Freitag, 31. Juli 2009

Unheimliche Begegnung

Wieder ein Besuch in meiner alten Firma. Und als ich gerade durch die Haustür unten bin, kommt mir ein alter Kollege entgegen. Keiner meiner engsten Freunde, nur jemand, mit dem ich ein paar mal zu tun hatte. Und er strahlt mich an, legt mir die Hand auf den Bauch und sagt "Na, das wird ja jetzt auch immer runder, schön!"

WATT?

Nur zur Erinnerung: Die Firma ist der einzige Ort, an dem es niemand weiß und auch niemand wissen soll. Ich hab es dort niemandem erzählt. Die paar, die ich eingeladen habe, werden es nach meiner Hochzeit wissen, aber bis dahin sind es noch drei Wochen, in denen ich auch fein stille sein will.

Und überhaupt, was heißt hier "immer runder"? Wer ist hier bitte rund? Ganz zu schweigen von runder?

Setzt euch doch, wollt ihr Kuchen?

Gerade gehe ich auf den Blog und frage mich: was ist denn HIER schon wieder los? Woher kommen all die Leute und Kommentare? Und dann sehe ich: schon wieder ist wunschkinder.net dran Schuld, genau wie beim ersten Mal, und ich freu mir ein Loch in den Bauch, dass ihr alle hier seid. Übrigens muss sich der Wunschkinder-Mann keine Sorgen machen, ich bin sehr geschmeichelt darüber, dass es ihm fast ein bisschen leid tut, dass ich nun auf die (Gähn) schwangere Seite gewechselt bin. Ich bin ganz gerührt über die vielen netten Kommentare, und ich wünsche natürlich allen, die gerade in irgendeinem Abkürzungs-Zyklus-Dings stecken, dass alles fluppt und gut ausgeht, dass ihr es schafft, durch diesen Sturm sauber durchzusteuern, und dass ihr auch bald auf der langweiligen schwangeren Seite ankommt. Und denen, bei denen es schon geklappt hat, wünsche ich natürlich, dass es auch wirklich langweilig wird in den nächsten Wochen, STINKlangweilig sogar, ohne Katastrophen in der Unterhose und mit Arztterminen, die ein einziger Spaziergang sind.
Und dann sind da noch die, die sich inzwischen entschieden haben, es jetzt gut sein zu lassen. Denen wünsche ich, dass sie nie vergessen, warum sie sich so entschieden haben, und dass das Leben ihnen jede Menge von den Dingen bringt, die ihnen klarmachen, dass sie es richtig gemacht haben.

Hapüh. Genug Rührseligkeit verbreitet.

Gestern waren die Mädchen zu Besuch und haben meinen „Ich kann doch nicht den ganzen Tag hier rumliegen, verdammt noch mal, eine Stunde in der Küche wird erlaubt sein, wer bin ich denn“-selbstgebackenen Kuchen gegessen, und ich hab ihnen das Bild vom Würmchen gezeigt. Tiefe Ratlosigkeit. „Aha. Und wo siehst du da jetzt den Kopf?“ Eine hielt sogar die kleinen Striche, mit denen der Arzt die Länge markiert hat, für die Beinchen. Ist es zu fassen? Erst dachte ich, die Mädchen sind eben ein bisschen blöd, geahnt habe ich es schon immer. Aber dann ist mir klar geworden, dass es längst zu spät ist und ich eine von denen bin. Eine von den verstrahlten Schwangeren. In den letzten Tagen hat man aus meinem Mund sogar solche Sätze gehört wie „Ach, auf Alkohol habe ich gerade irgendwie gar keine Lust“ und „Huah, schon elf? Gute Nacht!“
Und dann gehe ich ins Bett und lese einem 6,5 mm großen undefinierbaren Dings, das für menschliche Sprache so empfänglich ist wie ein Rosenkohl, eine Geschichte vor.

Ekelhaft. Das ist einfach nur widerlich.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Hab ich übrigens erwähnt,

dass das Schaf auf meinem Hals, das mir nachts die Luft abgedrückt hat, kein Schaf war, sondern meine Schilddrüse? Mit den Hormonen und jetzt der Schwangerschaft habe ich mir eine hübsche kleine Schilddrüsenunterfunktion angezüchtet, und die war schlimmer geworden. Jetzt hab ich stärkere Tabletten, und das Schaf ist Geschichte. (Schilddrüse. Schon wieder ein ekliges Wort mit Drüse.)

Würmchen, es tut mir leid, aber deine Mutter hat einen Knall

In Harry & Sally gibt es eine Stelle, an der Sally denkt, sie wäre doch eigentlich unkompliziert, und Harry sagt, „Du denkst, du bist unkompliziert, aber du bist kompliziert. Das sind die Schlimmsten.“

Hier irrt sich Harry. Die Schlimmsten sind die, die kompliziert sind, das auch im Grunde genau wissen und trotzdem ums Verrecken für unkompliziert gehalten werden wollen. Es ist, als würde Sally sich einen Apfelkuchen bestellen, „einfach ein Stück Apfelkuchen, egal“, und wäre dann todtraurig, dass die Eiskugel obendrauf ist und nicht daneben.

Ich bin so eine. Ich bin die, die nie den Geschäftsführer sprechen will, sondern einfach nie wieder kommt, und zwar wegen einer Sache, die anderen völlig egal wäre, und die trotzdem beim nächsten Mal wieder so tut, als wäre sie der unkomplizierteste Gast im Lokal. Meine Spaghetti Vongole müssen immer ohne Tomaten sein, aber mit Wermut, mein Steak immer blutig, meine Fritten immer genau SO und NICHT ANDERS, mein Bier immer in einem Glas ohne Goldrand und mein Tee immer mit kochendem Wasser gemacht, und auf gar keinen Fall will ich eine Tasse mit heißem Wasser bekommen und einen Teebeutel daneben. Aber brauche ich deshalb zwei Minuten, um eine Tasse Tee zu bestellen? Nein, ich bestelle einfach Tee, denn ich bin ja die unkomplizierte Flora, und hinterher mag ich ihn nicht, und wenn es ganz blöd läuft, auch das Lokal nicht mehr.

Beispiel Nr.1: L.s Mutter kümmert sich mit ein paar Frauen aus dem Dorf darum, die Dorfkirche für die Hochzeit zu schmücken. Sie hat mich gefragt, was für Blumen ich mag, und ich sage voller Überzeugung: „Ich mag eigentlich alle Blumen!“ Zwei Wochen später erzählt sie, sie hätten sich überlegt, vor allem Sonnenblumen zu nehmen, denn die sehen so freundlich und sommerlich und ländlich aus. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Sonnenblumen sind so ziemlich die einzigen Blumen, die ich überhaupt nicht mag. (Denke ich jetzt. Bis jemand mit Usambaraveilchen, Gerbera, Calla, Chrysanthemen oder diesen roten Dingern mit dem Schilfrohr in der Mitte ankommt.) Aber wie sage ich das, ohne dass es falsch ankommt und ohne dass ich undankbar oder sogar (keuch!) zickig und kompliziert wirke? (Wer jetzt denkt „Was ist das denn für ein Quatschproblem“, hat vollkommen Recht.)

Beispiel Nr.2: Ich gehe zum Friseur, und als er mich fragt, wie ich es gerne hätte, sage ich, er sollte einfach mal machen, ich vertraue ihm. Das Ergebnis ist, dass er mich innerlich zum lässigsten Kunden des Tages krönt und ich mich hinterher in den Schlaf weine und die nächsten zwei Wochen damit verbringe, zu versuchen, durch pure Konzentration meine Haare dazu zu kriegen, doppelt so schnell zu wachsen.

Beispiel Nr.3: Ich arbeite mit Hochdruck daran, dass mich meine Freunde, meine Familie und L. für eine unkomplizierte, lockere Schwangere halten. Hey, ich bins, nur jetzt eben mit einem kleinen Würmchen im Bauch, seht ihr, ich bin so locker, ich nenne es noch nicht mal „Kind“ oder „Baby“, denn wer weiß, vielleicht geht ja noch alles schief, und wir wollen die Sache doch nicht zu hoch hängen? Und dann kommt L. nach Hause, hat sich Sushi aus Krebsfleisch (Krebsfleisch. Durchgekocht und damit vollkommen harmlos. Krebsfleisch steht auf der Liste der guten Lebensmittel, Krebsfleisch lebe hoch!) gekauft und will mir zauberhafterweise was abgeben, und ich kann nicht, weil ich Angst habe, dass es mit dem gleichen Messer und auf dem gleichen Brett geschnitten wurde wie das normale, gefährliche Sushi. Und obwohl ich es nicht anrühre, wache ich morgens schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe, ich hätte von dem Teller, auf dem das Sushi lag, etwas anderes gegessen, und ich kann mich kaum beruhigen. (Neulich habe ich geträumt, ich hätte geraucht. Ihr hättet dabei sein sollen.) Und nur zwei Minuten später verstehe ich die Welt nicht mehr, weil meine Mädchen Angst haben, mit mir in einem Ostseedorf außerhalb der Reichweite jedes noch so winzigen Krankenhauses das Wochenende zu verbringen. Vor ihrem inneren Auge spielen sich schreckliche Szenen ab, in denen ich mitten in der Nacht in einem Blutschwall erwache und wir nichts tun können, woraufhin der Geist meines verlorenen Kindes auf ewig um uns herumspukt. Das ist eine Angst, die einen ganz realen Hintergrund hat (ich blute immer noch und soll mich schonen), eine völlig vernünftige und erwachsene Sorge. Und ich denke für ein paar Minuten allen Ernstes: Wieso sind nicht alle so unkompliziert wie ich? Ey, Locker!

Mittwoch, 29. Juli 2009

Liste ekliger Wörter in der Schwangerschaft

Selten in meinem Leben habe ich mit so vielen ekligen Wörtern zu tun gehabt wie jetzt. Dabei sind es Wörter, die fiese Assoziationen wecken (wie „altes Blut“) und Wörter, die einfach einen fiesen Klang haben (wie „Sperma“, ein Wort, bei dem ich an ein osthessisches Kaff in der Nähe von Fulda denke, in dem der Hund begraben liegt, das Wetter immer mies ist und man Gefahr läuft, dass einen irgendwer aus reiner Langeweile verdrischt). Manche Wörter punkten sogar auf beiden Gebieten.

Hier kommt die Liste, die ich aber gerne noch ergänze:
Mutterkuchen
Dottersack
Nachgeburt
Stützstrumpf
Abnabeln
Befruchtung
Brustdrüse (überhaupt „Drüse“)
Eiweißshake
Scheidenzäpfchen
Kolostrum
Krampfadern
Hohlwarze
Käseschmiere
Hämorrhoiden
Juckreiz
Schmierblutung
Verhecheln


Huääääh. Huäääääääääääh.

Nachricht an die Hasen

Ich hab mir das noch mal angesehen, und scheinbar zickt die Kommentarfunktion immer nur beim ersten Versuch. Also einfach den Kommentar noch mal abschicken, falls eine Fehlermeldung kommt, und dann ist alles gut. Wieso das aber so ist, weiß kein Mensch. Einerseits werden aus undefinierbaren kleinen Klümpchen innerhalb weniger Tage plötzlich Männchen machende Würmchen, andererseits hat das Internet seine Tage. Es ist eine verrückte Welt.

Blümchen, bist du groß geworden

Ich würde euch ja so gerne ein Bild vom Würmchen zeigen. Aber im Moment ist der Scanner unter einer meterdicken Schicht Papiere und Zeitungen und Kram begraben. L. versichert mir, dass das nur ein Zwischenstadium ist auf dem Weg in eine Zukunft, in der unser verbotenes Zimmer das Prunkstück der Wohnung sein wird. (Irgendwann, ganz irgendwann soll es dann mal das Kinderzimmer werden. Aber bis dahin ist es der geheimnisvolle Ort, an den Papiere, die keiner mehr braucht, zum Sterben gehen.)

Jedenfalls: kein Scanner, kein Bild. Aber ich kann ja versuchen, das Würmchen für euch zu beschreiben. Also. Das Würmchen befindet sich in einer Fruchthöhle, die die Form eines Mondfisches hat. Ihr wisst nicht, wie ein Mondfisch aussieht? Zum Glück gibt es das Internet. (Natürlich hat die Fruchthöhle keine Flossen, aber sonst stimmt die Form.) Die Fruchthöhle zeichnet sich schwarz gegen das hellgraue Gekrissel der Gebärmutter ab.

Da, wo der Mondfisch sein Auge hat, sieht man in der Fruchthöhle den runden Dottersack. Schon wieder ein hässliches Wort in dieser Schwangerschaft! Darum wird er auch in den nächsten Wochen komplett verschwinden.
Und an dem Dottersack hängt das Würmchen. Das Würmchen ist laut Ultraschall vom Scheitel bis zum Steiß 6,5 mm groß, wobei es seit gestern angeblich schon wieder einen Millimeter gewachsen ist. Aus Kinnern werde Leut! Wie meine ängstliche Oma sagte (auch wenn sie natürlich tief im Inneren glaubte, aus Kinnern werden erst mal Opfer von Verbrechen und schlimmen Unfällen und daher vermutlich keine Leut.)
Für mich ist vollkommen klar, wo da Scheitel und wo da Steiß ist, L. sieht das anders. Ich meine sogar, ich sehe schon Arme und Beine. Und weil das mein Blog ist und nicht L.s, zählt hier allein meine Meinung, nach der das Würmchen im Moment folgendermaßen dasitzt: Oben ist der Kopf, der leicht nach vorne gekippt erscheint, dann kommt der kleine dicke Bauch, die Ärmchen sind beide nach vorne gestreckt, und die Beinchen auch. Es macht Männchen!

Momente, in denen ich seit gestern das Ultraschall-Bild hingerissen angestarrt habe: 273
Striche auf der Tafel in der Küche, für jeden Schwangerschaftstag einen: 50
Karos auf meiner Bettdecke nach letzter Zählung: 12.340
Spontane Kotzanfälle: 0
Zugenommene BH-Größen: 0
Zugenommene Kilos: 0 (das bleibt besser so, es wäre vermutlich billiger, mir fix ein Kilo abzusaugen oder wegzuhypnotisieren, als das Brautkleid noch mal zu ändern)
Wahnsinnig sanfter, mütterlicher, weicher und weiblicher Ausdruck in meinem Gesicht: 0
Tränen beim Anblick fremder Kinder: 0
Tränen beim Anblick klitzekleiner Schuhe, Hosen, Fahrräder etc.: 0
Tränen ohne jeden Grund: 0
Irre Kicheranfälle ohne jeden Grund: 784

Dienstag, 28. Juli 2009

Wunderkind

Ich fasse es nicht, L. fasst es nicht, die Mädchen fassen es nicht, und dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hat der Arzt es auch nicht gefasst. Aber wir haben einen Herzschlag und ein Würmchen, bei dem klar ist, wo oben und unten ist und das vom Scheitel bis zum Steiß 6,5 mm groß ist. Alles ist genau so, wie es in dieser Schwangerschaftswoche sein soll (auch wenn ich mittlerweile gar nichts mehr raffe, aber scheinbar wird die SSW bei In Vitro anders berechnet, und überhaupt, ich hab eine Insider-Abkürzung verwendet: SSW! Das tu ich sonst nie, bin ganz aufgeregt!), das Blut hat mit dem Baby nichts zu tun, die Regelschmerzen auch nicht, ich soll noch eine Woche liegen, aber das tue ich mit Kusshand und verspreche auch hoch und heilig, nicht zu meckern und zu nölen.

Und nun schäme ich mich fast ein bisschen und fühle mich, als wäre ich eins dieser grässlichen Mädchen, die nach Klassenarbeiten immer gejammert haben, sie hätten bestimmt eine fünf, und dann ist es doch wieder eine 2+, und wenn man genau hinguckt, dann sieht man, dass sie auch noch sauer sind, weil es keine 1 ist. Genau so. Aber immerhin war es auch für den Arzt eine Überraschung. Und für uns ist es ein echtes Wunder. So ein unwahrscheinliches Wunder, dass ich immer noch ganz deutlich die andere Möglichkeit vor Augen habe, an der wir so dermaßen knapp vorbeigeschrammt sind und die immer noch für ein paar Wochen in der Luft hängt. Ich kann mir genau vorstellen, wie ich hier den anderen Eintrag gepostet hätte, in dem es darum geht, warum mein Leben trotzdem schön ist, welche Vorteile die Katastrophe hätte und warum vielleicht alles besser so ist. Ich kann mir auch vorstellen, wie ich mit den Mädchen auf der Couch rumgelungert hätte und Sushi bestellt hätte, drei Sorten mehr, als ich schaffe, und ich kann mir vorstellen, wie ich heute Abend zum ersten Mal wieder eine Alsterrunde gerannt wäre und mir bei jedem Zwicken im Unterleib gedacht hätte, zwick du nur, du Mistbiene, du hast mir in den letzten Wochen auch ganz schön oft wehgetan.

Woran lag es jetzt? Ich tippe auf Glücks-Schwangerschafts-Figur oder Glücks-Socken (meine graukarierten Spezialsocken), mein Vater vermutlich auf die Glückseidechse, kein Mensch weiß es, aber nach dem Termin hat mein Glücks-Cheeseburger so gut geschmeckt wie selten. Blut habe ich auch dagelassen, aber die Hormone haben mir noch nie Schwierigkeiten gemacht, das wird heute hoffentlich auch so sein. Nächste Woche muss ich noch mal zum Blutabnehmen, aber meinen Arzt sehe ich so schnell nicht wieder. Wir haben einen großen Zettel mitgenommen mit lauter geheimnisvollen Abkürzungen drauf (ich habe ja langsam das Gefühl, ich bin die unprofessionellste Schwangere der Welt, alle scheinen diese Kürzel perfekt draufzuhaben und sich auch wirklich dafür zu interessieren – und während es mir immer reicht, zu wissen, dass meine Hormonwerte ok sind, können andere ihre Werte bis auf die Kommastelle runterrasseln), unten stehen mit Kuli erst die schlechten Nachrichten von letzter Woche und dann die guten von dieser, und mit diesem Zettel in der Tasche gehe ich zu meinem nächsten Termin am 15. August, und zwar bei einer ganz normalen Frauenärztin, wo die ganz normalen Frauen mit ihren ganz normalen Schwangerschaften hingehen dürfen. Und in der Klinik lasse ich zwar noch ein mal Blut, aber keinen Angstschweiß mehr.

Montag, 27. Juli 2009

Gute Momente, schlechte Momente, müde Momente

Es gab Momente in den letzten Tagen, in denen habe ich überhaupt nicht dran gedacht. Zum Beispiel die, in denen ich mit L. Marienkäfer-Polizei im Schwimmbad gespielt habe, wir waren im Wochenendhaus seiner Familie auf dem Land und haben hunderte von Marienkäfern vor dem Ertrinken gerettet. Ich hab sie mir immer auf den Kopf gesetzt und bin mit ihnen an Land geschwommen. Oder der Moment, in dem wir mit dem Pflegehund von L.s Mutter spazieren waren und der Hund immer wieder aus dem Gebüsch auf uns zugerannt kam, dass die Erde donnerte, als würde eine Herde Büffel auf uns zustürmen. Oder der Moment, in dem ich mit dem dicken Zeh genau vor den Pflasterstein gelaufen bin. Oder der Moment, als ich festgestellt habe, dass es auf dem Frühstücksbuffet auch winzige selbstgebackene Kuchen gibt. Oder der Moment, als ich zum ersten Mal wieder im Kino meiner Kindheit war und es noch genau so roch wie früher und der Kinobesitzer sich wie damals von jedem einzelnen Gast an der Tür verabschiedete: "Gute Nacht, schlaft schön".
Es gab auch Momente, da kam es mir vor, als wollte die Welt mich mit der Nase mitten reinstoßen in den ganzen Mist. Der Moment, in dem wir im Wochenendhaus ankamen und L.s Mutter mich mit den Worten begrüßte "Ach, meine Süße, sieht man denn schon einen Bauch?". Oder der Moment, als wir unseren Wir-sind-ein-braves-Brautpaar-Besuch in der Kirche gemacht haben und sich herausstellte, dass in diesem Gottesdienst drei Kinder getauft werden und alle Lieder nur davon handelten, was für ein Schatz Kinder sind und wie dankbar wir dafür sein können, wenn sie uns anvertraut werden.
Ich glaube, L. hat für diese Runde aufgegeben, und das ist vermutlich besser so. (Am Freitag hat er eine Flasche Wein für sich und seine Mutter aufgemacht und mir auch ein Schnapsglas voll eingegossen. Das erscheint euch vielleicht als nicht besonders Desperado-mäßiges Verhalten, aber glaubt mir, ist es. Ich hab es nicht getrunken, auf die paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an.) Und dazwischen immer wieder Bluten, nicht Bluten, Schmerzen, keine Schmerzen, und das alles in jeder denkbaren Kombination (Nicht bluten, aber Schmerzen. Bluten, aber keine Schmerzen usw.)

Hilft ja nichts, oder? Morgen früh um elf bin ich schlauer. Und vielleicht offiziell nicht mehr schwanger. Auch wenn ich in den letzten Tagen auf alles geachtet habe, das aus mir rauskam und notfalls als wenn auch winziger Foetus durchgegangen wäre und trotzdem behaupten würde, da war nichts, wissen wir es nicht genau. Und schon wieder merke ich, dass ich ruckzuck etwas ziemlich widerliches hier hingeschrieben habe, ohne auf die zarten Gefühle und Mägen meiner Leser zu achten.

Ich würde gerne aus den letzten Stunden, in denen ich noch offiziell schwanger bin, etwas Besonderes machen. Aber ich weiß nicht, wie und womit. Ich bin plötzlich entsetzlich müde und will nur noch schlafen, dabei würde ich gerne an einen besonderen Platz gehen oder etwas Besonderes tun. Ich würde gerne später erzählen können, was ich gemacht habt, und falls es wider jede Wahrscheinlichkeit morgen nicht vorbei sein sollte, dann würde ich gerne eines Tages dem Würmchen davon erzählen, wie Mutti einmal dachte, sie würde es verlieren, und dann zum Abschied noch etwas wirklich Schönes und Cooles machte, nämlich *****, und dann am nächsten Tag erfuhr, dass ein Abschied gar nicht nötig gewesen wäre. Aber im Moment kann ich mir kaum vorstellen, meine Schuhe anzuziehen, geschweige denn, das Haus zu verlassen. Mit.... letzter.... Kraft.... poste.... ich... diesen... Ein....trag. Und nun ist gut für heute, ja?

Samstag, 25. Juli 2009

Warteschleife mit Doppelknoten

Der Bluttest, ob wir irgendwelche Krankheiten haben. Die Spermaprobe, ob alles gut ist. Der erste Ultraschall, ob ich Zysten habe und wie die Eibläschen wachsen. Der zweite Ultraschall zum gleichen Zweck. Der OP-Termin und das Warten nach dem Aufwachen, bis der Arzt kommt und sagt, wie viele Eizellen er gefunden hat. Der Anruf einen Tag später, wie viele davon sich befruchtet haben. Die Rückübertragung, bei der wir erfahren haben, wie viele immer noch gut aussehen und eingesetzt oder eingefroren werden können. Der erste Schwangerschaftstest. Der Anruf vier Stunden später. Der zweite Test zwei Tage später. Der dritte Test eine Woche später. Der vierte Test noch eine Woche später. Und jedes Mal hoffen, dass nicht zu viele Idioten ausgerechnet jetzt anrufen, weil ich jedes Mal beinahe aus meiner Haut springe, wenn das Telefon klingelt. Der erste Ultraschall. Der zweite Ultraschall. Ja, wir freuen uns, aber wir warten auf Mittwoch/Dienstag/Samstag/Donnerstag.

Dienstag ist wieder so ein Tag, und ich hoffe so sehr, dass es entweder wie durch ein Wunder steil bergauf geht (was trotzdem bedeuten würde, dass mich anstehende Termine so nervös wie nie machen würden, nachdem ich jetzt weiß, wie wacklig das alles ist). Oder - falls nicht - dann soll es bitte vorbei sein, und zwar am liebsten innerhalb der nächsten Tage. Ich habe letzten Samstag, als es anfing zu bluten, langsam damit angefangen, mich von meiner Schwangerschaft zu verabschieden. Jetzt kann sie auch gehen. Wenn sie für die nächsten acht Monate bleibt, bin ich natürlich die glücklichste Flora der Welt. Aber wenn sie sowieso geht, dann soll sie jetzt gehen und nicht noch endlos hier rumhängen und auf alkoholfreies Hefeweizen spekulieren.