Montag, 9. November 2009

Mondgesicht, Mondbauch und Mondpopo

Kann sein, dass ich mich im Laufe der letzten Woche schon so an das Mondgesicht gewöhnt habe, dass ich es kaum noch bemerke. Kann aber auch sein, dass das eine vorübergehende Erscheinung war und schon wieder verschwunden ist. Aber falls es noch da ist, hat das Mondgesicht Gesellschaft bekommen von Mondbauch und Mondpopo.
Ich weiß schon, dass jetzt nicht die ideale Zeit ist, um zu viel über sein Gewicht nachzudenken, geschweige denn die Zeit für irgendwelche Radikalkuren. Aber ich habe schon versucht, in den letzten Wochen gesünder zu essen, weniger fetten Schweinkram, weniger Alkohol, und mehr Bewegung. Es gab Tage, da bin ich mit meinem kleinen weißen Schrittzähler in der Tasche mal eben so zu einem 25.000-Schritte-Spaziergang aufgebrochen. Und seitdem das neue Wunderding, wii fit plus, im Haus ist, beginne ich jeden Tag mit 45 Minuten Yoga. (Ich kann das neue Programm gar nicht genug loben. Stellt euch vor, dass ich hier sitze mit so einer Schluppenbluse, Fönfrisur und einer Sternzeichenanhängerkette wie eine der QVC-Tanten, dann habt ihr in etwa einen Eindruck, WIE begeistert genau ich bin. Nein, die zahlen mir kein Geld dafür, aber müssen sie auch nicht, denn alles, was an der alten wii fit genervt hat, ist nun besser! Auf der alten wii musste man z.B. beim Yoga nach jeder Übung erst eine neue Übung auswählen, und wenn man dann die Fernbedienung beiseite gelegt hatte und loslegen wollte, wurde man noch belehrt, dass man sich auch festhalten kann, wenn man zu wackelig steht, so dass man die Fernbedienung doch noch mal nehmen musste, und am Ende waren 90 Sekunden Übung umgeben von drei Minuten Gefuddel, so dass man für eine halbe Stunde Yoga eine Stunde auf dem Ding stand. Aber das ist nun alles vorbei, und ich bin sehr, sehr glücklich.) Jedenfalls nützt es im Moment nichts. Jeden Tag, wenn ich auf die wii steige und meinen Fitnesstest mache, wiege ich ca. 300 Gramm mehr. Da kann ich mir noch so viel verkneifen und noch so viel spazieren und herabschauende Irgendwas turnen, es nützt nichts. Und ich trage zwar nicht wirklich eine Schluppenbluse, aber im Moment sitze ich hier in meiner labberigsten Jeans, die deutlich auf dem Weg zur Stehjeans ist.

Gut. Wenn man sonst keine Sorgen hat?

Sonntag, 8. November 2009

Die Klatsche nach der Euphorie

Früher, so vor drei-vier Jahren, gab es mal eine Zeit, da hatte ich bis zu drei mal pro Woche Migräne. Und zwar mit allen Schikanen: Wahrnehmungsstörungen, Schmerzen, Kotzen. Meistens nicht besonders lang, und aus reiner Arbeitgeberfreundlichkeit auch gerne am Wochenende oder Nachts, so dass ich mich am nächsten Morgen nach einer Nacht vor dem Klo mit nur ein-zwei Stunden verspätung zur Arbeit schleppen konnte. Aus irgend einem Grund hat das irgendwann aufgehört. L. sagt, das könnte an ihm liegen, der ist die Migränetherapie auf zwei Beinen: zwei seiner Freundinnen hatten auch Migräne, und während sie mit ihm zusammen waren, kam die Migräne so gut wie nicht mehr vor. Noch ein Grund mehr, wieso L. ein echter Glücksgriff ist.

Meine letzte Migräne ist schon ungefähr zwei Jahre her. So lange, dass ich schon kaum noch mit einer neuen Migräne gerechnet hätte. Und so lange, dass ich schon wieder ganz vergessen hatte, dass bei mir besonderer Tatendrang, der fast schon an Euphorie grenzt, mal ein ziemlich zuverlässiger Vorbote von Migräne war. Gestern zum Beispiel wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass der Ausbruchsversuch in Richtung Fortsetzungsbuch irgend etwas mit Migräne zu tun haben könnte. Hatte er aber. Bis zehn gestern Abend war die Welt in Ordnung, und dann ging der Spaß los.

Migräne war bei mir immer schon begleitet von entsetzlichem Selbstmitleid und dem großen, heulenden Elend. "Wieso ich? Wieso nicht meine blöde Nachbarin, die schon wieder eine Ein-Mann-Schlagerparty nachts um zwei feiert?" Ich lag da, mein explodierter Kopf auf drei Kopfkissen verteilt, zwischendurch die endgültig schädelsprengenden Kotzattacken, und mir gingen alle Gelegenheiten meines Lebens durch mein brabbeliges Gehirn, bei denen entweder ich mich blöd benommen hatte oder sich jemand mir gegenüber nicht recht betragen hat. Uärg. Und wie früher, zu Zeiten, als es noch einen Arbeitgeber gejuckt hat, war der Spuk pünktlich um neun vorbei.

Nein, ich will euch jetzt nicht sagen, dass der ganze Buchplan nur ein Symptom war und ihr ihn lieber wieder vergessen solltet. Aber so schnell geht es, fürchte ich, nicht. Denn heute hab ich dafür keine Zeit, und nächstes Wochenende bin ich nicht im Lande, und übernächstes und überübernächstes vermutlich auch nicht. Ich fang irgendwann sehr bald damit an - das hab ich mir selbst versprochen, sonst dreh ich hier noch durch - aber so ganz im Blindflug geht es nicht, ich muss mir erst mal überlegen, wo die Reise hingehen soll.

Aber dann!

Samstag, 7. November 2009

Ausbruchsversuch

Ich sitze hier, ohne Job, und fühle mich wie die Vollgurke des Jahrhunderts. Trotz meiner wirklich beeindruckenden Liste von Preisen, die ich im Lauf der Jahre für meine Arbeit bekommen habe, trotz eines 1A Lebenslaufs kriege ich einfach keinen Fuß in die Tür. Es ist frustrierend, es ist blöd, und es ist demütigend.

Nun habe ich mir Folgendes überlegt.

Schreiben im Job darf ich gerade nicht. Und das, wo Schreiben mein Beruf ist und nebenbei das einzige, was ich kann (Neben Quatsch ausdenken). Das Geheimprojekt hängt auch in der Warteschleife. Aber trotzdem bin ich ein freier Mensch, ich kann tun und lassen, was ich will. Das ist mehr, als manch anderer von sich sagen kann. Und deshalb fasse ich heute den Entschluss zu folgendem Befreiungsversuch:

Ich schreibe einen Roman. Hier im Internet. Genauer gesagt, einen Fortsetzungsroman. Auf meinem Rechner sind ca. acht verschiedene Anläufe für Geschichten, die ich gerne erzählen würde. Ich bin mir nur leider nie gut genug, kann mich nicht entscheiden usw.
Damit ist nun Schluss. Ihr seid meine Einpeitscher. Morgen, spätestens um acht, steht ein Eintrag, der das erste Kapitel zu einem Buch darstellt. Und wenn sich niemals jemand findet, der es drucken will, dann scheiß der Hund drauf.

Die Adresse schreibe ich euch morgen, versprochen!
Und seid nicht böse, wenn es nichts mit irgendwelchen Kinderwünschen zu tun hat. Oder wenn doch.

Die Weltmeisterschaft im Rumhängen

... findet spontan heute in Hamburg statt. Vor einer halben Stunde hat L. das Haus verlassen, um bei irgend einem Turnier mitzuspielen. Seitdem habe ich schon im Schlafanzug vorm Fernseher zwei Toasties verdrückt, und wenn es nach mir geht (da fällt mir ein - heute geht es nach mir und nur nach mir!! Hurraaaa! Sport ist doch was Feines.), werde ich mich heute nur anziehen, um einen kurzen Raubzug zum Supermarkt und zum Fischgeschäft zu starten. Mir bleiben noch insgesamt 14 Stunden allein in dieser Bude, die voller Möglichkeiten steckt. So wenig Zeit, so viele Rezepte! Und so viele DVDs!

Gut. Die Disziplinen der WM im Einzelnen:
- Essen großer Mengen von Wohlfühlessen
- Erreichen der höchsten Bequemlichkeit, die in nicht für den Weltraum gefertigter Kleidung möglich ist
- Literweise Tee trinken, plus die Disziplin für Fortgeschrittene: Tee trinken, auf dem Rücken liegend
- Rekordversuch über die längste Zeit, die jemals eine Haarkur auf einem Kopf verteilt war
- Vollkontaktfußpflege
- Glotzen mit den Unterdisziplinen Krimi, Klassiker, Kostümfilm, Hysteric Glamour
- Telefonieren bis zum Telefonarm

Natürlich weiß ich, dass zu einer vernünftigen WM auch andere Teilnehmer außer mir zugelassen sein müssen. Nur zu. Ich will euch da nicht im Weg stehen. Aber macht euch keine Hoffnungen, ich gewinne. Und zwar in jeder einzelnen Disziplin. Der Pokal hat seine eigenen Gesetze, und dieses Gesetz bin heute ich.

Freitag, 6. November 2009

C ist raus.

Sicherheitshalber habe ich es nicht nur von der Abstimmung im Blog abhängig machen wollen, sondern noch mal in der Klinik angerufen, ob ich mich denn gegen Schweinegrippe impfen lassen kann. Die nächste Impfstelle ist fünf Minuten zu Fuß von hier entfernt, Angst vor Spritzen habe ich auch schon lange keine mehr, nüscht wie hin. Aber die Klinik sagt: nein. Frauen, die schon in der Vorbereitung zu einem Zyklus stehen, sollen die Finger davon lassen.

Ich bin ja immer froh über klare Anweisungen. Es zieht sich zu einem Kopf- an Kopf-Rennen zwischen Rosé mit Sushi und einer Knallorgie zusammen.

20.000.

Genau genommen sogar 20.093. Und ich hab es erst gar nicht gesehen. Yippieeeh!

So. Womit feiere ich die 20.000 Besucher jetzt?

a) wir unterbrechen heute Abend die (zugegebenermaßen jetzt schon eher lockere) Prohibition, und ich trinke eine schöne Flasche eisgekühlten Rosé auf euch. Wer weiß, vielleicht spendiert L. ja der armen Gattin Sushi dazu. Lange hat er ja nicht mehr Gelegenheit, mir gegenüber zu sitzen und mir dabei zuzugucken, wie ich die Thunfischbestände der Welt weiter dezimiere.
b) ich brenne allen Knallkram ab, der letztes Jahr an Silvester liegengeblieben ist.
c) ich marschiere nachher los und lass mich gegen Schweinegrippe impfen. Wäre doch klüger, das zu tun, bevor ich schwanger bin.

Abstimmen!

Eine Kluft zieht sich durch diese Wohnung.

Im Schlafzimmer liegt L., der gerade mit sexy Kneipenstimme geknurrt hat, dass er vorerst keinen Capuccino will, nein Danke. Und hier sitze ich, nüchtern wie ein Apfel, mit meiner Tasse grünem Tee. Gestern Abend saß ich zwar mit Freunden auf der Couch (geb ich es zu? Na gut. Wir haben Popstars geguckt. Und wenn euch das nun zu prollig ist, dann guckt doch mal, ob nicht Giovanni di Lorenzo auch einen Blog schreibt, da gäbe es sicher weniger Anlass zum Nase rümpfen. Pfüh!), aber getrunken habe ich wie ein Spatz. Denn ich hatte zuhause schon über den Hunger gegessen, und das erste, was ich sehe, als wir da ankommen, sind drei Bleche Pizza. Und das letzte, was ich übers Herz brächte, wäre, jemanden zu enttäuschen, der für mich kocht. Ich überfresse mich gerne mal, aber das gestern war so schlimm, dass noch nicht mal mehr das kleinste Schlückchen Prosecco dazwischenpasste.

Männer sind schon fein raus, wenn es in die Befruchtungsmaschinerie geht. Und das sogar, wenn sie selbst die Ursache für den ganzen Ärger sind (was bei L. nicht der Fall ist, der kann überhaupt nichts dafür, und allein dafür, dass er das selbst noch nie auch nur in einem Nebensatz erwähnt hat, gönne ich ihm jede noch so lustige Kneipentour von Herzen.)
Dazu kommt auch noch, dass ich manchmal das Gefühl habe, Männer haben eine günstigere Mentalität. Die hilft ihnen dabei, bei jeder noch so wilden Fahrt immer zu wissen, wo oben und wo unten ist. L. zum Beispiel hat für die geliehene Befruchtungsbuchsammlung nichts weiter als Hohn und Spott übrig. Für ihn ist das irgendwelcher Kram, der in der Wohnung rumfliegt und im Weg ist. Er käme nicht im Traum darauf, eins der Bücher tatsächlich in die Hand zu nehmen und zu lesen. Und deshalb bleiben ihm meine Hirnfürze erspart, wenn ich auf Warnungen vor Alufolie stoße. Seine Einstellung zu unseren Erfolgschancen ist so ungefähr "Das wird schon klappen, wenn auch nicht so schnell, wie wir hoffen. Eine ziemliche Menge Glück gehört dazu, wenn wir das nicht haben, dann nützt uns auch die Alufolie nichts. Und wenn es nicht klappt, dann lassen wir uns etwas anderes einfallen."

Kann man aus dieser Lässigkeit bitte Pillen pressen? Ich würde sie kaufen und schlucken.

Mittwoch, 4. November 2009

Abkürzungs-Stammtisch, nu aber wirklich

Nachdem Schoko nun gesagt hat, sie wäre zwar dieses Jahr gerne noch mal dabei (was zwangsläufig bedeutet, Wochenend-Termin - richtig?), hätte aber nichts dagegen, wenn wir uns vorher schon mal beschnuppern, würde ich folgendes vorschlagen:

Stammtisch am ersten oder zweiten Dezemberwochenende. Da hat die Geschenkekaufpanik uns noch nicht zu fest im Griff. Wenn es nach mir geht, am liebsten Freitags, aber ich lass mich auch zu Samstags breit schlagen.

Und vorgelagerter kleiner Stammtisch gerne an einem Wochentag. Denn da wir anderen ja keine Landesgrenze überqueren müssen, um teilzunehmen, müsste das doch klappen? Sonst macht uns vermutlich der Vorweihnachtsfluch, wonach ab Mitte November die Wochenenden grundsätzlich verplant sind, einen Strich durch die Rechnung.

Wochentags kann ich immer außer Donnerstags. Und ich finde, Termine können wir gerne über diese Seite klären, den Ort machen wir dann einzeln per Mail ab - ok?

Rückübertragung? Laaaangweilig.

Den Countdown zu meiner ersten Auftau-Rückübertragung könnt ihr euch folgendermaßen vorstellen:
Ich wache irgendwann morgens auf, wenn es noch dunkel ist, und muss aufs Klo. (Nebenwirkung Nr.2, das passiert mir sonst eher nicht.) Bei der Gelegenheit gibt es meine Schilddrüsentablette. Zurück ins Bett, wo ich noch mal tief und fest einschlafe (Nebenwirkung Nr.3, auch das passiert mir sonst nicht, "tief und fest" sind keine Stichworte, die mir zu meinem Schlaf einfallen). Wenn ich dann auf bin, wundere ich mich ein bisschen, dass ich trotz alkoholfreier Zeiten so etwas wie einen Kater habe, wenn auch nur einen klitzekleinen. Dann gibt es grünen Tee (der putzt das Katerchen weg, und wenn jetzt jemand einen Kommentar schreibt, dass grüner Tee genau so verboten ist wie Kaffee oder schwarzer Tee oder Alufolie oder Lachen bei Vollmond, dann werde ich ungemütlich!) und dann eine Estrifam. Das Mondgesicht hat sich übrigens nicht weiter verstärkt. Estrifam und ich, wir sind nach wie vor miteinander im Reinen.

Dann geht der Tag seinen Gang. Wart ihr vorhin kurz neidisch, als ich erwähnt habe, ich würde morgens noch mal tief und fest einschlafen? Kann ich verstehen, das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite usw., aber an die von euch, die weiterhin jeden Tag ihren stressigen Job haben und am Ende jedes Monats ihr Gehalt auf dem Konto: wir können gerne tauschen. Ich maile meinen verschiedenen Eisen im Feuer hinterher, muss meistens auf irgend ein Amt in einem weit entfernten Stadtteil, telefoniere mit meinem Steuerberater, schreibe einen Post und raufe mir die Haare, dass immer noch keine Aufträge reinkommen. Jetzt ist es so ungefähr 16 Uhr. Meine traditionelle Grübelstunde. Ich frage mich, wieso ich diesmal so gar nicht aufgeregt bin angesichts der Blümchen in Lauerstellung. Vielleicht ja deshalb, weil L.s Mantra "freu dich nicht zu früh" inzwischen dank der Fehlgeburt ein ganz anderes Aroma bekommen hat. Selbst, wenn ich auch diesmal wieder positiv teste, und selbst, wenn die ersten zwei-drei Untersuchungen danach einwandfrei laufen, kann ich mich vermutlich noch nicht so richtig entspannen. (Inzwischen hat L. mit einem befreundeten Kinderarzt gesprochen, der in einer Hamburger Klinik auf der Geburtsstation arbeitet, und der hat ihm erzählt, die magische Grenze wäre eigentlich nicht nach dem dritten, sondern erst nach dem fünften Monat. Na toll. Das bedeutet, dass die sorgenfreie Zeit so ca. vier Wochen anhält, denn dann fängt man schon wieder an, sich wegen einer Frühgeburt zu fürchten oder sich vor der anstehenden Geburt zu gruseln.)
Vielleicht kommt die Befruchtungs-Langeweile ja auch daher, dass wir diesmal alles eine Nummer kleiner machen. Weniger Medikamente, ein weniger langer Plan von der ersten bis zur letzten Pille, weniger Chancen wegen der zwei Myome.
Oder die Langeweile kommt daher, dass mein Leben im Moment einfach leider ziemlich langweilig ist.

Jedenfalls, nachdem ich all das gründlich durchgegrübelt habe, koche ich, und beim Essen bespreche ich das alles noch mal mit L., dessen Hauptjob im Moment es ist, immer den Ball flach zu halten. So lange ich beteiligt bin, ist das eigentlich immer der wichtigste Job. Er macht ihn sehr gut. Dann geht L. zum Training, und weil Joggen immer noch weh tut, gehe ich auf die wii. Ihr lächelt milde und denkt euch, das soll Sport sein? Ich kann euch versichern, seitdem es wii fit plus gibt, ist es Sport. Ich habe im Moment Muskelkater an Körperstellen, an die ich seit Jahren nicht gedacht habe. Nachdem L. sich drei Stunden lang ausgetobt hat und ich drei Stunden Yoga, Schneeballschlachten, Fahrradfahren, Klappmesser und anderen Kram hinter mir habe, kommt L. nach Hause, macht sich ein Bierchen auf, und ich koche mir noch einen schönen Kräutertee. (An dieser Stelle hoffen vielleicht manche von euch darauf, dass ich euch nun endlich verrate, welche bizarren Sexualpraktiken wir pflegen oder wie wir rausgehen und alten Damen die Handtasche klauen, nur damit etwas Leben in die Bude kommt. Da könnt ihr leider lange warten, denn genau so langweilig, wie es sich liest, ist unser Leben im Moment.) Dann ist es Zeit für die zwei Abend-Estrifam, und ca. eine halbe Stunde danach ratze ich tief und - wie war noch dieses untypische Wort, wenn es ums Schlafen geht? Fest. Ach so, ja.

Dienstag, 3. November 2009

Wie Torsten aus meinem Vater einen Adoptionsgegner machte

In meinem Kindergarten gab es einen Jungen namens Torsten. Mit Torsten war ich weder befreundet noch verfeindet, wir hatten nichts miteinander zu tun. (Spricht man auch bei Kindergartenkindern schon von Cliquen, Possen usw.? Eher nicht, oder?) Nach dem Kindergarten gingen wir auf unterschiedliche Schulen. In der Großstadt hätten wir uns nie wiedergesehen. Aber weil ich aus einer kleinen Stadt komme, ist meine Mutter seiner Mutter öfter mal an der Käsetheke über den Weg gelaufen, und ein-zwei mal im Jahr habe ich ihn von Weitem auf dem Dorffest gesehen. Deshalb weiß ich, dass aus einem freundlich aussehenden Jungen mit braunen Kulleraugen im Lauf der Jahre ein Klops von einem Schläger geworden ist. Er wurde immer dicker und kräftiger, sah immer schlimmer aus mit seiner blöden Bomberjacke, und ich war ziemlich froh, dass er sich offensichtlich nicht so gut an mich erinnern konnte wie ich mich an ihn. Torsten hatte irgendwann auch Ärger mit der Polizei, alles war ein ziemliches Unglück, und was er heute macht, weiß ich nicht. Was auch immer es ist, ich hoffe, dass niemand dabei zu Schaden kommt.

Irgendwann hat meine Mutter mir erzählt, dass Torsten ein Adoptivkind war. Ich war in den ganz offensichtlichen Dingen immer schon ein ziemlicher Depp, sonst hätte mir vielleicht früher auffallen müssen, dass es doch komisch ist, wenn zwei so dermaßen durchschnittlich-mitteleuropäisch aussehende Eltern ein so braunes Kind haben.
Nachdem mir neulich mein Vater erklärt hatte, wieso er dagegen wäre, wenn wir ein Kind adoptieren würden, ist mir Torsten wieder eingefallen. Vermutlich denkt mein Vater daran, wenn er über Adoption spricht. In seinem Kopf holt man sich vermutlich "ein faules Ei ins Nest" oder so, man zieht ein Kind mit viel Liebe auf, und was bekommt man zum Dank? Nächtliche Anrufe, auf welchem Revier man den kleinen Schatz abholen kann.

Ach, Eltern. Ihr habt Sorgen.
Ich habe meine Eltern sehr, sehr gern. Und ab und zu merke ich schon, wie viel von ihnen in mir steckt. Auch, wenn es oft nur solche blöden Kleinigkeiten sind wie z.B., dass ich keinen Kuchen essen kann, ohne sofort etwas sehr salziges hinterherzuschieben. Das tut mein Vater auch. Oder bestimmte Wörter, die vermutlich nicht im Lexikon stehen, die ich aber von zuhause so kenne und die inzwischen mein halber Freundeskreis übernommen hat. Oder, wenn ich mich wie besengt über den ersten Schnee freue (wie mein Vater) oder wenn ich mich vier Stunden lang in ein Kochbuch vertiefen kann und ganz bestimmte Dinge niemals wegwerfen würde, egal wie alt und kaputt (wie meine Mutter). (Gerade merke ich, dass das nicht besonders trennscharfe Eigenschaften sind. Na gut.)
Aber obwohl ich sie so gern habe und auch eindeutig ihre Tochter bin, in jeder Hinsicht, in der man das sein kann, weiß ich trotzdem noch genau, dass ich immer schon ein sehr eigenes Leben geführt habe. Das heißt nicht, dass ich ein besonders unabhängiger Geist gewesen wäre oder irgend so etwas, sondern nur, dass meine Welt immer schon eine andere war als die meiner Eltern. Auch aus mir hätten eine ganze Menge Sachen werden können, die meinen Eltern nicht gepasst hätten. Obwohl mir ihre Meinung von mir immer schon wichtiger war, als mir lieb ist, hatten sie doch viel weniger Kontrolle über mich, als sie gehofft haben, weil ich immer ich war und sie immer sie. Was leibliche Verwandtschaft dazutut, kann ich nicht sagen, und sie vermutlich auch nicht. Eine Menge Leute, die sich viel eingehender damit beschäftigen, können das trotz aller Mühen auch nicht so richtig. (Vermutlich sind sie auch jetzt mit vielem nicht einverstanden, auch wenn ich euch zum Glück versichern kann, ein sauberes Vorstrafenregister zu haben.) Und ob sie mir die Torsten-Laufbahn leichter verziehen hätten, weil ich ja schließlich ihre eigene Tochter bin, das kann ich mir kaum vorstellen.
Ein großer Unterschied zwischen ihrer und meiner Welt ist aber vor allem, dass ich von alleine nie auf die Idee gekommen wäre, bei einem Adoptivkind als Erstes an den Ärger zu denken, den ich damit hätte. Ich denke auch nicht bei einer IVF als erstes an eine Fehlgeburt, Achtlinge oder irgendwelche Krankheiten von Mutter und Kind. Vor zehn Tagen, zurück vom Ausflug in den Süden, saß ich am Küchentisch einer Freundin (genau, das war der Plöpp-Plöpp-Plöpp-Abend, allerdings hatte zu diesem Zeitpunkt erst ein Plöpp gegeben), und wir haben auch über das Adoptionsthema gesprochen. Und nennt uns blauäugig, doof, unreflektiert oder sonst etwas - aber in diesem Moment fanden wir alle, dass es eine fröhliche, schlaue und für alle Beteiligten gute Idee wäre, wenn wir - falls es anders nicht klappt - einfach so ein fremdes, elternloses Baby aufnehmen und großziehen könnten. Das wäre doch toll! Und daran gibt es überhaupt keinen Zweifel! Menschen sind sogar dazu imstande, irgend einen Hund von heute auf morgen zu lieben und als Teil ihrer Familie zu sehen - wieso soll man das nicht mit einem Kind schaffen?

Ach, wenn es so einfach wäre.
Aber, liebe Eltern, so schwer, wie ihr denkt, ist es vermutlich längst nicht. Nur eben anders schwer.

Als ich vor vielen Jahren in meine zweite Hamburger Wohnung gezogen bin, in einen vollkommen verratzten Altbau in Eimsbüttel, und eine rauschende Einweihungsparty gefeiert habe, hat mein Vater mir am Telefon gesagt, ich sollte aber aufpassen, dass der Balkon nicht abbricht. Wie, um Himmels willen, passt man als Partygastgeber auf, dass der Balkon nicht abbricht? Seile? Tesa? Amulette? Es war ein gut gemeinter Rat, daran gibt es keinen Zweifel, genau wie diese kleine Ansprache zur Adoption. Ich weiß das. Aber der Ratschlag, zusammen mit all der geballten Gutgemeintheit und der Vorstellung, mein Vater könnte sich über ein adoptiertes Enkelkind nicht so recht freuen, lässt mich völlig ratlos zurück. Was kann man danach anderes denken als "Ach, Papa"?

Als ob man nicht genug Probleme hätte.