Dienstag, 27. August 2013

Und ausatmen.

Zwar hat Würmchen die Medela-Sauger geknackt, aber die Medela-Sauger offensichtlich nicht Würmchen. Ich erkläre hiermit die große Stillsaga, das vermutlich langweiligste Blogdrama aller Zeiten, für beendet. Ab jetzt pumpe ich ab und gebe Fläschchen. Und wenn das Pumpen irgendwann auch nicht mehr läuft, dann eben nur noch Fläschchen. Erstaunlicherweise läuft es aber wie nie: heute morgen z.B. kamen sagenhafte 140 ml aus mir raus, und das ohne größere Umstände. Nicht mehr zu stillen, tut mir offensichtlich gut. Die Hebamme hat es mit Fassung getragen, sie ist ja auch schon ein großes Mädchen.

Was bedeutet, ihr werdet hier so schnell nicht wieder seitenlange Abhandlungen über Muttermilch lesen müssen, es sei denn, es passiert etwas wirklich Atemberaubendes an dieser Front. (Was das sein könnte? Keine Ahnung. Muttermilch läuft nachts aus, findet ihren Weg zum Schalter meiner Nachttischlampe und löst einen Zimmerbrand aus? Muttermilch leuchtet plötzlich im Dunkeln? Muttermilch kommt aus meinen Ohren? Muttermilch im Gefrierfach findet durch einen grauenvollen Irrtum ihren Weg in einen Nachtisch für einen bunten Abend, und meine Freunde sprechen nie wieder ein Wort mit mir? Ich eröffne nach japanischem Vorbild eine Eisdiele, in der es aus Muttermilch hergestelltes Eis gibt, und werde schamlos reich? Wir werden sehen.)

Würmchen jedenfalls ist ebenfalls so entspannt wie nie nach der Geburt. Im Moment schläft er im Zimmer nebenan in seinem Bettchen, und ich habe ihn sogar wach (wenn auch mit etwas glasigem Blick) dort abgelegt. Lächeln kann er jetzt auch, Teufelskerl! Wie gerne würde ich euch ein Foto davon zeigen! Geht aber nicht, das hatten wir ja besprochen. Es sei denn, ich kaufe demnächst eine kleine Zorro-Maske bei Fahnen Fleck? Die Idee halte ich mal fest. (Die haben da auch niedliche Fliegenpilz-, Äffchen- und Panda-Masken.)

Inzwischen habe ich etwas getan, was ich eigentlich nicht mehr tun wollte: ich habe gegoogelt. Ich wollte rausfinden, wie schnell nach einer Geburt man sich der nächsten IVF zuwenden kann, ob sich das mit Muttermilch (ZACK, da ist sie doch schon wieder! Muss an diesen Bockshornklee-Kapseln liegen, Muttermilch überall) verträgt usw., und statt wie ein vernünftiger Mensch meine Kinderwunschärztin anzurufen, habe ich gegoogelt. Dabei bin ich natürlich nicht auf die Information gestoßen, die ich gesucht habe, sondern auf diesen Artikel aus dem Freitag, in dem eine Hamburger Ärztin interviewt wird zum Thema, was eigentlich aus IVF-Kindern wird, wie sie sich entwickeln, was die Eltern anders machen und erleben usw. Ich habe das mit großen Augen gelesen und war ausnahmsweise mal eher angetan von einem Zeitungsartikel zu dem Thema. Auch wenn ich mich hinterher gefragt habe: was bin ich denn für eine? Denn ein Ergebnis der Studie war, dass wir IVF-Mütter viel ängstlicher sind, unseren Kindern weniger zumuten können und wollen als andere Mütter, Schwierigkeiten haben, loszulassen, und mehr kontrollieren wollen. Und dann sitze ich hier: gestern Abend war ich mit meiner Schwiegermutter im Kino, L. blieb zurück mit Würmchen und zwei Muttermilchfläschchen im Kühlschrank. Während ich auf meinem Bett sitze und diesen Post tippe, liegt Würmchen nebenan in seinem Bettchen und ratzt - mit offener Tür, ok, aber nebenan. Und während dieses Rätzchens war ich schon im Keller, im Garten und kurz vor dem Haus an der Mülltonne. Ohne mir deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen! Im Kino gestern habe ich ihn schwer vermisst und mich öfter dabei erwischt, dass ich an ihn und sein rosiges, glänzendes Näschen denke statt vollkommen gebannt von der Handlung zu sein, aber mein Fazit war: da muss ich durch, es geht ihm gut (wie mir L. per SMS versichert hat), und Freiheit ist etwas Tolles, auch wenn sie manchmal ein bisschen weh tut. Und nun habe ich auch noch abgestillt? Wenn auch abgestillt light, mit Muttermilch per Fläschchen? Aus der Art geschlagen, scheinbar.


Samstag, 24. August 2013

Lagebericht von der Milchbar.

Von Sonnenaufgang bis abends bekommt Würmchen nur Medela-Fläschchen. Nach dem Stillen, versteht sich. Und er lernt schnell. Am ersten Fläschchen hatte er noch fast eine Stunde zu knacken. Das zweite ging schon schneller, das dritte noch schneller. Inzwischen trinkt er von den 170 ml PRE-Milch ca. 100 und braucht dafür so ungefähr zwanzig Minuten. Danach mag er nicht mehr, und ich stelle es weg. Dass das allerdings irgend etwas in Bezug auf das Stillen verbessert hätte, kann ich bisher nicht sagen. Er dockt tadellos an und trinkt dann auch, aber eben leider nur für ca. drei Minuten, dann gibt es das alte Programm: durchbiegen, kreischen, brüllen, hauen, kratzen, den Kopf mit viel Schwung zurückwerfen. Vielleicht schmecke ich doof? Milch ist dann jedenfalls noch da. Ich bin ratlos. Das letzte Fläschchen abends und das mitten in der Nacht haben allerdings immer noch die guten alten Nuk-Sauger, und ich kann bisher nicht beobachten, dass ihn das irgendwie beim Trinken an den Medela-Saugern irritiert.

Jetzt mache ich weiter mit der tagsüber-Medela-nachts-Nuk-Kombination. Zwischendurch pumpe ich auch mal ab, so oft ich den Nerv habe, die Pumpe zusammenzubauen und anschließend zu spülen und zu sterilisieren. Die Milch wandert dann ins Fläschchen oder in die Tiefkühle für Gelegenheiten wie vorgestern abend. Ich habe nämlich - oh Wunder, erster Erfolg des Still-Ultimatums - ausnahmsweise auch mal wieder etwas anderes zu berichten: Zweimal hatte ich Würmchen schon mit zum Mädchenabend bei einer meiner Freundinnen zuhause. Das ging gut! Zwar war der Abend für mich dann gegen zehn beendet, weil er einfach nicht mehr wollte und zu knötterig war (und weil ich dann so müde war, dass ich langsam Angst vor Sekundenschlaf auf der Heimfahrt bekommen habe). Aber die Tanten haben sich rührend um ihn gekümmert, und ich habe die Chance genutzt, mal wieder beide Hände zum Essen frei zu haben. Und vorgestern hatten wir Hochzeitstag, und zum ersten Mal haben wir ihn bei seiner Oma gelassen, die ihn für zwei Stunden gebabysittet hat. Ich habe ihn ihr gestillt, gefüttert und gewickelt übergeben, im Fläschchenwärmer stand eine Flasche Muttermilch für alle Fälle, für Oma hatte ich Tomate Mozzarella und Obstquark und ihr Lieblingsbierchen vorbereitet, und L. und ich sind in der Nicht-Familienkutsche schick Fisch essen gefahren. Zwei Stunden später waren wir wieder zuhause, und es hatte keine Katastrophe gegeben. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht.

Sonntag, 18. August 2013

Knöpfchen wechsel Dich.

Ich glaube fest daran, jetzt das Wundermittel für eine harmonische, ausgeschlafene und entspannte Mutter-Baby-Beziehung entdeckt zu haben. Es ist... Trommelwirbel: die Fön-App. Damit lässt sich auch das aufgebrachteste Kind Ruck-zuck beruhi... ach, nee. Wartet mal. Also noch mal Trommelwirbel. Es ist: erst zehn Minuten rumtragen und vorsingen, dann noch zehn Minuten auf dem Sofa sitzen und abwarten, dann vorsichtig auf die Seite in die Wiege legen. Klappt garantiert immer, wieso bin ich da nicht früher drauf geko... Mist. Nee. Jetzt doch nicht. Also noch mal Trommelwirbel für... Pucken! Pucken. Ich hätte das nie für möglich gehalten, aber diese mit niedlichen Tieren bedruckte Baby-Zwangsjacke, die mir eine Freundin mit vielsagendem Zwinkern vermacht hat, schafft es tatsächlich, aus einem zappelnden, brüllenden und krebsroten Baby ein schlafendes, rosiges, wonniges Dickerchen zu machen. Und aus einer triefäugigen, den Tränen nahen Mutter jedenfalls auch etwas Besseres. Bis dann irgendwann...

Es ist zum Durchdrehen. Täglich denke ich, jetzt endlich den Knopf gefunden zu haben. Und es funktioniert! Und ich bin selig und erzähle mit meiner Riesenklappe natürlich allen, wie super das alles klappt und wie glücklich wir sind und dass von jetzt an alles, wirklich alles gut wird. Der Zauber hält dann ungefähr 24 Stunden an, dann verliert der Trick jegliche Wirkung. Es ist wie eine Karte beim Monopoly, die man nur einmal ausspielen kann. Vorletzte Nacht war z.B. die Nacht des Puckwunders. Um sieben habe ich ihn gepuckt, und ich glaube, ich habe ihm dann gegen zwölf und noch mal gegen halb fünf was zu Trinken gegeben, woraufhin er bis halb elf geschlafen hat. Ich hätte ihn zur Feier des Tages gerne auf eine Runde Martinis im ganz großen Stil eingeladen, aber mach was. Schon in der nächsten Nacht war es, als wäre das alles nie passiert, und der Pucksack, den ich voller Vorfreude um ihn gewickelt hatte (nach einem Tag, den er gefühlt ausschließlich auf meinen erlahmenden Armen verbracht hat bzw. zur Abwechslung auch mal im Tuch, jedenfalls aber nicht schlafend im Bettchen) wurde nur mit Protestgebrüll aufgenommen. Gut, dachte ich, das legt sich, er muss sich erst erinnern, wie gut ihm das gestern getan hat, und setzte zu einer weiteren Runde tanzen und singen mit ihm an. Er wollte oder konnte sich aber leider nicht erinnern. Heute Abend kriegt der Pucksack bestimmt noch eine Chance (bevor er dann übermorgen wieder rausgewachsen ist aus dem Ding), aber bis dahin frage ich mich: gibt es den Knopf, oder ist das eine Fata Morgana, um müde Eltern zu quälen und um den Verstand zu bringen? Trage ich mein Kind vielleicht doch mal bei meiner Osteopathin vorbei? So ganz ohne war die Geburt ja nicht, vielleicht hängt ihm die noch nach? Oder muss ich leider damit leben, dass mein Baby und ich die nächsten Monate jeden Abend "Versteck den Knopf" spielen werden? Ich würde ja alles durchprobieren, aber in meinem schlauen Baby-Ratgeber steht, dass man damit das Kind erst Recht um den Schlaf bringt, wenn man zu abendlicher Stunde einen Trick nach dem anderen an ihm versucht wie ein aus dem Konzept geratener Magier, der zu Recht spürt, dass er sein Publikum verliert.

Also gut. Was wir jetzt schon machen:
Wir versuchen, nachts langweiliger zu sein als tagsüber. Nicht großartig auf das Kind einsummen oder einreden, keine lustigen Spielchen.
Wir legen ihn immer über die Seite ab, nie PLOPP! auf den Rücken.
Wir unterhalten ihn tagsüber. Und wie! In ein paar Monaten habe ich Arme wie Madonna, wenn das so weitergeht. So dass er abends eigentlich müde sein müsste.
Wir schieben täglich mit ihm an der frischen Luft spazieren. Zusätzlich gehe ich gerne mal mit ihm ein Ründchen durch den Garten. Denn Tageslicht und Geschuckel im Freien soll ja auch für einen gesunden Schlaf sorgen.
Wir achten darauf, dass er keinen Strampler trägt, der ihm zu klein wird.
Wir wechseln nachts nur noch die Windel, wenn die Windel sich regelrecht aufdrängt.
Nachts gibt es nur Schummerlicht.

Und dann das Schlafen tagsüber. Das ist noch mal ein ganz eigener Post.

Donnerstag, 15. August 2013

Das Beste kommt erst noch.

Seit ein paar Tagen wird er immer mehr... nein. Wollte ich ja eigentlich nicht mehr schreiben, so was. Also gut, wie dann? Ich habe das Gefühl, es tut sich was bei... nee, auch nicht. Vielleicht ja so: dass ich es kaum abwarten kann, bis er endlich lächeln kann, habe ich ja schon geschrieben. Aber es gibt eine Menge anderer Dinge, die ich kaum abwarten kann. Und das Schöne ist, seit ein paar Tagen tut sich etwas. Ich habe jetzt deutlich mehr zu tun, was erst mal nicht nach einer guten Nachricht klingt, denn auch die ersten drei Wochen waren... naja, doch ziemlich betriebsam. Trotzdem ist es die Sorte zu-tun-haben, auf die ich schon sehnsüchtig gewartet habe. Jetzt verbringe ich den Tag nicht mehr mit Füttern, Stillen, Wickeln und ab und an in die Wiege gucken, ob alles noch in Ordnung ist. Jetzt ist da auch eine Menge Geschunkel zu tun. Und Getrage. Und die Tour durch alle Zimmer des Hauses mit ausführlichen Erläuterungen und fünf Kilo Gewicht im Arm könnte ich inzwischen auch nachts um drei geben. Fakt ist, ich habe sie schon mehrfach nachts um drei gegeben. Ich find's toll. Denn auch, wenn ich überglücklich bin, ein Baby zu haben - selbst während der übelsten Kinderwunschzeit galt meine größte Sehnsucht immer schon mehr dem, was danach kommt. Auf zusammen Zelten, auf das Vorlesen, auf Höhlenbau auf dem Dachboden an verregneten Tagen, auf Geschichten erzählen, auf Geburtstage mit Kerzen auf dem Kuchen, die immer mehr werden, auf unseren ersten Urlaub am Meer und unseren ersten Urlaub auf dem Bauernhof. Und mit jedem Schritt, den ich nachts um drei im Schlafanzug mit Milchflecken auf dem Oberteil, die Brille windschief im todmüden Gesicht mit Würmchen auf dem Arm durch das dunkle Haus mache, mit jedem Mal, das ich mit ihm über einen schlafenden Hund steige, weil seine Augen immer noch weit und hellwach aufgerissen sind und er unbedingt noch einmal durchs Wohnzimmer getragen werden will, und mit jedem Millimeter, den meine Arme unter seinem Gewicht länger werden, kommen wir diesem Ziel näher. Ich freue mich über jede klitzekleine Neuigkeit, die ich bei ihm entdecken kann. Es ist nicht nur ein riesengroßes Wunder, dass er überhaupt bei uns ist. Sondern dass er jetzt tatsächlich unter der Obhut seiner erwiesenermaßen fusselhirnigen Mutter und seines manchmal genau so wirren Vaters wächst, sich entwickelt und die Aussichten gar nicht so schlecht zu sein scheinen, dass er groß wird und das alles wirklich und wahrhaftig passieren kann.

Mittwoch, 14. August 2013

Er will eben Gorgonzola UND Appenzeller.

Von vorgestern werde ich so schnell nicht wieder anfangen, da bin ich wie Opa, der nicht vom Krieg spricht. Von großen Teilen von gestern auch nicht. Gestern Abend war die Krise vorbei. Und jetzt ist alles wieder in Butter. Ich habe alle Kommentare gelesen und Bockshornkleekapseln bestellt und vorsorglich gleich mal eine Ladung Muttermilchbeutel dazu, um der sicher zu erwartenden Flut an frisch abgepumpter Milch Herr zu werden. (Die Medela-Sauger habe ich nicht bestellt, weil wir genau solche schon haben, wenn auch nicht von Medela, und er damit nicht gut trinken kann und auch sofort wütend wird, wenn ihm sowas bei Fläschchen unterkommt - aber komischerweise kriegt er es beim Stillen mit dem Vakuum immer noch 1a hin.)

Würmchen bekommt wieder regelmäßig und nicht erst im Notfall Fläschchen, und siehe da, er fühlt sich wieder zuhause bei uns. Ich verstehe es ja selbst nicht. Alles, was die Hebamme bisher zum Thema zu sagen hatte, klang einleuchtend und logisch und so, als hätte man da auch selbst drauf kommen können. Aber Tatsache ist auch, dass dieses kleine Wesen jetzt schon feste Vorstellungen davon hat, was es will und was nicht. Und was es will, ist nicht immer logisch. Zum Beispiel geht es einerseits nicht ohne Fläschchen nach dem Stillen, auch wenn die Milch fließt und er tüchtig davon trinkt. Trotzdem: wenn ich Fläschchen anbiete (und zwar, bevor er brüllt), dann trinkt er sie längst nicht aus. Oft genug will er sogar nur ein paar Schlucke und dann weitergestillt werden. Es hat den Anschein, dass er Muttermilch lieber mag. Trotzdem will er von ihr nichts wissen, wenn es nicht auch Fläschchen gibt. Vielleicht hat er das von mir: mir schmeckt es auch besser an einem vollen Tisch als vor einem genau abgezirkelten Portiönchen. Und ich mag es auch, wenn es mehr als eine Käsesorte gibt, auch wenn ich am Ende doch nur eine esse. Und weil im Moment seine Bedürfnisse so dermaßen überschaubar sind und wir die einzigen sind, die sie befriedigen können, sehe ich keinen Grund, es nicht so zu machen, wie er will.

Dienstag, 13. August 2013

Cold Turkey.

Eigentlich war doch alles gut. Bis wir es reparieren wollten.
Seit ich aus dem Krankenhaus zuhause bin, haben Würmchen und ich das mit dem Trinken so gehandhabt: wenn er Hunger hatte, habe ich ihn gestillt. Dann hat er hintendrauf noch eine Flasche PRE-Milch bekommen. Und dann war eigentlich alles gut. Mal hat er geschlafen, mal wollte er unterhalten werden, aber wir hatten es gut zusammen. Jetzt kommt die Hebamme ins Spiel. Sie möchte - eigentlich möchte ich das auch, aber sie möchte es mehr - dass wir es ohne Fläschchen schaffen. Zur Nacht soll er noch mal eins bekommen dürfen. Oder im Notfall auch mal tagsüber. Aber nur im Notfall. Gestern habe ich mir ihren Plan angehört und dazu genickt.
Theoretisch kann er sich bei mir satt trinken.
Nicken.
Es wäre doch schön, wenn wir ohne Fläschchen auskämen.
Nicken.
Und praktisch! So praktisch!
Nicken.
Durch die Fläschchen strengt er sich nicht genug an, beim Stillen satt zu werden.
Nicken.
Dabei gibt es niemanden, der so gut Milch saugen kann wie er! Nicht mal die tollste elektrische Pumpe! Wenn es also einer draufhat, auch noch den letzten Tropfen rauszuholen, dann er.
Nicken.
Nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage müsste sich dann das Angebot ganz schnell einpendeln!
Nicken.
Für eine kurze Zeit müsste ich ihn einfach öfter anlegen. Auch nachts. Und dann, simsalabim, ist plötzlich mehr als genug Milch da, und wir können das mit den Fläschchen ganz lassen!
Nicken.

Und mit dem letzten Nicken hat sich mein Leben in ein Klischee verwandelt, das Klischee der frisch gebackenen, völlig fertigen Zombie-Mama. Meine Ohren scheppern vom Gebrüll Tag und Nacht. Meine Haut ist nur noch den Bruchteil eines Milimeters dick. Von meinen Nerven will ich gar nicht sprechen. Und das Schlimme ist, wenn wir einmal eingestiegen sind in dieses Entzugsprogramm, dann dauert der Ausstieg Stunden. Irgendwann hat Würmchen einen Grad an Hunger, Frust und Zorn erreicht, der sich auch durch ein noch so liebevoll zubereitetes, volles, warmes, leckeres Fläschchen nicht mehr besänftigen lässt. Und auch, wenn es nicht möglich erscheint, sobald ich mein Oberteil ausziehe, wird das Gebrüll sogar noch lauter. "Da kommt die Alte schon wieder mit dem Ding!" Alles ist im Eimer. Ich bin kurz davor, die Stillerei insgesamt zu lassen, und dabei lief es doch eigentlich ganz gut! Davon abgesehen, dass Würmchen wirklich, wirklich schnell wächst und zunimmt, gab es keinen Anlass, irgendwas zu ändern. Bis auf die Vision: die Vision davon, ihn nachts so wie andere Mütter einfach rüberzuziehen und im Liegen zu stillen, ohne noch mal in die Küche und ein Fläschchen basteln zu müssen. Die Vision, ohne Milchpulver und warmes Wasser das Haus zu verlassen und unterwegs völlig frei zu sein von Wasserkochern und Mikrowellen. Diese Visionen sind immer noch verlockend, verblassen aber gerade neben der Vision von einem Leben, in dem wir nachts mehrere Stunden am Stück schlafen können und unser Baby offensichtlich mit der Welt zufrieden ist.

Zum Kuckuck, ich tue das doch nicht für die Hebamme, sondern für Würmchen und mich!
Fühlt sich aber gerade nicht so an.

Donnerstag kommt sie wieder. Ok, sie wird die Wahrheit verkraften können. Und müssen. Dieses Mutter-Sohn-Gespann wird es leider nicht auf die andere Seite schaffen. Ins Stillparadies, wo alles gut ist und Milch und noch mehr Milch fließen. Aber dafür muckeln wir uns auf unserer Seite auch ganz gemütlich zurecht.

Freitag, 9. August 2013

Einige erste Erkenntnisse seit der Geburt.

1. Egal, wie voll der Wäschekorb ist: niemals vor zwölf Uhr Mittags die große 60-Grad-Waschmaschine mit den Babysachen anwerfen. Wieso? Nicht fragen. Einfach machen.

2. Der bisher beste Einschlaftrick geht so: ich streiche mit dem Finger über Kalles Stirn und Nase, und wir sagen den Tieren gute Nacht. Gute Nacht, Igel. Gute Nacht, Eichhörnchen. Gute Nacht, Schnecke. Gute Nacht, Kamel. Gute Nacht, Seestern. Gute Nacht, Säbelzahntiger. Und mit jedem "Gute Nacht" gehen die Augen ein bisschen fester zu. Den Trick habe ich mir aus dem Bilderbuch "Gute Nacht, Gorilla" abgeguckt, das mir meine große Cousine und doppelte Jungsmama geschickt hat.

3. Es ist tatsächlich möglich (bisher jedenfalls), jeden Tag zu duschen. Ich muss es nur sofort tun, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Nicht erst noch schnell die Fläschchen spülen. Nicht erst noch eine Waschmaschine anwerfen. Nicht erst noch meine Mutter zurückrufen. Jetzt! Gleich! Nein, nicht gleich, sondern jetzt!

4. Lieber zwei Fläschchen mehr kaufen und dafür einmal weniger spülen müssen. Mein Maß dafür ist die Nacht: wenn ich es schaffe, die komplette Schicht von Nachthemd an bis Nachthemd aus zu überstehen, ohne einmal in der dunklen Küche abwaschen und anschließend alles in der Mikrowelle sterilisieren zu müssen, dann ist alles gut und die Nacht fühlt sich gleich viel weniger stressig an.

5. Das mit dem Dammschnitt, den man angeblich überhaupt nicht spürt (wegen Adrenalin/zu starker anderer Schmerzen/vor Glück/was weiß ich) war schon Blödsinn. Ich muss leider berichten, dass man das spürt, wenn einem jemand mit dem Skalpell ohne Vorwarnung ein mehrere Zentimeter langes Loch in den Po schneidet. Noch größerer Blödsinn ist, dass das alles nach einer Woche völlig vergessen und überstanden ist. Ich sitze hier, bis auf einen Tag drei Wochen nach der Geburt, und trage nicht nur eine zentimeterdicke Binde in der Unterhose, sondern dusche mich immer noch nach jedem Klogang mit klarem Wasser ab und sehe mich derzeit noch Wochen entfernt vom nächsten Schwimmbadbesuch oder anderen Aktivitäten, die meinen Unterleib mit einschließen. Wie soll das auch gehen? Mit jedem Schritt, jedem Aufstehen oder Hinsetzen, jedem Husten oder Niesen tut man etwas, was dieses Loch am Zuwachsen hindert. Es dauert, es tut weh, es brennt, es juckt. (Und ja, ich habe jetzt mehrere Experten einen Blick auf die Stelle werfen lassen, es ist nicht infiziert, das ist alles so, wie es soll.)

6. Babys hassen es, wenn man ihnen etwas Enges über den Kopf zieht. Einige extrem niedliche Kleidungsstücke aus dem geerbten Berg werden darum leider nicht so häufig ausgeführt wie andere. Das Beste, das Allerbeste, sind Teile, die man auffalten kann wie ein zum Grillen vorbereitetes Huhn und dann mit Druckknöpfen einmal um das Kind herumknöpft. (Kann man sich jetzt nicht so vorstellen? Ein bisschen wie Wickelkleider.)

7. Mit der ersten Größe sind wir jetzt durch. Nach drei Wochen! Vielleicht hatte ich mal für fünf Minuten den Kinderwunsch-Blues, weil ich dachte, jetzt habe ich so lange darauf gewartet, meinem Baby was Niedliches zum Anziehen zu kaufen, und jetzt haben wir so viel einfach so bekommen, dass das einfach nur noch bescheuert wäre, und schnief, nun ist es doch wieder anderes als vorgestellt... dieser Blues ist sowas von überwunden angesichts der vermiedenen Krise, neun zauberhafte und stinketeure Petit Bateau-Teilchen aussortieren zu müssen, weil der Kleine in zehn Minuten rein- und rausgewachsen wäre.

8. Egal, wie viel Mühe ich mir gebe: es gibt an jedem Tag (und vor allem in jeder Nacht) eine Phase von ungefähr einer Stunde, in der ich mich wie die planloseste, hektischste, unfähigste, fehlbesetzteste Mutter auf dem Planeten fühle. Habe ich eine Stunde gesagt? Macht drei draus.

9. Kaum einen anderen Moment sehne ich im Moment so herbei wie den, in dem er endlich lächeln kann und es auch so meint. Dann werde ich wissen, dass es ihm gut geht und er sich wohlfühlt.

10. Man kann gleichzeitig restlos überfordert und total unterfordert sein.

11. In jeder Drogerie sind Sauger für Fläschchen zu kaufen, die vollkommen unterschiedlich aussehen und trotzdem angeblich alle an die vom Stillen gewohnte Form angelehnt sind. Ich weiß ja nicht, wie andere Frauen so gebaut sind... die Nuckel, mit denen Kalle am besten klarkommt, sehen nicht so aus, als wären sie an irgend etwas natürlichen Ursprungs angelehnt. Bisher hat er trotzdem nicht verlernt, wie Stillen geht.

12. Überhaupt, das Stillen: "die natürlichste Sache der Welt". Genau. Es klappt ja inzwischen ganz gut (wenn auch mit Fläschchenhilfe), und ich mache auch weiter, und wir haben diese harmonischen, innigen Momente, jajaja, aber ist es nicht merkwürdig, dass man für die natürlichste Sache der Welt nach Meinung mancher Experten ca. 80 Regeln beachten muss? (Keine Kuhmilch trinken. Keine Fläschchen. Kein Schnuller. Kein Zeitplan. Keine Minze. Kein... ach, was weiß ich.)

13. Seit Kalle habe ich gelernt, zu schlafen. Nach vierzig Jahren, von denen ich bestimmt sechs mit dem Starren an diverse Zimmerdecken nachts zwischen zwei und halb sieben verbracht habe, berührt mein Kopf jetzt das Kopfkissen (nach Stillen, Wickeln, Füttern und in den Schlaf Schmeicheln), und ich bin weg. Tief und fest. Schlafen war insbesondere immer dann ein Problem, wenn ich schon beim Einschlafen wusste, dass ich nicht so lange schlafen können würde, wie ich wollte, sondern dass z.B. ein besonders früher Wecker klingelt. Dann ging gleich gar nichts! Jetzt weiß ich genau, in ca. vier Stunden wird mein Baby mich wachknöttern, und es ist egal. Ich schlafe. Es ist herrlich. Ehrlich gesagt schlafe ich jetzt fast mehr als vor dem Kind. Vor allem zwischen zwei und halb sieben.



Donnerstag, 8. August 2013

Ich, ich, ich.

Liebe Abkürzungsdamen, wenn man diesen Blog lang genug liest, könnte man manchmal glatt vergessen, dass dieses Kind nicht nur eine Mutter und eine Abkürzungsärztin mit sehr glücklichem Händchen hat, sondern auch einen Vater. Vor ein paar Tagen hat L. sich mein Handy ausgeliehen, um schnell etwas nachzulesen. Und als er den Browser öffnete, war da zufällig mein letzter Post - der Zwei-Wochen-Post - geöffnet, weil ich mir kurz vorher im Auto die Kommentare durchgelesen hatte. Normalerweise liest L. meinen Blog nicht, trotz mehrfacher Einladung. Bei dieser Gelegenheit hat er den Post gelesen, und was er gesehen hat, hat ihm nicht gefallen. Er findet, ich habe kein Recht, einfach so intime Details über unser Kind, das sich noch nicht wehren kann, ins Netz zu stellen. Er glaubt außerdem, dass Kalle eines Tages nicht besonders begeistert sein wird, wenn die Jungs aus seiner Klasse ihn googeln und dann auf schwer verliebte Posts von vor vierzehn Jahren stoßen, in denen seine hormonvernebelte Mutter von seiner rosigen Haut und seinen Schrumpelzehen schwärmt. Ich muss ehrlich sagen, darüber hatte ich keine Sekunde nachgedacht, als ich das geschrieben habe. Aber jetzt, wo ich es tue, muss ich sagen, ganz Unrecht hat er da vermutlich nicht, zumal in Hamburg bis dahin vermutlich nicht viele Kinder mit seinem Namen herumspringen. Und jetzt?

Jetzt werde ich trotzdem weiter schreiben. Aber ich werde in Zukunft wieder mehr über mich schreiben, darüber, was das Baby mit mir macht, wie mein Leben mit ihm ist und was sonst noch passiert und weniger über Kalle, seine körperliche Entwicklung und vor allem seine Schrumpelzehen. Ich werde mir bei allem, was ich schreibe, vorstellen, eine Horde Beavis- und-Butthead-artiger pickliger vierzehnjähriger Klassenärsche würden das hier lesen und Kalle in der nächsten großen Pause wieder auf die Pelle rücken. Vierzehnjährige Klassenärsche finden in allem etwas Lächerliches, Blödes und Beleidigendes. Aber sie sollen sich im Zweifel über mich lustig machen, nicht über Kalle. Wie das werden soll? Weiß ich auch noch nicht so genau. Aber ich tue mein Bestes.

Mittwoch, 7. August 2013

Was mir fehlt.

An meinen Bauch fassen, ein kleines Strampeln spüren und wissen, dass es ihm gut geht.

Überhaupt: an meinen Bauch fassen.

Schwangerschaftsdinge tun. Wie Schwangere eben. Wie Millionen von Schwangeren, für die das alles ganz normal und selbstverständlich ist. Also z.B.: Babykram aussuchen, mit dem Mutterpass in der Hand in eine Arztpraxis marschieren, beiläufig hinwerfen, in welcher Woche man gerade ist. ("Ich bin jetzt 26 plus 4.")

Rumhängen, mit Rechner und DVDs und Tee auf dem Nachttisch, und das "Schonen" nennen.

Jeden Morgen den Duft von Nuxe Öl in der Nase. Wie dieses Öl riecht! Ich muss einen Vorwand finden, es weiter zu benutzen.

Schwangerschaftsjeans.

Zu erleben, dass mein doofer Myom- und Endo-Bauch das tatsächlich auch kann: wachsen, mit einem Kind darin, das auch wächst. Nur an mir heruntergucken zu müssen und zu sehen, mit eigenen Augen, dass die olle Gurke tatsächlich etwas so Tolles ausbrüten kann.

Etwas zu tun, das nach allgemeinem Verständnis als extrem anstrengend gilt - nämlich schwanger sein - , und dafür keinen Finger rühren zu müssen. "Lass mal, bleib sitzen, das kann ich doch machen."

Schwangerschaftshaare.





Dienstag, 6. August 2013

Was mir gar nicht fehlt.

Schnürschuhe zubinden mit Bauch.

Noch weniger: Schnallenschuhe zuschnallen mit Bauch. (Ich spreche von euch, kniehohe Biker Boots.)

Das Brie-Schinken-Muscheln-Sushi-Salami-Feta-Oliven-Alkohol-Aioli-Lachs-Rohmilch-Embargo.

In einer etwas schludrigen Haltung plötzlich husten zu müssen und auf einmal höllische Schmerzen im Bauch zu haben.

Überallhin mit Klinikkoffer fahren.

Die "Und?"-Anrufe und -SMS.

Unaufgeforderte Ernährungsberatung von Wildfremden auf der Straße und im Supermarkt.

Meine völlig durchgenudelten zwei gestreiften H&M-Schwangerschaftsoberteile, bei denen diese elastischen Bänder an der Seite zum Einstellen der Weite (die eh kein Mensch braucht) schon bis zu den Füßen gehangen haben und die am Ende schon diese leicht andere Körnung im Stoff unter den Armen hatten.

Meine Schwangerschafts-Apps.

Die idiotischen Fragen in "What to expect". ("Bringt es Unglück, wenn ich von Babys träume?")

Fünf Treppenstufen hochgehen und einen Kreislaufkollaps erleiden.

Eisentabletten morgens um vier.

Schwangerschaftsyoga.

Leute, die der Meinung sind, ich dürfte jetzt aber XY nicht mehr tun, weil ich schwanger bin. ("WAS, du fährst AUTO?")

Der Wartebereich am Kreißsaal des UKE.

Die Tiefgarage des UKE.

Der wiederverwendbare, mit ollem Ultraschallgel getränkte Stoffgurt für das CTG, den ich wegen der Müllvermeidung ins UKE immer wieder mitbringen musste. (Hätte ich niemals aufgehoben, wenn ich damals schon gewusst hätte, dass wenig später auf der anderen Seite der Glastür zur Wochenstation täglich ca. 60 Liter ungetrennter Mischmüll pro Nase anfallen, um die sich kein Mensch schert...)

Die einzige zu sein, die in Kalles Ultraschallfotos irgendwie so gar nichts erkennen kann.

Das Saufnäschen und die Saufbäckchen in meinem Gesicht. Bei Menschen ohne Couperose macht Schwangerschaft "rosig" und "strahlend". Bei Menschen mit... ohje, ohje.

Nicht zu wissen, ob Kalle gesund ist.

Nicht zu wissen, ob Kalle niedlich ist.

Nicht zu wissen, ob Kalle von Anfang an mein Baby sein wird.

Zupfmassagen.

Sieben Klogänge pro Nacht.

Schwangerschaftstee.

Schmierblutungen.

Der Kartoffelsalatultraschall meiner alten Ärztin. Und die Kartoffelsalatkommentare, mit denen sie ihm erst noch die richtige Würze verliehen hat. "Oha." "WAS?" "Ach, nichts. ... Vermutlich."

Müde sein ab neun. Ins Bett müssen um halb elf. Dann trotzdem nicht schlafen und dabei genau wissen, dass das hier gerade die letzten Wochen mit einer Chance auf Nachtruhe sind.