. Der Spitzname endete auf ein i oder ein y. Das Mädchen war meistens in irgend einer Weise widerspenstig, aber das war nur eine Phase, und irgendwann kam der Moment, wo sich das legte und das Mädchen infolgedessen viel, viel glücklicher war. Bis dahin passierten schon ein paar schlimme Dinge. Z.B. geriet Bummi in fürchterliche Gewissenskonflikte, weil sie ihren Eltern ihre Fünf in Englisch verheimlichte. Wenn Kinder in Kinderbüchern was erleben wollten, dann bitte in den Ferien, und das Feld, auf das sich die Erlebnisse zu beschränken hatten, war die Unterstützung der Polizei bei der Festsetzung von Schmugglern. (Astrid Lindgren, Ottfried Preußler, Mark Twain und Michael Ende waren Ausnahmen, und Enid Blyton war unfassbar produktiv.)

Wenn Kinder eingeschult wurden, wurde (so weit ich mich erinnere) nicht die Familie eingeladen, es sei denn, sie wohnte sowieso um die Ecke. Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag einen neuen Rock anhatte, dass wir uns vor der ersten Stunde in der Turnhalle versammelten und dann die Kinder aufgerufen wurden und sich zu ihrer neuen Klassenlehrerin stellen sollten, und dass ich eine hübsche Schultüte hatte, die wir in der ersten Schulstunde malen sollten, woraufhin ich die hübsche Schultüte dann schon ein bisschen verfluchte, denn sie war mit einer Ente aus Filz und ganz, ganz vielen bunten Blättern beklebt, das war ganz schön schwierig zu malen. (Noch mehr geflucht hat allerdings meine Freundin Manuela, die konnte nämlich ü-ber-haupt nicht malen und hatte eine Schultüte, auf der sämtliche Schlümpfe zu sehen waren.) In den Schultüten war ein bisschen Süßkram und ansonsten Sachen für die Schule, was aber gar nicht schlimm war, sondern besonders toll, denn das war doch alles neu und spannend: Wasserfarbenkasten, Wachsmalstifte mit Plastikhülse zum Rauf- und Runterschieben, Radiergummi, Spitzer, Füller! Großartig war das. Niemand veranstaltete Gottesdienste, rief bei Caterern an, buchte DJs oder ließ Hüpfburgen im Vorgarten aufpusten.

Laternenumzüge. Von denen habe ich schon oft geschrieben. Früher waren Laternenumzüge am 11.11. und nicht im Oktober oder September oder sonstwann. Sie hatten unmittelbar mit St. Martin zu tun. Darum war meistens ein Mann vom Reitverein dabei, der den heiligen Mann verkörperte, und ein zweiter, der den Bettler spielte. Es gab außerdem keinen Spielmannszug, sondern einen Bläserchor, es gab Pferde, hinterher ein großes Feuer, Glühwein für Eltern und warmgemachte Orangenlimonade für Kinder und Stutenkerle, also Männchen aus Rosinenbrötchenteig mit einer Tonpfeife im Mund.

Wenn wir Klavierstunden, Judo, Segeln, Reiten oder mit Manu und Uli spielen wollten, dann bitteschön, da steht das Fahrrad. Kann sein, dass mich meine Erinnerung da trügt, aber ich glaube, im letzten Kindergartenjahr bin ich auch dahin zu Fuß gegangen, ohne elterlichen Bodyguard.

Nachmittags waren wir draußen. Wir haben in zugewachsenen Gräben gekauert und Feuer gemacht, die Schlauchboote unserer Eltern gemopst und damit unbekannte Gewässer erforscht, mit dem Fahrrad die Stadt oder die Nachbarstadt erkundet, Fußball gespielt, sind auf morsche Bäume geklettert, haben Verstecken im Maisfeld gespielt, während der Mähdrescher schon bei der Arbeit war, Brombeeren geklaut, mit selbstgebastelten (und deshalb zum Glück nicht sehr effizienten) Bogen aufeinander geschossen, und unser wichtigstes Kleidungsstück zwischen fünf und vierzehn Jahren waren Gummistiefel.

Kindergeburtstag ging so: Stefan hatte Geburtstag. Also bekamen Stefans sieben beste Freunde eine Woche vorher eine Einladungskarte, bei der Stefan eigenhändig den Namen der Eingeladenen und das Datum einfügen musste. Uhrzeit musste schon nicht mehr sein, denn alle Kindergeburtstage fingen um drei Uhr Nachmittags an. Als Geschenk kauften wir ein dtv Taschenbuch, irgendwas mit Snoopy drauf, ein Ravensburger Mitbringspiel oder Leonardo-Gläser mit einer Plastikwolke am Stiel zum Umrühren. Am Geburtstag kamen alle sieben Kinder um drei an, von ihren Müttern gebracht, die aber meist noch nicht mal aus dem Auto ausstiegen. Dann gab es Kakao und Kuchen, ab dem zehnten Geburtstag auch mal Cola. Nach dem Kuchen haben wir das Spiel gespielt, bei dem man würfeln und Handschuhe, Sonnenbrille usw. anziehen und dann eine in zwanzig Lagen Zeitungspapier gewickelte Packung Schokolade mit Messer und Gabel essen muss. Außerdem haben wir den Ententanz auf Platte gehört, Verstecken im Dunkeln gespielt, das Mörder-und-Detektiv-Spiel (bei dem nie jemand wusste, wie genau das eigentlich geht), Eierlauf, Topfschlagen, und dann gab es Würstchen mit Kartoffelsalat oder selbstgemachte Burger, und alle Kinder wurden in zwei Schichten in einem Golf nach Hause gefahren, einen Tiefkühlbeutel mit Brauselippenstift, Minismartieschachtel, Storck Riesen und Maoam in der Hand.

Playmobilmännchen gab es in männlich und weiblich, sie unterschieden sich für gewöhnlich durch die Haarfarben: blond, braun, schwarz. Es gab ein paar Sondermännchen, z.B. hatte ich ein Playmobilgespenst, das leuchtete im Dunkeln und hieß Domestos. Bei den Piraten wird es sicher auch ein Männchen mit Holzbein und Augenklappe gegeben haben. Irgendwann gab es dann auch Kinder, sogar ein Baby! Bis dahin mussten die Einheitsmännchen alles sein, und das waren sie ohne Probleme. (Erinnert sich noch eine hier an das fiese Playbig?) Für einen kompletten Waschmitteleimer Lego hatte ich insgesamt zwei Frauen- und zwei Männerperücken, außerdem zwei Mützen und zum Glück sehr viele Helme, weil mein kleiner Bruder die Lego-Ritterburg besaß. Hätte es damals so wie heute in Fahrradentfernung einen Laden gegeben, in dem man Legohaare und Legokleidung nach Gewicht kaufen kann, dann hätte ich meinen Brustbeutel umgehängt und wäre auf mein Hercules-Kinderfahrrad gestiegen wie der Blitz. Meiner Mutter hätte ich natürlich eine Notiz auf dem Zettelblock neben unserem grünen Wählscheiben-Telefon hinterlassen, klar.

Es gab damals eine ganze Industrie von sehr schlauen und handwerklich fabelhaften Menschen, die ihr Geld mit der Konzeption und Produktion extrem guten Kinderfernsehens verdienten (Im Schatten der Eule, der Mondschimmel, das Geheimnis des siebten Weges, die dreibeinigen Herrscher, die Besucher, Robin Hood, das Haus der Krokodile...)

Es gab Kindermarkenterror, aber die Marken waren billig. Meine Mutter hielt uns da raus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Vanilla-Jeans mehr als 80 Mark gekostet hat oder ein Sasch-Sweatshirt mehr als 100. Vor einer Weile erzählte mir eine allein erziehende Kollegin verzweifelt, dass ihr 12jähriger Sohn jetzt eine Canada Goose-Jacke will, weil er der einzige Junge in der Klasse ist, der keine hat (ist er wirklich), und die kosten ab 600 Euro. Meine Mutter hätte laut gelacht und an ihrer Zigarette gezogen, wenn sie geraucht hätte.

Die offizielle Kindheit endete am 13. Geburtstag. Bis dahin wurde es auch unter Kindern als albern betrachtet, Lippenstift zu tragen.

Donnerstag, 17. September 2015

Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen

Andere Leute verbringen ihre Elternzeit irgendwo in einem Hippie-Urlaubsland und posten Fotos von schlafenden Babys in Tragetüchern am Strand oder Familienbesichtigungen asiatischer Tempelanlagen. Ich bin ein bisschen faul mit dem Fotoposten, aber heute könnt ihr mir dafür dankbar sein, denn schön ist das hier nicht. Statt die Zehen in weißen Sand zu bohren, habe ich einen Ärztemarathon hinter- und vor mir. Zwei Kinder so kurz hintereinander rocken den Körper ganz schön runter, und gestern habe ich mir die Krampfader ziehen lassen, die mir die zweite Schwangerschaft eingebracht hat. Jetzt liege ich hier, das Bein ist knallorange und blau und dick, und ich bin dankbar für den Stützstrumpf, der noch bis Samstag durchgängig dranbleiben muss und wenigstens einen Teil der Wahrheit vor meinen Augen verbirgt. Nächste Woche steht dann noch ein überfälliger Besuch beim Zahnarzt und beim Hautarzt an, der mir verschiedene Leberflecken entfernt, und zwischendurch bin ich immer mal wieder bei der Physio, denn seit inzwischen drei Monaten tut mir der Hintern weh: ISG-Blockade, was bedeutet, dass es jedesmal zwiebelt, wenn ich gesessen oder gelegen habe und aufstehe. Schon nach kurzer Fahrt verlasse ich die Ubahn im rechten Winkel. (Es gab einen sehr lustigen Moment, als ich mit meiner Schwester auf die S-Bahn gewartet habe und ihr von meinen Erfahrungen mit verschiedenen Laufstilen und Laufschuhen erzählt habe, damals, in der Zeit vor Kalle, als es in meinem Leben noch keine Beckenbodenprobleme, dafür aber einen ausgetüftelten Trainingsplan gab. Neben uns saß eine alte Dame und machte große Ohren. Nach all dem Rarara über Wettkampfschuhe, Lauf-Apps und Kraftübungen kam die S-Bahn dann endlich, und ich erhob mich ächzend und schlurfte mit der Nase auf Hüfthöhe in die Bahn. Da hat die alte Dame wirklich sehr, sehr verwirrt ausgesehen. Vermutlich muss man dabeigewesen sein.) Zur Frauenärztin muss ich auch. Wie machen die Thai-Elternzeitler das? Sind die einfach so entspannt, was ihre Gesundheit betrifft? Vermutlich sind sie einfach jünger, schütteln sich nach der Entbindung mal kurz, tragen ein bisschen Bepanthen hier und da auf und sind wieder wie neu.

Aber wisst ihr was? Wenn ich ganz, ganz ehrlich bin (und dazu ist ein Blog ja da), dann bin ich ein bisschen froh über anderthalb Tage Erziehungsurlaub dank OP. Unten robbt L. mit Michel durchs Wohnzimmer, und ich liege hier oben wie die Made im Speck. Das dicke Bein liegt auf dicken Kissen, neben mir steht eine Tasse Tee (schon nicht mehr richtig heiß, aber immerhin), nachher kommt ein Babysitter, und ich habe die Wahl: lesen? Sherlock glotzen? schreiben? schlafen? Allein die Zeit zu haben, darüber nachzudenken, was ich mit meiner freien Zeit anfangen will - das ist sonst nie. Jetzt werfe ich erst mal eine Ibuprofen ein und mach mir ein paar warme Gedanken.

Dienstag, 1. September 2015

L. sagt, heute beginnt der meteorologische Herbst.

Jedes Jahr ungefähr um die Zeit, wenn die Fruchtfliegen durch die Küche sirren und die Spülmaschine anfängt zu müffeln, wächst bei mir die Sehnsucht nach dem Herbst. (Und guckt mich nicht so an, ihr wisst genau, dass das in jeder Küche passiert irgendwann zwischen Mitte August und Mitte September, selbst in der klinisch reinen Küche meiner Mutter.) Die Schule fängt wieder an, und ich nehme mir vor, dieses Jahr ein braves Mädchen zu sein, meine Bleistifte zu spitzen, meine Hausaufgaben zu machen und gefälligst meine Posts zu schreiben. Zu erzählen gibt es eine Menge, also los.

Gerade fange ich an, mich in meinem Mütterleben zuhause zu fühlen, da wird schon wieder alles anders. Es sieht tatsächlich so aus, als ob unsere Zeit hier in diesem hübschen Häuschen im hässlichen Stadtteil sich dem Ende zuneigt. Und Ende kann ich nicht so gut, da werde ich schrecklich sentimental. Kalles Erdbeerstelle im Garten! Der Blick in die Bäume aus dem Fenster! Die nette Nachbarin! Sogar die blöde Nachbarin mit ihrer Paranoia, wir wollten ihr Leben ruinieren! Auf einmal betrachte ich alles mit Wehmut. Nein, wir haben noch nichts Neues, aber L. hat jetzt endgültig Hummeln im Hintern und bekommt langsam diesen verbissenen Ausdruck, wenn er die Maklerseiten durchwühlt nach einem neuen Zuhause für uns. Ich sehe es ja ein: mir macht die Straße vor unserem Haus schon Angst, so eine friedliche kleine grüne Wohnstraße, und dann kommt auf einmal BLÄMM ein Taxi mit 70 Sachen vorbei. An einer echten Straße könnte ich damit eher leben als hier in der 30er-Zone, an die sich kein Mensch hält, und ich starre die Autofahrer hasserfüllt an, die hier durchbrettern, um fünf Sekunden und eine Ampel zu sparen. Seit sie Momo letzten Sommer totgefahren haben, haben wir keine Ruhe mehr, L. noch weniger als ich. Vor ein paar Tagen war L. morgens um zehn mit Lili im Park spazieren und kam an einer Frau vorbei, um die 25 und völlig kaputt, die eine Flasche Korn erbrach und schnell einen Schluck hinterher nahm. Die Frau war keine Ausnahme, so ist das hier. Jedes Mal, wenn wir ins Kino gehen, reist unser Kindermädchen extra aus der Stadt an, und wenn wir später als elf nach Hause kommen, also immer, dann zahlen wir ihr noch das Taxi nach Hause, womit wir dann bei 80 Euro für den Babysitter sind. Vielleicht ist das ein Grund, dass wir zuletzt im Kino waren, als... Moment... ich bin nicht mal sicher, dass das 2015 war. Wir wollen zurück in die Stadt, wenn wir unser Haus und die Erdbeerstelle mitnehmen könnten, würden wir das gerne tun, geht aber nicht. Und jetzt fühle ich mich in meinem muckeligen Zuhause heute schon so, als hätten wir die ersten Kisten gepackt, selbst wenn es noch zwei Jahre dauern sollte. Wenn eine der Hamburger Damen etwas weiß oder hört von einer schönen Wohnung, die auch noch im Einzugsbereich der U1 liegt, damit wir die Kinder weiter in die dufte Kita bringen können, wäre ich sehr dankbar für einen Tipp.

Das Kochprojekt läuft immer noch sehr gut, inzwischen bin ich bei über 70 neuen Rezepten, und das Jahr ist noch nicht mal zu drei Vierteln vorbei, und allein die Plätzchenbackerei wird mich ordentlich voranbringen. Darum verschärfe ich jetzt die Bedingungen und eröffne heute feierlich den vegetarischen September. Nicht weil L. mich mit seinem Veganerkram weichgekocht hätte, davon ist schon lange keine Rede mehr, sondern einfach so, weil ich selbst mal wieder Lust drauf habe. Eröffnet habe ich den September übrigens mit den Resten einer Schinken-Salami-Pizza von gestern, hüstel, aber wegwerfen konnte ich sie ja wohl kaum? Und gestern Abend hätte wirklich nichts mehr reingepasst, das ist eine der vielen Neuerungen durch die Kinder. Früher gab es das nicht, jedenfalls nicht so schnell, ich konnte immer noch etwas essen. Jetzt bin ich tatsächlich irgendwann satt. Das ist eigentlich nicht schlecht, hätten die Kinder mir nicht gleichzeitig einen Süßigkeiten-Jieper verpasst, den ich früher auch nicht kannte. Ich war immer die, die alle hassen, weil sie sich eine Tafel Schokolade kauft und dann über sechs Wochen verteilt alle zwei Tage ein Stück isst und den Rest zurück in die Schublade packt. Das ist sowas von vorbei. In der Schwangerschaft mit Kalle ging es los, und ich dachte, das geht vorbei, aber es ging nicht vorbei, und jetzt hänge ich genau so drin wie alle anderen auch. Gestern habe ich mir eine Tafel Marabu gekauft, die sind ungefähr doppelt so groß wie eine Milka, und davon sind jetzt noch zwei kümmerliche Stückchen übrig, aber der Tag ist noch nicht vorbei.

Was gibt es sonst noch? Michel krabbelt und steht und schafft es inzwischen schon, von einem Möbelstück zum nächsten zu kommen, ohne dabei zu krabbeln, wenn die Möbelstücke sehr dicht zusammen stehen. Bald wird er laufen. Kalle plappert mir den ganzen Tag die Ohren voll, will meine Hände nehmen und mit mir tanzen, verteilt Küsschen an seinen Bruder, den Hund und alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind, und ich sitze dabei und habe das fast zum ersten Mal: dass ich meine beiden Jungs angucke und dabei sehr, sehr glücklich und sehr, sehr entspannt bin (glücklich war ich schon vorher oft, aber entspannt - nie. Nicht, so lange ich denken kann, nicht im Ernst, höchstens mal für ein paar Sekunden, dann kam der nächste Stress oder das nächste Zipperlein oder die nächste Angst.) Vielleicht färben die extrem entspannten Kindergärtnerinnen auf uns ab, vielleicht war die Zeit vorher auch nur ein notwendiger und etwas schmerzhafter Zwischenschritt, der eben passiert, wenn sich das Leben so extrem verändert. Aber jetzt geht es irgendwie wie von selbst. Noch vor ein paar Wochen musste ich mich kümmern und musste Abendessen machen und musste Kindersachen waschen und musste Windeln kaufen und musste trösten und musste tragen und musste die Kinder ins Bett bringen, jetzt kümmere ich mich, mache Abendessen, wasche Kindersachen, kaufe Windeln, tröste, trage und bringe die Kinder ins Bett. Falls ihr versteht, was ich meine. Es ist nicht alles wundervoll, Kalles Eifersucht auf seinen kleinen Bruder z.B. ist nicht einfach und macht mir ganz schönen Kummer, aber auch das kriegen wir hin, und auch dabei denke ich: das hier, das ist meins. Dafür haben wir ganz schön gekämpft, und wie schön, dass wir am Ende Glück hatten, gleich zwei Mal! Wir haben diese Nachbarin, nicht die paranoide, sondern die nette, die uns über den Gartenzaun immer erzählt, wir müssten das hier genießen. Früher dachte ich dann: jaja, wir genießen es ja und wissen auch, wie sie es meint, aber so kann nur jemand reden, der seit 50 Jahren ausschlafen kann, jeden einzelnen Tag. Jetzt schlafe ich jede Nacht so um die sechs Stunden und bin zuhause. Zwar vielleicht nicht mehr lange in diesem Haus, aber jedenfalls in diesem Leben.

Zwar habe ich den vegetarischen September mit einer kalten Ladung Schweineaufschnitt auf Pizza eröffnet, aber heute Abend gab es für Kalle und mich Ofenfritten mit selbstgemachter Guacamole (und Ketchup für ihn, na gut, er ist auch nur ein Mensch). Nach dem Essen habe ich Michel ins Bett gebracht, danach sind Kalle und ich in die Küche gegangen, und im Ofen waren noch die restlichen Fritten, inzwischen schön knusprig, und wir haben uns auf den Küchenfußboden gesetzt, und ich habe ihm erklärt, was ein Picknick ist. Dann haben wir gepicknickt mit Fritten und Guacamole. Und das war toll. Ich weiß nicht, ob ein Zweijähriger sich an so etwas schon erinnern kann, aber ich werde mich jedenfalls noch ziemlich lange daran erinnern.

Dienstag, 11. August 2015

Ätschikolätschi.

Gerade, als ich dachte, jetzt läuft's. Gerade, als ich mir schon fast ausgerechnet hatte, wie viele Tage noch bis zu Michels Kitastart sind. Gerade, als ich mir sicher war, ab jetzt wird alles, alles gut. Und gerade, als noch nicht mal von den Kindern total zerstörte Nächte etwas gemacht haben, denn ich wusste ja: bald.

Gestern war erster Kitatag nach den Sommerferien, und ich dachte, ich frage mal, nur so zur Sicherheit. Denn dass Michel zu November oder spätestens Dezember einen Platz hat, war keine Frage, das hatte uns die Kitachefin ja versprochen: "Ein Selbstläufer ist das bei Geschwistern", hatte sie gesagt. Mit Michel auf dem Arm habe ich beim Abholen von Kalle kurz angeklopft, nur um mal so zu horchen, wie die Ferien waren und wann wir den Vertrag unterschreiben sollen für Michel. Da sah sie mich mit großen Augen an. "Den habe ich jetzt gerade gar nicht auf dem Zettel, helfen Sie mir auf die Sprünge?" Mit wachsender Panik sagte ich, wir hätten doch besprochen, dass Michel ab November in die Krabbelgruppe kommt. "Aber da hab ich gar keine Anmeldung bekommen!" Aber ich hatte eine abgegeben, ganz ganz sicher, mit Kalles unterschriebenem Vertrag zusammen, damals im Dezember! Sie blätterte kurz in einem Ordner: Nö, da war nichts. "Die Gruppen für November hab ich schon geplant, die fürs Frühjahr auch schon", sagte sie. "Da muss ich noch mal gucken. Irgendwas lassen wir uns einfallen. Aber ich hab hier keine Anmeldung." Mit zugeschnürter Kehle bin ich mit meinen Jungs nach Hause geschoben. Zuhause habe ich L. das Drama geschildert. Der sah mich mit schicksalsergebenem Blick an. Wieso heiratet er auch eine Frau, bei der immer die Papiere verschwinden? Egal, mit wem ich es zu tun habe: Banken, Behörden, Kita - immer bin ich die, die alles abgegeben hat und dann ist es wieder nüschte. Das Ganze riecht auch nach Schlamperei meinerseits: klar bin ich mir immer sicher, dass ich alles richtig gemacht habe, klar sind wieder mal die anderen Schuld. Nur: ich hätte alles darauf geschworen, dass ich Recht hatte! Und jetzt? Wie soll das jetzt werden? Mit Job, mit Kindermädchen, mit überhaupt allem, mit dem ganzen schönen Plan? Um eine andere Kita hatten wir uns nicht gekümmert. "Selbstläufer hat sie gesagt" habe ich gestern ungefähr hundertmal vor mich hingemurmelt. "Selbstläufer." Und in die alte Kita, die Durchfallhölle, können und wollen wir Michel jetzt nicht stecken - nicht nach dem unschönen Ende dort mit Kalle.

Die Nacht war unruhig, Kalle war nach einem schlimmen Traum bei mir im Bett, brabbelte im Schlaf, zog mich an den Haaren und trat mir seine zarten, aber erstaunlich kräftigen Füßchen ins Gesicht. Michel hatte trotz Rekordportion zum Abendessen ständig Hunger. Draußen blitzte es, in meinem Kopf tobte ein ganz eigenes Gewitter. Totale Selbstsicherheit ist nicht meine Stärke, obwohl ich mir doch SO SICHER war, blieb ein kleines Stimmchen, das nängerte: "Ja klar, das Schicksal ist gegen dich. Und wenn der Zettel jetzt doch noch in irgend einer Jacke steckt, Hm? Kann das nicht sein? Wär das nicht typisch, dass du durch deine dämliche Schusselei jetzt doch wieder selbst an allem Schuld bist, Fusselhirnchen?" Irgendwann in dem ganzen Gegrübel fiel mir dann wieder ein, wie das genau gewesen war mit dem Abgeben: ich hatte ein Gespräch mit Kalles Gruppenleiterin gehabt und ihr die Unterlagen zu treuen Händen übergeben. Der Vertrag war ja auch offensichtlich angekommen, aber was war mit der Anmeldung? Die Gruppenleiterin ist schrecklich nett und ein echter Glücksfall für Kalle, die wollte ich jetzt auch nicht beschuldigen, das versemmelt zu haben. Aber irgendwer hatte es versemmelt. Nur wer? ("Du selbst, ganz klar", giftete das Stimmchen.)

Heute morgen kam L. aus der Kita wieder, nachdem er Kalle abgeliefert hatte. Die Chefin hatte ihn zu sich herein gewunken. "Willst du zuerst die gute oder die schlechte Nachricht?" Ich will immer die schlechte zuerst: "Michel hat keinen Kitaplatz. Aber: der Antrag ist aufgetaucht, datiert vom vierten Dezember. Sie hat ihn einfach falsch abgeheftet und übersehen."
Der nächste Platz, der frei wird, gehört Michel. Das ist im Moment ein schwacher Trost, denn aus dieser Kita will keiner wieder weg. Es gibt Eltern, die ziehen ans andere Ende Hamburgs und nehmen jeden Tag eine fast einstündige Anfahrt auf sich, bevor sie wechseln. Wenn wir Pech haben, wird es April. Oder Mai. Oder was weiß ich. Und wie es bis dahin werden soll, weiß ich jetzt auch nicht. Ich kriege ab November kein Elterngeld mehr und muss arbeiten. Muss und will, sonst drehe ich irgendwann durch, und die Chancen, irgendwann wieder in den Job zu kommen, werden auch nicht größer. Machen wir's wieder wie bei Kalle, die Kinderfrau muss häufiger ran, und L. auch? Es geht ja nicht nur um mich und ihn: auch für Michel hätte ich mir das gewünscht, denn Kalle profitiert von dieser Kita mehr, als mit Worten zu beschreiben ist.

Und ich hatte mich so drauf verlassen!

Aber ein bisschen froh bin ich schon, dass der Zettel aufgetaucht ist. Dass mein Fusselhirn einmal nicht Schuld ist. Dass das Stimmchen jetzt gefälligst die Klappe zu halten hat. Und dass wir jetzt in einer Kita sind, in der die Chefin so etwas zugibt. Der windige Chef der alten Kita, von mir immer "das Durchfallwiesel" genannt, hätte das Ding klammheimlich geschreddert und alles abgestritten, bevor er einen Fehler eingeräumt hätte.

Und vielleicht geschieht ja ein Wunder, und wir flutschen doch noch so rein.




Mittwoch, 5. August 2015

Weiß hier jemand, ob Schlaf manische Phasen auslösen kann?

So sieht's nämlich aus hier: heute ist unser Kindermädchen noch da. Morgen nicht, und morgen tagsüber stehe ich noch mal vor der unfassbar harten und brutalen Aufgabe, meine beiden Kinder alleine (!GASP!) zu betreuen. Bis Abends dann meine Schwester kommt, die bis Sonntag bleibt. Und Freitags meine Eltern dazu kommen, für die ich seit der Geburt der beiden nur noch eine Nebenattraktion bin und die bis Sonntag liebevoll mit meinen Jungs herummuckeln werden. Sonntag gegen Abend kommt L. von seiner Wochenend-Eskapade zurück, wir gehen vielleicht mal auf diesen Eismarkt am Alten Mädchen, und Montag morgen würde ich am liebsten eine Flasche Sekt öffnen, wäre gerade nicht alkoholfrei, denn Montag fängt nach drei Wochen Sommerferien die Kita wieder an. Dann ist ja quasi schon Mitte August! Dann also noch der halbe August, dann September, Oktober, und vielleicht hat Michel ab November auch einen Kitaplatz. Gerade liegt die Welt vor mir wie eine große, bunte... was weiß ich... jedenfalls wie etwas Schönes, Entspanntes, Sommerliches und Fröhliches. Es ist nämlich so, dass ich zwar gerade von keinem anderen Treibstoff als koffeinfreiem Kaffee mit Eiswürfeln und dem einen oder anderen Glas Buttermilch angetrieben tatsächlich viel Spaß mit den beiden Jungs habe und sie hoffentlich auch mit mir, dass ich sie gerade täglich ungefähr 50mal sentimental anglotze und denke "Hach!" oder so, aber trotzdem habe ich auch gerade das Gefühl, ich könnte noch so viel anderes tun. Ich habe ein paar Ideen, die ich gerne aufschreiben würde, ich muss mir langsam überlegen, was und wann und wie ich wieder arbeiten will, und sobald meine zweiten Tage seit der Geburt endlich vorbei sind (ein grässliches Blutbad, ist das jetzt immer so?), kommt Gewicht Nr.4 zum Einsatz und dann hoffentlich auch bald die Laufschuhe wieder.

Michel wacht jetzt im Schnitt pro Nacht nur noch zwei mal auf, und ich vibriere vor Tatendrang. Schlaf ist tatsächlich der ganze Unterschied. Mit oder ohne Schlaf stellt sich die exakt gleiche Szenerie dar wie einmal von David Lynch gefilmt und einmal von den Leuten, die sonst die Ferrero-Weihnachts-Werbefilme drehen. Ohne Schlaf ist das Leben ein ständiger zäher Kampf gegen lauter kleine Gemeinheiten, die in meiner spröden, müden Seele schrapnellartige Schäden anrichten. Ohne Schlaf drohen Nervenzusammenbrüche wegen einer patzigen Bemerkung oder einer nicht weggeräumten Kaffeetasse von L.. Ohne Schlaf ist Kindergebrüll immer persönlich gemeint und der Beweis, dass ich als Mutter eine Vollniete bin. Ohne Schlaf habe ich absolut keine Reserven für solche Mini-Kataströphchen wie eine leere Waschmittelbox, eine runtergefallene halbvolle Glasnuckelflasche, eine ausgelaufene Windel oder eine Osteopathin, die in den Sommerurlaub fährt, wenn mein Rücken sie dringend bräuchte. Mit - türilü, kein Problem! Lächle, und die Kinder lächeln zurück! Hach, was ham die alle nur, die Muttibloggerinnen und ihr ewiges Gejammer von wegen keine Zeit zum Duschen? Ey, einatmen, ausatmen! Mutti hatte ihre sechs Stunden heute Nacht, genau wie gestern und vorgestern auch! Und jetzt? Suche ich mir einen Cellolehrer? Lerne ich japanisch? Oder diesen Tanz, wo sie immer in der Scheune herumstampfen und Yippie schreien?

Nee, bei näherer Überlegung wohl doch nicht.



Montag, 27. Juli 2015

Kamillentee, irgendwer?

In den Jahren nach dem Abi habe ich an Wochenenden und in den Semesterferien in einem Altenpflegeheim gejobbt. Die Schwestern haben alle geraucht wie die Schlote. Ich damals bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch gerne, aber nicht während der Arbeit, das fand ich eklig. Zum Einen fing die Schicht barbarisch früh an, und so weit war ich dann doch noch nicht, mir morgens um sechs die erste Fluppe anzuzünden. Zum Zweiten kam ich mir komisch vor, inmitten all der medizinischen Geräte, der Spritzen und der teilweise fies hustenden Alten. Aber es dauerte nicht lange, da war mir klar, warum die Schwestern darauf keine Rücksicht mehr nahmen. Nur wer rauchte, hatte echte Pausen. Denn es gab kein anderes Mittel, sich innerhalb der erbärmlich kurzen und erbärmlich dünn gesäten Pausen nach all der Knochenarbeit wirklich zu entspannen. Jeder, der raucht, kennt das: man nimmt im dicksten Stress einen Zug und wird sofort ruhiger. Außerdem kamen die Alten sofort angelaufen, wenn sich eine Schwester im Schwesternzimmer niederließ. Eine vermisste ihre rosa Strickjacke, ein anderer wollte am Nachmittag gerne einen Einlauf, eine dritte juckte es am Rücken, und viele wollten einfach nur ein Schwätzchen halten oder nach ihrem seit Jahrzehnten toten Ehemann fragen. All diese Anliegen richteten sie aber nie an eine Schwester, die gerade rauchte. Beim Kaffee trinken, Brötchen essen oder mit toten Augen vor-und-zurückwippen durfte man stören, beim Rauchen niemals. Und so suchte ich Strickjacken, hielt Schwätzchen, notierte und verabreichte Einläufe und versprach, Grüße an tote Ehepartner auszurichten, wenn ich sie sähe. Das war völlig in Ordnung, ich war erstens die Dienstjüngste und zweitens nur am Wochenende und in den Ferien da. (Die unter den Schwestern beliebteste Zigarettenmarke war übrigens HB. Es waren raue Zeiten.)

So wie den Schwestern damals mit den Zigaretten ging es mir in den letzten Wochen mit meinem abendlichen Wein. Kaum hatte ich abgestillt, war er da. So gut wie alle Eltern kleiner und kleinster Kinder werden das bestätigen können: zwar gibt es eine Reihe von Schlüsselreizen, die einem deutlich sagen "die Kinder haben Sendepause, jetzt, meine Liebe, in diesen ein-zwei Stunden, bis du ins Bett fällst, bist DU mal dran". Die Tatort-Melodie gehört bestimmt für manche dazu, oder ein schnell-schnell Legofrei geräumtes Wohnzimmer. Aber nichts, zumindest nichts, wovon ich wüsste, wirkt so schnell und zuverlässig wie ein Glas Wein. Oder Gin Tonic, oder was weiß ich was andere Leute so trinken, aber jedenfalls: Alkohol. Alkohol ist erwachsen und Freizeit und Feierabend und Entspannung und Anregung und all das, woran es den Tag über trotz aller fanatischen Kinderliebe gefehlt hat. Hätte mir das jemand wegnehmen wollen, hätte ich mit Panik und heftiger Aggression reagiert. Meins! Das bisschen ist jetzt mal meins! Das beschlagene Glas, die Eiswürfel und ihr leises Klirren, das schöne Korkengeräusch, das gehört mir.
Und niemand hat es mir wegnehmen wollen. Weshalb ich es jetzt eben selbst tue. Denn ich fand in den letzten Tagen, es wurde ein bisschen viel. Ich bekomme schon von wenig Wein leicht üble Kater, manchmal sogar Migräne. Ich kann auch nicht schlafen. Das heißt, ich kann sowieso schon nicht schlafen, mit zahnendem Baby noch weniger, und die paar Stunden, die dann noch bleiben, radieren zwei Glas Weißwein (oder mehr, Schockschwerenot) zuverlässig aus. Das würde eigentlich schon fast reichen, um es zu lassen, zumindest bis die Zähne da sind. Dann habe ich festgestellt, dass ich seit der Wiedereinführung des Feierabendweins noch viel häufiger auf die Uhr gucke. Angefangen um zehn Uhr früh habe ich jeden Tag bestimmt zwanzig Mal die Stunden gezählt, bis die Kinder im Bett sind und die Eiswürfel im Glas. Und ich fand es schade, denn eigentlich habe ich doch keine Kinder bekommen, um sie jeden Tag aufs Neue schleunigst aus dem Weg zu wünschen? Klar war das alles anstrengend und oft überfordernd und frustrierend, aber... ich fand den Tunnelblick auf die Cocktailstunde gruselig. Und darum habe ich seit letztem Mittwoch das mit dem Feierabendwein gelassen. Ich habe beschlossen, das nicht als Selbstbestrafung oder Erziehungsmaßnahme zu betrachten, sondern als Erholungspäuschen. Und es tut mir ehrlich gut, von Anfang an. Ich habe ein paar Lieblingsgetränke aus der Schwangerschaft und Stillzeit reaktiviert (kalter Karo-Kaffee mit Milch und Eiswürfeln! Klirrt auch sehr schön!), ich schlafe besser, ich bin entspannter und fröhlicher und geduldiger mit den Kindern, und ich stelle überrascht fest, dass ich plötzlich mehr Feierabend habe. Zwar fehlt mir der erste Schluck Wein schon, nachdem die Muckelchen selig schlafend in ihren Betten liegen. Aber der Rest des Abends dauert ohne Alkohol einfach länger: die Zeit vergeht nicht so fix, ich muss mir neue, anders entspannende Tätigkeiten überlegen, und wenn ich weiß, dass mich kein Weißwein um den Schlaf bringt, traue ich mich auch wieder, länger aufzubleiben.
Und ich mache das jetzt erst mal so, mal sehen, wie lange.

Ich war noch nie in Harrys Bar in Venedig (nicht gerade für Selbstdisziplin beim Essen und Trinken berühmt), aber ich habe das Kochbuch schon ein paar mal von vorne bis hinten durchgelesen. Jedes Jahr im Winter feiern sie mit allen Stammgästen ein großes Fest, fressen und saufen die Vorräte leer und hängen am nächsten Tag ein Schild in die Tür: Geschlossen für Kamillentee. Dann bleibt die Bude für ein paar Wochen dicht, und danach eröffnen sie neu - mit frischen Vorräten, rosigen Wangen, ein paar Pfündchen weniger und neuer Lust an gutem Wein und noch besserem Essen. So in etwa denke ich mir das.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Raider heißt jetzt Twix. Aber sonst ändert sich nix.

Liebe Abkürzungsdamen, Demnächst-Abkürzungsdamen und Ex-Abkürzungsdamen,

heute Nacht irgendwann um drei konnte ich nicht mehr. Ich war um elf ins Bett gegangen. Der Kleinste hatte eine Flasche um sieben bekommen, eine um zehn, eine um halb zwölf, eine um halb eins, eine um zwei, und um drei brüllte er schon wieder und ließ sich weder durch Rumtragen noch durch Gesang oder durch Zahn-Kügelchen beruhigen. Fieber hatte er keins, streckte aber gierig die Händchen nach dem halbleeren Fläschchen auf dem Fensterbrett aus. Zwar sind sowohl L. als auch ich sehr verfressen (jeder auf seine Weise), aber DAS war selbst bei einem Kind von uns ein bisschen viel. Und die Nächte davor waren nicht viel besser gewesen. L. bleibt von dem ganzen Sums weitgehend verschont; meistens schlafen wir in zwei Zimmern und ich bei dem Baby, das ist zwar nicht ganz fair, aber trotzdem finde ich, alle Fairness der Welt ist es nicht wert, dass wir beide um den Schlaf kommen.

Trotzdem war jetzt genug genug. Ich packte mein Bettzeug und meine Wasserflasche, weckte L. aus tiefstem Schlaf, erklärte ihm, dass er ab hier und jetzt übernehmen musste, und verzog mich mit Ohrenstöpseln auf den mit Betten gut ausgestatteten Dachboden. Dort schlief ich friedlich bis halb acht. Und als ich wieder herunterkam, empfing mich L. mit strengem Blick. Ich hatte mein Telefon neben dem Bett liegen gelassen, als letztes hatte ich Kommentare zum letzten Post gelesen (vielen Dank auch), und er hatte Safari geöffnet und war stinksauer. Es ist nämlich so: wir hatten das besprochen. Irgendwann hatten wir mal entschieden, dass im Blog die Kinder nicht mit echtem Namen auftauchen. Dafür haben wir eigentlich beide gute Gründe. Eine Weile lang habe ich das auch so gemacht, mein Großer hieß dann Huckleberry oder wie auch immer. Irgendwann war mir das lahm erschienen und anstrengend, und es passierte ja auch nichts Bedrohliches, und ich dachte mir, was soll's. Nur hatte ich das nicht mit L. besprochen, da war ich wohl zu lässig für.

Um es kurz zu machen, ich hab nämlich heute Abend noch eine Menge vor: er möchte nicht, dass die Jungs hier mit echtem Vornamen auftauchen. Ich war erst ein bisschen angefasst, aber dann habe ich eingesehen, dass diesmal ausnahmsweise ich die bin, die Mist gebaut hat. Und so weit das noch möglich ist, möchte ich das rückgängig machen. Darum werde ich den Rest des Abends damit verbringen, die Namen der Jungs aus den Posts zu tilgen. Und damit ich sie nicht B Punkt und J Punkt nennen muss, nenne ich sie nach zwei meiner Lieblings-Kinderbuch-Helden Kalle und Michel. B punkt ist Kalle, J Punkt ist Michel.

Dann mal los.

Montag, 20. Juli 2015

Lieber Kalle, dieses Glas Wein trinke ich auf Dich.

Jetzt vor zwei Jahren lag ich in einem erfreulich klinischen Kreißsaal des UKE, und eine Oberärztin namens Flumpi nähte mir gerade den Damm. Das war ziemlich viel Arbeit, in der Zeit stricken andere einen Pulli, aber am Ende hat sie es geschafft, und sowieso habe ich nicht allzu viel davon mitbekommen, denn auf meinem Bauch lag Kalle. Nach vier Jahren Gemurkse und Gemache und Gewünsche und Gehoffe lag er tatsächlich da, alles war dran, er war genau richtig groß und schwer und prächtig und lebendig. Und das ist er heute, zwei Jahre später, immer noch: genau richtig. Richtig quirlig und richtig neugierig und richtig lieb und richtig frech und richtig verfressen und richtig großzügig und richtig lebendig, vor allem das.
Heute war der erste Geburtstag, von dem er überhaupt etwas mitbekommen hat. Eigentlich werden Geburtstage in der Kita gefeiert, mit einer selbst angezündeten und selbst ausgepusteten Kerze, einem besonderen Geburtstags-Zug und einer Krone, und jetzt hat ausgerechnet ab heute die Kita Sommerferien, und nüschte ist es mit dem Kita-Geburtstag. Das mussten wir natürlich wettmachen. Gestern Abend hing ich etwas kurzatmig in den Seilen, nachdem ich unfassbar viele Luftballons aufgepustet habe (ich empfehle allen Müttern die Anschaffung einer Ballonpumpe), aber ich hatte einen Kuchen mit bunten Streuseln und ein paar sorgfältig ausgesuchte und sogar eingepackte Geschenke (wer einmal gesehen hat, wie mies ich im Geschenke einpacken bin, wäre grundsätzlich dagegen, dass ich überhaupt Kinder bekomme. Direkt nach dem Top-Albtraum-Job, bei H&M Kleider zusammenlegen zu müssen, käme der zweite Albtraum-Job, in einem Laden das Gekaufte als Geschenk verpacken zu müssen). Am Ende hat Kalle das Mutterherz erwärmt, indem er sich am meisten über den Kuchen und die Ballons gefreut hat, aber er hat auch den halben Tag mit dem Playmobil-1-2-3-Forsthaus und dem Aquadoodle gespielt. (Ihr wisst nicht, was ein Aquadoodle ist? Na gut. Vor zwei Jahren und zwei Wochen wusste ich auch noch nicht, was ein Maxi-Cosi ist, und offensichtlich weiß ich bis heute nicht, wie man ihn schreibt.)(Jedenfalls ist ein Aquadoodle so eine Art Matte, auf der man mit einem Stift malen kann, der nur mit Wasser gefüllt ist und deshalb nicht die Möbel ruiniert. "Braucht man sowas?" Ich finde, man braucht das.)

Ich habe mir vorgenommen, heute mal nichts über Dankbarkeit und Undankbarkeit und den ganzen Dunstkreis dieser Themen zu schreiben, sondern einfach nur über den Tag. Und der sieht gerade so aus: ich sitze hier unten in meinem Ohrensessel, meinen Rechner auf dem Schoß, und sowohl der Rechner als auch ich fühlen uns gut aufgeladen und bereit für so ziemlich alles. Neben mir im Regal steht ein Glas Weißwein mit Eiswürfeln, und noch viel wichtiger: oben in zwei weißen Gitterbettchen liegen zwei kleine Jungs, der eine im Schlafsack, der andere schon im Schlafanzug und mit Bettdecke und Kissen. Kalle kann inzwischen solche Wörter sagen wie Betonmischer, Eichhörnchen oder Buchecker, er besteht weiterhin darauf, dem Lehrbuch widersprechend Chili und Lakritz und solche Sachen zu mögen, er spielt gerne mit Wasser, beobachtet Tiere und macht sich dazu für kleine Tiere ganz klein (für Schnecken legt er sich auf den Bauch und stützt das Kinn auf), lernt gerade die Bedeutung des Wortes "Gemütlich" und macht mir jeden Tag auf hundert Arten klar, dass es das alles wert war: die Spritzen, die Ängste, die Kilos, die Rechnungen für nix, die OPs, die Pleiten und die Superpleiten und das, was danach kam. Ich weiß, so funktioniert es nicht, aber für ihn hätte ich auch die doppelte Ladung Pleiten auf mich genommen. (Dazu hab ich auch noch was zu erzählen, bestimmt bald. Bitte haltet mich nicht für doof oder vergesslich oder beides, ich weiß genau, dass man es so nicht sehen darf... wie gesagt, ein andermal, heute fühlt es sich so an.) Michel wechselt gerne im Schlaf alle fünf Minuten die Position, dann knallt die Schiene an die Gitterstäbe und es gibt einen Mordskrach, der mich früher immer aufgescheucht hat, inzwischen winke ich ab, wenn hier die Eiswürfel im Glas klirren. Kalle dagegen sucht sich einfach die unbequemste Position, die im Bett möglich ist, und bleibt dann die ganze Nacht so liegen, lässt sich aber bereitwillig umbetten, sagt einmal kurz und verschlafen "Mama" und ratzt einfach weiter.

Und Mama, das bin dann wohl ich.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Auf bessere Zeiten! Und warum jetzt wirklich alles besser wird. Ganz bestimmt.

1. Nein, das Wunder der durchgeschlafenen Nacht hat sich nicht wiederholt, auch nicht annähernd. Aber ich arbeite dran. Mit etwas flexiblerer Bettzeit für Kalle, die dazu auch noch für mich entspannter wird, weil L. sich angewöhnt hat, ihn ins Bett zu bringen. Mit einem sättigenden Abendbrei für Michel, zusätzlich zum Fläschchen, den er mir zwar am Anfang entrüstet um die Ohren gespuckt hat, aber inzwischen zu mindestens 50% isst (wobei der Rest gleichmäßig in seine Haare geschmiert wird, die sonst eigentlich kaum vorhanden zu sein scheinen, bis er mit dem Brei anfängt, woraufhin sie plötzlich geradezu buschig wirken. Jede Menge Frisur! Mit jeder Menge Platz für Brei!), mit einer ganz guten Mischung aus Abenden, an denen ich um acht im Bett liege, und solchen, an denen ich so ziemlich das Gegenteil tue. Sapristi, wenn ich und meine Augenringe so weiter machen, dann hält mein Touche Eclat jetzt doch bis nächstes Frühjahr!

2. Außerdem mit einer Gute-Nacht-Routine oder etwas, was sich einer Routine annähert - so dass ich inzwischen mit ziemlicher Gewissheit weiß, um halb acht schläft wenigstens Michel, Kalle ist bei L. in guten Händen, und ich kann theoretisch um zwanzig vor acht in der Bahn Richtung Mädchenabend sitzen, ohne dass es vorher noch zu Verantwortungsdiffusion und Schreierei kommt.

3. Michel krabbelt und zeigt keine Neigung, wieder damit aufzuhören. Die Grundgesetze der Physik müssen auch für ihn gelten, irgendwann demnächst muss er abends einfach körperlich erschöpft genug sein, dass es bis zum nächsten Morgen reicht!

4. Michel sitzt außerdem, und er steht. Er robbt auf das Sofa zu, greift einmal zu, wackelt noch ein bisschen in den Kniekehlen uuuuuund - steht. Wenn es drauf ankommt, zehn Minuten lang, und auch den Rückweg auf den Boden meistert er inzwischen immer öfter. Aber wer sitzen, krabbeln und stehen kann, ist doch kein Baby mehr? Aus unserem Baby wird ein Kleinkind. Und während ich weiß Gott keine gute Babymama bin, eine gute Kleinkindmama kann ich sein.

5. Das Haus zu verlassen, wird immer einfacher. Der erste Schritt war, kein abgekochtes Wasser mehr zu brauchen. Als Nächstes können die Fläschchen insgesamt zuhause bleiben, Michel kriegt dann einfach ein Rosinenbrötchen in die runde Faust gedrückt und gut. Mit katastrophalen Windel-GAUs ist auch kaum noch zu rechnen, ich brauche also nur noch eine Windel und eine Wechselgarnitur, die ich in 87% der Fälle genau so zuhause wieder ins Regal sortiere. Und mittlerweile habe ich das Hamburger Budni-Netzwerk im Blut und weiß, egal wo ich hingehe, zwischen acht und 20 Uhr bin ich nur wenige Schritte von einer Drogerie entfernt, die es mir netterweise ermöglicht, kostenlos und unkompliziert mein Kind dort zu wickeln, und zwar ohne eigenes Material mitbringen zu müssen.

6. Jede Grenzerfahrung mit Kindern macht uns stärker. Letzte Woche z.B. haben wir nach der wunderschönen Hochzeit meiner Schwester im tiefsten, gluthitzigsten Bayern beschlossen, dass die Kinder und ich wohl angesichts von aufreißenden Autobahnen, Horrorstau und all dem Wahn lieber nicht mit L. im Auto zurück nach Hamburg fahren, sondern per Bahn. Das Ergebnis war, dass L. um halb sieben nach ereignisarmer bis langweiliger, wohlklimatisierter Fahrt zuhause war und wir um halb eins nach einer Irrfahrt in defekten, 55 Grad heißen ICEs, Bäumen auf den Schienen und endlosen Umleitungen durch die Walachei. Aber auch das hat geklappt, wir sind angekommen, alle sind noch heil, und nun habe ich wieder etwas, worauf ich zwar keine Lust habe, aber was mir keine Angst mehr macht. Zwölf Stunden Bahnfahrt mit Kleinkindern incl. Doppelkinderwagen und zigmal umsteigen: kriegen wir hin.

7. Es kommt vor, dass ich mich nach ein paar Minuten verdächtiger Stille frage, wo eigentlich Kalle steckt. Einmal darf ich raten: am Bücherregal, vertieft in irgend ein Bilderbuch über Bagger, Einschlafen, Tiere oder was auch immer. Er klettert alleine auf den Lesesessel, sucht sich etwas aus, sitzt dann da und liest. Ist das nicht wunderbar? Eines Tages sitzen wir zusammen auf dem Sofa, er mit seinem Buch, ich mit meinem, und streichen uns alle paar Seiten liebevoll übers Haar.

8. Jede Woche können die zwei ein bisschen mehr miteinander anfangen. Stehe ich z.B. unter der Dusche und Michel in seinem Gitterbettchen und nölt, und das Nölen hört plötzlich auf, so dass ich tropfnass ins Schlafzimmer haste, um sicher zu gehen, dass er noch atmet, dann steht dort Kalle auf der anderen Seite des Gitters und macht Faxen, und Michel beobachtet ihn hingerissen. Sitzen sie zusammen im Doppelkinderwagen, halten sie Händchen.

9. Während ich hier sitze und tippe, hat L. zu tun: er muss sich bis heute Abend fieberhaft überlegen, welches von drei möglichen Lastenfahrrädern er gerne von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen würde: das Babboe Curve mit E-Motor, das Nihola family oder ein Christiania light? Das sind drei fabelhafte, grundsolide Fahrräder, die vorne einen großen Kasten haben, in den man nicht nur die Kinder, sondern auch noch den Hund setzen kann. Wer in letzter Zeit mal in Kopenhagen war, hat sie dort bestimmt in rauen Mengen herumfahren und die Radwege verstopfen sehen. Wenn das nicht auf großen Spaß mit kleinen Kindern herausläuft, weiß ich es auch nicht. Vor uns liegt ein Sommer voller Ausflüge, Fahrtwind, Picknicks, Muskelkater und Abenteuer.

10. Es muss einfach. Und ich weiß, dass es besser wird.


Mittwoch, 8. Juli 2015

Rakete auf Schienen

Muss ich auch nur zwanzig Minuten stehend und eingezwängt in einer engen Ubahn aushalten, könnte ich durchdrehen. Die Vorstellung, durch einen engen Tunnel zu kriechen, der gerade mal so breit ist wie ich, ist für mich eine der schlimmsten. Ich flippe ja schon aus, wenn sich ein Nachthemd nachts um mich wickelt! Wie es sein muss, monatelang ein Bein komplett in Gips zu haben und auch hinterher drei Monate lang rund um die Uhr eine Fußfessel zu tragen, mag ich mir kaum vorstellen. Egal, ob man das nicht anders kennt oder doch, schön kann es nicht sein. Ich war deshalb immer bereit, einen großen Teil von Michels Gemecker auf seine beengten Verhältnisse zu schieben. Trotzdem war immer auch klar, dass er irgend etwas will - irgend etwas, was er eben noch nicht kann, aber gerne können würde. Er hat nur drauf gewartet, endlich loslegen zu können. Und jetzt kann er. Er trägt zwar immer noch jede Nacht vierzehn Stunden lang die Schiene, aber davon abgesehen ist er frei. Frei!

Seit knapp zwei Wochen krabbelt er. Damit ist er schon mal mindestens sechs Wochen früher dran als Kalle. Und es hat sich so viel Energie aufgestaut, dass er jetzt schon stehen will. Er sucht sich irgend etwas, woran er sich hochziehen kann, macht den herabschauenden Hund, hält sich erst mit einer und dann mit der anderen Hand fest und steht. Dabei strahlt und gurrt er glücklich in die Runde, minutenlang, bis ihm aufgeht, dass er noch nicht weiß, wie er hier wieder runterkommt. Dabei helfe ich ihm dann. So machen wir das stundenlang, und er ist dabei so fröhlich und unternehmungslustig, dass es wirklich eine Freude ist, in seiner Nähe zu sein. Ich glaube wirklich, der wird mit zehn Monaten laufen, und habe ein bisschen Angst, denn gesund ist das laut Kinderarzt nicht (wobei der das vielleicht damals nur zur Beruhigung gesagt hat, weil Kalle sich so viel Zeit gelassen hat). Und! In der Nacht von Montag auf Dienstag hat er zum ersten Mal durchgeschlafen, von 20 bis 6 Uhr! Ich bin daraufhin gestern pfeifend durch den Tag gehüpft, habe heute Nacht direkt von einem dritten Kind geträumt (wobei es in dem Traum vorrangig um die Mahlzeiten ging, die auf dieser Phantasie-Wochenstation serviert wurden), und habe so dermaßen Oberwasser, dass ich mir eine scheuern würde, wenn ich nicht ich wäre. Und kaum ist Michel ein bisschen freier, bin ich es hoffentlich bald auch und kann mit der neuen Energie, die mir der lang vermisste Schlaf bringen wird, endlich wieder all die Dinge machen, die andere Erwachsene auch tun! Sachen lesen, Sachen schreiben, Sachen kochen, noch mehr Sachen kochen meine ich, Unkraut jäten, Hemden bügeln, den Stau auf dem Festplattenrekorder wegglotzen, Abende mit Wein auf der Couch verbringen, ausgehen, (Zelda spielen, hüstel...) und und und. Und dann berichte ich bestimmt auch noch mal ausführlicher von New York und von der Hochzeit meiner Schwester, auf der wir das letzte Wochenende verbracht haben. Vielleicht findet sich sogar ein unscharfes Foto von Kalle im Matrosenanzug? Mal sehen.

Nein, mit Michel ist alles gut. Mit wem nicht alles gut ist, ist Kalle. Montag waren wir beim Kinderarzt zur U7, und es gibt ein Problem. Wieder mal eins, das "extrem selten" und "seit 15 Jahren in dieser Praxis nicht vorgekommen" ist. Die Fontanelle ist noch nicht zu, auch nicht annähernd, bestimmt vier Quadratzentimeter weiche Schädellose schädeldecke hat er mitten auf dem Kopf. Natürlich habe ich das bemerkt, aber ich dachte immer: so ist das bei kleinen Kindern, erst ist sie offen, und dann wächst sie irgendwann zu. Ich wusste nicht, dass es dafür eine Deadline gibt. Jetzt hoffen wir, dass sie bald zugeht. Und beim Spielen wird er ab sofort einen Helm tragen müssen. Zwei Stück habe ich bestellt, einen für die Kita, einen für Zuhause, und die kommen hoffentlich morgen an. Ich weiß, vermutlich ist das alles gar nicht schlimm, und besser zu spät als zu früh geschlossen, aber... ächz. ("Du musst auch immer was Besonderes sein", hat mein bekloppter Exfreund mir gerne vorgeworfen. Muss ich nicht! Glaub mir einfach, muss ich nicht! Ich lege absolut keinen Wert darauf, auch nur noch einmal im Leben von einem Arzt zu hören, dass sowas noch nie war.)